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<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Interkulturellen Fremdsprachenunterricht</journal-title>
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<publisher-name>Universit&#228;ts- und Landesbibliothek Darmstadt</publisher-name>
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<subject>Aufsatz zum themenschwerpunkt</subject>
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<article-title>Zwischen Separation und Inklusion: Neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen im deutschen Schulsystem &#8211; eine interdisziplin&#228;re Betrachtung</article-title>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Fachbereich 10 Sprach- und Literaturwissenschaften, Universit&#228;t Bremen</aff>
<aff id="aff-2"><label>2</label>FB 12: Erziehungs- und Bildungswissenschaften, Universit&#228;t Bremen</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2025-02-13">
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<abstract>
<p>Der Beitrag betrachtet das Thema von Separation und Inklusion in Bezug auf neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen im deutschen Schulsystem aus interdisziplin&#228;rer Perspektive. Ausgehend von einem breiten Inklusionsverst&#228;ndnis werden exemplarisch die Arbeitsbereiche Deutsch als Zweitsprache (DaZ) und Inklusive P&#228;dagogik mit dem Schwerpunkt Sprache und ihre (noch andauernde) Entwicklung von der Separation zur Inklusion zueinander in Beziehung gesetzt. Der Beitrag verdeutlicht, dass die Inklusion neu zugewanderter Sch&#252;ler*innen nicht nur hinsichtlich des Diversit&#228;tsmerkmals Sprache und bei diesem auch nur der Aneignung des Deutschen im Kontext von Migration und Mehrsprachigkeit fokussiert werden sollte.</p>
</abstract>
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<p><bold>Between Separation and Inclusion: Newly Immigrated Students in the German School System &#8211; an Interdisciplinary Perspective</bold></p>
<p>The article looks at the topic of separation and inclusion in relation to newly immigrated pupils in the German school system from an interdisciplinary perspective. Based on a broad understanding of inclusion, the fields of German as a second language (GSL) and inclusive pedagogy with a focus on language and their (ongoing) development from separation to inclusion are put in relation to each other as examples. The article illustrates that the inclusion of newly immigrated students should not only focus on the aspect of language as a sign of diversity, and, in this case, only on the acquisition of German in the context of migration and multilingualism.</p>
</trans-abstract>
<kwd-group>
<kwd>Deutsch als Zweitsprache (DaZ)</kwd>
<kwd>Inklusive P&#228;dagogik</kwd>
<kwd>Neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen</kwd>
<kwd>German as a Second Language (GSL)</kwd>
<kwd>inclusive education</kwd>
<kwd>newly immigrated students</kwd>
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<title>1 Einleitung</title>
<p>Sprache ist ein zentrales Medium der Subjektivierung und menschlicher Interaktion sowie ein wichtiger Schl&#252;ssel (unter anderem) zur selbstbestimmten Teilhabe sowohl an gesellschaftlichen Prozessen als auch an Bildung. Um den Anspruch an Bildungs- oder Chancengerechtigkeit auch nur ann&#228;hernd einzul&#246;sen, bedeutet dies u.a., dass <italic>allen</italic> Sch&#252;ler*innen, also auch jenen, die im Laufe ihrer Schulzeit nach Deutschland einwandern, die M&#246;glichkeit gegeben werden muss, sich Kenntnisse des Deutschen soweit anzueignen, dass sie sich einerseits mit ihren Interessen und Bed&#252;rfnissen in die Klassen- und Schulgemeinschaft im Sinne einer vollen Partizipation einbringen k&#246;nnen und andererseits dem Unterricht entsprechend ihrer weiteren Ressourcen folgen k&#246;nnen. Damit stellt sich allerdings auch unweigerlich die Frage, wie dieser Unterricht hinsichtlich des Aspekts <italic>Sprache</italic> von Beginn an inklusiv gestaltet ist. Die heterogene Gruppe der neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref> (vgl. u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B11">Diebel/Ahrenholz 2023</xref>) ger&#228;t dabei besonders in den Fokus: Zum einen steht sie &#8211; insbesondere, wenn es sich um eine Zuwanderung im Jugendalter handelt &#8211; vor besonderen Herausforderungen bei der Aneignung der Zweitsprache: Je nach Beschulungsmodell nimmt dieser Prozess sieben bis zehn Jahre in Anspruch (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B9">Collier/Thomas 2017</xref>), wobei weitere Faktoren wie die Literalit&#228;t in der Erstsprache oder Br&#252;che in der schulischen Bildung die Sprachaneignung beeinflussen (<xref ref-type="bibr" rid="B51">Stolk/Kaplan/Szwarc 2023</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref> Zudem stellen diese Sch&#252;ler*innen trotz aller Heterogenit&#228;t, die wir mit der reduktionistischen Gruppenkategorie lediglich aus analytischen Gr&#252;nden in diesem Text z.T. &#252;berschreiben, eine tendenziell besonders vulnerable Gruppe dar, als sie nicht nur vor der Herausforderung der Aneignung der deutschen Sprache in k&#252;rzester Zeit verbunden mit dem Einfinden in ein fremdes Schulsystem steht, sondern aufgrund eigener (Flucht-)Migrationserfahrungen ein h&#246;heres Risiko f&#252;r posttraumatische Belastungsst&#246;rungen mit allen einhergehenden Folgen aufweist (vgl. u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B24">Khamis 2019</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B50">Slone/Mann 2016</xref>). Entsprechende Unterst&#252;tzungsleistungen wie auch andere auf Inklusion ausgerichtete Aktivit&#228;ten beruhen in der Regel auf dem Verwenden der deutschen Sprache und stehen den betreffenden Sch&#252;ler*innen damit nur eingeschr&#228;nkt oder gar nicht zur Verf&#252;gung. Seit 2015/16 hat sich die Zahl an Gefl&#252;chteten aus Afghanistan und Syrien, darunter viele unbegleitete Minderj&#228;hrige, sowie seit Beginn des Ukraine-Krieges 2022 die Zuwanderung von Schutzsuchenden &#8211; insbesondere jungen Frauen, Kindern und schulpflichtigen Jugendlichen &#8211; deutlich erh&#246;ht. Trotz wachsender Bem&#252;hungen generell um Inklusion im deutschen Schulsystem zeigt sich jedoch, dass neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen h&#228;ufig davon ausgeschlossen bleiben und weiterhin separat unterrichtet werden, teils sogar an speziell f&#252;r sie eingerichteten Schulen.</p>
<p>Inklusion gilt mittlerweile als &#8222;paradigmatischer Leitbegriff, der in den vergangenen Jahren zunehmend Eingang in didaktische, schulp&#228;dagogische und bildungspolitische Diskussionen und &#220;berlegungen gefunden&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B16">D&#246;ll/Michalak 2023</xref>) und damit auch das Fachgebiet Deutsch als Zweitsprache (DaZ) erreicht hat. Andererseits l&#246;st &#8222;kaum ein anderes Thema [&#8230;] so viel Reaktanz aus, was auch darin begr&#252;ndet sein d&#252;rfte, dass sich zwischen politischer, bildungspolitischer und Schulrealit&#228;t erhebliche Abgr&#252;nde auftun&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B43">Riemer 2017: 231</xref>). In Bezug auf die Zielgruppe der neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen ist diese Diskussion im Fach DaZ bislang gef&#252;hrt worden, ohne sich tiefergehend mit jenem Bereich der Inklusiven P&#228;dagogik zu verzahnen, welcher sich im Schwerpunkt mit Sprache besch&#228;ftigt und damit viele &#220;berschneidungen aufweist. Zwar ist das Fach DaZ bereits in seiner Genese interdisziplin&#228;r angelegt, wie immer wieder mit dem Verweis auf die Bezugsdisziplinen verdeutlicht wird (vgl. u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B3">Altmayer/Biebigh&#228;user/Haberzettl/Heine 2021</xref>), eine Verzahnung mit dem Inklusionsdiskurs ist bislang nur vereinzelt erfolgt und bezieht sich h&#228;ufig auf Aspekte einer inklusiven Sprachbildung f&#252;r alle Sch&#252;ler*innen (vgl. z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B16">D&#246;ll/Michalak 2023</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B38">Pl&#246;ger 2023</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B43">Riemer 2017</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B45">R&#246;del/Simon 2019</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B49">Settinieri 2017</xref>). Eine erste vertiefte interdisziplin&#228;re Behandlung von Sprachbildung und Inklusion erfolgte zum Beispiel an der HU Berlin im Rahmen der Qualit&#228;tsoffensive Lehrerbildung (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B44">R&#246;del/Frohn/Moser 2019</xref>) und er&#246;ffnete damit den transdisziplin&#228;ren Dialog.</p>
<p>Im Fach DaZ wird, entgegen des mittlerweile breit angelegten Inklusionsverst&#228;ndnisses, aus dem &#8211; in Bezug auf Schule &#8211; der Anspruch abgeleitet wird, eine Bildungsinstitution f&#252;r alle zu sein und damit alle Diversit&#228;tsdimensionen<xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref> in den Blick zu nehmen, nicht selten lediglich auf das Diversit&#228;tsmerkmal <italic>Sprache</italic> und bei diesem auch nur auf die Aneignung des Deutschen im Kontext von Migration und Mehrsprachigkeit fokussiert. Es geht also um inklusive Aspekte der Beschulung von neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen, die bereits in anderen L&#228;ndern beschult wurden und sich in Deutschland nun f&#252;r die weitere schulische Sozialisation zun&#228;chst das Deutsche aneignen m&#252;ssen, bevor sie in den sogenannten Regelunterricht eingegliedert werden bzw. um dazu (auch) in diesem Rahmen die M&#246;glichkeit zu haben (vgl. z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B34">Massumi 2019</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B38">Pl&#246;ger 2023</xref>). Der Inklusionsdiskurs bleibt damit nur auf einer oberfl&#228;chlichen systemischen Ebene, in der es vor allem um organisatorische Aspekte der Beschulung im Allgemeinen sowie um die gro&#223;e, weiterhin aber nicht differenzierte Zielgruppe der neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen geht.</p>
<p>In den letzten Jahren ist hingegen insbesondere im Rahmen der Intersektionalit&#228;tsdebatte ein breites Verst&#228;ndnis von Inklusion grundlegend geworden, da</p>
<disp-quote>
<p>[&#8230;] historisch gewordene Machtverh&#228;ltnisse, Diskriminierungsformen, Subjektivierungsprozesse sowie soziale Ungleichheiten wie Geschlecht, Behinderung, Sexualit&#228;t/Heteronormativit&#228;t, <italic>Race</italic>/Ethnizit&#228;t/Nation oder soziales Milieu nicht isoliert voneinander konzeptualisiert werden k&#246;nnen, sondern in ihren &#8250;Verwobenheit&#8249; oder &#8250;&#220;berkreuzungen&#8249; (<italic>intersections</italic>) analysiert werden m&#252;ssen. Additive Perspektiven werden &#252;berwunden, indem der Fokus auf das <italic>gleichzeitige Zusammenwirken</italic> von sozialen Kategorien bzw. sozialen Ungleichzeiten gelegt wird. Es geht demnach nicht allein um die Ber&#252;cksichtigung mehrerer sozialer Kategorien, sondern ebenfalls um die Analyse ihrer <italic>Wechselwirkungen</italic>. (<xref ref-type="bibr" rid="B56">Walgenbach 2015: 121</xref>, Hervorh. i. Orig.)</p>
</disp-quote>
<p>Im Fach DaZ werden einzelne Kategorien mittlerweile bearbeitet (vgl. z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B12">Dirim/Pokitsch 2017</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B37">Peuschel 2022</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B54">V&#246;lkel 2022</xref>), eine intersektionale Betrachtung steht bislang noch aus. Auch ein breiterer Zugriff auf die Kategorie <italic>Sprache</italic> ist bislang nicht erfolgt.</p>
<p>Diese Leerstelle soll mit unserem Beitrag in einem ersten Aufschlag gef&#252;llt werden, indem der Frage nachgegangen wird, wie ein <italic>sprachlich inklusives</italic> Schulsystem aussehen kann. Durch einen interdisziplin&#228;ren Zugriff auf den Gegenstand <italic>Sprache</italic> kann mit dem Fokus auf neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen exemplarisch gezeigt werden, wie zum einen ein Diversit&#228;tsmerkmal (hier DaZ) andere, auch sehr verwandte Merkmale (wie z.B. Dis/Ability) &#252;berdecken kann und damit bedarfsgerechte F&#246;rderung und somit Chancengleichheit verhindert. Zum anderen soll die Vision eines sprachlich inklusiven Schulsystems skizziert werden, in dem im Gegensatz zur aktuellen bislang in weiten Teilen nach wie vor bzw. in letzter Zeit eher vermehrt separat verlaufende Beschulung von neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen insbesondere im Jugendalter nicht zu einer sozialen Ausgrenzung dieser Jugendlichen beigetragen wird.</p>
<p>Als theoretische Grundlage werden zun&#228;chst getrennt f&#252;r beide Disziplinen die Entwicklungen von der Separation zur Inklusion skizziert. Darauf baut eine interdisziplin&#228;re Betrachtung des Inklusionsbegriffs in seiner Bedeutung f&#252;r neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen auf. Der Beitrag endet mit Gedanken aus interdisziplin&#228;rer Perspektive zu einem sprachlich inklusiven Schulsystem in der Migrationsgesellschaft. Dabei werden auch Baustellen und Desiderate f&#252;r Forschung und Praxis herausgearbeitet.</p>
</sec>
<sec>
<title>2 Zur Genese der beiden Disziplinen und ihrem Verh&#228;ltnis von Separation und Inklusion</title>
<sec>
<title>2.1 Das Fach Deutsch als Zweitsprache</title>
<p>Bei Deutsch als Zweitsprache (DaZ) handelt es sich eigentlich um ein Fachgebiet, das sich aus dem Fach Deutsch als Fremdsprache (DaF) heraus entwickelt hat und einerseits die vielf&#228;ltigen Praxen des Lehrens und Lernens des Deutschen als Zweitsprache bezeichnet wie auch die wissenschaftliche Besch&#228;ftigung mit diesem Gegenstand in Forschung und Lehre (Altmayer <xref ref-type="bibr" rid="B2">2020: 920</xref>). Weinrichs (<xref ref-type="bibr" rid="B58">1979: 1</xref>) Bezeichnung als &#8222;Kind der Praxis&#8220;, die auch heute noch als konstitutiv f&#252;r das fachliche Selbstverst&#228;ndnis gilt, r&#252;hrt einerseits aus der Genese des Fachs und seiner Weiterentwicklung als Reaktion auf gesellschaftliche sowie innen- und au&#223;enpolitische Entwicklungen ab den 1950er Jahren (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B17">Fandrych/Hufeisen/Krumm/Riemer 2010: 1&#8211;2</xref>), die Ende der 1970 Jahren zur Einrichtung der ersten Professuren und Studieng&#228;ngen f&#252;r Deutsch als Fremdsprache f&#252;hrten (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Altmayer et al. 2021: 4&#8211;7</xref>). Andererseits verstand sich das Fach in seiner Entstehung als Antwort auf eine Germanistik, die Fragen der Sprachaneignung ausblendete.</p>
<p>Zwar gab es seit den 1970er Jahren v.a. in der Bundesrepublik<xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref>, aber auch in der DDR Angebote f&#252;r die Aneignung des Deutschen als Zweitsprache f&#252;r angeworbene Arbeitskr&#228;fte und in der BRD auch f&#252;r zugewanderte schulpflichtige Kinder, da sich aber Deutschland Jahrzehnte lang entgegen aller Realit&#228;t nicht als Einwanderungsland verstand, stand in den Anfangsjahren der wissenschaftlichen Disziplin neben der sprachlichen Vorbereitung von ausl&#228;ndischen Studierenden auf das Studium im Inland das Unterrichten von Deutsch im und f&#252;r das Ausland im Zentrum von Forschung und Lehre, was sich in der damals &#252;blichen Denomination von Professuren und Benennung von Studieng&#228;ngen (Deutsch als Fremdsprache) &#228;u&#223;erte. Dennoch wurde die Notwendigkeit von Ma&#223;nahmen zur F&#246;rderung der deutschen Sprache im Inland durchaus auch von der Politik erkannt und tauchte bereits 1975 im Bericht der Enquete-Kommission zur ausw&#228;rtigen Kulturpolitik, in der die Deutschf&#246;rderung verankert war, auf (ebd.: 8). Der Anwerbestopp 1973 f&#252;hrte entgegen den Erwartungen der Politik zu einer vermehrten Einwanderung, insbesondere von schulpflichtigen Kindern, auf die das deutsche Schulsystem nicht vorbereitet war. Mit sogenannten <italic>Ausl&#228;nderklassen</italic> versuchte man, dieser Herausforderung zu begegnen; zur gleichen Zeit weiteten sich nicht nur die Angebote zum Deutschlernen f&#252;r ausl&#228;ndische Arbeiter*innen oder (sp&#228;ter) Angestellte aus, sondern auch die wissenschaftliche Besch&#228;ftigung mit diesen neuen Arbeitsbereichen nahm seinen Gang. Dies und die Entwicklungen in den folgenden Jahrzehnten st&#228;rkten das Fachgebiet DaZ<xref ref-type="fn" rid="n5">5</xref>, &#8222;fr&#252;her ein in der Wissenschaft eher geduldetes, st&#228;rker im p&#228;dagogischen Bereich als an Universit&#228;ten und in der Germanistik angesiedeltes Nebengebiet&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B17">Fandrych/Hufeisen/Krumm/Riemer 2010: 2</xref>), was sich z.B. auch an entsprechenden &#8211; heute undenkbaren gewordenen &#8211; Denominationen von Professuren niederschlug, wie z.B. jener 1979 in Bremen f&#252;r &#8222;Deutsch mit der p&#228;dagogischen Spezialqualifikation Deutsch als Fremdsprache mit dem Schwerpunkt Unterricht f&#252;r T&#252;rken&#8220; erkennen lie&#223;.</p>
<p>Durch die Entstehungsgeschichte des Faches stand lange Zeit das Lehren und Lernen des Deutschen als weiterer Sprache in sprachlich, kulturell und hinsichtlich des Bildungshintergrundes einheitlichen Kursen oder Klassen im Zentrum. Auf die Diversifizierung der Zielgruppe zun&#228;chst in DaZ, aber sukzessive auch in DaF, wurde mit der Erarbeitung von Konzepten und Materialien reagiert, welche den Eindruck erweckten, f&#252;r zwar jeweils unterschiedliche, aber in sich homogene Zielgruppen zu gelten. Weder in den Unterrichtsangeboten noch in Lehre und Forschung stand eine Einbettung von Angeboten der Deutschaneignung in vorhandene Bildungsangebote f&#252;r eine breitere, &#252;ber das Merkmal von DaZ hinausgehende Zielgruppe (z.B. Weiterbildungsangebote in der beruflichen Bildung oder der Fachunterricht in der Schule) zur Diskussion. Dies hat sicher zum einen mit dem das Fachgebiet DaZ lange Zeit pr&#228;genden gesellschaftspolitischen Diskurs &#8222;Integration durch Sprache&#8220; (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B6">Bommes 2006</xref>) zu tun, welcher Integration mit Sprache &#8211; bzw. immer unausgesprochen die deutsche Sprache &#8211;, gleichsetzte. Die vermeintliche Messbarkeit von Sprachbeherrschung machte sie &#8222;zum Gradmesser der sozialen Integrationswilligkeit von mehrsprachigen Menschen&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B47">Schroeder 2007: 6</xref>). Zudem scheint das Konzept &#8222;eine Antwort auf die Frage zu erlauben, wie sich Integration organisatorisch ausgestalten l&#228;sst&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B6">Bommes 2006: 59</xref>). Es ging also um eine einseitige sprachliche Anpassung an idealisierte Muttersprachler*innen, welche zu einer Aufrechterhaltung einer vermeintlich einsprachigen Gesellschaft beitragen sollte, was wiederum mit der Abwesenheit vermeintlich kulturell bedingter Konflikte gleichgesetzt wurde. Zum anderen verhinderte die Verbindung dieses Diskurses mit einem weiteren Konstituierungsmerkmal des Faches &#252;ber Jahrzehnte die Auseinandersetzung mit dem Inklusionsgedanken: Aus der Abgrenzung zu einer weitgehend monolingualen und nationalstaatlich gepr&#228;gten Germanistik ergab sich eine dem Fach inh&#228;rente Fremdperspektive, welche das monolinguale Paradigma in Frage stellte (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B13">Dobstadt 2018</xref>). Daraus ergab sich aber folgender Widerspruch:</p>
<disp-quote>
<p>[&#8230;] in dem die sog. <italic>Fremde</italic> dabei nicht als Teil eines heterogen zu denkenden <italic>Eigenen</italic> aufgefasst, sondern aus diesem ausgelagert und einem Au&#223;en zugeordnet wurde, blieben diese Positionen andererseits doch implizit und indirekt jenem monolingualen (und monokulturellen) Paradigma verpflichtet, gegen das sie sich [&#8230;] wendeten (<xref ref-type="bibr" rid="B13">Dobstadt 2018: 116</xref>, Hervorh. i. Orig.).</p>
</disp-quote>
<p>Mittlerweile wird das lange propagierte Ziel von Sprachaneignung als Ann&#228;herung an die Kompetenzen idealisierter sogenannter Muttersprachler*innen durchaus kritisch diskutiert. Zudem f&#252;hrt das aus der Soziolinguistik stammende und auf Lehr-/Lernkontexte &#252;bertragende Konzept des <italic>Translanguaging</italic> (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B18">Garcia 2009</xref>) in sprachlich heterogenen Gruppen aktuell zu einer Sprachbetrachtung, die nicht mehr von eindeutig voneinander abgrenzbaren Entit&#228;ten ausgeht und damit die &#228;u&#223;ere Fremdheitsperspektive obsolet erscheinen l&#228;sst bzw. ins Innere verlagert.</p>
<p>Die Ergebnissen gro&#223;er internationaler vergleichender Schulleistungsstudien wie PISA zeigten seit den 2000er Jahren einerseits die Rolle von <italic>Sprache</italic> f&#252;r die schulische Ausbildung auf und andererseits die besonderen Herausforderungen f&#252;r Sch&#252;ler*innen mit Migrationshintergrund, welche allerdings zumindest von Seiten der Bildungspolitik zun&#228;chst als vermeintlich Schuldige am schlechten Abschneiden Deutschlands ausgemacht wurden, statt sie als (eine Gruppe der) Opfer eines trotz jahrzehntelanger Einwanderung nicht an der sprachlichen Heterogenit&#228;t der Migrationsgesellschaft ausgerichteten Schulsystem zu verstehen (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Barkowski 2003: 536</xref>). Letztendlich f&#252;hrte dies aber zu einer gestiegenen Bedeutung des Faches DaZ, dem sozusagen die Verantwortung f&#252;r diese nun endlich auch bildungspolitisch wahrgenommene Herausforderung angetragen wurde, wenn auch empirische Studien und nicht zuletzt die Erfahrungen aus dem F&#246;rMig-Projekt zeigten, dass der Adressat*innenkreis einer auf die gesellschaftliche sprachliche Vielfalt ausgerichteten Schule und eines entsprechenden Unterrichts in allen F&#228;chern deutlich &#252;ber die Migrationsaspekte und migrationsbedingte Mehrsprachigkeit hinausgeht (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B20">Gogolin/Dirim/Klinger/Lange/Lengyel/Michel/Neumann/Reich/Roth/Schwippert 2011</xref>) und das Thema vielmehr in den Fachdidaktiken h&#228;tte angesiedelt werden m&#252;ssen. In der Folgezeit stand vor allem die F&#246;rderung sogenannter bildungssprachlicher Kompetenzen der gesamten Sch&#252;ler*innenschaft sowie eine darauf ausgerichtete Qualifizierung von Lehrpersonen im Fokus, wenn auch umfassende theoretische Grundlagen daf&#252;r noch ausstanden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B27">K&#246;ker 2018</xref>). An vielen Universit&#228;tsstandorten entstanden sogenannte DaZ-Module, in denen es allerdings nicht um die Qualifizierung f&#252;r das Unterrichten des Deutschen als Zweitsprache ging, sondern um den Kompetenzaufbau zuk&#252;nftiger Lehrpersonen aller F&#228;cher &#8211; bzw. in manchen Bundesl&#228;ndern auch nur des Faches Deutsch &#8211; f&#252;r einen sprachbewussten Fachunterricht (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B52">SVR 2016</xref>). Somit werden auch im aktuellen DaZ-Diskurs die Diversit&#228;tsdimensionen v.a. auf die Sprachenvielfalt und Bildungshintergr&#252;nde bezogen und mit Leitbegriffen wie Bildungs(un)gerechtigkeit und Chancengleichheit assoziiert.</p>
<p>Dass sich die DaZ-Didaktik lange von der Inklusion abgegrenzt hat, entsprang allerdings auch dem Anliegen, in Zeiten eines engen Inklusionsverst&#228;ndnisses Mehrsprachigkeit nicht mit Behinderung oder Beeintr&#228;chtigung gleichzusetzen (<xref ref-type="bibr" rid="B43">Riemer 2017</xref>) und der Bef&#252;rchtung &#8222;Migrationsgeschichte und Sprachf&#246;rderbedarf in der Zweitsprache Deutsch zu pathologisieren&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B43">Riemer 2017: 236</xref>), entgegenzutreten. Aktuell l&#228;sst sich eine zunehmende Tendenz im Fach konstatieren, das bisher enge Inklusionsverst&#228;ndnis zu erweitern und sich dem Inklusionsthema auch interdisziplin&#228;r anzun&#228;hern (vgl. u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B16">D&#246;ll/Michalak 2023</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B33">Marx/Urbann 2022</xref>).</p>
</sec>
<sec>
<title>2.2 Das Fach Inklusive P&#228;dagogik &#8211; Schwerpunkt Sprache</title>
<p>Das Fach Inklusive P&#228;dagogik mit dem Schwerpunkt Sprache (und Kommunikation) hat sich aus der sonderp&#228;dagogischen Disziplin der Sprachheilp&#228;dagogik entwickelt. Im Fokus der Sprachheilp&#228;dagogik stehen Kinder und Jugendliche mit Sprach-, Sprech-, Stimm-, Redefluss- und Kommunikationsst&#246;rungen, welche deutlich negative Effekte auf die soziale und Bildungsteilhabe erfahren k&#246;nnen (<xref ref-type="bibr" rid="B35">McGregor 2020</xref>). Die Anf&#228;nge der Sprachheilp&#228;dagogik lassen sich auf das Ende des 19. Jahrhunderts datieren und f&#252;hrten zun&#228;chst in die Entwicklung exkludierender Strukturen. Als im Internat der Geh&#246;rlosenschule in Berlin die Zahlen geh&#246;rloser und schwerh&#246;riger Sch&#252;ler*innen sanken, wurden diese freiwerdenden Kapazit&#228;ten erstmals Sch&#252;ler*innen mit sprachlichen Beeintr&#228;chtigungen zugesprochen (<xref ref-type="bibr" rid="B21">Grohnfeldt 2018</xref>). Dies ebnete den Weg in eine schulische Sprachheilp&#228;dagogik. Es folgten erste Sprachheilkurse und -klassen, bis 1910 die erste Sprachheilschule gegr&#252;ndet wurde. 1928 folgte durch die Initiative von Lehrpersonen der erste Studiengang f&#252;r Sprachheilp&#228;dagogik an der Universit&#228;t Hamburg. Wenngleich in diesen Jahren zunehmend schulische Strukturen f&#252;r die Unterst&#252;tzung von Sch&#252;ler*innen mit sprachlichen Beeintr&#228;chtigungen geschaffen wurden, war die wissenschaftliche Diskussion stark von der Medizin gepr&#228;gt, in der zeitgleich der Begriff der Logop&#228;die entwickelt wurde.</p>
<p>Bereits in den Anf&#228;ngen des schulischen Sprachheilwesens grenzten sich die Schulen deutlich von den sogenannten Hilfsschulen, den damaligen Schulen f&#252;r Sch&#252;ler*innen mit Behinderungen ab und betonten den Status einer Sprachheilschule als Durchgangsschule. Dadurch wurde hervorgehoben, dass das Ziel der Schulen eine tempor&#228;re Unterst&#252;tzung der Sch&#252;ler*innen mit sprachlichen Beeintr&#228;chtigungen und eine R&#252;ckschulung in eine regul&#228;re Schule die Regel sein sollte. Dennoch waren die schulischen Settings durch Exklusion gekennzeichnet und nicht selten konnte das Idealziel einer R&#252;ckschulung nicht erreicht werden. International entwickelte sich in zahlreichen L&#228;ndern w&#228;hrenddessen ein System der im Unterricht integrierten Sprachtherapie. Das bedeutet, dass in der Regel sprachtherapeutische Fachpersonen an den Schulen verankert sind und dort idealerweise unterrichtsintegriert mit den Sch&#252;ler*innen (und ihren Lehrpersonen) arbeiten. Durch den zweiten Weltkrieg war Deutschland von diesem Diskurs jedoch isoliert.</p>
<p>In der Aufbruchstimmung der 1968er Jahre erkl&#228;rte sich die Sprachheilp&#228;dagogik &#252;ber die Gr&#252;ndung der &#8222;Deutschen Gesellschaft f&#252;r Sprachheilp&#228;dagogik&#8220; (dgs) als eigenst&#228;ndige Fachdisziplin in der Sonderp&#228;dagogik und grenzte sich vehement von der Oberhoheit der Medizin ab (<xref ref-type="bibr" rid="B21">Grohnfeldt 2018</xref>). Mit diesem gest&#228;rkten Selbstverst&#228;ndnis nahm die dgs ebenfalls deutlichen Einfluss auf den ab 1972 folgenden Ausbau des Sonderschulwesens. In den n&#228;chsten 20 Jahren wurden zahlreiche neue Sprachheilschulen gegr&#252;ndet und das international einzigartige deutsche Sprachheilwesen verfestigte sich so in seinen Strukturen.</p>
<p>Parallel zum massiven Ausbau des Sonderschulwesens wurden die Stimmen gegen derart exkludierende Strukturen jedoch zunehmend lauter. Der Gedanke von Integration hielt 1973 erstmals Einzug in ein bildungspolitisches Dokument. Die Empfehlungen des Deutschen Bildungsrates &#8222;zur p&#228;dagogischen F&#246;rderung behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder und Jugendlicher&#8220; betonten offiziell die Relativit&#228;t von Behinderung und forderten eine st&#228;rkere Verzahnung von Sonderschul- und allgemeinem Schulwesen. Ebenfalls wurde die M&#246;glichkeit von Integration als Erg&#228;nzungsmodell zur Sonderschule benannt (<xref ref-type="bibr" rid="B53">Textor 2018</xref>). Die etwa zeitgleich erarbeiteten Empfehlungen der Kultusministerkonferenz (KMK) von 1974 kamen jedoch zu ganz anderen Einsch&#228;tzungen und setzten weiterhin auf exkludierende Strukturen des Sonderschulwesens.</p>
<p>Das Streben nach integrativen Schulmodellen f&#252;r Kinder mit Beeintr&#228;chtigungen wurde in den folgenden Jahren ma&#223;geblich durch die Initiative von Eltern gef&#252;hrt. Sie erstritten sich unter Bezugnahme auf die Empfehlungen des Deutschen Bildungsrates integrative Modellversuche. Ende der 1980er Jahre wurden auch auf Initiative der KMK gr&#246;&#223;ere Schulversuche unternommen. Die grunds&#228;tzliche Gleichbehandlung von Menschen mit Behinderung war bis zu diesem Zeitpunkt gesetzlich noch nicht verankert. Erst 1994, als Reaktion auf intensive Bem&#252;hungen von Menschen mit Behinderungen, Angeh&#246;rigen und weiteren unterst&#252;tzenden Personen, wurde der Aspekt der Behinderung in Artikel 3 des Grundgesetzes, der die Gleichbehandlung aller Menschen unabh&#228;ngig von weiteren Merkmalen fokussiert, aufgenommen. Parallel zu dieser Entwicklung berieten im selben Jahr mehr als 90 Staaten auf der UNESCO-Konferenz in Salamanca &#252;ber die Zukunft der inklusiven bzw., wie es im Deutschen sp&#228;ter &#252;bersetzt wurde, integrativen Bildung. Ergebnis war die Salamanca-Erkl&#228;rung, die sich deutlich f&#252;r eine gemeinsame Beschulung aller aussprach. Allerdings blieb dies eine Erkl&#228;rung des guten Willens aller beteiligten Staaten ohne rechtliche Verbindlichkeit.</p>
<p>Dennoch schlugen sich die deutlichen, auch international laut werdenden Forderungen gegen diskriminierende (schulische) Strukturen auch in den KMK-Empfehlungen von 1994 nieder, in denen die institutionsbezogene Sonderschulbed&#252;rftigkeit durch einen individuellen sonderp&#228;dagogischen F&#246;rderbedarf ersetzt wurde und auch die sonderp&#228;dagogische F&#246;rderung nicht mehr an den F&#246;rderort der Sonderschule gebunden war. Bezogen auf den F&#246;rderschwerpunkt Sprache wurden als m&#246;gliche institutionelle Umsetzungen die integrative Beschulung, behinderungs&#252;bergreifende Einrichtungen f&#252;r Kinder mit Lern-, Verhaltens- und Sprachst&#246;rungen oder spezifische Sonderschulen (Sprachheilschulen) genannt. Dies f&#252;hrte je nach bildungspolitischer Situation zu ganz unterschiedlichen Reaktionen in den einzelnen Bundesl&#228;ndern (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B21">Grohnfeldt 2018</xref>). Bremen reagierte beispielsweise mit der Aufl&#246;sung der Sprachheilschule. Sch&#252;ler*innen mit dem F&#246;rderbedarf Sprache wurden von 1994 an integrativ in der allgemeinen Schule beschult. In vielen anderen Bundesl&#228;ndern sind einzelne (oder auch alle) Sprachheilschulen beibehalten oder in behinderungs&#252;bergreifende F&#246;rderzentren umgewandelt worden. F&#252;r die Sprachheilp&#228;dagogik f&#252;hrte dies zu einer enormen Komplexit&#228;t des Systems und stark voneinander divergierenden Vorstellungen von <italic>der</italic> Sprachheilp&#228;dagogik in den unterschiedlichen Landesgruppen.</p>
<p>Mit der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN-BRK) reagierte die UN 2006 auf die weltweit sichtbare systematische Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen (<xref ref-type="bibr" rid="B53">Textor 2018</xref>). Ziel ist es vor allem, die Rechte behinderter Menschen in unterschiedlichen Bereichen zu sch&#252;tzen und eine Teilhabe am &#246;ffentlichen Leben zu erm&#246;glichen. In Deutschland ist die UN-BRK seit 2009 v&#246;lkerrechtlich bindend. F&#252;r das Bildungssystem geht damit einher, dass ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen gew&#228;hrleistet werden soll, wobei in der deutschsprachigen &#220;bersetzung das Wort integrativ genutzt wird, was von vielen Behindertenverb&#228;nden stark kritisiert wird &#196;hnlich wie bereits vor der Jahrtausendwende ist aufgrund des F&#246;deralismus der Bildungspolitik auch die Umsetzung der UN-BRK stark bundeslandspezifisch. So zeigt sich zwar &#252;ber ganz Deutschland hinweg eine Abnahme der Sch&#252;ler*innen in spezifischen Schulen (z.B. F&#246;rderschulen, Sonderschulen), bei genauer Betrachtung auf Bundeslandebene sind es aber vor allem die n&#246;rdlichen und &#246;stlichen Bundesl&#228;nder, in denen die F&#246;rderschulbesuchsquoten bereits vor bzw. seit der Ratifizierung der UN-BRK deutlich sinken (<xref ref-type="bibr" rid="B53">Textor 2018</xref>).</p>
<p>Sp&#228;testens seit der Ratifizierung der UN-BRK muss sich die Sprachheilp&#228;dagogik mit ihrem Verst&#228;ndnis von Inklusion auseinandersetzen. Dabei steht die Disziplin vor der besonderen Herausforderung einer kritischen Reflexion der eigenen Medizin nahen Historie und damit stark individuumszentrierten Sichtweise. So ist zwar durchaus die Analyse von Lern- und Teilhabebarrieren f&#252;r Sch&#252;ler*innen mit sprachlichen Auff&#228;lligkeiten ein bedeutsamer Ausgangspunkt f&#252;r die Unterrichtsplanung. Allerdings bildet doch ein &#220;berwinden spezifischer sprachlicher Symptomatik h&#228;ufig Kern der sprachheilp&#228;dagogischen Arbeit in inklusiven Settings.</p>
</sec>
<sec>
<title>2.3 Zusammenfassende Gegen&#252;berstellung</title>
<p>Beide F&#228;cher kommen &#8211; basierend auf unterschiedlichen theoretischen Grundlagen aus verschiedenen Disziplinen &#8211; von einem Selbstverst&#228;ndnis separierender Bildungsangebote mit dem Fokus Sprache f&#252;r bestimmte Zielgruppen, die sich aufgrund dieser sprachlichen F&#246;rderbedarfe von einer vermeintlichen Normalit&#228;t von anderen Sch&#252;ler*innen unterscheiden. W&#228;hrend es sich in der Inklusiven P&#228;dagogik mit dem Schwerpunkt Sprache um logop&#228;dische Ursachen handelt, sind sie im DaZ-Bereich nicht urs&#228;chlich in den Individuen an sich verortet, sondern in der Tatsache eines grenz- und vor allem sprachengrenz&#252;berschreitenden Wechsels des Wohnortes &#8211; entweder der Kinder selbst oder ihrer Eltern. Schon aufgrund des Namens ist die Inklusive P&#228;dagogik mit dem Schwerpunkt Sprache deutlich st&#228;rker in die Auseinandersetzung mit dem Verst&#228;ndnis von Inklusion eingebunden, als dies in DaZ der Fall ist. Hier war das Konzept der Integration und die daf&#252;r als notwendig erachtete Anpassung an idealisierte Muttersprachlicher*innen lange handlungsleitend und ist es z.T. auch noch, was u.a. auch mit gesellschaftspolitischen Diskursen zu Migration und Sprache zusammenh&#228;ngt. Beiden F&#228;chern ist damit jedoch auch eine lange Tradition der Orientierung an einer vermeintlichen muttersprachlichen Norm gemein, die sich in zweierlei Form niederschl&#228;gt: Einerseits finden sich in beiden Disziplinen &#228;hnliche Begr&#252;ndungen f&#252;r eine separierende Beschulung von Sch&#252;ler*innen, deren linguistische Kompetenzen im Deutschen aus unterschiedlichen Gr&#252;nden nicht den Erwartungen an die Altersgruppe entspricht und eine Teilhabe am sogenannten Regelunterricht damit nicht m&#246;glich erscheint. Andererseits schl&#228;gt sich dies in einer Fokussierung auf der Methodenentwicklung zur Vermittlung linguistischer Kompetenzen nieder.</p>
<p>In der Auseinandersetzung mit derart separierenden Sichtweisen beziehen sich beide &#8211; entsprechend der Fachgenese hinsichtlich der Reichweite divergierenden &#8211; Disziplinen auf die Salamanca-Erkl&#228;rung von 1994 samt ihrer z.T. problematischen &#220;bersetzung. In der Folge haben sich in beiden Disziplinen Konzepte mit dem Fokus einer unterrichtsintegrierten Vermittlung linguistischer Kompetenzen im Deutschen entwickelt, die aktuell sowohl in der schulischen Praxis als auch der Forschung z.T. noch unverbunden neben separierenden Ans&#228;tzen existieren.<xref ref-type="fn" rid="n6">6</xref> &#196;hnliches gilt auf einer &#252;bergeordneten Ebene hinsichtlich durchg&#228;ngiger Sprachbildung und Inklusion, die zu schulischen Querschnittsaufgaben geworden sind (<xref ref-type="bibr" rid="B49">Settinieri 2017</xref>), jedoch nur z&#246;gerlich miteinander verbunden werden. Im Sinne der in Kapitel 1 erw&#228;hnten Intersektionalit&#228;t sollten beide Bereiche &#8211; und dar&#252;ber hinaus selbstverst&#228;ndlich die Bearbeitung weiterer Differenzdimensionen &#8211; in Wissenschaft sowie Schul- und Unterrichtspraxis miteinander verzahnt werden, um den Anspruch auf Chancengleichheit n&#228;herzukommen und im didaktischen Bereich auf individuelle Bed&#252;rfnisse reagieren zu k&#246;nnen. Zudem muss dem diskriminierenden Aspekt separierender Strukturen begegnet werden. Mit dem gemeinsamen Gegenstand Sprache bieten sich die Arbeitsbereiche DaZ bzw. Deutsch im Kontext von Mehrsprachigkeit und Inklusive P&#228;dagogik mit dem Schwerpunkt Sprache f&#252;r einen <italic>ersten Schritt</italic> zu einem interdisziplin&#228;ren Zugriff auf schulische Praxis an, der im Folgenden mit Bezug auf neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen skizziert wird.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>3 Interdisziplin&#228;re Betrachtung des Inklusionsbegriffs in seiner Bedeutung f&#252;r neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen</title>
<p>Grunds&#228;tzlich finden sich unterschiedliche Perspektiven auf Inklusion. Ein <italic>enges Verst&#228;ndnis von Inklusion</italic> folgt der klassischen sonder- oder integrationsp&#228;dagogischen Denke und bezieht sich in erster Linie auf Menschen mit Behinderungen. &#220;bertragen auf den Bereich DaZ ist auch die aktuelle Inklusionsdebatte eher auf ein enges Verst&#228;ndnis von Inklusion bezogen, da lediglich auf das eine Merkmal der Mehrsprachigkeit bzw. das Aneignen des Deutschen als Zweitsprache rekurriert wird.</p>
<p>International hat sich mittlerweile jedoch ein <italic>weites Inklusionsverst&#228;ndnis</italic> etabliert, das Diversit&#228;t in der Breite einbezieht und explizit auf klassifikatorische Unterscheidungen von Menschen verzichtet (<xref ref-type="bibr" rid="B1">Ainscow 2020</xref>). In diesem Verst&#228;ndnis ist das Ziel, soziale Exklusion, die als Reaktion auf unterschiedliche Diversit&#228;tsmerkmale (z.B. Gender, Ethnizit&#228;t, Religion, soziale Herkunft oder auch Behinderung und Sprache) entsteht, zu vermeiden. Inklusion im Sinne der P&#228;dagogik der Vielfalt (<xref ref-type="bibr" rid="B41">Prengel 2019</xref>) ist als ein Miteinander der Verschiedenen zu verstehen. Dabei spielt die Einstellung oder Haltung einer Lehrperson gegen&#252;ber Differenz eine bedeutsame Rolle: Prengel (<xref ref-type="bibr" rid="B41">2019</xref>) postuliert, dass die Gleichheitsvorstellung als wichtige Basis f&#252;r eine inklusive P&#228;dagogik erst durch eine Anerkennung von Verschiedenheit erreicht werden kann. Damit einher geht f&#252;r den schulischen Kontext die Abkehr vom ohnehin realit&#228;tsfernen Prinzip homogener Gruppen anhand einzelner Merkmale (z.B. Jahrgangsklassen f&#252;r Kinder ohne Behinderung, Klassen f&#252;r Sch&#252;ler*innen mit Lese-Rechtschreibst&#246;rungen, DaZ-Unterricht f&#252;r ukrainische Sch&#252;ler*innen o.&#228;.). Vielmehr sollten die jeweils individuellen Lernausgangslagen der Sch&#252;ler*innen in ihrer Interaktion mit dem unterrichtlichen Angebot im Fokus stehen. Dies f&#252;hrt zur Notwendigkeit einer intersektionalen Betrachtung, die sich im schulischen Handeln etwa auch durch die steigende Bedeutsamkeit von Kooperation und Teamarbeit in inklusiven Settings &#228;u&#223;ert (<xref ref-type="bibr" rid="B31">L&#252;tje-Klose/Miller/Ziegler 2014</xref>). Unterschiedliche Expertisen m&#252;ssen in Schule zusammenlaufen, um den individuellen Bedarfen der Sch&#252;ler*innen gerecht werden zu k&#246;nnen. Das bedeutet grunds&#228;tzlich, nicht nur eine Diversit&#228;tsdimension einzubeziehen. In diesem Inklusionsverst&#228;ndnis w&#252;rde es auch f&#252;r neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen bedeuten, soziale Exklusion, wie sie aktuell etwa in separierenden Vorkursstrukturen oder so genannten Willkommensklassen oder -schulen praktiziert werden, aufzul&#246;sen. Diese Strukturen negieren weitere Diversit&#228;tsdimensionen und suggerieren eine vergleichsweise Homogenit&#228;t der neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen.</p>
<p>Ein <italic>drittes Verst&#228;ndnis von Inklusion</italic> bezieht sich ebenfalls auf alle Lernenden, empfiehlt gleichzeitig jedoch <italic>vulnerable Gruppen zu identifizieren</italic>, die besonders von Marginalisierung und Exklusion bedroht sind (im &#220;berblick vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B28">Lindmeier/L&#252;tje-Klose 2015</xref>). Dies wird in diesem Ansatz in Bezug auf Menschen mit Behinderungen diskutiert, reduziert sich aber nicht auf diese und kann in unserem Kontext auf neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen ohne Deutschkenntnisse und ggf. auch ohne l&#228;ngere Schulerfahrungen im Heimatland (v.a. in h&#246;heren Klassenstufen) oder Fluchterfahrungen und daraus resultierende Traumatisierungen &#252;bertragen werden. Ein solches Verst&#228;ndnis von Inklusion erm&#246;glicht im Kontext neu zugewanderter Sch&#252;ler*innen einerseits, dem Anspruch an ein gemeinsames Lernen als oberstes Ziel gerecht zu werden, andererseits aber auch, auf besondere Herausforderungen &#8211; z.B. der Erfordernis von (sprachlich) sicheren R&#228;umen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B39">Plutzar 2021</xref>) &#8211; eingehen zu k&#246;nnen. Wenngleich soziale Exklusion auch in diesem Verst&#228;ndnis weiterhin vermieden werden sollte, w&#228;ren in diesem Verst&#228;ndnis jedoch etwa individuell bedarfsgerechte additive Angebote f&#252;r sprachliches Lernen m&#246;glich. Dennoch bleibt es das Ziel von Inklusion im schulischen Kontext, ein gemeinsames Lernen aller zu gew&#228;hrleisten, ohne einzelne Personen oder Gruppen (langfristig) zu separieren.</p>
</sec>
<sec>
<title>4 Analyse der aktuellen Ausgangslage am Beispiel Bremen</title>
<p>Bevor wir unsere disziplinen&#252;bergreifenden Gedanken f&#252;r ein sprachlich inklusives Schulsystem formulieren, wollen wir zun&#228;chst die Ausgangslage in den Blick nehmen. Unsere Darlegungen erfolgen vor dem Hintergrund der besonderen Bedingungen in Bremen, die u.E. den Handlungsbedarf einerseits und die Produktivit&#228;t andererseits besonders veranschaulichen.</p>
<sec>
<title>4.1 Strukturelle Rahmenbedingungen</title>
<p>Bremen hat als das kleinste Bundesland den h&#246;chsten Bev&#246;lkerungsanteil mit Migrationshintergrund. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine sind 3.400 ukrainische Kinder und Jugendliche in das bremische Schulsystem aufgenommen worden. Aktuell kommen pro Monat 900 bis 1.000 Menschen nach Bremen, davon ca. 25 % im schulpflichtigen Alter. Der Zweist&#228;dte-Staat ist damit &#8211; insbesondere aufgrund begrenzter finanzieller Ressourcen &#8211; vor besondere Herausforderungen gestellt, die sich v.a. auf das Schulsystem auswirken.</p>
<p>Eine weitere Besonderheit des Bremischen Schulsystem ist der seit 1994 durch das Schulgesetz festgeschriebene Auftrag an alle Schulen, sich zu inklusiven Schulen zu entwickeln. Seitdem wurden fast alle F&#246;rderschulen des Landes geschlossen und an vielen Standorten inklusive Schulkonzepte entwickelt, die allen Sch&#252;ler*innen unabh&#228;ngig von ihren Lernausgangslagen ein gemeinsames Lernen erm&#246;glichen soll. Bremen weist damit bundesweit die geringste Exklusionsquote mit 0,8 % der Sch&#252;ler*innen im Land an separierenden F&#246;rderschulstandorten auf (<xref ref-type="bibr" rid="B23">Idel/Korff/Mettin, 2022</xref>). Eine inklusive Struktur ist somit prinzipiell bereits gegeben. Im Hinblick auf neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen bestehen dennoch sogenannte Vorkurse/-klassen. Seit Fr&#252;hjahr 2022 gibt es zudem sogenannte Willkommensschulen &#8211; zun&#228;chst als Reaktion auf aufgrund des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine pl&#246;tzlich exponentiell gestiegene Fluchtmigration ausschlie&#223;lich f&#252;r ukrainische Kinder und Jugendliche, mittlerweile aber auch f&#252;r Sch&#252;ler*innen aus anderen L&#228;ndern. Dies steht im Widerspruch zum Anspruch der Inklusion, aber auch zum teilintegrativen Konzept der Beschulung von neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen in Bremen, bei dem die Sch&#252;ler*innen sowohl DaZ-Unterricht in separierten Klassen erhalten als auch einer Regelklasse zugeordnet sind.</p>
<p>W&#228;hrend also die F&#246;rderschulen in den letzten Jahren geschlossen wurden, sind neue separierende Klassen und sogar Schulen f&#252;r die Gruppe der neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen beibehalten worden bzw. sogar neu entstanden. Damit zeigt sich, dass diese Gruppe bei der Inklusion noch nicht mitgedacht ist. Um also wie alle anderen Sch&#252;ler*innen vom inklusiven Schulsystem profitieren zu k&#246;nnen, muss diese unter dem homogenisierten Label der neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen gefasste Gruppe nicht mehr als au&#223;erhalb des Regelsystem, sondern als deren integraler Teil verstanden werden. Dies beginnt schon mit der Benennung der jeweiligen Klassen, die dem sogenannten Regelunterricht gegen&#252;bergestellt und damit nicht als dessen Teil und der Regelschule verstanden werden &#8211; eine Bezeichnung, die sich aber bundesweit durchgesetzt hat und damit als eine Form inkludierter Exklusion (<xref ref-type="bibr" rid="B34">Massumi 2019: 247&#8211;248</xref>) auch zur Verbesonderung (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Dirim/Pokitsch 2017</xref>) dieser Sch&#252;ler*innengruppe beitr&#228;gt.</p>
</sec>
<sec>
<title>4.2 Diagnostisches und didaktisches (Unterrichts-)Handeln</title>
<p>Um Lernen f&#252;r alle Sch&#252;ler*innen an ihren individuellen Lernzielen in einem inklusiven Unterricht zu erm&#246;glichen, kommt der Analyse von Lernausgangslagen, also diagnostischem Handeln eine bedeutsame Rolle zu. Die Notwendigkeit einer kontinuierlichen und differenzierten F&#246;rderdiagnostik im Bereich <italic>Sprache</italic> eint die beiden F&#228;cher DaZ und IP (<xref ref-type="bibr" rid="B49">Settinieri 2017: 311</xref>). In beiden Perspektiven geht es im diagnostischen Handeln um die Identifizierung des aktuellen und potenziellen sprachlichen Entwicklungsstandes, um sprachliches Lernen in der Zone der n&#228;chsten Entwicklung (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B55">Vygotsky 1978: 86</xref>) zu erm&#246;glichen. Diagnostische Urteile von Lehrpersonen h&#228;ngen von Wissen, K&#246;nnen, Einstellung, Selbstwirksamkeit und Motivation ab (<xref ref-type="bibr" rid="B22">Herrpich et al. 2018</xref>). Besonders relevant in Bezug auf neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen ist das Wissen und K&#246;nnen einer Lehrperson f&#252;r mehrsprachigkeitssensible Diagnostik, welche umfassend Aspekte einer mehrsprachigen Lernumwelt einbezieht, aber auch die Einstellung zu Mehrsprachigkeit. Im Bereich DaZ gibt es bisher kein zufriedenstellendes Diagnostikinstrument, das das gesamte sprachliche Repertoire ber&#252;cksichtigt und eine auf der Diagnostik aufbauende Sprachbildungsplanung erm&#246;glichen w&#252;rde (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B59">Wildemann/D&#246;ll/Brizic 2023</xref>).</p>
<p>Dar&#252;ber hinaus reicht die alleinige Perspektive auf mehrsprachige Lernumwelten nicht aus, da andere Diversit&#228;tsdimensionen, die das (sprachliche) Lernen von Sch&#252;ler*innen beeinflussen k&#246;nnen, vernachl&#228;ssigt werden. Diese k&#246;nnen jedoch zu ganz unterschiedlichen Interpretationen beitragen. So wird beispielsweise bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern eine so genannte Sprachentwicklungsst&#246;rung (SES) sowohl h&#228;ufiger unter- als auch &#252;berdiagnostiziert (<xref ref-type="bibr" rid="B5">Bedore/Pe&#241;a 2008</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B35">McGregor 2020</xref>). SES sind mit 7 bis 10 % eine der h&#228;ufigsten Entwicklungsst&#246;rungen des Kindesalters (<xref ref-type="bibr" rid="B36">Norbury/Gooch/Wray/Baird/Charman/Simonoff/Vamvakas/Pickles 2016</xref>) und treten gleicherma&#223;en bei ein- als auch mehrsprachigen Kindern auf. Bei Letzteren zeigen sich die Schwierigkeiten im Spracherwerb in allen Sprachen (<xref ref-type="bibr" rid="B26">Kohnert/Medina 2009</xref>). F&#252;r p&#228;dagogische oder sprachtherapeutische Fachkr&#228;fte, die die sprachlichen F&#228;higkeiten ihrer Klientel erfassen sollen, stellt die sprachliche Differenzialdiagnostik bei mehrsprachigen Kindern und Jugendlichen eine komplexe Aufgabe dar (<xref ref-type="bibr" rid="B30">L&#252;ke/Starke/Ritterfeld 2020</xref>), der sich viele Fachpersonen nicht ausreichend gewachsen f&#252;hlen (<xref ref-type="bibr" rid="B46">Santhanam/Parveen 2018</xref>).</p>
<p>Eine Unterdiagnose einer SES (<italic>missed identity</italic>) zeigt sich dann, wenn Praktiker*innen einen tats&#228;chlichen sprachlichen Unterst&#252;tzungsbedarf &#252;bersehen und (eigentlich pathologische) sprachliche Auff&#228;lligkeiten mit der Mehrsprachigkeit an sich relativieren. Dies h&#228;tte weitreichende Folgen f&#252;r die Teilhabe in unterschiedlichsten Lebensbereichen. Fehlende spezifische F&#246;rderung kann zur Manifestation der SES beitragen, die in der Folge negative Auswirkungen auf die schriftsprachliche, sozial-emotionale, schulische und berufliche Entwicklung haben kann (vgl. etwa <xref ref-type="bibr" rid="B35">McGregor 2020</xref>). Dagegen stellt eine &#220;berdiagnose (<italic>mistaken identity</italic>) bei mehrsprachigen Personen eine f&#228;lschlicherweise attestierte SES dar.<xref ref-type="fn" rid="n7">7</xref> Die Diagnose einer SES f&#252;hrt in der Regel zu einer au&#223;erschulischen sprachtherapeutischen Behandlung und innerschulisch zur Intensivierung und Spezifizierung sprachlicher Lernangebote sowie der Analyse und dem Abbau von Barrieren im Unterricht. Wird also bei einem mehrsprachigen Kind f&#228;lschlicherweise eine SES diagnostiziert, so erh&#228;lt es wahrscheinlich besondere F&#246;rderung im Bereich <italic>Sprache</italic>, die in dieser Intensit&#228;t nicht zwingend n&#246;tig ist, dem Kind selbst aber vermutlich nicht schadet. Allerdings werden Ressourcen verbraucht, die an anderer Stelle sinnvoller eingesetzt werden k&#246;nnten. M&#246;gliche Stigmatisierungsprozesse durch eine irrt&#252;mlicherweise gestellte SES-Diagnose wurden bislang nicht erforscht. Denkbar w&#228;ren aber insbesondere f&#252;r den schulischen Kontext geringere Erwartungen seitens der Lehrperson an das Kind, die wiederum einen negativen Einfluss auf sozial-emotionale Faktoren und schulisches Lernen haben k&#246;nnen (im &#220;berblick vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B57">Wang/Rubie-Davies/Meissel 2018</xref>).</p>
<p>Beide Arten der Missinterpretationen k&#246;nnen demnach negative Folgen f&#252;r die einzelne Person, aber auch das System selbst haben, wenn die sowieso schon begrenzten Ressourcen an den falschen Stellen ansetzen. Qualitativ hochwertige Diagnostik bei neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen ist demnach nicht nur auf individueller, sondern auch auf systemischer Ebene f&#252;r ein inklusives Schulsystem bedeutsam.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>5 Ein sprachlich inklusives Schulsystem in der Migrationsgesellschaft</title>
<p>Im Folgenden werden erste disziplinen&#252;bergreifende Gedanken f&#252;r ein sprachlich inklusives Schulsystem, das alle Sch&#252;ler*innen einbezieht, zur Diskussion gestellt, dabei aber entsprechend der Ausrichtung dieses Themenschwerpunktes die bislang in der Gesamtdebatte nur marginal beachtete Gruppe der neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen in den Blick genommen. Dabei geht es uns nicht darum, verschiedene Arten der Beschulung hinsichtlich ihrer Ergebnisse gegen&#252;berzustellen, zumal f&#252;r Deutschland keine belastbaren Daten vorliegen und auch internationale Forschungsergebnisse<xref ref-type="fn" rid="n8">8</xref> nicht eindeutig sind. Grunds&#228;tzlich gilt: Solange ein inklusives Schulsystem auf der strukturellen Ebene, die einen gesamtp&#228;dagogischen Ansatz einschlie&#223;t, nicht umgesetzt und mehrsprachigkeitssensibler und registerbildender Unterricht nicht in allen F&#228;chern die Regel ist, k&#246;nnen separierte Angebote mit f&#252;r die Zielgruppe ad&#228;quaten p&#228;dagogischen Konzepten (z.B. Traumap&#228;dagogik) die bessere Alternative darstellen. Studien, wie zum Beispiel aus den Vereinigten Staaten, die einen gr&#246;&#223;eren Erfolg von separierenden Modellen hinsichtlich der Zweitsprachenkenntnisse und der Bildungserfolge von neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen feststellen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B9">Collier/Thomas 2017</xref>), d&#252;rfen demnach nicht so gelesen werden, dass inklusive Modelle nicht zielf&#252;hrend sind, zumal die Studien in der Regel nur auf den Bildungserfolg abzielen, die Umsetzung von Inklusion sowie das Erleben der Sch&#252;ler*innen und ihr Wohlbefinden in der neuen Umgebung aber au&#223;en vor lassen. Im Gegensatz zu dieser Perspektive setzen wir erste, aus der bisherigen Inklusions- und DaZ-Forschung resultierende Akzente f&#252;r die Entwicklung eines sprachlich inklusiven Schulsystem, ohne den Anspruch auf ein vollst&#228;ndiges Konzept oder Modell f&#252;r eine sprachlich inklusive Schulentwicklung zu verfolgen.</p>
<sec>
<title>5.1 Leitideen f&#252;r ein sprachlich inklusives Schulsystems</title>
<p>Ein sprachlich inklusives Bildungssystem ber&#252;cksichtigt nicht nur Sprache, sondern alle Diversit&#228;tsdimensionen wie etwa auch Behinderung, soziale Lebenslagen, Gender oder <italic>Race</italic>. Wir legen der Idee eines sprachlich inklusiven Schulsystems ein weites Inklusionsverst&#228;ndnis zugrunde, das es jedoch erlaubt vulnerable Gruppen (wie etwa neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen) zu identifizieren. Es erkennt die Verwobenheit verschiedener Diversit&#228;tsdimensionen und strebt an, allen Sch&#252;ler*innen die gleichberechtigte Teilhabe am Schulleben zu erm&#246;glichen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B1">Ainscow 2020</xref>). F&#252;r die Praxis bedeutet dies, Barrieren, die Sch&#252;ler*innen aufgrund sprachlich heterogener Ausgangslagen in Kombination mit anderen Faktoren erfahren, zun&#228;chst zu erkennen und abzubauen und eine Lernumgebung zu schaffen, die allen gerecht wird, ohne Einzelne aufgrund artifizieller Kategorien zu exkludieren.</p>
<p>Dazu bedarf es der generellen Anerkennung und Wertsch&#228;tzung &#8211; als fundamentale Gelingensbedingungen einer schulischen Inklusion (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B32">L&#252;tje-Klose/Wild/Gr&#252;ter/Gorges/Neumann/Papenberg/Goldan 2024</xref>) &#8211; sprachlicher Vielfalt im gesamten Schulsystem. Damit werden auch neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen nicht als Sonderfall, sondern als integraler Teil der Schule betrachtet. Ein solches Verst&#228;ndnis erfordert von Schulen eine mehrsprachigkeitssensible Haltung, die Mehrsprachigkeit als Potenzial f&#252;r die gesamte Schulgemeinschaft erkennt und f&#246;rdert (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B29">Little/Kirwan 2019</xref>). Dabei ist es essenziell, dass sich die Unterrichtsgestaltung und schulischen Strukturen an den realen Lebenswelten aller Sch&#252;ler*innen orientieren und Diversit&#228;t als Chance f&#252;r gemeinsames Leben begriffen wird. Dies erfordert die Umsetzung einer durchg&#228;ngigen Sprachbildung, die auf alle Sch&#252;ler*innen zugeschnitten ist und unterschiedliche Differenzdimensionen ber&#252;cksichtigt. Gleichzeitig ist ein sprachlich inklusives Schulsystem so gestaltet, dass zus&#228;tzliche sprachliche Unterst&#252;tzungsma&#223;nahmen auch ohne die Vergabe von spezifischen Labeln wie sonderp&#228;dagogischer oder Sprachf&#246;rderbedarfen f&#252;r alle zug&#228;nglich sind, wenn sie ben&#246;tigt werden.</p>
</sec>
<sec>
<title>5.2 Schulorganisatorische Anforderungen</title>
<p>Inklusion darf sich nicht auf didaktisch-methodisches K&#246;nnen der Lehrpersonen beschr&#228;nken und damit vor allem nicht &#8211; wie das auch schon in der Diskussion zur Binnendifferenzierung beobachtet werden konnte &#8211; die gesamte Verantwortung auf das p&#228;dagogische Lehrpersonal &#252;bertragen werden (<xref ref-type="bibr" rid="B14">D&#246;ll 2023: 21</xref>). Sprachbildung muss in erster Linie als Schulentwicklungsaufgabe gesehen und damit entsprechend gro&#223; und umfassend gedacht werden. In Zeiten eines eklatanten Lehrkr&#228;ftemangels ist die Forderung nach mehr Personal zwar insbesondere bei der Bildungspolitik nicht besonders willkommen und aktuell sicher auch nicht erfolgversprechend, was sie aber nicht weniger notwendig macht. Um allen Sch&#252;ler*innen und damit auch von Anfang an neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen inklusiven Unterricht in einer inklusiven Schule und damit gemeinsames Lernen bieten zu k&#246;nnen, die Heterogenit&#228;t als gegeben und normal sowie die Bildsamkeit aller Sch&#252;ler*innen anerkennt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B10">Dederich 2020</xref>), bedarf es Expertise im Bereich DaZ mindestens in jedem Jahrgang, idealerweise in jeder Lerngruppe sowie einer besseren personellen Ausstattung und zeitlicher Ressourcen f&#252;r den interprofessionellen Austausch innerhalb von multiprofessionellen Teams (vgl. u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B32">L&#252;tje-Klose et al. 2024</xref>), in denen Fachlehrkr&#228;fte, DaZ-Lehrkr&#228;fte, inklusions-/sonderp&#228;dagogische Lehrkr&#228;fte, aber auch weitere p&#228;dagogische und therapeutische Fachpersonen im Schulkollegium zusammenarbeiten, um Einfl&#252;sse unterschiedlicher Diversit&#228;tsdimensionen auf das schulische Lernen und die schulische Teilhabe gemeinsam zu reflektieren und m&#246;glichen Barrieren begegnen zu k&#246;nnen. Der Einbezug verschiedener Perspektiven und Kompetenzen, insbesondere auch in der Analyse der Lernausgangslagen wie auch potenzieller Barrieren im Unterricht, ist zentral f&#252;r eine bedarfsgerechte Unterst&#252;tzung und Teilhabe aller Sch&#252;ler*innen.</p>
</sec>
<sec>
<title>5.3 Didaktische Prinzipien</title>
<p>Eine mehrsprachigkeitssensible Diagnostik ist essenziell, um die sprachlichen Potenziale und Unterst&#252;tzungsbedarfe von Sch&#252;ler*innen ad&#228;quat zu erfassen. Diese vermeidet eine ausschlie&#223;liche Betrachtung der Mehrheitssprache sowie eine unreflektierte Anwendung von monolingualen Normen, die zu fehlerhaften diagnostischen Entscheidungen f&#252;hren kann (<xref ref-type="bibr" rid="B15">D&#246;ll/Dirim 2011</xref>). F&#252;r die Differenzialdiagnostik von SES bei mehrsprachigen Kindern schlagen sowohl L&#252;ke/Starke/Ritterfeld (<xref ref-type="bibr" rid="B30">2020</xref>) als auch Castilla-Earls/Bedore/Rojas/Fabiano-Smith/Pruitt-Lord/Restrepo/Pe&#241;a (<xref ref-type="bibr" rid="B8">2020</xref>) Ans&#228;tze vor, in denen mehrere Informationsquellen herangezogen und miteinander in Beziehung gebracht werden: Einsch&#228;tzungen von Eltern und Lehrpersonen, Sprachproben in allen Sprachen der Sch&#252;ler*innen, Ergebnisse ad&#228;quater standardisierter Testverfahren, die &#220;berpr&#252;fung des phonologischen Arbeitsged&#228;chtnisses als bedeutsamen Pr&#228;diktor f&#252;r erfolgreiches sprachliches Lernen sowie die dynamische Erfassung (<italic>dynamic assessement</italic>) der Lernf&#228;higkeiten und der Lernumgebung der Sch&#252;ler*innen werden gemeinschaftlich ausgewertet und interpretiert.</p>
<p>Die schulische Teilhabe ist oberstes Ziel in inklusiven Settings &#8211; bei gleichzeitigem individuellen Blick auf die (nicht nur sprachlichen) Bedarfe der Sch&#252;ler*innen. Sprachliche Unterst&#252;tzung kann einerseits erfolgen, indem Unterricht und Material abgestimmt auf die sprachlichen F&#228;higkeiten der Sch&#252;ler*innen differenziert geplant bzw. eingesetzt werden. Zudem sollte die Lehrperson-Sch&#252;ler*innen-Interaktion zu den fachlichen Gegenst&#228;nden des Unterrichts immer auch der Sprachbildung und -f&#246;rderung dienen und entsprechend gestaltet sein. Im Bereich DaZ wird dabei z.B. das Prinzip des Scaffolding (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B19">Gibbons 2015</xref>) genutzt, im Bereich IP werden etwa dem Micro-Scaffolding vergleichbare Methoden f&#252;r eine sprachf&#246;rderliche Lehrkraftsprache verfolgt (vgl. u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B42">Reber/Sch&#246;nauer-Schneider 2022</xref>).</p>
</sec>
<sec>
<title>5.4 Konsequenzen f&#252;r die Lehramtsausbildung</title>
<p>F&#252;r ein sprachlich inklusives Schulsystem braucht es eine grundlegende Lehramtsausbildung, die sich intensiv mit inklusionsp&#228;dagogischen Aspekten befasst. In einem inklusiven Schulsystem m&#252;ssen alle Lehrpersonen inklusive Lehrpersonen sein. Zus&#228;tzlich bedarf es einer sprachlichen Expertise in Bezug auf mehrsprachige Sprachaneignungsprozesse, die weitere Diversit&#228;tsdimensionen wie etwa Behinderung oder soziale Lebenslagen einbezieht. Es zeigt sich, dass intensive Professionalisierungsma&#223;nahmen in der ersten und dritten Phase der Lehramtsausbildung einen positiven Effekt auf die Einstellung der Lehrpersonen in Bezug auf Mehrsprachigkeit (<xref ref-type="bibr" rid="B40">Pohlmann-Rother/Lange/Zapfe/Then 2023</xref>) als wichtige Basis f&#252;r das unterrichtliche Handeln haben. Eine Verkn&#252;pfung von Lerninhalten aus dem Bereich DaZ und dem Bereich Inklusive P&#228;dagogik mit Schwerpunkt Sprache erscheinen vor diesem Hintergrund unabdingbar.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>6 Fazit</title>
<p>In einem sprachlich inklusiven Schulsystem k&#246;nnen alle Sch&#252;ler*innen unabh&#228;ngig von ihren sprachlich-kommunikativen Lernausgangslagen am Schulleben und Unterricht teilhaben. Allerdings stehen der idealistischen Vorstellung eines gemeinsamen Lernens aller Sch&#252;ler*innen aktuell noch immense Herausforderungen und insbesondere ein eklatanter Ressourcenmangel entgegen. In dieser Diskussion braucht es statt eines Entweder-oder hinsichtlich Separation und Inklusion vielmehr ein bedarfsorientiertes Sowohl-als-auch von unterrichtsintegrierten und tempor&#228;r additiven Ma&#223;nahmen. Notwendig daf&#252;r ist vor allem die Zusammenarbeit von Sonderp&#228;dagog*innen und DaZ-Lehrpersonen, die mit ihren unterschiedlichen Perspektiven und Einsatzfeldern gemeinsam zur sprachlichen Bildung und F&#246;rderung aller Sch&#252;ler*innen beitragen k&#246;nnen. Nur so sind die Vorgaben der Politik &#8222;allen Kindern, die Defizite in der deutschen Sprache aufweisen, die F&#246;rderung zukommen zu lassen, die ihnen eine gleichberechtigte Teilnahme an Unterricht und Bildung erm&#246;glicht&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Bundesregierung 2007: 66</xref>), um dadurch langfristig einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung und Beruf (ebd.: 88), zu realisieren, was dem Ziel, &#8222;allen Kindern und Jugendlichen unabh&#228;ngig von ihrer Herkunft eine umfassende Teilhabe an Bildung und Chancen f&#252;r den gr&#246;&#223;tm&#246;glichen Bildungserfolg zu er&#246;ffnen&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B25">KMK 2017: 2</xref>), entspricht.</p>
</sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Darunter verstehen wir aus dem Ausland zugewanderte Sch&#252;ler*innen in den ersten beiden Jahren nach ihrer Ankunft in Deutschland, die neben einem Wechsel des Schulsystems auch einen Wechsel der Schulsprache erleben, die sie sich parallel zum Fortlauf ihrer Schullaufbahn aneignen m&#252;ssen. Sch&#252;ler*innen, die im Laufe ihrer Schulzeit nach Deutschland migrieren, aber bereits &#252;ber ausreichende Deutschkenntnisse verf&#252;gen, adressieren wir in diesem Text nicht. Das hei&#223;t allerdings nicht, dass sie nicht auch Unterst&#252;tzung brauchen, um sich im neuen Schulsystem zurechtzufinden.</p></fn>
<fn id="n2"><p>F&#252;r Deutschland liegen bislang kaum verl&#228;ssliche Angaben vor.</p></fn>
<fn id="n3"><p>Dazu geh&#246;ren in der Regel Gender, Dis/Ability, Sozialer Status, Kultur (Religion sowie Sprache bzw. Mehrsprachigkeit), sexuelle Orientierung, Schulleistung und Alter (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B56">Walgenbach 2015</xref>).</p></fn>
<fn id="n4"><p>Angesichts der Ausrichtung des Themenschwerpunktes und dieses Beitrages sowie dessen Umfang konzentrieren wir uns in dieser kurzen Darstellung auf die Situation in Deutschland.</p></fn>
<fn id="n5"><p>Die aktuelle Diskussion um die Zust&#228;ndigkeiten, sowie Bezeichnung dieser Disziplin ist uns bekannt (vgl. u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B48">Schweiger/H&#228;gi-Mead/Dobstadt/M&#252;ller i.V.</xref>). Da der Fokus dieses Beitrags jedoch auf der Auseinandersetzung mit dem Inklusionsbegriff aus der interdisziplin&#228;ren Perspektive der inklusiven P&#228;dagogik mit dem Schwerpunkt Sprache und dem Fachgebiet Deutsch als Zweitsprache liegt, behalten wir die urspr&#252;ngliche Bezeichnung <italic>Deutsch als Zweitsprache</italic> bei.</p></fn>
<fn id="n6"><p>F&#252;r das Fachgebiet DaZ kann als eine erste Ann&#228;herung zwischen separiertem DaZ-Unterricht und dem (der durchg&#228;ngigen Sprachbildung unterstellten) sprachsensiblen oder sprachbewussten Fachunterricht der fachsensible Sprachunterricht gesehen werden (vgl. u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B60">Wulff/Nessler 2019</xref>).</p></fn>
<fn id="n7"><p>Dies ist auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass Sch&#252;ler*innen mit &#8222;im Vergleich zu Sch&#252;ler*innen ohne Migrationsgeschichte deutlich &#252;berproportional an F&#246;rderschulen sonderbeschult sind&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B43">Riemer 2017: 235</xref>).</p></fn>
<fn id="n8"><p>Siehe dazu den &#220;berblick im Editorial.</p></fn>
</fn-group>
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<title>Literatur</title>
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<ref id="B52"><mixed-citation publication-type="journal"><collab>SVR (Sachverst&#228;ndigenrat deutsche Stiftungen f&#252;r Integration und Migration)</collab> (<year>2016</year>): <article-title>Lehrerbildung in der Einwanderungsgesellschaft. Qualifizierung f&#252;r den Normalfall Vielfalt</article-title>. Policy Brief des SVR Forschungsbereichs und des Mercator-Instituts f&#252;r Sprachf&#246;rderung und Deutsch als Zweitsprache. Mercator-Institut (31.05.2024).</mixed-citation></ref>
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<ref id="B55"><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Vygotsky</surname>, <given-names>Lew Semionowitsch</given-names></string-name> (<year>1978</year>): <source>Mind in Society. The Development of Higher Psychological Processes</source>. <publisher-loc>Cambridge</publisher-loc>.</mixed-citation></ref>
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<ref id="B58"><mixed-citation publication-type="journal"><string-name><surname>Weinrich</surname>, <given-names>Harald</given-names></string-name> (<year>1979</year>): <article-title>Deutsch als Fremdsprache &#8211; Konturen eines neuen Faches</article-title>. <source>Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache</source> <volume>5</volume>, <fpage>1</fpage>&#8211;<lpage>13</lpage>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B59"><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Wildemann</surname>, <given-names>Anja</given-names></string-name>; <string-name><surname>D&#246;ll</surname>, <given-names>Marion</given-names></string-name> &amp; <string-name><surname>Brizi&#263;</surname>, <given-names>Katharina</given-names></string-name> (<year>2023</year>): <chapter-title>Mehrsprachigkeitsreflexive Diagnostik f&#252;r eine sprachenbewusste Bildungspraxis</chapter-title>. In: <string-name><surname>Hack-Cengizalp</surname>, <given-names>Esra</given-names></string-name>; <string-name><surname>David-Erb</surname>, <given-names>Melanie</given-names></string-name> &amp; <string-name><surname>Corvacho del Toro</surname>, <given-names>Irene</given-names></string-name> (Hrsg.): <source>Mehrsprachigkeit und Bildungspraxis</source>. <publisher-loc>Bielefeld</publisher-loc>: <publisher-name>wbv</publisher-name>, <fpage>33</fpage>&#8211;<lpage>46</lpage>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B60"><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Wulff</surname>, <given-names>Nadja</given-names></string-name> &amp; <string-name><surname>Nessler</surname>, <given-names>Stefan</given-names></string-name> (<year>2019</year>): <chapter-title>Fachsensibler Sprachuntereicht in der Vorbereitungsklasse &#8211; auf dem Weg zur erfolgreichen Integration in den Fachunterricht</chapter-title>. In: <string-name><surname>Ahrenholz</surname>, <given-names>Bernt</given-names></string-name>; <string-name><surname>Jeuk</surname>, <given-names>Stefan</given-names></string-name>; <string-name><surname>L&#252;tke</surname>, <given-names>Beate</given-names></string-name>; <string-name><surname>Paetsch</surname>, <given-names>Jennifer</given-names></string-name> &amp; <string-name><surname>Roll</surname>, <given-names>Heike</given-names></string-name> (Hrsg.): <source>Fachunterricht, Sprachbildung und Sprachkompetenzen</source> (DaZ-Forschung, 18). <publisher-loc>Berlin</publisher-loc>: <publisher-name>De Gruyter</publisher-name>, <fpage>279</fpage>&#8211;<lpage>299</lpage>.</mixed-citation></ref>
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<title>Kurzbio</title>
<p><bold>Prof. Dr. Andrea Daase</bold> ist Professorin f&#252;r Deutsch als Zweit-/Fremdsprache an der Universit&#228;t Bremen. Zu ihren Forschungsinteressen geh&#246;ren u.a. Deutsch im Kontext von Mehrsprachigkeit in Schule, Ausbildung und Beruf, Professionalisierung von p&#228;dagogischem Personal in (inklusiven) Bildungskontexten. Ihre Forschung verortet sich im soziokulturellen sowie im rekonstruktiv-interpretativen Paradigma.</p>
<p><bold>Prof. Dr. Anja Starke</bold> ist Professorin f&#252;r Inklusive P&#228;dagogik, Schwerpunkt Sprache an der Universit&#228;t Bremen. Zu ihren Forschungsinteressen geh&#246;ren u.a. Sprachbildung und -f&#246;rderung in der inklusiven Schule, Zusammenhang sprachlicher und sozial-emotionaler Entwicklung und die Professionalisierung von p&#228;dagogischem Personal f&#252;r inklusive Bildungskontexte.</p>
<p><bold>Dr. Eli&#353;ka Dunowski</bold> ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universit&#228;t Bremen. Sie lehrt und forscht im Arbeitsgebiet Deutsch im Kontext von Mehrsprachigkeit, ihre Schwerpunkte sind Sprachdiagnostik und Sprachbildung, Inklusion und Sprachcoaching.</p>
<p><bold>Katharina Rademacher</bold> ist Sonderp&#228;dagogin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universit&#228;t Bremen. Im Arbeitsgebiet Inklusive P&#228;dagogik mit dem Schwerpunkt Sprache besch&#228;ftigt sie sich mit der Professionalisierung angehender Lehrkr&#228;fte im Bereich Sprachf&#246;rderkompetenzen sowie dem Zusammenhang sprachlicher und sozial-emotionaler Kompetenzen in inklusiven Settings.</p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2"><bold>Anschrift:</bold></styled-content></p>
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<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2"><ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="mailto:katharina.rademacher@uni-bremen.de">katharina.rademacher@uni-bremen.de</ext-link></styled-content></p>
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