Mit dieser Stellungnahme möchten wir erläutern, warum der von uns angekündigte Themenschwerpunkt „Schreiben in der Herkunftssprache“ in der vorliegenden Ausgabe der Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht nicht wie geplant als geschlossenes Themenheft realisiert werden konnte. Zugleich ist es uns wichtig, den durch den Call for Papers angestoßenen wissenschaftlichen Diskussionsprozess sichtbar zu machen und Perspektiven für zukünftige Arbeiten in diesem Forschungsfeld aufzuzeigen. Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist dabei der Umstand, dass der Call auf ein großes Interesse stieß und zahlreiche Abstracts (insgesamt 19) eingereicht wurden, aus denen eine Auswahl zur Beitragseinreichung eingeladen wurde.
Im weiteren Verlauf durchliefen die eingereichten Beiträge ein mehrstufiges Begutachtungs- und Überarbeitungsverfahren, wie es im wissenschaftlichen Publikationsbetrieb üblich ist. Die Gutachten umfassten sowohl inhaltliche als auch forschungsmethodische und darstellungsbezogene Aspekte und zielten darauf ab, die Qualität der Beiträge zu sichern und ihre Anschlussfähigkeit an die thematische Ausrichtung des geplanten Hefts zu gewährleisten. Während einige der eingeladenen Autor*innen ihre Beiträge aus unterschiedlichen Gründen zurückgezogen haben, wurden andere Beiträge nach der ersten Begutachtungsrunde zur Überarbeitung an die Autor*innen zurückgespielt. Von den überarbeiteten Einreichungen konnte ein Beitrag die Erwartungen der Gutachter*innen in einer Weise erfüllen, die eine Veröffentlichung ohne weitere Überarbeitungsrunde ermöglichte. Es handelt sich um den Beitrag von Thomas Grimm und Julia Ricart Brede, der unter dem Titel „Denkprozesse während des Schreibens: Introspektive Einblicke in Schreibprozesse mehrsprachiger Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I“ nun als Einzelbeitrag in der aktuellen Ausgabe 2026/1 der ZIF erscheint. Andere Beiträge erwiesen sich hingegen nicht sofort als veröffentlichungsfähig, sodass eine weitere Begutachtungs- und Überarbeitungsrunde erforderlich gewesen wäre, die im Rahmen des Zeitplans für den Themenschwerpunkt nicht mehr realisierbar war.
Vor diesem Hintergrund entstand die Situation, dass der ursprünglich geplante geschlossene Themenschwerpunkt nicht umgesetzt werden konnte. Die Entscheidung, den Beitrag von Thomas Grimm und Julia Ricart Brede als regulären Beitrag zu veröffentlichen und die übrigen Beiträge – soweit sie weiterbearbeitet werden – für zukünftige Ausgaben der Zeitschrift vorzusehen, ist das Ergebnis einer Abwägung zwischen inhaltlicher Qualitätssicherung und den organisatorischen und zeitlichen Rahmenbedingungen der Heftplanung. Diese Entscheidung ist im Einvernehmen mit der Schriftleitung der ZIF getroffen worden und wurde auch so den Autor*innen der anderen Beiträge kommuniziert.
Es ist uns dabei ein zentrales Anliegen zu betonen, dass diese Entwicklung nicht auf mangelnde Relevanz des Themas oder auf fehlendes Engagement einzelner Beteiligter zurückzuführen ist. Vielmehr zeigt sich hier ein komplexes Zusammenspiel aus hohen wissenschaftlichen Qualitätsansprüchen, mehrstufigen Reviewprozessen und begrenzten Zeitfenstern, das vielen Forschenden aus der eigenen Publikationspraxis vertraut sein dürfte. So könnte beispielsweise die vergleichsweise lange Schreibzeit von 12 Monaten vermutlich ungewollt dazu beigetragen haben, dass einige ambitionierte Vorhaben im Verlauf des Prozesses nicht wie ursprünglich geplant abgeschlossen werden konnten, ohne dass dies einzelnen Personen angelastet werden sollte. Gleichzeitig machte der Einreichungs- und Begutachtungsprozess sichtbar, dass Forschung heute häufig unter Bedingungen stattfindet, die durch hohe Arbeitsbelastung, dichte Projektlogiken und begrenzte Ressourcen geprägt sind. Dies gilt insbesondere für empirische Studien, die aufwendige Datenerhebungen oder mehrsprachige Settings verlangen. Die Tatsache, dass mehrere Beiträge im Verlauf des Verfahrens nicht bis zur publikationsreifen Fassung geführt werden konnten, verstehen wir daher weniger als Ausdruck individueller Defizite, sondern als Hinweis auf strukturelle Herausforderungen im Wissenschaftsbetrieb. Gerade in einem noch vergleichsweise wenig bearbeiteten Forschungsfeld, das theoretische, didaktische und empirische Fragen miteinander verschränkt, scheint es notwendig, Publikationsprozesse, Zeitfenster und Kooperationsformen so zu gestalten, dass sie den realen Arbeitsbedingungen Rechnung tragen.
Aus einer wissenschaftlich-analytischen Perspektive lässt sich der Verlauf des Themenschwerpunkts dennoch als aufschlussreich für das Feld „Schreiben in der Herkunftssprache“ verstehen. Die hohe Resonanz auf den Call zeigt, dass dieses Themenfeld in der Fachcommunity als relevant wahrgenommen wird und an zentrale Diskurse der Mehrsprachigkeits- und Schreibforschung anschließt. Die eingereichten Projekte deckten ein breites Spektrum ab: Sie reichten von Studien zum gesteuerten und ungesteuerten Schriftsprach- und Orthographieerwerb in sog. Herkunftssprachen über Untersuchungen zu mehrschriftigen und mehrsprachigen Schreibpraktiken bis hin zu Arbeiten, die den Einsatz digitaler Schreibmedien in den Blick nahmen. In diesen Vorhaben wurde deutlich, dass Schreibprozesse in der Herkunftssprache nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit anderen Sprachen im Repertoire der Schreibenden sowie mit spezifischen institutionellen und medialen Kontexten zu analysieren sind.
Die eingereichten Abstracts und Beiträge verdeutlichen zugleich, wie unterschiedlich der Begriff „Herkunftssprache“ in aktuellen Forschungszusammenhängen verwendet und verstanden wird. Während wir uns in unserem Verständnis an der in der deutschsprachigen und internationalen Diskussion etablierten Begriffsfassung orientieren, wie sie etwa bei Brehmer/Mehlhorn (2018) oder Benmamoun/Montrul/Polinsky (2013) vorgeschlagen wird, zeigt der Blick auf die Einreichungen eine deutliche Spannweite begrifflicher Zuschreibungen. Ein Teil der eingereichten Studien fokussierte auf Lernende, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind und in ihren Familien mit mehr als einer Sprache sozialisiert wurden. In diesen Beiträgen wurde die Minderheitensprache als Herkunftssprache gefasst. Dieses Verständnis entspricht der gängigen, in der Mehrsprachigkeitsforschung etablierten Verwendung des Begriffs, der auf intergenerationale Sprachweitergabe, migrationsbezogene Kontexte und häufig auf nur begrenzt verfügbare Möglichkeiten zum Unterricht und somit zum schriftsprachlichen Ausbau verweist (vgl. Cantone 2024). Im Zentrum der betreffenden Studien standen Fragen danach, wie der Ausbau der schriftsprachlichen Kompetenzen in dieser Herkunftssprache gestaltet werden kann, welche institutionellen Settings hierfür zur Verfügung stehen und inwiefern schriftsprachliche Praktiken zum Erhalt der Minderheitensprache beitragen.
Daneben fanden sich mehrere Beiträge, die sich mit Neuzugewanderten befassten, also mit Lernenden, die ihre Schulbildung zunächst in einem anderen Staat in der dortigen Mehrheitssprache absolviert haben und in dieser Sprache bereits über weitgehend ausgebaute mündliche und schriftsprachliche Kompetenzen verfügen. In diesen Arbeiten wurde diese schulisch gefestigte, schriftsprachlich ausgebaute Sprache mitunter ebenfalls als Herkunftssprache bezeichnet. Hier wird deutlich, dass der Begriff in Richtung einer allgemeineren Verwendung von „Erstsprache“ geöffnet bzw. verschoben wird, ohne notwendigerweise die migrations- und bildungsbiografischen Spezifika abzudecken, die im engeren Verständnis von Herkunftssprache eine zentrale Rolle spielen. Die entsprechenden Studien fokussierten vor allem darauf, wie diese bereits etablierten erstsprachlichen Ressourcen – insbesondere im Bereich der Bildungs- und Fachsprache – für den Erwerb des Deutschen als Zweitsprache produktiv genutzt werden können.
Die Spannweite der in den Einreichungen erkennbaren Begriffsverwendungen lässt sich aus unserer Sicht analytisch als Ausdruck einer weiterhin dynamischen Diskussion um Terminologie im Feld der Mehrsprachigkeits- und Herkunftssprachenforschung lesen. Seit vielen Jahren wird auf die Notwendigkeit hingewiesen, Begriffe wie Herkunftssprache, Erstsprache oder Familiensprache sorgfältig zu unterscheiden und ihre jeweiligen soziolinguistischen Implikationen zu reflektieren (vgl. Lüttenberg 2010; Riehl/Schroeder 2022; Gamper/Purkarthofer/Schroeder 2024; Gürsoy/Olfert/Woerfel 2026). Die uns vorgelegten Abstracts und Beiträge zeigen, dass diese Diskussion keineswegs abgeschlossen ist, sondern im Gegenteil fortgeführt werden sollte, um Zielgruppen, Förderanliegen und Forschungsfragen präziser zu konturieren. Zugleich machen sie deutlich, dass unter dem Dach eines Calls zu „Schreiben in der Herkunftssprache“ sowohl klassische Herkunftssprachenkonstellationen als auch Konstellationen adressiert wurden, in denen es eher um den Transfer bereits ausgebauter erstsprachlicher Schriftsprachkompetenzen in den Kontext des Zweitspracherwerbs Deutsch geht. Diese begriffliche Vielfalt ist aus analytischer Perspektive aufschlussreich, verweist aber auch auf die Bedeutung terminologischer Klarheit für zukünftige Forschungsvorhaben in diesem Themenfeld.
Trotz der genannten Herausforderungen bestätigt der Call für uns die hohe inhaltliche Dynamik und das große Entwicklungspotenzial des Forschungsfelds. Die in der ersten Runde eingereichten Beiträge verweisen auf zentrale Desiderata, etwa in Bezug auf den Schriftspracherwerb in Herkunftssprachen, die didaktische Gestaltung von Herkunftssprachen- und Regelunterricht, die Nutzung mehrsprachiger Ressourcen beim Schreiben (einschließlich translanguaging und anderer mehrsprachiger Praktiken) sowie die Rolle digitaler Schreibumgebungen und -praktiken. So machen sie zugleich deutlich, dass „Schreiben in der Herkunftssprache“ nicht als Randthema zu verstehen ist. Vor diesem Hintergrund hoffen wir, dass viele der begonnenen Arbeiten in den kommenden Jahren in Form von Publikationen sichtbar werden – in dieser Zeitschrift ebenso wie in anderen einschlägigen Organen.
Abschließend danken wir allen Autor*innen, die mit ihren Beiträgen und Konzepten am Call teilgenommen haben, sowie den Gutachter*innen, die den Prozess mit ihrer Expertise begleitet haben. Auch wenn der Themenschwerpunkt in dieser Ausgabe nicht als geschlossene Einheit erscheint, bleiben die darin angelegten Fragestellungen und Forschungsansätze für die Weiterentwicklung des Feldes zentral. Wir freuen uns darauf, diese Arbeiten in zukünftigen Publikationen wiederzusehen und die Diskussion um „Schreiben in der Herkunftssprache“ gemeinsam mit der Fachcommunity weiterzuführen.
Literatur
Benmamoun, Elabbas; Montrul, Silvina & Polinsky, Maria (2013): Heritage languages and their speakers: Opportunities and challenges for linguistics. Theoretical Linguistics 39: 3–4, 129–181.
Brehmer, Bernhard & Mehlhorn, Grit (2018): Herkunftssprachen. Tübingen: Narr Francke Attempto.
Cantone, Katja F. (2024): Spracherhalt – Ein multiperspektivisches Forschungsfeld. In: Cantone, Katja F.; Olfert, Helena; Di Venanzio, Laura; Wolf-Farré, Patrick; Schroedler, Tobias & Gürsoy, Erkan: Spracherhalt und Mehrsprachigkeit. Eine Einführung. Tübingen: Narr Francke Attempto, 17–28.
Gamper, Jana; Purkarthofer, Judith & Schroeder, Christoph (2024): Sprachliche Bildung und Mehrsprachigkeit in der Schule: eine Begriffskritik. DDS – Die Deutsche Schule 116: 2, 202–211.
Gürsoy, Erkan; Olfert, Helena & Woerfel, Till (2026): (Macht-)Kritische Perspektiven auf den Diskurs um „herkunftssprachlichen Unterricht“ als marginalisiertes Fach. In: Maahs, Ina-Maria; Triulzi, Marco & Winter, Christina (Hrsg.): Sprache – Macht – Diversität. Münster: Waxmann.
Lüttenberg, Dina (2010): Mehrsprachigkeit, Familiensprache, Herkunftssprache. Begriffsvielfalt und Perspektiven für die Sprachdidaktik. Wirkendes Wort 2, 299–315.
Riehl, Claudia M. & Schroeder, Christoph (2022): DaF/DaZ im Kontext von Mehrsprachigkeit. Deutsch als Fremdsprache 59: 2, 67–76.
Kurzbio
Prof. Dr. Helena Olfert ist Professorin für Deutsch als Zweitsprache und sprachliche Bildung an der Universität Osnabrück. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Spracherhaltsbedingungen im Kontext von Migration sowie Mehrsprachigkeit und sprachliche Bildung in formalen, non-formalen und informellen Lernkontexten.
Dr. Ute Henning hat in Angewandter Linguistik an der TU Darmstadt promoviert. Dort ist sie seit 2018 am SchreibCenter als Schreibberaterin und als DaF-Lehrkraft am Sprachenzentrum tätig. Sie interessiert sich besonders für mehrsprachige Kommunikation, fächerübergreifende Schreibdidaktik und L2-Aussprachedidaktik.
Anschrift:
Prof. Dr. Helena Olfert
Universität Osnabrück
Neuer Graben 40
Raum 41/212
DE-49074 Osnabrück
helena.olfert@uni-osnabrueck.de
Dr. Ute Henning
Technische Universität Darmstadt
Hochschulstr. 1
64289 Darmstadt