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<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Interkulturellen Fremdsprachenunterricht</journal-title>
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<subject>Aufsatz zum themenschwerpunkt</subject>
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<article-title>Zwischen Separation und Inklusion &#8211; Beschulungsmodelle und Unterrichtskonzepte f&#252;r neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen. Einf&#252;hrung in den Themenschwerpunkt</article-title>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Deutsch als Zweitsprache und fachintegrierte Sprachbildung, CAU Kiel</aff>
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<title>1 Einleitung</title>
<p>Kinder und Jugendliche, die im schulpflichtigen Alter nach Deutschland einwandern, stehen vor der komplexen Aufgabe, sich in ein neues Schulsystem einzufinden und gleichzeitig die deutsche Sprache erwerben zu m&#252;ssen. Der Anteil dieser Kinder und Jugendlichen in Deutschland hat sich durch die Migrationsbewegungen der letzten Jahrzehnte und insbesondere im Zuge aktueller Zuwanderungsdynamiken, ausgel&#246;st durch den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, stark erh&#246;ht. Im Jahr 2022 geh&#246;rten fast 10 % der 15-j&#228;hrigen Sch&#252;ler*innen zur ersten Generation (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B54">Stanat/Schipolowski/Schneider/Weirich/Henschel/Sachse 2023</xref>), d.h. diese Sch&#252;ler*innen sind nicht in Deutschland geboren und oft erst im Laufe ihrer Schulbiografie nach Deutschland migriert. Seit 2022 sind allein ca. 210.000 gefl&#252;chtete Kinder und Jugendliche aus der Ukraine in das Schulsystem aufgenommen worden<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref>.</p>
<p>Die Integration dieser Sch&#252;ler*innen &#8211; die i.d.R. &#252;ber keine oder nur geringe Kenntnisse der deutschen Sprache verf&#252;gen &#8211; in das zurzeit ohnehin angespannte deutsche Bildungssystem geht mit gro&#223;en Herausforderungen einher: Das Schulbarometer 2023 (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B48">Robert-Bosch-Stiftung 2023</xref>) offenbart, dass mehr als die H&#228;lfte der befragten Schulleitungen (59 %, an Grundschulen sogar 71 %) der Meinung ist, dass an ihrer Schule keine ausreichende Sprachf&#246;rderung f&#252;r neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen gew&#228;hrleistet werden kann. Mit neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen werden an dieser Stelle alle Sch&#252;ler*innen bezeichnet, die im schulpflichtigen Alter nach Deutschland migrieren und &#252;ber keine oder nicht ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache verf&#252;gen, um erfolgreich am Regelunterricht teilzunehmen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B37">Massumi/von Dewitz 2015: 13</xref>, synonym dazu wird auch der Begriff Seiteneinsteiger*innen verwendet, vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B34">Maak 2014</xref>). Ein typisches Merkmal der Gruppe der neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen ist ihre gro&#223;e Heterogenit&#228;t in sprachlicher, herkunftsbedingter und schulbiografischer Hinsicht (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B7">Diebel/Ahrenholz 2023</xref>).</p>
<p>Eine wichtige Frage im Kontext der Beschulung dieser Gruppe ist, wie das Lernziel des Erwerbs basaler Sprachkenntnisse, aber auch die Anbahnung bildungssprachlicher Kompetenzen im Deutschen am besten zu erreichen ist, damit die Sch&#252;ler*innen m&#246;glichst schnell erfolgreich am Regelunterricht und damit an altersgem&#228;&#223;er formaler Bildung partizipieren k&#246;nnen. Dabei wird oft die ebenso wichtige Frage &#252;bersehen, wie an die vielf&#228;ltigen sprachlichen und fachlichen Ressourcen angekn&#252;pft werden kann, &#252;ber die die Sch&#252;ler*innen bereits verf&#252;gen, so dass eine ganzheitliche, mehrsprachige Bildung gelingt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B45">Reddick/Chopra 2021</xref>). In Deutschland reichen die Beschulungsmodelle f&#252;r neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen von Vorbereitungsklassen, in denen neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen vollst&#228;ndig separat unterrichtet werden, &#252;ber teilintegrative Modelle, bei denen Sch&#252;ler*innen stundenweise am Regelunterricht teilnehmen, bis hin zu direkter vollst&#228;ndiger Inklusion in Regelklassen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B2">Ahrenholz/Fuchs/Birnbaum 2016</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B37">Massumi/von Dewitz 2015</xref>). Dabei haben die Vorgaben in den Bundesl&#228;ndern jedoch unterschiedliche Verbindlichkeit (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B37">Massumi/von Dewitz 2015: 7</xref>), so dass das jeweilige Organisationsmodell und die konkrete unterrichtliche Arbeit in den Klassen von Schule zu Schule stark variiert (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B18">Fuchs 2023</xref>; f&#252;r Berlin: <xref ref-type="bibr" rid="B39">Neumann/Haas/M&#252;ller/Maaz 2020</xref>). Auch wenn im Zuge der gestiegenen Zuwanderungszahlen seit 2015 die Forschung zur Beschulung neu zugewanderter Sch&#252;ler*innen in Deutschland zugenommen hat (vgl. z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B1">Ahrenholz 2021</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B40">Ohm/Ricart Brede 2023</xref>), steht die wissenschaftliche Evaluation unterschiedlicher Unterrichtsmodelle und ihrer Implementierung immer noch am Anfang. Insgesamt ist zu wenig dar&#252;ber bekannt, mit welchem Erfolg hinsichtlich des Erwerbs fachlicher Kompetenzen, Kompetenzen in der deutschen Sprache, aber auch ihrer gesamtsprachlichen Kompetenz sowie ihres schulischen Wohlbefindens Sch&#252;ler*innen Vorbereitungs- und Regelklassen besuchen. El-Mafaalani und Massumi (<xref ref-type="bibr" rid="B13">2019: 18</xref>) konstatieren f&#252;r Deutschland nach wie vor ein &#8222;Desiderat wissenschaftlicher Begleitforschungen zu Schul- und Unterrichtskonzepten sowie -praktiken&#8220; f&#252;r migrierte Sch&#252;ler*innen. Auch in den aktuellen Stellungnahmen der St&#228;ndigen Wissenschaftlichen Kommission zur Unterst&#252;tzung gefl&#252;chteter Kinder und Jugendlicher aus der Ukraine (<xref ref-type="bibr" rid="B55">SWK 2022</xref>) und zur sprachlichen Bildung von neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen (<xref ref-type="bibr" rid="B56">SWK 2025</xref>) wird betont, dass die wissenschaftliche Befundlage und die empirische Evidenz f&#252;r erfolgreiche Sprachf&#246;rderung bisher unbefriedigend sind. Gleichzeitig zeigen die Stellungnahmen, dass das (bildungs-)politische und wissenschaftliche Interesse an dieser Gruppe von Sch&#252;ler*innen steigt und ein Handlungsbedarf erkannt wurde.</p>
<p>An diese Forschungsl&#252;cke m&#246;chten die folgende Einf&#252;hrung und die weiteren Beitr&#228;ge dieses Themenheftes ankn&#252;pfen. In dem Call for Papers zu diesem ZIF-Themenschwerpunkt (&#8222;Zwischen Separation und Inklusion &#8211; Beschulungsmodelle und Unterrichtskonzepte f&#252;r neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen&#8220;) haben wir dazu aufgerufen, wissenschaftliche Beitr&#228;ge zum Spannungsfeld von Vorbereitungs-/F&#246;rder- und Regelunterricht sowie den zugrundeliegenden Schul- und Unterrichtskonzepten sowie -praktiken einzureichen. Bevor wir die Beitr&#228;ge dieses Themenheftes vorstellen (Kap. 6), m&#246;chten wir zun&#228;chst zentrale Begrifflichkeiten kl&#228;ren (Kap. 2) und den bisherigen Diskurs zu den Auswirkungen unterschiedlicher Beschulungsmodelle zusammenfassen, und zwar sowohl bezogen auf Deutschland (Kap. 3) als auch auf den skandinavischen Raum (Kap. 4). Anschlie&#223;end leiten wir Empfehlungen f&#252;r Wissenschaft und Bildungspolitik ab (Kap. 5).</p>
</sec>
<sec>
<title>2 Inklusion und Separation &#8211; eine begriffliche Einordnung</title>
<p>Im Folgenden werden die titelgebenden Begriffe des vorliegenden Themenheftes &#8211; Inklusion und Separation &#8211; in Abgrenzung zu weiteren relevanten Begriffen des Themenfeldes eingeordnet. Das Thema Inklusion wird in Deutschland nach wie vor vorwiegend im Zusammenhang mit Menschen mit Behinderung diskutiert (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B41">Paraschou/Soremski 2022: 270</xref>). Unter einem <italic>inklusiven Bildungssystem</italic> wird in diesem Zusammenhang ein Bildungssystem verstanden, in dem Sch&#252;ler*innen mit und ohne sonderp&#228;dagogischem F&#246;rderbedarf gemeinsam unterrichtet werden (vgl. <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://www.kmk.org/themen/allgemeinbildende-schulen/inklusion.html">https://www.kmk.org/themen/allgemeinbildende-schulen/inklusion.html</ext-link>). Migration bleibt in der Inklusionsdebatte hingegen &#8222;bislang gr&#246;&#223;tenteils unbeachtet&#8220; (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B41">Paraschou/Soremski 2022: 270</xref>). Im Fachgebiet Deutsch als Zweitsprache wird der Begriff Inklusion mittlerweile jedoch im Hinblick auf die Beschulung neu zugewanderter Sch&#252;ler*innen vermehrt diskutiert<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref> (vgl. Daase/Starke/Dunowski/Rademacher in diesem Heft zur Genese der Diskurse um (Integration und) Inklusion in den Fachgebieten DaZ und Inklusive P&#228;dagogik; <xref ref-type="bibr" rid="B11">D&#246;ll/Michalak 2023</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B43">Pl&#246;ger 2023</xref>). Dieser wird dann nicht mehr verengt und nur auf Menschen mit Behinderung bezogen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B47">Riemer 2017: 233</xref>), sondern es wird ein weiteres Verst&#228;ndnis von Inklusion zugrunde gelegt, das sich eben nicht auf eine bestimmte Gruppe bezieht. Gleichzeitig wird daf&#252;r pl&#228;diert, vulnerable oder von Marginalisierung und Exklusion bedrohte Gruppen besonders in den Blick zu nehmen und sie bedarfsgerecht zu f&#246;rdern (vgl. Daase et al. in diesem Heft; <xref ref-type="bibr" rid="B47">Riemer 2017: 233</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref></p>
<p>Mit Linde und Auferkorte-Michaelis (<xref ref-type="bibr" rid="B32">2021: 39</xref>), die zu diversit&#228;tsgerechtem Lehren und Lernen an Hochschulen forschen, kann Inklusion in einem sehr weiten Verst&#228;ndnis ganz grunds&#228;tzlich als &#8222;Konzept des Umgangs mit Diversit&#228;t&#8220; beschrieben werden. Was genau mit dem Begriff Inklusion gemeint ist, divergiert jedoch in der Literatur. So attestiert Dederich (<xref ref-type="bibr" rid="B6">2013: 65</xref>) eine &#8222;Vielgestaltigkeit und Heterogenit&#228;t der Verwendungsweisen und Verwendungskontexte des Inklusionsbegriffs und der ihm zugeschriebenen Bedeutungen und Funktionen&#8220;. W&#246;rtlich bedeutet Inklusion &#8218;einschlie&#223;en&#8216; und wird im <xref ref-type="bibr" rid="B12">Duden</xref> (<ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://www.duden.de/rechtschreibung/Inklusion">https://www.duden.de/rechtschreibung/Inklusion</ext-link>) mit &#8222;Mit-einbezogen-Sein; gleichberechtigte Teilhabe an etwas&#8220; definiert. Seitz/Finnern/Korff/Scheidt (<xref ref-type="bibr" rid="B51">2012: 9</xref>) definieren den Begriff im Kontext des Bildungswesens als &#8222;die M&#246;glichkeit der Teilnahme von Individuen an den Operationen bzw. an der Kommunikation des Erziehungs- und Bildungssystems und an der Verteilung ihrer Leistungen in Form von Bildung und Erziehung&#8220;. Ziel ist es dabei, der Verschiedenheit dieser Individuen &#8222;im individuellen und institutionellen Umgang angemessen zu begegnen&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B32">Linde/Auferkorte-Michaelis 2021: 39</xref>). Der Begriff Inklusion ist eng mit dem der Teilhabe verwoben, die Pl&#246;ger und Schmalenbach (<xref ref-type="bibr" rid="B44">2024: 63</xref>) zugleich als &#8222;Voraussetzung und Ziel von Inklusion&#8220; verstehen. Schulische Teilhabe beschreiben sie in Anlehnung an Reinhardt und Becker (<xref ref-type="bibr" rid="B46">2022: 116</xref>) auf drei Ebenen: Die formale Ebene (z.B. Teilhabe am Regelunterricht), die non-formale Ebene (z.B. Teilhabe an extracurricularen Angeboten) sowie die informelle Ebene (z.B. Zugeh&#246;rigkeitsgef&#252;hl zu Mitsch&#252;ler*innen und Schule) (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B44">Pl&#246;ger/Schmalenbach 2024: 64</xref>).</p>
<p>Dem Begriff der Inklusion werden h&#228;ufig Begriffe wie Exklusion oder Separation gegen&#252;bergestellt. In der Literatur zeigt sich allerdings, dass eine Begriffsbestimmung vor allem f&#252;r diejenigen Begriffe formuliert wird, die als Ziele oder als W&#252;nsche angesehen werden (ergo Inklusion oder Integration) (vgl. z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B32">Linde/Auferkorte-Michaelis 2021: 39</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B43">Pl&#246;ger 2023: 27</xref>), w&#228;hrend die &#8222;Gegenst&#252;ck[e]&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B31">Kremsner/Proyer 2024: 7</xref>) (ergo Exklusion, Separation oder Segregation) zwar genannt, aber nur selten bestimmt werden. Nachfolgend werden deshalb die Begriffe Exklusion und Separation ausgehend vom bildungswissenschaftlichen Diskurs zu inklusiver Bildung als &#8222;Formen (der Organisation) des sozialen Zusammenlebens&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B31">Kremsner/Proyer 2024: 11</xref>) f&#252;r den Kontext der Debatte um Beschulungsmodelle erl&#228;utert und eingeordnet.</p>
<p><italic>Exklusion</italic> bedeutet grunds&#228;tzlich &#8218;ausschlie&#223;en&#8216;: Aufgrund eines oder mehrerer Merkmale bestimmter Individuen oder Gruppen wird diesen der Zugang zu einer relevanten (Bildungs-)Institution verwehrt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B31">Kremsner/Proyer 2024: 14</xref>). Dies betrifft vielf&#228;ltige Situationen, bspw. wenn Migrant*innen aufgrund fehlender Aufenthaltstitel keine Deutschkurse besuchen d&#252;rfen, oder wenn &#8218;leistungsschw&#228;chere&#8216; Sch&#252;ler*innen keinen Zugang zur Beschulung in der Sek. II erhalten (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B31">Kremsner/Proyer 2024: 14</xref>). <italic>Separation</italic> bedeutet grunds&#228;tzlich &#8218;absondern&#8216; oder &#8218;abtrennen&#8216;. Der Begriff entstammt der Geschichte der Sonderp&#228;dagogik (<xref ref-type="bibr" rid="B10">D&#246;ll 2023: 12</xref>) und folgt einer &#8222;Theorie der Andersartigkeit&#8220; (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B42">Pfeufer 2018: 9</xref>): Im Sinne der Separation bildeten sich in der Bundesrepublik Deutschland zahlreiche Schularten heraus (z.B. f&#252;r Geh&#246;rlose, Menschen mit Sehbehinderung, etc.). Eine Zuteilung zu den einzelnen Schularten erfolgt(e) dabei &#8222;anhand systematisierter medizinischer Defektkategorien&#8220;, wobei im Vordergrund eindeutig die &#8222;Defizitorientierung&#8220; stand (<xref ref-type="bibr" rid="B42">Pfeufer 2018: 9</xref>, vgl. auch <xref ref-type="bibr" rid="B10">D&#246;ll 2023: 12</xref>). &#196;hnlich erfolgte die Entwicklung einer separierenden Schulform f&#252;r die sogenannten &#8218;Gastarbeiterkinder&#8216; in &#8218;Ausl&#228;nderklassen&#8216; (Daase et al. in diesem Heft, vgl. auch <xref ref-type="bibr" rid="B26">Hummrich/Terstegen 2020: 17</xref>), die nicht nur aufgrund eines ihnen unterstellten sprachlichen, sondern auch kulturellen Defizits vom Regelunterricht ausgeschlossen wurden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B26">Hummrich/Terstegen 2020: 17</xref>). Die Einrichtung separater Klassen diente als L&#246;sungsansatz, um neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen in der Zielsprache Deutsch zu unterrichten und gleichzeitig der neu eingef&#252;hrten Schulpflicht f&#252;r nichtdeutsche Kinder nachzukommen. Durch erg&#228;nzenden Herkunftssprachenunterricht sollte zudem die &#8222;R&#252;ckkehrf&#228;higkeit&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B26">Hummrich/Terstegen 2020: 17</xref>) aufrechterhalten werden. Es ging mit der Einrichtung separater Klassen also zun&#228;chst nicht darum, die Sch&#252;ler*innen auf die Teilnahme am Regelunterricht vorzubereiten (wie z.B. bei der <italic>inkludierenden Exklusion</italic>; s. nachfolgenden Abschnitt), sondern darum, einen weiterhin auf Homogenit&#228;t und Einsprachigkeit abzielenden Regelunterricht zu erm&#246;glichen (vgl. Diem/Radke 2018: 23). Bis heute kann dem Schulsystem im Umgang mit neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen eine &#8222;Kontinuit&#228;t der Separation&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B28">Karakayal&#305;/Zur Nieden/Kahveci/Gro&#223; 2017</xref>) attestiert werden.</p>
<p>Aus soziologischer Perspektive lassen sich grunds&#228;tzlich zwei Typen sozialer Zugeh&#246;rigkeit beschreiben, die auch als Erkl&#228;rungsmuster f&#252;r die Entwicklung von Beschulungsmodellen herangezogen werden k&#246;nnen: die kategoriale und die relationale Zugeh&#246;rigkeit (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B23">Hirschauer 2017: 30</xref>). Demnach kann ein Mensch zu einer kategorialen Klasse geh&#246;ren, &#8222;von denen sie ein <italic>Exemplar</italic> sind (also Element einer Menge), und sie k&#246;nnen sozialen Gebilden (wie Gruppen, Gemeinschaften, Organisationen) angeh&#246;ren, von denen sie ein <italic>(Bestand)teil</italic> sind&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B23">Hirschauer 2017: 30</xref>, Hervorh. i. O.). Die kategoriale Zugeh&#246;rigkeit ist demnach das Ergebnis &#8222;klassifikatorischer Subsumtion&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B23">Hirschauer 2017: 30</xref>), die relationale Zugeh&#246;rigkeit hingegen meint einen &#8222;sozialen Nexus von Personen&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B23">Hirschauer 2017: 30</xref>). In Bezug auf die Entwicklung der Bildungslandschaft bedeutet dies, dass separierende Schulformen tendenziell dem kategorialen Typus zugeordnet werden k&#246;nnen, nach welchem etwa biomedizinische Ursachenerkl&#228;rungen oder Diagnosen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B38">Morken 2015: 100</xref>) oder auch unzureichende Sprachkompetenzen in der Zielsprache als Begr&#252;ndung f&#252;r eine separate Beschulung oder exkludierende Praktiken herangezogen werden. Der Ansatz der relationalen Zugeh&#246;rigkeit nimmt hingegen tendenziell seinen Ausgangspunkt in den Beziehungen zwischen dem Menschen und der Gesellschaft (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B38">Morken 2015: 100</xref>), und verweist auf inklusive L&#246;sungsans&#228;tze f&#252;r die Beschulung jenseits kategorialer Differenzbestimmungen und auf die Entwicklung diversit&#228;tssensibler Lehr-/Lernkonzepte f&#252;r heterogene Lerngruppen.</p>
<p>Im wissenschaftlichen Diskurs um die Beschulung neu zugewanderter Sch&#252;ler*innen wird Inklusion h&#228;ufig auf der formalen Ebene diskutiert, indem unterschiedliche Beschulungsmodelle und der Umfang der Teilnahme am bzw. der &#220;bergang in den Regelunterricht in den Blick genommen werden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B2">Ahrenholz et al. 2016</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B37">Massumi et al. 2015</xref>). Dass physische Anwesenheit im Regelunterricht jedoch nicht mit Inklusion gleichgesetzt werden kann, d&#252;rfte nicht &#252;berraschen. So stellt beispielsweise Massumi (<xref ref-type="bibr" rid="B36">2019: 378</xref>) fest, &#8222;dass die formale Bildungsinklusion auf der Organisationsebene [&#8230;] nicht automatisch zu einer Inklusion auf der Interaktionsebene im Unterricht und in die Klassengemeinschaft f&#252;hrt&#8220; (s. <italic>exkludierende Inklusion</italic> im nachfolgenden Abschnitt). Dem Spannungsverh&#228;ltnis zwischen formaler und sozialer Inklusion und Exklusion im Kontext unterschiedlicher Beschulungsmodelle wird im Folgenden mit Blick auf die Forschungslage in Deutschland nachgegangen.</p>
</sec>
<sec>
<title>3 Zwischen inkludierender Exklusion und exkludierender Inklusion &#8211; Beschulung von neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen in Deutschland</title>
<p>Die Effekte unterschiedlicher Beschulungsmodelle (s. Kap. 1) k&#246;nnen auf sehr unterschiedlichen Ebenen untersucht werden. Orientiert man sich an Studien, die die Auswirkungen inklusiver Beschulung von Sch&#252;ler*innen mit unterschiedlichen sonderp&#228;dagogischen F&#246;rderbedarfen fokussieren, so werden beispielsweise neben Schulleistungen und Bildungswegen auch das schulische Wohlbefinden, die Motivation und die (wahrgenommene) soziale Partizipation untersucht. Hinzu kommen die Sichtweisen der Beteiligten (z.B. Sch&#252;ler*innen, Lehrkr&#228;fte, Eltern) auf die inklusive Beschulung (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B25">Hollenbach-Biele/Klemm 2020</xref>). Bezogen auf die Beschulung neu zugewanderter Sch&#252;ler*innen w&#228;re noch die Ebene des Ausbaus sprachlicher Kompetenzen zu erg&#228;nzen, und zwar nicht nur in der L2, sondern bezogen auf die gesamtsprachlichen Ressourcen.</p>
<p>F&#252;r Deutschland l&#228;sst sich konstatieren, dass zu der Frage, welche Auswirkungen die unterschiedlichen Beschulungsmodelle haben, sehr wenig bekannt ist und es dementsprechend auch schwierig ist, evidenzbasierte Empfehlungen f&#252;r das eine oder andere Modell auszusprechen. Hinzu kommt, wie auch die SWK (<xref ref-type="bibr" rid="B56">2025</xref>) annimmt, dass &#8222;[d]ie erhebliche Heterogenit&#228;t in den Lernvoraussetzungen und Lernkontexten von Kindern und Jugendlichen, die &#252;ber geringe Deutschkenntnissen verf&#252;gen, [&#8230;] keine allgemeing&#252;ltigen Empfehlungen zur Gestaltung sprachlicher Bildung f&#252;r diese Sch&#252;lergruppe zu[l&#228;sst]&#8220; (30). In ihrer Stellungnahme beschr&#228;nkt sie sich deshalb auf die Empfehlung von Kriterien f&#252;r Rahmenvorgaben f&#252;r die Sprachf&#246;rderung. Dazu geh&#246;ren die Etablierung von diagnostischen Verfahren, die Entwicklung eines zentralen Ma&#223;nahmenpakets zur sprachlichen Bildung (u.a. Rahmencurriculum) und die Qualifizierung von Lehrkr&#228;ften (<xref ref-type="bibr" rid="B56">SWK 2025: 30&#8211;31</xref>). Wir gehen davon aus, dass der Mangel an belastbaren Empfehlungen aber nicht nur auf die tats&#228;chlich sehr gro&#223;e Heterogenit&#228;t der Gruppe, sondern auch auf eine gro&#223;e Forschungsl&#252;cke zur&#252;ckzuf&#252;hren ist.</p>
<p>So wird der Diskurs bisher weniger auf der Basis empirischer Erkenntnisse, sondern eher auf einer bildungstheoretischen und damit oft auch normativen Ebene gef&#252;hrt. Denn die separierenden Beschulungsmodelle, in denen Kinder und Jugendliche in vorbereitenden DaZ-Klassen au&#223;erhalb des Regelunterrichts unterrichtet werden, stehen im Widerspruch zu den Prinzipien inklusiver Beschulung (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B20">Heilmann 2021</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B27">Karakayali/Heller 2022</xref>, vgl. auch Daase et al. in diesem Heft). Die separaten Vorbereitungsklassen werden dabei &#8222;vor allem &#252;ber die fehlenden bzw. nicht ausreichenden Kenntnisse der deutschen Sprache neu zugewanderter Sch&#252;ler*innen legitimiert. So sollen die Sch&#252;ler*innen die M&#246;glichkeit erhalten, in einem gesch&#252;tzten Rahmen die deutsche Sprache ohne den Druck fachlicher Inhalte lernen zu k&#246;nnen&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B43">Pl&#246;ger 2023: 23</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref> Zu den tats&#228;chlichen Effekten der in Deutschland existierenden Beschulungsmodelle bezogen auf die Ebene der Schulleistungen und Bildungswege von neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen liegt u.W. nur eine einzige komparative Studie vor: H&#246;ckel und Schilling (<xref ref-type="bibr" rid="B24">2022</xref>) unternehmen einen systematischen, l&#228;ngsschnittlichen Vergleich zwischen Kindern, die im Grundschulalter eine Vorbereitungsklasse besucht haben gegen&#252;ber Kindern, die direkt in die Regelklasse eingeschult werden. Die Zuteilung in diese zwei Beschulungsvarianten erfolgte zuf&#228;llig (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B24">H&#246;ckel/Schilling 2022: 1</xref>). In der Studie wurden Daten von drei Kohorten von neu zugewanderten Kindern (n = 1299) in Hamburger Grundschulen in den Jahren 2013 bis 2019 analysiert. Es zeigt sich, dass Kinder, die eine Vorbereitungsklasse besucht haben, in Klasse 5 Leistungsnachteile in den F&#228;chern Mathematik und Deutsch aufweisen sowie mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit ein Gymnasium besuchen. Dabei ist davon auszugehen, dass &#252;ber die Messung der Leistungen im Fach Deutsch indirekt auch bildungsrelevante Kompetenzen in Deutsch als Zweitsprache erfasst wurden. Insofern sind die Ergebnisse ein Indiz daf&#252;r, dass sich im Grundschulalter die Direktintegration in die Regelklasse positiv auf den Sprach- und fachlichen Kompetenzerwerb auswirkt. Insgesamt bleibt jedoch offen, inwieweit die Ergebnisse auch auf &#228;ltere Sch&#252;ler*innen &#252;bertragbar sind. Auch macht die Studie keine Aussagen &#252;ber andere Effekte der Beschulung, z.B. das psychische Wohlbefinden. Schmiedebach und Wegner (<xref ref-type="bibr" rid="B50">2019</xref>) zeigen beispielsweise in einer Untersuchung von &#228;lteren Sch&#252;ler*innen (Durchschnittsalter: 13 Jahre) f&#252;r die affektiv-emotionale Ebene, dass sich die Emotionen von Sch&#252;ler*innen in Vorbereitungsklassen und Regelklassen im Bereich Frustration, Langeweile und Sprechangst signifikant zuungunsten der Regelklasse unterscheiden.</p>
<p>Dass die Beschulung in der Regelklasse nicht automatisch einen positiven Einfluss auf die Sprachentwicklung haben muss, zeigen auch Marx, Gill und Brosowski (<xref ref-type="bibr" rid="B35">2021</xref>) in ihrer Studie zur Entwicklung von Lesekompetenz von neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen (Klasse 7 bis 9). Sie kommen zu dem Ergebnis, dass sich deren Lesekompetenz in den ersten zwei Jahren nach dem &#220;bergang in die Regelklasse nur sehr langsam weiter entwickelt und schlie&#223;lich sogar stagniert, und zwar lang bevor eine Ann&#228;herung an eine altersgem&#228;&#223;e Lesekompetenz erfolgt ist.</p>
<disp-quote>
<p>Instead, they maintain a consistent gap behind mainstream students, regardless of whether they have been in mainstream education for only a few months or up to 7 years. Thus, whilst they are improving, they are not doing so at a rate that would indicate that they will at any time be able to close the gap on their nonimmigrant cohort. (<xref ref-type="bibr" rid="B35">Marx/Gill/Brosowski 2021: 830</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>Sie f&#252;hren dies auf einen Mangel an bedarfsgerechter Sprachf&#246;rderung sowohl &#8222;within and outside of mainstream classroom&#8220; zur&#252;ck (<xref ref-type="bibr" rid="B35">Marx et al. 2021: 830</xref>). Allerdings zeigt sich in den Daten auch, dass der Besuch einer Vorbereitungsklasse langfristig einen positiven Effekt auf die Lesekompetenz hat (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B35">Marx et al. 2021: 832</xref>). Auch Lindner (in diesem Heft) weist f&#252;r den Elementarbereich nach, dass ein zus&#228;tzliches Sprachf&#246;rderangebot, das der Separierung zugerechnet werden kann, auf Dauer positive Effekte auf sprachproduktive F&#228;higkeiten und Lese- und Rechtschreibkompetenzen im Grundschulalter hat. Gegen die Vorbereitungsklassen spricht wiederum, dass sie f&#252;r Sch&#252;ler*innen jenseits der Grundschule tendenziell h&#228;ufiger an gering qualifizierenden Schulformen eingerichtet werden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B8">Diehm/Radtke 2018: 37</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B14">Emmerich/Homel/Jording/Massumi 2020: 136</xref>). So ist z.B. auch das SPRINT-F&#246;rderprogramm in Bayern, das sich an migrierte Sch&#252;ler*innen richtet und dessen Auswahlkriterien und verschiedene Umsetzungsvarianten Michalak und Ulrich in diesem Heft vorstellen, an Realschulen (und nicht Gymnasien) verortet. Damit f&#252;hren Vorbereitungsklassen oder andere separierende Beschulungsformen dazu, dass neu zugewanderte Familien ungeachtet des schulischen Potenzials ihrer Kinder nur begrenzte Handlungsm&#246;glichkeiten im Hinblick auf den Bildungsweg haben (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B60">Will/Becker/Winkler 2022</xref>).</p>
<p>Wirft man einen Blick auf die bis dato vorliegenden qualitativen Studien, in denen die Perspektive der betroffenen Sch&#252;ler*innen rekonstruiert wird, so kann man festhalten, dass &#8222;je nach individuellen Gegebenheiten einer Einzelschule jedes schulorganisatorische Modell seine Berechtigung haben kann und die Modelle keinen Hinweis auf die Qualit&#228;t des Unterrichts beziehungsweise der Sprachf&#246;rderung sowie der sozialen Einbindung geben&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B13">El-Mafaalani/Massumi 2019: 16</xref>). Die Untersuchungen von Maak (<xref ref-type="bibr" rid="B34">2014</xref>) und Massumi (<xref ref-type="bibr" rid="B36">2019</xref>) zeigen beispielsweise, dass der Regelklassenunterricht h&#228;ufig nicht auf die Anwesenheit von neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen ausgerichtet ist. In Massumis (<xref ref-type="bibr" rid="B36">2019</xref>) Interviewstudie mit 21 neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen aus dem Bereich der Sekundarstufe I und II berichten diese, dass die Lehrkr&#228;fte der Regelklasse wenig Verst&#228;ndnis f&#252;r die erschwerten Bedingungen haben, denen sie in der Regelklasse ausgesetzt sind. Sie machen Erfahrungen der Exklusion in der schulischen Inklusion. &#196;hnlich zeigen auch Kla&#223;en und Massumi bezogen auf neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen an berufsbildenden Schulen (in diesem Heft) auf, wie strukturelle Unzul&#228;nglichkeiten des Fachunterrichts negative Auswirkungen auf deren Bildungsprozesse haben.</p>
<p>Massumi weist deshalb auf das Potenzial &#8222;inkludierender Exklusion&#8220; hin, also die &#8222;Herstellung paralleler Systeme in Form von ausdifferenzierten Sonderwegen, die sich an den Bed&#252;rfnissen migrierter Sch&#252;ler*innen orientieren&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B36">Massumi 2019: 382</xref>). Allerdings kann der Begriff der <italic>inkludierenden</italic> Exklusion nicht verschleiern, dass es sich dennoch um Exklusion handelt (vgl. auch <xref ref-type="bibr" rid="B57">Tajic/Bunar 2023: 291</xref>) und dass mit solchen &#8222;Sonderwegen&#8220; immer auch ein <italic>Othering</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B9">Dirim 2016</xref>) einhergeht. Denn durch die Beschulung au&#223;erhalb der Regelklasse werden die neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen als relativ homogene Gruppe konstruiert, die sich deutlich von der Gruppe der anderen, &#8218;normalen&#8216; Regelklassensch&#252;ler*innen unterscheiden. Beispielhaft sei hier der Fall einer Sch&#252;lerin aufgef&#252;hrt, den Rosen und tom Dieck (<xref ref-type="bibr" rid="B49">2022</xref>) im Rahmen einer ethnografischen Studie analysieren. Die Sch&#252;lerin wird im Rahmen eines teilintegrativen Modells an einem Gymnasium in einer Regelklasse beschult, erh&#228;lt aber t&#228;glich zwei bis vier Stunden additiven Unterricht in einer DaZ-Klasse. Die Sch&#252;lerin mit dem Namen Bitah &#228;u&#223;ert gegen&#252;ber ihrer DaZ-Lehrerin, dass sie lieber einen in ihrer Regelklasse angesetzten Mathetest mitschreiben will, als einen Ausflug mit ihrer DaZ-Klasse zu unternehmen. Die Lehrerin zweifelt diese Pr&#228;ferenz mit der &#196;u&#223;erung an, dass die Sch&#252;lerin ja sowieso nicht richtig an Klassenarbeiten teilnehme und keine Note bekomme<xref ref-type="fn" rid="n5">5</xref> (<xref ref-type="bibr" rid="B49">Rosen/tom Dieck 2022: 222</xref>). &#8222;With this statement, the language support teacher asks Bitah to consider the fact that her participation in tests differs in one central aspect from that of the regular students: Bitah is not held to standard performance expectations, which is framed by the teacher as a temporally persistent (&#8216;never&#8217;) deviation from the norm (&#8216;never really&#8217;)&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B49">Rosen/tom Dieck 2022: 223</xref>). Die Lehrerin stellt somit die Selbstpositionierung der Sch&#252;lerin als Regelklassensch&#252;lerin und ihren Inklusionsstatus in Frage, was wiederum das Zugeh&#246;rigkeitsgef&#252;hl und die Motivation der Sch&#252;lerin negativ beeinflussen kann. Auch wenn ein additives F&#246;rderangebot in DaZ grunds&#228;tzlich sinnvoll sein kann, sollten die m&#246;glichen negativen Effekte von solchen separierenden Ma&#223;nahmen unbedingt von den beteiligten P&#228;dagog*innen reflektiert werden.</p>
<p>Pl&#246;ger (<xref ref-type="bibr" rid="B43">2023</xref>) zeigt in ihrer ethnografischen Studie, in der sie &#252;ber zwei Jahre Daten an einer Hamburger Stadtteilschule (Sek. I) erhoben und insbesondere drei Fokussch&#252;ler*innen n&#228;her in den Blick genommen hat, wie diese Sch&#252;ler*innen im Rahmen eines integrativen Beschulungskonzeptes (Beschulung in Regelklasse plus t&#228;gliche additive F&#246;rderung) sowohl inkludiert als auch exkludiert werden. Dabei bezieht sich die Frage nach Inklusion und Exklusion nicht nur darauf, ob die Beschulung innerhalb oder au&#223;erhalb der Regelklasse erfolgt, sondern auch darauf, inwieweit die Sch&#252;ler*innen in der Regelklasse tats&#228;chlich inkludiert, also als Teil der Klassengemeinschaft adressiert werden und am Unterrichtsgeschehen teilhaben k&#246;nnen. Dies ist z.B. nicht der Fall, wenn sie an anderen Lernzielen als der Rest der Klasse arbeiten. Analog zur &#8222;inkludierenden Exklusion&#8220; in der Vorbereitungsklasse (<xref ref-type="bibr" rid="B36">Massumi 2019</xref>) kann man hier von &#8222;exkludierender Inklusion&#8220; in der Regelklasse sprechen. Die tats&#228;chliche Inklusion in der Regelklasse h&#228;ngt dabei zwar auch von den Deutschkenntnissen der Sch&#252;ler*innen ab, aber genauso von ihrer Eigeninitiative, z.B. beim Einfordern von Hilfe sowie von den Ressourcen, Kapazit&#228;ten und dem Engagement der einzelnen Lehrkr&#228;fte (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B43">Pl&#246;ger 2023: 290</xref>). Dennoch bewertet Pl&#246;ger die Beschulung innerhalb des integrativen Konzeptes, in dem DaZ- und Regelunterricht sinnvoll aufeinander abgestimmt sind, insgesamt als positiv.</p>
</sec>
<sec>
<title>4 Ein Blick nach Skandinavien</title>
<p>Skandinavien hat eine lange Tradition im Bereich des inklusiven Schulwesens (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B58">Telhaug/Medi&#229;s/Aasen 2006</xref>) und gleichzeitig findet auch in unterschiedlichem Ma&#223; Zuwanderung statt. Bei der Vorbereitung dieses Themenheftes hat uns deshalb interessiert, wie Inklusion und Exklusion bzw. Separation mit Bezug auf neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen im skandinavischen Raum diskutiert und untersucht werden. Daf&#252;r haben wir im Rahmen einer explorativen Recherche aktuelle Publikationen aus D&#228;nemark, Norwegen und Schweden ausgewertet. In den drei L&#228;ndern werden &#8211; anders als in Deutschland &#8211; i.d.R. alle Sch&#252;ler*innen in den ersten 9 bzw. 10 Jahren gemeinsam beschult, ohne &#228;u&#223;ere Differenzierung. Neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen k&#246;nnen jedoch auch in Vorbereitungsklassen unterrichtet werden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B16">Fandrem/Jahnsen/Nergaard/Tveitereid 2024</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B21">Helakorpi</xref>/Dovemark/Rasmussen/Holm 2024; <xref ref-type="bibr" rid="B57">Tajic/Bunar 2023</xref>). Das Spannungsverh&#228;ltnis von Inklusion und Exklusion bezogen auf neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen besch&#228;ftigt die Wissenschaftler*innen in den drei ausgew&#228;hlten L&#228;ndern ebenso, was sich u.a. daran zeigt, dass die Termini <italic>Inclusion</italic> und <italic>Exclusion</italic> h&#228;ufig in den Titeln der Publikationen auftauchen. W&#228;hrend in Deutschland v.a., wie auch in diesem Themenheft, die Beschulungsmodelle f&#252;r neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen (integrativ, teilintegrativ, parallel) diskutiert und gegeneinander abgewogen und neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen im Rahmen von inklusiver Bildung als eine Art &#8218;Sonderfall&#8216; behandelt werden, laufen in Skandinavien schon l&#228;nger alle Modelle unter dem Begriff der Inklusion und es wird v.a. deren unterschiedliche Ausgestaltung und Begr&#252;ndungsrahmen diskutiert.</p>
<p>Am Beispiel von Schweden soll kurz aufgezeigt werden, wie sich die Beschulung von neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen dort im Vergleich zu Deutschland unterscheidet. Insgesamt kann die schwedische Gesetzgebung f&#252;r diese Gruppe und eine Vielzahl von ergriffenen Ma&#223;nahmen im internationalen Vergleich als fortschrittlich und gr&#246;&#223;tenteils im Einklang mit forschungsbasierten Empfehlungen angesehen werden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B5">Crul/Lelie/Biner/Bunar/Keskiner/Kokkali/Schneider/Shuayb 2019</xref>). Schon allein hinsichtlich des Verst&#228;ndnisses der Zielgruppe gibt es im Vergleich zu Deutschland Unterschiede: Neu Zugewanderte gelten per Definition im Gesetz (<xref ref-type="bibr" rid="B53">Skollag 2010: 3</xref>. Kap, 12 a &#167;) nach vier Jahren nicht mehr als neu zugewandert. In den ersten zwei Monaten nach ihrer Ankunft muss verpflichtend eine Diagnostik stattfinden, bei der die bisherigen Schulerfahrungen sowie fachliche und sprachliche Kompetenzen erfasst werden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B33">Linnemann 2020</xref>). Grunds&#228;tzlich werden migrierte Sch&#252;ler*innen in Schweden entweder direkt oder nach kurzer Zeit in einer Vorbereitungsklasse (<italic>f&#246;rberedelseklass</italic>) im Regelsystem beschult, wobei sie von Beginn an verpflichtend stundenweise am Regelunterricht teilnehmen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B53">Skollag 2010: 3</xref>. Kap, 12 f &#167;) und ihnen bei Bedarf eine mehrsprachige Klassenassistenz (<italic>Studiehandledning p&#229; modersm&#229;let</italic>) in ihrer Erst- oder st&#228;rksten Schulsprache (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B53">Skollag 2010: 3</xref>. Kap, 12 i &#167;) sowie Herkunftssprachenunterricht (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B53">Skollag 2010: 10</xref>. Kap, 4 &#167;) zusteht. Dar&#252;ber hinaus existiert in Schweden das Schulfach Schwedisch als Zweitsprache (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B53">Skollag 2010: 10</xref>. Kap, 4 &#167;). Dieses l&#228;uft parallel zum Schwedischunterricht, folgt demselben Curriculum und z&#228;hlt gleichwertig f&#252;r den Schulabschluss (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B59">Vogel/Dittmer 2020: 6</xref>). Sch&#252;ler*innen, die erst relativ sp&#228;t im Laufe ihrer Schullaufbahn zuwandern, besuchen h&#228;ufig ein sog. <italic>Language Introduction Program</italic> (LIP). Dieses Programm ist speziell f&#252;r neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen konzipiert, die weniger als vier Jahre im schwedischen Schulsystem verbracht, keine ausreichenden Noten f&#252;r den &#220;bergang an weiterf&#252;hrende Schulen nach der Grundschule, die in Schweden bis zur neunten Klasse geht, haben und nicht &#252;ber ausreichende Kenntnisse der schwedischen Sprache verf&#252;gen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B4">Bunar/Juvonen 2022: 988</xref>). Das LIP ist somit eine separierende Beschulungsform, die die Sch&#252;ler*innen zum &#220;bergang in Regelklassen der Oberstufe bef&#228;higen soll; alternativ bleibt ihnen nur die Erwachsenenbildung.</p>
<p>Bei der Auswertung der Recherche war auff&#228;llig, dass es sich bei der Mehrzahl der Studien um qualitative Studien handelt, bei denen ethnografische Methoden und Interviews zum Einsatz kommen und die Perspektiven der unterschiedlichen Akteur*innen rekonstruiert werden. Wir m&#246;chten diese Studien im Folgenden zusammenfassend vorstellen. Zun&#228;chst werden Forschungsergebnisse zu den Perspektiven von Lehrkr&#228;ften und Schulleitungen aus D&#228;nemark, Schweden und Norwegen auf die Beschulung von neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen skizziert; darauffolgend die Sichtweisen der neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen selbst.</p>
<sec>
<title>4.1 Die Perspektive von Lehrkr&#228;ften und Schulleitungen</title>
<p>Schulleitungen und Lehrkr&#228;fte sowie ihre Haltung zur Beschulung von neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen k&#246;nnen einen gro&#223;en Einfluss auf die Rahmenbedingungen und die Unterrichtsqualit&#228;t haben; sie sind deshalb eine interessante Untersuchungsgruppe. Tajic &amp; Bunar (<xref ref-type="bibr" rid="B57">2023</xref>) haben eine einj&#228;hrige ethnografische Feldforschung an zwei Schulen in Schweden durchgef&#252;hrt und in diesem Kontext auch 30 Interviews mit Lehrkr&#228;ften und Schulleitungen gef&#252;hrt. In der einen Schule nehmen die neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen direkt am Regelunterricht teil, in der anderen Schule werden sie zun&#228;chst in einer Vorbereitungsklasse unterrichtet. An beiden Schulen begr&#252;nden die Lehrkr&#228;fte die jeweiligen schulorganisatorischen Modelle mit denselben Argumenten, n&#228;mlich mit dem Recht auf inklusive Bildung und Lernerfolg. Tajic und Bunar (<xref ref-type="bibr" rid="B57">2023</xref>) sprechen dabei von einer &#8222;inclusion formula&#8221;, die das jeweilige Beschulungsmodell legitimiert (<xref ref-type="bibr" rid="B57">Tajic/Bunar 2023: 299</xref>):</p>
<disp-quote>
<p>Teachers and school administrators are allowed to include or leave out of their model whatever they deem necessary, obsolete, expensive or unrealistic and still fitting under the umbrella of inclusion. Sometimes it works, sometimes it does not, and both schools &#8216;get it right&#8217; and &#8216;wrong&#8217; in some aspects. (<xref ref-type="bibr" rid="B57">Tajic/Bunar 2023: 288</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>In der Publikation von Enemark (<xref ref-type="bibr" rid="B15">2024</xref>) werden die in D&#228;nemark vorherrschenden Beschulungsoptionen f&#252;r neu zugewanderte Kinder und Jugendliche, n&#228;mlich &#8211; &#228;hnlich wie in der Studie oben &#8211; <italic>reception class approach</italic> und <italic>direct enrollment approach</italic> als &#8222;dilemma of choosing between mainstream schooling and special provisions&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B15">Enemark 2024: 97</xref>) bezeichnet und untersucht, wie in einer bestimmten Kommune (Aalborg) eine Art &#8222;dritter Weg&#8220; gestaltet wird. Neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen werden als <italic>Basislernende</italic> eingeordnet. Sie erhalten dadurch Anspruch auf den Besuch einer Basisklasse mit D&#228;nisch als Zweitsprache-Unterricht f&#252;r 3 bis 6 Monate. Danach werden sie in eine Regelkasse integriert (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B52">Skiveren/Enemark/Hummelmose 2024: 30&#8211;31</xref>). Enemarks (<xref ref-type="bibr" rid="B15">2024</xref>) Untersuchung fokussiert die Sichtweisen der Lehrkr&#228;fte auf dieses Modell. Dazu werden an 19 Tagen Beobachtungen und zehn Interviews mit Lehrkr&#228;ften (D&#228;nisch als Zweitsprache sowie Fachlehrkr&#228;fte) in zwei Schulen in Aalborg durchgef&#252;hrt. Von den D&#228;nisch als Zweitsprache-Lehrkr&#228;ften wird der sechsmonatige Basisunterricht als angemessen angesehen, um Grundkenntnisse im D&#228;nischen zu erwerben sowie Schule und Gesellschaft kennenzulernen. Eine l&#228;ngere Zeit in einer separaten Klasse erh&#246;he aber die Gefahr der Entwicklung einer &#8222;counterculture&#8220;, durch die eine soziale Segregation der neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen drohe (<xref ref-type="bibr" rid="B15">Enemark 2024: 93</xref>). Der Erwerb der d&#228;nischen Bildungssprache wird von den Lehrkr&#228;ften als langwierig angesehen und sollte deshalb schwerpunktm&#228;&#223;ig in der Regelklasse erfolgen. In der Regelklasse unterst&#252;tzen die Fachlehrkr&#228;fte die soziale Teilhabe der neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen durch die Verwendung von Englisch als Mittlersprache, durch &#220;bersetzungstechnologien, differenzierende Lehrmaterialien und durch die Einbindung der Klassenkamerad*innen (<xref ref-type="bibr" rid="B15">Enemark 2024: 95</xref>). Die Fachlehrkr&#228;fte argumentieren mit sozialen Faktoren wie Zusammenhalt, Zugeh&#246;rigkeit und der &#8218;sozialen Mischung&#8216; in der Klasse, um den Erfolg der Lernenden in der Regelklasse zu sichern (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B15">Enemark 2024: 97</xref>). Insgesamt schreiben die Fachlehrkr&#228;fte der &#8222;social submersion&#8220; in der Regelklasse eine gr&#246;&#223;ere Wichtigkeit zu als der &#8222;submersion into the language environment&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B15">Enemark 2024: 97</xref>), die im D&#228;nisch als Zweitsprache-Unterricht der Basisklasse erfolgt. Die D&#228;nisch als Zweitsprache-Lehrkr&#228;fte legen ihren Fokus hingegen auf die Sprachkompetenzen der Sch&#252;ler*innen und lassen Fragen der sozialen Zugeh&#246;rigkeit au&#223;en vor. Sie streben aber eine enge Kooperation mit den Regelklassen-Lehrkr&#228;ften an, um den Bed&#252;rfnissen der Sch&#252;ler*innen zu begegnen (<xref ref-type="bibr" rid="B15">Enemark 2024: 97</xref>).</p>
<p>Bunar und Juvonen (<xref ref-type="bibr" rid="B4">2022</xref>) legen in ihrer Studie den Fokus auf Schulleitungen von Schulen mit <italic>Language Introduction Programs</italic> (LIP; siehe oben). Mithilfe einer kritischen Diskursanalyse von Interviews untersuchen sie die Beziehungen zwischen politischen Vorgaben und Praktiken ihrer Umsetzung durch Schulleitungen. Anhand ihrer Analyse k&#246;nnen sie zeigen, dass und mit welchen diskursiven Konstruktionen Schulleitungen Sch&#252;ler*innen den Zugang zum Regelsystem verwehren und inwiefern die Sch&#252;ler*innen selbst im Hinblick auf &#220;bergangsentscheidungen handlungsunf&#228;hig gemacht werden. Es offenbart sich ein Spannungsverh&#228;ltnis hinsichtlich des gro&#223;en Handlungsspielraums von Schulleitungen: Dieser bietet einerseits Flexibilit&#228;t und die M&#246;glichkeit eines individuellen Vorgehens, birgt jedoch andererseits die Gefahr, Sch&#252;ler*innen bis zu vier Jahre (bis sie nicht mehr als neu zugewandert gelten) in separierenden Klassen zu belassen und ihnen damit letzten Endes Inklusion zu verwehren: &#8222;Instead of pushing for a quick &#8216;reintegration&#8217; of students in mainstream programs, the school leaders in charge of LIP are displaying a different strategy: wait, delay, do not rush, one more semester, one more year&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Bunar/Juvonen 2022: 1001</xref>). Die Studie arbeitet damit die machtvolle Rolle heraus, die Schulleitungen bei der Umsetzung von Beschulungsvorgaben einnehmen k&#246;nnen.</p>
<p>Insgesamt zeigen die in diesem Abschnitt referierten Studien, dass Schulleitungen und Lehrkr&#228;fte sowohl separierende als auch inkludierende Unterrichtsformen als legitim ansehen und daf&#252;r jeweils unterschiedliche Gr&#252;nde anf&#252;hren, die unterschiedlich gewichtet werden (z.B. soziale Teilhabe vs. Spracherwerb).</p>
</sec>
<sec>
<title>4.2 Die Perspektive der Sch&#252;ler*innen</title>
<p>F&#252;r die Einsch&#228;tzung unterschiedlicher Beschulungsmodelle erscheint es zentral, zu erfassen, welche Erfahrungen die neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen in diesen machen und wie sie den Unterricht erleben und deuten. Grunds&#228;tzlich f&#228;llt auf, dass die Perspektive der Sch&#252;ler*innen in Skandinavien in einem gro&#223;en Umfang Ber&#252;cksichtigung in der Forschung findet. Aus Schweden liegen einige Studien vor, die sich mit der Beschulung von &#228;lteren migrierten Jugendlichen befassen. Fejes und Dahlstedt (<xref ref-type="bibr" rid="B17">2020</xref>) analysieren eine gro&#223;e Anzahl von Interviews mit Sch&#252;ler*innen (n=74; 16&#8211;19 Jahre alt), Lehrkr&#228;ften (n=27) und Schulleitungen (n=6) an f&#252;nf unterschiedlichen weiterf&#252;hrenden Schulen. Sie gehen der Frage nach, inwiefern die <italic>Language Introduction Programs</italic> (LIP) (s. Kap. 4) inkludierend und/oder exkludierend wirken. Die Autor*innen f&#252;hren eine Analyse auf Basis der Dimensionen Rechte und Pflichten, Partizipation und Zugeh&#246;rigkeit (<italic>rights and responsibilities, participation and belonging</italic>) durch. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die befragten Sch&#252;ler*innen ihre Beschulungssituation grunds&#228;tzlich als positiv beurteilen. Zudem k&#246;nnen sie zeigen, wie den Sch&#252;ler*innen einerseits das Recht auf Bildung gew&#228;hrt wird, sie andererseits jedoch nicht immer die notwendigen Mittel haben, um dieses Recht tats&#228;chlich wahrzunehmen, was die Autor*innen u.a. auf eine prek&#228;re und von Stress gepr&#228;gte Lebenssituation zur&#252;ckf&#252;hren. Es zeigt sich, dass die Frage nach Inklusion und Exklusion kein Entweder-oder ist, sondern die Sch&#252;ler*innen gleichzeitig sowohl inkludiert als auch exkludiert werden. So werden LIP-Klassen beispielsweise in Schulgeb&#228;uden entweder abgeschieden oder zentral platziert. Ein weiteres Indiz ist das Einladen bzw. Nicht-Einladen der Sch&#252;ler*innen zu Schulveranstaltungen. Bomstr&#246;m Aho (<xref ref-type="bibr" rid="B3">2018</xref>) rekonstruiert anhand von narrativen Interviews mit 22 Sch&#252;ler*innen (16&#8211;19 Jahre alt) deren Erfahrungen als Lernende in einem LIP aus einer sozialkonstruktivistischen Perspektive. Sie identifiziert in den Interviews drei Hauptthemen: 1. Die schwedische Sprache als Hindernis und als Ziel, 2. die Identit&#228;ten der Sch&#252;ler*innen im Wandel und 3. die Sprachf&#246;rderung als Zwischenraum zwischen den mitgebrachten Schul- und z.T. Arbeitserfahrungen der Sch&#252;ler*innen und ihren Vorstellungen &#252;ber ihre Zukunft im Hinblick auf Schule, Studium und Arbeitsleben. Es zeigt sich, dass die Sch&#252;ler*innen den Erwerb von Schwedisch als Zweitsprache als Schl&#252;ssel zu Inklusion und Teilhabe wahrnehmen: Die Sprache bzw. der wahrgenommene Mangel an Sprachkenntnissen im Schwedischen bestimmt auch die M&#246;glichkeiten der Sch&#252;ler*innen, sich Wissen anzueignen, und wirkt sich somit auf ihre Existenz in der Schule und ihren schulischen Werdegang aus. Die Interviewstudie von Hagstr&#246;m (<xref ref-type="bibr" rid="B19">2018</xref>) mit 45 migrierten Jugendlichen (16&#8211;20 Jahre alt) zu der Frage, wie die Sch&#252;ler*innen den Unterricht und die erlebten M&#246;glichkeiten im Hinblick auf ihre &#8218;Mobilit&#228;t&#8216; im Bildungssystem beschreiben, offenbart eine kritischere Einsch&#228;tzung des LIP: Die Autorin zeigt, dass Sch&#252;ler*innen bis zu sechs Jahre in separierenden Modellen beschult werden: Zwei Jahre in der <italic>grundskolan</italic> (1. bis 9. Klasse) und weitere vier Jahre in einem LIP (das ist gesetzlich m&#246;glich, wenn sie beim Schulwechsel noch als neu zugewandert gelten). Die Sch&#252;ler*innen berichten damit einhergehend von Gef&#252;hlen &#8222;of being stuck, having to repeat and not going foreward or upward&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B19">Hagstr&#246;m 2018: 197</xref>).</p>
<p>Im norwegischen Kontext f&#252;hrt Hilt (<xref ref-type="bibr" rid="B22">2017</xref>) im Rahmen einer ethnografischen Studie u.a. Interviews mit 12 neu zugewanderten jugendlichen Sch&#252;ler*innen an zwei weiterf&#252;hrenden Schulen. Die befragten Sch&#252;ler*innen besuchen Vorbereitungsklassen unterschiedlicher Niveaustufen (<italic>advanced, intermediate</italic> und <italic>basic</italic>). Die Autorin kann anhand ihrer Analyse, die sich an Luhmanns Systemtheorie orientiert, verschiedene Konstellationen von Inklusion und Exklusion f&#252;r neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen im Bildungssystem aufzeigen. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Vorbereitungsklassen an den untersuchten Schulen als Inklusionsbarrieren wirken &#8211; insbesondere gegen&#252;ber denjenigen Sch&#252;ler*innen, die auf der unteren Stufe der Leistungshierarchie der Schule eingestuft sind (<italic>basic</italic>). Dies zeigt sich daran, dass diese Sch&#252;ler*innen nicht nur von der Regelklasse, sondern auch von den Vorbereitungsklassen der h&#246;heren Niveaustufen (<italic>advanced, intermediate</italic>) ausgeschlossen sind. Einige von ihnen verbleiben nach Ende des Schuljahres auf der unteren Stufe (<italic>basic</italic>) und wiederholen denselben Inhalt ein weiteres Jahr lang.</p>
<p>Fandrem, Jahnsen, Nergaard und Tveitereid (<xref ref-type="bibr" rid="B16">2024</xref>) pr&#228;sentieren eine Interviewstudie mit sechs neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen (Aufenthaltsdauer zwei bis vier Jahre, 15&#8211;17 Jahre alt) aus sechs Regelklassen aus unterschiedlichen Regionen Norwegens, die alle zuvor eine Vorbereitungsklasse besucht haben. Zus&#228;tzlich liegen Interviews mit sechs (nicht zugewanderten) Mitsch&#252;ler*innen und sechs Lehrkr&#228;ften vor. Es werden insbesondere die Erfahrungen der Sch&#252;ler*innen in Vorbereitungsklassen und mit additivem Norwegisch als Zweitsprache-Unterricht nach dem &#220;bergang in die Regelklasse fokussiert. Inhaltsanalytisch werden vier unterschiedliche, sich z.T. widersprechende Themen aus den Interviews herausgearbeitet: Vorbereitungsklassen werden zum einen als Schutzraum und gute Basis f&#252;r das Sprachenlernen beschrieben, zum anderen aber auch als chaotische Lernr&#228;ume, die das Sprachenlernen nicht unterst&#252;tzen. &#196;hnlich ambivalent erfolgt die Beurteilung der Regelklassen: Sie sind f&#252;r die Sch&#252;ler*innen einerseits der wichtigste Ort f&#252;r das Sprachenlernen und f&#252;r Inklusion und andererseits ein Ausl&#246;ser von Stress.</p>
<p>Die vorgestellten Ergebnisse zur Perspektive der Sch&#252;ler*innen auf die unterschiedlichen Beschulungsformen zeigen &#8211; &#228;hnlich wie bereits bez&#252;glich der Sichtweisen der Lehrkr&#228;fte und Schulleitungen herausgearbeitet wurde &#8211;, dass keine Beschulungsform eindeutig pr&#228;feriert wird und dass sowohl separierende als auch integrierende Beschulungsformen zu inkludierenden und exkludierenden Praktiken f&#252;hren k&#246;nnen.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>5 Fazit und Empfehlungen</title>
<p>Der vorangegangene &#220;berblick zu Forschung aus Deutschland und Skandinavien &#252;ber Beschulungsmodelle f&#252;r neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen macht nochmals deutlich, dass die Frage nach der &#8218;besseren&#8216; Beschulungsform nicht eindeutig zu beantworten ist. Allein die Studie von H&#246;ckel und Schilling (<xref ref-type="bibr" rid="B24">2022</xref>), die die Effekte von Vorbereitungsunterricht f&#252;r Grundsch&#252;ler*innen untersucht, kommt zu dem klaren Ergebnis, dass Kinder hinsichtlich ihres Kompetenzerwerbs und Bildungserfolgs von der Direktintegration in die Regelklasse profitieren. Allerdings merkt die SWK (<xref ref-type="bibr" rid="B56">2025</xref>) an, dass &#8222;es auch in der Grundschule h&#228;ufig einer m&#246;glichst mehrmals w&#246;chentlichen additiven F&#246;rderung bedarf&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B56">SWK 2025: 19</xref>).</p>
<p>Fasst man die Studien zusammen, die sich mit den Perspektiven von Schulleitungen, Lehrkr&#228;ften und Sch&#252;ler*innen besch&#228;ftigen, so haben sowohl separierende als auch (zumindest formal) inkludierende Formen ihre Berechtigung und bringen Vor- und Nachteile mit sich. Viel wichtiger als die Frage, ob die Sch&#252;ler*innen von Beginn physisch am Regelunterricht teilnehmen oder nicht, erscheint dabei das Verst&#228;ndnis von Inklusion, das jeweils umgesetzt bzw. nicht umgesetzt wird, und damit auch die Haltung der Lehrkr&#228;fte und Schulleitungen. Deshalb halten wir es bezogen auf den Diskurs in Deutschland f&#252;r dringend notwendig, die Beschulung von neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen viel st&#228;rker auch im Hinblick auf ein inklusives Schulsystem zu diskutieren (vgl. Daase et al. in diesem Heft). Das Fach Deutsch als Zweitsprache muss sich dabei auch noch selbstkritischer mit seinen eigenen Vorannahmen auseinandersetzen, denn DaZ-Unterricht ist im schulischen Kontext in der Regel eine Unterrichtsform, die separiert. Insgesamt wird der Umgang mit neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen in unserem Bildungssystem noch zu stark unter einem kategorialen Ansatz (s. Kap. 2) diskutiert: Der Fokus liegt auf den individuellen sprachlichen &#8218;Defiziten&#8216; der Sch&#252;ler*innen, die z.B. in Vorbereitungsklassen &#8218;behoben&#8216; werden m&#252;ssen. Nicht zuletzt f&#252;hrt dieser Ansatz auch dazu, dass auf das vermehrte Engagement einzelner Lehrkr&#228;fte gesetzt wird, die die unm&#246;gliche Aufgabe haben, die Sch&#252;ler*innen in k&#252;rzester Zeit &#8218;fit&#8216; f&#252;r den Regelunterricht zu machen, anstatt auf &#196;nderungen im System. Ein relationaler Ansatz w&#252;rde helfen, den Fokus st&#228;rker auf die Notwendigkeit der Ver&#228;nderung von schulischen Strukturen und p&#228;dagogischen Haltungen zu legen anstatt auf die Einteilung in feste Gruppen. W&#252;nschenswert w&#228;re ein H&#246;chstma&#223; an Inklusion in den exkludierenden Formen (z.B. durch r&#228;umliche Integration im Schulgeb&#228;ude, Teilhabe an Schulveranstaltungen, Teilintegration, einen m&#246;glichst fr&#252;hen Wechsel in die Regelklasse&#8230;) und ein Minimum an Exklusion in der Inklusion (z.B. durch ein wertsch&#228;tzendes Klassenklima, eine positive Fehlerkultur, kooperative Lernformen, differenzierte Hilfen, technische Hilfsmittel f&#252;r Sprachmittlung&#8230;).</p>
<p>Der &#220;berblick hat dar&#252;ber hinaus gezeigt, dass es an Forschung auf unterschiedlichen Ebenen fehlt. Bisher &#252;berwiegen in Deutschland, aber auch in Skandinavien, Studien zu den Einstellungen und Erfahrungen mit unterschiedlichen Beschulungsformen. Auch wenn die Sichtweisen der Beteiligten sehr wichtig sind, so fehlt es an belastbaren Daten zur sprachlichen und fachlichen Entwicklung und zu den Bildungswegen der Sch&#252;ler*innen. Die Entwicklung eines Indikators f&#252;r geringe Deutschkenntnisse, den die SWK (<xref ref-type="bibr" rid="B56">2025</xref>) in ihrer Stellungnahme fordert, und somit die systematische Erfassung der Sprachkompetenzen von neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen im Rahmen des nationalen Bildungsmonitoring h&#228;tte langfristig sicherlich auch einen positiven Effekt auf die empirische Basis f&#252;r die Untersuchung unterschiedlicher Beschulungsmodelle und F&#246;rderma&#223;nahmen. Zuletzt m&#246;chten wir uns den Empfehlungen der SWK (<xref ref-type="bibr" rid="B56">2025</xref>) anschlie&#223;en, die die Bedeutung der Lehrkr&#228;ftequalifizierung sowohl f&#252;r DaZ-Unterricht als auch sprachsensiblen Fachunterricht hervorheben sowie die Entwicklung eines zentralen Rahmencurriculums f&#252;r Vorbereitungsklassen und wissenschaftlich fundierter Diagnoseinstrumente f&#252;r die Lernausgangs- und Lernentwicklungsdiagnostik von neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen fordern. All diese Ma&#223;nahmen k&#246;nnen dazu beitragen, den Unterricht mit neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen, egal in welcher Organisationsform, entscheidend zu verbessern und inklusiver zu gestalten.</p>
</sec>
<sec>
<title>6 Die Beitr&#228;ge dieses Themenschwerpunktes</title>
<p>Die bisherigen Ausf&#252;hrungen haben deutlich gemacht, dass im Fachgebiet Deutsch als Zweitsprache der Begriff der Inklusion bisher nur z&#246;gerlich im Hinblick auf die Beschulung neu zugewanderter Sch&#252;ler*innen verwendet und diskutiert wird. Nicht zuletzt m&#246;chten wir mit diesem Themenheft eine breitere Diskussion dazu anregen. Diesen Impuls haben <bold>Andrea Daase, Anja Starke, Eli&#353;ka Dunowski &amp; Katharina Rademacher</bold> aufgenommen, die mit ihrem programmatischen Beitrag zum Thema Separation und Inklusion in Bezug auf neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen das Themenheft er&#246;ffnen. Sie legen dabei ein breites Inklusionsverst&#228;ndnis zugrunde und widmen sich dem Thema aus interdisziplin&#228;rer Perspektive, indem sie die Arbeitsbereiche Deutsch als Zweitsprache (DaZ) und Inklusive P&#228;dagogik mit dem Schwerpunkt Sprache zusammenbringen. Der Beitrag endet mit &#220;berlegungen zu den schulorganisatorischen Anforderungen, didaktischen Prinzipien und Konsequenzen f&#252;r die Lehramtsausbildung in einem sprachlich inklusiven Schulsystem in der Migrationsgesellschaft.</p>
<p><bold>Jessica Lindner</bold> fokussiert in ihrem Beitrag die j&#252;ngsten Kinder in unserem Bildungssystem. Die Autorin beleuchtet Zusammenh&#228;nge zwischen m&#252;ndlichen und schriftlichen Kompetenzen bei Grundschulkindern sowie die Effekte eines additiven Sprachf&#246;rderangebots im Elementarbereich. Im Mittelpunkt stehen die sprachproduktiven F&#228;higkeiten und deren Auswirkungen auf Lese- und Rechtschreibkompetenzen bei neu zugewanderten Kindern (n=30) vom letzten Kindergartenjahr bis zum Ende der Grundschulzeit im Vergleich zu den restlichen Kindern der Einschulungskohorte (n=182). Eine Besonderheit ihrer Studie ist das l&#228;ngsschnittliche Studiendesign mit drei Testzeitpunkten: vor Schulbeginn sowie am Ende der ersten und vierten Jahrgangsstufe. Es zeigt sich, dass sich die Mittelwerte zwischen den beiden Subgruppen sowohl im ersten als auch im vierten Schuljahr signifikant unterscheiden, z.T. auch zugunsten der neu zugewanderten Kinder. Da ein Teil der neu zugewanderten Kinder vor Schulbeginn f&#252;r 1,5 Jahre an einem Sprachf&#246;rderkurs (&#8222;Vorkurs&#8220;) teilgenommen haben, kann die Autorin auch Aussagen zu Effekten dieser F&#246;rderung machen: Es kann ein leichter leistungsbezogener Vorteil der neu zugewanderten Kinder identifiziert werden, die den Vorkurs Deutsch besucht haben.</p>
<p>In der Grundschule werden neu zugewanderte Kinder teilweise in separierenden &#8222;Vorbereitungsklassen&#8220; unterrichtet. <bold>Necle Bulut</bold> und <bold>Nora von Dewitz</bold> wenden sich der Qualit&#228;t des Unterrichts in solchen Vorbereitungsklassen in Bezug auf das Medium der Schriftlichkeit zu. Dabei gehen die Autorinnen der Frage nach, welche Formate in Bezug auf den Einsatz medial schriftlicher Aufgaben in Vorbereitungsklassen der Grundschule verwendet werden und welchen Kompetenzbereichen sich diese zuordnen lassen. In einer explorativen Studie an K&#246;lner Grundschulen wurden daf&#252;r medial schriftliche Materialien aus dem Unterricht mit neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen dokumentiert und ausgewertet. Die Untersuchung zeigt, dass eine Mehrheit der Aufgaben geschlossene Formate hat und dass diese haupts&#228;chlich die Wortschatzerweiterung und das &#220;ben von Grammatik fokussiert, w&#228;hrend Textkompetenz weitgehend vernachl&#228;ssigt wird. Neben dem Ergebnis, dass ein Gro&#223;teil des Unterrichts im Medium der M&#252;ndlichkeit stattfindet, zeigt sich auch, dass sprachmittelnde Aufgaben praktisch keine Rolle spielen.</p>
<p>Auch in der Sekundarstufe I werden neu zugewanderte Sch&#252;ler*innen in vielen Bundesl&#228;ndern in Vorbereitungsklassen unterrichtet. Aufgrund der gro&#223;en Heterogenit&#228;t der Sch&#252;ler*innen in diesen Klassen ist der Unterricht dort nicht ohne innere Differenzierung denkbar. <bold>Simone Pl&#246;ger</bold> untersucht in ihrem Beitrag die subjektiven Perspektiven und Herausforderungen einer Lehrerin im Hinblick auf innere Differenzierung in einer Vorbereitungsklasse in Hamburg. Anhand von Interviewdaten zu verschiedenen Zeitpunkten und gerahmt durch ethnografische Erkenntnisse wird herausgearbeitet, wie die Herausforderung der inneren Differenzierung von der befragten Lehrerin in der Praxis erlebt wird. Es zeigt sich, dass die coronabedingte Teilung der Gruppe, die sie anhand der Deutschkompetenzen vorgenommen hatte, von ihr als Idealzustand erlebt wird. Dies wird einerseits auf die geringere Gruppengr&#246;&#223;e und andererseits auf die damit verbundene homogenere deutschsprachliche Niveaustreuung innerhalb der Gruppen zur&#252;ckgef&#252;hrt. Dass die Lehrerin die &#228;u&#223;ere Differenzierung trotz der als vergleichsweise gut eingesch&#228;tzten Arbeitsbedingungen pr&#228;feriert, verdeutlicht das Spannungsverh&#228;ltnis zwischen den Anforderungen einer Unterrichtsgestaltung im Sinne innerer Differenzierung und dem Erleben der realen Bedingungen in der Praxis. Aus diesen Analyseergebnisse werden schlie&#223;lich Implikationen f&#252;r die Praxis abgeleitet, die &#252;ber die Unterrichtsebenen hinausgehen und auch auf Ebene der Schulentwicklung anzusiedeln sind.</p>
<p><bold>Magdalena Michalak</bold> und <bold>Kirstin Ulrich</bold> haben ebenso einen Fokus auf die Sekundarstufe I und untersuchen in ihrem Beitrag die Umsetzung der F&#246;rderma&#223;nahme SPRINT an bayerischen Realschulen. Zum einen werden die Auswahlkriterien zur Teilnahme an der F&#246;rderma&#223;nahme betrachtet und zum anderen werden die flexiblen Ausgestaltungsformen evaluiert. Die Auswertung von Gruppeninterviews mit Lehrkr&#228;ften und Sch&#252;ler*innen zeigt, dass das Konzept durch seine Offenheit und Flexibilit&#228;t von den Befragten positiv bewertet wird. Besonders die Zusammenarbeit zwischen Sprachf&#246;rderlehrkr&#228;ften und den Lehrkr&#228;ften aus dem Regelunterricht, Co-Teaching im Regelunterricht sowie die Gestaltungsfreiheiten innerhalb der F&#246;rderma&#223;nahme finden positive Erw&#228;hnung. Die Autorinnen beleuchten abschlie&#223;end aber auch, dass durch ebenjene vielf&#228;ltigen Gestaltungsspielr&#228;ume der F&#246;rderma&#223;nahme eine empirische Untersuchung der Effektivit&#228;t der Ma&#223;nahme kaum &#252;berpr&#252;fbar ist.</p>
<p><bold>Anna-Katharina Kla&#223;en</bold> und <bold>Mona Massumi</bold> wenden sich der Berufsschule zu und beleuchten in ihrem Beitrag den berufsschulischen Fachunterricht aus der Perspektive neu zugewanderter Sch&#252;ler*innen. Auf Basis von sechs leitfadengest&#252;tzten Interviews mit Sch&#252;ler*innen untersuchen sie, welche Aspekte oder Situationen des Fachunterrichts von den Sch&#252;ler*innen als positiv und welche als herausfordernd erlebt werden und welche Auswirkungen dies auf ihr Lernen hat. Zudem analysieren sie, auf welche Ressourcen und Strategien die Sch&#252;ler*innen zur&#252;ckgreifen, um den Herausforderungen zu begegnen. Die Autorinnen kommen einerseits zu dem Ergebnis, dass die befragten Sch&#252;ler*innen im Regelunterricht keinen sprachsensiblen Fachunterricht erfahren und ihre Mehrsprachigkeit keine Ber&#252;cksichtigung findet, und andererseits, dass keine (Sprach-)Lernstrategien vermittelt werden, um sie bei der Aneignung von Fachinhalten und sprachlichen Strukturen zu unterst&#252;tzen. Gleichzeitig zeigt sich, dass die Sch&#252;ler*innen selbstst&#228;ndig auf bereits erlernte Strategien zur&#252;ckgreifen, die jedoch nicht immer zielf&#252;hrend sind. Die Autorinnen kommen zu dem Schluss, dass die fehlende sprachliche, fachliche, didaktische und soziale Ber&#252;cksichtigung von neu zugewanderten Sch&#252;ler*innen im Fachunterricht negative Auswirkungen auf ihr Lernen hat.</p>
<p>Das Themenheft schlie&#223;t mit dem Beitrag von <bold>Birgit Guschker, Christina Hartner, Maria Mateo i Ferrer</bold> und <bold>Anne Wernicke</bold>, der Impulse f&#252;r die Curriculumsentwicklung in der Sekundarstufe II gibt. Sie zeichnen die Genese eines Curriculums zur Vorbereitung auf die sprachlichen Anforderungen der gymnasialen Oberstufe an der Versuchsschule Oberstufen-Kolleg Bielefeld nach. &#220;ber alle Jahrg&#228;nge bereiten sich rund 50 Kollegiat*innen mit Deutsch als Zweitsprache auf das Abitur vor. Entscheidend ist dabei, dass es nicht nur um die Vermittlung (fach-)sprachlicher Register des Deutschen geht, sondern im Sinne des migrationsp&#228;dagogischen Ansatzes ebenso darum, die neu zugewanderten Kollegiat*innen sprachlich zu erm&#228;chtigen, die Differenz- und Zugeh&#246;rigkeitskategorien der Gesellschaft zu erkennen und sich selbst im Diskurs zu positionieren. Dies zeigen sie am Beispiel eines Philosophiekurses der Jahrgangsstufe 12.</p>
<p>Abschlie&#223;end m&#246;chten wir der Redaktion der Zeitschrift f&#252;r Interkulturellen Fremdsprachenunterricht f&#252;r die M&#246;glichkeit danken, dieses Themenheft zu publizieren. Ein gro&#223;er Dank gilt neben den Autorinnen selbst auch den Gutachtenden aus dem anonymen Peer-Review-Verfahren. Sie haben wesentlich zum Zustandekommen dieses Themenheftes und zu seiner Qualit&#228;t beigetragen. Zudem wurden wir bei der Recherche f&#252;r das Editorial und der Redaktion der Beitr&#228;ge tatkr&#228;ftig von unseren wissenschaftlichen Hilfskr&#228;ften Eileen Plei&#223; und Cara Kropp unterst&#252;tzt. Auch ihnen geb&#252;hrt unser herzlichster Dank!</p>
</sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Diese Zahlen stammen aus der <xref ref-type="bibr" rid="B30">KMK-Abfrage der gefl&#252;chteten Kinder/Jugendlichen aus der Ukraine</xref> und beziehen sich auf September 2024, vgl. <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/pdf/Statistik/Ukraine/2024/AW_Ukraine_09-24.pdf">https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/pdf/Statistik/Ukraine/2024/AW_Ukraine_09-24.pdf</ext-link> (04.12.2024).</p></fn>
<fn id="n2"><p><xref ref-type="bibr" rid="B31">Kremsner/Proyer 2024</xref> weisen darauf hin, dass die Begriffe Exklusion, Separation, Integration und Inklusion einander nicht abl&#246;sen, sondern gleichzeitig existieren: &#8222;Das bedeutet auch, dass sich die vier Ans&#228;tze (&#8230;) tats&#228;chlich inhaltlich voneinander unterscheiden und nicht alte Begriffe durch neue, vermeintlich &#8218;modernere&#8216; Terminologien ersetzt wurden (wie manchmal vermutet wird; besonders die Begriffe Inklusion und Integration werden f&#228;lschlicherweise immer wieder gleichgesetzt).&#8220; (11&#8211;12)</p></fn>
<fn id="n3"><p>Dennoch attestiert D&#246;ll (<xref ref-type="bibr" rid="B10">2023: 23</xref>) Vertreter*innen des Fachgebiets Deutsch mit Bezug auf Riemer (<xref ref-type="bibr" rid="B47">2017</xref>) &#8222;ein gro&#223;es Unbehagen, ihre Disziplin als Teilgebiet der inklusiven P&#228;dagogik zu verstehen&#8220;, was sie auf das germanistische Selbstverst&#228;ndnis sowie die nach wie vor bestehende Engf&#252;hrung auf Behinderung zur&#252;ckf&#252;hrt. Sie kommt zu dem Schluss, dass DaZ &#8222;[a]n ein breites Inklusionsverst&#228;ndnis im Sinne einer differenzsensiblen P&#228;dagogik [&#8230;] durchaus anschlussf&#228;hig&#8220; w&#228;re, sich jedoch &#8222;migrationsp&#228;dagogisch-reflexiv und diskriminierungskritisch weiterentwickeln&#8220; m&#252;sste.</p></fn>
<fn id="n4"><p>F&#252;r eine ausf&#252;hrliche Diskussion der Vor- und Nachteile von Vorbereitungsklassen vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B43">Pl&#246;ger 2023</xref>, Kap. 2.5.</p></fn>
<fn id="n5"><p>Das Zitat der Lehrerin im Original lautet: &#8222;Do you want to stay at school? It is up to you; you never really take part in exams anyway. [&#8230;] Think about it, you won&#8217;t get a mark anyway&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B49">Rosen/tom Dieck 2022: 222</xref>).</p></fn>
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<title>Kurzbio</title>
<p><bold>Inger Petersen</bold> ist Professorin f&#252;r Deutsch als Zweitsprache und fachintegrierte Sprachbildung an der Christian-Albrechts-Universit&#228;t zu Kiel. Ihre Arbeitsschwerpunkte und Forschungsinteressen liegen im Bereich der Methodik und Didaktik des DaZ-/DaF-Unterrichts, der L2-Schreibforschung und der Sprachbildung im Fachunterricht.</p>
<p><bold>G&#246;ntje Erichsen</bold> ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt <italic>Sprachsensible Pflegebildung</italic> (SCENE) am Lehrbereich Deutsch als Zweitsprache und fachintegrierte Sprachbildung an der Christian-Albrechts-Universit&#228;t zu Kiel. Ihre Forschungsinteressen liegen im Bereich der Zweitsprachaneignungsprozesse in Interaktion, Soziokulturelle Theorien der Zweitsprachaneignungsforschung sowie der Sprachbildung im Fachunterricht.</p>
<p><bold>Inga Christiana Eckardt</bold> ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt <italic>Diversit&#228;tssensibilit&#228;t in der Ausbildung von DaZ-/DaF-Lehrkr&#228;ften</italic> am Lehrbereich Deutsch als Zweitsprache und fachintegrierte Sprachbildung an der Christian-Albrechts-Universit&#228;t zu Kiel. Ihre Forschungsinteressen liegen in den Bereichen soziolinguistischer Mehrsprachigkeits- und Migrationsforschung, Sprachbewusstheit und Mehrsprachigkeitsdidaktik.</p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2"><bold>Anschrift:</bold></styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2"><ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="mailto:petersen@germsem.uni-kiel.de">petersen@germsem.uni-kiel.de</ext-link></styled-content></p>
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