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Rezensionen

Rezension: Caspari, Daniela; Kippel, Friederike; Legutke, Michael K. & Schramm, Karen (Hrsg.) (2022): Forschungsmethoden in der Fremdsprachendidaktik. Ein Handbuch. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen. ISBN: 978-3-8233-8432-8. 49,99 €.

How to Cite: Rezension: Caspari, Daniela; Kippel, Friederike; Legutke, Michael K. & Schramm, Karen (Hrsg.) (2022): Forschungsmethoden in der Fremdsprachendidaktik. Ein Handbuch. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen. Rezensiert von Silvia Introna.
Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht (2022) 27: 2, 367–371.
https://doi.org/10.48694/zif.3503

Die 2. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage des Handbuchs „Forschungsmethoden in der Fremdsprachendidaktik“ entstand mit der Absicht, den Stand forschungsmethodologischer Erkenntnisse in der Fremdsprachendidaktik durch die Entwicklungen der letzten Jahre zu aktualisieren. Der Band erweist sich als solides Werk, in dem ausgewiesene Expert*innen auf knapp fünfhundert Seiten die Forschungsmethodologie einer Wissenschaft vorstellen. Das Buch bietet einen vertieften Überblick über die Forschungstraditionen, über das Repertoire an gängigen Forschungsansätzen und -methoden sowie über Entscheidungen auf Makro- und Mikroebene im gesamten Forschungsprozess, die die Fremdsprachendidaktik – als Sammelbegriff für Sprachlehr- und Sprachlernforschung, unterrichtsbezogene Zweitsprachenerwerbsforschung, Fremdsprachenforschung und Zweitsprachendidaktik (vgl. 1) – kennzeichnen. Fokussiert wird die deutschsprachige Fremdsprachendidaktik, die jedoch vor dem Hintergrund internationaler Entwicklungen betrachtet wird. Somit ergänzt der Band die noch geringe Anzahl an forschungsmethodischen Handbüchern für die fremdsprachendidaktische Forschung im deutschsprachigen Raum.

Das Handbuch ermöglicht einen praktischen Zugang zum aktuellen Stand der fremdsprachendidaktischen Forschungsmethodologie. Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang zwei Besonderheiten des Bandes: der Bezug auf ausgewählte Referenzarbeiten und die Visualisierung von Forschungsverfahren anhand von Grafiken. Mit Referenzarbeiten sind fünfzehn Dissertationen gemeint – drei mehr als in der ersten Auflage –, die von den Herausgeber*innen als good practice Beispiele selektiert wurden und zur Verdeutlichung der Umsetzung der thematisierten Forschungsentscheidungen in konkreten empirischen Studien dienen. Die Grafiken in den zentralen Kapiteln des Buchs fassen die Hauptschritte innerhalb der behandelten Forschungsverfahren bildlich zusammen und bieten somit einen leichteren visuellen Zugang dazu. Auch diese wurden in der neuen Auflage erweitert und teilweise überarbeitet. Wenngleich die Referenzarbeiten und Grafiken die Verarbeitung der Inhalte des Bandes erleichtern, wird ihre Anwendung durch die Leser*innen nicht unterstützt. Anwendungsorientierte Aufgaben zu den einzelnen Themen und entsprechende Lösungsvorschläge, die in anderen forschungsmethodischen Handbüchern zu finden sind (vgl. Albert/Marx 2017; Mackey/Gass 2022; Settinieri/Demirkaya/Feldmeier/Gültekin-Karakoç/Riemer 2014), hätten dazu beigetragen, über die reine Wissensvermittlung hinauszugehen.

Das Handbuch gliedert sich in acht Kapitel. Nach dem einführenden Kapitel 1, das zur Orientierung im Buch dient, ist Kapitel 2 den Grundfragen fremdsprachendidaktischer Forschung gewidmet, die besonders für Forschungsnoviz*innen von Interesse sein können. Einer kurzen Einführung in die Grundbegriffe wissenschaftlicher Forschung folgt hier die Diskussion der Hauptmerkmale, der zentralen Forschungsfelder sowie der Gütekriterien der Fremdsprachendidaktik. Zahlreiche Auflistungen und klare Beispiele ermöglichen dabei einen leichten Einstieg in die fremdsprachendidaktische Forschung.

Wie sich dieser Forschungsbereich entwickelt hat, steht im Mittelpunkt vom Kapitel 3. Hier überzeugt die Entscheidung der Autor*innen, die Entfaltung fremdsprachendidaktischer Forschung hinsichtlich dreier Aspekte zu strukturieren, die als Fragen formuliert werden: Wer forscht? Was wird erforscht? Wie wird geforscht? In drei Unterkapiteln werden neben der dominanten empirischen Forschungstradition auch die historische und die theoretische Forschung betrachtet, die selten im Rahmen von forschungsmethodologischen Überblicksdarstellungen vorkommen. U.a. wird hier die Frage nach der Rolle von Empirie im Rahmen der theoretischen Forschung erörtert, deren Antwort sicherlich keine Selbstverständlichkeit für Forschungsnoviz*innen darstellt.

Der umfangreichere Kapitel 4 setzt sich mit Entscheidungen auf der Makroebene des Forschungsprozesses auseinander, z.B. zu kohärentem Zusammenhang von Forschungsfragen, Erhebungskontext und Datentyp(en). Gegliedert ist das Kapitel in sechs Abschnitte, die jeweils einen Einblick geben:

  • in die Rolle von Texten, Daten und Dokumenten als Forschungsgrundlage, ein „als allgemein bekannt vorausgesetzt[er]“ Aspekt der Forschung, der selten geklärt wird (vgl. 63);

  • in besondere Forschungsansätze, wie Fallstudien, das Forschungsprogramm Subjektive Theorien, Aktionsforschung und Educational Design Research. Letzterer wurde in der 2. Auflage des Handbuchs hinzugefügt, was die steigende Relevanz dieses Forschungsansatzes im Rahmen der Fremdsprachendidaktik verdeutlicht. Kritisch anzumerken ist allerdings die hier verwendete Bezeichnung „prototypische Forschungsdesigns“. Der prototypische Charakter der Forschungsansätze wird dadurch erklärt, dass diese „wesentliche Ziele pädagogischen bzw. fachdidaktischen Forschens verfolgen und beispielhalft in einem Forschungsdesign umsetzen“ (vgl. 70). Mehr als ein beispielhaftes Forschungsdesign bieten jedoch besondere Forschungsansätze wie Educational Design Research innovative Forschungsverfahren, die das Potential sowohl vom qualitativen als auch vom quantitativen Forschungsparadigma ausnutzen, Anteile verschiedener Forschungsansätze vereinen und auf eine neue Weise zur Theorieentwicklung beitragen (vgl. u.a. Bakker 2019: 7). Somit erscheint die Bezeichnung „prototypische Forschungsdesigns“ allzu simpel;

  • in verschiedene Sampling-Strategien innerhalb der quantitativen und qualitativen Forschung;

  • in die Möglichkeiten der Daten-, Methoden-, Forscher*innen- und Theorientriangulation;

  • in Meta-Analyse und Replikationsstudien sowie

  • in die Diskussion um Forschungsethik.

Kernkapitel des Bandes stellt Kapitel 5 dar, in dem den Leser*innen eine große Palette von Forschungsverfahren zur Erhebung und -analyse von Texten, Dokumenten und Daten zur Verfügung steht. Mit der Thematisierung von Dokumentensammlung und Textzusammenstellung neben den klassischen Datenerhebungsmethoden (Beobachtung, Befragung, Introspektion, Erheben und Erfassen von Lernersprache, Erfassen von unterrichtsbezogenen Produkten und Testen) wird hier weiter auf die historische und theoretische Forschungstradition neben der empirischen Bezug genommen. Die acht Unterkapitel zur Gewinnung von Texten, Daten und Dokumenten geben einen Überblick über die aktuellen Erkenntnisse zu den gängigen Forschungsmethoden im Rahmen der Fremdsprachendidaktik. Während die schon erwähnten Grafiken jeweils die Kernpunkte der Forschungsmethoden abbilden und somit einen vereinfachten Zugang dazu ermöglichen, dienen die angegebenen vertiefenden Lektüren einer tieferen Auseinandersetzung mit den einzelnen Methoden.

Der Aufbereitung von Dokumenten, Texten und Daten ist kein eigenständiges Teilkapitel gewidmet, sondern sie taucht als Schritt im Vorfeld der Analyse in den einzelnen Unterkapiteln zu den Analysemethoden auf. Obwohl hierdurch eine methodenspezifische Betrachtung des Themas ermöglicht wird, kommt die Diskussion über einen so wichtigen Schritt des Forschungsprozesses in einigen Unterkapiteln zu kurz, was gerade für Forschungsnoviz*innen verwirrend sein kann.

Zur Analyse von Dokumenten, Texten und Daten werden folgende Möglichkeiten diskutiert: Analyse historischer Quellen, hermeneutische Verfahren, Grounded Theory, dokumentarische Methode, Inhaltsanalyse, Typenbildung, diskursanalytische Auswertungsmethoden, Analyse von Lernersprache, Korpusanalyse, statistische Verfahren, Deskriptiv- und Inferenzstatistik, Test- und Fragebogenstatistik und exploratorische und konfirmatorische Faktorenanalysen. Positiv hervorzuheben ist, dass die zahlreichen Unterkapitel nicht für sich allein stehen. Indem die Expert*innen einer jeweiligen Methode auf die anderen vergleichend verweisen, entsteht ein Gesamtblick auf das fremdsprachendidaktische Forschungsinstrumentarium.

Mit Kapitel 6 richtet sich das Handbuch direkt an seine Adressat*innen und bietet ihnen Anregungen zur Reflexion und Entscheidungshilfen. Die Struktur des Kapitels orientiert sich an den Phasen eines beliebigen Forschungsprojektes: Themenfindung und Formulierung der Forschungsfrage(n), Literaturarbeit und Darstellung des Forschungsstandes, Festlegung des Studiendesigns und Projektplanung, Vorstellung und Diskussion der Ergebnisse. Die Präsentation des eigenen Forschungsprojektes sowie die Betreuung von Forschungsarbeiten, die auch unverzichtbare Bestandteile des wissenschaftlichen Qualifikationsprozesses darstellen, kommen anschließend in den Vordergrund.

Kapitel 7 ist den Referenzarbeiten gewidmet. Jeweils auf vier bis fünf Seiten präsentieren dabei die Autor*innen der fünfzehn Dissertationen Thema und Forschungsfragen ihrer Studie, Datenerhebung, -aufbereitung und -auswertung sowie ausgewählte Forschungsergebnisse. Die zahlreichen Verweise auf die Referenzarbeiten, die in jedem Kapitel des Bandes enthalten sind, werden hierdurch besser nachvollziehbar.

Das Handbuch schließt mit einer Erörterung der verschiedenen Kontexte, die auf die fremdsprachendidaktische Forschung wirken und diese auf unterschiedliche Art und Weise prägen. Die Einführung des Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen sei hier als Beispiel für den Einfluss der Sprachenpolitik auf die Fremdsprachendidaktik erwähnt. Mehr als ein jeglicher Ausblick über die Weiterentwicklung fremdsprachendidaktischer Forschung lädt dieses abschließende Kapitel die Leser*innen dazu ein, in größeren Zusammenhängen zu denken und die Inhalte des Bandes aus einer dynamischen Perspektive zu betrachten.

Der Band richtet sich an verschiedene Leser*innengruppen: von Forschungsnoviz*innen, die im Buch eine erhebliche Hilfestellung finden, woran sie die eigene empirische Arbeit orientieren können, über erfahrene Forscher*innen, für die einzelne spezifische Informationen nützlich sein können, bis hin zu Betreuer*innen von wissenschaftlichen Qualifikationsarbeiten, die von den Ideen und Empfehlungen der Autor*innen profitieren können. Insbesondere werden Verfasser*innen und Betreuer*innen von Dissertationen adressiert, was die Auswahl der Referenzarbeiten erklärt.

Literatur

Albert, Ruth & Marx, Nicole (2017): Empirisches Arbeiten in Linguistik und Sprachlehrforschung. 1. Aufl. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag.

Bakker, Arthur (2019): Design Research in Education. A Practical Guide for Early Career Researchers. London, New York: Routledge.

Mackey, Alison & Gass, Susan M. (2022): Second Language Research. Methodology and Design. 3. ed. London, New York: Routledge.

Settinieri, Julia; Demirkaya, Sevilen; Feldmeier, Alexis; Gültekin-Karakoç, Nazan & Riemer, Claudia (Hrsg.) (2014): Empirische Forschungsmethoden für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Paderborn: Schöningh.

Dr. Silvia Introna, Universität Bielefeld

silvia.introna@uni-bielefeld.de

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  • Silvia Introna (Universität Bielefeld)

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