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Rezension zu Chott, Peter O. & Sprick, Martin (2024). Lernen lernen 2.0 – neu mit KI. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren. 

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Rezension: Chott, Peter O. & Sprick, Martin (2024): Lernen lernen 2.0 – neu mit KI.LL 2.0. Methodenkompetenz in der (Grund)Schule zukunftsorientiert fördern. Baltmannsweiler: Schneider. Rezensiert von Zheng Luberg. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 31: 1, 181–185. https://doi.org/10.48694/zif.4789

Verortung des Konzeptes Lernen lernen 2.0 – neu mit KI

Das Konzept des Lernen lernens ist seit Langem Bestandteil bildungswissenschaftlicher Diskussionen zu Methodenkompetenz. Im fremdsprachendidaktischen Diskurs manifestiert sich dieses Konzept insbesondere in Ansätzen zu Fremdsprachenlernstrategien (vgl. Martinez 2016) und Lernerautonomie (vgl. Schmenk 2016). Gleichwohl wird Lernkompetenz in schulischen wie hochschulischen Kontexten häufig implizit vorausgesetzt und nicht hinreichend systematisch als eigenständiger Bildungsgegenstand entwickelt. Die vorliegende Publikation Lernen lernen 2.0 – neu mit KI positioniert sich vor diesem Hintergrund sowie angesichts der raschen Entwicklung generativer künstlicher Intelligenz (KI) explizit als Anlass zur konzeptionellen Weiterentwicklung des Lernen lernens (s. Kap. 1) sowie zu dessen didaktischer und organisationaler Aufbereitung auf Mikro-, Meso- und Makroebenen (s. Kap. 2–6).

Gegenstandstheoretisch und konzeptionell verortet sich die Publikation an der Schnittstelle konstruktivistischer Lerntheorien (vgl. Gumin/Meier 1997; Wolff 2002), prozessorientierter lernpsychologischer Modelle (vgl. z.B. Weinert/Mandl 1997) sowie aktueller Diskurse zur Bildung in der digitalen Wissensgesellschaft (vgl. Jendryschik 2005). Lernen wird nicht als reine Inputaufnahme oder als Sammlung einzelner Techniken, sondern als komplexer Prozess verstanden. Damit verfolgt das Buch einen bildungstheoretisch erweiterten Kompetenzbegriff, der das Lernen lernen als mehrdimensionales Konstrukt aus Kompetenzentwicklung und Haltungsbildung fasst.

Die Konzeption des Lernen lernens 2.0 integriert KI-bezogene Entwicklungen als neue Herausforderungen von Lernprozessen (s. Kap. 1.3). Künstliche Intelligenz erscheint dabei weder als Ersatz der Lehrenden noch als Ersatz eigenständiger Lernleistung, sondern eröffnet vielfältige technische Unterstützungsformen sowie didaktische Einsatzmöglichkeiten für individuelles und personalisiertes Lernen. In diesem Zusammenhang wird die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels hin zur stärkeren Prozessorientierung des Lernens und Lehrens deutlich. Für den Fremdsprachen- und Mehrsprachigkeitsdiskurs ist die Publikation insbesondere über die Fokussierung auf konstruktive Lehr-Lern-Prozesse anschlussfähig, was in der weiteren Analyse aufgegriffen wird.

Inhaltsdarstellung

Die Monografie ist systematisch aufgebaut und verbindet theoretische Grundlagen mit praxisorientierten Umsetzungsansätzen (s. Kap. 2), LL-Bausteinen (s. Kap. 3) und Projektarbeiten (s. Kap. 4). Ausgangspunkt bildet ein erweitertes Lernverständnis, das Lernen als aktiv konstruierten und reflexiven Prozess beschreibt (s. Kap. 1.4). Dabei werden kognitive, metakognitive, emotionale und motivationale Aspekte gleichermaßen berücksichtigt. Das Lernen lernen erscheint nicht als spontane Fähigkeit, sondern als Kompetenz, die gezielt entwickelt, reflektiert und institutionell unterstützt werden kann.

Zentral ist die Entwicklung eines Lernen lernen-Modells (s. Kap. 1.6), das kognitive Strategien, metakognitive Strategien sowie Haltungen integriert. Lernstrategien werden nicht isoliert dargestellt, sondern in Informationsprozesse (Aufnahme, Verarbeitung, Anwendung) sowie metakognitive Prozesse (Planung, Organisation, Überwachung und Evaluation) eingeordnet. Ergänzend wird zur Domäne der Lernstrategien auf empirische Befunde Bezug genommen, unter anderem im Rückgriff auf Konzepte des Visible Learning, um die Wirksamkeit von Lernstrategien zu begründen (vgl. Hattie/Zierer 2020). In diesem Zusammenhang werden auch Unterstützungsmöglichkeiten durch Künstliche Intelligenz herausgearbeitet, insbesondere im Hinblick auf die Förderung einzelner Lernstrategien.

Darauf aufbauend werden Umsetzungsansätze des Lernen lernens in der Praxis diskutiert (s. Kap. 2). Zentral ist dabei die Annahme, dass Künstliche Intelligenz das didaktische Dreieck aus Lehrenden, Lernenden und Stoff erweitert und damit als ‚Gamechanger‘ in Lehr-Lern-Prozessen fungiert (s. Kap. 2.5.3). KI wird als Erweiterung von Vorbereitungs-, Lehr- und Lernmöglichkeiten beschrieben, etwa im Bereich der Übersetzung, Erklärung, Analyse von Lernverhalten, Korrektur und Feedback sowie bis hin zu adaptiven Lernprogrammen.

Kapitel 3 entfaltet eine Vermittlungsperspektive auf Lernen lernen und stellt praxisorientierte LL-Bausteine vor, die entlang des Lernen lernen-Modells strukturiert sind. Die Bausteine sind modular angelegt und ermöglichen eine jahrgangsweise bzw. entwicklungsbezogene Vertiefung. Sie sind fachübergreifend konzipiert und adressieren sowohl Lernende als auch Lehrkräfte. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz wird dabei in diese LL-Bausteine integriert und erweitert entsprechende Lehr-Lern-Arrangements im schulischen Kontext. Die Autoren verorten KI-bezogene Anwendungen entlang der im Modell ausgewiesenen Lernprozesse, etwa durch den Einsatz KI-gestützter Programme zur Generierung von Texten oder Bildern sowie durch die Erstellung von Prompts und deren Verfeinerung.

Abschließend berücksichtigt das Buch unterschiedliche Akteur*innen-Ebenen: Lernende und Lehrkräfte ebenso wie Eltern (s. Kap. 5), Schulleitung und Schulträger (s. Kap. 6) und rahmt Lernen lernen als institutionell eingebetteten Prozess. Lernkompetenz wird somit nicht ausschließlich individuell verortet, sondern als Ergebnis kooperativer, organisationaler und struktureller Bedingungen verstanden.

Analyse und Transferperspektiven

Die Stärke der Publikation liegt in der konsequenten Konzeption von Lernen als reflexivem und integrativem Wissens- und Bildungsprozess. Lernen lernen wird nicht funktional verkürzt, sondern als Zusammenspiel kognitiver, metakognitiver, motivationaler und emotionaler Dimensionen modelliert. Diese theoretische Rahmung vermeidet eine technizistische Engführung von Lernen lernen und ermöglicht es, Lernstrategien nicht als isolierte Werkzeuge, sondern als Bestandteil umfassender Lernhandlung zu verstehen (s. Kap. 1.4.2.4). Besonders überzeugend ist dabei die systematische Verbindung von Strategien, Selbststeuerung und Ressourcenmanagement, durch die Lernende als aktiv Handelnde und als Konstrukteur*innen ihrer Lernprozesse konzipiert werden.

Aus dieser Perspektive ergeben sich deutliche Anschlussstellen für fremdsprachendidaktische Kontexte, auch wenn diese im Buch nicht explizit ausgearbeitet werden. Die Betonung von Metakognition, aktiver Wissenskonstruktion und Ressourcenmanagement entspricht zentralen Annahmen des konstruktivistischen Fremdsprachenlernens sowie der Sprachlernstrategie- und Autonomieforschung. Für mehrsprachige Lernsettings ist insbesondere der konstruktivistische Zugriff relevant, der individuelle Lernbiografien und unterschiedliche sprachliche Ressourcen komplementär und produktiv rahmt. Im Rahmen der vorliegenden Rezension lässt sich dieses Transferpotenzial erschließen, etwa für selbstgesteuerte Lernphasen, Portfolioarbeit oder sprachübergreifende Formate zur Förderung der Reflexion und Methodenkompetenz.

Einen weiteren zentralen Beitrag leistet die Erweiterung des LL-Konzepts um KI-bezogene Aspekte. Künstliche Intelligenz wird nicht lediglich instrumentell im Sinne der Generierung von Outputs sowie der Effizienzsteigerung positioniert, sondern als potenzielle Unterstützung für Strukturierung, Feedback und individuelle Lernbegleitung konzeptualisiert. Positiv hervorzuheben ist der konstruktiv-kritische Umgang mit KI, der sowohl Potenziale als auch Risiken thematisiert. Insbesondere die Gefahr oberflächlicher Verarbeitung sowie die Notwendigkeit epistemischer Verantwortung im Umgang mit KI werden deutlich benannt (s. Kap. 1.3).

Im Kontext rückwärtsgerichteter Lernzielplanung (s. Kap. 1.4.3) entfaltet das Buch eine Zukunftsskizze für das Jahr 2030, in der Prompting exemplarisch als sprachlich-kognitive Kompetenz im Fach Deutsch aufgegriffen wird. Die exemplarische Thematisierung zielsprachlichen Promptings lässt sich aus Sicht des Rezensenten als Perspektive für den Fremdsprachenlernkontext weiterdenken.

Hervorzuheben ist zudem der systemische Blick auf Lernen als institutionell eingebetteten Prozess. Die Berücksichtigung unterschiedlicher Akteur*innen-Ebenen, von Lernenden über Lehrkräfte bis hin zu schulischen und organisationalen Rahmenbedingungen, erweitert den Fokus über individuelle Lernstrategien hinaus. Damit eignet sich die Publikation nicht nur für unterrichtliche Kontexte, sondern auch für Schul- und Organisationsentwicklung. Gleichzeitig bleibt die Übertragbarkeit auf andere Bildungsebenen, insbesondere auf Hochschule und Erwachsenenbildung, konzeptionell angelegt und erfordert kontextbezogene didaktische Anpassungen.

Zielgruppenbezogene Einordnung und Gesamteinschätzung

Lernen lernen 2.0 – neu mit KI richtet sich primär an Lehrkräfte der Primar- und Sekundarstufe sowie an schulische Entwicklungsakteur*innen, eröffnet darüber hinaus jedoch auch Anschlussstellen für weitere Bildungsbereiche und -ebenen. Auch für Fortbildungs- und Qualifizierungskontexte stellt die Publikation eine gut strukturierte und praxisnahe Grundlage dar.

Für die Fremdsprachen- und Mehrsprachigkeitsdidaktik sowie für hochschulische Lernkontexte ist das Werk weniger als direkt anwendbares Handbuch zu lesen, sondern vielmehr als konzeptioneller Bezugsrahmen. Die dargestellten Modelle und Bausteine bieten tragfähige Impulse für begleitetes und selbstgesteuertes Lernen, für die Gestaltung asynchroner Lernphasen sowie für die Entwicklung KI-gestützter Unterstützungsformate, etwa in Fremdsprachen- und Schlüsselkompetenzzentren oder in blended learning-orientierten Studienangeboten. Der Transfer in diese Kontexte erfordert jedoch eine bewusste didaktische Übersetzungsleistung sowie fachspezifische Weiterentwicklungen.

Die Publikation überzeugt durch ihre theoretische Kohärenz, ihre systematische Struktur und den reflektierten Umgang mit Künstlicher Intelligenz in Lehr-Lern-Prozessen. Sie leistet einen wertvollen Beitrag zur Weiterentwicklung des Lernen lernen-Diskurses, indem sie klassische Konzepte mit aktuellen digitalen und KI-bezogenen Herausforderungen verbindet, ohne dabei in technologische Verkürzungen zu verfallen. Zudem zeichnet sich Lernen lernen 2.0 – neu mit KI durch seine konzeptionelle Offenheit sowie seine Anschlussfähigkeit an unterschiedliche Bildungsebenen und Fächerkulturen aus. Im Verlauf der vorliegenden Rezension wird ein konstruktivistisch orientiertes Verständnis sichtbar, in dem Lernende, Lehrende und institutionelle Akteur*innen als koordinierende Konstrukteur*innen KI-gestützter Lernumgebungen verstanden werden. Gerade hierin liegt der besondere Wert der Publikation: Sie bietet eine tragfähige Grundlage für weitere theoretisch-konzeptionelle, empirische und praktische Arbeiten zur Gestaltung lernförderlicher Bildungsprozesse unter KI-Bedingungen.

Literatur

Burwitz-Melzer, Eva; Mehlhorn, Grit; Riemer, Claudia; Bausch, Karl-Richard & Krumm, Hans-Jürgen (Hrsg.) (2016): Handbuch Fremdsprachenunterricht. [6. Aufl.]. Tübingen: Narr Francke Attempto.

Gumin, Heinz & Meier, Heinrich (Hrsg.) (1997): Einführung in den Konstruktivismus. [3. Aufl.]. München: Piper.

Hattie, John & Zierer, Klaus (2020): Visible Learning – Unterrichtsplanung. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

Jendryschik, Michael (2005): Die Wissensgesellschaft. https://jendryschik.de/archiv/wissensgesellschaft (24.01.2026).

Martinez, Hélène (2016): Lernstrategien und Lerntechniken. In: Burwitz-Melzer et al. (Hrsg.): 372–376.

Schmenk, Barbara (2016): Lernerautonomie und selbstgesteuertes Sprachenlernen. In: Burwitz-Melzer et al. (Hrsg.): 367–371.

Weinert, Franz E. & Mandl, Heinz (Hrsg.) (1997): Psychologie der Erwachsenenbildung. Göttingen; Bern; Toronto; Seattle: Hogrefe. (Enzyklopädie der Psychologie, Bd. 4: Themenbereich D, Praxisgebiete: Serie 1, Pädagogische Psychologie).

Wolff, Dieter (2002): Fremdsprachenlernen als Konstruktion. Grundlagen für eine konstruktivistische Fremdsprachendidaktik. Frankfurt am Main u.a.: Lang.

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