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Rezensionen

Helbert, Stefanie Magdalene (2025): Native Speakerism unter Lehrkräften. Eine explorative Mixed-Methods-Studie im Bereich Deutsch als Zweitsprache. Münster: Waxmann. (Sprachliche Bildung - Studien, 17). ISBN: 978-3-8188-0001-7. 236 Seiten, 34,90 €.

How to Cite:

Rezension: Helbert, Stefanie Magdalene (2025): Native Speakerism unter Lehrkräften. Eine explorative Mixed-Methods-Studie im Bereich Deutsch als Zweitsprache. Münster: Waxmann. Rezensiert von Alexandra Treder. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 31: 2, 351–355. https://doi.org/10.48694/zif.6203

Sprache ist in pädagogischen Kontexten als Medium der Kommunikation und Gegenstand von Bildungsprozessen in gesellschaftliche Macht-, Normalitäts- und Zugehörigkeitsordnungen eingebunden. Welche Sprache(n) und Sprechweisen dabei als legitim gelten und welchen Sprecher*innen Kompetenz, Authentizität oder Autorität zugesprochen wird, ist Ergebnis gesellschaftlicher Zuschreibungs- und Bewertungsprozesse (vgl. Dirim 2010; Dirim/Mecheril 2010). Migrationspädagogische, linguizismuskritische und sprachideologische Arbeiten zeigen entsprechend, wie Sprache als Differenz- und Zugehörigkeitskategorie wirksam wird und sprachbezogene Normalitätsvorstellungen, Hierarchisierungen und Diskriminierungen Lernende und Lehrkräfte positionieren (vgl. Dağ/Knappik 2024; Dirim/Mecheril 2018; Lange/Alhallak/Plohmer 2024; Pokitsch 2022). Native Speakerism lässt sich in diesem Zusammenhang als spezifische Sprachideologie verstehen, die die Kategorien native speaker und non-native speaker mit unterschiedlichen Zuschreibungen verbindet. Während dieser Diskurs in der anglophonen ELT-/TESOL-Forschung etabliert ist (vgl. Holliday 2006; Phillipson 1992), ist er im Bereich DaF/DaZ weniger breit ausgebaut. Neuere Arbeiten befassen sich hier insbesondere mit der Konstruktion von Muttersprachlichkeit sowie sprachideologischen Positionierungen und deren Bedeutung für die professionelle Identität von Lehrkräften (vgl. Khakpour 2025; Polizio/Pokitsch 2025). Für DaF/DaZ liegt damit ein wachsender, gegenüber dem anglophonen Diskurs jedoch weiterhin überschaubarer Forschungsstand vor. An dieser Schnittstelle ist Stefanie Helberts Native Speakerism unter Lehrkräften (2025) zu verorten. Mit ihrer explorativen Mixed-Methods-Studie, die an das COLD-Projekt1 angebunden ist, richtet Helbert den Blick gezielt auf DaZ-Lehrkräfte in Deutschland und untersucht, wie Erst- und Zweitsprachigkeit kategorisiert und bewertet werden, welche Eigenschaften damit verbunden werden und welche Erfahrungen sprachbezogener Diskriminierung Lehrkräfte machen.

Die empirische Grundlage der in Helberts Monografie vorgestellten Studie bilden Fragebogendaten von 400 DaZ-Lehrkräften sowie 70 Interviews, die zwischen 2020 und 2022 erhoben wurden. Befragt wurden Lehrkräfte aus schulischen Vorbereitungsklassen sowie aus Integrationskursen der Erwachsenenbildung. Methodologisch folgt die Studie einem subjektivistischen bzw. explorativ-interpretativen Forschungsparadigma. Dem gewählten Forschungsverständnis entsprechend soll dabei „von den kultur- und sprachspezifischen Kategorien der Forschungspartner*innen ausgegangen und auf ein Auflegen äußerer Kategorien verzichtet werden“ (S. 14).

Die Monografie ist in einen theoretisch-methodischen Rahmen sowie die Präsentation und Diskussion der empirischen Ergebnisse gegliedert. In der Einleitung (Kap. 1) wird die übergreifende Forschungsfrage entwickelt, wie sich Native Speakerism bei DaZ-Lehrkräften in Schule und Erwachsenenbildung äußert. Konkretisiert wird sie durch Fragen nach der Kategorisierung und Relevanz von Erst- bzw. Zweitsprachigkeit, den Überzeugungen der Befragten hierzu und ihrer Einschätzung damit verbundener Diskriminierung.

Der theoretische Rahmen (Kap. 2) führt in Sprachideologien, insbesondere Native Speakerism sowie dessen Verschränkungen mit Rassismus und Linguizismus ein. Zudem behandelt Helbert Kategorisierungen von Spracherwerbskontexten und Mehrsprachigkeit und diskutiert den Begriff Muttersprache kritisch. Den Abschluss bildet die Reifizierungsproblematik sprachlicher Kategorien und damit das Dilemma, dass Native Speakerism kaum ohne Bezug auf jene Kategorien untersucht werden kann, deren Konstruktionscharakter zugleich problematisiert wird.

Im Forschungsüberblick (Kap. 3) skizziert Helbert zunächst Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen von DaZ-Lehrkräften in Schule und Erwachsenenbildung. Anschließend arbeitet sie den Forschungsstand zu Native Speakerism in der Englischlehre und im deutlich weniger ausgebauten DaF-/DaZ-Bereich auf. Obwohl die binäre Unterscheidung von native und non-native speaker linguistisch kaum haltbar und nicht unmittelbar übertragbar ist, bleibt zugeschriebene Sprachigkeit, so Helbert, als soziale Differenzkategorie wirksam. Hieraus leitet sie das Forschungsdesiderat ihrer Studie ab.

Im Methodenkapitel (Kap. 4) erläutert Helbert im Detail die Einbettung in das COLD-Projekt, Forschungsfeld und Feldzugang sowie das Mixed-Methods-Design. Die quantitativen Items zu Native Speakerism wurden in den Fragebogen des COLD-Projekts integriert. Ergänzend wurden leitfadengestützte Interviews durchgeführt. Neben deskriptiven Auswertungen kommen nonparametrische Gruppenvergleiche und Zusammenhangsanalysen zum Einsatz, während Freitextantworten und Interviewdaten qualitativ mit MAXQDA im Rahmen einer inhaltlich-strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse mit evaluativen Anteilen ausgewertet werden.

Im ersten Teil der Ergebnisdarstellung (Kap. 5) werden die Fragebogendaten ausgewertet. Nach der Beschreibung der Stichprobe untersucht Helbert Überzeugungen zur Sprachigkeit von DaZ-Lehrkräften, wahrgenommene Vorteile der eigenen Erst- bzw. Zweitsprachigkeit, die Einschätzung der eigenen sprachlichen Befähigung zur DaZ-Lehre sowie Native Speakerism aus angenommener Lernenden- und persönlicher Perspektive. Zweitsprachige Lehrkräfte nehmen den eigenen Spracherwerb häufiger als didaktischen Vorteil wahr. Native Speakerism wird eher bei Erwachsenen als bei Kindern und Jugendlichen vermutet. Die Freitextantworten zeigen zudem unterschiedliche Zuschreibungen: Erstsprachigkeit wird insbesondere mit Zielsprachkompetenz, Authentizität sowie Landes- und Kulturwissen, Zweitsprachigkeit stärker mit eigener Lernerfahrung und Identifikation mit Lernenden verbunden.

Im zweiten Teil (Kap. 6) werden die 70 leitfadengestützten Interviews ausgewertet. Sie vertiefen die im Fragebogen und den Freitextantworten angesprochenen Aspekte und untersuchen Kategorisierungen nach Sprachigkeit, den eigenen Spracherwerb sowie Zuschreibungen zu DaZ-Lehrkräften mit Deutsch als Erst- bzw. Zweitsprache. Die binären Kategorien werden weitgehend fortgeführt, die Zuschreibungen jedoch differenziert und teilweise neu verhandelt. Abschließend analysiert Helbert Wahrnehmungen und Einstellungen zu Native Speakerism sowie Diskriminierungserfahrungen. Dabei zeigen sich bei vielen Lehrkräften ein zumindest partielles Bewusstsein und zugleich ambivalente Positionierungen.

In der Diskussion (Kap. 7) bündelt Helbert drei zentrale Befunde: Native Speakerism äußert sich im Denken in binären Kategorien von Erst- und Zweitsprachigkeit, in der Kulturalisierung, Nationalisierung und Rassifizierung von Sprache sowie in Diskriminierungserfahrungen aufgrund zugeschriebener Sprachigkeit. Besonders sichtbar wird, so Helbert, die Verwobenheit mit Vorstellungen von Nationalität, Kultur und race, wenn Erstsprachigkeit mit Authentizität und Autorität verbunden wird, während zweitsprachig gelesene Lehrkräfte zugleich als mehrsprachige Ressource adressiert und aufgrund ihrer sprachbezogenen Positionierung abgewertet werden.

Im abschließenden Kapitel (Kap. 8) fasst Helbert die Ergebnisse zusammen und reflektiert Limitationen, darunter die Beschränkung auf Lehrkräfte, die ungleiche Verteilung erst- und zweitsprachiger Befragter sowie die fehlende gezielte Berücksichtigung verschiedener sprachlicher Hintergründe. Für die pädagogische Praxis hebt sie Aus-, Fort- und Weiterbildung als Räume der Sensibilisierung für Sprachideologien und machtkritischen Reflexion hervor. Weiteren Forschungsbedarf sieht sie unter anderem hinsichtlich weiterer Akteur*innen im DaZ-Bereich, Einstellungspraktiken sowie der Auswirkungen von Native Speakerism auf Emotionen, Selbstkonzept und berufliches Handeln.

Helberts Monografie leistet einen wichtigen Beitrag zur bislang vergleichsweise wenig ausgebauten Forschung zu Native Speakerism im DaZ-Kontext. Besonders die umfangreiche Datengrundlage und die Verbindung quantitativer und qualitativer Zugänge ermöglichen differenzierte Einblicke in sprachbezogene Überzeugungen, Kategorisierungen und Erfahrungen von DaZ-Lehrkräften. Zugleich werden Ambivalenzen sichtbar, die sich insbesondere in den Interviews weiter ausdifferenzieren. Einzelne methodologische Spannungsfelder ergeben sich aus der notwendigen Arbeit mit Kategorien wie Erst- und Zweitsprachigkeit, deren Reifizierungsproblematik Helbert selbst reflektiert. Insgesamt schafft die Monografie eine breite empirische Grundlage und eröffnet zahlreiche Anknüpfungspunkte für weiterführende Forschung zu Native Speakerism im DaZ-Bereich.

Die Monografie ist insbesondere für Forschende im Bereich DaF/DaZ sowie zu Sprachideologien, Linguizismus und sprachbezogenen Differenzordnungen von Interesse. Darüber hinaus bietet sie durch die zahlreichen Einblicke in Überzeugungen und Erfahrungen von Lehrkräften Anknüpfungspunkte für die Aus-, Fort- und Weiterbildung von DaZ-Lehrkräften und kann dort als Grundlage für die Reflexion eigener sprachbezogener Kategorisierungen und Normalitätsvorstellungen dienen. Für Praktiker*innen ist sie vornehmlich als empirisch fundierter Reflexions- und Sensibilisierungsanlass zu verstehen. Auch für Verantwortliche in schulischen und erwachsenenpädagogischen Bildungseinrichtungen kann die Monografie dazu beitragen, sprachbezogene Zuschreibungen und mögliche Benachteiligungen von Lehrkräften stärker in den Blick zu nehmen.

Notes

  1. COLD = Competencies of school teachers and adult educators in teaching German as a second language in linguistically diverse classrooms. Für weitere Informationen siehe https://die-bonn.de/COLD. [^]

Literatur

Dağ, Gizem Evin & Knappik, M (2024): Sprache und race in der Schule. Linguizismuserfahrungen von Lehrkräften. Journal für LehrerInnenbildung. 24: 4, 92–101. DOI:  http://doi.org/10.35468/jlb-04-2024-06.

Dirim, İnci (2010): „Wenn man mit Akzent spricht, denken die Leute, dass man auch mit Akzent denkt oder so.“ Zur Frage des (Neo-)Linguizismus in den Diskursen über die Sprache(n) der Migrationsgesellschaft. In: Mecheril, Paul; Dirim, İnci; Gomolla, Mechthild; Hornberg, Sabine & Stojanov, Krassimir (Hrsg.): Spannungsverhältnisse. Assimilationsdiskurse und interkulturell-pädagogische Forschung. Münster: Waxmann, 91–114.

Dirim, İnci & Mecheril, Paul (2010): Die Sprache(n) der Migrationsgesellschaft. In: Mecheril, Paul; Castro Varela, María do Mar; Dirim, İnci; Kalpaka, Annita & Melter, Claus (Hrsg.): Migrationspädagogik. Weinheim: Beltz, 99–116.

Dirim, İnci & Mecheril, Paul (2018): Heterogenität, Sprache(n) und Bildung. Eine differenz- und diskriminierungstheoretische Einführung. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Holliday, Adrian (2006): Native-speakerism. ELT Journal. 60: 4, 385–387. DOI:  http://doi.org/10.1093/elt/ccl030.

Khakpour, Natascha (2025): »[M]ein Deutsch war jetzt auch nicht so perfekt«. Muttersprachkonzeptionen und pädagogische Selbstverständnisse. Zeitschrift für interkulturelle Germanistik. 16: 1, 45–55. DOI:  http://doi.org/10.14361/zig-2025-160106.

Lange, Sarah Désirée; Alhallak, Zahia & Plohmer, Anna (2024): „Sie dürfen sich nicht auf ihrer Muttersprache unterhalten und das finde ich tatsächlich auch gut“ – Sprachbezogene Diskriminierung in der Grundschule. Zeitschrift für Grundschulforschung. 17: 2, 247–262. DOI:  http://doi.org/10.1007/s42278-024-00212-6.

Phillipson, Robert (1992): Linguistic Imperialism. Oxford: Oxford University Press.

Pokitsch, Doris (2022): Wer spricht? Sprachbezogene Subjektivierungsprozesse in der Schule der Migrationsgesellschaft. Wiesbaden: Springer VS. DOI:  http://doi.org/10.1007/978-3-658-37812-7.

Polizio, Daniele & Pokitsch, Doris (2025): Can’t stop the feeling. Das Sprachgefühl von ›(Nicht-)Muttersprachler*innen‹. Zeitschrift für interkulturelle Germanistik. 16: 1, 57–70. DOI:  http://doi.org/10.14361/zig-2025-160107.

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