Die Digitalisierung von Bildungsprozessen hat die Fremd- und Zweitsprachenforschung in den letzten zehn Jahren grundlegend verändert. Insbesondere im Fach Deutsch als Fremd- und Zweitsprache (DaFZ) lässt sich seit der COVID-19-Pandemie ein tiefgreifender Wandel beobachten: Digitale Technologien prägen Lehr- und Lernprozesse ebenso wie Forschung und Kommunikation (vgl. Feick/Biebighäuser 2025: 9–10). In der Einleitung zum Sammelband werden die jüngsten Entwicklungen im Bereich der digitalen Lehr- und Lernressourcen sowie der digitalen Kompetenz systematisch aufgearbeitet und mit der bisherigen Forschung zur Mediendidaktik DaFZ in Beziehung gesetzt (vgl. Drumm/Müller/Stenzel 2021; Deutscher Akademischer Austauschdienst e.V. 2023: 157–168).
Der Band knüpft an das frühere Werk Digitale Medien in Deutsch als Fremd- und Zweitsprache (vgl. Biebighäuser/Feick 2020) an und führt die dort begonnene Diskussion zu mediendidaktischen Fragen im Fach DaFZ weiter. Während der frühere Band die Rahmenbedingungen, Einflussfaktoren und Potenziale digitaler Medien im DaFZ-Kontext beschrieb, werden fünf Jahre später zentrale Forschungsperspektiven weiterentwickelt. Dazu zählen insbesondere die empirische Erforschung von Lehr-/Lernbedingungen, Lernprozessen, Potenzialen digitaler Medien und Fragen der Lehrendenbildung (vgl. Feick/Biebighäuser 2025: 10–15).
Im Anschluss an die Systematisierung aktueller Forschungstendenzen, z.B. zu digitalem Unterricht, virtuellen Lernräumen, digitalen Lernverhaltens- und Testforschungen sowie zu Künstlicher Intelligenz, erfolgt eine Einordnung der Einzelbeiträge in diese Diskurse. Die Herausgeberinnen zeigen, dass die digitale Wende („digital turn“) das Fach DaFZ nicht nur methodisch, sondern auch gesellschaftspolitisch transformiert hat. Bildungsgerechtigkeit, Teilhabe und der Zugang zu digitalen Technologien („digital divide“) werden zu Schlüsselkategorien einer fachspezifischen Mediendidaktik, die die zunehmende Mobilität und Heterogenität der Lernenden reflektiert (vgl. Warschauer 2002; Can/Müller/Niederhaus 2021; Dobstadt/Herzig/Riedner/Vázquez 2023).
Anknüpfend an diese Diskussionen versteht sich der vorliegende Sammelband als Bestandsaufnahme und Weiterentwicklung der Mediendidaktik DaFZ. Er bündelt empirische und konzeptionelle Forschung zu digitalen Lehr-/Lernressourcen und digitalen Kompetenzen und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur aktuellen fachdidaktischen Diskussion um Flexibilisierung, Digitalisierung und Bildungsgerechtigkeit im Hochschulkontext.
Der Band umfasst acht Beiträge, die thematisch von empirischer Forschung bis zu praxisnahen Konzepten reichen.
Der einleitende Beitrag von Diana Feick systematisiert die Forschungstendenzen der letzten Jahre. Im Zentrum stehen vier Schwerpunkte: digitaler Unterricht, virtuelle Austauschformate, digitale Lernverhaltens- und Testforschung sowie Künstliche Intelligenz. Neben Studien zur Rezeption des pandemiebedingten Not-Fernunterrichts verweist Feick auf neue methodische Zugänge wie learning analytics oder eyetracking. Auch die Debatte um Open Educational Resources (OER) und Postdigitalität wird aufgegriffen. Der Beitrag bietet damit eine analytische Rahmung, die die nachfolgenden Einzelstudien in größere Zusammenhänge einordnet.
Im zweiten Beitrag untersucht Matthias Prikoszovits die „lehrkräftegelenkte Digitalisierung fachsprachlich orientierten DaF-Unterrichtsmaterials“. Er zeigt, dass Lehrkräfte vorhandene Materialien häufig eigenständig digital anpassen. Methodisch greift die Untersuchung auf Dokumentenanalysen und qualitative Interviews zurück. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass solche Initiativen zwar flexibel sind, aber langfristig durch fehlende institutionelle Unterstützung an Grenzen stoßen.
Léonel Nanga-Me-Abengmoni erweitert die Perspektive auf den kamerunischen Hochschulkontext. Er legt eine Befragungsstudie zu Medienkompetenz von Lehrenden und Lernenden vor und zeigt, wie digitale Ressourcen zur Förderung lebenslangen Lernens beitragen können. Gleichzeitig werden Defizite in der technischen Infrastruktur sichtbar, die bestehende Ungleichheiten verstärken. Damit leistet der Beitrag einen wichtigen Impuls zur internationalen Vergleichbarkeit digitaler Lehr-/Lernkulturen.
Im vierten Beitrag behandelt Antonie Alm das „Google Translate Dilemma“. Empirisch gestützt untersucht sie den Einsatz maschineller Übersetzer im DaF-Unterricht einer neuseeländischen Hochschule. Die Analyse zeigt, dass Lernende Übersetzungstools nutzen, um sprachliche Hürden zu überwinden, dass aber ohne didaktische Rahmung eine unkritische Abhängigkeit entstehen kann. Alm plädiert für eine bewusste Integration solcher Tools, die Lernstrategien fördert und Fehlgebrauch vorbeugt.
Maria Petrova widmet sich der Förderung phonetischer Kompetenzen durch einen Chatbot im russischen DaF-Unterricht. In einer Design-Based-Research-Studie wird ein Chatbot entwickelt, erprobt und in mehreren Iterationen verbessert. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass vor allem Aussprachetraining von der unmittelbaren Rückmeldung der KI-basierten Anwendung profitiert.
Im sechsten Beitrag untersucht Daniel Pust das aufgabenorientierte Lernen mit digitalen Medien in der Grammatikvermittlung. Seine empirische Studie mit Kontroll- und Experimentalgruppen zeigt, dass interaktive Formate zu gesteigerter Lernmotivation und nachhaltigeren Lernergebnissen führen.
Daran anknüpfend entwickelt David Fujisawa ein modularisiertes Konzept für Grammatikvermittlung. Hierbei werden digitale Lernbausteine flexibel kombinierbar gestaltet, sodass adaptive Lernpfade möglich sind. Dieser konzeptionelle Ansatz zielt auf mehr Individualisierung und Passung zu heterogenen Lernendengruppen.
Den Abschluss bildet Joachim Scharloth mit einem Beitrag zur „prozeduralen Rhetorik“ im Digital Game-based Language Learning. Er argumentiert, dass digitale Sprachlernspiele rhetorische Strukturen implementieren, die Lernende zur aktiven Auseinandersetzung mit Sprache anregen. Anhand von Beispielen wird das Potenzial von Serious Games für die Förderung interaktiver Sprachkompetenzen aufgezeigt.
Insgesamt entsteht ein facettenreiches Bild der Digitalisierung im DaFZ-Bereich, das Forschungsergebnisse aus Europa, Afrika, Asien und Neuseeland miteinander verknüpft.
Der Sammelband überzeugt durch seine hohe Aktualität. Die Beiträge greifen technologische und didaktische Entwicklungen auf, die gegenwärtig die Diskussion prägen und Themen wie KI-gestützte Tools, Lern-Apps oder Game-based Learning umfassen. Besonders hervorzuheben ist die internationale Perspektive, die den Diskurs über den europäischen Kontext hinaus erweitert und neue Vergleichsmöglichkeiten eröffnet.
Positiv ist außerdem die methodische Bandbreite: Neben groß angelegten empirischen Studien (vgl. Pust) finden sich design-based Ansätze (vgl. Petrova) sowie konzeptionelle Entwürfe (vgl. Fujisawa, Scharloth). Damit richtet sich der Band sowohl an Forschende als auch an Lehrende, die Anregungen für innovative Lehrformate suchen.
Insgesamt entsteht ein facettenreiches Bild der Digitalisierung im DaFZ-Bereich, das Forschungsergebnisse aus verschiedenen internationalen Kontexten miteinander verbindet. Die thematische Vielfalt ermöglicht einen breiten Einblick in aktuelle Forschungs- und Entwicklungsfelder und veranschaulicht, wie unterschiedlich digitale Lehr-/Lernressourcen im Hochschulbereich eingesetzt und erforscht werden.
Aus hochschuldidaktischer Perspektive mit Fokus auf Flexibilisierung und niedrigschwellige Zugänge zeigt sich, dass die Beiträge zwar wichtige Impulse geben, konkrete Lösungen für inklusive Szenarien jedoch selten formuliert werden. So wird zwar der digital divide thematisiert (vgl. Feick, Nanga-Me-Abengmoni), Handlungsempfehlungen für Lernende mit Care-Verpflichtungen oder eingeschränkter zeitlicher Flexibilität bleiben aber weitgehend offen.
Gelungen sind die kritischen Auseinandersetzungen mit neuen Technologien. Die Beiträge verdeutlichen das Spannungsfeld zwischen Chancen der Autonomieförderung und Gefahren der Überforderung, das die digitale Transformation prägt.
Der Sammelband ist somit ein wichtiger Beitrag, der Forschung und Praxis gleichermaßen anspricht. Die Überführung in kontextangepasste inklusive Lehr-/Lernszenarien bleibt der Praxis überlassen.
Der Band richtet sich primär an Forschende, Lehrende und Studierende im Bereich Deutsch als Fremd- und Zweitsprachendidaktik sowie an Mediendidaktiker:innen. Aufgrund seines forschungsorientierten Zuschnitts bietet er insbesondere für die wissenschaftliche Auseinandersetzung wertvolle Impulse.
Es bündelt Erfahrungen aus der Pandemie, reflektiert den Einsatz neuer Technologien und öffnet Perspektiven auf KI, OER und digitale Kompetenz. Damit stellt es nicht nur eine Bestandsaufnahme dar, sondern formuliert auch zentrale Herausforderungen für die kommenden Jahre.
Insgesamt bietet der Sammelband einen substantiellen Beitrag zur Weiterentwicklung des Fachs und zur kritischen Reflexion digitaler Lehr-/Lernressourcen.
Literatur
Biebighäuser, Katrin & Feick, Diana (Hrsg.) (2020): Digitale Medien in Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Berlin: Erich Schmidt Verlag.
Can, Magdalena; Müller, Mareike & Niederhaus, Constanze (2021): Digitale Zugänge zu kommunikativer Praxis schaffen: Eine explorative Interviewstudie im Projekt Sprachbegleitung Geflüchteter. In: Gamper, Jana; Hövelbrinks, Britta & Schlauch, Julia (Hrsg.): Lockdown, Homeschooling und Social Distancing – der Zweitspracherwerb unter akut veränderten Bedingungen der COVID19-Pandemie. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag, 195–222.
Deutscher Akademischer Austauschdienst e.V. (Hrsg.) (2023): Deutsch als Fremdsprache in der digitalen Welt: Zu aktuellen Entwicklungen in Lehre und Forschung. Bonn: Deutscher Akademischer Austauschdienst (DAAD).
Dobstadt, Michael; Herzig, Katharina; Riedner, Renate & Vázquez, Valeria (2023): DaF_Z digital: Open-Source-Didaktik. Impulse für eine postdigitale Transformation von Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht: ZIF 27: 1, 397–413.
Drumm, Sandra; Müller, Mareike & Stenzel, Nadja (2021): Digitale Räume geben und nehmen – Unterrichtsinteraktion in DSH-Kursen während der COVID-19-Pandemie. Informationen Deutsch als Fremdsprache 48: 5, 496–515.
Feick, Diana & Biebighäuser, Katrin (Hrsg.) (2025): Digitale Lehr-/Lernressourcen und digitale Kompetenz. Forschung aus dem Hochschulkontext. Berlin: Erich Schmidt Verlag GmbH & Co. KG.
Gamper, Jana; Hövelbrinks, Britta & Schlauch, Julia (Hrsg.) (2021): Lockdown, Homeschooling und Social Distancing – der Zweitspracherwerb unter akut veränderten Bedingungen der COVID19-Pandemie. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag.
Warschauer, Mark (2002): Reconceptualizing the Digital Divide. First Monday 7: 7.