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Rezensionen

Maiberger, Eva-Larissa (2025): Sprachförderliche Unterrichtsinteraktionen gestalten. Korrektives Feedback im Fachunterricht der Sekundarstufe. [Didaktik der deutschen Sprache und Literatur, Band 9]. Münster & New York: Waxmann. ISBN 978-3-8188-0003-1. 387 Seiten. 44,90 €.

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Rezension: Maiberger, Eva-Larissa (2025): Sprachförderliche Unterrichtsinteraktionen gestalten. Korrektives Feedback im Fachunterricht der Sekundarstufe. Münster: Waxmann Rezensiert von Maria Hummel. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 31: 2, 329–333. https://doi.org/10.48694/zif.6123

Eva-Larissa Maibergers Dissertation ist in den aktuellen wissenschaftlichen Diskurs zur Bedeutung bildungssprachlicher Kompetenzen für den schulischen Erfolg eingebettet, der seit den 2000er Jahren zunehmend die zentrale Rolle der Sprache für das fachliche Lernen hervorhebt (vgl. Cummins 2000; Gogolin/Duarte 2016; Heppt/Schröter 2023 u.a.). Während frühere Ansätze oft eine sprachliche ‚Nachholbedarf‘-Perspektive verfolgten, hat sich die Forschung in den letzten Jahren zunehmend von einer defizitorientierten zu einer ressourcenbasierten Sichtweise gewandelt, die sprachliche Vielfalt und interaktive Praktiken als zentrale Lernressourcen begreift. Insbesondere die Bedeutung von Lehrer:innen-Schüler:innen-Interaktionen im Unterricht wird als entscheidender Faktor für den Erwerb komplexer Sprachkompetenzen erkannt (vgl. Heller/Morek 2019 u.a.). Dennoch bleibt die konkrete Umsetzung von sprachförderlichen Praktiken, insbesondere im Bereich des korrektiven Feedbacks, bislang ungenügend erforscht, vor allem in nicht-fremdsprachlichen Fächern. Während der Diskurs zu korrektivem Feedback überwiegend im Fremdsprachenunterricht verortet ist (vgl. Burwitz-Melzer/Riemer/Schmelter 2022 u.a.), fehlt es an systematischen Untersuchungen zur Rolle sprachförderlicher Unterrichtsinteraktionen im Fachunterricht der Sekundarstufe. Die vorliegende Studie adressiert diese Forschungslücke, indem sie die Praxis des korrektiven Feedbacks im gesellschaftswissenschaftlichen Fachunterricht der Sekundarstufe I untersucht und dabei sowohl das sprachliche Handeln von Lehrkräften als auch deren subjektive Überzeugungen systematisch analysiert.

Das Buch beginnt mit der Aufarbeitung des theoretischen Konstrukts ‚Bildungssprache‘, wobei u.a. einzelne ausgewählte Merkmale dieses Registers auf lexikogrammatischer und diskursiver Ebene vorgestellt werden (Kapitel 3 und 4). Es folgt eine spracherwerbstheoretische Fundierung der Studie, in deren Rahmen der kognitiv-interaktionistische sowie der soziokulturelle Zweitspracherwerbsansatz einschließlich ihrer zentralen Hypothesen und Konzepte vorgestellt werden, wobei zugleich die Rolle des korrektiven Feedbacks in beiden Ansätzen herausgearbeitet wird (Kapitel 5). Dieses wird im nächsten Schritt näher fokussiert und aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet (Kapitel 6): So werden zunächst Aspekte der Lernendenäußerung thematisiert, auf die sich korrektives Feedback beziehen kann (zielsprachliche Fehler, pragmatische Unangemessenheit). Daran anschließend werden zentrale, korrektives Feedback ins Zentrum rückende didaktisch-methodische Ansätze wie der Focus-on-Form-Ansatz und das Scaffolding-Konzept erläutert. Anschließend erfolgt die Vorstellung der Feedbacktypologie nach Lyster und Ranta (1997), die den Mikro-Scaffolding-Strategien nach Hammond und Gibbons (2005) gegenübergestellt wird. Daraus resultiert eine Systematisierung der aufgeführten Feedbackverfahren in modellgebende und Output einfordernde Formen korrektiven Feedbacks. Abschließend wird ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur Wirksamkeit korrektiven Feedbacks in Bezug auf den Fremd- und Zweitspracherwerb gegeben. Dieser Forschungsbericht wird im Weiteren (Kapitel 7) in Bezug auf interaktives kommunikatives Handeln von Lehrkräften zur Unterstützung der Bildungs- und Fachsprache fortgeführt: Es werden Studienergebnisse aus dem unterrichtlichen Kontext der Sekundarstufe referiert, deren Gegenstand lehrer:innenseitige interaktive kommunikative Verfahren im Fachunterricht sind (Harren 2015, Heller/Morek 2015; Kleinschmidt-Schinke 2019; Lange 2018). Die in diesen Studien herausgearbeiteten Verfahren werden in Beziehung zu korrektiven Feedbackverfahren aus der Fremd- und Zweitspracherwerbsforschung gesetzt, wobei sich zeigt, dass sich für einige von ihnen Parallelen zu modellgebenden sowie zu Output einfordernden Feedbackformen feststellen lassen. Den abschließenden Schwerpunkt des theoretischen Teils (Kapitel 8) bilden Überzeugungen von Lehrkräften, insbesondere zum korrektiven Feedback, wobei auf der Grundlage zahlreicher Quellen deutliche Diskrepanzen zwischen Einstellungen und unterrichtlicher Praxis aufgezeigt werden. Insgesamt wird ein Forschungsdesiderat für den Bereich nicht-fremdsprachlicher Fächer konstatiert, das die vorliegende Studie aufgreift, indem sie die Überzeugungen von Lehrkräften gesellschaftswissenschaftlicher Fächer sowie deren Zusammenhang mit unterrichtlichem Handeln in diesem Kontext gezielt in den Blick nimmt.

Auf die Vorstellung der Forschungsfragen in Kapitel 10 folgt die Darstellung des Forschungsdesigns (Kapitel 11) sowie der Methodik der Studie (Kapitel 12 und 13). Es handelt sich um eine qualitative, explorative multiple Fallstudie, die drei Einzelfälle (Lehrkräfte) an einer Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg umfasst. Die Studie gliedert sich in drei aufeinanderfolgende Phasen: Zunächst erhielten die Lehrkräfte in einem zweistündigen Workshop theoretische Einblicke in korrektives Feedback und bildungssprachliche Anforderungen, begleitet von einer Gruppendiskussion zur Erhebung ihrer anfänglichen Überzeugungen. Anschließend wurden pro Lehrkraft sechs Unterrichtsstunden in gesellschaftswissenschaftlichen Fächern (Wirtschaft, Gemeinschaftskunde, Geschichte) videografiert, um ihr unterrichtliches Handeln systematisch zu dokumentieren. Abschließend folgten leitfadengestützte Einzelinterviews mit stimulated-recall-Sequenzen, in denen die Lehrkräfte anhand ausgewählter Videoclips aus ihrem eigenen Unterricht ihre Gedanken und Handlungsentscheidungen reflektierten. Die Auswertung der Daten erfolgte primär mittels der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (u.a. 2016, 2020). Dabei kam ein „Transferdesign“ (Schramm 2016) zum Einsatz, bei dem qualitative Daten teilweise quantifiziert wurden, um beispielsweise die Häufigkeit bestimmter Feedbackformen deskriptiv-statistisch zu erfassen. Für die Codierung wurde die Software MAXQDA genutzt.

Die Studie zeigt, dass Lehrkräfte im Fachunterricht unterschiedliche Formen korrektiven Feedbacks einsetzen, wobei modellgebende Verfahren wie recasts – ähnlich wie im Fremdsprachenunterricht – deutlich dominieren. Die Häufigkeit des Feedbacks variiert dabei stark zwischen den einzelnen Lehrkräften. Insgesamt wird der Großteil der Feedback-Sequenzen als förderlich für den Erwerb bildungssprachlicher Kompetenzen bewertet, da das Feedback häufig sprachlich komplexere und bildungssprachlich geprägte Formulierungen enthält. Dagegen kommt die Unterstützung längerer sprachlicher Äußerungen der Lernenden eher selten vor. Reine Sprachkorrekturen spielen im Vergleich zur inhaltlich-sprachlichen Optimierung nur eine geringe Rolle und beziehen sich meist auf fachsprachlichen Wortschatz. Auffällig ist zudem ein Widerspruch zwischen den Überzeugungen der Lehrkräfte und ihrer Unterrichtspraxis: Obwohl sie selbstkorrigierendes, outputorientiertes Feedback bevorzugen, nutzen sie im Unterricht überwiegend modellgebende Formen, was unter anderem mit Zeitdruck und Rücksicht auf die Lernenden erklärt wird.

Diese Ergebnisse werden in den Kapiteln 14 bis 17 detailliert und differenziert dargestellt, bevor sie in den Kapiteln 18 bis 22 zusammengeführt, diskutiert und zugleich in den wissenschaftlichen Diskurs eingeordnet werden.

Der Ertrag der vorliegenden Dissertation ist insgesamt als ausgesprochen hoch einzuschätzen. Besonders hervorzuheben ist die innovative Leistung der Arbeit, die in der gezielten Adressierung einer bislang unzureichend erforschten Schnittstelle liegt: der Rolle korrektiven Feedbacks im nicht-fremdsprachlichen Fachunterricht der Sekundarstufe I. Indem Maiberger den Fokus auf gesellschaftswissenschaftliche Fächer richtet und sowohl das unterrichtliche Handeln als auch die Überzeugungen von Lehrkräften berücksichtigt, leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Erweiterung eines Forschungsfeldes, das bislang stark durch fremdsprachendidaktische Perspektiven geprägt ist. Die Studie schließt damit nicht nur eine empirische Lücke, sondern trägt auch zur stärkeren Verzahnung von Zweitspracherwerbsforschung, Unterrichtsforschung und bildungssprachlicher Didaktik bei.

Als ebenso überzeugend erweist sich das Forschungsdesign, das durch Mehrperspektivität und methodische Durchdachtheit besticht. Die Kombination aus Workshop, videografierter Unterrichtspraxis und anschließenden stimulated-recall-Interviews ermöglicht einen differenzierten Zugang zu beobachtbarem Handeln und zugrunde liegenden Überzeugungen. Hervorzuheben ist die forschungsmethodologische Transparenz, mit der Erhebungsschritte, Auswertungsverfahren und analytische Entscheidungen offengelegt werden. Der Einsatz eines Transferdesigns erscheint methodisch reflektiert und dem Untersuchungsgegenstand angemessen, da es sowohl Einblicke als auch eine strukturierende Übersicht zentraler Tendenzen ermöglicht.

Auch die Durchführung der Studie zeugt von großer Sorgfalt und empirischer Tiefe. Die aufwendige Datenerhebung und -auswertung schlägt sich in einer differenzierten und nuancierten Ergebnisdarstellung nieder, die der Komplexität unterrichtlicher Interaktion gerecht wird. Besonders gewinnbringend ist, dass die Ergebnisse nicht bei deskriptiven Befunden stehen bleiben, sondern in bestehende Forschungszusammenhänge eingeordnet und theoretisch rückgebunden werden. Dadurch gelingt es der Autorin, ihre Befunde anschlussfähig zu machen und kritisch zu reflektieren.

Insgesamt überzeugt die Arbeit durch ihre theoretische Fundierung, methodische Stringenz und empirische Substanz. Sie liefert Einblicke in die Praxis korrektiven Feedbacks im Fachunterricht und eröffnet Perspektiven für Forschung und Praxis im Bereich sprachsensiblen Unterrichts.

Abschließend lässt sich festhalten, dass sich die Arbeit in erster Linie an die wissenschaftliche Community richtet, insbesondere an Forschende im Bereich der Sprachbildungs-, Unterrichts- und Zweitspracherwerbsforschung. Die Ergebnisse sind anschlussfähig und bieten zahlreiche Anknüpfungspunkte für weiterführende Fragestellungen. Darüber hinaus ist die Studie auch für die Lehrkräfteaus- und -fortbildung relevant, da sie praxisnahe Einblicke in den Einsatz korrektiven Feedbacks liefert und konkrete Ansatzpunkte für die Professionalisierung im Umgang mit Schüler:innenäußerungen aufzeigt.

Literatur

Burwitz-Melzer, Eva; Riemer, Claudia & Schmelter, Lars (Hrsg.) (2022): Feedback beim Lehren und Lernen von Fremd- und Zweitsprachen. Arbeitspapiere der 42. Frühjahrskonferenz zur Erforschung des Fremdsprachenunterrichts. Tübingen: Narr.

Cummins, Jim (2000): Language, Power, and Pedagogy: Bilingual Children in the Crossfire. Bristol, Blue Ridge Summit: Multilingual Matters.  http://doi.org/10.21832/9781853596773.

Gogolin, Ingrid & Duarte, Joana (2016): Bildungssprache. In: Kilian, Jörg; Brouër, Britta & Lüttenberg, Dina (Hrsg.): Handbuch Sprache in der Bildung. Berlin u.a.: De Gruyter, 478–499.  http://doi.org/10. 1515/9783110296358-025.

Hammond, Jenny & Gibbons, Pauline (2005): Putting Scaffolding to Work: The Contribution of Scaffolding in Articulating ESL Education. Prospect 20: 1, 6–30.

Harren, Inga (2015): Fachliche Inhalte sprachlich ausdrücken lernen: Sprachliche Hürden und interaktive Vermittlungsverfahren im naturwissenschaftlichen Unterrichtsgespräch in der Mittel- und Oberstufe. Göttingen: Verlag für Gesprächsforschung. http://www.verlag-gespraechsforschung.de/2015/harren.html.

Heller, Vivien & Morek, Miriam (2015). Unterrichtsgespräche als Erwerbskontext: Kommunikative Gelegenheiten für bildungssprachliche Praktiken erkennen und nutzen. leseforum.ch 3, 1–23. https://www.forumlecture.ch/myUploadData/files/2015_3_Heller_Morek.pdf

Heller, Vivien & Morek, Miriam (2019): Fachliches und sprachliches Lernen durch diskurs(erwerbs)orientierte Unterrichtsgespräche. Empirische Evidenzen und Desiderata mit Blick auf inklusive Settings. Didaktik Deutsch 46, 102–121.

Heppt, Birgit; Schröter, Pauline (2023): Bildungssprache als übergeordnetes Ziel sprachlicher Bildung. In: Becker-Mrotzek, Michael; Gogolin, Ingrid; Roth, Hans-Joachim & Stanat, Petra (Hrsg.): Grundlagen der sprachlichen Bildung. Münster & New York: Waxmann, 139–153.

Kleinschmidt-Schinke, Katrin (2019): Die an die Schüler/-innen gerichtete Sprache (SgS): Studien zur Veränderung der Lehrer/-innensprache von der Grundschule bis zur Oberstufe. Berlin & Boston: De Gruyter.

Lange, Imke (2018): Bildungssprachförderliches Lehrerhandeln: Zur Erzeugung und Bewältigung von Ungewissheit. In: Paseka, Angelika; Keller-Schneider, Manuela & Combe, Arno (Hrsg.): Ungewissheit als Herausforderung für pädagogisches Handeln. Wiesbaden: Springer VS, 207–227.

Lyster, Roy & Ranta, Leila (1997): Corrective Feedback and Learner Uptake. Studies in Second Language Acquisition 19: 1, 37–66.  http://doi.org/10.1017/S0272263197001034.

Mayring, Philipp (2016): Einführung in die qualitative Sozialforschung: Eine Anleitung zu qualitativem Denken. 6., überarbeitete Auflage. Weinheim & Basel: Beltz.

Mayring, Philipp (2020): Qualitative Inhaltsanalyse. In: Mey, Günter & Mruck, Katja (Hrsg.): Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie. Band 2: Designs und Verfahren. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer, 495–511.

Schramm, Karen (2016): Empirische Forschung. In: Caspari, Daniela; Klippel, Friederike; Legutke, Michael & Schramm, Karen (Hrsg.): Forschungsmethoden in der Fremdsprachendidaktik: Ein Handbuch. Tübingen: Narr Francke Attempto, 49–58.

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