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<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Interkulturellen Fremdsprachenunterricht</journal-title>
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<publisher-name>Universit&#228;ts- und Landesbibliothek Darmstadt</publisher-name>
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<subject>Aufsatz zum Themenschwerpunkt</subject>
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<article-title>Sprachliche Vereinfachungen in Materialien f&#252;r die berufliche Bildung &#8211; die Perspektive der Lehrkr&#228;fte</article-title>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Universit&#228;t M&#252;nster, Germanistisches Institut, Abteilung f&#252;r Sprachdidaktik, Stein-Haus, Schlossplatz 34, 48143 M&#252;nster</aff>
<aff id="aff-2"><label>2</label>Universit&#228;t Heidelberg, Institut f&#252;r Deutsch als Fremdsprachenphilologie, Pl&#246;ck 55, 69117 Heidelberg</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2024-03-27">
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<abstract>
<p>In diesem Beitrag werden die Ergebnisse einer empirischen Untersuchung zum Thema sprachliche Vereinfachungen in der beruflichen Bildung vorgestellt. Dazu wurden leitfadengest&#252;tzte Interviews mit Lehrkr&#228;ften an Institutionen zur Berufsausbildung durchgef&#252;hrt und ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen u.a., dass die Lehrkr&#228;fte sprachliche Vereinfachung zwar als wesentlich f&#252;r den Lernerfolg Lernender mit (noch) geringen Deutschkenntnissen erachten, aber den Einsatz sprachlicher Vereinfachungen mit Blick auf sprachliche Anforderungen au&#223;erhalb des Unterrichts dennoch oft meiden. Die sich daraus ergebenden Konsequenzen und notwendig erscheinenden Anpassungen werden abschlie&#223;end diskutiert, wobei auch genormte Pr&#252;fverfahren als institutionelle H&#252;rden mit in den Blick genommen werden.</p>
</abstract>
<trans-abstract xml:lang="en">
<p><bold>Linguistic simplifications in materials for vocational education &#8211; the teachers&#8217; perspective</bold></p>
<p>This paper presents the results of an empirical study on the topic of linguistic simplifications in vocational education. For this purpose, guided interviews with teachers at institutions for vocational education were conducted and analyzed. The results show, among other things, that although teachers consider linguistic simplification to be essential for the learning success of learners with a low proficiency in German, they often nevertheless avoid the use of linguistic simplifications in view of linguistic requirements outside the classroom. The resulting consequences and seemingly necessary adjustments are discussed in conclusion, whereby standardized testing procedures are also critically considered as institutional hurdles.</p>
</trans-abstract>
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<kwd>Sprachliche Vereinfachungen</kwd>
<kwd>Berufliche Bildung</kwd>
<kwd>Bildungserfolg</kwd>
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<kwd>Linguistic simplifications</kwd>
<kwd>vocational education</kwd>
<kwd>educational success</kwd>
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<title>1 Einleitung</title>
<p>Sprachliche Vereinfachungen finden immer mehr Verwendung in verschiedenen Bereichen. So bieten beispielsweise einige Unternehmen und Beh&#246;rden die Inhalte ihrer Internetseiten auch in Leichter Sprache (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B30">Netzwerk Leichte Sprache 2013</xref>) an, um sie so auch Menschen mit geringer Literalit&#228;t zug&#228;nglich zu machen. In vielen Bereichen wird die Anpassung von Sprache und Texten jedoch nicht praktisch umgesetzt. U.a. Niederhaus (<xref ref-type="bibr" rid="B31">2011: 210</xref>) stellt f&#252;r berufsbildende Schulfachb&#252;cher heraus, dass die verwendete Sprache f&#252;r bestimmte Gruppen eine Barriere darstellen kann. Zu diesen Gruppen z&#228;hlen Lernende ohne oder mit niedrigem Bildungsabschluss, die laut Reiss/Weis/Klieme/K&#246;ller (<xref ref-type="bibr" rid="B35">2019: 5</xref>) h&#228;ufig &#252;ber geringe Lesekompetenzen verf&#252;gen, aber auch neuzugewanderte Lernende bzw. Seiteneinsteiger*innen, die das deutsche Schulsystem nicht oder nur zu Teilen durchlaufen haben und entsprechend kaum mit der Fachsprachlichkeit in Lehrtexten, wie sie auch in der Berufsausbildung oder berufsvorbereitenden Bildungsma&#223;nahmen eingesetzt werden, vertraut sind.<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref></p>
<p>Vor dem Hintergrund der Diskussion um den Nutzen sprachlich vereinfachter Lehrtexte<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref>, die an die Lesekompetenz der Lernenden angepasst den Bildungsprozess in der beruflichen Bildung zumindest zeitweise unterst&#252;tzen sollen, stellen sich die Fragen, ob, aus welchen Gr&#252;nden und in welcher Form Vereinfachungen in der Praxis &#252;berhaupt zum Einsatz kommen. Zur Beantwortung dieser Fragen werden in einer theoretischen Hinf&#252;hrung zun&#228;chst das Problem der Diskrepanz zwischen sprachlichen Anforderungen in Texten der beruflichen Bildung und den (Un-)M&#246;glichkeiten des Verstehens dieser seitens der Lernenden dargelegt und daraufhin der m&#246;gliche Nutzen sprachlicher Vereinfachungen besonders f&#252;r die Zielgruppe der Seiteneinsteiger*innen hervorgehoben (s. Kap. 2).</p>
<p>Daraufhin werden die empirischen Ergebnisse einer im Rahmen des Projekts <italic>Einfach Alpha!</italic><xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref> durchgef&#252;hrten Interview-Studie dargestellt, die die Perspektiven von Lehrkr&#228;ften in der beruflichen Bildung auf den Einsatz und den Nutzen sprachlicher Vereinfachungen beleuchtet (s. Kap. 3), und abschlie&#223;end in Hinblick auf die genannten Fragestellungen diskutiert (s. Kap. 4).</p>
<p>Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der immer wieder in den Interviews auftretenden Frage nach der Vereinbarkeit von sprachlichen Vereinfachungen im Unterricht mit der Entwicklung fachsprachlicher Kompetenzen der Lernenden. Das Abw&#228;gen dieser Vereinbarkeit er&#246;ffnet den Blick auf Anpassungen, die &#252;ber die &#220;berarbeitung der Unterrichtsmaterialien hinausgehen, wobei besonders genormte Pr&#252;fverfahren als institutionelle H&#252;rden betrachtet werden.</p>
</sec>
<sec>
<title>2 Theoretischer Hintergrund</title>
<p>In diesem theoretischen Kapitel wird zun&#228;chst erl&#228;utert, welche linguistischen Merkmale f&#252;r Lehrtexte kennzeichnend sind, und welche typisch fachsprachlichen Strukturen das Textverst&#228;ndnis &#8211; besonders f&#252;r Lernende mit geringen Lesekompetenzen und/oder eingeschr&#228;nkten Kenntnissen deutscher Fachsprachen &#8211; erschweren k&#246;nnen (s. Kap 2.1). Die Bedeutung von Sprache f&#252;r den Bildungsprozess, nicht nur in Bezug auf das Textverst&#228;ndnis, wird abschlie&#223;end hervorgehoben und damit der Bogen zum Thema sprachlicher Vereinfachungen gespannt (s. Kap. 2.2). Kapitel 2.3 gibt daraufhin einen &#220;berblick &#252;ber den Forschungsstand zu sprachlichen Vereinfachungen und deren Erprobung, die in Hinblick auf ihren Nutzen f&#252;r bestimmte Zielgruppen noch gr&#246;&#223;tenteils ein Desiderat darstellt.</p>
<sec>
<title>2.1 Sprache als H&#252;rde in der beruflichen Bildung</title>
<p>Bei den im Ausbildungskontext verwendeten und von den Auszubildenden zu lesenden Texten handelt es sich um fachsprachliche Texte, die mit bestimmten kommunikativen Funktionen einhergehen. Um diese Funktionen zu erf&#252;llen, werden spezifische sprachliche Mittel gebraucht, die als typisch f&#252;r fachsprachliche Texte bezeichnet werden k&#246;nnen. Zwar gibt es verschiedene Fachsprachen, die je nach Fach (Wirtschaft, Politik, Mathematik etc.) verschiedene Formen annehmen, dennoch lassen sich einige Eigenschaften bzw. Prinzipien festmachen, in denen sich Fachsprachen als konzeptionell schriftliche Sprachregister typischerweise von der Alltagssprache unterscheiden. Die Fachsprachen kennzeichnenden sprachlichen Mittel ergeben sich dabei vor allem aus dem &#8222;f&#252;r Fachkommunikation typische Streben nach sprachlicher &#214;konomie&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B20">Kniffka/Linnemann 2016: 165</xref>). Daneben gelten Genauigkeit, Objektivit&#228;t und Sachlichkeit als weitere Prinzipien, denen Fachsprache allgemein dient (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B36">Roelcke 2020</xref>). Die strukturellen Besonderheiten von Fachsprachen erstrecken sich &#252;ber verschiedene Bereiche und k&#246;nnen f&#252;r Sch&#252;ler*innen sowie f&#252;r Auszubildende zur Herausforderung werden. Michalak/Lemke/Goeke (<xref ref-type="bibr" rid="B29">2015</xref>) fassen auch an anderer Stelle (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B31">Niederhaus 2011</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B21">Kniffka/Roelke 2016</xref> u.a.) identifizierte Merkmale fachsprachlicher Texte zusammen und unterscheiden dabei zwischen Merkmalen auf Wort-, Satz- und Textebene.</p>
<p>Als typisch fachsprachliche Merkmale auf der Wortebene gelten Fachtermini (z.B. <italic>gerinnen, Speiser&#246;hre</italic>), darunter auch Fremd- und Lehnw&#246;rter (z.B. <italic>Kohlenhydrate</italic>), mehrdeutige Begriffe (z.B. <italic>St&#228;rke, Eiwei&#223;</italic>) sowie Komposita und Wortbildungen &#252;ber Pr&#228;- und Suffixe (z.B. <italic>entziehen, zerlegen</italic>) (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B29">Michalak/Lemke/Goeke 2015: 56&#8211;61</xref>). Auf der Satzebene lassen sich eine Reihe komplexer Strukturen festmachen, die fachsprachlich der Erh&#246;hung der Informationsdichte dienen. Zu nennen sind dabei etwa der Gebrauch von h&#228;ufig sehr langen und verschachtelten Konditionals&#228;tzen (auch ohne Konjunktion, was das Verst&#228;ndnis weiter erschwert), Relativs&#228;tzen oder Finals&#228;tzen, wobei bei Letzteren erschwerend hinzukommt, dass sie oftmals mit dem Nebensatz beginnen (<italic>Damit ein Nahrungsbrocken nicht in die Luftr&#246;hre gelangt, legt sich beim Schlucken der Kehldeckel &#252;ber die &#214;ffnung der Luftr&#246;hre</italic>). Eine weitere potenzielle H&#252;rde in fachsprachlichen Texten sind Nominalisierungen, bei denen die Schwierigkeit vor allem auch darin besteht, dass in Verbals&#228;tzen satzgliedverbindende Konjunktionen (<italic>als, wenn, falls, obwohl</italic> etc.) durch pr&#228;positionale Ausdr&#252;cke ersetzt werden (<italic><underline>Nach</underline> dem Schlucken rutscht die Nahrung nicht von allein in den Magen</italic>). Nominalisierungen sind zudem h&#228;ufig Teil komplexer Nominalgruppen mit potenziell satzwertigen Links- und/oder Rechtsattributen (z.B. <italic><underline>in s&#252;&#223; schmeckendem</underline> Zucker; die Gefahr <underline>des Verschluckens</underline></italic>) sowie von unpers&#246;nlicher Passivkonstruktionen. In Bezug auf die Satzstellung ist festzustellen, dass das Subjekt nicht selten erst nach dem finiten Verb statt am Satzanfang erscheint (vgl. ebd.: 61&#8211;62.).</p>
<p>Auf der Textebene gibt es verschiedene Wiederaufnahmeelemente, die Koh&#228;renz herstellen sollen. Mittels synonymer W&#246;rter bzw. Wortgruppen (ein Nahrungsbrocken, ein Bissen, ein Speisebrocken) oder aber auch Pronomina (<italic>er, sie, es, dies</italic> etc.) und Adverbien (<italic>dort, dabei</italic> etc.) wird auf zuvor Genanntes Bezug genommen, wobei das Identifizieren bzw. Herausfiltern des Bezugselements herausfordernd sein kann (vgl. ebd. 64).</p>
<p>Das Verst&#228;ndnis von fachsprachlichen Texten kann nicht nur aufgrund linguistischer Merkmale auf der sprachlichen Oberfl&#228;che, sondern immer auch aufgrund &#8222;textuell-pragmatischer Merkmale wie sehr hoher Informationsdichte, nicht expliziter Text-Bild-Bez&#252;ge, un&#252;bersichtlicher Textstruktur, [&#8230;] nicht prototypischer Thema-Rhema-Strukturen usw.&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B38">Schmellentin 2023: 18</xref>) beeintr&#228;chtigt werden.</p>
<p>Zwar h&#228;ngt das Verst&#228;ndnis von Texten immer auch mit den Lesekompetenzen der Lesenden zusammen, die ebenfalls sehr komplex und individuell sind und sich nicht auf sprachliches Wissen beschr&#228;nken, dennoch kann aus spracherwerbstheoretischer Perspektive davon ausgegangen werden, dass viele der dargestellten fachsprachlichen Merkmale f&#252;r Lernende mit Deutsch als Zweitsprache, insbesondere Neuzugewanderte, zu komplex sind. Dies l&#228;sst sich anhand wissenschaftlich belegter Erwerbssequenzen beim Zweitspracherwerb erkl&#228;ren, die die lerner*innenunabh&#228;ngige festgelegte Erwerbsreihenfolge bestimmter sprachlicher Strukturen bestimmen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B13">Grie&#223;haber 2014</xref>).</p>
<p>Neben linguistischen Analysen von Lehrtexten deuten auch Befragungen von Lehrkr&#228;ften und Sch&#252;ler*innen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B40">Schmitz 2016: 1</xref>) sowie empirische Untersuchungen zum Leseverstehen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B34">Radach/Hofmann 2016</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B39">Schmellentin/Dittmar/Gilg/Schneider 2017</xref>, <xref ref-type="bibr" rid="B27">Mei&#223;ner 2023</xref>) darauf hin, dass fachsprachliche Lehrtexte von vielen Sch&#252;ler*innen nicht in ausreichendem Ma&#223;e verstanden werden. Die Diskrepanz zwischen den Anforderungen von Lehrtexten und den Lesekompetenzen der Lernenden spiegeln sich eindr&#252;cklich auch in den PISA-Resultaten (<xref ref-type="bibr" rid="B35">2018</xref>) zum Leseverstehen wider, laut denen 21% &#8211; 24% der Lernenden im deutschsprachigen Raum die PISA-Kompetenzstufe II bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit nicht erreichen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B35">Reiss et al. 2019</xref>). Lernende auf dieser Kompetenzstufe haben Schwierigkeiten, einfache Sachverhalte aus Texten zu verstehen und Koh&#228;renz aufzubauen. F&#252;r das Verst&#228;ndnis von naturwissenschaftlichen Schulbuchtexten wird dabei mindestens das Kompetenzniveau IV vorausgesetzt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B38">Schmellentin 2023: 18</xref>), was ca. 70 % der Jugendlichen im deutschsprachigen Raum bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit nicht erreichen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B35">Reiss et al. 2019</xref>).</p>
<p>Bei den Absolvent*innen nicht-gymnasialer Schulen, die h&#228;ufig eine Berufsausbildung beginnen, ist die Situation sogar versch&#228;rfter (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B35">Reiss et al. 2019</xref>). Nicht zuletzt aufgrund vermehrter Migrationsbewegungen in den letzten Jahren befindet sich eine wachsende Anzahl Auszubildender in Berufsausbildungen, die ihren Schulabschluss im Ausland erworben haben und somit schulisch nicht an das Register deutscher Fach- bzw. Bildungssprache herangef&#252;hrt wurden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B44">Statistisches Bundesamt 2022: o.S.</xref>).</p>
</sec>
<sec>
<title>2.2 Zur Bedeutung von Sprache f&#252;r den Bildungsprozess</title>
<p>Angesichts der Vielzahl an Lernenden in Bildungsprozessen, die Schwierigkeiten mit dem Verst&#228;ndnis von Fachtexten haben, stellt sich zwangsl&#228;ufig die Frage nach der Angemessenheit dieser Texte in Hinblick auf den festgestellten hohen Grad an fachsprachlicher Komplexit&#228;t.</p>
<p>In Bezug auf die Funktion von (Fach-)Sprache im Allgemeinen ist zun&#228;chst festzuhalten, dass fachliches Wissen immer mittels Sprache (als Lehr- und Lernmedium) &#8211; m&#252;ndlich und/oder schriftlich &#8211; an Lernende vermittelt wird (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B22">Krosanke 2021: 55</xref>). Dass Fachliches zwangsl&#228;ufig auch an Sprache gekoppelt ist, ergibt sich allerdings bereits aus der Tatsache, dass fachliches Wissen etwa &#252;ber Zusammenh&#228;nge und Prozesse mental sprachlich aufgebaut, bearbeitet und organisiert wird. Dar&#252;ber hinaus werden fachliche Informationen sprachlich vermittelt, Unterrichtsmedien werden unter Nutzung der Sprache ausgewertet, Diskussionen &#252;ber fachliche Zusammenh&#228;nge gef&#252;hrt, Arbeitsergebnisse formuliert und Lernfortschritte ebenfalls sprachlich kommuniziert (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B29">Michalak et al. 2015: 13</xref>). Auch dient Sprache als Mittel zur Leistungs&#252;berpr&#252;fung, sodass sich wenig &#252;berraschend auch ein Zusammenhang zwischen fachlichem bzw. schulischem Erfolg und (fach)sprachlichen Kompetenzen bzw. (fach)sprachlicher Handlungsf&#228;higkeit feststellen l&#228;sst (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B25">Lengyel 2010: 596</xref>), welcher zentral f&#252;r neuere didaktische Lehrkonzepte wie den <italic>sprachsensiblen Fachunterricht</italic> (vgl. Leisen 2013) ist. Das Realisieren von unterschiedlichen sprachlichen Handlungen (Beschreiben, Erkl&#228;ren, Diskutieren, etc.) soll Lernenden im <italic>sprachsensiblen Fachunterricht</italic> erm&#246;glichen, den Unterrichtsgegenstand aktiv zu verarbeiten (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B49">Woerfel/Giesau 2018: 2</xref>). Die fachbezogene Sprachverwendung und damit verbundene Handlungsf&#228;higkeit stellt also eine Art &#252;bergeordnetes (berufs-)schulisches Lernziel dar, das zwar bisher curricular selten transparent gemacht wird (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B1">Ahrenholz/H&#246;velbrinks/Schmellentin 2017: 7</xref>), m&#246;glicherweise aber ein Grund daf&#252;r ist, warum am hohen Komplexit&#228;tsgrad von Lehrtexten festgehalten wird.</p>
<p>Fachtexte bzw. Fachb&#252;cher stellen eine institutionelle Form des Inputs dar, dienen dabei jedoch nicht nur als reine Wissensquelle, sondern haben zudem die p&#228;dagogisch-didaktische Funktion der &#8222;Unterst&#252;tzung und Entlastung schulischer Lernprozesse&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B48">Wiater 2003: 14</xref>). So spielen sie f&#252;r Lehrkr&#228;fte eine zentrale Rolle bei der Planung und Organisation des Unterrichts (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B16">H&#228;rtig/Kauertz/Fischer 2012</xref>), w&#228;hrend sie Lernenden ein selbstbestimmtes Lernen auch au&#223;erhalb des Unterrichts &#8211; etwa beim Bearbeiten von Hausaufgaben oder bei der Vorbereitung auf Pr&#252;fungen &#8211; erm&#246;glichen sollen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B32">Niederhaus 2013: 556</xref>). Inwieweit Lehrtexte f&#252;r eigenst&#228;ndiges Lernen au&#223;erhalb des Unterrichts verwendet werden, h&#228;ngt allerdings ebenfalls mit ihrer Verst&#228;ndlichkeit zusammen (vgl. ebd.), weshalb sich argumentieren l&#228;sst, dass ein Ziel der beruflichen Bildung &#8211; n&#228;mlich die sprachliche Handlungsf&#228;higkeit und Partizipation zu f&#246;rdern (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B7">Butler/Goschler 2019: V</xref>) &#8211; zumindest in Teilen verfehlt wird, wenn Lehrtexte f&#252;r Lernende nicht verst&#228;ndlich genug sind, um sie selbstst&#228;ndig zu nutzen. Lehrtexte k&#246;nnen so zu &#8222;einem gro&#223;en Hindernis statt zu einer Hilfe beim Erwerb des fachlichen Wissens werden&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B33">Ohm/Kuhn/Funk 2007: 9</xref>).</p>
<p>Ausreichende fachsprachliche Kompetenzen stellen also in mehrfacher Hinsicht eine Voraussetzung f&#252;r fachliches Lernen dar. Sie erm&#246;glichen das Verstehen und die Kommunikation fachlichen Wissens sowie das (auch selbstst&#228;ndige) Arbeiten mit und Nutzen von Lehrtexten, die wiederum einen bedeutenden Zugang zu fachlichem Wissen darstellen. Fachliche Sprachkompetenzen sind dabei keinesfalls auf Kenntnisse des Deutschen zu beschr&#228;nken. Auch Seiteneinsteiger*innen ins deutsche Bildungssystem haben in der Regel Vorerfahrungen, die sie in den Fachunterricht einbringen k&#246;nnen. Dazu z&#228;hlen neben dem Erwerb mindestens eines Sprachsystems auch Lesestrategien und -methoden sowie Lerntechniken und Denkstrukturen, die f&#252;r das Lernen im Fachunterricht relevant sind und dieses unterst&#252;tzen k&#246;nnen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B28">Michalak/Bachtsevanidis 2012: 5</xref>).</p>
<p>Die vielf&#228;ltigen sprachlichen Ressourcen &#8211; besonders auch mehrsprachiger Lernender &#8211; stellen eine gro&#223;e Chance f&#252;r den <italic>sprachsensiblen Fachunterricht</italic> dar, werden in vielen Kontexten jedoch noch unzureichend genutzt, was auch daran liegt, dass Fachlehrkr&#228;fte &#8222;bislang unzureichend auf sprachintegrierenden Unterricht vorbereitet werden&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B20">Kniffka/Linnemann 2016: 164</xref>).</p>
</sec>
<sec>
<title>2.3 Zum Einsatz sprachlicher Vereinfachungen</title>
<p>Ohne das &#252;bergeordnete Ziel der Ausbildung der Fachsprachlichkeit aus den Augen zu verlieren, stellen sprachliche Vereinfachungen<xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref> eine M&#246;glichkeit dar, Lernenden (auch das eigenst&#228;ndige) Lernen und Arbeiten mit Fachtexten zug&#228;nglicher zu machen und zu erleichtern. Dabei ist zu definieren, was als Vereinfachung verstanden wird, und zu diskutieren, f&#252;r wen und zu welchem Zweck vereinfacht wird.</p>
<p>Im Rahmen der Diskussion um Bildungs- und Fachsprache sowie ihre Merkmale wurden in den vergangenen Jahren mehrere Studien zu Vereinfachungen von Fachtexten der Naturwissenschaften auf der lexikalischen und morphosyntaktischen Ebene in der Primar- und Sekundarstufe I durchgef&#252;hrt, die allerdings keine oder nur geringe Effekte dieser Vereinfachungen auf das Textverstehen zeigten (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B45">Stephany 2023: 2</xref>). So kommen beispielsweise Hackemann/Heine/H&#246;ttecke (<xref ref-type="bibr" rid="B15">2022</xref>) in ihrer Studie zum Leseverstehen von Physiktexten in der Sekundarstufe I zu dem Ergebnis, dass Texte mit h&#246;herer sprachlicher Komplexit&#228;t im Vergleich zu Texten mit reduzierter sprachlicher Komplexit&#228;t von den Lesenden zwar als anspruchsvoller eingesch&#228;tzt werden, jedoch nicht schlechter verstanden werden. Die Autor*innen vermuten, dass Lesende sich bei sprachlich komplexeren Texten herausgefordert f&#252;hlen und dadurch entsprechende Lesestrategien aktiviert werden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B15">Hackemann et al. 2022: 61</xref>).</p>
<p>Schmellentin et al. (<xref ref-type="bibr" rid="B39">2017</xref>) konnten im Rahmen von Leseprozessbeobachtungen, bei denen Sch&#252;ler*innen der Klasse 7 Texte aus Biologieschulb&#252;chern lasen, feststellen, dass die Teilnehmenden neben Schwierigkeiten auf der Wort- und Satzebene Verstehensschwierigkeiten, die im Layout und in den Abbildungen begr&#252;ndet waren, hatten. Sie unterschieden zudem Schwierigkeiten mit Fachw&#246;rtern und -konzepten, die auf einen nicht gelungenen Koh&#228;renzaufbau w&#228;hrend der Lekt&#252;re des Textes zur&#252;ckzuf&#252;hren waren. Bei dieser Art der Verstehensschwierigkeit handelt es sich um die h&#228;ufigste in dieser Studie (ebd.: 87). Als textseitige Ursachen, die den Koh&#228;renzaufbau st&#246;ren, halten die Autor*innen ungen&#252;gende bzw. fehlende Definitionen von Fachbegriffen, komplexe Satzstrukturen, die Verwendung von Synonymen, verteilt stehende Informationen zu einem Konzept, Informationsdichte und fehlende Text-Bild-Verweise fest (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B39">Schmellentin et al. 2017: 87</xref>). Auch die Studie von Stephany (<xref ref-type="bibr" rid="B46">2018</xref>) zu Mathematiktextaufgaben in der Primarstufe konnte zeigen, dass der Koh&#228;renzaufbau beim Lesen am h&#228;ufigsten zu Schwierigkeiten f&#252;hrte. Stephany (<xref ref-type="bibr" rid="B45">2023: 16</xref>) leitet aus diesen Befunden ab, dass eine alleinige Betrachtung und Vereinfachung lexikalischer und morphosyntaktischer Merkmale nicht ausreicht und &#8222;[i]nsbesondere f&#252;r Sch&#252;ler:innen mit geringerem Vorwissen und eher geringer Lesekompetenz [&#8230;] ein klar nachzuvollziehender Koh&#228;renzpfad, der das Verstehen auch explizit unterst&#252;tzt, essenziell [ist]&#8220;. Zudem sollten nicht nur textseitige Charakteristika betrachtet werden, sondern ebenfalls Prozesse und Kompetenzen auf Seiten der Lesenden (ebd.). F&#252;r den schulischen Kontext h&#228;lt Schmellentin (<xref ref-type="bibr" rid="B38">2023: 20</xref>) Folgendes fest:</p>
<disp-quote>
<p>Die Anforderungen, die Lehrtexte der Sekundarstufe I an die sprachlich-literalen Kompetenzen stellen, liegen f&#252;r einen gro&#223;en Teil der Sch&#252;ler:innen au&#223;erhalb der Zone der proximativen Entwicklung (Wygotsky 1978). Sie k&#246;nnen so ihre Wirksamkeit f&#252;r das Lernen nicht entfalten und schr&#228;nken f&#252;r die betroffenen Lernenden die Teilhabe am Unterrichtsdiskurs ein. Diese Zone empirisch fundiert zu definieren, stellt ein Desiderat dar.</p>
</disp-quote>
<p>Schlenker-Schulte/Wagner (<xref ref-type="bibr" rid="B37">2006</xref>) untersuchten in ihrer Studie im Rahmen der Forschung zur H&#246;rgesch&#228;digten-P&#228;dagogik den Effekt von auf der Wort-, Satz- und Textebene optimierten Pr&#252;fungsaufgaben in der beruflichen Bildung. Als Kontrollgruppe fungierte die gleiche Anzahl nicht h&#246;rgesch&#228;digter Berufssch&#252;ler*innen mit weitestgehend denselben Schulabschl&#252;ssen wie die Teilnehmenden der Experimentalgruppe. In der Interventionsgruppe zeigten sich signifikante Effekte der Textoptimierung bei der Antwortzeit und Korrektheit der Antworten in der Gruppe der H&#246;rgesch&#228;digten und in der Kontrollgruppe. In der Kontrollgruppe profitierten bez&#252;glich der Korrektheit der Antworten jedoch nur die Teilnehmenden mit niedrigem Bildungsabschluss signifikant von den Textoptimierungen (vgl. ebd.: 208).</p>
<p>Auch au&#223;erhalb des schulischen Kontexts kommen Vereinfachungen, beispielsweise in Form der Leichten Sprache, zum Einsatz. Adressiert werden durch die Leichte Sprache unter anderem die Gruppen der gering literalisierten Personen und der Personen mit (noch) geringen Deutschkenntnissen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B5">Bredel/Maa&#223; 2016: 160, 162&#8211;163</xref>). F&#252;r diese Gruppen stellen Texte in Leichter Sprache ein Partizipationsangebot dar und sollen bei der Bew&#228;ltigung von Situationen, in denen auf schriftliche Ressourcen zur&#252;ckgegriffen werden muss, helfen (ebd.). W&#228;hrend seitens Praktiker*innen davon ausgegangen wird, dass Texte in Leichter Sprache den Zugang zu relevanten arbeitsprozessbezogenen Informationen f&#252;r Menschen mit Lernschwierigkeiten erleichtert und &#8222;somit deren Selbstst&#228;ndigkeit im Arbeitskontext gef&#246;rdert wird&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Bergelt/Goldbach/Seidel 2016: 16</xref>), stellen empirische Studien zur Wirksamkeit von Leichter Sprache in Bezug auf einzelne Zielgruppen und ihrer Ausgestaltung bislang ein Forschungsdesiderat dar (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B8">Christmann 2017: 47</xref>).</p>
<p>Unabh&#228;ngig vom Kontext, in dem Textanpassungen vorgenommen werden sollen, muss bedacht werden, dass Textverstehen ein Zusammenspiel aus (sprachlichen) Merkmalen auf der Textseite und kognitiven Prozessen beim Lesen auf der Seite der Lesenden darstellt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B45">Stephany 2023: 3&#8211;4</xref>.). Ein Text &#8222;ist immer nur verst&#228;ndlich hinsichtlich eines Adressatenkreises und hinsichtlich einer bestimmten Lesesituation&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Bock 2018: 18</xref>). Dies verdeutlicht, dass pauschale und allgemeing&#252;ltige Aussagen zu Vereinfachungen nicht getroffen werden k&#246;nnen und es sich bei Vereinfachungen nicht um starre Konstrukte bzw. unver&#228;nderliche Regelwerke handeln darf.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>3 Empirischer Teil: Sprachliche Vereinfachungen aus der Perspektive der Lehrkr&#228;fte</title>
<p>Die dargestellten theoretischen Ausf&#252;hrungen dienten dem Problemaufriss in Bezug auf die sprachliche Komplexit&#228;t fachsprachlicher Texte in der beruflichen Bildung. Es wurde aufgezeigt, dass Lehrtexte ein Lernhindernis darstellen k&#246;nnen, weshalb auch die Forderung laut wird, neben der F&#246;rderung fachsprachlicher Kompetenzen auch eine Vereinfachung berufsrelevanter Texte vorzunehmen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B47">Tjarks-Sobhani 2017: 103</xref>).</p>
<p>Das Thema der sprachlichen Vereinfachungen wird im Folgenden aus der Perspektive von Lehrkr&#228;ften in der beruflichen Bildung n&#228;her beleuchtet. Nach Erl&#228;uterung des methodischen Vorgehens (s. Kap. 3.1) werden die Ergebnisse der empirischen Erhebung zun&#228;chst pr&#228;sentiert (s. Kap. 3.2) und daraufhin vor dem Hintergrund der formulierten Fragestellungen diskutiert (s. Kap. 4).</p>
<sec>
<title>3.1 Erkenntnisinteresse</title>
<p>Der Fragestellung nach dem Einsatz und Nutzen sprachlicher Vereinfachungen soll im empirischen Teil auf Grundlage von Erfahrungsberichten von Berufsschullehrkr&#228;ften bzw. Ausbildenden im Berufsausbildungskontext nachgegangen werden. Die anhand von Leitfadeninterviews erhobenen Aussagen der Lehrkr&#228;fte sollen dabei Hinweise auf m&#246;gliche sprachliche H&#252;rden in Lehrtexten und deren m&#246;gliche &#220;berwindung mittels sprachlicher Anpassungen geben, w&#228;hrend der berichtete (Nicht-)Einsatz von Lehrtexten den m&#246;glichen Nutzen sprachlicher Vereinfachungen beleuchten soll.</p>
</sec>
<sec>
<title>3.2 Datenerhebung</title>
<sec>
<title>3.2.1 Erhebungskontext</title>
<p>Die Datenerhebung erfolgte in drei verschiedenen Einrichtungen zur beruflichen Bildung, mit denen im Rahmen des Projekts <italic>Einfach Alpha!</italic> kooperiert wurde. Im Rahmen von Leitfadeninterviews wurde die Perspektive von Lehrkr&#228;ften aus unterschiedlichen Bildungseinrichtungen der Ausbildung(svorbereitung) erfragt.</p>
<p>Zum einen handelt es sich dabei um Berufsschullehrkr&#228;fte, die an einer Berufsschule in Heidelberg in den Bereichen <italic>B&#228;ckerei, Konditorei</italic> und <italic>Fachverkauf</italic> unterrichten. Die befragten Berufsschullehrkr&#228;fte arbeiten seit mehreren Jahren an der Schule. Zwei der Lehrkr&#228;fte studierten Ern&#228;hrungswissenschaften und gelangten &#252;ber einen Quereinstieg an die berufliche Schule. Die dritte Lehrkraft studierte nach einer Ausbildung in der Pflege Sonderp&#228;dagogik mit dem Hauptfach Hauswirtschaft. Alle drei Lehrkr&#228;fte geben an, sich im Rahmen von Weiterbildungen mit den Themen <italic>sprachsensibler Fachunterricht</italic> und sprachliche Vereinfachungen befasst zu haben. Auszubildende besuchen die Berufsschule in der Regel einmal pro Woche im Rahmen einer dreij&#228;hrigen Berufsausbildung.</p>
<p>Eine weitere befragte Lehrkraft unterrichtet ebenfalls in Heidelberg in Ausbildungsvorbereitungsklassen des Bereichs <italic>Gesundheit und Pflege</italic>. Sie studierte die F&#228;cher Gerontologie und Englisch f&#252;r das Berufsschullehramt und unterrichtet seit einem Jahr. Themen wie <italic>sprachsensibler Fachunterricht</italic> oder sprachliche Vereinfachungen waren nach ihren Aussagen nicht Inhalt des Studiums, wurden aber im Rahmen freiwilliger Weiterbildungen behandelt. In den Ausbildungsvorbereitungsklassen haben die Auszubildenden t&#228;glich Unterricht. Erg&#228;nzend absolvieren sie &#252;ber das Schuljahr verteilt mehrere Blockpraktika.</p>
<p>Daneben wurden auch Lehrkr&#228;fte bzw. Ausbildende einer Einrichtung zur &#252;berbetrieblichen Ausbildung befragt, die auf die Berufsfelder <italic>Stra&#223;enbau, Maurerwesen</italic> oder <italic>Stuck und Trockenbau</italic> spezialisiert sind. Bei den Ausbildenden handelt es in aller Regel nicht um studiertes p&#228;dagogisches Personal, sondern um Handwerkmeister*innen, die in vielen F&#228;llen auf langj&#228;hrige berufliche Erfahrung in ihren jeweiligen Berufsfeldern zur&#252;ckblicken. Mehrmals j&#228;hrlich besuchen die Ausbildenden jedoch fachliche sowie p&#228;dagogische Fortbildungen, die hausintern und im Rahmen der Arbeitszeit stattfinden. Die Teilnahme ist f&#252;r die Ausbildenden verpflichtend. Die Auszubildenden (verschiedener kleiner bis mittlerer Betriebe aus der Region) arbeiten in den mehrw&#246;chigen &#252;berbetrieblichen Ausbildungsphasen &#252;berwiegend praktisch und fertigen berufsspezifische Baust&#252;cke an. Eine zentrale Textsorte sind dabei sogenannte <italic>Kundenauftr&#228;ge</italic>, bei denen es sich um Arbeitsanweisungen handelt, mithilfe derer die Auszubildenden handlungsorientiert und damit theoretisch m&#246;glichst selbstst&#228;ndig ihre Aufgaben erfassen, durchf&#252;hren und evaluieren k&#246;nnen. Auch durch die Unterst&#252;tzung und Anleitung der Ausbildenden sollen so grundlegende fachliche Fertigkeiten erlernt und auch Fachwissen erworben werden. Abgesehen von den <italic>Kundenauftr&#228;gen</italic> spielt Schriftlichkeit in der &#252;berbetrieblichen Ausbildungszeit im Vergleich zum Unterricht an der Berufsschule nur eine untergeordnete Rolle, die praktisch geleistete Arbeit muss jedoch w&#246;chentlich von den Auszubildenden in einem Berichtsheft dokumentiert werden.</p>
<p>Durch im Rahmen des Projekts <italic>Einfach Alpha!</italic> durchgef&#252;hrte (Korpus-)Analysen sowohl der in den (Berufs-)schulen genutzten Lehrbuchtexte als auch der in der &#252;berbetrieblichen Ausbildung genutzten Kundenauftr&#228;ge lie&#223; sich jeweils eine Vielzahl von f&#252;r Fachsprachen typischen Merkmalen identifizieren.</p>
<p>Der Anteil von Auszubildenden ohne einen deutschen Schulabschluss reichte in den drei beobachteten Bildungseinrichtungen nach eigenen Sch&#228;tzungen von 10 bis 20 %.</p>
</sec>
<sec>
<title>3.2.2 Das leitfadengest&#252;tzte Interview</title>
<p>F&#252;r die Datenerhebung wurde die Form des leitfadengest&#252;tzten Interviews (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B19">Helfferich 2011</xref>) gew&#228;hlt. W&#228;hrend dieses das Gespr&#228;ch strukturiert und eine Richtung vorgibt, bietet es im Idealfall dennoch Raum f&#252;r offene Erz&#228;hlungen, indem Fragen formuliert werden, deren Antworten nicht durch vorgefertigte Antwortkategorien beschr&#228;nkt werden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B9">D&#246;rnyei 2007: 136</xref>). Nach dem SPSS-Prinzip (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B19">Helfferich 2011</xref>) wurden zun&#228;chst m&#246;glichst viele Fragen gesammelt, bevor sie hinsichtlich ihrer Formulierung gepr&#252;ft und ggf. &#252;berarbeitet oder verworfen wurden. Die verbliebenen Fragen wurden nach inhaltlichen (oder chronologischen) Aspekten in Frageb&#252;ndel sortiert, f&#252;r die jeweils ein erz&#228;hlgenerierender Impuls formuliert wurde (vgl. ebd.: 182).</p>
<p>Das &#252;bergeordnete Thema der Interviews waren sprachliche Vereinfachungen im weitesten Sinne. Dabei sprachen wir mit den Lehrkr&#228;ften zum einen &#252;ber ihre eigenen Kompetenzen im Bereich der sprachlichen Vereinfachungen und ihren individuellen Einsatz dieser Vereinfachungen, zum anderen &#252;ber Bedarfe der Lernenden und die sich aus dem Einsatz von sprachlichen Vereinfachungen ergebenden Konsequenzen f&#252;r den Unterricht und dar&#252;ber hinaus. Eine Auswahl an m&#246;glichen Leitfragen wird nachfolgend pr&#228;sentiert:</p>
<list list-type="bullet">
<list-item><p>Nehmen Sie bei der Arbeit mit Ihrer Klasse (bewusst) Anpassungen Ihres m&#252;ndlichen Sprachgebrauchs vor? Welcher Art sind diese Anpassungen?</p></list-item>
<list-item><p>Vereinfachen Sie auch schriftliche Materialien? In welcher Form?</p></list-item>
<list-item><p>Welche Vereinfachungsstrategien w&#252;rden Sie als besonders hilfreich/effektiv bezeichnen?</p></list-item>
<list-item><p>Wieso nehmen Sie sprachliche Anpassungen/Vereinfachungen vor?</p></list-item>
<list-item><p>Welche Lernenden profitieren von den Vereinfachungen?</p></list-item>
<list-item><p>Inwieweit nehmen Sie wahr, dass diese Anpassungen den Lernenden helfen, Inhalte besser zu verstehen?</p></list-item>
<list-item><p>Konnten Sie beobachten, dass bestimmte Strategien eher negativ wahrgenommen / von den Lernenden abgelehnt werden? Falls ja, um welche handelt es sich?</p></list-item>
<list-item><p>W&#252;rden Sie gern mehr &#252;ber sprachliche Vereinfachungen erfahren? Was w&#252;rden Sie gern erfahren (Effekte, Forschungsstand, Anwendung/Unterrichtspraxis etc.)?</p></list-item>
</list>
</sec>
<sec>
<title>3.2.3 Durchf&#252;hrung der Interviews</title>
<p>In der &#252;berbetrieblichen Ausbildungseinrichtung wurden die Interviews jeweils in den B&#252;ros der Ausbildenden w&#228;hrend des Regelbetriebs durchgef&#252;hrt, in dem die Auszubildenden &#252;ber mehrst&#252;ndige Phasen gr&#246;&#223;tenteils selbstst&#228;ndig an praktischen Aufgaben arbeiten. Dennoch mussten einige Interviews kurzzeitig unterbrochen werden, wenn Auszubildende beispielsweise bei den Ausbildenden Rat einholten. An den beruflichen Schulen fanden die Interviews au&#223;erhalb der Unterrichtszeit statt. Zwei der Interviews konnten im Lehrerzimmer des Fachbereichs durchgef&#252;hrt werden, zwei weitere fanden pandemiebedingt online als Videokonferenz statt.</p>
<p>Die Interviews mit einer Gesamtl&#228;nge von 10 bis 27 Minuten wurden im Zeitraum vom 1. Dezember bis 16. Dezember 2021 durchgef&#252;hrt und per Audio aufgezeichnet.</p>
</sec>
<sec>
<title>3.2.4 Datenanalyse</title>
<p>Die Interviewaufnahmen mit einer Gesamtl&#228;nge von 173 Minuten wurden w&#246;rtlich in Anlehnung an inhaltlich-semantische Transkriptionssysteme verschriftlicht, da lediglich der Inhalt der Aussagen der Interviewten als Analysegrundlage dienen sollte. Die Auswertung erfolgte auf Grundlage der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (<xref ref-type="bibr" rid="B26">2015</xref>), deren Vorzug besonders im systematischen und theoriegeleiteten Vorgehen liegt, wobei die die Methode kennzeichnende Kategorienbildung entscheidend ist (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B26">Mayring 2015: 13</xref>). Gem&#228;&#223; der inhaltlichen Strukturierung wurden theoriegeleitet &#8222;bestimmte Themen, Inhalte, Aspekte aus dem Material&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B26">Mayring 2015: 103</xref>) herausgefiltert und letztlich zu Kategorien zusammengefasst, die die nachfolgende Darstellung der Ergebnisse gliedern.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>3.3 Ergebnisse</title>
<p>Im Folgenden sollen die zentralen Ergebnisse der durchgef&#252;hrten Interviews dargestellt werden. Im ersten Teil werden zun&#228;chst allgemeine von den Lehrkr&#228;ften genutzte Vereinfachungsstrategien zusammengetragen (s. Kap. 3.2.1). Anschlie&#223;end geht es um die Frage, f&#252;r welche Zielgruppe sprachliche Vereinfachungen vorgenommen werden (sollten) bzw. welche Lernenden von Vereinfachungen besonders profitieren k&#246;nnen (s. Kap. 3.2.2). Abschlie&#223;end wird dargestellt, wie und aus welchen Gr&#252;nden die Lehrkr&#228;fte schriftliche Vereinfachungen einsetzen oder weshalb sie vom Einsatz schriftlicher Vereinfachungen absehen (s. Kap. 3.2.3)</p>
<sec>
<title>3.3.1 Sprachliche Vereinfachungen</title>
<p>Die allgemein gehaltene Frage nach eingesetzten sprachlichen Vereinfachungen brachte vielf&#228;ltige Strategien und Handlungsweisen der Lehrkr&#228;fte aller Bildungseinrichtungen hervor. Dabei kann unterschieden werden zwischen einerseits eher didaktischen Prinzipien, mithilfe derer das Verst&#228;ndnis, die Aufmerksamkeit oder auch das Interesse der Auszubildenden erh&#246;ht werden soll, und andererseits &#8211; und im Rahmen dieser Studie von besonderem Interesse &#8211; linguistische Vereinfachungen vor allem im schriftlichen Sprachgebrauch.</p>
<p><bold>Fachtermini</bold></p>
<p>Einig sind sich die meisten der befragten Lehrkr&#228;fte, dass Fachbegriffe eine Schwierigkeit f&#252;r das Verst&#228;ndnis fachsprachlicher Texte darstellen. Da sie jedoch zum grundlegenden Fachwissen geh&#246;ren und sich ihre Schwierigkeit letztlich nicht (nur) aus ihrer sprachlichen Form, sondern aus ihrer Bedeutung ergibt, lassen sie sich nur schwer vereinfachen:</p>
<disp-quote>
<p>Fachbegriffe spezi&#8230; teilweise kann ich nicht weglassen. Wie gesagt, es wird hier Fachpersonal ja ausgebildet und mal so was, wie zum Beispiel <italic>Siedegeb&#228;ck</italic> oder <italic>Siedebackger&#228;t</italic> oder, was gibt es denn noch, oder <italic>Ganache</italic> zum Beispiel, die &#220;berzugsmasse. Ich k&#246;nnte auch sagen <italic>Schokoladen&#252;berzugsmasse</italic>, aber das w&#228;re vielleicht f&#252;r die Sprach&#8230; die mit der Sprache mehr Probleme haben einfacher, aber ich muss da auch den Fachbegriff mitreinbringen. (LK08)</p>
</disp-quote>
<p>Eine M&#246;glichkeit, Texte mit Fachwortschatz zu vereinfachen, ohne die sprachliche Form zu ver&#228;ndern, besteht darin, das Bezeichnete (sofern es sich nicht um Abstrakta handelt) bildlich darzustellen bzw. zu visualisieren:</p>
<disp-quote>
<p>Ja gut, es gibt ja auch die M&#246;glichkeit&#8230;gut, bei uns grad nicht&#8230; manchmal sagt ein Bild mehr als tausend Worte, ne. Ist manchmal so, ne. Wenn man irgendwelche Piktogramme hat und sowas, siehst du ja, wenn du so einen ollen Corona-Test hast, dann guckt man drauf, wie das so ist, wenn man das beschreiben m&#252;sste, w&#228;re das schwierig, ne. (LK03)</p>
</disp-quote>
<p>Eine Lehrkraft berichtet, dass sie die Lernenden Fachbegriffe mit einer Umschreibung in einem selbstst&#228;ndig gef&#252;hrten Glossar festhalten l&#228;sst, was besonders f&#252;r Berufe sinnvoll erscheint, in denen viele nicht abbildbare Abstrakta vorkommen, etwa im Bereich Pflege (z.B. Krankheitssymptome oder -erreger):</p>
<disp-quote>
<p>Die Sch&#252;ler sind angehalten selber eine Vokabelliste zu f&#252;hren, so eine Art Glossar, wo sie dann zum Beispiel die Fachbegriffe oder wo sie&#8230; Genau, wo sie die Fachbegriffe notieren und jeweils eine eigene Erkl&#228;rung daf&#252;r aufschreiben. (LK09)</p>
</disp-quote>
<p>Das Anfertigen selbsterstellter Wortlisten, in denen Fachw&#246;rter sowie fachsprachliche Sprachbausteine auch sprachkontrastiv betrachtet werden k&#246;nnen, kann auch genutzt werden, um fachsprachliche Kenntnisse von neuzugewanderten Lernenden mit R&#252;ckgriff auf ihre Erstsprachen nutzbar zu machen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B28">Michalak/Bachtsevanidis 2012</xref>). Die Mehrsprachigkeit von Seiteneinsteiger*innen kann so als Ressource genutzt werden, was f&#252;r diese Gruppe Lernender, deren Sprachkompetenz h&#228;ufig als defizit&#228;r betrachtet wird (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B11">Gogolin 1994</xref>), auch eine erm&#228;chtigende Wirkung haben kann.</p>
<p>Des Weiteren werden neu eingef&#252;hrte Fachbegriffe bzw. deren Referenten vom Lehrpersonal gezeigt, an die Tafel gezeichnet oder m&#252;ndlich erkl&#228;rt. W&#228;hrend einige Lehrkr&#228;fte gerne umgangssprachliche (bzw. im Berufsalltag g&#228;ngige) Synonyme verwenden, lehnen andere dies bewusst ab, um die Auszubildenden mit den Fachtermini vertraut zu machen, was folgende Aussagen zweier Lehrkr&#228;fte verdeutlichen:</p>
<disp-quote>
<p>Hm. Also wie gesagt, wenn ich jetzt [&#228;hm] versuche zum Beispiel so [&#228;hm] Leits&#228;tze zu erkl&#228;ren [PAUSE], dann merke ich schon, dass ich nochmal versuche einfachere W&#246;rter dann kommt sowas wie <italic>Getreidemahlerzeugnisse</italic>. Ja also das versteht kaum ein deutscher Sch&#252;ler, also dann sag ich halt <italic>Mehl</italic>, ja aber [PAUSE] Ja, versuche ich besonders, wenn Fl&#252;chtlinge drinnen sind oder Sprachsch&#252;ler und wenn das aber [&#228;hm] nicht der Fall ist, mache ich es mir auch so, dass ich jetzt versuche das vereinfacht zu sprechen. Ja. (LK06)</p>
<p>Und ich muss nat&#252;rlich auch aufpassen, dass ich keinen Slang spreche. Es gibt ja einen Bauslang. Wenn wir zum Beispiel sagen: <italic>Gib mir mal den Speis</italic> oder so was. <italic>Speis</italic> soll man nicht sagen. Man soll <italic>M&#246;rtel</italic> sagen. Oder <italic>Gliederma&#223;stab</italic>. Oder es gibt ja auch diese Abstandhalter, f&#252;r die man auf der Baustelle <italic>Popel</italic> sagt. Diese Begriffe darf ich nat&#252;rlich nicht gebrauchen. (LK05)</p>
</disp-quote>
<p>W&#228;hrend der Nutzen von synonymen Bezeichnungen zur Verst&#228;ndniskl&#228;rung sinnvoll erscheint, heben u.a. H&#228;rtig/Kohnen (<xref ref-type="bibr" rid="B17">2017</xref>) die Wichtigkeit der konsequenten Verwendung von Fachbegriffen hervor, die besonders Lernenden mit geringeren sprachlichen Kenntnissen in der Zielsprache beim Konzeptaufbau hilft (vgl. ebd.: 56). Dass in Betrieben sowie in der &#252;berbetrieblichen Ausbildungseinrichtung m&#252;ndlich h&#228;ufig andere Begriffe f&#252;r bestimmte Konzepte verwendet werden als schriftlich, kann das Verst&#228;ndnis bzw. den Lernprozess f&#252;r Auszubildende demnach mitunter erschweren, statt zu erleichtern.</p>
<p>Eine weitere von Lehrkr&#228;ften genutzte Vereinfachungsstrategie besteht darin, Fachbegriffe sowie deren Ursprung eingangs zu erkl&#228;ren, um so gleichzeitig Interesse zu wecken und die fachliche Auseinandersetzung zu f&#246;rdern:</p>
<disp-quote>
<p>Wenn ich jetzt zum Beispiel eben habe diesen Sieblinienversuch gemacht, da geh&#246;rt es nat&#252;rlich dann schon dazu, dass man an der Stelle vielleicht da einmal ein bisschen erkl&#228;rt, woher kommt denn jetzt der Begriff? Ich pers&#246;nlich versuche das mal so ein bisschen vielleicht zu kitzeln, dass mal eine Frage kommt. Also ich erkl&#228;re nicht unbedingt immer proaktiv diese Begriffe, sondern bringe die rein und hoffe, dass die Leute sich ein bisschen mit der Sache auseinandersetzen und dann selbst auf die Idee kommen, ich frage mal nach. (LK02)</p>
</disp-quote>
<p>In Hinblick auf die Arbeit mit schriftlichen Texten kann ein solches Vorgehen genutzt werden, um die Lesenden vorzuentlasten. Ein Vorzug kann neben der Erkl&#228;rung an sich auch in der motivationalen Stimulation der Auszubildenden liegen. Snow (<xref ref-type="bibr" rid="B43">2010</xref>) weist diesbez&#252;glich aber auch auf den Umstand und die damit verbundene Gefahr hin, dass bei der Definition von Fachbegriffen von den Lernenden h&#228;ufig unbekanntes Vokabular genutzt wird, welches ebenfalls einer Erkl&#228;rung bed&#252;rfe (vgl. ebd.: 452).</p>
<p>Auf die Frage, ob in der Ansprache einer Klasse bzw. Gruppe bewusst sprachliche Anpassungen vorgenommen werden, gibt eine Lehrkraft aus dem &#252;berbetrieblichen Ausbildungskontext an, wenig frequente Fachw&#246;rter auch in schriftlichen Texten f&#252;r die Auszubildenden m&#246;glichst zu vermeiden.</p>
<disp-quote>
<p>LK04: Ich versuche Fremdw&#246;rter, von denen ich wei&#223;, dass irgendeine Gruppe diese vielleicht gar nicht verstehen kann, zu vermeiden. Und wenn mir keine Alternative einf&#228;llt, versuche ich das Fremdwort dann m&#246;glichst gleich zu erkl&#228;ren. Diejenigen, die Abitur haben, sagen vielleicht dann: &#8218;Oh, was ist das denn f&#252;r eine Sprache hier?!&#8216; Aber die anderen muss ich ja trotzdem auch alle mitnehmen. Das ist ja das Ding, dass ich versuche jeden erstmal dort abzuholen, wo er steht, und dann dementsprechend die Sprache anpasse. Also da jetzt nicht hochtrabend mit vielen Fremdw&#246;rtern um mich zu werfen, um zu zeigen &#8218;Guck mal, was ich kann&#8216;, sondern eher ein Zwischending zu finden. Diejenigen mitnehmen, die die Fremdw&#246;rter kennen, und dann f&#252;r die anderen eben kurz erkl&#228;ren.</p>
<p>I: Mit Fremdw&#246;rtern meinst du aber nicht Fachw&#246;rter, sondern nur bestimmte Fremdw&#246;rter, die man vielleicht einfacher ausdr&#252;cken k&#246;nnte?</p>
<p>LK04: Genau, W&#246;rter, die einfacher auszudr&#252;cken sind! F&#252;r mich war ein Schl&#252;sselerlebnis zum Beispiel bei einem Pr&#252;fling der Ausdruck <italic>Erl&#228;utern Sie</italic>. Das Wort hatten sie noch nie geh&#246;rt und dachten: &#8218;Ja, was hat das denn mit <italic>Leuten</italic> zu tun?&#8216;</p>
</disp-quote>
<p>Als Beispiel f&#252;hrt er das Ersetzen des weniger frequenten und typisch bildungssprachlichen Verbs <italic>erl&#228;utern</italic> durch das auch alltagssprachlich genutzte Verb <italic>erkl&#228;ren</italic> an. Eine weitere Lehrkraft weist ebenfalls auf das potenzielle Problem der Doppel- bzw. Mehrdeutigkeit hin, das z.B. auch in Bezug auf Funktionsverben, etwa in f&#252;r Nominals&#228;tze typischen Funktionsverbgef&#252;gen, besteht. Auf diese scheint sich auch folgende Ausf&#252;hrung einer Berufsschullehrkraft zu beziehen:</p>
<disp-quote>
<p>Auch irgend&#8230; ich wei&#223; gar nicht, war das irgendein Wort, vielleicht war das mit, mit gehen oder stehen. Also man setzt ja unter stehen, ich stehe auf dem Boden, na das Wort hat in diesem Satz eine ganz andere Bedeutung, wenn das aber ein Sprachschwacher liest, der denkt sich stehen, am Boden stehen. Dadurch hatte f&#252;r den der Satz einen ganz anderen&#8230; einen ganz anderen Sinn. (LK08)</p>
</disp-quote>
<p>Als Beispiele f&#252;r den Nutzen des Verbs <italic>stehen</italic> in Funktionsverbgef&#252;gen k&#246;nnen <italic>zur Verf&#252;gung stehen</italic> oder <italic>in Zusammenhang stehen</italic> genannt werden, die verdeutlichen, dass das Verb in dieser festen Verbindung seine Grundbedeutung verlieren und sich der semantische Gehalt auf das verbundene Substantiv verlagern kann, wodurch das Verst&#228;ndnis erschwert werden kann. In der Regel lassen sich Funktionsverbgef&#252;ge ohne gro&#223;en Bedeutungsverlust in verbale Konstruktionen umwandeln; ihr Gebrauch ist eher stilistisch motiviert und erf&#252;llt keine fachsprachliche Funktion im engeren Sinne.</p>
<p><bold>Syntaktische Komplexit&#228;t</bold></p>
<p>Lehrkr&#228;fte aus dem Berufsschulkontext geben an, beim Erstellen von Arbeitsbl&#228;ttern auf einen einfachen Satzbau, also eine neutrale bzw. unmarkierte Satzgliedstellung zu achten:</p>
<disp-quote>
<p>Und ansonsten [PAUSE], also wenn ich jetzt neue Arbeitsbl&#228;tter mache, versuche ich schon auch zu &#252;berlegen, passt es jetzt vom Satzbau her, aber ich glaube nicht, dass das immer [LACH] funktioniert. (LK06)</p>
</disp-quote>
<p>Auch wird darauf geachtet, kurze S&#228;tze zu bilden und auf &#8222;komplizierte Konstruktionen&#8220; (LK09) wie Passivs&#228;tze zu verzichten und stattdessen aktive Verbformen zu nutzen:</p>
<disp-quote>
<p>Ich versuche, wenn ich es jetzt so formuliere, dass ich kurze S&#228;tze bilde und zum Beispiel, ja jetzt, komplizierte Konstruktionen vermeide. Zum Beispiel eher jetzt im Aktiv statt im Passiv, da versuche ich darauf zu achten. (LK09)</p>
</disp-quote>
<p>Das Passiv, das als eindeutig konzeptionell schriftliches Sprachmittel zur Fokussierung von Vorg&#228;ngen genutzt wird, stellt f&#252;r viele Lernende eine potenzielle sprachliche H&#252;rde dar. Michalak et al. (<xref ref-type="bibr" rid="B29">2015</xref>) begr&#252;nden dies mit dem Umstand, dass beim Fachlernen in der Grundschule und zu Beginn der Sekundarstufe zun&#228;chst an die Erfahrungen der Sch&#252;ler*innen angekn&#252;pft wird, was f&#252;r gew&#246;hnlich anhand von pers&#246;nlichen Formulierungen (ich, wir) erfolgt (vgl. ebd.: 62). Erst sp&#228;ter sind die Lernenden beim Lesen von Fachtexten mit unpers&#246;nlichen Passivkonstruktionen konfrontiert. Eine Herausforderung beim Verstehen dieser besteht darin, das konjugierte Hilfsverb und das bedeutungstragende Verb zu erkennen und miteinander zu verbinden, was das Wissen um die Satzklammer im Deutschen voraussetzt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B23">Kuchenreuther 2012: 189</xref>). Da diese, wie auch die f&#252;r das Passiv charakteristische Inversion (von Agens und Patiens), im Zweitspracherwerb erst zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt erworben wird, kann davon ausgegangen werden, dass besonders auch Lernende, die Deutsch als Zweitsprache erworben haben, Schwierigkeiten beim Verstehen von Passivkonstruktionen haben (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B13">Grie&#223;haber 2014</xref>).</p>
<p>Einige der Berufsschullehrkr&#228;fte weisen auf die syntaktische Komplexit&#228;t von Fachtexten hin und geben an, die genutzten Materialien syntaktisch zu vereinfachen:</p>
<disp-quote>
<p>Weil der deutsche Satzbau mit den F&#252;llw&#246;rtern oder so, mit zum Beispiel <italic>beziehungsweise</italic> oder was wei&#223; ich, was es alles gibt. Wissen die ja nicht, was das hei&#223;t. (LK08)</p>
</disp-quote>
<p>Die Aussage der Lehrkraft spielt m&#246;glicherweise auf symbolische und koh&#228;renzbildende Mittel mit geringem inhaltlichem Gehalt wie z.B. Pronomen, Partikeln, Konnektoren oder Pr&#228;positionen an, die als typisch f&#252;r die deutsche (schulische) Fachsprache gelten (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B12">Gogolin/Neumann/Roth 2003: 51</xref>). Diese werden in fachsprachlichen Texten besonders auch zur Herstellung von Koh&#228;renz genutzt, etwa im Falle von Pronomina oder Adverbien, die sich als Wiederaufnahmeelemente auf ein zuvor genanntes Element beziehen. F&#252;r die Lesenden kann das Verst&#228;ndnis von Personalpronomina und damit auch des Textes erschwert sein, wenn das Pronomen dem Bezugswort nicht zugeordnet werden kann, was oftmals mit der fehlenden Kenntnis des grammatischen Geschlechts des Bezugsworts zusammenh&#228;ngt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B3">Bergunde 2010: 233</xref>).</p>
<p>W&#228;hrend der Reflexionsgrad &#252;ber linguistische Merkmale und Anpassungen stark vom Vorwissen der Lehrkr&#228;fte abh&#228;ngt und sich deren Berichte entsprechend auch deutlich unterscheiden, lassen die Ausf&#252;hrungen der Lehrkr&#228;fte aller Bildungseinrichtungen auf ein in vielerlei Hinsicht sprachsensibles Handeln schlie&#223;en. Dies zeigt sich etwa darin, dass sich viele Lehrkr&#228;fte beim Gebrauch sprachlicher Vereinfachungen bzw. Anpassungen an den Sprachkompetenzen sowie den Bedarfen der Lernenden bzw. der Auszubildenden als Adressierte orientieren. Das m&#252;ndliche (Unterrichts-)Gespr&#228;ch stellt dabei f&#252;r die Lehrkr&#228;fte eine wichtige M&#246;glichkeit dar, auf das Nicht-Verstehen (auch einzelner) Lernender zu reagieren, Aussagen umzuformulieren und so Bedeutungen auszuhandeln. Zudem wird die Rolle von Sprache als Lehrmedium immer wieder hervorgehoben und auf die Wichtigkeit hingewiesen, dass bei der sprachlichen Vereinfachung keine inhaltlichen bzw. fachlichen Informationen verloren gehen d&#252;rfen.</p>
<p>Die Aussagen der Lehrkr&#228;fte im &#252;berbetrieblichen Ausbildungskontext geben &#8211; nicht zuletzt wohl auch aufgrund geringer linguistischer Kenntnisse, aber auch aufgrund des Interviewfokus auf m&#252;ndliche Vereinfachungsstrategien &#8211; nur vereinzelt Hinweise auf genutzte sprachliche Vereinfachungen im engeren Sinne.</p>
</sec>
<sec>
<title>3.3.2 Zielgruppen f&#252;r Vereinfachungen</title>
<p>Angesichts der vielzitierten Heterogenit&#228;t der Lernendengruppe, die auch in den Interviews genannt wird, geht es im Folgenden um die Fragen, f&#252;r welche Zielgruppe die Lehrkr&#228;fte Vereinfachungen vornehmen bzw. welche Gruppe Lernender am meisten von sprachlichen Vereinfachungen profitiere sowie darum, ob Vereinfachungen nach Ansicht der Lehrkr&#228;fte f&#252;r bestimmte Lernendengruppen auch negative Effekte haben k&#246;nnen.</p>
<p><bold>Seiteneinsteiger*innen</bold></p>
<p>Als Hauptzielgruppe f&#252;r sprachliche Vereinfachungen sehen die Lehrkr&#228;fte an erster Stelle Lernende, f&#252;r die Deutsch keine Erstsprache ist. Die h&#228;ufig fallende Bezeichnung <italic>Sch&#252;ler*innen mit Migrationshintergrund</italic> bezieht sich dabei vermutlich vor allem auf Lernende mit eigener Zuwanderungs- und auch Fluchtgeschichte:</p>
<disp-quote>
<p>Als dann diese Fl&#252;chtlingswelle kam, 2015, dann hatten wir mit einem Schlag f&#252;nf Fl&#252;chtlinge drinnen, die eigentlich auch gar kein Deutsch konnten und da war es eigentlich&#8230; Ich musste dann halt irgendwas machen, weil ich ja die auch noch mit unterrichten musste und dann habe ich halt da versucht, irgendwie so meinen Weg zu finden, was so ein bisschen chaotisch war und bestimmt auch nicht super, aber da wurde es mir dann erstmal bewusst. (LK06)</p>
</disp-quote>
<p>Die verst&#228;rkte Migrationsbewegung seit dem Jahr 2015 scheint ein Ausl&#246;ser gewesen zu sein, den eigenen Sprachgebrauch zu reflektieren und anzupassen, um m&#246;glichst auch den &#8222;vermehrt sprachschwache[n] Sch&#252;ler[*innen]&#8220; (LK08) gerecht zu werden. In diesem Zuge bildeten sich einige Lehrkr&#228;fte auch theoretisch weiter, etwa in Seminaren zu sprachsensiblem Fachunterricht:</p>
<disp-quote>
<p>[&#8230;] da habe ich aber auch zwei belegt, weil es mich auch interessiert hat, weil ich dann auch schon gemerkt habe, dass gerade in den ausbildungsvorbereitenden Bildungsg&#228;ngen, dass da viele Sch&#252;ler sind mit einer Sprachbarriere, die Deutsch nicht als Muttersprache sprechen. Wo man dann genau die, die halt dann&#8230; Wo man als Lehrkraft M&#246;glichkeiten anwenden muss, Sprache zu vereinfachen, dass es f&#252;r alle verst&#228;ndlich ist. (LK09)</p>
</disp-quote>
<p>Viele Lernende steigen aus unterschiedlichen Gr&#252;nden ohne oder mit sehr geringer (fach-)sprachlicher Vorbildung in die Berufsausbildung(svorbereitung) ein und m&#252;ssen sofort in den Regelunterricht integriert werden, was den Einsatz sprachlicher Vereinfachungen f&#252;r Lehrkr&#228;fte notwendig macht.</p>
<p><bold>Lernende mit Deutsch als Erstsprache und fr&#252;her Zweitsprache</bold></p>
<p>Die Lehrkr&#228;fte weisen auch auf Lernende mit Deutsch als Erstsprache hin, die ebenfalls Schwierigkeiten mit Lehrbuchtexten haben, wie die folgenden Aussagen belegen:</p>
<disp-quote>
<p>Ja und ich denk, man selber ist ja in seiner Sprache drin, ja, und [&#228;hm]. Aber auch das ist, also viele, auch viele Deutsche, also mutterdeutsche Sch&#252;ler haben einen so geringen Wortschatz, dass [&#228;hm] dass es auch auff&#228;llt, wenn wir [&#228;hm] Texte lesen, dass sie manche Begriffe, also manche normalen Verben nicht kennen. Ja und also das findet auch bei Muttersprachlern statt oder Wortschatz ist sehr gering oft. (LK06)</p>
<p>Weil also, ich glaube sogar&#8230; in allen in allen Schularten ist das ist das relevant. Und ich habe auch das Gef&#252;hl, das betrifft auch nicht nur die Sch&#252;ler, die Deutsch nicht als Muttersprache sprechen, sondern auch welche, die, ja die vielleicht auch schon l&#228;nger in Deutschland sind, aber mit der Bildungssprache noch nicht so konfrontiert wurden zum Beispiel. (LK09)</p>
</disp-quote>
<p>Dieser Eindruck wird auch durch bereits in der Fachliteratur dokumentierte Aussagen Auszubildender best&#228;tigt, nach denen sich diese durch die allgemeinbildenden Schulen nicht ausreichend auf die sprachlichen und kommunikativen Anforderungen der Ausbildung bzw. auf den Umgang mit typischen beruflichen Textsorten vorbereitet f&#252;hlen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B10">Efing 2012: 9</xref>).</p>
<p>W&#228;hrend als weitere Zielgruppe f&#252;r Vereinfachungen zum Teil auch Deutsch-L1-Lernende mit niedrigem Schulabschluss genannt werden, sehen einige der Lehrkr&#228;fte Lernende mit hohen Deutschkompetenzen nicht als m&#246;gliche Profiteure von Vereinfachungen und sehen zum Teil auch die Gefahr, diese durch sprachliche Vereinfachungen zu unterfordern:</p>
<disp-quote>
<p>Dementsprechend, ja, also muss ich dann auch nat&#252;rlich anpassen, dass die, die noch nicht so lange Deutsch lernen, Sachen verstehen und die anderen sich jetzt aber auch nicht unterfordert f&#252;hlen, oder. (LK09)</p>
<p>Und dadurch habe ich dann aber gemerkt, die schwachen deutschen Sch&#252;ler profitieren auch davon und man muss halt nur&#8230; Also die guten leistungsstarken kriegt man halt noch nicht&#8230; Also das alles unter einem Hut, das ist sehr schwer. (LK06)</p>
</disp-quote>
<p>Die Bedenken der Lehrkr&#228;fte werden durch empirische Untersuchungen gest&#252;tzt, die vermuten lassen, dass Auszubildende mit hohen Lesekompetenzen von sprachlichen Vereinfachungen nicht profitieren und ihr Leseverst&#228;ndnis sich teilweise sogar verschlechtert (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B18">H&#228;rtig/Fraser/Bernholt/Retelsdorf 2019</xref>), wobei aus bisherigen Studien zum Textverst&#228;ndnis nur selten hervorgeht, inwiefern sich welche konkreten sprachlichen Anpassungen negativ auf das Leseverst&#228;ndnis auswirken.</p>
</sec>
<sec>
<title>3.3.3 Nutzen schriftlicher Vereinfachungen</title>
<p>Der Nutzen schriftlicher Vereinfachungen bezieht sich auf die Frage, auf welche Weise Lehrkr&#228;fte M&#246;glichkeiten zur Vereinfachung von Lehrtexten (nicht) nutzen und darauf, inwieweit die Lernenden von Vereinfachungen profitieren k&#246;nnen. Die Aussagen der Lehrkr&#228;fte sind dabei Antworten auf verschiedene Fragen, wie zum Beispiel denen nach den Gr&#252;nden f&#252;r das Vereinfachen oder positive sowie negative Effekte bzw. Konsequenzen von Vereinfachungen.</p>
<p>Die Aussagen der Lehrkr&#228;fte deuten darauf hin, dass die stark fachsprachlich gepr&#228;gten Texte in der Berufsausbildung(svorbereitung) ein Problem f&#252;r viele Lernende &#8211; vor allem mit Deutsch als Zweitsprache &#8211; darstellen.</p>
<disp-quote>
<p>Also auch wenn man die&#8230; Anfangs diese Einstiegstests macht, so in Mathe oder so, das ist oft Sonderschulniveau. Also f&#252;r die ist es auch wichtig, dass die leichte Texte kriegen. [PAUSE] Das Fachbuch ist &#252;berhaupt nicht auf dieses Sch&#252;lerklientel [&#228;hm] ausgelegt, aber so ist es nun mal und auch die Pr&#252;fungen sind halt am Ende leider auch nicht auf dieses [&#228;hm] Klientel ausgelegt. (LK06)</p>
</disp-quote>
<p>Die Notwendigkeit, diese Texte sprachlich zu vereinfachen, wird von den meisten der interviewten Lehrkr&#228;fte deshalb anerkannt und hervorgehoben. Der tats&#228;chliche Einsatz sprachlicher Vereinfachungen gestaltet sich dabei jedoch sehr unterschiedlich, was auch mit den Abschlusspr&#252;fungen zusammenh&#228;ngt, die zentral gestellt sind und damit nicht angepasst werden k&#246;nnen.</p>
<p><bold>Erstellen verschiedener Textversionen</bold></p>
<p>Aufgrund der heterogenen Gruppenzusammensetzung der Ausbildungs(vorbereitungs&#8209;)klassen in Hinblick auf Sprach- und Lesekompetenzen der Lernenden versuchen einige Lehrkr&#228;fte auch binnendifferenzierend vorzugehen und z.B. verschiedene Textversionen zu erstellen:</p>
<disp-quote>
<p>Was es Arbeitsbl&#228;tter angeht, ich versuche dann&#8230; ist mal eine Zeitsache, ist immer schwierig. Man nimmt sich es vor, aber schafft es meistens nicht immer, so zwei Niveaus zu machen, indem ich ein nicht-sprach&#8230; [&#228;hm] So mal ein normales Niveau habe und dann einmal so, wo ich noch unterst&#252;tzende Sachen, so Sprachniveau, sprachsensibel, mit Bildern das untermale, gewisse Fachbegriffe oder das versuchen gut aufzugliedern, dass das nicht einen erschl&#228;gt. (LK08)</p>
</disp-quote>
<p>Die Aussage der Lehrkraft unterstreicht, dass die Vereinfachungen nicht allein auf die sprachliche Oberfl&#228;che beschr&#228;nkt werden sollten und auch die visuelle Gestaltung der Arbeitsbl&#228;tter einen Beitrag zur besseren Verst&#228;ndlichkeit leistet (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B41">Schneider/Dittmar/Gilg/Schmellentin 2018</xref>).</p>
<p>Eine weitere Lehrkraft konnte im Rahmen einer Fortbildung bereits vereinfachte Materialien f&#252;r einen bestimmten Fachbereich erstellen und versucht &#8211; sofern es zeitlich m&#246;glich ist &#8211; diese mit Unterst&#252;tzung digitaler Medien als optionales Zusatzmaterial zu nutzen:</p>
<disp-quote>
<p>Also wenn jetzt&#8230; dieses Jahr habe ich zum Beispiel die Chance, dass ich diesen Computerraum habe mit meiner Klasse. Und das haben wir halt nicht immer, die Ausstattung ist da extrem gut in diesem Raum. Und da w&#252;rde ich schon, also da versuche ich eigentlich &#252;ber die, also das w&#228;re jetzt so mein n&#228;chster Schritt. Da ich viele Materialien bekomme, wenn ich so ein bisschen Luft habe, da zu differenzieren. (LK07)</p>
</disp-quote>
<p>In der Nutzung digitaler Hilfsmittel sieht auch eine Lehrkraft aus der &#252;berbetrieblichen Ausbildung gro&#223;es Potenzial und eine M&#246;glichkeit, vereinfachte Textversionen individuell und spontan nutzbar zu machen:</p>
<disp-quote>
<p>Die Sprache ist schnell zu erlernen, aber das Schriftliche nicht so sehr. Ich kann mich vielleicht gut mit jemandem unterhalten, aber wenn es dann ans Textverst&#228;ndnis geht, tun sich da L&#252;cken auf. Und in so F&#228;llen k&#246;nnte man dann gut mit QR-Codes arbeiten, hinter denen dann die Aufgabe in einfacher Sprache hinterlegt ist. Dann muss man auch nicht differenzieren und bestimmen, wer welche Aufgabenversion bekommt, sondern jeder kann individuell reinklicken und sich auf dem Handy anschauen, was genau gemeint ist. Dann muss niemand nachfragen, der sich nicht traut. Jeder kann dann nachschauen, wann er m&#246;chte. Ob das dann in der Werkhalle ist oder nach Feierabend. (LK04)</p>
</disp-quote>
<p>Der Vorteil beim optionalen Abrufen vereinfachter Texte &#252;ber das eigene Smartphone sieht die Lehrkraft in der individuellen und zudem anonymen Nutzbarkeit, die die Lernenden vor m&#246;glicher Angst vor Gesichtsverlust sch&#252;tzt. Die M&#246;glichkeit, verst&#228;ndliche Texte auch au&#223;erhalb des Unterrichts (erneut) zu lesen, kann gleichzeitig auch die Selbstst&#228;ndigkeit der Lernenden f&#246;rdern und damit die berufliche Teilhabe erleichtern (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B2">Bergelt et al. 2016: 15</xref>). Die Notwendigkeit des selbstst&#228;ndigen und selbstorganisierenden Lernens &#8211; besonders bildungsferner Lernender &#8211; wird auch von einer Berufsschullehrkraft hervorgehoben:</p>
<disp-quote>
<p>Ja, die mit Migrationshintergr&#252;nden, die, ich sag mal ich sag mal ganz, Fl&#252;chtlinge zum Beispiel, die haben ja nie so eine Struktur kennengelernt. F&#252;r die ist erstmal das Schwierigste, ja, das alles zu strukturieren und nicht abzuheften. Das ist ja das noch was so ein Nebenbauplatz, neben ja Nebenarbeitsplatz, den sie noch bearbeiten m&#252;ssen. (LK08)</p>
</disp-quote>
<p><bold>Unvereinbarkeit mit zentralen Abschlusspr&#252;fungen</bold></p>
<p>Wie die Interviews zeigen, setzen die Lehrkr&#228;fte vereinfachte schriftliche Materialien zur beruflichen Bildung ein, um zu gew&#228;hrleisten, dass auch Lernende mit geringen (fach-)sprachlichen Kenntnissen im Deutschen Texte verstehen und sich mit fachlichen Inhalten auch selbstst&#228;ndig auseinandersetzen k&#246;nnen. W&#228;hrend vereinfachte Lehrmaterialien gr&#246;&#223;tenteils als n&#252;tzliche St&#252;tze f&#252;r bestimmte Gruppen erachtet und an einigen Stellen bereits eingesetzt werden, bestehen nicht zuletzt auch mit Blick auf die Anforderungen in der (zentral gestellten) Abschlusspr&#252;fung jedoch auch Bedenken und eine gewisse Unsicherheit bez&#252;glich der Vereinfachung fachsprachlicher Texte:</p>
<disp-quote>
<p>[&#8230;] also, ich denke, wir machen ganz viele so Schachtels&#228;tze irgendwie oft. Ja und [&#228;hm] das ist wahrscheinlich schwierig. Wobei ich ja auch nicht wei&#223;, ob man&#8217;s komplett rausnehmen soll, weil die m&#252;ssen es ja irgendwann auch [&#228;hm] lesen k&#246;nnen zumindest ja. [&#8230;] Wie gesagt, in der Pr&#252;fung steht&#8217;s ja auch da. (LK06)</p>
</disp-quote>
<p>Eine weitere Lehrkraft gibt &#8211; ebenfalls hinsichtlich der f&#252;r den Berufserfolg so entscheidenden Abschlusspr&#252;fung &#8211; an, Lehrtexte (in diesem Fall Klassenarbeiten) ab dem dritten Lehrjahr nicht mehr zu vereinfachen, nachdem diese in den Lehrjahren zuvor f&#252;r Teilnehmende mit Deutsch als Zweitsprache in sprachlich vereinfachter Form ausgegeben wurden:</p>
<disp-quote>
<p>Ja das ist, das dritte Lehrjahr versuch&#8230; mache ich das dann nicht mehr, Klassenarbeiten zu vereinfachen. Die m&#252;ssen sich da einfach an die Pr&#252;fungsfragen daran gew&#246;hnen. Das ist, so hart wie es klingt, die haben zwar Probleme damit, aber [SEUFZEN] da m&#252;ssen sie sich irgendwie durchbei&#223;en. Ich habe da auch noch keine, sag mal, Allroundl&#246;sung gefunden wie man da, das besser machen k&#246;nnte. (LK08)</p>
</disp-quote>
<p>Offensichtlich stellen fachsprachliche Texte jedoch auch noch im dritten Lehrjahr Schwierigkeiten f&#252;r die Lernenden dar, was darauf schlie&#223;en l&#228;sst, dass zuvor vereinfachte Texte nicht im ausreichenden Ma&#223;e zur sprachlichen Kompetenzsteigerung der Lernenden beitragen k&#246;nnen. (Vereinfachte) Texte scheinen f&#252;r die Lehrkr&#228;fte nicht als Mittel gesehen bzw. genutzt zu werden, mit dem die Sprachkompetenzentwicklung der Lernenden schrittweise gef&#246;rdert werden kann. Anstatt den Komplexit&#228;tsgrad der Lehrtexte also (didaktisch eingebettet) progressiv zu steigern und die Lernenden an die Fachsprachlichkeit heranzuf&#252;hren, wird gehofft, dass sich die Lernenden an die Fachsprachlichkeit der Lehr- und Pr&#252;fungstexte &#8222;gew&#246;hnen&#8220; und damit an die Eigenverantwortung der Lernenden appelliert, &#8222;sich durch[zu]bei&#223;en&#8220; (LK08).</p>
<p>Die Unumg&#228;nglichkeit der Konfrontation mit den stark fachsprachlichen Lehrtexten im Angesicht der Abschlusspr&#252;fungen, aber auch des Berufs, l&#228;sst sich auch im &#252;berbetrieblichen, eher praktischen Ausbildungskontext beobachten:</p>
<disp-quote>
<p>Das Problem sehe ich darin, dass man sie ja irgendwo auch vorbereiten muss auf das das sp&#228;tere Leben. Das ist ja an und f&#252;r sich das, was von uns mehr oder weniger als Arbeit so an die Hand kriegen dann. Wenn wir jetzt schon von vereinfachten Sachen ausgeben und denen das gleich so zu geben, dann h&#228;tten sie wahrscheinlich sp&#228;ter Schwierigkeiten auf der Baustelle. Es w&#228;re vielleicht besser, wenn man die Sachen so rausgibt wie sie sp&#228;ter sind und man erkl&#228;rt sie dann vorher und dann kann man sp&#228;ter auch besser damit arbeiten. Weil sonst, wenn man das nur mit vereinfachten Sachen das machen w&#252;rde, dann w&#252;rde man sie dann sp&#228;ter wieder so ins kalte Wasser schmei&#223;en und dann wird das schwierig. (LK01)</p>
</disp-quote>
<p>Aus Angst davor, die Lernenden durch mangelnde Vorbereitung auf sp&#228;tere sprachliche Anforderungen &#8222;ins kalte Wasser zu schmei&#223;en&#8220; (LK01), verzichten Lehrkr&#228;fte auf schriftliche Vereinfachungen. Paradoxerweise wird jedoch auch berichtet, dass die Anweisungstexte in der &#252;berbetrieblichen Ausbildungsma&#223;nahme von den Lernenden &#8211; m&#246;glicherweise auch aufgrund der stark m&#252;ndlich gepr&#228;gten Kommunikation &#8211; nicht gelesen und daher auch von den Lehrkr&#228;ften teilweise gar nicht erst eingesetzt werden:</p>
<disp-quote>
<p>Wenn ich wei&#223;, das ist eine &#228;hnliche Aufgabe wie vorher, dann gebe ich das gar nicht komplett raus, dann gebe ich nur die Zeichnungen raus. Weil wenn die Angaben alle auf der Zeichnung stehen und im Vortext nichts weiter drinsteht, dann gebe ich auch nur die Zeichnungen raus. Aber Normalfall dann, wenn man die Erste-Woche-Aufgabe rausgibt, dann gebe ich den ganzen Auftrag dann halt raus. Dass die das einmal durchlesen k&#246;nnen. Aber, wie gesagt, die meisten lesen das sowieso nicht. Erfahrungsgem&#228;&#223;. (LK03)</p>
</disp-quote>
<p>Auch wenn die in der &#252;berbetrieblichen Ausbildung genutzten Arbeitsauftr&#228;ge nach den Prinzipen des handlungsorientierten Lernens konzipiert wurden und relevante lernprozessbezogene Informationen enthalten, scheint das Lesen und selbstst&#228;ndige Arbeiten der Lernenden mithilfe der Aufgabentexte nicht gef&#246;rdert oder gar gemieden zu werden. Wie vielen auch in anderen Berufsausbildungskontexten genutzten Materialien muss diesen Lehrtexten &#8222;m&#246;glicherweise eine gewisse Alibifunktion unterstellt&#8220; werden (<xref ref-type="bibr" rid="B42">Schuppener/Goldbach/Bock 2018: 365</xref>).</p>
</sec>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>4 Diskussion der Ergebnisse</title>
<p>Die Interviews mit Lehrkr&#228;ften aus drei verschiedenen Bildungseinrichtungen zur Berufsausbildung(svorbereitung) zeigten, dass diverse Strategien zur Verst&#228;ndnissicherung und zur Entlastung der Lesenden und damit auch sprachliche Vereinfachungen zum Einsatz kommen. W&#228;hrend diese Strategien &#8211; wie auch die Vermittlung von Fachwissen und Kommunikation im Allgemeinen &#8211; im &#252;berbetrieblichen Ausbildungskontext eher m&#252;ndlicher Art sind und auf schriftliche Vereinfachungen von Lehrtexten gr&#246;&#223;tenteils verzichtet wird, setzen die Lehrkr&#228;fte im berufsschulischen Kontext zum Teil (auch eigens erstellte) vereinfachte Lehrbuchtexte, Pr&#252;fungen oder Aufgabenbl&#228;tter ein. Die sprachlichen Vereinfachungen erfolgen sowohl auf semantisch-lexikalischer (Verwenden von Synonymen, Nutzen einfacher W&#246;rter) als auch auf syntaktischer Ebene (einfacher Satzbau, Verzicht auf Schachtels&#228;tze, Aktiv- statt Passivs&#228;tze) und setzen an sprachlichen Ph&#228;nomenen an, die wie zuvor dargestellt als typisch fachsprachlich und als m&#246;gliche sprachliche H&#252;rden f&#252;r Lernende besonders mit geringeren Deutsch- und/oder Lesekompetenzen gelten. Dies wird auch von den Lehrkr&#228;ften best&#228;tigt, die die Lehr(buch)texte als zu schwer f&#252;r viele Lernende wahrnehmen. Umso mehr gelte dies f&#252;r die Seiteneinsteiger*innen, darunter auch jene mit Fluchterfahrung, mit zum Teil sehr geringen Deutschkenntnissen und mit geringer schulischer Vorbildung (im deutschen Bildungssystem).</p>
<p>W&#228;hrend einige der interviewten Lehrkr&#228;fte f&#252;r die genannte Zielgruppe bereits ausgew&#228;hlte Materialien einsetzen und die Wichtigkeit von Vereinfachungen sowohl f&#252;r den Zugang zu Fachinhalten als auch f&#252;r die Teilnahme am Fachunterricht und die M&#246;glichkeit zum selbstst&#228;ndigen Lernen anerkennen, lassen sich dennoch auch Zweifel bzw. Unsicherheiten in Bezug auf den angemessenen Einsatz sprachlich vereinfachter Texte erkennen, besonders in Hinblick auf die hohen (fach-)sprachlichen Anforderungen in den f&#252;r den Berufserfolg entscheidenden Abschlusspr&#252;fungen. Da sie keine M&#246;glichkeit sehen, die Lernenden im Rahmen der Bildungsma&#223;nahmen an die Fachsprachlichkeit der Abschlusspr&#252;fung heranzuf&#252;hren, verzichten einige Lehrkr&#228;fte entweder ganz oder ab einem bestimmten Zeitpunkt auf den Einsatz sprachlicher Vereinfachungen, damit die Lernenden fr&#252;hzeitig mit der spezifischen Fachsprachlichkeit konfrontiert werden und sich an diese &#8222;gew&#246;hnen&#8220; (LK08) k&#246;nnen. Die Verantwortung f&#252;r das Gelingen der beruflichen Bildung wird dabei zwangsl&#228;ufig auf die Lernenden abgew&#228;lzt, von denen verlangt wird, sich &#8222;durch[zu]bei&#223;en&#8220; (ebd.). Dass diese Strategie wenig Erfolg hat, zeigt sich eindr&#252;cklich im Bericht einer Lehrkraft, laut welchem keine*r der f&#252;nf Lernenden mit Fluchterfahrung einer Klasse die Berufsschule mit einem Abschluss verlassen konnte und vier der f&#252;nf Auszubildenden die Ma&#223;nahme bereits vorzeitig abbrachen und damit gar nicht erst bis zur Abschlusspr&#252;fung kamen.</p>
<disp-quote>
<p>Also der hat dann auch irgendwann, oder das waren f&#252;nf, da hat dann nur einer ist bis zur Abschlusspr&#252;fung tats&#228;chlich gekommen und die hat er dann leider auch nicht bestanden. Aber der hat es durchgezogen, alle anderen haben dann auch abgebrochen zwischendrinnen. (LK06)</p>
</disp-quote>
<p>Was hier als Beispielfall angef&#252;hrt wird, spiegelt sich auch in den erh&#246;hten Durchfall- bzw. Abbruchquoten von Auszubildenden mit Migrationshintergrund besonders bei eigener Migrationserfahrung wider (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B6">BMBF 2018: 14</xref>). Die f&#252;r diese Zielgruppe besonders relevante (auto-)didaktische und damit auch inklusive Funktion von Lehrtexten wird in gewisser Weise missachtet, wenn sprachliche H&#252;rden das Nutzen von Lehrtexten verhindern. Diese tragen so wiederum wenig zum Erfolg in der beruflichen Bildung bei, der nicht zuletzt auch daran zu messen ist, inwieweit die Ausbildung bzw. die Beschulung &#8222;zu m&#246;glichst freier Entfaltung und Nutzung von Potenzialen sowie beruflicher und gesellschaftlicher Teilhabe und Integration f&#252;hrt&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B14">Gruber 2020: 392</xref>).</p>
<p>Erschwerend kommt die bereits an anderer Stelle beobachtete Praxis vieler Lehrpersonen hinzu, aus vermuteter &#220;berforderung der Lernenden den Einsatz fachsprachlicher Texte allgemein zu meiden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B16">H&#228;rtig et al. 2012</xref>). Die im Rahmen der hier pr&#228;sentierten Studie befragten Lehrkr&#228;fte in der &#252;berbetrieblichen Ausbildung bekr&#228;ftigen diesen Eindruck und attestieren den Auszubildenden zudem mangelndes Interesse und Lesefaulheit. Schneider et al. (<xref ref-type="bibr" rid="B41">2018</xref>) sprechen in Bezug auf diese Dynamik von einem &#8222;Teufelskreis von Vermeidung und ausbleibendem Aufbau von fachspezifischer Literalit&#228;t&#8220; (111). Da es jedoch auch engagierten Lehrkr&#228;ften offensichtlich an (nicht zuletzt auch zeitlichen) Ressourcen f&#252;r umfassende (fach-)sprachdidaktische Ma&#223;nahmen fehlt, um auch neuzugewanderte Lernende in ausreichendem Ma&#223;e fachsprachlich zu f&#246;rdern, stellt sich die Frage, ob eine &#8211; idealerweise auch curriculare &#8211; Anpassung fachsprachlicher Lehr- und Pr&#252;fungstexte mit dem Ziel einer zumindest teilweisen Reduktion der fachsprachlichen Komplexit&#228;t der beruflichen Bildung einen Dienst erweisen k&#246;nnte.</p>
</sec>
<sec>
<title>5 Fazit und Ausblick</title>
<p>Hohe fachsprachliche Anforderungen innerhalb von Ausbildungs(vorbereitungs)ma&#223;nahmen stellen oft ein Lernhindernis dar. Besonders gilt dies f&#252;r Seiteneinsteiger*innen, f&#252;r die fehlende fachsprachliche Kompetenzen ein Hindernis in ihrer Bildungskarriere darstellen k&#246;nnen. Fachsprachlich komplexe Texte erschweren dabei f&#252;r Lernende mit geringen Deutsch- oder Lesekompetenzen den Bildungserfolg, indem sie den Zugang zum Fachwissen sowie die Auseinandersetzung mit fachlichen Inhalten einschr&#228;nken und das erfolgreiche Absolvieren der Bildungsma&#223;nahmen gef&#228;hrden.</p>
<p>Zuk&#252;nftige Studien sollten die Wirksamkeit von Vereinfachungen daher nicht allein auf Grundlage des Verst&#228;ndnisses bzw. der Lesbarkeit ganzer Texte untersuchen, sondern gezielter auch die Effekte einzelner Vereinfachungen erforschen. Ein Nachdenken &#252;ber die Versprachlichung von Fachwissen und &#252;ber die Frage, welche essenziellen Funktionen bestimmte fachsprachliche Strukturen tats&#228;chlich &#252;bernehmen, k&#246;nnte zudem helfen, n&#252;tzliche Vereinfachungsm&#246;glichkeiten n&#228;her zu bestimmen und diese allgemein differenzierter zu betrachten. Dabei sollten auch qualitative Untersuchungen und insbesondere die Perspektive der Lernenden mit einbezogen werden.</p>
<p>W&#228;hrend die berufsbezogene Sprachf&#246;rderung nach wie vor die wohl wichtigste Ma&#223;nahme f&#252;r Erfolg in Bildung und Beruf darstellt, stellt sich nicht zuletzt aufgrund des sich versch&#228;rfenden Fachkr&#228;ftemangels und der Notwendigkeit der (beruflichen) Integration Auszubildender jedoch auch die Frage, ob ein &#8211; wenn auch nur minimaler &#8211; Abbau sprachlicher H&#252;rden auch in Bezug auf f&#252;r den Bildungserfolg letztlich entscheidende (Abschluss-)Pr&#252;fungen denkbar w&#228;re.</p>
<p>In diesem Zusammenhang sollte auch der Frage nachgegangen werden, inwieweit die sprachlichen Anforderungen von Lehrtexten sowie von Abschlusspr&#252;fungen sich tats&#228;chlich mit den sprachlichen Anforderungen im Beruf decken, und ob die hohen fachsprachlichen H&#252;rden ansonsten kompetente Auszubildende zurecht vom Arbeitsmarkt ausschlie&#223;en.</p>
</sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Im Folgenden wird mit dem Begriff <italic>Seiteneinsteiger*innen</italic> auf diese Gruppe Lernender referiert.</p></fn>
<fn id="n2"><p><italic>Lehrtexte</italic> bezeichnen im Rahmen dieser Arbeit alle in der beruflichen Bildung eingesetzten Texte, darunter vor allem Fachtexte aus Lehrb&#252;chern, aber auch informierende oder arbeitsanweisende Arbeitsbl&#228;tter u.&#196;.</p></fn>
<fn id="n3"><p>Das Verbundprojekt <italic>Einfach Alpha! Geringe Literalit&#228;t beachten &#8211; Sprachliche H&#252;rden abbauen</italic> nimmt sprachliche H&#252;rden f&#252;r gering Literalisierte in den Blick. Es analysiert fachsprachliche Materialien f&#252;r die berufliche Ausbildung und Qualifikation. Sprachliche Vereinfachungen werden empirisch evaluiert und in der Praxis erprobt. Das Projekt wird im Rahmen der Alphadekade vom BMBF (F&#246;rderkennzeichen W1486FO) von 06/2021-05/2024 an den Universit&#228;ten Heidelberg und M&#252;nster gef&#246;rdert.</p></fn>
<fn id="n4"><p>Sprachliche Vereinfachungen bezeichnen im Rahmen dieses Beitrags (in erster Linie schriftsprachliche) Anpassungen von Texten, die Lehrende nutzen, um diese leichter verst&#228;ndlich zu machen, sind dabei allerdings nicht gleichzusetzen mit der Vereinfachung nach Regeln der Leichten Sprache.</p></fn>
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<title>Literatur</title>
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<title>Kurzbio</title>
<p><bold>Askan Ghobeyshi</bold> ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Germanistischen Institut der Universit&#228;t M&#252;nster. Im Rahmen des Projekts Einfach Alpha! forscht er u. a. zu den Themen Alphabetisierung, vereinfachte Sprache und sprachsensibler Fachunterricht.</p>
<p><bold>Alexis Feldmeier Garc&#237;a</bold> arbeitet am Germanistischen Institut der Universit&#228;t M&#252;nster im Bereich Deutschdidaktik. An der Universit&#228;t M&#252;nster leitet er das Projekt Einfach Alpha!</p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2"><bold>Anschrift:</bold></styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Askan Ghobeyshi</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Alexis Feldmeier Garc&#237;a</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Universit&#228;t M&#252;nster</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Germanistisches Institut</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Abteilung f&#252;r Sprachdidaktik</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Stein-Haus, Schlossplatz 34</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">48143 M&#252;nster</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2"><ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="mailto:askan.ghobeyshi@uni-muenster.de">askan.ghobeyshi@uni-muenster.de</ext-link></styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2"><ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="mailto:alexis.feldmeier@uni-muenster.de">alexis.feldmeier@uni-muenster.de</ext-link></styled-content></p>
<p><bold>Carolina Olszycka</bold> ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut f&#252;r Deutsch als Fremdsprachenphilologie der Universit&#228;t Heidelberg. Sie arbeitet im Projekt Einfach Alpha!, in dessen Rahmen sie zum Thema morphologisch komplexe Verben und (geringe) Literalit&#228;t promoviert.</p>
<p><bold>Sandra Pappert</bold> ist am Institut f&#252;r Deutsch als Fremdsprachenphilologie der Universit&#228;t Heidelberg besch&#228;ftigt. Sie leitet das Projekt Einfach Alpha! in Heidelberg.</p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2"><bold>Anschrift:</bold></styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Carolina Olszycka</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Sandra Pappert</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Universit&#228;t Heidelberg</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Institut f&#252;r Deutsch als Fremdsprachenphilologie</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Pl&#246;ck 55</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">69117 Heidelberg</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2"><ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="mailto:olszycka@idf.uni-heidelberg.de">olszycka@idf.uni-heidelberg.de</ext-link></styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2"><ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="mailto:pappert@idf.uni-heidelberg.de">pappert@idf.uni-heidelberg.de</ext-link></styled-content></p>
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