Der Sammelband Wendepunkte in der Fremdsprachenlehr- und -lernforschung. Teil 2 setzt die mit dem ersten Band begonnene Auseinandersetzung mit zentralen Umbrüchen innerhalb der Fremdsprachendidaktik konsequent fort. Während Teil 1 den Fokus vor allem auf historische und konzeptionelle Grundlinien legte, konzentriert sich Teil 2 stärker auf aktuelle Felder, die gegenwärtige Entwicklungen maßgeblich prägen. Dieser Band erscheint in der Tat zu einem Zeitpunkt, an dem die Fremdsprachendidaktik erneut vor grundlegenden Fragen steht: Wie verändern digitale Medien Lehr- und Lernprozesse? Welche neuen Anforderungen ergeben sich aus kompetenzorientierten Bildungsstandards? (vgl. Rösler 2012). Und wie lässt sich die professionelle Rolle von Lehrkräften in einer medialen Lernkultur neu denken? Der Band knüpft an diese Debatten an, indem er zentrale Umbrüche der letzten Jahrzehnte systematisiert und zugleich zukünftige Perspektiven eröffnet. Bereits die Einleitung macht deutlich, dass Fremdsprachenlernen sich nicht linear, sondern über „größere Veränderungen oder sogar Umbrüche bzw. Wendepunkte“ (7) vollzieht. Diese Wendepunkte sind keineswegs isoliert, sondern Ausdruck veränderter gesellschaftlicher und technischer Bedingungen.
Die Herausgeber:innen unterscheiden zwischen expliziten Wendepunkten, die als Reformforderungen artikuliert wurden, und impliziten Wandlungsprozessen, die sich erst retrospektiv als paradigmatische Verschiebungen herausstellen (8). Diese konzeptionelle Klärung ist für den Band zentral, weil sie den Rahmen schafft für eine Betrachtung der digitalen Transformation als eines jener impliziten, aber weitreichenden Umbrüche, die Unterricht und Forschung gleichermaßen betreffen. Damit positioniert sich Teil 2 effektiv im aktuellen Diskurs zur digitalen Lernkultur (vgl. Burwitz-Melzer/Riemer/Schmelter 2019; Feick/Biebighäuser 2025).
Im ersten thematischen Block wird die Neudefinition des Kompetenzbegriffs aufgegriffen. Der Band zeigt, wie sich im Laufe der Zeit die Perspektive auf sprachliche Kompetenz von der fixierten Grammatikbeherrschung zur Handlungskompetenz im sozialen Kontext verschoben hat. Besonders im Bereich der Wortschatzkompetenz wird ein deutliches Umdenken nachgezeichnet: Der Fokus liegt nun verstärkt auf Vernetzung, Kollokationen und auf der funktionalen Verwendung lexikalischer Mittel in authentischen Kommunikationssituationen. Dabei wird aufgezeigt, dass Wortschatz und kommunikative Anforderungen im 20. Jahrhundert Wendepunkte markierten, etwa wenn die Abkehr von der Grammatikzentrierung und die „Wortschatzwende“ (35) neue Unterrichtskonzepte hervorriefen, die sich heute unter anderem anhand digitaler Lexikarbeit realisieren lassen.
Der zweite Block des Bandes beschäftigt sich mit innovativen Zugängen zu Teilkompetenzen, insbesondere mit digital gestützten Formen des Schreibens. Hier ist von einer „(coronapandemiebedingten) Wende“ (67) die Rede, insofern digitale Medien nicht lediglich Werkzeuge darstellen, sondern strukturell neue Lernformen ermöglichen. Nicht zu vergessen ist dabei der von den Herausgeberinnen bereits in der Einleitung formulierte Hinweis, dass medieninduzierte Umbrüche historische Konstante der Fremdsprachendidaktik sind – vom Grammophon und Sprachlabor bis hin zu interaktiven Plattformen und KI-basierten Schreibtools. Diese historische Tiefenschärfe macht die aktuelle Digitalisierungswelle nicht zu einer singulären Erscheinung, sondern zu einer Fortsetzung eines kontinuierlichen medientechnischen Wandels, der heute vor allem durch Multimodalität, kollaboratives Schreiben und adaptive Lernumgebungen gekennzeichnet ist. Damit leistet der Band einen wichtigen Beitrag zu einer nuancierten Sicht auf digitale Transformation, der weder technologischer Euphorie verfällt noch kulturpessimistisch argumentiert, sondern die empirischen Potenziale und Herausforderungen differenziert beleuchtet.
Besonders anschlussfähig an aktuelle Forschung ist der dritte Block des Bandes, der die Entwicklung der Sprachbildung im Zeichen der Subjekt- und Handlungsorientierung analysiert. In diesem Sinne markierte die pragmatisch-kommunikative Wende nicht allein eine methodische Umstellung, sondern einen grundlegenden Perspektivenwechsel: Im Zentrum stehen schließlich die Lernenden, die „als ernst zu nehmende Subjekte betrachtet“ (18) werden sollen. Dieser Ansatz findet heute in Konzepten wie selbstreguliertem Lernen, performativem Fremdsprachenunterricht und kulturreflexiven Zugängen Anwendung (vgl. Hallet/Königs 2019). Der Band greift diese Entwicklungen auf, etwa wenn Humor als Ressource für positive Lernatmosphären diskutiert wird oder wenn interkulturelle, bilinguale und kulturgeschichtliche Lernprozesse vorgestellt werden, die Lernende zur aktiven Wissenskonstruktion anregen. Diese Beiträge zeigen deutlich, dass Sprachbildung heute mehr ist als der Erwerb linguistischer Mittel: Sie umfasst Weltorientierung, kritische Urteilskraft und personale Entwicklung – Kompetenzen, die angesichts globalisierter Kommunikationsräume und digitaler Informationsvielfalt unverzichtbar sind.
Der vierte Themenblock widmet sich abschließend der Neupositionierung der Lehrkräfte, deren professionelle Rolle sich im Laufe des 20. und 21. Jahrhunderts verändert hat. Ausgehend von einer historischen Perspektive, die den Weg vom Lateinunterricht über die Reformbewegung bis hin zum kommunikativen Ansatz nachzeichnet, wird im Band ersichtlich, wie sich das Berufsbild gewandelt hat: Lehrkräfte sind heute nicht mehr primär Wissensvermittelnde, sondern Sprach- und Lernberater:innen, Coaches und Kulturvermittler:innen, die daher angemessene Kommunikationskompetenzen benötigen. Diese Entwicklung ist eng mit digitalen Lernumgebungen verknüpft, die weniger frontale Vermittlung und stärker kuratorische, moderierende und diagnostische Kompetenzen erfordern (vgl. Will/Kurtz/Zeyer/Martinez 2022). Besonders relevant ist der Beitrag zur nonverbalen Instruktionskompetenz, der zeigt, wie stark Unterricht von multimodalen Kommunikationsformen geprägt ist – ein Aspekt, der im digitalen Raum weiter an Bedeutung gewinnt. Ebenso bietet der Beitrag zur Mehrsprachigkeitsdidaktik eine realistische Einschätzung der Herausforderungen, die entstehen, wenn bildungspolitische Ziele auf konkrete schulische Strukturen treffen. Die hier am Beispiel Polens sichtbar werdenden Spannungsfelder spiegeln zentrale Debatten der gegenwärtigen Lehrerbildungsforschung wider.
Insgesamt zeichnet der Band ein breit gefächertes, aber kohärentes Bild gegenwärtiger Umbrüche in der Fremdsprachendidaktik. Von besonderem Wert ist seine Fähigkeit, historische Linien mit aktuellen Transformationsprozessen zu verknüpfen und zugleich konkrete didaktische Implikationen zu formulieren. Der Sammelband macht plausibel, dass digitale Transformation, Kompetenzorientierung und Professionalisierung nicht als voneinander getrennte Trends zu betrachten sind, sondern als interdependente Entwicklungen, die gemeinsam neue Anforderungen an Unterricht und Forschung formulieren. Die Beiträge sprechen somit unterschiedliche Zielgruppen an: Wissenschaftler:innen erhalten einen fundierten Überblick über zentrale Diskursverschiebungen, während Lehrkräfte und Lehrerausbildende konkrete didaktische Impulse mitnehmen können. Darüber hinaus eröffnet die internationale Zusammensetzung der Autorenschaft spannende Einblicke in regionale Differenzen.
Trotz der thematischen und geographischen Vielfalt bleibt der Schwerpunkt überwiegend im mitteleuropäischen Raum, während globale Perspektiven auf Digitalisierung und Kompetenzentwicklung nur punktuell einbezogen werden. Paradigmenwechsel verlaufen jedoch global und könnten durch eine stärkere Berücksichtigung außereuropäischer Kontexte weiter geschärft werden. Wünschenswert erscheint daher eine Erweiterung des Blickwinkels auf bislang vernachlässigte Bildungskulturen. Es bleibt Raum für weitere Forschung.
Nichtsdestoweniger erweist sich Wendepunkte in der Fremdsprachenlehr- und -lernforschung. Teil 2 als wichtige Orientierungsliteratur in einer Zeit, in der sich die Bedingungen für Sprachenlernen und -lehren rasant verändern. Der Sammelband leistet damit einen substanziellen Beitrag zur aktuellen Diskussion um digitale Transformation, Kompetenzorientierung und Professionalisierung in der Fremdsprachendidaktik. In diesem Sinne kann diese Publikation uneingeschränkt allen empfohlen werden, die sich aus wissenschaftlicher, wie auch aus berufspraktischer Perspektive mit der Weiterentwicklung des Fachs auseinandersetzen.
Literatur (Auswahl)
Burwitz-Melzer, Eva; Riemer, Claudia & Schmelter, Lars (Hrsg.) (2019): Das Lehren und Lernen von Fremd- und Zweitsprachen im digitalen Wandel. Arbeitspapiere der 39. Frühjahrskonferenz zur Erforschung des Fremdsprachenunterrichts. Tübingen: Narr Francke Attempto.
Feick, Diana & Biebighäuser, Katrin (Hrsg.) (2025): Digitale Lehr-/Lernressourcen und digitale Kompetenz. Forschung aus dem Hochschulkontext. Berlin: Schmidt.
Hallet, Wolfgang & Königs, Frank G. (Hrsg.) (2019): Fremdsprachendidaktik. Eine Einführung. [3. Aufl.]. Seelze: Klett Kallmeyer.
Rösler, Dietmar (2012): Deutsch als Fremdsprache. Eine Einführung. Stuttgart: Metzler.
Will, Leo; Kurtz, Jürgen; Zeyer, Tamara & Martinez, Hélène (Hrsg.) (2022). Dimensionen digitaler Lehre in der universitären Fremdsprachenlehrkräftebildung. Tübingen: Narr Francke Attempto.