1 Einleitung
Die Fremdsprachendidaktik in Deutschland zeigt in jüngster Zeit ein verstärktes Interesse am Begriff der ‚Theorie‘, der als grundlegend für die Disziplin gelten kann. So führte das DGFF-Kolleg (Deutsche Gesellschaft für Fremdsprachenforschung), das durch Weiterbildungen das Forschungsmethodenwissen im Feld stärken will, im Juni 2024 eine Veranstaltung zu „Theoretischer Forschung“ in der Fremdsprachendidaktik durch (vgl. DGFF 2024). An der Universität Münster fand im Juli 2024 ein Symposium zu „Theoretischer Forschung in der Fremdsprachendidaktik“ statt, das zum Ziel hatte, eine Standortbestimmung von theoretischer Forschung im Feld vorzunehmen (vgl. Römhild/Matz/Merse 2024). Diese aktuellen Veranstaltungen zeigen, dass unter Fremdsprachendidaktiker:innen ein erhöhter Bedarf besteht, sich über ‚Theorie‘ und ihre Bedeutung für das Forschungsfeld auszutauschen.
Ein Grund für dieses Interesse ist sicherlich, dass es sich bei ‚Theorie‘ um einen grundlegenden Begriff der Disziplin handelt. So ist kaum ein wissenschaftlicher Beitrag in der Fremdsprachendidaktik vorstellbar, der nicht in irgendeiner Form auf eine Theorie Bezug nimmt, sei es, um sie zu überprüfen, sie weiterzuentwickeln oder um sie als argumentativen Rahmen zu nutzen. Jedoch, und möglicherweise aufgrund dieser Allgegenwärtigkeit, teilt ‚Theorie‘ das Schicksal weiterer Fachbegriffe der Fremdsprachendidaktik, da der Begriff in verschiedenen Beiträgen und von verschiedenen Forscher:innen in unterschiedlicher Weise gebraucht wird. Die ‚Theorie‘ ist damit, wie Doff auch für die ‚Empirie‘ in der Fremdsprachenforschung betont, „nicht notwendig einheitlich gefasst“ (Doff 2012: 11). Vor diesem Hintergrund ergibt sich das aktuelle Forschungsdesiderat, die Bedeutungen von ‚Theorie‘ in der Fremdsprachendidaktik zu untersuchen und die Implikationen dieser Vieldeutigkeit für das Feld zu diskutieren.
2 Fragestellung des Beitrags
Um dieses Forschungsdesiderat zu adressieren, untersucht der Beitrag die folgende Fragestellung über eine qualitative Inhaltsanalyse: Welche unterschiedlichen Bedeutungen von ‚Theorie‘ lassen sich für die Fremdsprachendidaktik ausmachen? Und als Anschlussfrage: Wie verhalten sich diese Bedeutungen zueinander? Um diese Fragestellung empirisch zu beantworten, betrachtet dieser Beitrag vier Einführungen in die Forschungsmethoden in der Fremdsprachendidaktik. Diese Methodenbände zur Fremdsprachenforschung bieten sich für die vorliegende Fragestellung in besonderer Weise an, da sie explizit die Logik und konkrete Vorgehensweise der Fremdsprachenforschung diskutieren, und somit auch die Rolle der ‚Theorie‘ in dieser Forschung. Die folgenden vier Einführungen, die alle neueren Datums sind, wurden als Grundlage für die qualitative Studie genutzt:
Doff, Sabine (Hrsg.) (2012): Fremdsprachenunterricht empirisch erforschen: Grundlagen – Methoden – Anwendung. Tübingen: Narr Francke Attempto.
Settinieri, Julia; Demirkaya, Sevilen; Feldmeier García, Alexis; Gültekin-Karakoç, Nazan & Riemer, Claudia (Hrsg.) (2014): Empirische Forschungsmethoden für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache: Eine Einführung. Paderborn: Ferdinand Schöningh.
Reimann, Daniel (2020): Methoden der Fremdsprachenforschung. Tübingen: Narr Francke Attempto.
Caspari, Daniela; Klippel, Friederike; Legutke, Michael & Schramm, Karen (Hrsg.) (2022): Forschungsmethoden in der Fremdsprachendidaktik: Ein Handbuch. [2. Aufl.]. Tübingen: Narr Francke Attempto.
3 Forschungsmethode: Qualitative Inhaltsanalyse
Die vier Einführungen in die Forschungsmethoden wurden als digitale Volltexte heruntergeladen bzw. vollständig gescannt und als Volltexte digitalisiert, sodass sie elektronisch durchsucht werden konnten. Im Anschluss wurden alle Bände nacheinander digital nach dem Schlagwort „Theorie“ durchsucht. Diese Suche ergab, neben Treffern für „Theorie“, ebenfalls Treffer für die Komposita von (großgeschrieben) „Theorie“, also „Theorie-“ und „-Theorie“, sowie für die Komposita von (kleingeschrieben) „theorie“, also „theorie-“ und „‑theorie“. (Das Schlagwort „theorie“ ergibt im Deutschen natürlich keine Treffer). Alle Treffer, die „Theorie“ oder ein Kompositum von „Theorie“/„theorie“ enthielten, wurden für die Studie als einschlägig betrachtet. Die Suche ergab insgesamt 453 Belegstellen. Alle Belegstellen wurden mit ihrem dazugehörigen Satzkontext aus den Einführungen in eine Liste übertragen, welche die Datengrundlage für die qualitative Inhaltsanalyse darstellte.1
Die qualitative Inhaltsanalyse (vgl. Mayring 2015) nutzte zwei Durchgänge dieses Datenmaterials, um zu gewährleisten, dass das gebildete Kategoriensystem vollständig (d.h. alle Belegstellen werden zugeordnet), trennscharf (d.h. alle Kategorien unterscheiden sich) und inhaltlich valide (d.h. alle Kategorien beziehen sich auf die Forschungsfrage) war. Im ersten Durchgang wurden die Belegstellen einzeln gesichtet, um auf diese Weise vorläufige Kategorien in induktiver Weise direkt aus dem Datenmaterial heraus zu gewinnen (vgl. Mayring 2015: 85–90). Diese Kategorien, im Sinne der Fragestellung des Beitrags, bildeten die unterschiedlichen Bedeutungen von ‚Theorie‘ ab. War eine Bedeutung aus dem unmittelbaren Satzkontext heraus nicht ersichtlich, wurde die jeweilige Seite im dazugehörigen Methodenband konsultiert. In einem zweiten Durchgang wurden alle Belegstellen erneut gesichtet, um zu überprüfen, ob die vorläufigen Kategorienzuweisungen nach wie vor, auch nachdem alle Kategorien gebildet worden waren, zutreffend waren. In einzelnen Fällen wurden Belegstellen einer neuen, im Nachhinein besser passenden Kategorie zugeordnet.
Im Ergebnis entstand ein Kategoriensystem mit neun Kategorien (bzw. Bedeutungen), in dem alle 453 Belegstellen einer der Kategorien zugeordnet werden konnten. Die qualitative Inhaltsanalyse nutzte keine deduktiven Kategorien, die an das Datenmaterial herangetragen wurden, damit die Bedeutungen von ‚Theorie‘ unmittelbar aus den Methodenbänden heraus gewonnen werden konnten. Jedoch gilt, wie Mayring (2015: 71–72) selbst hervorhebt, dass keine Forscher:in eine Kategorisierung vollständig frei vom eigenen Vorwissen und Vorannahmen vornehmen kann. Im vorliegenden Fall waren mir die geisteswissenschaftlich und empirisch forschende Arbeitsweise sowie die Theorie-Praxis-Verknüpfung der Fremdsprachendidaktik über die eigene Tätigkeit im Feld bekannt und wurden als Vorwissen an die Kategorienbildung herangetragen. Darüber hinaus ist mir die folgende Methodenliteratur zur Beschaffenheit von ‚Theorie‘ vertraut, die ich im Vorfeld (wieder) gelesen habe und welche die Kategorisierung ebenfalls beeinflusst hat: aus den Sozialwissenschaften Kron (1999) und Creswell (2009) sowie aus der nicht deutschsprachigen Fremdsprachenforschung Jordan (2004) und Riazi (2016). Aus der deutschsprachigen Fremdsprachendidaktik ist mir keine vorherige Arbeit zu den Bedeutungen von ‚Theorie‘ bekannt.2
4 Ergebnisse
4.1 Allgemeiner Überblick
Als Ergebnis der Inhaltsanalyse ergab sich das folgende Kategoriensystem mit neun Kategorien, die jeweils einer Bedeutung von ‚Theorie‘ entsprechen: 1) Theorie als ‚nur in der Theorie‘, 2) Theorie als subjektive Annahme einer Person, 3) Theorie im Sinne der empirischen Natur- und Sozialwissenschaften, 4) Theorie im Sinne der Geisteswissenschaften, 5) Theorie in der Forschungsmethodologie, 6) Theorie in wechselseitiger Beziehung zur Praxis, 7) Theorie als allgemeines Synonym zu Wissen, 8) Theorie zur Benennung bestehender Theorien sowie 9) Theorie als Bestandteil eines wissenschaftlichen Buch- oder Programmtitels. Im weiteren Verlauf des Beitrags werden die neun Kategorien bzw. Bedeutungen von ‚Theorie‘ zur besseren Lesbarkeit mit der Kurzform Theorie(1), Theorie(2), Theorie(3) usw. bezeichnet.
Um einen allgemeinen Überblick über die Ergebnisse der Inhaltsanalyse zu geben, können die neun Kategorien und die Häufigkeit, mit der sie in den Methodenbänden auftreten, in einer Tabelle dargestellt werden (Tabelle 1). Eine detaillierte Beschreibung der neun Kategorien mit dazugehörigen Belegen aus den Bänden wird im darauffolgenden Abschnitt gegeben.
Tab. 1: Neun Bedeutungen von ‚Theorie‘ in Methodenbänden der Fremdsprachendidaktik
| Band | Doff (2012) | Settinieri et al. (2014) | Reimann (2020) | Caspari et al. (2022) | Gesamt (%) |
| Theorie als: | Anzahl Belege | Anzahl Belege | Anzahl Belege | Anzahl Belege | Anzahl Belege |
| Theorie(1) ‚nur in der Theorie‘ |
1 | 0 | 0 | 0 | 1 (0,2 %) |
| Theorie(2) subjektive Annahme |
8 | 2 | 1 | 17 | 28 (6,2 %) |
| Theorie(3) Natur-/Sozialwissenschaften |
24 | 28 | 5 | 98 | 155 (34,2 %) |
| Theorie(4) Geisteswissenschaften |
26 | 0 | 5 | 18 | 49 (10,8 %) |
| Theorie(5) Forschungsmethodologie |
3 | 2 | 1 | 10 | 16 (3,5 %) |
| Theorie(6) Beziehung zur Praxis |
2 | 0 | 0 | 78 | 80 (17,7 %) |
| Theorie(7) Synonym zu Wissen |
5 | 1 | 0 | 10 | 16 (3,5 %) |
| Theorie(8) Benennung einer Theorie |
7 | 3 | 0 | 11 | 21 (4,6 %) |
| Theorie(9) Buch-/Programmtitel |
26 | 19 | 4 | 38 | 87 (19,2 %) |
| Gesamt | 102 | 55 | 16 | 280 | 453 (100%) |
Die Häufigkeit, mit der die Bedeutungen in den Bänden verwendet werden, liefert bereits einen ersten relevanten Einblick in Bezug auf das Forschungsanliegen. So zeigt sich, dass ungefähr ein Viertel der Belegstellen entweder eine bestehende Theorie benennen (Theorie(8): 4,6 %) oder ‚Theorie‘ als Bestandteil eines (zitierten) wissenschaftlichen Buch- oder Programmtitels enthalten (Theorie(9): 19,2 %). Aufschlussreicher ist der nicht geringe Anteil an Verweisen auf Theorie in Beziehung zur Praxis des Fremdsprachenunterrichts (Theorie(6): 17,7 %). Dieser Anteil überrascht wenig, da die praktische Anwendung der theoretischen Modelle und Konzepte der eigenen Forschung für die Fremdsprachendidaktik von jeher eine zentrale Frage ist. Ein natur- und sozialwissenschaftliches Verständnis auf Basis von Empirie (Theorie(3): 34,2 %) überwiegt einem geisteswissenschaftlichen Verständnis (Theorie(4): 10,8 %) von Theorie. Dies ist in Anbetracht der Anlage der vier Methodenbände wenig überraschend, da die Bände jeweils mehrere Kapitel zu empirischen Forschungsmethoden (z.B. Interviews, Fragebögen, Beobachtung) enthalten, jedoch in der Regel nur ein (oder überhaupt kein) Kapitel zu geisteswissenschaftlichen Ansätzen in der Fremdsprachenforschung. Diese Ausrichtung wird auch aus den Titeln der Bände, wie Fremdsprachenunterricht empirisch erforschen (Doff 2012) oder Empirische Forschungsmethoden für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache (Settinieri et al. 2014), ersichtlich.
4.2 Neun verschiedene Bedeutungen von ‚Theorie‘
Die qualitative Inhaltsanalyse ergab neun Kategorien, welche den unterschiedlichen Bedeutungen von ‚Theorie‘ in der Fremdsprachendidaktik – bzw. in den Forschungsmethodenbänden der Fremdsprachendidaktik – entsprechen. Um das Forschungsanliegen des Beitrags zu beantworten, wird im Folgenden jede Kategorie in einem eigenen Abschnitt vorgestellt und mit passenden Belegstellen aus den Bänden veranschaulicht. Danach wird die Kategorie bzw. Bedeutung von ‚Theorie‘ in den aktuellen Forschungsmethodendiskurs eingeordnet und weiter kommentiert. Jeder Absatz schließt mit einer kurzen Definition der jeweiligen Bedeutung von ‚Theorie‘ ab. Der darauffolgende Diskussionsteil, nach der Darstellung der neun Kategorien, beschreibt, wie sich diese Bedeutungen inhaltlich zueinander verhalten.
Als kurzer Hinweis vorab: Die folgende Diskussion erwähnt zwangsläufig verschiedene Erhebungsmethoden, die im Zusammenhang mit den Bedeutungen von ‚Theorie‘ eine Rolle spielen, z.B. Interviews, Lautes Denken, Beobachtung, Fragebögen usw. Dazugehörige Beiträge, in denen diese Forschungsmethoden vorgestellt werden, finden sich in allen vier Sammelbänden. Häufig sind die Bandkapitel sogar nach diesen Forschungsmethoden benannt. Daher wird im Folgenden nicht zu jeder Forschungsmethode ein Literaturhinweis gegeben: Interessierte Leser:innen können leicht auf die Inhaltsverzeichnisse der Methodenbände zurückgreifen.
Als ein weiterer Hinweis zur Zitierweise: Da es sich bei Doff (2012), Settinieri et al. (2014) und Caspari et al. (2022) um Herausgeberbände handelt, stammen die Belegstellen von den Autoren:innen der jeweiligen Bandbeiträge. Gleichzeitig ist es sinnvoll, in den Zitierungen die Methodenbände sichtbar werden zu lassen, da diese das Datenmaterial der Inhaltsanalyse darstellen. Um langwierige Zitierungen, wie etwa „Müller/Meier (2022: 22) in Caspari et al. (2022)“, zu vermeiden, werden im Folgenden die Herausgeberbände als Quelle zitiert und mit dem Vorsatz „Bd.“ für „Band“ versehen. Für Reimann (2020) als Autorenband gilt dies hingegen nicht.
Theorie(1): Theorie als ‚nur in der Theorie‘
Die erste Bedeutung entspricht dem gängigen Sprachgebrauch von ‚Theorie‘ in Wendungen wie ‚nur in der Theorie‘ oder ‚nur rein theoretisch‘ denkbar oder machbar. In den Methodenbänden findet sich nur eine Belegstelle für Theorie(1), die die Unmöglichkeit eines perfekten Studienaufbaus beschreibt: „Bei alledem sollte man jedoch nicht vergessen, dass […] man sich nicht mit dem Ziel der perfekten Studie bzw. Ergebnisse selbst in die Irre führen sollte. Diese gibt es nur in der Theorie“ (Bd. Doff 2012: 178).
Auch der Duden verzeichnet diese Bedeutung und gibt sie als „wirklichkeitsfremde Vorstellung“ oder „bloße Vermutung“ mit dem dazugehörigen Beispiel „das ist alles reine Theorie“ (Duden 2025: o.S.) an. Es überrascht nicht, dass dieser Alltagsgebrauch von ‚Theorie‘ als ‚nur in der Theorie‘ sich in den Bänden findet, da die Wissenschaftssprache keine unabhängige Sprachform darstellt, sondern die Alltagssprache lediglich in Richtung einer höheren Präzision, Abstraktheit, Objektivität und terminologischer Dichte hin verschiebt (vgl. Gotti 2011: 20–24).
Eine sinnvolle Definition für Theorie(1) wäre demnach: Theorie(1) als etwas, das in der Wirklichkeit nicht existiert oder nicht funktioniert.
Theorie(2): Theorie als subjektive Annahme einer Person
Die zweite Bedeutung bezieht sich auf ‚Theorie‘ als subjektive Annahme einer Person, also ihre Wissensbestände, Haltungen, Überzeugungen oder Meinungen. In der Fremdsprachendidaktik handelt es sich bei dieser Person in der Regel um eine Schüler:in, Lehrer:in oder Ausbilder:in von Lehrkräften, die untersuchten Annahmen betreffen üblicherweise das Lehren und Lernen von Fremdsprachen oder eigene Fremdsprachenkenntnisse.
In den Methodenbänden finden sich zahlreiche Belegstellen für Theorie(2):
Erforschung von subjektiven Theorien von (angehenden) Lehrkräften (Bd. Caspari et al. 2022: 85)
Fünf der subjektiven Theorien wurden als einzelne Fälle dargestellt (Bd. Caspari et al. 2022: 74)
eine erste Rekonstruktion der individuellen subjektiven Theorien (Bd. Caspari et al. 2022: 74)
Hat der/die Forscher/in die Theorie der interviewten Person adäquat beschrieben oder rekonstruiert? (Bd. Doff 2012: 229)
Um eine Theorie(2) zu erhalten, werden Schüler:innen oder Lehrkräfte mithilfe qualitativer Methoden, wie Interviews, Lautem Denken oder schriftlichen Reflexionen, befragt. Die entstandenen Daten können im Anschluss entweder deskriptiv dargestellt (als reine Illustrationen), inhaltlich zusammengefasst (z.B. über die qualitative Inhaltsanalyse) oder weitergehend interpretiert werden (z.B. über die dokumentarische Methode), um dahinterliegende Annahmen, die den Befragten möglicherweise selbst nicht bewusst waren, zu rekonstruieren.
Eine passende Definition für Theorie(2) wäre demnach: Theorie(2) als subjektives Wissen, Überzeugung oder Meinung einer Person über fremdsprachendidaktische Sachverhalte.
Theorie(3): Theorie im Sinne der empirischen Natur- und Sozialwissenschaften
Die dritte Kategorie von ‚Theorie‘ bezieht sich auf die Bedeutung von Theorie, die auch für die empirisch arbeitenden Natur- und Sozialwissenschaften grundlegend ist. In diesem Verständnis steht Theorie(3) in einem fortlaufenden Abgleich zur Empirie, also Beobachtungen oder Daten über die Welt (d.h. über die materielle Welt in den Natur- und über die soziale Welt in den Sozialwissenschaften), die unvoreingenommen (d.h. von dieser Theorie nicht inhaltlich vorbestimmt) erhoben werden. Die Fremdsprachendidaktik erhebt diese Beobachtungen bzw. Daten über die bekannten empirischen Methoden der Sozialforschung, wie Interviews, Videographie, Fragebögen, Einstellungs-/Kompetenztests oder Lautes Denken.
Passende Belegstellen für Theorie(3) aus den Methodenbänden sind die folgenden:
es scheint in der Natur des Menschen zu liegen, Phänomenen in seiner Umwelt auf den Grund zu gehen, nach Gesetzmäßigkeiten zu suchen sowie auf der Basis von Beobachtungen und Erfahrungen Theorien aufzustellen (Bd. Caspari et al. 2022: 7)
Zur empirischen, d.h. erfahrungsbasierten Erforschung von Fremdsprachenunterricht gehör[t] eine empirisch gestützte Theorie (Bd. Doff 2012: 11)
dass das empirische Datenmaterial aus einer neuen Untersuchungsperspektive zur Entwicklung einer neuen Theorie führt (Bd. Settinieri et al. 2014: 226)
die datenbasierte Theoriebildung (Bd. Doff 2012: 126)
Wie die Beispiele zeigen, wird Theorie(3) in der Fremdsprachenforschung somit stets in einem Abgleich mit empirischen Daten gewonnen oder weiterentwickelt und dementsprechend in den Bänden diskutiert.
Eine Theorie(3) kann dabei explorativ gewonnen werden, indem sie direkt aus diesen Beobachtungen heraus generiert wird. Dies ist sinnvoll, wenn zu einem Teilbereich der Fremdsprachenforschung bislang keine (oder keine umfassende) Theorie(3) vorliegt. Für die explorative Theorie(3)-Bildung sind insbesondere qualitative Methoden, wie Interviews oder Videographie, geeignet, da sie eine Vielzahl von Faktoren des Fremdsprachenlehrens und -lernens – sowie ihre Interaktion – gleichzeitig sichtbar machen können. Liegt zu einem Teilbereich der Fremdsprachenforschung bereits eine vorläufige Theorie(3) vor, kann diese konfirmatorisch überprüft werden, indem sie mit neu erhobenen Beobachtungen verglichen wird. Dieser Abgleich zwischen einer vorläufig gültigen Theorie(3) und neuen Daten führt entweder zu ihrer Verifikation, womit sie als weiterhin gültig beibehalten wird, oder zu einer Falsifikation von zumindest Teilen dieser Theorie(3), die somit in Einklang mit den neuen Daten aktualisiert wird. Diese konfirmatorische Überprüfung kann sowohl quantitativ als auch qualitativ erfolgen: quantitativ, indem die in der Theorie enthaltenen Faktoren über Fragebögen oder Tests erhoben und im Anschluss (meist statistisch) auf die vorhergesagten Zusammenhänge hin überprüft werden; qualitativ, indem Interviews oder Unterrichtsvideos über zusammenfassende Verfahren (z.B. qualitative Inhaltsanalyse) ausgewertet und daraufhin überprüft werden, ob die in der Theorie enthaltenen Faktoren und ihre Zusammenhänge (als deduktive Kategorien) sich auch in diesen qualitativen Daten wiederfinden (als induktive Kategorien). Dabei dienen die deduktiven Kategorien als Oberkategorien, die durch die induktiven Unterkategorien der Daten entweder konfirmatorisch gefüllt oder, falls sie sich nicht (vollständig) wie in der Theorie enthalten wiederfinden lassen, teilweise oder ganz falsifiziert werden. Eine wiederholte konfirmatorische Überprüfung einer Theorie(3) führt zur Entwicklung einer immer ‚wahreren‘ Theorie(3), welche die tatsächlichen Strukturgesetzmäßigkeiten des Fremdsprachenlehrens und ‑lernens immer besser abbildet. Eine Theorie(3) bleibt damit zwangsläufig stets ein vereinfachendes Modell der komplexen Regelhaftigkeiten des Fremdsprachenlehrens/‑lernens, die ihre Passung mit bzw. ihre Abbildung von diesen Gesetzmäßigkeiten jedoch fortlaufend verbessert.
In der Fremdsprachendidaktik wird das durch die Theorie(3) zu Modellierende als die sog. Faktorenkomplexion beschrieben, welche es zu untersuchen und zu beschreiben gilt. Die Faktorenkomplexion bezieht sich auf die „Vielzahl einander wechselseitig beeinflussender Faktoren“ (Riemer 2014: 25) im Bereich des Lehrens und Lernens von Fremdsprachen, womit sie die (die tatsächliche soziale Welt konstituierenden) komplexen Strukturgesetzmäßigkeiten des Fremdsprachenlehrens/‑lernens beschreibt.
Eine sich daraus ergebende Definition für Theorie(3) wäre also: Theorie(3) als vorläufig gültiges Verständnis der Beschaffenheit und Beziehung der Faktoren des Fremdsprachenlehrens und -lernens, das sich im fortlaufenden Abgleich mit unabhängig gewonnenen Beobachtungen weiterentwickelt.
Theorie(4): Theorie im Sinne der Geisteswissenschaften
Die vierte Bedeutung von ‚Theorie‘ bezieht sich auf das Verständnis von Theorie(4), das für die Geisteswissenschaften, insbesondere die Literatur- und Kulturwissenschaften, die wie die Fremdsprachendidaktik in der Philologie verortet sind, prägend ist. Weitere Geisteswissenschaften in diesem Sinne wären die Theater- und Filmwissenschaft, die Philosophie, die Kunstwissenschaft, die Religionswissenschaft usw., nicht aber die Geschichtswissenschaft, die über ihre historische Dokumentenforschung eine empirische Arbeitsweise nutzt. In diesen Wissenschaftsfeldern dient die Theorie(4) als ein Werkzeug zur strukturierten Analyse und Interpretation von Quellen, das an diese Quellen herangetragen wird. In der Fremdsprachendidaktik sind diese Quellen z.B. Bildungspläne, Lehrwerke, Unterrichtstranskripte, Lektüren oder Filme, während die Theorien(4) dem Fundus der Geisteswissenschaften entstammen. Theorien(4) betreffen klassischerweise die Felder Gender, (Post-)Kolonialismus, Behinderung, soziale Klasse (inklusive ihrer Intersektionalität) sowie in jüngerer Zeit Neurodiversität, Nachhaltigkeit oder Demokratiebildung. Wie sichtbar wird, spielen Fragen um vorherrschende Gesellschaftsverhältnisse, Ausgrenzungen und Widerstände sowie Identitätsangebote in den meisten Theorien(4) eine wesentliche Rolle. Die Mehrheit der Theorien(4) wurde erstmals in wegweisenden ‚Master Texts‘ von heute namhaften Autoren:innen entwickelt, die weiterhin als zentrale Bezugspunkte der Theorien(4) dienen, z.B. Judith Butler (Gender- und Queer-Theorie), Simone de Beauvoir (Feminismus-Theorie), Edward Said (Postkolonialismus-Theorie), Gayatri Spivak (Postkolonialismus-Theorie), Pierre Bourdieu (Theorie sozialer Felder) oder Rosemarie Garland-Thomson (Theorie der Disability Studies) (vgl. Ryan 2023 für eine Übersicht über aktuelle Theoriefelder, die dazugehörigen Autoren:innen und ‚Master Texts‘).
Dabei muss betont werden, dass auch Theorien(4) nicht empiriefrei auftreten und sich damit nicht kategorisch von Theorien(3) trennen lassen. Vielmehr entstehen Theorien(4) in der Regel aus einer Verschränkung der Befunde unterschiedlicher Disziplinen, die sowohl empirische als auch nicht empirische Arbeitsweisen nutzen. Dennoch unterscheiden sich Theorien(4) in ihrer Genese grundlegend von Theorien(3) der empirischen Sozialforschung: Darin gilt als Theorie(3), was über einen wiederholten, vollständigen und unabhängigen Abgleich mit der sozialen Wirklichkeit überprüft werden kann und im Idealfall bereits überprüft wurde. Theorien(4) hingegen nutzen in der Regel verschiedene Axiome bzw. inhaltliche Setzungen, die nicht mehr Teil einer Überprüfung sind und im weiteren Verlauf durch empirische und nicht empirische Befunde aus anderen Disziplinen ergänzt, veranschaulicht oder konkretisiert werden. Auch wenn Theorien(4) sich damit ebenfalls auf empirische Daten stützen und diese zur Ausgestaltung ihrer Axiome nutzen, folgen sie einer anderen Erkenntnislogik als Theorien(3).
Passende Belegstellen für Theorie(4) aus den Methodenbänden sind die folgenden:
Die hermeneutisch-konzeptionelle oder theoretische Forschung bezieht sich dabei auf klassisch-geisteswissenschaftliche Methoden und darf in diesem Sinne die längste Forschungstradition innerhalb der Fremdsprachendidaktik für sich beanspruchen (Reimann 2020: 13)
Sie [d.h. die theoretische Forschung] gewinnt Erkenntnisse in Auseinandersetzung sowohl mit der Theoriebildung innerhalb der Fremdsprachendidaktik als auch mit Konzeptbildungen und Erkenntnissen affiner Wissenschaftsdisziplinen (wie der Spracherwerbsforschung, der Bildungswissenschaften, der Sozialwissenschaften, der Linguistik und der Kultur- und Medienwissenschaften) (Bd. Caspari et al. 2022: 40)
Für die Auswertung und Interpretation von Quellen kann es äußerst hilfreich sein, auf Deutungsmuster, d.h. existierende Theorien zurückzugreifen (und sie gegebenenfalls abzuwandeln bzw. zu erweitern), die dabei helfen können, die Fragestellung zu beantworten (Bd. Doff 2012: 92)
Die Theoriebildung ermöglicht es beiden Autorinnen, ein Instrument zur kritischen Analyse und Optimierung von Lehrmaterial zu entwickeln (Bd. Caspari et al. 2022: 42)
[Lehrwerksanalysen,] die sich mit einem Lehrwerksystem oder Materialien einer Fremdsprache befassen und solchen, die lehrwerkvergleichend mehrere Fremdsprachen berücksichtigen. Innerhalb der beiden Gruppen kann nach den Bezugstheorien unterschieden werden, aus denen die Analysekriterien entwickelt werden (Bd. Caspari et al. 2022: 42)
Die größte Herausforderung besteht für VerfasserInnen von theoretischen Arbeiten sicherlich darin, sich Einblick in solche Theorien zu verschaffen, die nicht aus der Fremdsprachenforschung stammen (Bd. Caspari et al. 2022: 144)
In der Fremdsprachenforschung dienen Theorien(4) somit als Perspektive, Blickwinkel oder Rahmen, aus dessen Warte heraus die Quelle (z.B. Lehrwerk, Lektüre, Unterrichtstranskript) analysiert und diskutiert werden kann, um die darin vorliegenden sozialen Verhältnisse, Ausgrenzungen und Widerstände sichtbar zu machen. Für die Fremdsprachendidaktik liegt eine besondere Herausforderung darin, sich die komplexen Theorien(4) der Geisteswissenschaften anzueignen und diese auf neuartige, für die Fremdsprachendidaktik einschlägige Quellen (z.B. Lehrwerke, Unterrichtstranskripte) anzuwenden.
Eine sinnvolle Definition für Theorie(4) wäre demnach: Theorie(4) als Analyse- und Interpretationsrahmen zur Diskussion fremdsprachendidaktischer Quellen, der es ermöglicht, gesellschaftliche Machtverhältnisse, Ausgrenzungen und Widerstände sichtbar zu machen.
Theorie(5): Theorie in der Forschungsmethodologie
Die fünfte Bedeutung von ‚Theorie‘ bezieht sich auf die Forschungsmethodologie der Fremdsprachendidaktik, d.h. auf die Logik der Methoden und Verfahren, welche die Fremdsprachendidaktik zur Erforschung ihrer Gegenstände nutzt. Theorie(5) ist somit keine Theorie von ihren Gegenständen, wie Theorie(3), oder ein Rahmen zur Analyse ihrer Gegenstände, wie Theorie(4), sondern die Theorie der dabei verwendeten Forschungsmethoden und ‑verfahren.
In den Methodenbänden finden sich zahlreiche dazugehörige Belegstellen:
Grundlagen der Messtheorie (Bd. Settinieri 2014: 183)
Die Entwicklung eines theoriegeleiteten Fragebogens (Bd. Doff 2012: 119)
theoriegeleitet werden für eine Forschungsfrage besonders typische oder untypische Fälle ausgewählt (Bd. Caspari et al. 2022: 90)
Theorien und Methoden von Diskursanalysen (Bd. Caspari et al. 2022: 147)
Somit betrifft Theorie(5) nicht das Was, sondern das Wie der Forschung in der Fremdsprachendidaktik. Bei diesen Methoden und Verfahren kann es sich sowohl um empirische Methoden, wie zur Gewinnung von Theorie(3) erforderlich, als auch um geisteswissenschaftliche Methoden, wie zur Anwendung von Theorie(4) benötigt, handeln. Wie beschrieben, enthalten die Methodenbände mehrheitlich Kapitel zu empirischen Methoden, was sich auch in den Belegstellen zeigt, die mehrheitlich auf die empirischen Forschungsmethoden bezogen sind.
Eine geeignete Definition für Theorie(5) wäre somit: Theorie(5) als die Forschungsmethodologie der Fremdsprachendidaktik bzw. als die Logik ihrer Forschungsmethoden und -verfahren.
Theorie(6): Theorie in wechselseitiger Beziehung zur Praxis
Die sechste Bedeutung bezieht sich auf ‚Theorie‘ als etwas, das in einer wechselseitigen Beziehung zur Praxis des Fremdsprachenunterrichts, d.h. dem Unterrichten der Fremdsprache an Schulen oder Sprachlehrinstituten, steht. Dabei befinden sich Theorie und Praxis in einer Art wechselseitiger Abhängigkeit bzw. Verbindung. Zum einen bietet die Theorie einen Transfer oder Anwendung ihrer Erkenntnisse auf die Praxis an. Sie hält also Wissen bereit, das eine Anwendung auf Schule und Unterricht aufweist und das Handeln von Lehrkräften im Fremdsprachenunterricht informiert. Zum anderen ist die Praxis der Ort, an dem die Theorie über empirische Forschung explorativ gewonnen oder konfirmatorisch überprüft werden kann.
Im Ergebnis ergibt sich somit eine komplexe wechselseitige Beziehung, die ebenfalls in den Belegstellen der Methodenbände sichtbar wird:
Theorie-Praxis-Verknüpfung (Bd. Doff 2012: 173)
Zu beachten ist die grundsätzliche Schwierigkeit, das komplexe Wechselverhältnis von Theorie und Praxis zu strukturieren (Bd. Caspari et al. 2022: 401)
Dies kann angesichts der Vielfalt und Komplexität der Praxis jedoch nicht durch simple Ableitung theoretisch gewonnener Erkenntnisse geschehen, sondern nur in der Interaktion zwischen Theorie und Praxis (Bd. Caspari et al. 2022: 11)
Das Ergebnis einer Forschungsarbeit sollte jedoch stets einen Erkenntnisgewinn für die Theorie – und dadurch zumindest indirekt auch für die Praxis – liefern (Bd. Caspari et al. 2022: 405)
An Theorie(6) ist auffällig, dass Theorie und Praxis offenbar als voneinander getrennte Bereiche gesehen werden, die lediglich miteinander interagieren bzw. verknüpft sind. Dabei gilt, dass die Interaktion zweier Bereiche ihre inhaltliche Unabhängigkeit in gewisser Weise bereits beinhaltet bzw. voraussetzt. Das zu Theorie(3) gehörende Forschungsverständnis hinterfragt diese Sichtweise hilfreich, indem es die Beziehung von Theorie und Praxis als ein Modell versteht (d.h. Theorie), das die komplexen Regelhaftigkeiten des Fremdsprachenlehrens/‑lernens (d.h. Praxis) in vereinfachter Form abbildet. Ein fortlaufender empirischer Abgleich zwischen Theorie und Praxis führt in der Folge dazu, dass die Theorie eine stets treuere Abbildung der Gesetzmäßigkeiten der Praxis darstellt. Auf diese Weise können Theorie und Praxis ebenfalls als Teil eines Gleichen bzw. Ganzen gesehen werden, in dem die Theorie eine vereinfachte Abbildung der Faktorenkomplexion der Praxis darstellt. Eine Trennung der Bereiche, wie in den Belegstellen sichtbar, wäre im Sinne der Forschungslogik der empirischen Sozialwissenschaften somit unnötig.
Schließlich berührt die Diskussion um Theorie und Praxis in der Fremdsprachendidaktik den im Feld seit langem diskutierten Theorie-Praxis-Gap, wonach Befunde der Theorie stellenweise nicht oder nur verzögert in den Fremdsprachenunterricht gelangen (vgl. Caspari 2011, 2022 für eine ausführlichere Darstellung). Das wechselseitige Verhältnis zwischen Theorie und Praxis wird somit mitunter auch als Spannungsverhältnis erlebt, das es in der Folge aufzulösen gilt. Wie eine solche Auflösung gelingen kann, ist selbst Teil einer fortlaufenden Diskussion innerhalb der Fremdsprachendidaktik (vgl. Caspari 2011, 2022).
Eine passende Definition für Theorie(6) wäre demnach: Theorie(6) als Wissen, das in einer wechselseitigen Beziehung zur Praxis des Fremdsprachenunterrichts steht, in der beide Bereiche sich gegenseitig informieren.
Theorie(7): Theorie als allgemeines Synonym zu Wissen
Die siebte Kategorie betrifft Belegstellen, in denen ‚Theorie‘ im allgemeinen Sinne von Wissen oder Wissensbestand gebraucht wird und seine Bedeutung damit (vergleichsweise) unspezifisch oder vage bleibt. Wie die folgenden Belegstellen zeigen, wird ‚Theorie‘ in den Bänden somit nicht immer mit einer konkreten, klar benennbaren Bedeutung genutzt:
Jedoch geht es auch hierbei nicht um die alleinige Anwendung der Theorien, Modelle und Erkenntnisse aus den Bezugswissenschaften (Bd. Caspari et al. 2022: 12)
Diese bringen in der Regel eine wiederholte Beschäftigung mit Daten, Texten und Dokumenten mit sich, die nicht selten zur Modifikation der Forschungsfrage und zur Befassung mit neuen Theorien führt (Bd. Caspari et al. 2022: 410–411)
Zur Vorplanung gehören zunächst Explorationstätigkeiten, die über die notwendige Sammlung und Reflexion von Informationen wie in theoriebasierten oder rezeptiv-reproduzierenden Arbeiten hinausgehen (Bd. Doff 2012: 57)
Die Beispiele zeigen, dass ‚Theorie‘ in den Methodenbänden mitunter als offener Sammelbegriff für Wissen(sbestände) genutzt wird, ohne zu konkretisieren, ob diese Theorie das Ergebnis einer empirischen Überprüfung, wie Theorie(3), einen argumentativen Rahmen, wie Theorie(4), oder die Logik der Forschungsmethoden, wie Theorie(5), beschreibt. Die hier vorgefundene Begriffsunschärfe wird in der lexikalischen Semantik als ‚semantische Vagheit‘ eines Ausdrucks bezeichnet (vgl. Devos 2003; Kennedy 2019) und darin, in Übereinstimmung mit Theorie(7), wie folgt beschrieben: „semantic vagueness as an intrinsic uncertainty with regard to the application of a word to a denotatum [d.h. Referent eines Ausdrucks]” (Devos 2003: 123). In gleicher Weise weist auch Theorie(7) eine ‚intrinsische Unbestimmtheit‘ in Bezug auf die Referenz des Ausdrucks auf und verweist auf keinen klar spezifizierbaren Sachinhalt (außer eben auf Wissen/-sbestände im Allgemeinen). Einerseits ist dies für die Methodenbände günstig, da die Vagheit von ‚Theorie‘ eine konkrete Festlegung vermeidet, womit die Belegstellen auf jedwede Art von Theorie bezogen werden können (und möglicherweise sogar sollen; vgl. das erste Beispiel oben Bd. Caspari et al. 2022: 12). Andererseits kann die Offenheit von ‚Theorie‘ von Nachteil sein, da sie für die Leser:innen einen Deutungsspielraum eröffnet, der die Präzision und Klarheit der wissenschaftlichen Texte beeinträchtigt (vgl. Gotti 2011: 20–24).
Eine passende Arbeitsdefinition für Theorie(7) wäre somit: Theorie(7) als allgemeines Synonym zu Wissen, Konzepten oder geistigen Inhalten.
Theorie(8): Theorie zur Benennung bestehender Theorien
Die achte Bedeutung von ‚Theorie‘ ist im Rahmen der Sammelbände, die wissenschaftliche Aufsätze der Fremdsprachendidaktik enthalten, vermutlich weniger überraschend. Sie betrifft die reine Benennung bzw. Bezeichnung bereits bestehender Theorien aus der Fremdsprachendidaktik oder ihren Bezugsfeldern (z.B. Angewandte Linguistik, Pädagogische Psychologie, Statistik). Die Belegstellen der Methodenbände ähneln sich untereinander, insofern sie alle auf bereits existierende Theorien verweisen:
Item-Response-Theorie (Bd. Settinieri et al. 2014: 92)
Grundbedürfnistheorie der Motivation von Ryan & Deci (Bd. Doff 2012: 138)
Tätigkeitstheorie von Galperin (Bd. Caspari et al. 2022: 46)
In kommunikativer Hinsicht fällt auf, dass die Benennung eines Mehrwortausdrucks als ‚Theorie‘ in Theorie(8) diesen Ausdruck erst im Sinne einer wissenschaftlichen Theorie hervorhebt – oder womöglich sogar erst etabliert. Die Theorie-Bezeichnung verleiht dem Ausdruck somit eine gewisse Legitimität und Besprechbarkeit im Fachdiskurs der Fremdsprachendidaktik. Darüber hinaus trägt diese Benennung auch zur Selbstlegitimation des Beitrags bei, der eine Theorie(8) beinhaltet, indem sie diesen Beitrag im Fachdiskurs verankert und damit seinen eigenen Wissenschaftsanspruch markiert.
Gleichzeitig wird in Theorie(8), wie auch in Theorie(7), nicht weiter konkretisiert, ob der Mehrwortausdruck im Sinne einer Theorie(3), Theorie(4) oder Theorie(5) zu verstehen ist. Diese Konkretisierung kann allerdings über das Bezugsfeld erfolgen, das die ursprüngliche Theorie bereitstellt. So dürfte z.B. die Pädagogische Psychologie in der Regel eine Theorie(3) bereithalten, die Literatur- und Kulturwissenschaften eine Theorie(4) und die Statistik oder Methodenwissenschaften eine Theorie(5).
Eine passende Definition für Theorie(8) wäre somit: Theorie(8) als Wortbestandteil einer bereits bestehenden Theorie eines Wissenschaftsfeldes, die eine fachliche (Selbst-)Legitimation beinhaltet.
Theorie(9): Theorie als Bestandteil eines Buch- oder Programmtitels
Auch die neunte Bedeutung von ‚Theorie‘ dürfte im Rahmen der wissenschaftlichen Sammelbände wenig überraschen. In dieser Bedeutung wird ‚Theorie‘ als Titelbestandteil eines wissenschaftlichen Buches, Aufsatzes oder Programms gebraucht, das entweder im Text oder im Literaturverzeichnis erwähnt bzw. zitiert wird. Auch diese Belegstellen ähneln sich und sind alle auf wissenschaftliche Publikationen oder Programme bezogen:
in ihrer Arbeit Lesetheorie und fremdsprachliche Lesepraxis (Bd. Caspari et al. 2022: 42)
Das Spannungsverhältnis von Theorie und Praxis [Buchtitel] (Reimann 2020: 105)
das Forschungsprogramm Subjektive Theorien (Bd. Caspari et al. 2022: 62)
Das für Theorie(8) Beschriebene gilt für Theorie(9) in ähnlicher Weise: Auch hier dient der Verweis oder das Zitat einer Theorie(9) als eine Referenzpraxis, die sowohl die Legitimität der zitierten Theorie als auch die Legitimität des zitierenden Beitrags als Teil des Fachdiskurses hervorhebt (oder möglicherweise sogar erst herstellt). Erneut bleibt unkonkret, welche Bedeutung von ‚Theorie‘ über eine Theorie(9) bezeichnet wird, was jedoch über die dazugehörige Publikation bzw. das dazugehörige Forschungsprogramm aufgelöst werden kann.
Eine sinnvolle Definition für Theorie(9) wäre somit: Theorie(9) als Bestandteil eines wissenschaftlichen Buch- oder Forschungsprogrammtitels, die eine fachliche (Selbst-)Legitimation beinhaltet.
5 Diskussion
Nachdem die verschiedenen Bedeutungen von ‚Theorie‘ in der Fremdsprachendidaktik (bzw. in den untersuchten Forschungsmethodenbänden) vorgestellt wurden, stellt die abschließende Diskussion dar, wie sich diese Bedeutungen inhaltlich zueinander verhalten. Dabei soll wieder in der gleichen Reihenfolge vorgegangen werden wie im vorherigen Abschnitt und Theorie(1), Theorie(2), Theorie(3) usw. nacheinander in Beziehung gesetzt werden. Die Betrachtung wird abgeschlossen durch ein Fazit, das hervorhebt, welche Folgen die vorgefundene Mehrdeutigkeit von ‚Theorie‘ und die Beziehungen ihrer Bedeutungen für die Disziplin der Fremdsprachendidaktik haben.
Als Erstes steht Theorie(1), im Sinne von ‚nur in der Theorie‘ denkbar, in einem klaren Widerspruch zu Theorie(3), als eine aus dem Abgleich mit empirischen Beobachtungen hervorgegangene Theorie. Als solche erhebt Theorie(3) gerade den Anspruch, die Strukturgesetzmäßigkeiten des Fremdsprachenlehrens/-lernens als vereinfachendes Modell tatsächlich abzubilden und damit nicht ‚nur theoretisch‘ gültig zu sein. Würde eine Theorie(3) sich wie eine Theorie(1) verhalten, wären zahlreiche Fehler im Forschungsverlauf aufgetreten und hätten eine Abbildung der sozialen Wirklichkeit erzeugt, die diese ebenfalls fehlerhaft wiedergibt. Warum beide Bedeutungen sich beinahe direkt widersprechen, ist unklar. Möglicherweise stammen die Ausdrücke ‚nur in der Theorie‘ oder ‚rein theoretisch‘, die Teil der Alltagssprache sind, aus einer spekulativen, vor-empirischen Wissenschaftsepoche oder sie beruhen auf einem Fehlverständnis der wissenschaftlichen Arbeitsweise, die ihre Theorien als stets nur vorläufig beschreibt, womit sie auch als ‚falsch‘ oder ‚nur theoretisch‘ gültig erscheinen mögen.
Als Nächstes verhält sich Theorie(2), welche die subjektiven Annahmen einer Person beschreibt, als eine Art Ausgangsmaterial einer empirisch fundierten Theorie(3). Denn Theorie(3), ob explorativ hervorgebracht oder konfirmatorisch überprüft, beruht auf ihrem Abgleich mit Beobachtungen bzw. Daten, die in vielen Fällen eben die in Theorie(2) beschriebenen subjektiven Annahmen einer Person sein können. Passende Methoden wären hier z.B. Interviews oder Lautes Denken mit Schüler:innen oder Lehrer:innen zu fremdsprachendidaktischen Fragen, die jeweils zur Erzeugung von Theorien(2) führen, welche im Anschluss zu einer Theorie(3) verdichtet werden können. Damit lässt sich Theorie(2) ohne Widerspruch als Teil einer empirischen Vorgehensweise in der Fremdsprachenforschung, im Sinne von Theorie(3), denken.
Im Anschluss ist Theorie(4) geeignet, ein Untersuchungsgebiet, innerhalb dessen eine Theorie(3) erzeugt oder überprüft werden soll, im Vorfeld zu begrenzen bzw. festzulegen. So könnte ein Forschungsvorhaben die Strukturgesetze des Lehrens und Lernens z.B. im Bereich Gender, (Post-)Kolonialismus, Nachhaltigkeit oder Demokratiebildung – jeweils im Rahmen des Fremdsprachenunterrichts – anhand empirischer Daten untersuchen und damit eine Theorie(3) erzeugen oder überprüfen. Dabei gilt, dass eine Forscher:in in jedem empirischen Forschungsvorhaben eine vorherige Entscheidung darüber treffen muss, welches Untersuchungsgebiet aus dem breiten Raum des Fremdsprachenunterrichts untersucht werden soll. Die Themen der Theorie(4) können dabei wertvolle Hinweise auf aktuelle, gesellschaftlich relevante Untersuchungsfelder geben. Eine besondere Sorgfalt ist geboten, damit die Daten eines solchen Forschungsvorhabens mit einem geeigneten Versuchsaufbau gewonnen und objektiv ausgewertet werden, um zu vermeiden, dass eine Theorie(3) ‚im Geiste‘ einer vorab festgelegten Theorie(4) entsteht. Jede Theorie(3) muss im Abgleich mit unabhängigen Beobachtungen, welche die soziale Realität möglichst unverfälscht abbilden, entstehen, damit sie diese Realität auch tatsächlich beschreibt. Eine Theorie(3) muss somit einer im Vorfeld festgelegten Rahmen-Theorie(4) in letzter Instanz widersprechen können.
Als Nächstes stehen Theorie(3) und Theorie(4) jeweils in Bezug zu Theorie(5), als die Logik ihrer Forschungsverfahren und -werkzeuge. Im Fall von Theorie(3) sind diese Werkzeuge die bekannten empirischen Methoden der Sozialforschung, wie Interviews, Videographie, Fragebögen, Kompetenztests usw., die zu einer Theorie(3) passende empirische Daten erzeugen und deren Logik und Anwendung von Theorie(5) beschrieben wird. Im Fall von Theorie(4) ist die Arbeitsweise mit ihren Quellen (z.B. Bildungspläne, Lehrwerke, Lektüren) beispielsweise kritisch-reflexiv oder hermeneutisch-verstehend, welche als analytische Verfahren ebenfalls als Theorie(5) diskutiert werden können (z.B. die Theorie der Hermeneutik).
Schließlich ist Theorie(6), die in einer wechselseitigen Beziehung zur Praxis des Fremdsprachenunterrichts steht, mit Theorie(3) verbunden. Wie beschrieben, kann Theorie(3) als ein wissenschaftliches Modell verstanden werden, das die Faktorenkomplexion der Praxis in vereinfachter Form abbildet. Über einen fortlaufenden Abgleich der Theorie mit der Praxis im Rahmen empirischer Forschung nähert sich die Theorie der Praxis immer weiter an bzw. beschreibt ihre komplexe Regelhaftigkeit immer treuer. In letzter Instanz, ist man am Ende dieser Forschungslogik angelangt, hielte die Theorie eine korrekte, komplette Abbildung der Praxis bereit und fiele mit dieser zusammen. Doch bereits im Vorfeld, im Verlauf der Forschung, wäre die Theorie eine mit immer kleineren Ungenauigkeiten behaftete Abbildung der Praxis. Mit Blick auf Theorie(3) kann die Beziehung von Theorie und Praxis, die zunächst zwei getrennte Bereiche nahelegt, schlussendlich aufgegeben bzw. aufgelöst werden. Theorie und Praxis stellen somit Teile des gleichen Ganzen oder Seiten der gleichen Münze dar, ohne dass diese gegeneinander ausgespielt oder abgewertet werden könnten.
Verfolgt man diese auf Theorie(3) gestützte Sichtweise weiter, ergeben sich zusätzliche Überlegungen für den Theorie-Praxis-Gap, die diesen zumindest in Teilen erklären. Zum einen könnte es sein, dass eine aktuell verfügbare Theorie(3), die einen konkreten Gegenstandsbereich der Fremdsprachendidaktik abbildet, bislang keine geeignete empirische Konfirmation durchlaufen hat. Damit wäre ungeklärt, zu welchem Grad sie diesen Bereich erfolgreich beschreibt und inwiefern sie das tatsächliche Handeln von Lehrkräften und Schüler:innen erfolgreich vorhersagen kann. Dies gilt ebenso für eine Theorie(3), die durch eine weitere nicht empirisch überprüfte Theorie(3) ‚belegt‘ wird, da diese ihren empirischen Gehalt nicht steigert. Zum anderen ist denkbar, dass eine aktuell verfügbare Theorie(3) die tatsächliche Faktorenkomplexion der Praxis nur unzureichend abbildet, weil sie explorativ anhand weniger Fälle gewonnen wurde, über die eine Generalisierung getroffen wird. Damit träfe sie ebenfalls keine vollständige Vorhersage für die Praxis, da diese den Regelhaftigkeiten der Grundgesamtheit folgt. Schließlich ist vorstellbar, dass eine aktuell verfügbare Theorie(3) keine Faktoren beinhaltet, die von der Lehrkraft im Unterricht beeinflusst werden können (z.B. eine Theorie(3) zum Zusammenhang von kognitiven Fähigkeiten und Lesekompetenz). Auch darin träte eine Art von Theorie-Praxis-Gap auf, da diese Theorie(3) das konkrete Handeln einer Lehrkraft nicht ohne Weiteres informieren kann. Gleichzeitig gilt, dass diese Fragen sich gemäß der Forschungslogik der Theorie(3) erfolgreich auflösen, und zwar in dem Maße, in dem die Theorie(3) ihre Abbildung der Gesetzmäßigkeiten der Praxis fortlaufend verbessert und vervollständigt.
Die Bedeutung von Theorie(7), als semantisch vages Synonym zu Wissen, Konzepten oder geistigen Inhalten, kann im jeweiligen Textzusammenhang eines wissenschaftlichen Beitrags konkretisiert werden. Auf diese Weise würde die semantische Vagheit des Begriffs aufgelöst, womit dieser z.B. die Bedeutung von Theorie(3), Theorie(4) oder Theorie(5) annimmt. Wenn wir das obige Beispiel betrachten – „Jedoch geht es auch hierbei nicht um die alleinige Anwendung der Theorien, Modelle und Erkenntnisse aus den Bezugswissenschaften“ (Bd. Caspari et al. 2022: 12) –, könnte dieser Satz leicht durch eine Fortführung – „d.h. die empirischen Bildungswissenschaften“ oder „d.h. die Literatur- und Kulturwissenschaften“ – desambiguiert und in Richtung von Theorie(3) oder Theorie(4) konkretisiert werden. Theorie(7) steht somit in einer Beziehung zu Theorie(3), Theorie(4) oder Theorie(5), welche diese Konkretisierung im Textzusammenhang eines wissenschaftlichen Beitrags vornehmen können.
Schließlich lassen sich auch Theorie(8) und Theorie(9), ähnlich wie für Theorie(7) beschrieben, mit Theorie(3), Theorie(4), Theorie(5) und Theorie(6) in Verbindung setzen. Bei Theorie(8) und Theorie(9) handelt es sich jeweils um Verweise, zum einen über die Bezeichnung bestehender Theorien aus der Fremdsprachendidaktik und ihren Bezugsfeldern in Theorie(8), zum anderen über die Benennung bestehender wissenschaftlicher Buch- oder Programmtitel in Theorie(9). In beiden Fällen kann somit ein Rückgriff auf die eigentliche Quelle der Verweise in Theorie(8) und Theorie(9) erfolgen, indem die Ursprungspublikation einer Theorie(8), das wissenschaftliche Bezugsfeld einer Theorie(8) oder die zitierte Publikation oder Programm einer Theorie(9) recherchiert wird. Auf diese Weise kann eine Konkretisierung von Theorie(8) und Theorie(9) in Richtung von Theorie(3), Theorie(4), Theorie(5) oder Theorie(6), falls die Publikation das Verhältnis von Theorie und Praxis behandelt, gelingen. Theorie(8) und Theorie(9) stehen somit in einer Beziehung zu Theorie(3), Theorie(4), Theorie(5) und Theorie(6), welche eine Konkretisierung von Theorie(8) und Theorie(9) über eine Recherche ihrer Quellen leisten können.
6 Fazit
Im Ergebnis zeigen die Befunde der qualitativen Studie, dass ‚Theorie‘ in der Fremdsprachendidaktik in mehreren, zum Teil sehr unterschiedlichen Bedeutungen vorliegt und gebraucht wird. Diese Mehrdeutigkeit wird in der lexikalischen Semantik als Polysemie bezeichnet. Danach kann ein Begriff mehrere Bedeutungen bzw. mehrere Sinne besitzen, die semantisch miteinander verwandt sind. Im Fall von ‚Theorie‘ scheint diese Verwandtschaft in den geteilten Sinnbestandteilen ‚Wissen‘ und ‚Struktur‘ zu bestehen. Polysemie ist ein natürlicher Ausdruck der Ökonomie von Sprache, der es Sprecher:innen erlaubt, mit einer begrenzten Anzahl von Begriffen eine ungleich größere Anzahl von Bedeutungen auszudrücken. Um polyseme Wörter zu desambiguieren bzw. ihre Bedeutung festzulegen, nutzen Sprecher:innen die Einbettung eines Begriffs im (sprachlichen) Satz- oder (außersprachlichen) Diskurskontext, sodass im Alltagsgebrauch keine Missverständnisse entstehen. Mit anderen Worten: Hörer:innen oder Leser:innen beziehen also den situativen Kontext, das Thema des Gesprächs, die Beziehung der Gesprächsteilnehmenden oder den größeren inhaltlichen Rahmen mit ein, um zu entscheiden, welche der möglichen Bedeutungen eines polysemen Ausdrucks gemeint ist (vgl. Kovács 2012: 62–68). So kann der Satz „Er schloss das Schloss im Schloss ab und schloss nichts daraus“, der das polyseme /ʃlɔs/ in vier Bedeutungen enthält, ohne größere Schwierigkeiten verstanden werden (vgl. Geeraerts 2016: 234–240 für eine ausführliche Darstellung von lexikalischer Polysemie).
Was können also, als ein Fazit des Beitrags, die Folgen der vorliegenden Polysemie von ‚Theorie‘ für das Feld der Fremdsprachendidaktik und die dazugehörige Forschung sein? Laufen Forscher:innen der Fremdsprachendidaktik beständig Gefahr, auf Konferenzen und in Publikationen aneinander vorbei zu reden bzw. vorbei zu schreiben? Auf einer Tagung wie der DGFF, auf der empirische, literatur-/kulturwissenschaftliche und forschungsmethodische Panels parallel stattfinden, wechselt notwendigerweise auch das Verständnis von Theorie zwischen diesen Panels und ihren Beiträgen. Führt dies zu Missverständnissen oder, schlimmer noch, zu einem nur eingebildeten Verstehen der jeweiligen Beiträge? Eine solche Problematik besteht vermutlich nicht, da, wie am Beispiel von /ʃlɔs/ gezeigt, Sprecher:innen polyseme Begriffe über den Rückgriff auf ihren Satz- und Diskurskontext im Regelfall leicht desambiguieren. Somit können erfahrene Forscher:innen, die eine Tagung besuchen oder einen Beitrag lesen, über die Rahmung dieser Beiträge (z.B. Panel, Zeitschrift, Beitragstitel, Autor:in) einschätzen, ob von einer empirischen Theorie(3), einer Theorie(4)-Perspektive, einer Methoden-Theorie(5) usw. die Rede ist, die Informationen des Beitrags entsprechend für sich einordnen und in der Folge angemessen in eigene Beiträge einbringen.
Eine reale Problematik besteht dagegen gegenüber Studierenden, die sich noch in der akademischen Ausbildung befinden, sowie gegenüber schulischen Akteuren, wie Lehrer:innen, Ausbilder:innen oder Ministeriums-Mitarbeiter:innen. Für diese Leser:innen, welche nicht dauerhaft am Wissenschaftsbetrieb teilnehmen, besteht ein echtes Risiko des Fehlverstehens, indem z.B. eine empirisch abgesicherte Theorie als lediglich ‚theoretisch‘ gültig verstanden würde und damit ihre Verbindlichkeit verliert oder eine gesellschaftskritische Theorie, die ihrem Wesen nach keine systematische Überprüfung durchläuft, als eine empirische Theorie (miss-)verstanden würde. An dieser Stelle können Zusätze in einem Tagungs- oder Zeitschriftenbeitrag wie „empirische Theorie“, „gesellschaftskritische Theorie“, „Methodentheorie“ usw. die nötige Desambiguierung leisten und Missverständnisse bei Leser:innen außerhalb des Wissenschaftsbetriebs vermeiden. Abschließend ist der Ausdruck „wissenschaftliche Theorie“ an dieser Stelle vermutlich wenig hilfreich, da auch er, wie Theorie(7), in letzter Instanz semantisch vage bleibt und mit einer konkreten Bedeutung gefüllt werden müsste.
Als Ausblick auf zukünftige Untersuchungen zur Frage, wie ‚Theorie‘ in der Fremdsprachendidaktik verstanden wird, wären verschiedene weitere Forschungsvorhaben lohnenswert. Zum einen könnte der Textkorpus der qualitativen Inhaltsanalyse erweitert werden, um eine größere Datenbasis für die Untersuchung zu gewinnen, die möglicherweise weitere Kategorien bzw. Bedeutungen von ‚Theorie‘ hervorbringt. Dies kann geschehen, indem weitere Sammelbände zu Forschungsmethoden, internationale (d.h. nicht deutschsprachige) Bände zu Forschungsmethoden oder Einzelbeiträge von Forscher:innen einbezogen werden, wobei sich die Frage nach einer geeigneten Stichprobe stellt. Eine weitere Möglichkeit wäre die Suche nach den Schlagworten „Theor*“/„theor*“, anstelle von „Theorie“/„theorie“, um weitere Belegstellen zu gewinnen.
Darüber hinaus bietet sich eine Diskursanalyse als vielversprechende Forschungsmethode an, um nicht nur die explizite Verwendung von ‚Theorie‘, wie in der qualitativen Inhaltsanalyse, sondern auch implizite Bedeutungszuschreibungen und (Selbst-)Positionierungen von Forscher:innen im fremdsprachendidaktischen Diskurs sichtbar zu machen. Als Datenmaterial kämen hierfür Einzelbeiträge aus möglichst unterschiedlichen Bereichen der Fremdsprachendidaktik in Frage. Eine Diskursanalyse würde nicht danach fragen, was unter ‚Theorie‘ verstanden wird, sondern wie und wozu Forscher:innen in ihren Beiträgen über ‚Theorie‘ sprechen. Eine solche Analyse könnte sichtbar machen, welche Selbstverständnisse von Fremdsprachendidaktik und -forschung sich in den verschiedenen Beiträgen spiegeln. Diese Befunde würden ein weiter- und tiefergehendes Verständnis der Bedeutung von ‚Theorie‘ in der Fremdsprachendidaktik erlauben, das über die Bedeutung der Textoberfläche, wie in diesem Beitrag untersucht, hinausgeht. Im Idealfall könnten die bereits vorgefundenen Kategorien durch zusätzliche Erkenntnisse ausdifferenziert und kontextualisiert werden, um auf diese Weise ein umfassenderes Bild davon zu gewinnen, wie der Begriff ‚Theorie‘ das fachliche Selbstverständnis der Fremdsprachendidaktik strukturiert und prägt.
Notes
- Der vorliegende Beitrag beschränkt sich aus Gründen der Forschungsökonomie auf das Suchwort „Theorie“. Für eine umfassendere Untersuchung hätte eine Suche nach „theor*“ genutzt werden können. [^]
- Addendum: Der vorliegende Beitrag wurde im November 2025 in seiner finalen Fassung angenommen und für die Drucklegung vorbereitet. Im Dezember 2025 erschien ein Beitrag von Guttke und Merse (2025), der ebenfalls die ‚Theorie‘ in der Fremdsprachendidaktik thematisiert. Somit lag zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits eine publizierte Forschungsarbeit zum Theoriebegriff vor, die jedoch keinen Eingang in diesen Beitrag finden konnte. [^]
Literatur
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Kurzbio
Andreas Wirag ist wissenschaftlicher Mitarbeiter (PostDoc) der Englischen Fachdidaktik der Georg-August-Universität Göttingen. Er vertrat die Professuren für Englische Fachdidaktik der Universität Kassel sowie dieselbe Professur der Universität Göttingen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind (empirische) Forschungsmethoden in der Fremdsprachendidaktik, die Angewandte Kognitive Linguistik und der kunstbasierte Fremdsprachenunterricht.
Anschrift:
Andreas Wirag
Georg-August-Universität Göttingen
Käte-Hamburger-Weg 3
37073 Göttingen