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Rezensionen

Rezension: Robin, Jésabel & Zimmermann, Martina (Hrsg.) (2022): La didactique des langues dans la formation initiale des enseignant.e.s en Suisse. Quelles postures scientifiques face aux pratiques de terrain? Fremdsprachendidaktik in der Schweizer Lehrer*innenbildung. An welchen wissenschaftlichen Positionen orientiert sich die Praxis? Bruxelles u.a.: Peter Lang. ISBN: 978-2-8076-1934-0.

Abstract

Robin, Jésabel & Zimmermann, Martina (Hrsg.) (2022): La didactique des langues dans la formation initiale des enseignant.e.s en Suisse. Quelles postures scientifiques face aux pratiques de terrain? Fremdsprachendidaktik in der Schweizer Lehrer*innenbildung. An welchen wissenschaftlichen Positionen orientiert sich die Praxis? Bruxelles, Berlin, Bern, New York, Oxford, Warszawa, Wien: Peter Lang. ISBN: 978-2-8076-1934-0 . 248 Seiten. 40 € (Taschenbuch oder E-Book).

How to Cite: Rezension: Robin, Jésabel & Zimmermann, Martina (Hrsg.) (2022): La didactique des langues dans la formation initiale des enseignant.e.s en Suisse. Quelles postures scientifiques face aux pratiques de terrain? Fremdsprachendidaktik in der Schweizer Lehrer*innenbildung. An welchen wissenschaftlichen Positionen orientiert sich die Praxis? Bruxelles, Berlin, Bern, New York, Oxford, Warszawa, Wien: Peter Lang. Rezensiert von Irène Zingg.
Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht (2022) 27: 2, 379–383.
https://doi.org/10.48694/zif.3520

Die Umwandlung der ehemaligen Lehrerseminarien in Pädagogische Hochschulen prägt die Konzeption der Fremdsprachendidaktik in der Schweiz. Parallel zu dieser Tertiarisierung verläuft eine Debatte über die Konstituierung der Fremdsprachendidaktik als wissenschaftliche Disziplin in einem von Interdisziplinarität geprägten Feld. Die Aushandlung von wissenschaftlichen Positionen im Bereich der Fremdsprachendidaktik wie auch die Ausgestaltung der neuen Aufgabenbereiche eines vierfachen Leistungsauftrages (Lehre, Forschung, Weiterbildung und Dienstleistung) verläuft an den Institutionen, die in der Schweiz Lehrpersonen ausbilden, je unterschiedlich. Am Ausgangspunkt des von den beiden Fachdidaktikerinnen Jésabel Robin und Martina Zimmermann initiierten Sammelbandes stehen die folgenden Fragen: Wie werden didaktische Legitimitäten innerhalb der Bildungsinstitutionen, der Wissenschaftlichkeit und der Dynamik der Disziplinwerdung, der Entwicklung und Eigenständigkeit der Fachdidaktiken ausgehandelt und wie verbinden sich Sprachdidaktik und weitere Disziplinen? Die aus der Praxis und der Forschung kommenden Autorinnen und Autoren beziehen sich auf unterschiedliche institutionelle Kontexte und vertreten alle vier Sprachregionen der Schweiz. Dabei lässt sich entlang der Sprachgrenzen zuweilen ein differentes, disziplinäres Verständnis der Fremdsprachendidaktik erahnen, was auf die unterschiedlichen theoretischen Verankerungen und die divergente Epistemologie der Nachbarländer verweist. Der Band bündelt neun thematische Beiträge, die in drei Kapitel eingereiht sind und von einer zweisprachig verfassten Einleitung der beiden Herausgeberinnen sowie einem Schlusspunkt von Christiane Fäcke gerahmt sind.

Spuren der Kompetenzorientierung prägen den ersten Teil, Les traces de l’approche par compétences, mit je einem deutschsprachigen Beitrag aus der Pädagogischen Fachhochschule Nordwestschweiz und der Pädagogischen Hochschule Bern. Ein interdisziplinär zusammengesetztes Team, bestehend aus Mirjam Egli Cuenat, Gwendoline Lovey und Magalie Desgrippes, gibt Einblicke in die Entstehungsgeschichte der neu installierten Professur Französischdidaktik und skizziert das Spannungsfeld zwischen Disziplin und Interdisziplinarität. Als Lehrende, die zugleich Forscherinnen sind, illustrieren die drei Autorinnen anhand ihrer Entwicklungsprojekte die unterschiedlichen Bezugswissenschaften. Brigitte Reber zeigt anhand des in der Englischdidaktik etablierten Sprachlernansatzes Task-based Learning Teaching (TBLT), wie dieser im Kontext der Volksschule konkret umgesetzt werden kann. Anhand dialogischer Sprechaufgaben entlang des Modells von Willi wird die lernförderliche Rolle durch den Einbezug weiterer Sprachen im Englischunterricht aufgezeigt.

Im zweiten Teil des Sammelbandes, der den Titel Les enjeux du plurilinguisme trägt, sind drei deutschsprachige Artikel gebündelt; verfasst wurden sie von drei Teams aus drei weiteren Ausbildungsstätten für Lehrpersonen. Giuseppe Manno, Carine Greminger Schibli und Jan-Olivier Eberhardt erläutern die zur Diskussion stehenden bezugswissenschaftlichen Konzepte des fachdidaktischen Studienbereichs der Sekundarstufe 1, also der Ausbildungsgrundlage angehender Französischlehrpersonen von 14–16‐jährigen Jugendlichen. Anhand von zwei im Deutschschweizer Lehrplan 21 verankerten Konzepten – der Aufgabenorientierung sowie der Mehrsprachigkeitsdidaktik und Mehrkulturalität – wird exemplarisch aufgezeigt, wie das Team zukünftig seine fachdidaktischen Inhalte stärker mit den Bezugsdisziplinen und dem berufspraktischen Studienbereich verknüpfen und koordinieren möchte. Das Team von der Pädagogischen Hochschule Graubünden, zu dem Rico Cathomas, Vincenzo Todisco, Dominique Caglia, Maria Chiara Moskopf-Janner und Susanne Oberholzer gehören, ist im Bereich der Integrierten Mehrsprachigkeitsdidaktik (IMD) tätig. Die Grundlagen für ihr Arbeitsmodell sind allgemeindidaktische Prinzipien und vier Gestaltungsfelder (individuumsbezogen, sprachlich, methodisch und curricular), die wiederum als Basis für Forschungs- und Entwicklungsarbeiten an der Pädagogischen Hochschule Graubünden dienen. Die Reflexionen von Kathrin Jonas Lambert und Antje Barabasch rücken den bilingualen Unterricht, auch als content and language integrated learning (CLIL) bekannt, ins Zentrum. Anhand einer konkreten Aufgabenstellung aus dem Berufskundeunterricht am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung wird aufgezeigt, wie handlungsorientiert das inhaltliche und sprachliche Lernen sein kann. Die Autorinnen machen deutlich, „dass fremdsprachliche Kommunikation Spass macht und Hemmungen abbaut“ (S. 138).

Der dritte Teil, Du rejet des modèles aux pratiques réflexives, besteht aus vier Einzelbeiträgen. Ausgehend von Erzählungen aus FLE-Immersionskursen mit universitären Mobilitätsstudierenden, nutzt Alessandra Keller-Gerber dieses Geschichtenmaterial für das Reflektieren mit angehenden Didaktikerinnen und Didaktikern. Damit markiert die Lektorin des Sprachenzentrums der Universität Freiburg die Wichtigkeit reflektierender Praktiken sowohl als Lehr- als auch als Forschungsmethode. Der englische Beitrag von Laura Loder Buechel zeigt praxisorientiert, wie klare Anti-Bias-Perspektiven auch in den Englischunterricht integriert werden können. Die Standards von Teaching Tolerance Social Justice (TTSJ) sollen Lehrpersonen aller Stufen befähigen, bestehende Lehrmaterialien kritisch zu betrachten. Dabei verweist die Dozentin der Pädagogischen Hochschule Zürich auf Dissonanzen betreffend Kategorien wie Gender und Mehrsprachigkeit zwischen Lehrpersonen und Lernenden. Critical Incidents stehen im Zentrum von Nikola Mayers Einblick ins Lehramtsstudium der Sekundarstufe l, das in der Schweiz an Pädagogischen Hochschulen absolviert wird und von einer grossen Praxisnähe geprägt ist. Diese in einem siebenwöchigen Praktikum gesammelten, nicht geplanten Unterrichtssituationen geben angehenden Fremdsprachenlehrpersonen Anlass zur Reflexion. Anhand zweier Beispiele solcher Critical Incidents aus dem Englischunterricht zeigt sich, dass ein reflexiv angelegtes, erfahrungsbasiertes Lernen eine gangbare Brücke ist, um das Theorie-Praxis-Dilemma aufzubrechen. Die Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Zürich bringt es wie folgt treffend auf den Punkt: „Durchbrochen werden kann ein Habitus immer dann, wenn sich Begrenzungen auftun und als Anlass für Veränderungen wahrgenommen werden“ (S. 194). Diesen dritten Buchteil „Von der Modellablehnung zu reflexiven Praktiken“ schliesst Susanne Wokusch von der Haute école pédagogique du canton de Vaud ab und fragt sich, was gelehrt wird, wenn eine fremde Sprache und Kultur unterrichtet wird. Der Versuch, einen komplexen Unterrichtsgegenstand zu verstehen – etwa die soziokulturelle Verankerung des Sprachverhaltens, den inkorporierten Charakter einer Sprache, die Bedeutung der affektiven Komponente – und zu begreifen, dass die Lernenden als sozial handelnde Akteure beachtet werden müssen. Diese Handlungsperspektive in der Fremdsprachendidaktik appelliert im Bereich des Lerngegenstandes „Sprache-Kultur“ an das Transdisziplinäre.

Im abschliessenden Kapitel, das mit Contre-Point betitelt ist, hebt Christiane Fäcke hervor, dass die Sprachenfreiheit trotz der föderalistischen Konzepte und der starken Dezentralisierung der 26 teilautonomen Kantone ein wichtiger Grundsatz ist, der dazu beiträgt, den Sprachenfrieden zu sichern. Der Aussenblick der Professorin der Universität Augsburg suggeriert, dass das Sprachenkonzept der Schweiz (EDK 1998) und dessen Konkretisierung (EDK 2004), wonach jedes Schulkind ab den ersten Klassen der Primarschule nebst der Lokalsprache eine weitere Landessprache und Englisch lernt, für andere Länder als Vorbild dienen könnte.

Der Sammelband gibt einen guten Einblick in die verschiedenen Konzeptionen der Fremdsprachendidaktiken von Institutionen, die in der Schweiz Lehrpersonen ausbilden. Dass sich die wissenschaftlichen Positionierungen und die Fachdidaktiken an den neuen Hochschulen noch konsolidieren müssen, zeigen die Spannungsfelder zwischen Praxis und Theorie in den Fragen der Disziplinwerdung. Auffallend ist – und das könnte als Kritik eingeworfen werden –, dass Ansätze der Mehrsprachigkeitsdidaktik, insbesondere jene der migrationsspezifischen Mehrsprachigkeit, untervertreten sind, was quasi ihre marginale Präsenz in der Lehrpersonenbildung widerspiegelt. Gerade weil hier empirische Evidenzforschung fehlt (Barras/Peyer/Lüthi 2019: 379–382), müsste die Integration der Migrationssprachen konsequenter mitgedacht werden. So findet sich im Teil „Herausforderungen der Mehrsprachigkeit“ kein einziger Beitrag, der sich ausschliesslich der Fachdidaktik der Erst- und Familiensprachen (Herkunftssprachen) widmet, die in der Schweiz als Unterricht in Heimatlicher Sprache und Kultur (HSK) bekannt ist. Es bleibt zu wünschen, dass die kommenden Debatten Visionen einer integrierten (Erst‐)Sprachförderung mitdenken (Mehlhorn 2017) und sich innovativer Konzepte wie dem Translanguaging bedienen, um die lernseitig vorhandenen Mehrsprachenerfahrungen noch konsequenter zu berücksichtigen. In einem überaus viel- und nicht mehr nur viersprachigen Land, wie die Schweiz eines ist, ist dies besonders wichtig.

Martina Zimmermann und Jésabel Robin leisten mit ihrem anregenden Sammelband, geeignet für Lehrende, Forschende und Studierende, einen aktuellen Einblick in die Debatten rund um die Neupositionierung der Fremdsprachendidaktik als Disziplin in der Schweiz. Dabei haben sie damit begonnen, nächste wichtige Impulse für eine Weiterentwicklung der Fremdsprachendidaktiken zu geben, z.B. mit einem Symposium im Rahmen der Fachdidaktiktagung in Locarno vom Frühjahr 2022. All jenen, die nicht auf die nächste Veranstaltung oder ein angedachtes Publikationsorgan warten möchten, sei der nachfolgende Link zu einem zwanzigminütigen Podcast empfohlen. Es handelt sich um ein im Juni 2022 auf Deutsch und Französisch geführtes Interview, welches das Fachdidaktikzentrum Fremdsprachen (CeDiLE) in Freiburg mit den beiden Herausgeberinnen geführt hat: https://cedile.ch/de/wissenschaftliche-positionen-im-bereich-der-fremdsprachendidaktik-in-der-schweizer-lehrerinnenbildung-podcast/.

Literatur

Barras, Malgorzata; Peyer, Elisabeth & Lüthi, Gabriela (2019): Mehrsprachigkeitsdidaktik im schulischen Fremdsprachunterricht: Die Sicht der Lehrpersonen. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 24: 2, 377–403.

Mehlhorn, Grit (2017): Inklusion von Herkunftssprachenlernenden in den Fremdsprachenunterricht Russisch. In: Burwitz-Melzer, Eva; Königs, Frank G; Riemer, Claudia & Schmelter, Lars (Hrsg.): Inklusion, Diversität und das Lehren und Lernen fremder Sprachen: Arbeitspapiere der 37. Frühjahrskonferenz zur Erforschung des Fremdsprachenunterrichts. Tübingen: Narr Francke, 210–221.

Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) (2004): Sprachenunterricht in der obligatorischen Schule: Strategie der EDK und Arbeitsplan für die gesamtschweizerische Koordination vom 25. März 2004. Bern.

Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) (1998): Sprachenkonzept Schweiz. Welche Sprachen sollen Schülerinnen und Schüler während der obligatorischen Schulzeit lernen? Bericht einer von der Kommission für allgemeine Bildung eingesetzten Expertengruppe „Gesamtsprachenkonzept“. Bern.

Irène Zingg, Pädagogische Hochschule Bern, Schweiz,

irene.zingg@phbern.ch

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  • Irène Zingg (Pädagogische Hochschule Bern)

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