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<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Interkulturellen Fremdsprachenunterricht</journal-title>
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<publisher-name>Universit&#228;ts- und Landesbibliothek Darmstadt</publisher-name>
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<subject>Aufsatz zum Themenschwerpunkt</subject>
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<article-title>Migrationssensibler Fremdsprachenunterricht und Translanguaging: Dilemmata eines Konzepts aus der Sicht der Schulfremdsprachen jenseits von Englisch</article-title>
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<surname>Sch&#228;dlich</surname>
<given-names>Birgit</given-names>
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<email>birgit.schaedlich@phil.uni-goettingen.de</email>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Georg-August-Universit&#228;t G&#246;ttingen, Seminar f&#252;r Romanische Philologie, Arbeitsbereich Didaktik der romanischen Sprachen, Humboldtallee 19, 37083 G&#246;ttingen, Deutschland</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2024-08-22">
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<abstract>
<p>Der Beitrag widmet sich dem migrationssensiblen Fremdsprachenunterricht und diskutiert dabei die Frage, inwieweit das Konzept des <italic>translanguaging</italic> einen Beitrag f&#252;r seine Erforschung und didaktische Weiterentwicklung darstellen kann. Den zweiten und dritten Fremdsprachen, die in der Regel nach Englisch gelernt werden, soll dabei besonderes Augenmerk zukommen. Diese k&#246;nnen einerseits als Feld gelten, in dem auch lebensweltliche Mehrsprachigkeit in besonderer Weise gef&#246;rdert werden kann. Allerdings erreicht der Unterricht in den Sprachen au&#223;er Englisch in der Regel nur jene lebensweltlich mehrsprachigen Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler, die ein Gymnasium (bzw. eine andere Schulform) besuchen, an denen mehr als eine Fremdsprache unterrichtet wird, also die relativ bildungserfolgreichen unter ihnen. Der Beitrag setzt sich mit verschiedenen Perspektiven auseinander, die im Kontext der &#214;ffnung des Fremdsprachenunterrichts f&#252;r eine migrationssensible Methodik und Didaktik diskutiert werden und diskutiert daf&#252;r kritisch Ans&#228;tze des Konzepts <italic>translanguaging</italic>. Den Ausblick bildet die Skizze eines ethnographischen Projekts im Franz&#246;sischunterricht, das <italic>translanguaging</italic> als sensibilisierendes Konzept f&#252;r die Rekonstruktion mehrsprachiger Praktiken nutzt.</p>
</abstract>
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<p><bold>Migration-sensitive foreign language teaching and translanguaging: Dilemmas of a concept from the perspective of languages beyond English</bold> The article focusses on how <italic>translanguaging</italic> can contribute to research and further didactic development of migration-sensitive foreign language teaching. Special attention will be paid to second and third foreign languages beyond English. Those can be both regarded as a place in which plurilingualism can be promoted and as a specific feature of the German &#39;Gymnasium&#39;, where they hold strongly exclusionary characteristics. Language programs in second or third languages generally only reach those multilingual pupils who attend a &#8218;Gymnasium&#8216; (or other type of secondary school where more than one foreign language is taught), i.g. the educationally successful among them. The contribution deals with contradictory perspectives in the context of migration-sensitive foreign-language didactics and discusses critically <italic>translanguaging</italic> approaches. In the outlook, an ethnographic project is presented, which uses <italic>translanguaging</italic> as a sensitizing concept for the reconstruction of multilingual practices in the French as a foreign language classroom.</p>
</trans-abstract>
<kwd-group>
<kwd>Translanguaging</kwd>
<kwd>Mehrsprachigkeit</kwd>
<kwd>Ethnographie</kwd>
<kwd>Fremdsprachenunterricht</kwd>
<kwd>Bildungsgerechtigkeit</kwd>
<kwd>Sekundarbereich</kwd>
</kwd-group>
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<kwd>translanguaging</kwd>
<kwd>plurilingualism</kwd>
<kwd>ethnography</kwd>
<kwd>foreign language teaching</kwd>
<kwd>educational justice</kwd>
<kwd>secondary school</kwd>
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<sec>
<title>1 Einleitend: Zweite und dritte Fremdsprachen nach Englisch migrationssensibel unterrichten &#8211; ein Widerspruch in sich?</title>
<p>Die Gruppe der Sch&#252;ler:innen mit Zuwanderungsgeschichte macht einen hohen Anteil der Sch&#252;lerschaft in Deutschland aus, und sie ist in sich heterogen &#8211; unter anderem in sprachlicher Hinsicht. Daher stellt sich die Frage, in welchen Lehr-/Lernkontexten welche Auspr&#228;gungen von Mehrsprachigkeit relevant werden und welche Konzepte geeignet erscheinen, zu sprachlicher Bildung beizutragen. Dieser Frage n&#228;hert sich der vorliegende Text durch die Linse des <italic>Translanguaging</italic>-Konzepts, dessen &#220;bertragbarkeit auf den schulischen Fremdsprachenunterricht im deutschen Bildungssystem diskutiert wird. Ziel ist dabei, die Rolle weiterer Fremdsprachen nach Englisch im Sekundarbereich f&#252;r einen migrationssensiblen Fremdsprachenunterricht zu untersuchen und dabei das Konzept <italic>Translanguaging</italic> (im Folgenden <italic>TL</italic>) hinsichtlich seiner m&#246;glichen Funktionalit&#228;t zu diskutieren. Im Zentrum stehen einige Dilemmata, die dem Konzept selbst innewohnen (s. Abschnitt 2) sowie solche, die sich bei seiner Nutzung als Heuristik im Rahmen eines empirischen Projekts herauskristallisiert haben (s. Abschnitt 4.3).</p>
<p><italic>TL</italic> kann als Sammelbegriff f&#252;r verschiedene Mehrsprachigkeitsverst&#228;ndnisse gelten, die sich aber &#8211; grob zusammenfassend &#8211; durch Elemente wie die folgenden charakterisieren lassen: Erstens die Infragestellung der M&#246;glichkeit, Sprachen als voneinander abgrenzbare Entit&#228;ten aufzufassen (s. Abschnitt 3.1), insbesondere bezogen auf einzelsprachliche Anteile individueller Repertoires (s. Abschnitt 2.2). Zweitens stellen <italic>TL</italic>-Ans&#228;tze sprachliche Hierarchien (s. Abschnitt 2.2) in Frage und dekonstruieren Zuschreibungen von Sprachprestige (beispielsweise in postkolonialen Kontexten) (s. Abschnitt 4). Dies ist mit einem emanzipatorischen Anspruch im Sinne von <italic>social justice</italic> (s. Abschnitt 2.3) verbunden, der an Praktiken kreativen Gebrauchs aller im sprachlichen Repertoire befindlichen Anteile gekoppelt ist. Drittens die Position, dass mehrsprachiges Sprechen im Unterricht nicht nur toleriert, sondern aktiv gef&#246;rdert werden soll (s. Abschnitt 2.2). Das Interesse f&#252;r den Sprachgebrauch ist an ein performatives Sprachverst&#228;ndnis gebunden, das Sprache als soziales Konstrukt und nicht als strukturales System begreift (s. Abschnitt 2.1). Dieses Verst&#228;ndnis st&#252;tzt sich prim&#228;r auf Arbeiten von oder im Anschluss an Garc&#237;a, die bereits seit den 1990er Jahren auf Widerspr&#252;che zwischen monolingualer Praxis in Schulen mit einer sprachlich heterogenen Sch&#252;lerschaft aufmerksam gemacht hat und den Widerspruch zum Selbstanspruch der Bildungssysteme betont hat, Sch&#252;ler:innen ungeachtet ihrer Herkunft Bildungserfolg zu erm&#246;glichen (vgl. z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B24">Garc&#237;a/Fishman 1997</xref>). W&#228;hrend &#252;ber diesen ethischen Anspruch und das Interesse an seiner Umsetzung in der Praxis Konsens besteht, haben sich seitdem die unter <italic>TL</italic> erfassten theoretischen Perspektiven auf Sprache und sprachliche Bildung deutlich ausdifferenziert (vgl. z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B11">Cenoz/Gorter 2021</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B44">MacSwan 2022</xref>).</p>
<p>Der vorliegende Text befragt das Konzept <italic>TL</italic> aus der Perspektive schulischen Fremdsprachenunterrichts in den zweiten und dritten Fremdsprachen. Mehr als die (in der Regel) erste Fremdsprache Englisch bewegt sich dieser in dem Dilemma, sich einerseits als Beitrag zur F&#246;rderung von Mehrsprachigkeit zu begreifen, andererseits jedoch typisch fu&#776;r gymnasiale Bildungsg&#228;nge zu sein, zu denen Sch&#252;ler:innen mit Migrationsgeschichte geringeren Zugang haben als nichtgewanderte Gleichaltrige. Auf diese hohe Selektivit&#228;t des deutschen Schulsystems wird in zahlreichen Studien hingewiesen (vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2022, 2024; <xref ref-type="bibr" rid="B16">Dirim/Khakpour 2018</xref> sowie <xref ref-type="bibr" rid="B42">K&#252;ppers 2022: 110&#8211;111</xref>), auch und gerade in Korrelation mit dem Unterricht in zweiten und dritten Fremdsprachen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B42">K&#252;ppers 2022: 117</xref>)<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref>.</p>
<p>Neben dieser strukturellen Problematik steht auch die Fachlichkeit des Fremdsprachenunterrichts selbst dem Anliegen der F&#246;rderung von Mehrsprachigkeit hinderlich gegen&#252;ber: Auf der Mikroebene gelten im fremdsprachlichen Klassenzimmer monolinguale Normen und monolingualisierende Praktiken bestimmen oftmals die Interaktion. Einsprachigkeit (wenn auch in funktionaler Ausrichtung) ist das Ziel, denn es soll eine <italic>&#8211; eine! &#8211;</italic> neue Sprache gelernt werden. Diese aus der Geschichte des Fremdsprachenunterrichts erwachsene und seinen spracherwerbstheoretischen Annahmen inh&#228;rente monolinguale Ausrichtung l&#228;uft einer mehrsprachigen &#214;ffnung <italic>per se</italic> entgegen. Gerade die Konzeptauspr&#228;gung des <italic>pedagogical translanguaging</italic> birgt Potenzial, diese dilemmatische Ausgangssituation des Fremdsprachenunterrichts zu verdeutlichen:</p>
<disp-quote>
<p>By focusing on pedagogical translanguaging, this element goes against long-standing traditions of language separation when teaching languages and academic content in school contexts. Kramsch &#61531;&#8230;&#61533; considers that adopting multilingual perspectives such as pedagogical translanguaging is revolutionary because &#8216;it puts into question the whole monolingual foundation of theoretical and applied linguistics&#8217;. (<xref ref-type="bibr" rid="B11">Cenoz/Gorter 2021: 43</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Dabei mutet mindestens ungew&#246;hnlich an, dass mit <italic>TL</italic> ausgerechnet ein Ansatz, der Bildungsgerechtigkeit propagiert (s. genauer Abschnitt 2.2), im vorliegenden Beitrag f&#252;r eine Unterrichtsdom&#228;ne stark gemacht werden soll, die selbst als strukturelle Manifestation von Bildungsungerechtigkeit gelten kann. Dieser Widerspruch zwischen dem emanzipatorischen Potenzial, das sprachlichem Lernen zugeschrieben wird, und der Organisation des Schulsystems, das die Verantwortung f&#252;r sprachliche Bildung an voneinander unabh&#228;ngige F&#228;cher (DaZ, Herkunftssprache, Fremdsprachen etc.) &#252;bertr&#228;gt, ist f&#252;r Forschung und Unterrichtsentwicklung eine Herausforderung. Wenngleich diese Grenzen mehr und mehr in die Diskussion gelangen, bleiben Konkretisierungen beispielsweise von Ans&#228;tzen wie eines Gesamtsprachencurriculums (vgl. z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B34">Hufeisen/Lutjeharms 2005</xref>) uneingel&#246;st. Migrationssensibilit&#228;t und Fremdsprachenunterricht sind vor diesem Hintergrund ein Widerspruch in sich.</p>
<p>Die explizite Frage nach der Spezifizit&#228;t zweiter und dritter Fremdsprachen (vgl. z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B5">Bergmann/Mayer/Plikat 2022</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B31">Grein/Sch&#228;dlich/Vernal Schmidt 2021</xref>) vor der &#8222;Hegemonialmacht&#8220; des Englischen (<xref ref-type="bibr" rid="B42">K&#252;ppers 2022: 105</xref>) wird an der Stelle relevant, wo sich in ihrer Diskussion und entsprechenden bildungspolitischen und fachdidaktischen Diskursen mehr und mehr verschiedene Krisen abzuzeichnen scheinen, die sich grob als Bedeutungsverlust zweiter und dritter Fremdsprachen zusammenfassen lassen, welcher sich auf alle Sprachen au&#223;er Englisch bezieht.</p>
<p>K&#252;ppers (<xref ref-type="bibr" rid="B42">2022</xref>) leistet einen der wenigen Beitr&#228;ge zu Migrationssensibilit&#228;t und Sprachbildung, der Bildungsgerechtigkeit und lebensweltliche Mehrsprachigkeit aus der fachdisziplin&#228;ren Perspektive des Fremdsprachenunterrichts diskutiert. Die Frage des institutionellen Sprachenangebots wird hier mit der Integration von Herkunftssprachen assoziiert, w&#228;hrend dieses traditionellerweise eher von Sprachen her gedacht wird, f&#252;r deren Einrichtung als schulsprachliches Fach historische und wirtschaftspolitische Gr&#252;nde stark gemacht werden (vgl. z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B29">GMF 2023</xref>). Sie beschreibt es als &#8222;Ressourcenverschwendung&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B42">K&#252;ppers 2022: 113</xref>) sprachlichen Potenzials, wenn gerade das F&#228;cherb&#252;ndel, wie es der schulische Fremdsprachenunterricht mit ersten, zweiten und dritten Fremdsprachen darstellt, jene Sch&#252;ler:innen, die h&#228;ufig bereits mehrsprachig sind, gerade <italic>nicht</italic> f&#246;rdert.</p>
<p>Die Auseinandersetzung mit <italic>TL</italic> ist in diesem Kontext lohnend, weil der Ansatz sprachliches Lernen erstens in einen gr&#246;&#223;eren bildungspolitischen Zusammenhang zu stellen erlaubt und zweitens auf der konkret methodisch-didaktischen Ebene die Chance einer mehrsprachigen Unterrichtsgestaltung er&#246;ffnet. Dabei wird &#252;ber bereits ausgearbeitete Ans&#228;tze zur Mehrsprachigkeitsorientierung wie Interkomprehension, plurale Ans&#228;tze (vgl. den &#220;berblick bei <xref ref-type="bibr" rid="B49">Sch&#228;dlich 2013</xref>) hinausgegangen, indem erg&#228;nzend zu deren stark sprachreflexiver Ausrichtung auch die Frage nach mehrsprachigem Sprachgebrauch gestellt wird (vgl. auch <xref ref-type="bibr" rid="B14">Dietrich-Grappin 2020</xref>).</p>
<p>Die Frage, ob <italic>TL</italic> ein Konzept f&#252;r den schulischen Fremdsprachenunterricht ist, kann im ersten Schritt insofern positiv beantwortet werden, als es dazu beitr&#228;gt, die oben skizzierten widerspr&#252;chlichen Linien in ihrer Interdependenz wahrnehmbar, benennbar und damit potenziell ver&#228;nderbar zu machen: <italic>TL</italic> bildet einen fruchtbaren Bezugspunkt f&#252;r die Diskussion von Migrationssensibilit&#228;t. Es erscheint nicht nur plausibel, sondern w&#252;nschenswert, <italic>TL</italic> als emanzipatorische Gr&#246;&#223;e und konkrete p&#228;dagogische Praxis im Sinne umfassender F&#246;rderung von Mehrsprachigkeit in die Fremdsprachendidaktik einzubringen.</p>
</sec>
<sec>
<title>2 TL und Fremdsprachenunterricht: Was kann das Konzept?</title>
<p>Die Vorsilbe <italic>trans</italic> (aus dem lateinischen &#8218;hindurch&#8216;, &#8218;&#252;ber etwas hinaus&#8216;) ist aktuell in vielerlei gesellschaftlichen Kontexten in Gebrauch und verweist stets auf die Dynamik unterstellter Grenzen: Dritte R&#228;ume, in denen bin&#228;re Verfasstheiten &#8222;nicht mehr blo&#223; zwischen den beiden Seiten einer Unterscheidung oszillieren, sondern die <italic>Unterscheidung als solche</italic> zum Gegenstand und Problem wird&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B39">Koschorke 2010: 11</xref>; Kursiv im Original), sind als kulturwissenschaftliche Referenz auch f&#252;r die Sprachenf&#228;cher ausbuchstabiert worden, in der Fremdsprachendidaktik vor allem f&#252;r das Konzept der Transkulturalit&#228;t. Weniger Interesse bringt die Fremdsprachendidaktik bislang solchen Drittr&#228;umen entgegen, die &#8211; wie das Konzept <italic>TL</italic> &#8211; sprachliche Praktiken zwischen so genannter Ausgangs- und Zielsprache ausmachen und im Sprachgebrauch selbst &#252;ber diese Binarit&#228;t hinausweisen.</p>
<sec>
<title>2.1 TL ist &#8230; eine praktische Theorie der Sprache</title>
<p>Li Wei (<xref ref-type="bibr" rid="B43">2018</xref>) definiert <italic>TL</italic> als &#8222;practical theory of language&#8220; und meint damit zun&#228;chst einmal die Beschreibung eines Sprachgebrauchs, die den Realit&#228;ten des 21. Jahrhunderts angemessen ist: &#8222;It must be said that the term Translanguaging was not originally intended as a theoretical concept, but a descriptive label for a specific language practice&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B43">Li 2018: 15</xref>). Mit Bezug auf Kramsch und Bourdieu bearbeitet er die Frage, wie die Dialektik zwischen sozialer Struktur und individueller <italic>agency</italic> sich im Sprachgebrauch manifestiert, was Sprecher:innen also individuell aus der sozialen Situation und den sprachlichen Regeln, in die sie strukturell eingebunden sind, machen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B43">Li 2018: 10</xref>). <italic>TL</italic> kn&#252;pft an den Begriff des <italic>languaging</italic> an, der Sprache in ihrer Performativit&#228;t als Handlungspraxis begreift (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B43">Li 2018: 16</xref>). Im Gegensatz zum statischen Substantiv <italic>language</italic> akzentuiert das verbale <italic>languaging</italic> den Prozess der Hervorbringung von Sprache durch ihren Gebrauch.</p>
<p>Eine wichtige Abgrenzung, die zum Verst&#228;ndnis von <italic>TL</italic> beitragen kann, ist der Unterschied zum Konzept des <italic>Codeswitching</italic>, obwohl beide gleicherma&#223;en mehrsprachigen Sprachgebrauch zum Gegenstand haben. W&#228;hrend <italic>TL</italic> auf der Annahme basiert, dass Sprachen nicht als voneinander abgrenzbare Ph&#228;nomene existieren und das sprachliche Repertoire eine einzige kommunikative Kompetenz darstellt, akzentuiert <italic>Codeswitching</italic> weiterhin die Abgrenzbarkeit von Einzelsprachen und Codes. An dieser Stelle verweist allerdings Auer (<xref ref-type="bibr" rid="B2">2022: 128</xref>) auf den Widerspruch, dass einzelne Praktiken des <italic>TL</italic> die Trennung einzelner Sprachen nicht nur weiterhin abbilden, sondern in unterrichtlichen Interaktionen sogar konsolidieren. Auer beobachtet im Gegensatz dazu hybride Sprachpraktiken, die nicht einzelnen Codes zugeordnet werden k&#246;nnen, in ihrer hybriden Kombination allerdings wie monolinguale Codes funktionieren k&#246;nnen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B2">Auer 2022: 146</xref>). Damit treten die Beobachtungen an sprachlichen Praktiken in unmittelbare N&#228;he zueinander, die teilweise als <italic>Codeswitching</italic> teilweise aber auch als <italic>TL</italic> gerahmt werden. Dies gilt auch f&#252;r die kreativen Bedeutungsherstellungen, die qua Sprachwechsel entstehen und sich mit einem alleinigen Switch von einem Sprachsystem in das andere nicht erkl&#228;ren lassen: Zentrales Merkmal translingualen Sprachgebrauchs sind Bedeutungsherstellungen auf der semantischen und damit kommunikativen Ebene. Diese zeichnet Li (<xref ref-type="bibr" rid="B43">2018: 17</xref>) anschaulich am Beispiel von Sprachpraktiken zwischen Englisch und Chinesisch sowie zwischen verschiedenen chinesischen Sprachen und Variet&#228;ten nach. Die englischsprachige Gestalt der W&#246;rter und Ausdr&#252;cke ist mit einem konnotativen Bedeutungswissen assoziiert, &#252;ber das Sprecher:innen verf&#252;gen m&#252;ssen, um sich der sprachlichen Strukturen angemessen bedienen zu k&#246;nnen.</p>
</sec>
<sec>
<title>2.2 TL ist &#8230; ein didaktisches Konzept f&#252;r bedeutungsorientiertes und kreatives Sprachenlernen</title>
<p>Die Konzipierungen von <italic>TL</italic> als p&#228;dagogische Praxis f&#252;hren die sprachp&#228;dagogischen und bildungspolitischen &#220;berlegungen weiter aus. Zentrales Anliegen ist die W&#252;rdigung, St&#228;rkung und Nutzung von Minderheitensprachen in gesellschaftlichen Situationen von Zwei- und Mehrsprachigkeit. Der sprachdidaktische Grundgedanke von <italic>TL</italic> besteht darin, durch den gleichzeitigen Gebrauch der Sprachen, die die Lernenden mitbringen (den Minderheiten- sowie Herkunftssprachen), und den Bildungssprachen (den Mehrheitssprachen) den Kompetenzerwerb in allen Sprachen zu f&#246;rdern und sachfachliches Lernen &#8218;durch die Sprachen hindurch&#8216; zu erm&#246;glichen. Dieser Raum der Aushandlung sachfachlicher Inhalte wird durch und f&#252;r translinguale Praktiken hergestellt, &#8222;by and for Translanguaging practices&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B43">Li 2018: 23</xref>). Ihm wird zugeschrieben, die sozialen Strukturen der Mehrheitssprachen durch diese Sprachpraxis kreativ zu unterwandern und damit ver&#228;ndern zu k&#246;nnen, also zu einer St&#228;rkung der Minorit&#228;tensprachen und damit zu gr&#246;&#223;erer Bildungsgerechtigkeit beizutragen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B43">Li 2018: 24</xref>).</p>
<p>Ziel der <italic>TL</italic>-Praxis ist die Hervorbringung gemeinsamer Bedeutung und ein vertieftes inhaltliches Verstehen der unterrichtlichen Inhalte, das durch den Rekurs auf eine Vielzahl sprachlicher und inhaltlicher Ressourcen erm&#246;glicht &#8211; und bereichert &#8211; wird. Garc&#237;a/Li definieren <italic>TL</italic> im Einklang mit diesen &#220;berlegungen als</p>
<disp-quote>
<p>process by which students and teachers engage in complex discursive practices that include ALL students in a class in order to develop new language practices and sustain old ones, communicate and appropriate knowledge and give voice to new sociopolitical realities by interrogating linguistic inequality. (<xref ref-type="bibr" rid="B25">Garc&#237;a/Li 2015: 225</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Sprachliche Differenz wird hier also gerade nicht als Hindernis f&#252;r inhaltliches Verstehen problematisiert, sondern im Gegenteil als Mehrwert f&#252;r ein vertieftes und mehrperspektivisches Aushandeln der Gegenst&#228;nde des Unterrichts angesehen.</p>
<p>Sch&#252;ler:innen sollen daher im Unterricht explizit ermutigt werden, ihr gesamtes sprachliches Repertoire zu nutzen. Dabei kann es auch zu kreativen Neusch&#246;pfungen kommen, was dazu beitr&#228;gt, einen kritischen Blick auf monolinguale Strukturen zu entwickeln, diese zu erkennen und durch die eigene translinguale Praxis zu unterwandern. Lehrpersonen kommt dabei die Aufgabe zu, die sprachlichen St&#228;rken der Sch&#252;ler:innen zu unterst&#252;tzen, wobei &#220;bersetzungen und paraphrasierenden Erkl&#228;rungen &#8211; auch mit Verweisen auf affine Begriffe oder Vergleichskonzepte der zu lernenden Inhalte &#8211; eine entscheidende Rolle zukommt. Wie genau dies empirisch erkennbar w&#228;re, ist jedoch weniger eindeutig zu beantworten als es zun&#228;chst erscheinen mag: Die Art und Weise der &#220;bersetzung oder Aushandlung kann dabei durchaus genau die Sprachtrennungen, die <italic>TL</italic> eigentlich zu &#252;berwinden sucht, auch reproduzieren (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B2">Auer 2022: 138</xref>).</p>
<p>Als f&#246;rderliche Praktiken gelten dabei Beitr&#228;ge der Lehrperson, die weitere Interaktionen initiieren, um den inhaltlichen Aushandlungsprozess weiterzuf&#252;hren. Cenoz/Gorter (<xref ref-type="bibr" rid="B11">2021</xref>) nennen als Beispiele das Lesen eines Textes in einer Sprache und die Diskussion dar&#252;ber in einer anderen Sprache oder Grammatikerkl&#228;rungen in einer Sprache zu pr&#228;sentieren und in anderen Sprachen kommentieren zu lassen sowie mehrsprachige thematische Recherchen, die zu einem zielsprachlichen Produkt &#8218;gesprachmittelt&#8216; werden. Die Einbeziehung s&#228;mtlicher Ressourcen und die Orientierung an der Hervorbringung neuer Bedeutungen sowie die mit diesen Prozessen verbundene kritische Sprachreflexion erscheint als Potenzial f&#252;r einen migrationssensiblen Fremdsprachenunterricht als <italic>translanguaging space.</italic></p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>3 Dilemmata des Konzepts. Exemplarische Linien kritischer Rezeption von TL im Fokus</title>
<p>Die letzten Abschnitte haben verdeutlicht, dass <italic>TL</italic> als Sprachtheorie und Unterrichtspraxis relevant f&#252;r einen migrationssensiblen Fremdsprachenunterricht werden kann, der nicht nur zielsprachliche Kompetenzen ausbilden, sondern daf&#252;r bereits vorhandenes sprachliches K&#246;nnen und Diskurswissen nutzen und erweitern will. Punktuell wurden bereits widerspr&#252;chliche Aspekte angesprochen, deren &#252;bergeordnete Kritiklinien hier weiter diskutiert werden sollen &#8211; weiterhin mit dem Ziel, nach der spezifischen Relevanz von <italic>TL</italic> f&#252;r den schulischen Fremdsprachenunterricht jenseits von Englisch zu fragen. Dies soll exemplarisch an zwei Diskursstr&#228;ngen geschehen: Zum einen wird das Problem der Z&#228;hlbarkeit von Sprachen beleuchtet, zum anderen die Normativit&#228;t von <italic>TL</italic> problematisiert.</p>
<sec>
<title>3.1 Sprachenz&#228;hlen als Problem? <italic>Named languages</italic> in der Diskussion</title>
<p>Eine starke Kritiklinie an <italic>TL</italic> bezieht sich auf die grundlegende &#220;berzeugung hinsichtlich der psychokognitiven Beschaffenheit, beziehungsweise der Realit&#228;t des sprachlichen Repertoires (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B32">Gumperz 1964</xref>). W&#228;hrend g&#228;ngige Erwerbsmodelle (vgl. genauer <xref ref-type="bibr" rid="B6">Berthele 2021: 22</xref>) davon ausgehen, dass das sprachliche Repertoire in Einzel- und/oder Subrepertoires gegliedert ist, bezeichnet Berthele (<xref ref-type="bibr" rid="B6">2021: 93</xref>) <italic>TL</italic> als &#8222;no-boundaries&#8220;-Ansatz, der die Existenz von Einzelsprachen und vor allem ihrer Grenzen negiert und im <italic>languaging</italic> als dynamische Realisierung grunds&#228;tzlich immer sprachmischender Praxis die Vorstellung von Sprache als System &#252;berhaupt aufl&#246;st (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B6">Berthele 2021: 94&#8211;96</xref>). Kritisch macht Berthele genau an diesem Punkt die Unproduktivit&#228;t von <italic>TL</italic> f&#252;r die F&#246;rderung von Minderheitensprachen fest: In dem Moment, in dem die Z&#228;hlbarkeit von Einzelsprachen in Frage steht, hebt das Konzept auch seinen emanzipatorischen Anspruch selbst auf. Ohne Sprachen voneinander zu trennen, kann weder &#252;ber Mehrsprachigkeit gesprochen werden, noch k&#246;nnen Minderheitensprachen &#8211; die ja als solche zu benennen w&#228;ren &#8211; gest&#228;rkt werden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B6">Berthele 2021: 99</xref>).</p>
<p>Das Missverst&#228;ndnis, das dieser polemischen &#220;berspitzung zugrunde liegt, wird in den einschl&#228;gigen Texten zu <italic>TL</italic> immer wieder thematisiert: Ber&#252;hrt sind hier sogenannte <italic>named languages</italic> und &#8211; mit dem Fokus Fremdsprachenunterricht &#8211; die Frage, wie in welchen Sprachen &#252;berhaupt Kompetenzen ausgebildet werden k&#246;nnen. <italic>Named languages</italic> beschreibt Li (<xref ref-type="bibr" rid="B43">2018</xref>) dahingehend, dass es sich hier um (historische) Konstrukte mit verschiedenen Funktionen handelt, die auch Einfluss auf den Sprachgebrauch (sowie seine F&#246;rderung oder Unterdr&#252;ckung) haben. Es geht also nicht darum, die Existenz einzelner Sprachen zu leugnen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B43">Li 2018: 27</xref>). Vielmehr soll ihre systematische Beschaffenheit als zwangsl&#228;ufig gekoppelt an ihre soziokulturelle und politische Bedeutung theoretisiert und gefragt werden, welche politisch-hierarchisierenden Folgen das Benennen einer Sprache haben kann (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B43">Li 2018: 19</xref>). Auer (<xref ref-type="bibr" rid="B2">2022</xref>) kritisiert allerdings die Gleichsetzung von Codes mit so genannten <italic>Named Languges</italic> und wiederum deren Gleichsetzung mit standardsprachlichen Normen der jeweiligen Sprache, die er in <italic>TL-</italic>Ans&#228;tzen beobachtet. Der Kritik ist einerseits zuzustimmen, aus der spezifischen Perspektive fremdsprachlichen Lernens ist die von Auer kritisierte Gleichsetzung jedoch nicht ganz falsch: F&#252;r den gesteuerten Lernprozess des Fremdsprachenunterrichts wird eine sprachliche Norm als Fluchtpunkt angesetzt, vor deren starrem Regelwerk &#8218;Abweichungen&#8216; anders behandelt werden als dies in au&#223;erunterrichtlichen Kontexten der Fall ist. Die Repr&#228;sentation der Zielsprachen als zu erlernende Sprachsysteme in Lehrwerken, die mit diesen verbundenen Aufgaben und Korrekturpraktiken scheinen tats&#228;chlich das zu realisieren, was aus der Perspektive soziolinguistischer (deskriptiver) Forschung falsch ist, n&#228;mlich die Vorstellung, dass eine Sprache kodifiziert, normativ festgelegt und im Unterricht in genau dieser Gestalt vermittelt werden k&#246;nne. In diesem Sinne ist die von Auer kritisierte Zuschreibung, dass Sprachen Erfindungen seien (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B2">Auer 2022: 133</xref>) aus der Perspektive des Fremdsprachenunterrichts gesehen, durchaus plausibel.</p>
<p>Die Diskussion um den normativen Fluchtpunkt der unterrichtlichen Repr&#228;sentation der Zielsprache ist dabei unmittelbar auch mit (m&#246;glichen oder unm&#246;glichen) didaktischen Entscheidungen verbunden: Ein Beispiel daf&#252;r w&#228;re die f&#252;r den Fremdsprachenunterricht relevante Frage, welches Englisch, Franz&#246;sisch oder Spanisch als normativer Referenzpunkt f&#252;r das schulische Lernen anzusetzen w&#228;re. Diese spiegelt sich beispielsweise in der Diskussion von plurizentrischen Sprachen, etwa <italic>global Englishes</italic> und deren unterrichtlich (nicht) akzeptierten Variet&#228;ten. Eine kritische Diskussion beispielsweise von Korrekturpraktiken des Fremdsprachenunterrichts mit diesem Fokus kann ein Beitrag zur Verschiebung sprachlicher Normen sein, die auf die bestehende Wirkmacht europ&#228;ischer Normen genau dieser Sprachen <italic>als</italic> sprachlich dominante und exkludierende Realit&#228;t reagiert. So hat beispielsweise Wieland (<xref ref-type="bibr" rid="B60">2022</xref>) in einer Studie zu Variet&#228;tenbewusstheit positive Einstellungen zum Umgang mit lateinamerikanischen Variet&#228;ten bei Spanischlehrkr&#228;ften festgestellt. Solche k&#246;nnen zu ver&#228;nderten Korrekturpraktiken f&#252;hren, beispielsweise indem Variet&#228;ten als solche kommentiert werden und nicht als Fehler im Sinne einer Abweichung der kastilischen Norm.</p>
<p>Berthele (<xref ref-type="bibr" rid="B6">2021</xref>) spannt f&#252;r die Diskussion abschlie&#223;end ein Kontinuum zwischen z&#228;hlbaren und nicht-abgrenzbaren Sprachen auf, welches die zun&#228;chst ontologisierende Diskussion des sprachlichen Repertoires auf eine funktionalisierende Ebene bringt: Im Ansatz des &#8222;Counting the Uncountable&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B6">Berthele 2021: 101</xref>) fragt er nach den Bedingungen und Zielsetzungen, die das Z&#228;hlen und Abgrenzen von Einzelsprachen funktional sinnvoll erscheinen lassen oder nicht. In Anlehnung an diese Vorstellung k&#246;nnte im Sinne des emanzipatorischen Anspruchs sprachlicher Bildung bei jeder bildungspolitischen Entscheidung im Kontext von Fremdsprachenunterricht die Frage formuliert werden, wem welche Art der Modellierung des sprachlichen Repertoires n&#252;tzt oder schadet und welche Anteile des Repertoires in welcher sozialen Konstellation ein- oder ausgeschlossen werden.</p>
</sec>
<sec>
<title>3.2 TL als Ideologie, die an den Realit&#228;ten der Bildungssysteme vorbeigeht</title>
<p>W&#228;hrend Berthele sich aus psychokognitiv-spracherwerblicher Perspektive f&#252;r die Beschaffenheit des sprachlichen Repertoires interessiert, bezieht sich die Kritik des belgischen Soziolinguisten Jaspers auf den politisch-transformatorischen Anspruch von <italic>TL</italic>. F&#252;r ihn stellt <italic>TL</italic> eine mindestens dilemmatische Theorie, wenn nicht gar naive Ideologie dar, welche der Gegenideologie monolingual orientierter Autorit&#228;ten in nichts nachsteht (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B35">Jaspers 2018: 1</xref>). Hauptkritikpunkt ist, dass der Ansatz an den strukturellen Realit&#228;ten der nach wie vor monolingual verfassten Bildungssysteme scheitert und somit gerade nicht zum <italic>empowerment</italic> diskriminierter Sprecher:innen beitr&#228;gt. Aus dem deskriptiven Vorhaben (siehe Abschnitt 2.1) werde zunehmend ein normatives Konzept (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B35">Jaspers 2018: 5</xref>)<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref> &#8211; ohne empirische Evidenz: Den erm&#228;chtigenden Anspruch von <italic>TL</italic> kann Jaspers (<xref ref-type="bibr" rid="B35">2018: 7</xref>) im Kausalzusammenhang mit <italic>TL</italic>-Praktiken nicht erkennen. Entgegen konzeptioneller Versprechungen k&#246;nnten keine Verbesserungen der Sprachkompetenzen in der Minderheiten- oder Mehrheitssprache festgestellt werden und er spitzt zu, dass sich im <italic>translanguaging space</italic> lediglich die Stimmungslage der Sch&#252;ler:innen verbessert habe (s. dazu erneut Abschnitt 4.1).</p>
<p>In diesem Fahrwasser bewegen sich aktuell auch andere Arbeiten aus dem Feld kritischer und ethnografischer Sprachforschung: Deren Tenor ist, dass eine Orientierung am Erwerb der Mehrheitssprache mehr als <italic>TL</italic> in der Lage w&#228;re, zu sozialer Gerechtigkeit beizutragen, weil sie sich nicht am Ideal, sondern an der &#8222;reality &#8218;on the ground&#8216;&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B57">Selleck/Barakos 2020: 294</xref>) orientieren. Sie argumentieren hier mit Jaspers und seinem Verweis auf vermutlich transformationsresistente Umgebungen: Bildungssysteme sind und bleiben &#8222;social credentialing systems&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B35">Jaspers 2018: 5</xref>). Monolinguale Orientierungen sind vor allem im Pr&#252;fungswesen verankert, wo Sprachkompetenzen nach wie vor monolingual evaluiert werden: &#8222;pupils will be evaluated for their skills in a monolingual, academic type of language&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B35">Jaspers 2018: 9</xref>), deren Ausbildung er gerade durch <italic>TL</italic> nicht gegeben sieht. An dieser Stelle wird die Frage nach gegebenenfalls alternativen Pr&#252;fungsformaten wichtig, die sich auf die Spezifika translingualer Kompetenz beziehen und nicht auf die &#220;berpr&#252;fung einzelsprachlichen K&#246;nnens reduzieren (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B46">Melo-Pfeifer/Ollivier 2023</xref>).</p>
<p>Die Frage der psychokognitiven Realit&#228;t eines integrierten oder getrennter Repertoires wird an der Stelle irrelevant, wo das Interesse auf das Dilemma eines strukturell vermutlich kaum ver&#228;nderlichen Bildungssystems, das wiederum mit einem noch weniger ver&#228;nderlichen Wirtschaftssystem verwoben ist, gelenkt wird. <italic>Empowerment</italic> und Bildungsgerechtigkeit w&#252;rden angesichts des gezeichneten Dilemmas paradoxerweise ein Starkmachen in einem und mittels eines Sprachengef&#252;ges bedeuten, das aus Sicht der Vertreter:innen von <italic>TL</italic> obsolet ist, aber strukturell wirkm&#228;chtig bleibt.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>4 Fremdsprachenunterricht im Spannungsfeld von TL und <italic>plurilingualism</italic></title>
<p>Das Feld, in dem <italic>TL</italic> als Konzept entwickelt wurde, ist nicht der schulische Fremdsprachenunterricht des deutschen Bildungssystems. Es soll daher nun diskutiert werden, wo &#252;berhaupt Schnittstellen und Ankn&#252;pfungspunkte liegen. Eine erhellende Au&#223;enperspektive auf die europ&#228;ischen Bildungssysteme leisten hier Garcia/Otheguy (2020), die das Verh&#228;ltnis von <italic>TL</italic> und Mehrsprachigkeit im Sinne des vom Europarat konzipierten Verst&#228;ndnisses von <italic>plurilingualism</italic> diskutieren. Letzteres fungiert seit den 1990er Jahren als Referenz f&#252;r das sprachliche Lernen in der Europ&#228;ischen Union und damit auch f&#252;r die hier interessierenden zweiten und dritten Fremdsprachen.</p>
<p>Auch Garc&#237;a/Otheguy benennen das Paradox, dass schulischer Fremdsprachenunterricht in seiner fachlichen Ausrichtung dominant monolingualen Normen gehorcht (s. Abschnitt 1). Im zweiten Schritt stellen sie die unterliegenden Epistemologien von <italic>translanguaging</italic> und <italic>plurilingualism</italic> dichotomisierend dar. Sie fragen, wie Sprachen &#252;berhaupt in den Bildungssystemen verankert sind und welches Verst&#228;ndnis von Sprachenlernen europ&#228;ischen Bestrebungen zur F&#246;rderung von Mehrsprachigkeit wie Immersion, CLIL oder dem herk&#246;mmlichen Fremdsprachenunterricht zugrunde liegt. Ziel dieser Programme sei durchg&#228;ngig die Herstellung einer additiven, doppelten Einsprachigkeit (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B27">Garc&#237;a/Otheguy 2020: 2</xref>), wobei Ausgangs- und Zielsprache(n) klar benannt werden und Mehrsprachigkeit weiterhin ausschlie&#223;lich durch eine &#8222;monoglossic lens&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Garc&#237;a/Otheguy 2020: 2</xref>) betrachtet werde. Im Fazit res&#252;mieren sie: &#8222;language education programms have erased all traces of heteroglossia in language&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Garc&#237;a/Otheguy 2020: 5</xref>). <italic>Plurilingualism</italic> wird von ihnen als erstens beschr&#228;nkt auf doppelte oder additive Verf&#252;gbarkeit lexikogrammatischer Systeme so genannter <italic>named languages</italic> und zweitens als Ausdruck einer neoliberalen Orientierung des Nutzens von Fremdsprachen f&#252;r eine elit&#228;re Sch&#252;lerschaft modelliert.</p>
<p>F&#252;r Garc&#237;a/Otheguy ist die politisch gewaltsame Vereinheitlichung geographisch-historischer Mehrsprachigkeit, die durch den Kolonialismus zerschlagen und &#8218;monolingualisiert&#8216; worden sei. Sprachenlernen beziehe sich stets darauf, sich eine zweite Sprache (Kolonialsprache, Amtssprache, Nationalsprache) aneignen zu m&#252;ssen, die ohne Verbindung mit den Erstsprachen aufgezwungen werde (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B27">Garc&#237;a/Otheguy 2020: 2</xref>). Das Sprachenangebot der in den europ&#228;ischen Bildungssystemen traditionellen Fremdsprachen &#8211; so genannten Weltsprachen &#8211;, f&#252;hre koloniale Praktiken fort (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B27">Garc&#237;a/Otheguy 2020: 3</xref>), haben diese Sprachen ihre wirtschaftliche Macht &#8211; die sie nun als Schulfremdsprachen rechtfertige (vgl. Abschnitt 1) &#8211; doch vor allem aus ihrer kolonialen Vergangenheit bezogen. Zugespitzt formuliert soll Fremdsprachenunterricht als Beitrag zu Mehrsprachigkeit also ein Problem l&#246;sen, das seine eigene monolinguale Ideologie historisch &#252;berhaupt erst hergestellt hat.</p>
<p>Die europ&#228;ischen Ziele der Mehrsprachigkeitsf&#246;rderung wie gesteigerte Sprachbewusstheit und (inter-)kulturelle Erziehung werden f&#252;r Garc&#237;a/Otheguy (<xref ref-type="bibr" rid="B27">2020: 6</xref>) an der Stelle fragw&#252;rdig, wo sie nur einer bestimmten Gruppe von Sch&#252;ler:innen zur Verf&#252;gung stehen, sich also auf eine Elite (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Garc&#237;a/Otheguy 2020: 2</xref>) beziehen, die &#252;berhaupt an diesen Bildungsg&#228;ngen und entsprechenden Programmen teilnehmen kann. <italic>TL</italic> an dieser Stelle als m&#246;gliche Didaktik f&#252;r den Fremdsprachenunterricht etablieren zu wollen, erscheint in ihrer Argumentation als Widerspruch in sich. <italic>TL</italic> werde in diesen Zusammenh&#228;ngen in einer &#8222;weak version&#8220; (Garc&#237;a/Lin 2017; <xref ref-type="bibr" rid="B33">Heltai 2021</xref>) auf eine <italic>scaffolding</italic>-Ma&#223;nahme zur Steigerung der Lerneffizienz reduziert, die mit der &#8222;strong version&#8220; des transformatorischen Anspruchs nichts mehr gemein habe<xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref>.</p>
<p>Aus der europ&#228;ischen Binnenperspektive ist die Dichotomisierung von <italic>plurilingualism</italic> und <italic>TL</italic> an der Stelle problematisch, wo Garc&#237;a/Otheguy aus ihrer distanzierten Au&#223;enperspektive &#252;ber die europ&#228;ischen Entwicklungen mit ihren konzeptionellen, bildungspolitischen und empirischen Differenzierungen schlicht hinweggehen. Tats&#228;chlich verfolgt der Europ&#228;ische Referenzrahmen f&#252;r Sprachen des Europarates ein ausdr&#252;cklich integratives Mehrsprachigkeitsverst&#228;ndnis (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B12">Conseil de l&#8217;Europe 2021: 30&#8211;31</xref>). Die Version des Begleitbandes von 2018 enthielt einen expliziten begrifflichen Rekurs auf <italic>TL</italic>, welcher in der Ausgabe von 2021 allerdings umformuliert wird &#8211; aus <italic>TL</italic> wird &#8222;trans-apprentissage linguistique&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Conseil de l&#8217;Europe 2021: 31</xref>), w&#228;hrend die &#220;bersetzung ins Deutsche <italic>TL</italic> beibeh&#228;lt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B21">Europarat 2020: 35</xref>). Die innere Differenziertheit europ&#228;ischer Bildungssysteme und deren Beitr&#228;ge zu sprachlicher Bildung (vgl. hierzu beispielsweise die kritische Rekonstruktion des Konzepts plurilingualer Kompetenz f&#252;r curriculare Rahmentexte bei <xref ref-type="bibr" rid="B15">Dietrich-Grappin 2024</xref>) werden in &#228;hnlicher Art und Weise ausgeblendet, wie es auch bei &#220;berschneidungen mit affinen Konzepten wie <italic>Codeswitching</italic> beobachtbar ist (s. Abschnitt 2.1). In ihrer Argumentation setzen Garc&#237;a/Otheguy &#252;bergeordnete europ&#228;ische Rahmentexte und konkrete Programme sowie deren Implementierung in eins. Dies ist insofern problematisch, als letztere zwar von den sprachenpolitischen Dokumenten des Europarates beeinflusst sind, diese aber weder linear implementieren noch die Komplexit&#228;t der theoretischen Diskussion dabei immer angemessen sichtbar lassen. Dieses dilemmatische Verh&#228;ltnis von Rahmentexten und Implementierung konzeptioneller Neuerungen ist bei Garc&#237;a/Otheguy (zu) stark vereinfacht; sie selbst relativieren ihre Dichotomisierung auch an der Stelle ihres Textes, wo sie von einem &#8222;continuum&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Garc&#237;a/Otheguy 2020: 12</xref>) sprechen, das <italic>plurilingualism</italic> und <italic>TL</italic> beim schulischen Sprachenlernen bilden und daf&#252;r anschauliche Beispiele aus europ&#228;ischen Projekten illustrieren.</p>
<p>F&#252;r die Sch&#252;lerschaft zweiter und dritter Fremdsprachen sind diese &#220;berschneidungslinien insofern relevant, als hier in derselben Lerngruppe sowohl das gilt, was Garc&#237;a/Otheguy &#252;ber europ&#228;ische elit&#228;re Sprachenprogramme sagen, wie auch das, was sie f&#252;r die St&#228;rkung von Mehrsprachigkeit und Minorit&#228;ten- oder Herkunftssprachen fordern.</p>
<sec>
<title>4.1 <italic>Emergent Bilinguals</italic> und Fremdsprachenlerner:innen &#8211; welche Differenzlinien sind (nicht) relevant?</title>
<p>Im folgenden Abschnitt liegt das Augenmerk auf der Perspektive der Lernenden. Das Verh&#228;ltnis von &#8222;emergent bilinguals&#8220; (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B25">Garc&#237;a/Li 2015: 225</xref>), also den Sch&#252;ler:innen, f&#252;r die und mit denen <italic>TL</italic>-Ans&#228;tze entwickelt wurden, auf der einen Seite und Lerner:innen von Schulfremdsprachen auf der anderen Seite wird dabei in den Blick genommen. &#8222;Emergent bilinguals&#8220; sind in den Kontexten, in denen <italic>TL</italic> entwickelt wurde, lebensweltlich bilingual in einer gesellschaftlichen Situation von Mehrsprachigkeit (z.B. Spanisch im US-System). Zu diesen liegt eine &#196;hnlichkeit mit Sch&#252;ler:innen des Fremdsprachenunterrichts vor, die lebensweltlich mehrsprachig sind, beispielsweise durch eine Migrationsbiographie.</p>
<p>Lernerinnen im schulischen Fremdsprachenunterricht und &#8222;emergent bilinguals&#8221; ist gemeinsam, dass sie bereits &#252;ber ein komplexes kommunikatives Repertoire verf&#252;gen, welches das Erlernen neuer Sprachen beeinflusst und dabei &#8211; so die Annahme &#8211; dem Kompetenzerwerb in <italic>allen</italic> Sprachen f&#246;rderlich ist. Dies gilt auch f&#252;r (ja immer nur vermeintlich) Monolinguale, deren Erstsprache ebenso als Ressource gelten kann wie die Sprachigkeit der bereits (emergent) Mehrsprachigen, die mehrere Erstsprachen sprechen.</p>
<p>Gleichwohl d&#252;rfte ein Unterschied zwischen Sch&#252;ler:innen bestehen, die aufgrund ihrer Mehrsprachigkeit bereits mit (gegebenenfalls diskriminierenden) Bewertungen derselben in Kontakt gekommen sind oder linguizistische Anfeindungen erfahren haben, und solchen, deren Erstsprache(n) (in der Regel) Fragen sprachlichen Prestiges nicht unterworfen sind<xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref>. Vor diesem Hintergrund mangelnder Wertsch&#228;tzung bis hin zu diskriminierenden Erfahrungen mag auch jener Verbesserung der &#8218;Stimmungslage&#8216; ein relevanter Mehrwert f&#252;r p&#228;dagogische und pers&#246;nlichkeitsbildende Anteile von Mehrsprachigkeitsorientierung an der Schule zukommen, der von <italic>TL</italic>-Kritikern wie Jaspers (s. Abschnitt 3.2) als irrelevant markiert wird.</p>
<p>Dass Sprecher:innen nicht-deutscher Sprachen durch das Bildungssystem zu einer Identit&#228;tsaufgabe gen&#246;tigt werden, um sich (dann) qua Schulbildung eine gleichsam erw&#252;nschtere mehrsprachige Identit&#228;t zuzulegen, macht einen Unterschied auch f&#252;r das Sprachenlernen aus: Transfer und R&#252;ckgriff auf Ressourcen vollzieht sich hier nicht in einem neutralen Raum, sondern ist immer schon gerahmt durch (mindestens implizite, oftmals aber auch offen explizierte) Wertungen der beteiligten Sprachen.</p>
<p>Jenseits der strukturellen Ebene des Zugangs zu einem vielf&#228;ltigen Sprachenangebot zu Sprachen jenseits von Englisch im deutschen Schulsystem d&#252;rfte es auch Unterschiede im sprachlichen Lern- und Aneignungsprozess geben: Lebensweltliche Mehrsprachigkeit ist k&#246;rperlich verankert, weil die translingualen Praktiken bereits habitualisiert sind und in authentischer au&#223;erschulischer Kommunikation zum Tragen kommen. W&#228;hrend das soziale Handeln lebensweltlich Mehrsprachiger &#8222;their bodies, place, and things, a broad view of linguistics-informed discourse, their embodied and extended cognition and multimodalities&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Garc&#237;a/Otheguy 2020: 10</xref>) beinhaltet, macht schulischer Fremdsprachenunterricht zumindest anfangs nur einen geringen Anteil ihrer Sprachigkeit aus, weil das dort Erlernte au&#223;erhalb des Klassenraums (zun&#228;chst) nur einen eingeschr&#228;nkten kommunikativen Wert besitzt und nur &#8222;a small part of this assemblage&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Garc&#237;a/Otheguy 2020: 10</xref>) ausmacht. Die Sprachen bleiben &#8222;outside of their bodies&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Garc&#237;a/Otheguy 2020: 7</xref>), ein &#8218;Fremdk&#246;rper&#8216; im sprachlichen Repertoire. Das Anliegen, das mit Fremdsprachenunterricht verfolgt wird, ist daher auch darauf bezogen, bislang fremden Sprachen &#8211; um im Bild zu bleiben &#8211; in den K&#246;rpern eine Bedeutung zukommen zu lassen.</p>
</sec>
<sec>
<title>4.2 Bedingungen f&#252;r Konzepttransfer in der Fremdsprachenforschung: Lokale Forschung statt globale Abstraktion</title>
<p>Die Diskussion von <italic>TL</italic> im Kontext des schulischen Fremdsprachenunterrichts in Deutschland macht deutlich, dass vor der Frage des Konzepttransfers lokale Gegebenheiten einzelner Bildungssysteme st&#228;rker ber&#252;cksichtigt werden m&#252;ssen und dass hierbei noch erhebliche Forschungsdesiderate bestehen.</p>
<p>Es sollen im folgenden Abschnitt exemplarische Arbeiten zu migrationssensiblem Fremdsprachenunterricht im deutschen Bildungssystem skizziert werden. Auff&#228;llig ist ein Nebeneinander der Diskurse zum Fremdsprachenunterricht einerseits und zu sprachlicher Bildung andererseits in Kontexten von Migration (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B50">Sch&#228;dlich 2020a: 7&#8211;8</xref>). Es gibt seit mindestens zwei Jahrzehnten ein ausgepr&#228;gtes Interesse an lebensweltlicher Mehrsprachigkeit sowie ihren Beziehungen zu Bildungsgerechtigkeit (vgl. z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B59">Wegner/Dirim 2016</xref>). Dieses Interesse ist nicht ausschlie&#223;lich an Fragen der (Herkunfts-)Sprachen gebunden, sondern ber&#252;hrt in intersektionaler Hinsicht auch andere Aspekte wie den famili&#228;ren sozio&#246;konomischen Status oder Fluchthintergr&#252;nde (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B4">Autor:innengruppe 2024</xref>), die mit (sprachlicher) Bildung jedoch in engem Zusammenhang stehen.</p>
<p>In primarschulischen Kontexten und im Fach Deutsch als Zweitsprache spielt <italic>TL</italic> seit l&#228;ngerem eine prominente Rolle und wird empirisch (oftmals ethnografisch und/oder konversationsanalytisch) erforscht. Die Kritik an der Unm&#246;glichkeit empirischer &#220;berpr&#252;fung von <italic>TL</italic> (s. Abschnitt 3.2), wird durch diese Arbeiten insofern relativiert, als deren Erkenntnisinteresse vor allem im Nachvollzug der dem sachfachlichen Lernen f&#246;rderlichen kommunikativen Prozesse liegt (vgl. z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B17">Dlugaj/F&#252;rstenau 2019</xref>). Die wenigen Studien, die im Bereich der Sekundarstufen angesiedelt sind, beleuchten vornehmlich nicht-sprachliche F&#228;cher, beispielsweise Mathematik und Sozialwissenschaften (vgl. z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B18">Duarte 2019</xref>). Wenn Duarte also zu dem Schluss kommt, dass <italic>TL</italic> in den europ&#228;ischen Bildungssystemen keine Rolle spiele &#8211; &#8222;&#61531;T&#61533;he implementation of translanguaging approaches in mainstream education does not yet belong to the pedagogical status quo in most European schools&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B18">Duarte 2019: 234</xref>) &#8211; so ist dies f&#252;r die Sprachenf&#228;cher des Fremdsprachenunterrichts empirisch noch nicht umfassend nachvollzogen worden.</p>
<p>Obwohl migrationsbedingte Mehrsprachigkeit seit vielen Jahren ein Thema der Fremdsprachendidaktik darstellt und zunehmend traditionelle Ans&#228;tze der vor allem f&#252;r die romanischen Sprachen ausbuchstabierten Mehrsprachigkeitsdidaktiken erweitert werden, f&#228;llt ins Auge, dass kaum auf <italic>TL</italic> rekurriert wird (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B50">Sch&#228;dlich 2020a: 8</xref>). Fremdsprachendidaktische Mehrsprachigkeitsforschung ist nach wie vor deutlich auf die Ausbildung metasprachlichen Bewusstseins und sprachvergleichendes Arbeiten fokussiert, das eher das Sprechen <italic>&#252;ber</italic> Sprachsysteme als das Sprechen <italic>in</italic> verschiedenen Sprachen zu f&#246;rdern sucht. Der performative Widerspruch vieler Mehrsprachigkeitsdidaktiken &#8211; &#252;ber Mehrsprachigkeit zu sprechen, dies aber m&#246;glichst einsprachig zu tun &#8211;, wird jedoch in fremdsprachendidaktischen Arbeiten zunehmend aufgebrochen. An Forderungen, wertsch&#228;tzend und sensibel mit der (Mehr-)sprachigkeit <italic>aller</italic> Sch&#252;ler:innen umzugehen und sie zu ermutigen ihr gesamtes Repertoire f&#252;r die Bedeutungsaushandlungen im Unterricht auszusch&#246;pfen, mangelt es nicht (vgl. z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B23">Garc&#237;a/Prinz/Reimann 2020</xref>) und in der letzten Zeit widmen sich auch Interventionsstudien der migrationssensiblen Mehrsprachigkeitsorientierung im Fremdsprachenunterricht (z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B30">G&#246;bel/Schmelter/Buret/Frede/Neuber/Struck 2021</xref>) und untersuchen beispielsweise die Wirksamkeit mehrsprachigkeitsorientierter Aufgaben. Andere Arbeiten versuchen mit retrospektiven Interviews, Mehrsprachigkeit im Unterricht zug&#228;nglich zu machen (z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B13">Cutrim Schmidt/Schmidt 2017</xref>). In Sch&#228;dlich (<xref ref-type="bibr" rid="B51">2020b: 37&#8211;49</xref>) wurde vor dem Anliegen, schulische und herkunftsbedingte Mehrsprachigkeit zusammenzudenken, <italic>TL</italic> in einen methodisch-didaktisch ausgerichteten Zusammenhang zu Sprachmittlung als &#8222;mediatorischem Handeln&#8220; und Symbolischer Kompetenz (vgl. z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B41">Kramsch/Whiteside 2008</xref>) gestellt.</p>
<p>Interaktionsdaten aus dem Fremdsprachenunterricht des Sekundarbereichs sind hingegen selten und noch seltener werden diese durch die <italic>TL</italic>-Linse analysiert. Exemplarisch zitiert sei hier die Dissertationsschrift von Dietrich-Grappin (<xref ref-type="bibr" rid="B14">2020</xref>), die sich f&#252;r den Terti&#228;rspracherwerb interessiert und mehrsprachige Prozesse der Aufgabenbearbeitung beobachtet. F&#252;r die Analyse der mehrsprachigen Interaktion greift sie allerdings auf das Konzept <italic>Codeswitching</italic> zur&#252;ck. &#196;hnlich arbeitet eine Studie zum Fremdsprachenunterricht in Deutschland und Frankreich (<xref ref-type="bibr" rid="B56">Schellack 2019</xref>) mit dem Konzept <italic>Codeswitching</italic>, beschreibt aber Verfahren der Bedeutungsaushandlung, die ebenso kompatibel mit <italic>TL</italic> sind. In einem der wenigen empirischen Beitr&#228;ge zu <italic>TL</italic> zeichnet Wieland (<xref ref-type="bibr" rid="B61">im Druck</xref>) nach, dass die sprachliche Praxis bei der Bearbeitung von Sprachmittlungsaufgaben des Franz&#246;sischunterrichts Aushandlungen im Sinne von <italic>TL</italic> erkennen l&#228;sst, diese aber von den Sch&#252;ler:innen selbst ambivalent bewertet wird.</p>
<p>Empirische Studien, die sich explizit bei <italic>TL</italic> verorten, sind h&#228;ufig in virtuellen R&#228;umen im universit&#228;ren Kontext angesiedelt. Beispielhaft seien die Arbeiten von Abendroth-Timmer/Schneider (<xref ref-type="bibr" rid="B1">2021</xref>) sowie Melo-Pfeifer/Ara&#250;jo e S&#225; (<xref ref-type="bibr" rid="B45">2018</xref>) erw&#228;hnt. Das Transferpotenzial des Konzepts auf den Fremdsprachenunterricht wird in neueren Studien bereits weiter bearbeitet (vgl. z.B. einzelne Beitr&#228;ge im Sammelband von <xref ref-type="bibr" rid="B36">Kirsch/Duarte 2020</xref>). Eine ausdr&#252;ckliche Schnittstelle zwischen DaZ und Fremdsprachenunterricht &#8211; da hier Studierende teilnehmen, die eine romanische Sprache als Lehramtsfach sowie gleichzeitig Module einer DaZ-Zusatzqualifikation belegen &#8211;, stellen das Lehrforschungsprojekt von Bogner/Gutjahr (<xref ref-type="bibr" rid="B7">2020</xref>) sowie die Promotionsstudie von Dumiak (<xref ref-type="bibr" rid="B20">im Druck</xref>) dar, die den Sprachgebrauch in Projektsituationen rekonstruieren.</p>
<p>Eine andere Ebene fachdidaktischer Forschung mit migrationssensibilisierendem Anspruch sind theoretisch-konzeptionelle Arbeiten im Kontext kritischer Fremdsprachendidaktik (z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B28">Gerlach 2020</xref>). In einem Band zu rassismuskritischen Ans&#228;tzen der Fachdidaktiken (<xref ref-type="bibr" rid="B22">Fereidooni/Simon 2021</xref>) finden sich gleich vier Beitr&#228;ge zum (fremd-)sprachlichen Lernen, deren Ziel die Sensibilisierung f&#252;r rassistische und linguizistische Inhalte der Sprachenf&#228;cher ist. Bei Vernal Schmidt (<xref ref-type="bibr" rid="B58">2021</xref>) soll eine Lehrwerkanalyse Lehrkr&#228;fte sensibilisieren und die &#252;berarbeiteten Materialien k&#246;nnen im Unterricht eingesetzt werden. Hinsichtlich der Frage, <italic>wie</italic> und in welcher Sprache &#252;ber kritische Gegenst&#228;nde im Fremdsprachenunterricht gesprochen wird und wie sie selbst sprachlich verhandelt werden k&#246;nnen, ohne auf der Ebene der sprachlichen Praxis gegebenenfalls selbst diskriminierend zu funktionieren, &#228;u&#223;ert sich einzig der Beitrag von Knappik/Ayten (<xref ref-type="bibr" rid="B37">2021</xref>). Sie rekurrieren explizit auf <italic>TL</italic>. Der Beitrag ist zwar im Deutschunterricht angesiedelt, erscheint jedoch in fremdsprachendidaktische Kontexte &#252;bertragbar.</p>
</sec>
<sec>
<title>4.3 TL als heuristisches Konzept zur Erforschung fremdsprachlichen Unterrichtsalltags: Wie sieht es aus, wenn Mehrsprachigkeit einbezogen, gef&#246;rdert und wertgesch&#228;tzt wird?</title>
<p>Der in Abschnitt 4.2 angedeutete Forschungs&#252;berblick sollte zweierlei verdeutlichen: Erstens, dass <italic>TL</italic> f&#252;r die Didaktiken der (vor allem) zweiten und dritten Schulfremdsprachen bislang kaum eine Rolle spielt, w&#228;hrend das Konzept in Kontexten von DaZ produktiv fruchtbar gemacht wird. Zweitens, dass Forderungen nach Einbeziehung, F&#246;rderung oder Wertsch&#228;tzung aller Anteile der sprachlichen Repertoires in den Fremdsprachendidaktiken zwar zunehmend ausbuchstabiert worden sind, im Bereich empirischer Forschung zum Unterrichtsalltag jedoch kaum zum Gegenstand gemacht werden und drittens in den wenigen F&#228;llen, wo dies der Fall ist, die begrifflichen Rahmungen zwischen <italic>TL</italic> und <italic>Codeswitching</italic> nur wenig trennscharf sind.</p>
    <p>Das Erkenntnisinteresse des fortlaufenden Projekts &#8222;Unterrichtssprache(n) &#8211; Sprache(n) im Unterricht&#8220; (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B52">Sch&#228;dlich 2021</xref>, <xref ref-type="bibr" rid="B53">2022</xref>, <xref ref-type="bibr" rid="B54">2023a</xref>, <xref ref-type="bibr" rid="B55">b</xref>) bezieht sich angesichts dieser Forschungsl&#252;cken auf die Frage, ob in den sozialen Praktiken allt&#228;glichen Franz&#246;sischunterrichts Anteile mehrsprachiger Aushandlungen, F&#246;rderungen und Wertsch&#228;tzungen zu entdecken w&#228;ren, die in explizierenden Forschungsmethodologien &#8211; z.B. wenn Lehrpersonen <italic>&#252;ber</italic> ihren Unterricht sprechen &#8211; unerw&#228;hnt bleiben oder anders gerahmt werden. Es wurde <italic>in situ</italic> das mehrsprachige Handeln im Unterricht beobachtet und als empirisch verankerte Theorie (im Sinne der Grounded Theory Methodologie) sozialer Praktiken abstrahierend beschrieben. Dabei lag das Interesse zu Projektbeginn prim&#228;r darin, den praktischen Umgang mit lebensweltlicher, migrationsbedingter Mehrsprachigkeit aus dem Unterrichtsalltag heraus in den Blick zu bekommen. Eine zentrale Beobachtung bestand darin, zu lebensweltlicher Mehrsprachigkeit nichts beobachten zu k&#246;nnen: Das Ph&#228;nomen der Unsichtbarkeit lebensweltlicher Mehrsprachigkeit wurde im Projektverlauf selbst zum Gegenstand methodologischer Reflexion (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B54">Sch&#228;dlich 2023a</xref>). Jenseits des zun&#228;chst erwarteten Vorkommens von Herkunftssprachen oder anderen lebensweltlich relevanten Sprachen als Anteil von <italic>TL</italic>-Phasen wurde im Projektverlauf mehr und mehr nach Antworten auf die Frage gesucht, &#8222;wie &#91;&#8230;&#93; u&#776;ber welche Sprachen, ihren Gebrauch und das Sprachenlernen selbst gesprochen &#91;wird&#93;?&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B53">Sch&#228;dlich 2022: 358</xref>). Die Analysen best&#228;tigen, dass der Franz&#246;sischunterricht doppelt monolingual ausgerichtet ist: Einsprachigkeit kann als Fluchtpunkt jedweder Interaktion ausgemacht werden, seltenst finden auf der metasprachlichen Ebene Sprachvergleiche statt, und noch seltener spielen dabei andere Sprachen als Deutsch &#8211; die (unterstellte) Mehrheitssprache &#8211; oder Englisch als vorgelernte Schulfremdsprache eine Rolle. Auf der Ebene des sprachlichen Handelns geht es oftmals um Hierarchisierungen von und Autorisierungen zu einem bestimmten Sprachgebrauch, die in der vorl&#228;ufigen Schl&#252;sselkategorie &#8222;Das Sprechen verhandeln&#8220; (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B54">Sch&#228;dlich 2023a</xref>) abstrahiert wurden.</p>
<p>Als heuristisches Sprungbrett und theoretische Sensibilisierung erm&#246;glicht <italic>TL</italic> im Projekt dar&#252;ber hinaus, neue Aspekte des Sprachengebrauchs und der Bedeutungsherstellung zu entdecken, die jenseits von Einzelsprachen liegen. Dies sind beispielsweise Beobachtungen dazu, dass der Klassenraumdiskurs durch spezifische Sprachmischungen bestimmt wird, die f&#252;r genau diese Situation typisch erscheinen und somit Interaktionsmuster darstellen, die von allen geteilt werden und bedeutungstragend bzw. -herstellend sind. In den bisherigen Publikationen zum Projekt wurde f&#252;r die Rekonstruktion der dazugeh&#246;rigen Ph&#228;nomene der Terminus des &#8222;klassenr&#228;umigen Franz&#246;sisch&#8220; verwendet und ausdifferenziert. Diese Variet&#228;t des Franz&#246;sischen ist bestimmt durch Entlehnungen aus dem Deutschen, aber auch durch vielf&#228;ltige andere zeichenhafte Ressourcen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B54">Sch&#228;dlich 2023a: 357&#8211;358</xref>).</p>
<p>Das Interesse fu&#776;r solcherlei plurale semiotische und ihren Beitrag zur Bedeutungsherstellung in der spezifischen Situation fremdsprachlichen Unterrichtens gelangt somit in den Mittelpunkt der Datenarbeit und greift gleichzeitig einen bislang eher vernachl&#228;ssigten Strang des <italic>TL</italic>-Diskurses auf, der allerdings paradoxerweise laut Auer dem <italic>Codeswitching</italic> und dessen Sprachen- bzw. Code-Verst&#228;ndnis eigen ist, n&#228;mlich der Verweis auf Zeichensysteme in einem umfassenderen Sinne: &#8222;My own definition of codeswitching as the &#8218;contiguous juxtaposition of semiotic systems&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Auer 2022: 130</xref>). In einer Rekonstruktion zu einer Posterpr&#228;sentation im Franz&#246;sischunterricht wurde beispielsweise gezeigt, wie &#252;ber verbalsprachliche Codes hinausgehende semiotische Ressourcen aufgerufen wurden, indem die Lernenden Entlehnungen von Auff&#252;hrungspraktiken (z.B. Verbeugen, Applaudieren) vornehmen, die in der Klassenraumsituation anders realisiert werden als au&#223;erhalb (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B55">Sch&#228;dlich 2023b</xref>), und mit diesen eigene Bedeutungen im Rahmen des klassenr&#228;umigen Franz&#246;sisch herstellen. Diese spezifischen Bedeutungen sind aber in der Sprache des Klassenzimmers keine Abweichungen, sondern werden als normal anerkannt und von allen verstanden.</p>
<p>Block (<xref ref-type="bibr" rid="B8">2014: 56</xref>) spricht in diesem Zusammenhang von der (seiner Ansicht nach notwendigen) &#220;berwindung des &#8222;lingual bias&#8220; der Mehrsprachigkeitsforschung, Pennycook (<xref ref-type="bibr" rid="B47">2017</xref>) interessiert sich f&#252;r <italic>assemblages</italic>, in denen Sprachen durch r&#228;umlich-dingliches Zusammenwirken hervorgebracht werden, und &#228;hnlich sieht Canagarajah (<xref ref-type="bibr" rid="B9">2018</xref>) Sprachkompetenz als materialisierte Kompetenz. Im Projekt &#8222;Unterrichtssprache(n)&#8220; hat sich in diesem Sinne die Materialit&#228;t des Lernens &#8211; sichtbar als Interagieren mit Dingen &#8211; als zentraler Analysegegenstand herauskristallisiert. Beispielhaft f&#252;r solche Elemente der Bedeutungsherstellung k&#246;nnen Dinge wie die Tafel (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B52">Sch&#228;dlich 2021: 194&#8211;195</xref>) gelten, oder auch die Praktik des Umhergehens (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B53">Sch&#228;dlich 2022</xref>), die an musterhaft beschreibbare Sprachwahlentscheidungen gebunden zu sein scheint und somit als <italic>assemblage</italic> im Sinne Pennycooks (<xref ref-type="bibr" rid="B47">2017</xref>) zug&#228;nglich gemacht werden kann. Hier entstehen mehrsprachige R&#228;ume, in denen R&#252;ckgriffe auf plurale Ressourcen beobachtet werden k&#246;nnen, die als translinguale Praktiken &#252;ber das Sprachenpaar Deutsch/Franz&#246;sisch und seine Grenzen hindurch- und hinausgehen.</p>
<p>Nun stellt sich die Frage, ob und inwiefern genau es sich bei den beobachteten Praktiken der Bedeutungsaushandlung um <italic>TL</italic> handelt oder ob die beobachteten Praktiken &#8211; gerade mit ihrem Bezug zu nicht-verbalsprachlichen semiotischen Ressourcen &#8211; sich nicht genauso gut unter dem Konzept des <italic>Codeswitching</italic> beschreiben lie&#223;en. Die radikale Ausweitung des Sprach- und Zeichenverst&#228;ndnisses auf sprachunabh&#228;ngige Ressourcen der Bedeutungsherstellung verweist dabei einerseits auf neuere Arbeiten im Kontext von <italic>TL</italic>, andererseits zur&#252;ck auf Beobachtungen, die im Kontext von <italic>Codeswitching</italic> bereits konzipiert wurden. Eine solche Ausweitung des Sprachbegriffs ber&#252;hrt auch erneut die Frage nach der Benennbarkeit und (politischen) Abgrenzbarkeit von Sprachen (s. Abschnitt 3.1) und den mit dieser verbundenen emanzipatorischen Anspruch von <italic>TL</italic>: Die Ausweitung stellt einerseits eine konsequente Fortf&#252;hrung der Grundidee von <italic>TL</italic> als jedweder Grenzverwischung dar, l&#246;st in diesem Moment jedoch die andere Grundidee, (benennbare) Minorit&#228;tensprachen zu f&#246;rdern, auf. Dieses Dilemma von <italic>TL</italic> hat sich im hier umrissenen Projekt in aller Deutlichkeit manifestiert und bleibt als Reflexionsmoment Gegenstand der weiteren Projektarbeit.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>5 Zusammenfassung und Ausblick</title>
<p>Ausgehend von dem Dilemma, dass die Gymnasialit&#228;t zweiter und dritter Fremdsprachen selbst Teil des Problems ist, zu dem migrationssensibler Unterricht einen Beitrag verspricht (Abschnitt 1), wurde zun&#228;chst das Potenzial von <italic>TL</italic> bekr&#228;ftigt. <italic>TL</italic> wurde weiterhin als Sprachtheorie und p&#228;dagogischer Ansatz vorgestellt (Abschnitt 2) und hinsichtlich seiner &#220;bertragbarkeit auf den Unterricht zweiter und dritter Fremdsprachen wurden auch strittige Elemente (Abschnitt 3) erarbeitet und f&#252;r einen Transfer in den Kontext Fremdsprachenunterricht und Fremdsprachenforschung in Deutschland diskutiert (Abschnitt 4).</p>
<p><italic>TL</italic> ist ein global rezipiertes Konzept, das sich durch seine sprachliche Verfasstheit auf Englisch leichter verbreitet als es vielleicht affinen Ans&#228;tzen, die gerade wegen ihrer anderssprachlichen Verfasstheit nicht das globale Interesse evozieren, im internationalen Forschungsdiskurs gelingen mag. <italic>TL</italic> muss als globales Konzept immer lokalisiert werden, um nicht selbst problematische Dichotomisierungen zu produzieren, wie z.B. die in Abschnitt 4 diskutierte zum &#8222;european plurilingualism&#8220;. Damit ist ein Ausbuchstabieren der Grundannahmen, methodisch-didaktischen Verfahren und empirischen Ausrichtungen von <italic>TL</italic> an den empirisch vorfindbaren Realit&#228;ten der Unterrichtssituationen entlang gemeint, f&#252;r die das Konzept fruchtbar gemacht werden soll. Dass dies kein einfacher &#220;bertrag ist, sondern einen komplexen Rekonstruktionsversuch darstellt, wurde mit der Darstellung des Projekts &#8222;Unterrichtssprache(n) &#8211; Sprache(n) im Unterricht&#8220; nachgezeichnet.</p>
<p>Die im vorliegenden Text skizzierten Dilemmata und Kritiklinien sollen nicht als Pl&#228;doyer gegen <italic>TL</italic> gelesen werden, ganz im Gegenteil. Sie zielen auf eine Sensibilisierung daf&#252;r, dass schulischer Fremdsprachenunterricht auf der Mikroebene des Unterrichtsdiskurses genauso wie auf der strukturellen Makroebene des F&#228;cherangebots weit davon entfernt ist, migrationssensibel, inklusiv und bildungsgerecht zu sein, und dass <italic>TL</italic> eine theoretische Perspektive zur Erforschung dieser Realit&#228;t darstellen kann. Das Konzept erlaubt, unterrichtliche Mikroebene und bildungssystemische Makroebene in Interdependenz zu betrachten: Wenn f&#252;r den Fremdsprachenunterricht von Einbeziehen und Nutzen aller Sprachen die Rede ist (s. Abschnitt 4.2), so bezieht sich diese Forderung tats&#228;chlich meist auf eine didaktische Engf&#252;hrung im Sinne von Transferstrategien (&#8222;weak translanguaging&#8220;) (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B33">Heltai 2021</xref> und Fu&#223;note 3). Da ein &#252;ber Englisch hinausgehendes Sprachenangebot aber an sich bereits Teil exkludierender Gymnasialit&#228;t ist, w&#228;re das Sprachangebot zweiter und dritter Fremdsprachen selbst so zu erg&#228;nzen, dass auch hier weitere Sprachen einbezogen werden, die das Sprachenangebot &#252;ber die traditionellen zweiten und dritten Fremdsprachen hinaus ausweiten. Wie oben mit K&#252;ppers (<xref ref-type="bibr" rid="B42">2022</xref>) angedeutet, w&#252;rde sich die Anerkennung von Mehrsprachigkeit als postmigrantische Normalit&#228;t auch im ausgeweiteten Angebot zweiter und dritter Fremdsprachen zeigen, die Formate wie Herkunftssprachenunterricht oder Sprachlern- und &#8218;Willkommens&#8216;-Klassen mindestens erg&#228;nzen. Letztere tragen &#8211; trotz ihres F&#246;rderanspruchs &#8211; ebenfalls nachhaltig zur Betonung der Nicht-Normalit&#228;t von Mehrsprachigkeit bei (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B42">K&#252;ppers 2022: 120</xref>).</p>
<p><italic>TL</italic> kann die monolinguale Orientierung des Fremdsprachenunterrichts &#252;berwinden helfen. Mediatorische Praktiken (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B51">Sch&#228;dlich 2020b</xref>) erscheinen gerade f&#252;r die zweiten und dritten Fremdsprachen als Chance, Vielperspektivit&#228;t herzustellen und dadurch den nach wie vor stark formorientierten Unterricht inhaltsorientierter zu gestalten. Fremdsprachenunterricht als dritter Ort verweist vor diesem Anliegen auch auf die Frage seiner Gegenst&#228;nde: Migrationssensibilit&#228;t entsteht nicht nur aus der Behandlung kritischer Themen, sondern vor allem an der Stelle im Unterrichtsdiskurs, wo ein Nachdenken &#252;ber Sprachverbote und -bewertungen Raum erh&#228;lt, bei gleichzeitiger Ermutigung, in einer f&#252;r alle neuen Sprache zu experimentieren und dadurch die Schnittmengen zwischen den Repertoires der Lernenden zu vergr&#246;&#223;ern und dadurch ihren sprachlichen Handlungsspielraum zu erweitern. Lehrpersonen kommt dabei die Aufgabe zu, Sprache als Gegenstand und Medium des Unterrichts so ins Verh&#228;ltnis zu setzen, das allen Beteiligten Teilhabe erm&#246;glicht wird, und dabei zu reflektieren, welche Ein- und Ausschl&#252;sse auch die eigenen mehrsprachigen Praktiken produzieren (k&#246;nnen). Die Schulfremdsprachen jenseits von Englisch sind geeignet, derartige mehrsprachige R&#228;ume zu er&#246;ffnen &#8211; im F&#228;cherkanon und f&#252;r die Forschung zu mehrsprachiger Bildung sind sie unverzichtbar.</p>
</sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Es ist jedoch gerade in den letzten Jahren eine Verbesserung der Zahlen beobachtbar. Darauf verweist der Bericht des Sachverst&#228;ndigenrats f&#252;r Integration und Migration (<xref ref-type="bibr" rid="B48">2024</xref>). Gleichwohl gilt diese offenbar vor allem f&#252;r Sch&#252;ler:innen der zweiten oder dritten Einwanderergeneration. Der Bildungsbericht stellt &#228;hnlich die steigende Relevanz des Bildungsstandes nach Zuzugsalter fest (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Autor:innengruppe 2022: 6</xref>) und differenziert im neuesten Bericht zwischen Migrationshintergrund und Einwanderungsgeschichte (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Autor:innengruppe 2024, VIII</xref>), deren Zusammenhang zum Bildungsstand auch mit dem sozio&#172;&#246;konomischen Status der Familie erhoben wird (2024: 82). Der Bildungsbericht best&#228;tigt jedoch weiterhin, dass Kinder &#8222;aus Familien mit Migrationshintergrund [&#8230;] &#252;berproportional h&#228;ufig von Risikolagen betroffen&#8220; sind (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Autor:innengruppe 2022: 6</xref>), fluchtbedingt zugewanderte Jugendliche besuchen seltener das Gymnasium als andere Schulformen (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Autor:innengruppe 2024: 343</xref>).</p></fn>
<fn id="n2"><p>Der urspr&#252;nglich deskriptive Anspruch und wie das Konzept in der Folge in didaktischen Kontexten eine normative Wendung erf&#228;hrt, &#228;hnelt stark dem &#8218;fachdidaktischen Schicksal&#8216; des Konzepts &#8218;Transkulturalit&#228;t&#8216;, das (zumindest in der Theoretisierung bei Welsch) auch eine prim&#228;r deskriptive Funktion hatte und im fremdsprachendidaktischen Diskurs zunehmend und in problematischer Art und Weise normativ gewendet wurde (vgl. genauer <xref ref-type="bibr" rid="B38">K&#246;nig/Sch&#228;dlich/Surkamp 2022: 9&#8211;11</xref>).</p></fn>
<fn id="n3"><p>In einem Projekt der Qualit&#228;tsoffensive Lehrerbildung des Bundes wurde dies als ein zentrales Ergebnis festgehalten: Bei einer Portfolioanalyse im Kontext eines Projekts mit Willkommensklassen kommen Dumiak/H&#252;lsmann/Laubner (<xref ref-type="bibr" rid="B19">2023: 15</xref>) zu dem Schluss, dass &#8222;das Translanguaging [&#8230;] im Sinne einer Steigerung und Optimierung schulischer Leistung funktionalisiert zu werden [scheint]&#8220;.</p></fn>
<fn id="n4"><p>Dass der Fremdsprachenunterricht dabei ganz eigene Umwertungen vornimmt, kann hier nicht n&#228;her ausgef&#252;hrt werden; es sei aber zumindest erw&#228;hnt: Auch herkunftssprachliche Sch&#252;ler:innen prestigereicher Sprachen werden im Fremdsprachenunterricht bisweilen als &#8218;St&#246;rfaktoren&#8216; wahrgenommen; nicht jedes erstsprachliche K&#246;nnen wird in allen Situationen als gleicherma&#223;en legitim anerkannt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B40">Kramsch 2012: 110&#8211;114</xref>).</p></fn>
</fn-group>
<ref-list>
<title>Literatur</title>
<ref id="B1"><mixed-citation publication-type="webpage"><string-name><surname>Abendroth-Timmer</surname>, <given-names>Dagmar</given-names></string-name> &amp; <string-name><surname>Schneider</surname>, <given-names>Ramona</given-names></string-name> (<year>2021</year>): <article-title>Virtuelle Projekte in der Fremdsprachenlehrer*innenbildung: Empirische Analysen zu Translanguaging-Prozessen</article-title>. <source>Language Education and Multilingualism &#8211; The Langscape Journal</source> <volume>4</volume>, <fpage>15</fpage>&#8211;<lpage>34</lpage>. <uri>https://edoc.hu-berlin.de/handle/18452/24156</uri> (11.10.2023).</mixed-citation></ref>
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<ref id="B60"><mixed-citation publication-type="journal"><string-name><surname>Wieland</surname>, <given-names>Katharina</given-names></string-name> (<year>2022</year>): <article-title>Lateinamerikanische Standardvariet&#228;ten in der Lehrersprache?</article-title> <source>Hispanorama</source> <volume>178</volume>, <fpage>18</fpage>&#8211;<lpage>23</lpage>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B61"><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Wieland</surname>, <given-names>Katharina</given-names></string-name> (im Druck): <chapter-title>Translanguaging und Sprachmittlung &#8211; Eine empirische Untersuchung zur Nutzung des lernerseits verfu&#776;gbaren Repertoires in deutsch-franzo&#776;sischen Sprachmittlungsaufgaben</chapter-title>. In: <string-name><surname>Dietrich-Grappin</surname>, <given-names>Sarah</given-names></string-name> et al. (Hrsg.): <source>Mehrsprachigkeitskompetenz durch Translanguaging im schulischen Tertia&#776;rsprachenunterricht</source>, <publisher-loc>Berlin</publisher-loc>: <publisher-name>Peter Lang</publisher-name>.</mixed-citation></ref>
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<title>Kurzbio</title>
<p><bold>Birgit Sch&#228;dlich</bold> ist Professorin f&#252;r die Didaktik der romanischen Sprachen und Literaturen (Schwerpunkt Franz&#246;sisch) an der Georg-August-Universit&#228;t G&#246;ttingen. Ihre Arbeitsinteressen sind Mehrsprachigkeit, (inter-)kulturelles Lernen, handlungsorientierte Ans&#228;tze f&#252;r den Fremdsprachenunterricht sowie Forschung zur Professionalisierung von Fremdsprachenlehrpersonen. Empirisch arbeitet sie qualitativ-rekonstruktiv.</p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2"><bold>Anschrift:</bold></styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Prof. Dr. Birgit Sch&#228;dlich</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Georg-August-Universit&#228;t G&#246;ttingen</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Seminar f&#252;r Romanische Philologie</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Arbeitsbereich Didaktik der romanischen Sprachen</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Humboldtallee 19</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">37083 G&#246;ttingen</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Deutschland</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2"><ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="mailto:birgit.schaedlich@phil.uni-goettingen.de">birgit.schaedlich@phil.uni-goettingen.de</ext-link></styled-content></p>
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