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<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Interkulturellen Fremdsprachenunterricht</journal-title>
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<publisher-name>Universit&#228;ts- und Landesbibliothek Darmstadt</publisher-name>
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<subject>Aufsatz zum themenschwerpunkt</subject>
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<article-title>(Meta-)Narrationen &#8211; Beschreibend-reflexive Zug&#228;nge zu lebensweltlicher Mehrsprachigkeit in der Lehramtsausbildung</article-title>
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<contrib-id contrib-id-type="orcid">https://orcid.org/0000-0002-3836-880X</contrib-id>
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<surname>Mathier</surname>
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<surname>Ganguillet</surname>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Soziolinguistik/Diskursanalyse, P&#228;dagogische Hochschule Bern</aff>
<aff id="aff-2"><label>2</label>PHBern</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2024-08-21">
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<abstract>
<p>Obwohl sprachliche Vielfalt in der Schweiz gesetzlich geregelt ist und gef&#246;rdert wird, funktioniert ein Grossteil der Kantone einsprachig. Auch im schulischen Kontext dominieren nach wie vor monolingual gepr&#228;gte Normvorstellungen. In diesem Zusammenhang interessiert uns, wie Menschen mit anderen Erstsprachen als Deutsch in biografisch-narrativen Interviews mit Lehramtsstudierenden &#252;ber mehrsprachiges Aufwachsen in der Deutschschweiz berichten, und wie dieses ko-konstruierte Wissen von den Studierenden in Metatexten reflektiert wird. Mit Bezug auf narrativ-biographische Zug&#228;nge, die wir in der soziolinguistischen und diskursorientierten Erz&#228;hlforschung verorten, ergr&#252;nden wir zudem, inwiefern narrativ-sprachbiographische Zug&#228;nge in der Hochschullehre helfen, monolingual gepr&#228;gte Normvorstellungen zu hinterfragen und Mehrsprachenkompetenz zu normalisieren.</p>
</abstract>
<trans-abstract xml:lang="en">
<p><bold>(Meta) Narratives &#8211; Descriptive-reflective approaches to multilingualism in teacher training</bold>: Even though Switzerland&#8217;s national language policies promote linguistic diversity, most of the country&#8217;s cantons function as monolingual entities. This is also evident in educational contexts, where monolingual norms dominate teaching and learning practices. Against this background, we inquire how people with other first languages than German discursively construct their experiences about growing up as multilinguals in biographical-narrative interviews, and how student teachers reflect on this co-constructed knowledge in meta-narratives. Based on sociolinguistic and discourse-oriented language-biographical studies, this work discusses the potential benefits of using narrative, language-biographical approaches with student teachers to question monolingual ideologies and normalize multilingualism.</p>
</trans-abstract>
<kwd-group>
<kwd>lebensweltliche Mehrsprachigkeit</kwd>
<kwd>Lehrpersonenausbildung</kwd>
<kwd>monolinguale Normvorstellungen</kwd>
<kwd>narrativ-sprachbiografische Erz&#228;hlforschung</kwd>
</kwd-group>
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<kwd>multilingualism</kwd>
<kwd>teacher training</kwd>
<kwd>monolingual ideologies</kwd>
<kwd>narrative language-biographical approach</kwd>
</kwd-group>
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<sec>
<title>1 Einleitung</title>
<p>Obwohl verschiedene Diskurse in der Schweiz der Mehrsprachigkeit demokratiebildende und identit&#228;tsstiftende Bedeutung zuschreiben, ist dieses Konstrukt der mehrsprachigen B&#252;rger*innen &#171;ein Mythos&#187; (<xref ref-type="bibr" rid="B23">Manno 2011: 126</xref>). Manno (<xref ref-type="bibr" rid="B23">2011</xref>) betont: &#171;On perd de vue qu&#8217;il existe &#224; l&#8217;int&#233;rieur de ce pays institutionnellement plurilingue quatre r&#233;gions unilingues relativement homog&#232;nes s&#233;par&#233;es par des fronti&#232;res nettes&#187; (126). Dies widerspiegeln auch die soziodemographischen Angaben der Lehramtsstudierenden unserer Hochschule in einem zweisprachigen Kanton. Im Jahre 2021 wurden 125 Studierende des Instituts Primarstufe zu ihrem soziodemographischen Hintergrund befragt. Dabei gaben 77.6 % der befragten Studierenden an, sich im Alltag lediglich einer Hauptsprache (Deutsch) zu bedienen, 20 % benutzen zwei und 2.4 % drei Hauptsprachen (<xref ref-type="bibr" rid="B18">Institut f&#252;r Forschung und Evaluation 2021</xref>). Das heisst, dass die Mehrheit der Studierenden unserer Hochschule im Studiengang Primarstufe h&#246;chstwahrscheinlich aus einer einsprachigen, relativ homogenen Region stammt und sich die lebensweltliche Mehrsprachigkeit dieser zuk&#252;nftigen Primarlehrpersonen in einem Einwanderungsland wie der Schweiz stark von jener ihrer zuk&#252;nftigen Lernenden unterscheidet.</p>
<p>Dies sind aber auch jene Lehrpersonen, die gem&#228;ss der Didaktik der Mehrsprachigkeit Franz&#246;sisch und Englisch unterrichten, verschiedene Erst- und Migrationssprachen in den Unterricht mit einbeziehen und sprachsensiblen Unterricht gestalten sollen. In einer generalistisch angelegten Ausbildung ist dies ein ziemlich anspruchsvolles Curriculum. Vor diesem Hintergrund interessiert uns, inwiefern sprachbiografisch-narrative Zug&#228;nge in der Lehrpersonenausbildung einen &#8216;dritten Ort&#8217; bilden, um die Sicht auf Mehrsprachigkeit zu erweitern und Studierende besser auf die mehrsprachige Realit&#228;t im Klassenzimmer vorzubereiten.</p>
<p>In diesem Beitrag<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref> diskutieren wir einen hochschuldidaktischen Versuch, in dem Studierende des Studiengangs Primarstufe im Rahmen des Moduls &#8216;Mehrsprachigkeit&#8217; die Rolle der Forschenden &#252;bernahmen. In Interviews befragten die Studierenden Personen mit anderen Erstsprachen als Deutsch zu ihrem mehrsprachigen Aufwachsen in der Deutschschweiz und im Anschluss wurden die Schilderungen transkribiert, diskutiert und eingeordnet. Das Datenmaterial, das wir diskursanalytisch untersuchen, besteht aus den von den Studierenden erstellten Interview-Transkripten und dazu entstandenen Metatexten. Folgende Forschungsfragen leiten unser Vorhaben:</p>
<list list-type="bullet">
<list-item><p>Welches Wissen wird in biografisch-narrativen Interviews &#252;ber lebensweltliche Mehrsprachigkeit in der Deutschschweiz von Studierenden und mehrsprachigen Sprecher*innen generiert?</p></list-item>
<list-item><p>Wie positionieren sich Erwachsene in Selbstausk&#252;nften als mehrsprachige Sprecher*innen im schulischen und ausserschulischen Raum?</p></list-item>
<list-item><p>Inwiefern (re)produzieren Studierende unserer Hochschule in ihren Metatexten &#252;ber das Spracherleben der interviewten Personen sprachbezogene Normvorstellungen?</p></list-item>
</list>
<p>Bevor wir n&#228;her auf den Forschungskontext, die Methoden, Analyse und Ergebnisse unseres hochschuldidaktischen Versuchs eingehen, rahmen wir den Beitrag mit einem Exkurs in die Schweizer Sprachen- und Bildungslandschaft und diskurstheoretischen Grundlagen.</p>
</sec>
<sec>
<title>2 Die &#8216;fremden&#8217; Landesprachen und die &#8216;mehrsprachige&#8217; Schule in der Schweiz</title>
<p>Wie in der Einleitung anget&#246;nt, besteht eine Diskrepanz zwischen der offiziell viersprachigen Schweiz und den Sprachpraktiken der B&#252;rger*innen. In der Schweizerischen Bundesverfassung wird festgehalten, dass Rechtsgleichheit zwischen den drei Amtssprachen Deutsch, Franz&#246;sisch und Italienisch herrscht, wobei im Verkehr mit Personen r&#228;toromanischer Sprache auch die vierte Landessprache, das R&#228;toromanische, zur Amtssprache wird<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref>. In der Sprachenverordnung des Bundes werden nicht nur die F&#246;rderung der Landesprachen und die Verst&#228;ndigung zwischen den verschiedenen Sprachregionen geregelt, sondern auch die Mehrsprachigkeit auf institutioneller Ebene<xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref>. Festgeschrieben ist auch, dass Personen mit anderen Erstsprachen als der schweizerischen Landessprachen F&#246;rderung in ihrer jeweiligen Erstsprache erhalten<xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref>. Diese Gesetzesgrundlagen erwecken den Anschein, dass Mehrsprachigkeit in der Schweiz auf einem stabilen Fundament steht. Allerdings funktioniert aufgrund des geltenden Territorialit&#228;tsprinzips die Mehrheit der 26 Kantone einsprachig (z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B11">Coray 2017</xref>).</p>
<p>Alle Deutschschweizer Kantone verfolgen das im Lehrplan 21 festgeschriebene Ziel des Aufbaus der funktionalen Mehrsprachigkeit (<xref ref-type="bibr" rid="B12">D-EDK 2016</xref>). Diese Sicht auf Mehrsprachigkeit basiert jedoch auf einer &#171;monolingual theoretical infrastructure&#187; (<xref ref-type="bibr" rid="B22">L&#252;di/Py 2009: 155</xref>), in der Mehrsprachenkompetenz additiv gedacht und nicht als lebensweltliche Realit&#228;t eines Grossteils der Bev&#246;lkerung gesehen wird. Zudem wird im Deutschschweizer Lehrplan 21 Franz&#246;sisch &#8211; eine Landessprache &#8211; als Fremdsprache konstruiert. Obwohl es im sprachendidaktischen Diskurs &#252;blich ist, von Fremdsprachen zu sprechen, hinterfragen wir, inwiefern dieses Label hilfreich ist, um im schweizerischen Kontext migrationssensible Sprachenkonzepte zu schaffen. Dabei stellen wir nicht das Erlernen einer zweiten Landessprache in Frage, sondern die Art und Weise, wie Sprachen im Lehrplandiskurs beschrieben werden. Wenn schon die Landessprache Franz&#246;sisch, die identit&#228;tsstiftende Bedeutung haben soll, als fremd konstruiert wird, bezweifeln wir, dass die diskursiv konstituierten Rahmenbedingungen im Lehrplan Raum schaffen f&#252;r diversit&#228;ts-/migrationssensible Zug&#228;nge zu Sprachen. Die Schweiz z&#228;hlt mittlerweile 9 Millionen Einwohner*innen, wovon gut 39 % der Personen ab 15 Jahren einen Migrationshintergrund aufweisen (<xref ref-type="bibr" rid="B6">BFS 2022</xref>). Sch&#228;tzungsweise sind &#171;mehr als 3 Millionen Personen aller Altersklassen&#187; (<xref ref-type="bibr" rid="B6">BFS 2022: 7</xref>) der st&#228;ndigen Wohnbev&#246;lkerung Personen mit Migrationshintergrund. Demnach ist die Schweiz, wie andere L&#228;nder Europas, gepr&#228;gt von Migrationsbewegungen.</p>
<p>Diese gesellschaftlichen Ver&#228;nderungen bedeuten f&#252;r den Kontext Schule, dass in einer inklusiven Sprachbildung additive und instrumentelle Sichtweisen auf Sprachen sowie nationalstaatlich gef&#228;rbte Auffassungen von Sprache und Identit&#228;t &#252;berwunden werden m&#252;ssen (z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B15">Erling/Moore 2021</xref>). Es reicht nicht aus, die funktionale Mehrsprachigkeit in der Schule oder andere Erstsprachen als die Landessprachen in Kursen f&#252;r heimatliche Sprache und Kultur zu f&#246;rdern. Bevor wir erl&#228;utern, wie wir solche Fragen in der Hochschullehre mit Lehramtsstudierenden aufgreifen, pr&#228;sentieren wir unseren theoretischen Rahmen.</p>
</sec>
<sec>
<title>3 Diskurs, Macht, Subjekt und Spracherleben</title>
<p>Diesem Beitrag liegt ein Diskursverst&#228;ndnis zugrunde, das Sprache und Gesellschaft als dialektisch begreift (z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B36">Wodak 2020a</xref>). In einem dialektischen Diskursverst&#228;ndnis wird angenommen, dass Diskurse auf Macht, Wissens- und Sozialstrukturen wirken, aber auch, dass diese Strukturen immer in Verbindung zu &#252;bergeordneten Diskursformationen stehen. In Bezug auf Foucaults Machtbegriff betont J&#228;ger (<xref ref-type="bibr" rid="B19">2008</xref>), dass Diskurse immer auch &#171;institutionalisiert sind, also gewissen &#8211; ver&#228;nderbaren &#8211; Regeln unterliegen&#187; (378) und somit &#171;Machtwirkung&#187; (ebd.) besitzen. In diesem Verst&#228;ndnis von Diskurs und Macht ist Macht nichts Statisches (<xref ref-type="bibr" rid="B16">Foucault 2020</xref>). Machtverh&#228;ltnisse bestimmen mit, was in einem gewissen institutionellen und gesellschaftlichen Kontext sagbar/nicht sagbar ist. Innerhalb solcher Machtverh&#228;ltnisse spielen auch Subjektpositionen eine wichtige Rolle. Wenn von einem Bildungsbegriff ausgegangen wird, der &#171;bestimmte Subjekte &#8216;bildet&#8217;&#187; (<xref ref-type="bibr" rid="B35">Springsits 2016: 247</xref>), werden Subjektpositionen &#171;mehr oder weniger (Handlungs-)Macht&#187; (ebd.: 248) angeboten. Das heisst beispielsweise, dass in einem einsprachig gepr&#228;gten Schulsystem einsprachigen und mehrsprachigen Sch&#252;ler*innen potenziell verschiedene Subjektpositionen mit mehr oder weniger Handlungsmacht zugesprochen werden. Diese Zuschreibungen h&#228;ngen zudem von der Wertigkeit der jeweiligen Sprachen ab. In unserem Kontext ist das Beherrschen des Standarddeutschen f&#252;r den Schulerfolg zentral.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund f&#252;hren wir das Konzept des Spracherlebens (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Busch 2013</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B8">2017</xref>) ein. Busch (<xref ref-type="bibr" rid="B9">2019</xref>) erl&#228;utert, dass das Spracherleben &#171;aus soziolinguistischer Warte eine Verbindung zwischen diesen zwei Blickrichtungen her[stellt] &#8211; von den Diskursen auf das Subjekt und vom Subjekt auf die Diskurse&#187; (128). Subjekte sind allerdings nicht von Vornherein determiniert, sondern h&#228;ngen vom Kontext der Subjektivierung ab &#8211; es muss demnach ergr&#252;ndet werden, &#171;wie die Machtverh&#228;ltnisse in den jeweiligen Subjektivierungsprozessen beschaffen sind, welche Freiheitsgrade des Handelns bestehen&#187; (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Bosan&#269;i&#263; 2019: 46</xref>). In Bezug auf Subjektwerdung und Sprache werden Kinder beispielsweise relativ unbewusst in das System Sprache eingef&#252;hrt &#8211; und die Regeln der Sprache werden nicht nur verinnerlicht, sondern entfalten auch immer eine gewisse &#171;Wirkmacht&#187; (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B20">Keller/ Bosan&#269;i&#263; 2017: 39</xref>). Sprachliche Regeln geben demnach Interaktionen nicht nur Struktur, sondern wirken auch immer strukturierend (<xref ref-type="bibr" rid="B9">Busch 2019</xref>).</p>
<p>Nun muss gefragt werden, was geschieht, wenn diese verinnerlichten sprachlichen Normen irritiert werden. Busch (<xref ref-type="bibr" rid="B9">2019</xref>) bezeichnet Normen als</p>
<disp-quote>
<p>Bezugspunkt, sowohl wenn es um deren &#8216;freiwillige&#8217; Ein&#252;bung, Best&#228;tigung und Aneignung geht, als auch wenn es um eine Irritation aufgrund von etwas geht, das als Normversto&#223; oder als eine von au&#223;en herangetragene &#8216;neue&#8217; Norm erfahren wird. (128)</p>
</disp-quote>
<p>In Diskursen &#252;ber Sprache(n) und Sprachgebrauch wird demnach nicht nur Wissen &#252;ber Sprache generiert und durch sprachliche Normen strukturiert, sondern auch Wissen &#252;ber Sprecher*innen (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Bjega&#269; 2020</xref>). Das heisst, Sprecher*innen werden an normativen Vorstellungen ausgerichtet (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B4">Bosan&#269;i&#263; 2019</xref>) &#8211; Subjekte werden positioniert.</p>
</sec>
<sec>
<title>4 Berichte &#252;ber mehrsprachiges Aufwachsen in der Deutschschweiz</title>
<p>Ausgehend von der bildungspolitischen Perspektive, Differenzordnungen &#171;als gesellschaftliche Konstruktionen zu begreifen und M&#246;glichkeiten eines zuschreibungsreflexiven Umgangs mit diesen Konstruktionen anzubieten&#187; (<xref ref-type="bibr" rid="B13">Dirim/Mecheril 2018: 19</xref>), sollten die Studierenden Personen interviewen, die in der deutschsprachigen Schweiz mehrsprachig aufwuchsen. Dabei interessiert uns, welches Wissen &#252;ber lebensweltliche Mehrsprachigkeit in der Schweiz im Interviewsetting generiert wird, wie Subjekte positioniert werden und inwiefern die Studierenden in der Auseinandersetzung mit den Interview-Transkripten sprachliche Normvorstellungen hinterfragen. Im vorliegenden Beitrag betrachten wir demzufolge nicht nur die von den Studierenden und deren Interviewpartner*innen generierten Texte, sondern auch die im Anschluss erfolgte Auseinandersetzung. So besteht der zu analysierende Datensatz aus Erz&#228;hlungen und Meta-Erz&#228;hlungen.</p>
<sec>
<title>4.1 Forschungskontext und Studiendesign</title>
<p>Die P&#228;dagogische Hochschule, an welcher der hochschuldidaktische Versuch durchgef&#252;hrt wurde, befindet sich in einem zweisprachigen Kanton (Deutsch und Franz&#246;sisch). Wie eingangs dargestellt wurde, stammt die Mehrheit der Studierenden aus dem deutschsprachigen Kantonsteil und nur eine Minderheit hat einen mehrsprachigen Hintergrund. Im Studienplan 13 der P&#228;dagogischen Hochschule Bern wird festgehalten, dass die Studierenden verpflichtend die Vorlesung &#8216;Mehrsprachigkeit&#8217; besuchen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B26">P&#228;dagogische Hochschule Bern 2015</xref>). Im Rahmen dieses Moduls setzen sich die Studierenden vertiefter mit Mehrsprachenlernen und Mehrsprachigkeit auseinander. Denn aus der Professionsentwicklung ist bekannt, dass Einstellungen und &#220;berzeugungen von Lehrpersonen wesentlich dazu beitragen, wie Mehrsprachigkeit im Klassenzimmer bewertet und integriert wird (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B14">Duarte/G&#252;nther-van der Meij 2022</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B29">Putjata/Brizi&#263;/Goltsev/Olfert 2022</xref>). Deshalb richten wir den Fokus nicht ausschliesslich auf die Sprachbiographien unserer Studierenden, sondern auch auf das Spracherleben von mehrsprachigen Personen mit Migrationshintergrund in der Deutschschweiz.</p>
<p>Um die oben skizzierten Subjektivierungsprozesse im Kontext des lebensweltlichen Mehrsprachenerwerbs, aber auch ko-konstruiertes Wissen &#252;ber Sprachen und deren Sprecher*innen zu untersuchen, beziehen wir uns auf methodische Konzepte, die in der soziolinguistischen Erz&#228;hlforschung und der diskursorientierten Biografieforschung verortet sind. Hier beziehen wir uns einerseits auf das &#171;narrative knowledging&#187; (<xref ref-type="bibr" rid="B1">Barkhuizen 2016: 66</xref>), um die ko-konstruierte Wissensgenerierung im Interviewkontext zu untersuchen. Andererseits nutzen wir Selbstausk&#252;nfte in biografisch-narrativen Interviews in Anlehnung an die diskursorientierte Biografieforschung (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B3">Bjega&#269; 2020</xref>), um Subjektpositionen zu analysieren und den Fokus auf das Spracherleben zu lenken. Vor diesem Hintergrund beauftragten wir die 250 Studierenden des Moduls &#8216;Mehrsprachigkeit&#8217;, ein biografisch-narratives Interview mit einer Person mit Migrationshintergrund aus ihrem Umfeld zu f&#252;hren. Von 250 eingereichten Arbeiten entsprachen &#252;ber 100 Interview-Transkripte und Auswertungen unseren Vorgaben. Ausgew&#228;hlt wurden schliesslich biografisch-narrative Interviews mit Personen, die mehrsprachig aufgewachsen sind und ihre gesamte Schulzeit (oder den gr&#246;ssten Teil davon) in der Deutschschweiz absolvierten. Grundlage dieses Beitrags bildet nun ein kleines Korpus mit 14 Interviewtranskriptionen und entsprechend 14 Meta-Erz&#228;hlungen von unseren Studierenden.</p>
</sec>
<sec>
<title>4.2 Interviewleitfaden und Transkription</title>
<p>Die Studierenden entwickelten selbst&#228;ndig einen Interviewleitfaden, um die Gespr&#228;chspartner*innen zum Sprachenlernen und Gebrauch verschiedener Sprachen, zu Sprache und Identit&#228;t sowie Spracheinstellungen zu befragen. Wir gaben lediglich diese drei Themenfelder vor, denn die Studierenden sollten sich durch das Formulieren der Fragen vertiefter mit den Vorlesungsinhalten auseinandersetzen. Wir hielten die Studierenden auch an, eine Einstiegsfrage zu formulieren, um das Eis zu brechen. Die meisten Studierenden der vorliegenden Stichprobe fragten zu Beginn des Gespr&#228;chs nach der Anzahl Sprachen, die ihre Interviewpartner*innen sprechen.</p>
<p>Die Studierenden wurden auch aufgefordert, das Interview aufzunehmen und in Teilen zu transkribieren. Wir hielten sie an, in einem ersten Schritt ein inhaltliches Transkript zu erstellen und anhand dessen f&#252;r sie interessante, denkw&#252;rdige oder lehrreiche Teile auszuw&#228;hlen und im Detail zu transkribieren. In Anlehnung an Cameron (<xref ref-type="bibr" rid="B10">2001</xref>) kommunizierten wir eine einheitliche Transkriptionskonvention<xref ref-type="fn" rid="n5">5</xref>. Diese Transkripte, die auf Schweizerdeutsch verfasst wurden, &#252;bertrugen wir f&#252;r diesen Beitrag ins Standarddeutsche. Dabei wurde versucht, die dialektale Qualit&#228;t des Transkripts so gut als m&#246;glich beizubehalten. Diese Detail-Transkripte dienten schliesslich als Ausgangspunkt f&#252;r die von den Studierenden erstellten Meta-Erz&#228;hlungen, die in Standarddeutsch verfasst waren &#8211; einzig Tippfehler wurden f&#252;r diesen Beitrag ausgebessert. Alle Texte wurden anonymisiert und die verwendeten Namen der interviewten Personen sind Pseudonyme. Wenn wir auf die Studierenden verweisen, benutzen wir die Nummern der (Meta-)Narrationen (z.B. Stud1_Int.1).</p>
</sec>
<sec>
<title>4.3 Analyse</title>
<p>In einem ersten Schritt untersuchten wir das Datenmaterial nach inhaltsanalytischen Prinzipien (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B24">Mayring 2015</xref>). Mit Hilfe der Software MAXQDA (Version 2022) wurden in den transkribierten Interviews und Metatexten Stellen identifiziert, in denen auf Sprachenlernen, Sprachenlernen, Sprachgebrauch, Identit&#228;t und Spracheinstellungen eingegangen wird. Die markierten Stellen wurden mehrmals gelesen und mit Kodes versehen (z.B. &#8216;Gesellschaftliche Bewertung&#8217;). Ein Kode, wie zum Beispiel &#8216;gesellschaftliche Bewertung&#8217;, steht dabei f&#252;r einen Abschnitt, in dem die Interviewpartner*innen &#252;ber die Wertigkeit ihrer Erstsprachen sprechen. Die Kodes beziehen sich in erster Linie auf inhaltliche Elemente.</p>
<p>Basierend auf der inhaltlichen Kodierung arbeiteten wir in einem zweiten Schritt diskursive Sagbarkeitsfelder und Subjektpositionierungen heraus. Durch den Kodierungsprozess kristallisierten sich drei Oberthemen heraus, die in den Interviews diskutiert wurden. Dies sind: <italic>Einstellungen gegen&#252;ber Mehrsprachigkeit</italic>; <italic>mehrsprachige Identit&#228;ten</italic>; <italic>Sprachen als Ressourcen</italic>. Diese Oberthemen leiten nachfolgend zwei qualitative Detailanalysen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B32">Rheindorf/Wodak 2017</xref>), in denen wir exemplarisch zwei biografische Skizzen und deren Meta-Erz&#228;hlungen diskutieren. Basierend auf Reisigl und Wodak (<xref ref-type="bibr" rid="B31">2016</xref>) sowie Gee (<xref ref-type="bibr" rid="B17">2018</xref>) analysieren wir die biografischen Skizzen und Metatexte auf linguistische Indikatoren und &#171;unbewusste&#187; Textplanungsstrategien (<xref ref-type="bibr" rid="B37">Wodak 2020b: 891</xref>). Folgende Indikatoren und Strategien stehen dabei im Zentrum:</p>
<list list-type="bullet">
<list-item><p><italic>Repr&#228;sentationen:</italic> Wie werden Subjekte positioniert und Akteur*innen charakterisiert?</p></list-item>
<list-item><p><italic>Diskurse und Identit&#228;ten:</italic> Wie werden Handlungen dargestellt &#8211; dynamisch oder statisch &#8211; und wie werden Identit&#228;ten diskursiv verhandelt?</p></list-item>
<list-item><p><italic>Referentielle Strategien:</italic> Nominalisierungen, oder wie werden soziale Akteure bezeichnet, z.B. kollektive Nennungen, Namen, Berufsgruppen, etc.?</p></list-item>
<list-item><p><italic>Argumentative Strategien</italic>: Wie werden die ko-konstruierten Sichtweisen legitimiert?</p></list-item>
<list-item><p><italic>Perspektivierungsstrategien:</italic> Aus welcher ideologischen Perspektive werden die Akteur*innen und Prozesse beschrieben?</p></list-item>
</list>
<p>Indem wir diese Fragen an die (Meta-)texte stellen, ergr&#252;nden wir, wie die Studierenden gemeinsam mit Ihren Interviewpartner*innen Wissen &#252;ber mehrsprachiges Aufwachsen im schulischen und ausserschulischen Kontext generieren und reflektieren.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>5 Ergebnisse</title>
<sec>
<title>5.1 Sprachliche Normvorstellungen und &#220;bertrittsentscheide: Beispiel Anna</title>
<sec>
<title>Biografische Angaben</title>
<p>Anna wurde in der Schweiz geboren, ist zum Zeitpunkt des Interviews 20 Jahre alt und studiert Medizin. Sie gibt an, Tamilisch und Deutsch zu sprechen und berichtet chronologisch &#252;ber ihr Spracherleben. Wie bei vielen der interviewten Personen im Korpus wird der Eintritt in den Kindergarten als erstes pr&#228;gendes Erlebnis konstituiert. Anna erz&#228;hlt, dass sie bis zum Schuleintritt kaum mit der deutschen Sprache in Kontakt gekommen ist, da ihr Umfeld aus Tamilisch sprechenden Menschen bestand. Sie betont, dass sie besser Deutsch als Tamilisch kann, aber beide Sprachen Teil von ihr sind. Franz&#246;sisch und Englisch, findet sie, beherrscht sie nicht so gut. Weiter erz&#228;hlt Anna, dass sie sich der Schweiz zugeh&#246;rig f&#252;hlt und die Verbindung zu Sri Lanka eigentlich nur noch durch ihre Eltern besteht.</p>
</sec>
<sec>
<title>Spracherleben in der Schule &#8211; Selbst- und Fremdpositionierungen</title>
<p>Anna definiert den Schuleintritt als Moment, in dem sie realisiert, dass sie eine andere Sprache spricht als die Mehrheit der Kinder. Sie konstruiert dieses &#171;Anderssein&#187; nicht als problematisch, obwohl die Unterstufenlehrperson Anna w&#246;chentlich vor dem Unterricht in die Schule &#171;bestellt&#187; (Interview 1, Ausschnitt 1, Zeile 1), um das 4-Kasus-System der deutschen Sprache zu &#252;ben.</p>
<p>Interview 1, Ausschnitt 1: Annas Spracherleben auf der Unterstufe</p>
<table-wrap>
<table>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>1</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Die Lehrerin in der Unterstufe hat mich jeweils einmal die Woche fr&#252;her in die Schule bestellt</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>2</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>und sie hat mit mir die F&#228;lle ge&#252;bt und mich dadurch sehr gut unterst&#252;tzt.</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>3</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Ihre Hilfe hat mir f&#252;r meine sp&#228;tere Schulkarriere sehr viel gebracht, denn ich kann die F&#228;lle</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>4</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>heute besser als meine tamilischen Freunde &lt;lacht&gt;.</italic></td>
</tr>
</table>
</table-wrap>
<p>Anna f&#252;hlt sie sich in dieser Situation nicht abgegrenzt, sondern &#171;sehr gut unterst&#252;tzt&#187; (ebd., Zeile 2). Der Fokus auf den &#171;F&#228;llen&#187; in Zeile 2 gibt einen ersten Hinweis darauf, dass grammatikalische Korrektheit die sprachlichen Normvorstellungen und somit auch die Handlungsabsichten der Lehrperson pr&#228;gen. In Zeile 3 stellt Anna sogar einen kausalen Zusammenhang her zwischen der von der Lehrperson angebotenen Hilfe und ihrer Schulkarriere. Anna konstruiert das Beherrschen der vier F&#228;lle als Erfolgsargument, mit dem sie sich von ihren tamilischen Freund*innen abhebt. Auch wenn die &#196;usserung in Zeile 4 mit einem Lachen endet, konstituiert das diskursiv hervorgebrachte Wissen, dass die grammatikalisch korrekte Verwendung der deutschen Sprache mitentscheidend f&#252;r den Verlauf ihrer Schulkarriere war, Annas soziale Wirklichkeit. Anna positioniert sich in Bezug auf eine von aussen herangetragene Norm (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B9">Busch 2019</xref>).</p>
<p>Obwohl auch die Lehrperson auf der Unterstufe durch die Hilfsangebote Annas Deutschkompetenzen an sprachlichen Normvorstellungen misst und somit eine Differenzkategorie konstruiert, &#228;ndert sich Annas Spracherleben auf der Mittelstufe. In Ausschnitt 2 bieten die Lehrpersonen in den h&#246;heren Schulstufen Anna auch generell andere Subjektpositionen an als einsprachigen Lernenden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B35">Springsits 2016</xref>).</p>
<p>Interview 1, Ausschnitt 2: Fremdpositionierungen in den h&#246;heren Schulstufen</p>
<table-wrap>
<table>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>1</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>W&#228;hrend der Mittelstufe machte ich jedoch nicht mehr so gute Erfahrungen. Es kam mir so vor,</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>2</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>als ob bei meinen schulischen Problemen die Schuld jeweils auf die mangelnden</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>3</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Sprachkenntnisse geschoben wurden. So zum Beispiel bei Mathematikaufgaben. Manchmal</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>4</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>kam es mir so vor, als sehen die Lehrpersonen jeweils nur die Grenzen, welche ich aufgrund</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>5</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>meiner anderen Muttersprache zu erwarten habe. Sie sagten mir zum Beispiel, dass ich die</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>6</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Sekundarschule mit meinen sprachlichen Schwierigkeiten nicht schaffen werde. Dasselbe war</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>7</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>auch wieder beim &#220;bertritt ins Gymnasium der Fall. Die Lehrpersonen sind nie konkret auf</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>8</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>meine Erstsprache eingegangen, sondern haben den Mangel gesehen, dass Deutsch nicht meine</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>9</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Erstsprache ist.</italic></td>
</tr>
</table>
</table-wrap>
<p>In den Zeilen 1 bis 3 stellt Anna einen kausalen Zusammenhang zwischen &#171;schulischen Problemen&#187; (Zeile 2) und &#171;mangelnden Sprachkenntnissen&#187; (Zeile 2-3) her. Als Beispiel nennt sie das Fach Mathematik (Zeile 3). In Zeile 4 verwendet Anna generalisierend die Berufsgruppe &#171;Lehrpersonen&#187;, vermutlich um hervorzuheben, dass ein Grossteil ihrer Lehrpersonen ab der Mittelstufe ihre Mehrsprachigkeit problematisierten. Die Verwendung des Wortes &#171;Grenzen&#187; (Zeile 4) verdeutlicht, dass die Lehrpersonen das mehrsprachige &#8211; nicht deutschsprachige &#8211; Subjekt einschr&#228;nken (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B13">Dirim/Mecheril 2018</xref>). Die erste Einschr&#228;nkung wird am &#220;bergang von der Primar- auf die Sekundarstufe verortet und wiederum wird ein kausaler Zusammenhang zwischen &#171;sprachlichen Schwierigkeiten&#187; (Zeile 6) und Schulerfolg hergestellt. Die zweite Einschr&#228;nkung des Subjekts erf&#228;hrt Anna am &#220;bergang von der Sekundarschule ins Gymnasium. In den Zeilen 7 bis 9 kommt erneut zum Ausdruck, dass Schulerfolg diskursiv eng mit dem Beherrschen der Schulsprache verkn&#252;pft ist. Anna wird positioniert als Subjekt, das durch den &#171;Mangel&#187; (Zeile 8), nicht Deutsch als Erstsprache zu haben, von gewissen Subjektpositionen, wie zum Beispiel jener der Gymnasiums-Absolventin, ausgeschlossen wird.</p>
<p>Nachdem Anna ihr Spracherleben geschildert hat, wird sie von ihrer Interviewpartnerin aufgefordert, &#252;ber ihre Schulzeit &#171;im Nachhinein&#187; (Stud1_Int.1) nachzudenken. Obwohl Anna zu Beginn des Interviews ihre Sprachhandlungsf&#228;higkeit in der deutschen Sprache nicht explizit problematisiert, wird in Ausschnitt 3 ersichtlich, dass sie diese doch als sehr einschr&#228;nkend erlebte.</p>
<p>Interview 1, Ausschnitt 3: Selbstdeutung als mehrsprachige Sprecherin und Strategien</p>
<table-wrap>
<table>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>1</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Zu Beginn war es sehr schwer, da ich in den Kindergarten kam und nur sehr wenig Deutsch</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>2</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>konnte. Zudem hat es mir M&#252;he gemacht, von den Lehrpersonen zu h&#246;ren, dass ich es nicht</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>3</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>schaffen werde, weil Deutsch eben nicht meine Muttersprache ist. Ich sehe aber einen grossen</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>4</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Fortschritt, den ich in der Sprache gemacht habe. Aber ich denke die Schule w&#228;re mir leichter</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>5</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>gefallen, wenn meine Muttersprache Deutsch gewesen w&#228;re. Da ich wegen</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>6</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>schlechter/unpassender Formulierungen jeweils schlechte Noten bekommen habe, habe ich</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>7</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>begonnen ganze S&#228;tze auswendig zu lernen, um dieses Problem vorzubeugen. So habe ich im</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>8</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Gymnasium z.B. S&#228;tze f&#252;r die Geopr&#252;fung ohne grosses Verst&#228;ndnis auswendig gelernt und</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>9</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>dann in der Pr&#252;fung niedergeschrieben. Dass ich mich nicht richtig ausdr&#252;cken konnte, hat</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>10</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>mir schon M&#252;he bereitet.</italic></td>
</tr>
</table>
</table-wrap>
<p>In Zeile 1 und 2 erz&#228;hlt Anna, dass sie trotz der in Ausschnitt 1 dargestellten positiven Erlebnisse auf der Unterstufe das &#171;wenig Deutsch&#187; (Zeile 1) als schwierig erlebt. Anna betont, dass die Fremdpositionierungen der Lehrpersonen ihr &#171;M&#252;he&#187; (Zeile 2) bereiteten. Dennoch &#252;bernimmt sie in den folgenden Selbstpositionierungen dieselben Normen und kausalen Zusammenh&#228;nge zwischen Deutschkompetenzen und Schulerfolg wie ihre Lehrpersonen. Bjega&#269; (<xref ref-type="bibr" rid="B3">2020</xref>) betont in Bezug auf Selbstpositionierungen mehrsprachiger Sprecher*innen, dass sich diese oft an einer monolingualen, deutschsprachigen Norm orientieren. Dies kommt auch in Zeilen 3 bis 5 zur Geltung. Anna betont den &#171;grossen Fortschritt, den [sie] in der Sprache gemacht [hat]&#187; (Zeile 3&#8211;4) und ordnet ein, dass ihr die Schule &#171;leichter gefallen [w&#228;re]&#187; (Zeile 4&#8211;5) mit Deutsch als Erstsprache. Um diesem von aussen herangetragenen, aber auch selbstgedeuteten Problem des nicht gen&#252;gend Deutschk&#246;nnens entgegenzuwirken, entwickelte Anna die Strategie, &#171;ganze S&#228;tze auswendig zu lernen&#187; (Zeile 7). Dass Anna S&#228;tze &#171;ohne grosses Verst&#228;ndnis auswendig gelernt&#187; (Zeile 8) und &#171;in der Pr&#252;fung niedergeschrieben&#187; (Zeile 9) hat, weist darauf hin, dass sich Deutsch f&#252;r sie auch noch nach der gesamten Schulzeit wie eine Sprache anf&#252;hlte, in der sie sich &#171;nicht richtig ausdr&#252;cken konnte&#187; (Zeile 9). Wom&#246;glich besteht hier eine Diskrepanz zwischen Annas subjektivem Empfinden, das von Lehrpersonen, die &#171;Sprache als Differenzmerkmal&#187; verstehen (<xref ref-type="bibr" rid="B21">Khakpour/Dirim 2022: 320</xref>), verst&#228;rkt wird, und ihrer tats&#228;chlichen Ausdrucksf&#228;higkeit.</p>
<p>In Zusammenhang mit dieser sprachbezogenen Positionierung dr&#252;ckt Anna aus, dass korrekter Sprachgebrauch als wichtiger erachtet wurde als Inhalte (Zeile 6&#8211;7). Gleichzeitig impliziert Anna, dass das Auswendiglernen ohne Verst&#228;ndnis zu erfolgreichen Resultaten f&#252;hrte. Hier k&#246;nnte man einerseits die Wichtigkeit der schulsprachlichen Kompetenzen f&#252;r den Bildungserfolg herausstreichen, andererseits aber auch die bew&#228;hrten Beurteilungsformate im Schulsystem kritisch hinterfragen.</p>
</sec>
<sec>
<title>Meta-Erz&#228;hlung Studentin (Interview 1)</title>
<p>In der Meta-Erz&#228;hlung berichtet die Studentin, dass ihr Annas Erz&#228;hlung half, die Vorlesungsinhalte/Theorien zur Mehrsprachigkeit besser einzuordnen. In Ausschnitt 4 ordnet die Studentin die Fremdpositionierungen ein, um das von Anna erlebte Lehrpersonenhandeln zu evaluieren und Handlungsabsichten f&#252;r ihre zuk&#252;nftige Berufspraxis abzuleiten.</p>
<p>Meta-Erz&#228;hlung 1, Ausschnitt 4: Evaluation Fremdpositionierungen</p>
<table-wrap>
<table>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>1</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Dass Anna (auch) wegen der sprachlichen Barriere schulische Schwierigkeiten hatte, haben die</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>2</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Lehrpersonen schon fr&#252;h &#171;diagnostiziert&#187;. F&#252;r Anna war dieses &#171;abstempeln&#187; aber eher</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>3</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>hinderlich f&#252;r ihre Leistungen. Sie erz&#228;hlte, dass die Lehrpersonen ihr vieles nicht zugetraut</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>4</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>haben, nur weil Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. Ich denke es ist sehr wichtig, dass sich</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>5</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>die Lehrperson mit dem Aussprechen von Vorhersagen zur&#252;ckh&#228;lt. Denn Aussagen, dass das</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>6</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Kind es schulisch nicht weit bringen wird, n&#252;tzen nichts und wirken sich negativ auf das</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>7</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Selbstkonzept des Sch&#252;lers/der Sch&#252;lerin aus.</italic></td>
</tr>
</table>
</table-wrap>
<p>Zu Beginn fokussiert die Studentin den kausalen Zusammenhang zwischen &#171;sprachliche[r] Barriere&#187; und &#171;schulischen &#171;Schwierigkeiten&#187; (Zeile 1). Indem sie diesen Zusammenhang als &#171;hinderlich f&#252;r ihre Leistungen&#187; (Zeile 3) beschreibt, hebt sie hervor, dass Annas Subjektposition eingeschr&#228;nkt wurde. Dies wird verst&#228;rkt durch das in Anf&#252;hrungszeichen verwendete Verb &#171;diagnostizieren&#187; (Zeile 2). Weiter charakterisiert die Studentin den hergestellten Zusammenhang zwischen Erstsprache und Schulerfolg als &#171;Vorhersage&#187; (Zeile 5), um dann sogleich Sagbarkeitsfelder f&#252;r Lehrpersonen zu definieren &#8211; n&#228;mlich, &#171;dass sich die Lehrperson mit dem Aussprechen von Vorhersagen zur&#252;ckh&#228;lt&#187; (Zeile 5). Indem die Studentin in Zeile 4 in die erste Person Singular wechselt und ihre Aussage mit &#171;sehr wichtig&#187; verst&#228;rkt, impliziert sie, dass die von ihr konstruierten Sagbarkeitsfelder in Bezug auf Sprache und Schulerfolg auch in ihrer projizierten Rolle als zuk&#252;nftige Lehrperson G&#252;ltigkeit haben. Um die G&#252;ltigkeit ihrer Aussage zu unterstreichen, wechselt die Studentin in Zeile 5 in die dritte Person Plural &#8211; &#171;Aussagen&#187; (Zeile 5) wird zum Subjekt, um sich als neutrale Expertin zu positionieren und sich auf das gemeinsam generierte Wissen zu berufen. Dies unterstreicht die Studentin, indem sie einen kausalen Zusammenhang zwischen den genannten Aussagen (Zeile 5) und dem &#171;Selbstkonzept&#187; (Zeile 7) der Sch&#252;ler*innen herstellt.</p>
<p>W&#228;hrend die Studentin die eingeschr&#228;nkten Subjektpositionen in der Meta-Erz&#228;hlung klar herausarbeitet, geschieht diese Bewusstwerdung in Bezug auf monolingual gepr&#228;gte Normvorstellungen weniger eindeutig.</p>
<p>Meta-Erz&#228;hlung 1, Ausschnitt 5: Monolingual gepr&#228;gte Normvorstellungen</p>
<table-wrap>
<table>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>1</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Ich finde das Beispiel von Anna ein sehr ermutigendes f&#252;r Kinder, welche nicht die</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>2</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Muttersprache Deutsch haben. Mit einer unterst&#252;tzenden Lehrerperson in der Unterstufe und</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>3</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>einem sehr grossen Willen, hat sie es trotz anderen Vorhersagen geschafft und studiert nun an</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>4</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>der Universit&#228;t Medizin. Mich als zuk&#252;nftige Lehrperson ermutigt dieses Fallbeispiel im</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>5</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Umgang mit Kindern, welche nicht die Muttersprache Deutsch haben. Es motiviert mich mit</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>6</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>ihnen Deutsch zu &#252;ben, sie zu unterst&#252;tzen und sie zu ermutigen. Zudem m&#246;chte ich die</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>7</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Mehrsprachigkeit des jeweiligen Kindes auch im Unterricht anerkennen.</italic></td>
</tr>
</table>
</table-wrap>
<p>Indem die Studentin in Zeile 1 das &#171;Beispiel von Anna&#187; als ein &#171;sehr ermutigendes&#187; charakterisiert, impliziert sie, dass Lernende mit anderen Erstsprachen als Deutsch nach wie vor die Ausnahme sind. Gleichzeitig spricht sie diesen Kindern andere Subjektpositionen zu als Kindern mit Deutsch als Erstsprache. Dies wird deutlich in der Erkl&#228;rung, warum Annas Beispiel ermutigend ist. Die Studentin listet eine &#171;unterst&#252;tzende Lehrperson&#187; (Zeile 2) und &#171;einen sehr grossen Willen&#187; (Zeile 3) als Erfolgsfaktoren auf, die n&#246;tig waren, um die einschr&#228;nkenden Fremdzuschreibungen und eingeschr&#228;nkten Subjektpositionen zu &#252;berwinden. Obwohl Anna im transkribierten Text nicht auf ihr Medizinstudium eingeht, verweist die Studentin in Zeile 4 darauf, um zu betonen, dass es Anna trotz nicht deutscher &#171;Muttersprache&#187; (Zeile 2) geschafft hat. Somit &#252;bernimmt sie eine einschr&#228;nkende Subjektposition und konstruiert den Erfolg als Ausnahme.</p>
<p>Dass die Studentin Sch&#252;ler*innen mit anderen Erstsprachen als Deutsch tendenziell an einer monolingualen Norm misst, wird in Zeilen 4 bis 7 noch etwas deutlicher. Durch die pronominale Verwendung der Verben &#171;ermutigen&#187; (Zeile 4) und &#171;motivieren&#187; (Zeile 5) setzt die Studentin das &#171;Fallbeispiel&#187; (Zeile 4) in Subjektposition, um hervorzuheben, dass das mit Anna generierte Wissen &#171;im Umgang mit Kindern, welche nicht die Muttersprache Deutsch haben&#187; (Zeile 5) als Grundlage f&#252;r ihr zuk&#252;nftiges Handeln dient. Obwohl die Aussagen &#171;Deutsch zu &#252;ben&#187;, &#171;unterst&#252;tzten&#187; und &#171;ermutigen&#187; (Zeile 6) gut gemeint sind, hebt die Studentin Sprache als Differenzkategorie hervor und schreibt der Lehrperson durch die Verbprozesse Handlungsmacht zu. Dies wird verst&#228;rkt durch &#171;m&#246;chte ich die Mehrsprachigkeit des jeweiligen Kindes auch im Unterricht anerkennen&#187; (Zeilen 6&#8211;7), wobei zum Ausdruck kommt, dass Mehrsprachigkeit als etwas erlebt wird, das speziell in Erw&#228;gung gezogen und nicht als Grundlage f&#252;r mehrsprachigen Kompetenzerwerb betrachtet wird.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>5.2 Mehrsprachigkeit als Kapital: Beispiel Belinda</title>
<sec>
<title>Biografische Angaben</title>
<p>Belinda wurde in der Schweiz geboren, ist zum Zeitpunkt des Interviews 26 Jahre alt und arbeitet als Flugbegleiterin. Sie gibt an, brasilianisches Portugiesisch, Deutsch, Spanisch und Englisch zu sprechen. Weiter versteht sie Franz&#246;sisch und Italienisch, spricht diese Sprachen aber nicht fliessend. Belinda ist zweisprachig aufgewachsen &#8211; mit ihrer Mutter spricht sie Portugiesisch, mit ihrem Vater Deutsch. Belinda betont, dass sie ein grosses Interesse an Sprachen hat. Sie habe B&#252;cher, um Franz&#246;sisch oder Italienisch zu vertiefen, und Filme schaue sie in der Originalversion mit Untertiteln. Da Belinda bei einer Ferien-Airline arbeitet, die meist Schweizer Passagiere bef&#246;rdert, brauche sie nicht so viele verschiedene Sprachen im Beruf wie anf&#228;nglich erhofft.</p>
</sec>
<sec>
<title>Selbst- und Fremdpositionierungen als mehrsprachige Sprecherin</title>
<p>Wie Anna erlebt auch Belinda bei Eintritt ins Schulsystem, dass ihre Mehrsprachigkeit problematisiert wird, und &#252;bertr&#228;gt die einschr&#228;nkende Subjektposition, die mehrsprachige Ressourcen nicht valorisiert und als hinderlich f&#252;r die Entwicklung des Kindes betrachtet, auf sich. Anders als Anna geht Belinda jedoch im Verlauf des Interviews nicht mehr auf Fremdpositionierungen von Seiten der Lehrpersonen ein. Vielmehr nutzt Belinda die Diskussion mit der Studentin, um sich als mehrsprachige Sprecherin im Erwachsenenalter zu positionieren, die Mehrsprachigkeit als unabdingbare Ressource konstruiert. Allerdings ist Belindas Sicht auf Mehrsprachigkeit eher selektiv.</p>
<p>Interview 3, Ausschnitt 1: Englisch/Sprachen als Ressource</p>
<table-wrap>
<table>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>1</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Ja, ich finde einfach Sprachen, ja, man muss mehrere Sprachen k&#246;nnen, sicherlich das</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>2</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Englische, das ist f&#252;r mich, ich finde das ist etwas, das man heutzutage k&#246;nnen muss. Ich merke</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>3</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>auch immer, wenn ich im Ausland bin, also wenn du die Sprache nicht kannst, bist du einfach</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>4</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>aufgeschmissen, da sage ich immer, dann musst du gar nicht ins Ausland.</italic></td>
</tr>
</table>
</table-wrap>
<p>Obwohl Belinda betont, dass man &#171;mehrere Sprachen k&#246;nnen&#187; (Interview 3, Ausschnitt 1, Zeile 1) muss, wird ersichtlich, dass sie Mehrsprachigkeit &#252;ber das Beherrschen der englischen Sprache konstituiert. In Zeile 2 konstruiert Belinda Englisch als &#171;etwas, das man heutzutage k&#246;nnen muss&#187;. Obwohl nicht klar ist, ob Belinda Englisch als &#246;konomische oder kommunikative Ressource betrachtet, verweist die allgemein gehaltene Formulierung auf den &#171;globalen Wert&#187; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Park/Wee 2021: 64</xref>) der englischen Sprache. Indem Belinda im zweiten Satz von einer allgemeinen Perspektive wieder in die erste Person Singular wechselt, wird der Fokus vom Englischen auf &#171;Sprache&#187; allgemein gelenkt &#8211; &#171;ich finde&#187; und &#171;ich merke&#187; (Zeile 2). Durch diese kognitiven Prozesse konstruiert Belinda Sprachen auch als symbolisches Kapital (<xref ref-type="bibr" rid="B5">Bourdieu 2001</xref>), das f&#252;r sie neue Welten er&#246;ffnet. Dies unterstreicht Belinda durch &#171;wenn du die Sprache nicht kannst, bist du einfach aufgeschmissen&#187; (Zeilen 3-4) und &#171;dann musst du gar nicht ins Ausland&#187; (Zeile 4). Indem Belinda fehlende Sprachkompetenzen nutzt, um monolinguale Subjekte diskursiv einzuschr&#228;nken, schreibt sie sprachlich gewandten Subjekten ein gewisses Prestige zu (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B27">Park/Wee 2021</xref>).</p>
<p>In diesem instrumentellen Sinn konstruiert Belinda das schulische Sprachenlernen auch als guten Einstieg ins Leben.</p>
<p>Interview 3, Ausschnitt 2: Schulisches Sprachenlernen als guter Einstieg</p>
<table-wrap>
<table>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>1</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Ich finde, das ist ein sehr guter Einstieg &#8211; f&#252;rs Leben, also mmh, ich, mmh, ich war vor zwei</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>2</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Jahren in Amerika, f&#252;r drei Monate in Kalifornien, um Englisch zu lernen, weil ich dies n&#246;tig</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>3</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>hatte f&#252;r, mmh, f&#252;r meinen Beruf, und mmh, ich weiss noch, als ich dort anfing, also musste ich</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>4</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>einen Test machen, dass sie mich anschliessend zuordnen k&#246;nnen, in welches Sprachlevel, das</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>5</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>ich komme. Und wirklich, da holte ich wieder das Schulenglisch hervor. Einfach halt die</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>6</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>kleinen Sachen, die man in der Schule lernt. Oder auch beim Franz, also, ich kann noch</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>7</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>gewisse S&#228;tze, oder auch mit Passagieren auf dem Flugzeug, wenn sie aus der Westschweiz</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>8</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>kommen mit Franz, und da kommen die W&#246;rter einfach, die ich damals in der Schule gelernt</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>9</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>habe [&#8230;] aber mmh, es ist wirklich ein guter Einstieg f&#252;rs Leben, finde ich.</italic></td>
</tr>
</table>
</table-wrap>
<p>In Ausschnitt 2 erkl&#228;rt Belinda, dass die Grundlagen, die sie im Franz&#246;sisch und Englisch in der Schule lernte, in ihrem Beruf n&#252;tzlich sind. Dies wird sichtbar in der Erinnerung an den Sprachaufenthalt in den USA, wo Belinda einen Einstufungstest absolvieren musste. Da konnte sie &#171;das Schulenglisch&#187; hervorholen (Zeile 5). Belinda reaktivierte eine Wissensbasis, die sie in der Vergangenheit aufgebaut hatte &#8211; &#171;die kleinen Sachen, die man in der Schule lernt&#187; (Zeilen 5&#8211;6) &#8211; und in einem bestimmten Moment zukunftsorientiert &#171;f&#252;r [ihren] Beruf&#187; (Zeile 3) einsetzte (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B2">Biesta/Tedder 2007</xref>). Um dies zu untermauern, f&#252;gt Belinda an, dass sie sich auch beim Kommunizieren mit franz&#246;sischsprachigen Flugg&#228;sten auf das Schulfranz&#246;sisch verlassen kann. Dass Belinda dies allem Anschein nach mit Leichtigkeit tut, wird, wie auch schon beim Englisch, durch ihre Wortwahl &#171;da kommen die W&#246;rter einfach, die ich damals in der Schule gelernt habe&#187; (Zeile 8) deutlich. Mit diesen beiden Beispielen positioniert sich Belinda als aktive und erfolgreiche Sprachenlernende. Das schulische Sprachenwissen von Belinda geh&#246;rt gem&#228;ss Pirhonen (<xref ref-type="bibr" rid="B28">2022</xref>) zum &#171;action repertoire&#187; (621), in dem Sprachenlernen bewusst durch das handelnde Subjekt konstruiert wird. Das heisst, dass sich Belinda eine aktive Rolle in der Entwicklung ihrer Mehrsprachenkompetenzen zuschreibt.</p>
</sec>
<sec>
<title>Meta-Erz&#228;hlung Studentin (Interview 3)</title>
<p>Wie die Studentin in Kapitel 5.1 nutzt die Gespr&#228;chspartnerin von Belinda die Meta-Erz&#228;hlung, um die Schilderungen in Bezug zum Kontext Schule und Unterricht zu setzen. In Ausschnitt 3 positioniert die Studentin Belinda einerseits als Expertin, um von diesem Wissen auf Herausforderungen und Erwartungen auf der Makroebene zu schliessen, andererseits als Beispiel, um zuk&#252;nftige Handlungsperspektiven abzuleiten.</p>
<p>Meta-Erz&#228;hlung 3, Ausschnitt 3: &#171;Institutional voices&#187;</p>
<table-wrap>
<table>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>1</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Auch was sie erz&#228;hlt &#252;ber den Umgang der Lehrer mit ihrer Zweisprachigkeit zeigte mir, dass</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>2</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>viele Lehrpersonen meist &#252;berfordert sind mit solchen Kindern und wahrscheinlich auch nicht</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>3</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>so recht wissen, wie sie diese Sch&#252;ler und Sch&#252;lerinnen in ihrer Muttersprache f&#246;rdern k&#246;nnen,</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>4</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>aber auch dem Anspruch der Schule und der Gesellschaft gerecht zu werden, dass diese SuS gut</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>5</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Deutsch lernen [&#8230;].</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>6</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Mit all diesen Sprachen die Belinda spricht, sehe ich f&#252;r sie darin einen unglaublichen</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>7</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Mehrwert. Als Lehrperson f&#252;r meinen beruflichen Alltag m&#246;chte ich sicher mitnehmen, dass es</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>8</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>f&#252;r mehrsprachige Kinder wichtig ist, Verst&#228;ndnis zu zeigen. Es ist wichtig, dass sie ihre</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>9</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>Sprachstrukturen und ihr Wissen beibehalten und festigen k&#246;nnen.</italic></td>
</tr>
</table>
</table-wrap>
<p>W&#228;hrend Belinda im Interview Lehrpersonen selten explizit erw&#228;hnt, schreibt die Studentin das Problematisieren der Zweisprachigkeit den Lehrpersonen zu. Durch die Wortwahl &#171;zeigte mir, dass viele Lehrpersonen meist &#252;berfordert sind mit solchen Kindern&#187; (Zeilen 1-2) und &#171;auch nicht so recht wissen, wie sie diese Sch&#252;ler und Sch&#252;lerinnen in ihrer Muttersprache f&#246;rdern k&#246;nnen&#187; (Zeilen 2-3) stellt die Studentin einen kausalen Zusammenhang zwischen Belindas Spracherleben auf der Unterstufe und aktuellem Lehrpersonenhandeln her. Hierbei beruft sich die Studentin auf das im Interview ko-konstruierte Wissen, indem sie durch das Verb &#171;zeigte mir&#187; (Zeile 1), Wahrheitsanspr&#252;che &#8211; wie z.B., dass Lehrpersonen mit Zweisprachigkeit &#252;berfordert sind &#8211; geltend macht (cf. <xref ref-type="bibr" rid="B31">Reisigl/Wodak 2016</xref>) und dieses neu gewonnene Expertinnen-Wissen in einen &#252;bergeordneten, institutionellen Diskurs einordnet. Dies wird deutlich in Zeilen 4 und 5, in denen die Studentin beschreibt, dass die Schule und die Gesellschaft Interesse daran haben, &#171;dass diese SuS gut Deutsch lernen&#187;. Obwohl die Studentin den Umgang der Lehrpersonen mit Mehrsprachigkeit zu problematisieren scheint, wird dieser Anspruch durch die Berufung auf eine sogenannte &#171;institutional voice&#187; (<xref ref-type="bibr" rid="B30">Razfar 2012: 72</xref>) &#8211; &#171;dem Anspruch der Schule und der Gesellschaft&#187; (Zeile 4) &#8211; wieder abgeschw&#228;cht. Diese sogenannte institutionelle Stimme legitimiert die F&#246;rderung von kompetenten Deutsch-Sprecher*innen, denn &#171;diese SuS&#187; (Zeile 4) unterscheiden sich von anderen &#8211; monolingualen &#8211; Lernenden.</p>
<p>Trotzdem scheint die Studentin sensibilisiert daf&#252;r zu sein, dass mehrsprachiges Aufwachsen Kinder nicht &#252;berfordert. Mit Bezug auf Ossner (<xref ref-type="bibr" rid="B25">2008</xref>) streicht die Studentin andernorts in ihrer Meta-Erz&#228;hlung heraus, dass die F&#246;rderung der Erstsprache genauso wichtig ist wie die F&#246;rderung der Zweit- und Schulsprache. In Ausschnitt 3 valorisiert sie dies einerseits mit der Formulierung &#171;mit all diesen Sprachen [&#8230;] sehe ich f&#252;r sie einen unglaublichen Mehrwert&#187;, andererseits verwendet die Studentin das ko-konstruierte Wissen, um daraus Handlungsabsichten f&#252;r ihre Berufspraxis abzuleiten. Sie m&#246;chte nicht nur &#171;Verst&#228;ndnis zeigen&#187; (Zeile 8), sondern auch die &#171;Sprachstrukturen&#187; und das &#171;Wissen&#187; (Zeile 9) der Lernenden f&#246;rdern. Obwohl diese Absichten vage bleiben, deutet in der Meta-Erz&#228;hlung der Studentin einiges darauf hin, dass eine vertiefte Auseinandersetzung mit Mehrsprachigkeit stattfand.</p>
</sec>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>6 Diskussion und Schlussfolgerungen</title>
<p>Mit unserer ersten Forschungsfrage wollten wir ergr&#252;nden, welches Wissen in biografisch-narrativen Interviews &#252;ber die lebensweltliche Mehrsprachigkeit in der Deutschschweiz von Studierenden und mehrsprachigen Sprecher*innen generiert wird. Dieses <italic>narrative knowledging</italic> in den exemplarisch ausgew&#228;hlten Interviews zeigt auf, dass die Schule in diesem spezifischen Erinnerungskontext einen massgeblichen Einfluss auf das Spracherleben hat. Indem die interviewten Personen generalisierend von Lehrpersonen sprechen, werden nicht nur institutionelle Machtverh&#228;ltnisse rekonstruiert, sondern auch bestimmte Subjektpositionen eingenommen. So werden referentielle Strategien angewendet, um schulische Sprachverh&#228;ltnisse zu erinnern. In diesem Zusammenhang nimmt die erste Interviewpartnerin h&#228;ufiger einschr&#228;nkende Subjektpositionen ein als die Interviewpartnerin in Interview 3, obwohl in beiden Erz&#228;hlungen Mehrsprachigkeit im schulischen Kontext problematisiert wird. Auch in anderen Erz&#228;hlungen nehmen die interviewten Sprecher*innen eingeschr&#228;nkte Subjektpositionen ein, wenn es um Deutschkenntnisse im schulischen Kontext geht &#8211; nicht nur Lehrpersonen schr&#228;nken Subjekte ein, sondern auch Mitsch&#252;ler*innen, die mehrsprachige Kinder h&#228;nseln oder auslachen.</p>
<p>Mit unserer zweiten Forschungsfrage untersuchten wir, wie sich Erwachsene in Selbstausk&#252;nften als mehrsprachige Sprecher*innen im schulischen und ausserschulischen Raum positionieren. Bjega&#269; (<xref ref-type="bibr" rid="B3">2020</xref>) stellt in ihrer Studie zu mehrsprachigen Jugendlichen fest, dass fall&#252;bergreifend zwei &#171;sprachbezogene Selbstpositionierungen herausgearbeitet werden: die &#8216;fast-aber-nicht-ganz&#8217; Positionierung [&#8230;] sowie die voraussetzungsvolle und idealisierte Positionierung als Mehrsprachige&#187; (187). Im schulischen Raum positioniert sich vor allem Anna als &#171;fast-aber-nicht-ganz&#187; monolinguale Deutschsprecherin. Indem sie Auswendiglernstrategien anwendet, um schulisch erfolgreich zu sein und &#171;richtiges Deutsch&#187; zu generieren, orientiert sie sich an monolingualen Normen. Anna positioniert sich in diesen Ausschnitten auch klar als aktives Subjekt, das viel investiert, um eine Identit&#228;t als Deutschsprechende aufzubauen und im monolingual gepr&#228;gten Schulfeld erfolgreich zu sein. In Erinnerung an die Unterstufe nimmt auch Belinda eine &#171;fast-aber-nicht-ganz&#187; Position ein, die sie wie Anna mit gewissen Strategien konstituiert &#8211; Belinda dr&#252;ckt dies durch einen dynamischen Lernprozess aus &#8211; sie wusste mit der Zeit, wann sie Deutsch sprechen musste. In beiden Beispielen &#252;bernehmen die interviewten Personen also eine aktive Rolle, wenn es darum geht, sich als monolingual deutschsprechende Subjekte zu positionieren und den vorherrschenden sprachlichen Normen zu entsprechen.</p>
<p>W&#228;hrend Anna nicht explizit auf den ausserschulischen Raum eingeht, wird bei Belinda in den berufsbezogenen Erz&#228;hlungen eine idealisierende Sicht auf Mehrsprachigkeit herausgearbeitet. Die Leichtigkeit, mit der Belinda in der Schule und als Erwachsene Sprachen lernt, wird nicht explizit ihrem mehrsprachigen Hintergrund zugeschrieben, sondern den Franz&#246;sisch- und Englischkenntnissen, die sie w&#228;hrend der Schulzeit aktiv aufbaute. Auf diese Ressourcen kann sie in ihrem Berufsalltag zur&#252;ckzugreifen. Obwohl Belinda sich in der Schule an die monolinguale Norm anpasste und diese nicht hinterfragte, positioniert sie sich als Erwachsene explizit als mehrsprachige Sprecherin, da sie die Sprachen im Beruf einsetzen kann.</p>
<p>Mit Bezug auf die dritte Forschungsfrage &#8211; inwiefern Studierende unserer Hochschule in ihren Metatexten &#252;ber das Spracherleben der interviewten Personen sprachbezogene Normvorstellungen (re)produzieren &#8211; halten wir fest, dass sich die Studierenden in den Meta-Erz&#228;hlungen 1 und 3 einerseits der Problematik von Fremdzuschreibungen bewusstwerden. Andererseits wenden sie &#228;hnliche Argumentationsstrategien wie ihre Interviewpartnerinnen an, um kausale Zusammenh&#228;nge zwischen mehrsprachigen Lernenden, monolingualen Normen und Schulerfolg herzustellen. Studentin 1 repr&#228;sentiert Anna als &#171;ermutigendes Beispiel&#187; und Studentin 3 schreibt Belinda durch ihre Mehrsprachigkeit einen &#171;unglaublichen Mehrwehrt zu&#187;. Mit diesen Repr&#228;sentationen &#252;bernehmen die Studierenden nicht nur die von den Interviewpartnerinnen konstituierten Selbst- und Fremdpositionierungen, sondern nutzen diese auch als Grundlage f&#252;r das Ableiten zuk&#252;nftiger Handlungsabsichten. So wird auch deutlich, dass im Rahmen dieser Arbeit institutionell gepr&#228;gte Sagbarkeitsfelder dominieren. Unsere Studierenden scheinen sich auf eine institutionell gef&#228;rbte Stimme zu berufen, um zuk&#252;nftige Handlungsabsichten aus dem im Interview und in der Reflexion generierten Wissen abzuleiten. Obwohl die beiden Studierenden in ihren Meta-Erz&#228;hlungen problematische Perspektiven auf Mehrsprachigkeit herausarbeiten, hinterfragen sie monolingual gepr&#228;gte Normen kaum. Diese Tendenzen sind auch in weiteren Metatexten ersichtlich, allerdings ist die Mikroanalyse der Meta-Erz&#228;hlungen noch nicht vollst&#228;ndig abgeschlossen.</p>
<p>Mittels des skizzierten hochschuldidaktischen Versuchs sehen wir eine M&#246;glichkeit, wie es Busch (<xref ref-type="bibr" rid="B9">2019: 127</xref>) formuliert, &#171;Diskursperspektive und Erlebnisperspektive zueinander in Bezug zu setzen&#187;. Einerseits kann das <italic>narrative knowledging</italic> als dritter Lernort verstanden werden, in dem Studierende und mehrsprachige Personen gemeinsam Wissen &#252;ber Mehrsprachigkeit generieren. Andererseits erlaubt das Interview- und Reflexionssetting, mehrsprachigen Kompetenzaufbau situativ zu verhandeln, um der Instrumentalisierung von Sprachen auf verschiedenen Ebenen (Bildungs- und Subjektperspektive) entgegenzuwirken und dominante bzw. dominierende Spracheinstellungen kritisch zu hinterfragen. Dennoch m&#252;sste in weiteren Versuchen die kritisch-reflexive Ebene vertiefter angegangen werden, damit unsere Studierenden besser in der Lage sind, ihre Spracheinstelllungen, Meinungen und &#220;berzeugungen zu hinterfragen und potenziell problematische Machtverh&#228;ltnisse zwischen der Institution Schule und verschiedenen Subjektpositionen zu erkennen.</p>
</sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Ein besonderer Dank gilt unseren Hilfsassistentinnen Shivani K&#246;nig und Virginia Kopp, die uns bei der Datenaufbereitung und w&#228;hrend des Kodier-Prozesses unterst&#252;tzten.</p></fn>
<fn id="n2"><p>Vgl. Art. 4 und Art. 70 der Bundesverfassung (<xref ref-type="bibr" rid="B33">Schweizerische Eidgenossenschaft 2022a</xref>).</p></fn>
<fn id="n3"><p>Vgl. Art. 9 und Art. 10 der Sprachenverordnung, SpV, SR 441.11 (<xref ref-type="bibr" rid="B34">Schweizerische Eidgenossenschaft 2022b</xref>).</p></fn>
<fn id="n4"><p>Vgl. Art. 11 der Sprachenverordnung, SpV, SR 441.11 (<xref ref-type="bibr" rid="B34">Schweizerische Eidgenossenschaft 2022b</xref>).</p></fn>
<fn id="n5"><p>Sie umfasste die folgenden Regeln: 1) Wortwiederholungen, Z&#246;gern, Selbstkorrekturen und F&#252;llw&#246;rter beibehalten; 2) Sprechpausen durch (.) markieren; 3) fallende Intonation mit einem Punkt und steigende Intonation mit einem Fragezeichen kennzeichnen; 4) Paralinguistische Informationen in eckigen Klammern angeben, z.B. &lt;lacht&gt;. Die f&#252;r diesen Beitrag ausgew&#228;hlten Transkripte hielten lediglich F&#252;llw&#246;rter wie <italic>mmh</italic> und vereinzelt paralinguistische Informationen fest.</p></fn>
</fn-group>
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<title>Literatur</title>
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<title>Kurzbio</title>
<p>Dr. Marion Mathier ist Dozentin f&#252;r Franz&#246;sisch und Englisch am Institut Primarstufe der P&#228;dagogischen Hochschule Bern. Ihre Forschungsinteressen umfassen policy analysis, kritische Diskursanalyse und kritische Soziolinguistik mit einem besonderen Schwerpunkt auf Maschine-Mensch-Interaktionen.</p>
<p>Dr. Simone Ganguillet arbeitet als Dozentin in den Bereichen Franz&#246;sisch und Mehrsprachigkeit am Institut Primarstufe der P&#228;dagogischen Hochschule Bern. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Mobilit&#228;tserfahrungen, bilingualer und differenzierter Unterricht sowie comparative education.</p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2"><bold>Anschrift:</bold></styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2"><ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="mailto:marion.mathier@phbern.ch">marion.mathier@phbern.ch</ext-link></styled-content></p>
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<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Institut Primarstufe</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">P&#228;dagogische Hochschule Bern</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Fabrikstrasse 8</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">CH-3012 Bern</styled-content></p>
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