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<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Interkulturellen Fremdsprachenunterricht</journal-title>
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<publisher-name>Universit&#228;ts- und Landesbibliothek Darmstadt</publisher-name>
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<subject>Aufsatz zum Themenschwerpunkt</subject>
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<article-title>Perspektiven des Deutschunterrichts im historischen Panorama der brasilianischen Sprachenpolitik</article-title>
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<surname>Santos</surname>
<given-names>Yuri Andrei Batista</given-names>
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<email>batista.yuriandrei@gmail.com</email>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>D&#233;partament d&#8217;&#201;tudes Germaniques, Universit&#233; Grenoble Alpes</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2026-03-03">
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<year>2026</year>
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<abstract>
<p>Das Ziel dieses Artikels ist es, das Panorama der Sprachenpolitik f&#252;r den Deutschunterricht in Brasilien kritisch zu analysieren. Die deutsche Sprache, die heute als Fremdsprache fest verankert ist, hat eine Geschichte, die bis zu den Anf&#228;ngen der Genese des brasilianischen Volkes durch Migrationswellen zum Zwecke der Kolonisierung zur&#252;ckreicht. Ausgehend von der Skizzierung eines historischen Panoramas, das von der Einf&#252;hrung von Deutsch als Fremdsprache bis zum heutigen Kontext reicht, analysiere ich die Ma&#223;nahmen der brasilianischen Sprachenpolitik und ihren Einfluss auf den Deutschunterricht in Brasilien. Unsere Diskussionen befassen sich mit den Konzepten der Sprachenpolitik und den verschiedenen Transformationen des Deutschunterrichts in Brasilien seit dem 19. Jahrhundert. In den verschiedenen Phasen der Sprachenpolitik, die den Deutschunterricht in Brasilien betreffen, k&#246;nnen zwei wichtige Perspektiven identifiziert werden, die die Expansion der deutschen Sprache sowohl f&#252;r ihr geopolitisches Kapital als auch f&#252;r ihren Wert bei der Konstruktion der Identit&#228;t der brasilianischen Gesellschaft kennzeichnen.</p>
</abstract>
<trans-abstract xml:lang="en">
<p><bold>Perspectives of German language teaching in the historical panorama of Brazilian language policy</bold></p>
<p>The aim of this article is to critically analyze the panorama of language policies for teaching German in Brazil. The German language, now firmly established as a foreign language, has a history that goes back to the beginnings of the formation of the Brazilian people through waves of migration for the purpose of colonization. Starting from the construction of a historical panorama that goes from the introduction of German as a foreign language to the present context, I analyze the actions of Brazilian language policies and how they influence the teaching of German in Brazil. Our discussions focus on the concepts of language policy and the different transformations of German language teaching in Brazil since the 19th century. In the different phases of language policy affecting the teaching of German in Brazil, I have identified two important perspectives that characterize the expansion of the German language both for its geopolitical capital and for its value in the construction of Brazilian society's identity.</p>
</trans-abstract>
<kwd-group>
<kwd>Sprachliches Erbe</kwd>
<kwd>deutsche Einwanderung in Brasilien</kwd>
<kwd>Deutsch als Fremdsprache (DaF)</kwd>
<kwd>Deutsch als Einwanderungssprache (DaE)</kwd>
</kwd-group>
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<kwd>linguistic heritage</kwd>
<kwd>German immigration in Brazil</kwd>
<kwd>German as a foreign language</kwd>
<kwd>German as a language of immigration</kwd>
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<title>Einleitung</title>
<p>Die deutsche Sprache spielt eine wichtige Rolle bei der Bewahrung der kulturellen Identit&#228;t und des Erbes der deutschen Einwanderer in Brasilien. Sie kann als Bindeglied zwischen den Generationen fungieren und gibt kulturelle Werte, Traditionen und Geschichten weiter. Der Deutschunterricht heute beg&#252;nstigt daher die Anerkennung der Beitr&#228;ge der deutschsprachigen Gemeinschaft zur brasilianischen Kultur sowie die F&#246;rderung der sprachlichen Vielfalt und der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes.</p>
<p>Aufzeichnungen &#252;ber die Anwesenheit von Deutschen in Brasilien reichen bis ins Jahr 1547 zur&#252;ck. Die Einwanderungswellen mit den Kolonisierungsprojekten begannen jedoch offiziell im Jahr 1824 (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B25">Pupp-Spinass&#233; 2008</xref>). Die deutschen Einwanderergemeinschaften entwickelten an verschiedenen Orten ihre eigenen Sitten und Gebr&#228;uche, wobei das sprachliche Erbe eine besondere Rolle als Schl&#252;ssel f&#252;r die Weitergabe und Pr&#228;senz des deutschen historischen und kulturellen Erbes bei der Bildung der brasilianischen Gesellschaft spielte.</p>
<p>Anl&#228;sslich des zweihundertsten Jahrestags der Einwanderung von Deutschen in Brasilien stelle ich mir im historischen R&#252;ckblick die Frage: Wie hat die Entwicklung des Deutschunterrichts mit den verschiedenen Phasen der Sprachenpolitik des brasilianischen Staates interagiert? Ziel dieser Untersuchung ist es, die Ma&#223;nahmen der brasilianischen Sprachenpolitik zu analysieren und aufzuzeigen, wie sie den Deutschunterricht in Brasilien beeinflussen. Dabei werden die zentralen Konzepte der Sprachenpolitik er&#246;rtert sowie die unterschiedlichen Transformationen des Deutschunterrichts in Brasilien seit dem 19. Jahrhundert beleuchtet. Von Interesse sind dabei nicht nur sprachlich-p&#228;dagogische Aspekte, sondern auch, inwiefern durch den Unterricht der deutschen Sprache ein bedeutender Teil des historisch-kulturellen Erbes der brasilianischen Gesellschaft bewahrt wird.</p>
<p>Im Rahmen der brasilianischen Bildungspolitik wird die Sprachenpolitik bez&#252;glich des Deutschunterrichts aus der Perspektive von Deutsch als Fremdsprache (DaF) und von Deutsch als Einwanderungssprache (DaE) betrachtet. Einerseits gebe ich einen historischen &#220;berblick &#252;ber die Ma&#223;nahmen, die seit der Einf&#252;hrung des Deutschunterrichts im brasilianischen Bildungswesen durchgef&#252;hrt wurden. Andererseits analysiere ich den aktuellen Kontext, der von Oliveira (<xref ref-type="bibr" rid="B22">2007</xref>) als sprachenpolitischer Wendepunkt beschrieben wird, um vor allem die verschiedenen Wege zu fokussieren die sich in der Dynamik der gegenw&#228;rtigen bildungspolitischen Entscheidungen abzeichnen.</p>
<p>In Kapitel 1 behandle ich die Konzepte von Sprachenpolitik allgemein. Anschlie&#223;end pr&#228;sentiere ich das Panorama des Deutschunterrichts in Brasilien und die staatlichen Ma&#223;nahmen, die ergriffen wurden, um ihn zu regulieren, zu lenken und zu f&#246;rdern (Kap. 2). In Kap. 3 konzentriere ich mich auf die Analyse des aktuellen Rahmens der brasilianischen Sprachenpolitik und der Realit&#228;t des gegenw&#228;rtigen Deutschunterrichts. Dabei kontrastiere ich die pr&#228;sentierten Daten, um die Richtungen zu reflektieren, die die zuk&#252;nftige Entwicklung kennzeichnen werden.</p>
</sec>
<sec>
<title>1 Sprachenpolitik: Theoretische Perspektiven</title>
<p>Sprach- oder Sprachenpolitik<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref> umfasst im Allgemeinen alle Ma&#223;nahmen, die sich mit &#220;berlegungen zu bestimmten Sprachen befassen, um im &#246;ffentlichen Interesse konkrete Ma&#223;nahmen in Bezug auf diese Sprache(n) zu ergreifen. Diese Ma&#223;nahmen zielen darauf ab, die f&#252;r die Menschen eines Landes, eines Staates oder sogar f&#252;r gr&#246;&#223;ere transnationale Gemeinschaften wichtigen Sprachen zu f&#246;rdern und zu regulieren (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B27">Rajagopalan 2013: 21</xref>).</p>
<p>Das Vorrecht, Sprach- bzw. Sprachenpolitik vorzuschlagen, zu organisieren und durchzuf&#252;hren, wird f&#228;lschlicherweise gemeinhin ausschlie&#223;lich staatlichen Stellen und anderen &#246;ffentlichen Einrichtungen zugeschrieben. Allerdings spielen auch andere Institutionen als der Staat eine Rolle bei der Sprachenpolitik, z.B. Nichtregierungsorganisationen, kommerzielle Einrichtungen, soziale Vereinigungen und sogar Familien.</p>
<p>Calvet (<xref ref-type="bibr" rid="B13">1996</xref>) betont, dass es Eingriffe auf Sprache schon immer gegeben hat, da Individuen stets versucht haben, den Gebrauch einer bestimmten Sprache zu regulieren und zu bestimmen. Auch politische Macht hat schon immer sprachliche Pr&#228;ferenzen gehabt, sei es durch die Entscheidung, den Staat durch eine bestimmte Sprache zu regieren, oder dadurch, dass die Sprache einer Minderheit einer Mehrheit auferlegt wird. Nach Ansicht des Autors besteht die Umsetzung der Sprach- bzw. Sprachenpolitik in der Sprachplanung, die das Gewicht und die symbolische Pr&#228;senz der Sprachen zu beeinflussen sucht.</p>
<p>De Souza und Pereira (<xref ref-type="bibr" rid="B14">2019</xref>) er&#246;rtern die Beziehung zwischen Sprach- bzw. Sprachenpolitik und &#246;ffentlicher Politik und identifizieren drei Schl&#252;sselbegriffe: &#8222;language planning&#8220;, &#8222;language policy&#8220; und, neuerdings, &#8222;glottopolitique&#8220;. Die Begriffe <italic>language policy</italic> und <italic>language planning</italic> gehen auf Konzepte der Politikanalyse zur&#252;ck und fanden Eingang in der Soziolinguistik in den sp&#228;ten 1950er und fr&#252;hen 1960er Jahren, als die &#246;ffentliche Sprach- bzw. Sprachenpolitik als Forschungsfeld anerkannt wurde.</p>
<p>Wie von De Souza und Pereira (<xref ref-type="bibr" rid="B14">2019</xref>) vorgeschlagen, bezieht sich <italic>language policy</italic> auf die Gesamtheit von Gesetzen und Ma&#223;nahmen, die den Gebrauch und den Status von Sprachen in einem bestimmten Gebiet regeln, wobei haupts&#228;chlich staatliche und institutionelle Akteure beteiligt sind, mit dem Ziel, Amtssprachen zu definieren, Minderheitensprachen zu sch&#252;tzen und den Gebrauch von Sprachen im &#246;ffentlichen Raum zu regulieren. <italic>Language planning</italic> umfasst konkrete Strategien und Ma&#223;nahmen zur Steuerung der Entwicklung und des Gebrauchs von Sprachen. Es gliedert sich in Statusplanung (Festlegung und &#196;nderung des Status von Sprachen) und Korpusplanung (&#196;nderung und Standardisierung der Sprachstruktur) und wird von staatlichen Institutionen, privaten Organisationen und wissenschaftlichen Einrichtungen durchgef&#252;hrt, um eine Standardisierung und Anpassung an Aktuelle gesellschaftliche und kommunikative Anforderungen zu erreichen.</p>
<p>Der Begriff <italic>glottopolitique</italic> wurde 1986 von Jean-Baptiste Marcellesi und Louis Guespin eingef&#252;hrt und bezeichnet Ma&#223;nahmen im Bereich der Sprache und der Steuerung der sprachlichen Interaktion durch die Gesellschaft. Der Schwerpunkt dieses Konzepts geht &#252;ber die institutionelle Dimension hinaus und liegt auf der Interaktion zwischen sprachlichen Ph&#228;nomenen und den sozialen Praktiken, die ihre verschiedenen Verwendungen ausmachen. In diesem Sinne erweitert der Begriff diesen Fokus, indem er die gesellschaftliche Dimension und die Rolle nichtstaatlicher Akteure st&#228;rker betont.</p>
<p>W&#228;hrend sich diese Begriffe spezifisch auf sprachliche Aspekte konzentrieren, bezieht sich &#246;ffentliche Politik (<italic>public policy</italic>) allgemein auf die Gesamtheit der Entscheidungen und Ma&#223;nahmen staatlicher Institutionen zur L&#246;sung gesellschaftlicher Probleme in verschiedenen Bereichen wie Wirtschaft, Gesundheit, Umwelt und Bildung, wobei staatliche, private und gesellschaftliche Akteure involviert sind und allgemeine gesellschaftliche Ziele verfolgt werden.</p>
<p>In Brasilien geht die Geschichte der politischen Entscheidungen bez&#252;glich der gesprochenen Sprachen auf den Kolonialismus zur&#252;ck. Die portugiesischen Kolonisatoren sahen sich mit einem Gebiet voller nat&#252;rlicher Reicht&#252;mer und einer F&#252;lle von V&#246;lkern und Sprachen konfrontiert. Mit der Kolonialisierung Brasiliens wurde die territoriale Beherrschung gleichzeitig mit der Einf&#252;hrung der Sprache des Beherrschers, n&#228;mlich des Portugiesischen, verbunden. Anhand von Arbeiten wie der von Escobar (<xref ref-type="bibr" rid="B16">2013</xref>) wurde das Panorama der brasilianischen Sprachenpolitik strukturiert.</p>
<table-wrap id="T1">
<caption>
<p>Tab. 1: Sprachenpolitische Entwicklungsphasen in Brasilien</p>
</caption>
<table>
<tbody>
<tr>
<td align="left" valign="top"><bold>Phase</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>Politik</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>Sprachen</bold></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Kolonialismus I <break/> (16./17. Jh. &#8211; Mitte 18. Jh.)</td>
<td align="left" valign="top">Okkupation, Christianisierung, Ausbeutung, Genozid der indigenen Bev&#246;lkerung</td>
<td align="left" valign="top">Bidirektionale Zweisprachigkeit mit indigenen Sprachen als linguae francae (l&#237;nguas gerais)</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Kolonialismus II <break/> (Mitte des 18. Jahrhunderts &#8211; <break/> Anfang des 19. Jahrhunderts)</td>
<td align="left" valign="top">Hispanisierung/<break/>Lusitanisierung, Sklaverei</td>
<td align="left" valign="top">Nur-Portugiesisch-Politik, Unterdr&#252;ckung indigener Sprachen</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Unabh&#228;ngigkeit <break/> (fr&#252;hes 19. Jahrhundert) &#8211; Gegenwart</td>
<td align="left" valign="top">Nation Building und administrative Vereinheitlichung im Estado Novo</td>
<td align="left" valign="top">Unidirektionale Zweisprachigkeit; 1990er/2000er Jahre: transitorische F&#246;rderung indigener Sprachen (als &#220;bergang zum Spanischen/Portugiesischen)</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Minderheitenschutz und Sprachrevitalisierungsprogramme <break/> (2000er Jahre)</td>
<td align="left" valign="top">Ethnische Renaissance, Multikulturalismus</td>
<td align="left" valign="top">Mehrsprachigkeitsprogramme, Revitalisierung, Kooffizialisierung</td>
</tr>
</tbody>
</table>
</table-wrap>
<p>Bevor wir zur konkreten Analyse der Entwicklung des Deutschunterrichts in Brasilien &#252;bergehen, ist es notwendig, zwei zentrale Konzepte zu definieren, unter denen die deutsche Sprache in diesem Kontext betrachtet werden kann: Deutsch als Fremdsprache (DaF) und Deutsch als Einwanderungssprache (DaE).</p>
<p>DaF bezeichnet traditionell den Unterricht der deutschen Sprache au&#223;erhalb deutschsprachiger L&#228;nder als eine Fremdsprache, die keine gesellschaftliche Verankerung im allt&#228;glichen Leben der Mehrheit der Bev&#246;lkerung hat. Der Unterricht erfolgt dabei meist in schulischen oder universit&#228;ren Institutionen und orientiert sich an kommunikativen, beruflichen oder akademischen Zielen.</p>
<p>DaE hingegen bezieht sich auf Kontexte, in denen die deutsche Sprache historisch durch Migrationsbewegungen in ein nicht-deutschsprachiges Land eingef&#252;hrt wurde und dort innerhalb bestimmter Gemeinschaften als Erstsprache, Herkunftssprache oder kulturelles Erbe weitergegeben wird. In diesem Fall hat die Sprache eine tiefere soziohistorische Verwurzelung, auch wenn sie im &#246;ffentlichen Raum keine dominante Rolle spielt. In Brasilien trifft dies insbesondere auf Regionen mit einer starken Pr&#228;senz deutschsprachiger Einwanderung zu, in denen Deutsch &#252;ber Generationen hinweg in Familien, Kirchen, Schulen und lokalen Medien pr&#228;sent war.</p>
<p>Die Begriffe DaF und DaE &#252;berschneiden sich im brasilianischen Kontext, da Deutsch sowohl als Erbe einer Einwanderungsgemeinschaft wie auch als schulisches Fremdsprachenangebot existiert. Ihre Unterscheidung erlaubt jedoch eine differenzierte Betrachtung der Zielgruppen, der didaktischen Ans&#228;tze und der politischen Implikationen des Deutschunterrichts im Land.</p>
<p>Zusammenfassend l&#228;sst sich festhalten, dass dieses Kapitel eine theoretische Grundlage f&#252;r das Verst&#228;ndnis der Sprachenpolitik geschaffen hat, indem es zentrale Begriffe wie <italic>language policy, language planning</italic> und <italic>glottopolitique</italic> definiert und deren historische Entwicklung analysiert. Es wurde aufgezeigt, dass Sprachenpolitik nicht ausschlie&#223;lich staatlichen Akteuren vorbehalten ist, sondern auch durch nichtstaatliche Institutionen und soziale Dynamiken gepr&#228;gt wird. In den folgenden Kapiteln werden wir sehen, wie unterschiedliche Akteure und Variablen in der Gestaltung des Deutschunterrichts in Brasilien aus verschiedenen Perspektiven zusammenwirken.</p>
</sec>
<sec>
<title>2 Historischer &#220;berblick &#252;ber den Deutschunterricht in Brasilien</title>
<p>Im Zusammenhang mit der Sprachenpolitik und dem Sprachunterricht in Brasilien ist die Anerkennung einer mehrsprachigen Realit&#228;t ein sehr wichtiges Thema, das von Broch (<xref ref-type="bibr" rid="B12">2012</xref>) hervorgehoben wird. Trotz dieser sprachlichen Vielfalt herrscht immer noch die Vorstellung vor, dass Brasilien von einem Volk bewohnt wird, das sich in einer einzigen Variante einer einzigen Sprache ausdr&#252;ckt.</p>
<p>D&#246;rthe Uphoff gibt einen historischen &#220;berblick &#252;ber den Deutschunterricht in Brasilien, der in drei chronologische und aufeinander folgende Phasen unterteilt ist. 1) Zun&#228;chst die Phase der Hochbl&#252;te der deutschen Einwanderungsschulen vor der von der Regierung Get&#250;lio Vargas ab 1938 vorangetriebenen Nationalisierung des Bildungswesens; 2) darauf folgt die schwierige Wiederetablierung des Deutschunterrichts in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg; 3) schlie&#223;lich beschreibt sie die Phase der Konsolidierung der heutigen Unterrichtsbedingungen, die sich seit den 1980er Jahren herausgebildet haben (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B31">Uphoff 2011: 14</xref>).</p>
<p>Der Deutschunterricht in Brasilien ist unmittelbar mit der Geschichte der deutschen Einwanderung in das Land im 19. und 20. Jahrhundert verbunden, die 1824 begann. Viele deutsche Einwanderer wurden durch die von der brasilianischen Regierung angebotenen Kolonisierungs- und Arbeitsm&#246;glichkeiten angezogen, vor allem in den s&#252;dlichen und s&#252;d&#246;stlichen Regionen des Landes.</p>
<p>In dieser Arbeit legen wir zus&#228;tzlich zu dem von Uphoff vorgeschlagenen Panorama einen besonderen Schwerpunkt (Phase 2) auf den Zeitraum zwischen 1938 und 1945 &#8211; eine entscheidende Zeit der Sprachverbote, die mit den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs zusammenf&#228;llt.</p>
<sec>
<title>2.1 Phase I &#8211; Die Einf&#252;hrung des Deutschunterrichts als Einwanderersprache und Fremdsprache</title>
<p>Im 19. Jahrhundert, w&#228;hrend der ersten Phase des Deutschunterrichts, wurde die deutsche Sprache in Schulen unterrichtet, die von deutschen Einwanderergemeinden in Brasilien gegr&#252;ndet wurden. Das Ziel dieser Schulen war es, die deutsche Sprache, Kultur und Traditionen in den jeweiligen Einwanderergemeinden zu bewahren und zu f&#246;rdern (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B28">Rinke 1996</xref>). Wie Uphoff (<xref ref-type="bibr" rid="B31">2011</xref>) zeigt, wurde die erste im brasilianischen Kontext erstellte Fibel f&#252;r den Deutschunterricht, &#8222;Neustes ABC-Buchstabier- und Lesebuch&#8220;, im Jahr 1832 ver&#246;ffentlicht.</p>
<p>Die Bed&#252;rfnisse und die Ziele des Einwanderungskontexts bildeten den anf&#228;nglichen Rahmen f&#252;r den Deutschunterricht in Brasilien. Geografisch betrachtet bestand beispielsweise eine Beschr&#228;nkung auf die Regionen, in denen sich die deutschen Siedlungsgebiete konzentrierten, n&#228;mlich die Bundesstaaten Rio Grande do Sul, Santa Catarina, Paran&#225;, S&#227;o Paulo und Esp&#237;rito Santo.</p>
<p>In diesen Gebieten bildeten deutschsprachige Gemeinschaften sogenannte Sprachinseln innerhalb eines Landes, das ansonsten durch die weitgehende Dominanz des Portugiesischen als Amtssprache gepr&#228;gt war. Die Kolonien stellten somit begrenzte R&#228;ume dar, in denen eine andere Sprache im allt&#228;glichen Gebrauch stand. In sprachlich homogenen Gemeinschaften blieb dabei in der Regel der jeweils dominante Dialekt erhalten, da er von der Mehrheit der Bev&#246;lkerung gesprochen wurde. Infolge der sprachlichen Heterogenit&#228;t dieser Kolonien setzte ein intensiver und kaum vermeidbarer Vermischungsprozess verschiedener m&#252;ndlicher Variet&#228;ten ein, wobei sich in der Regel die Sprache der zahlenm&#228;&#223;ig st&#228;rksten Gruppe durchsetzte. (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B25">Pupp Spinass&#233; 2008: 119</xref>).</p>
<p>Wie Pupp Spinass&#233; andeutet, haben die sprachlich-kulturellen Inseln zur Entwicklung charakteristischer sprachlicher Varianten gef&#252;hrt, die sich von Standarddeutsch und europ&#228;ischen regionalen Varianten unterscheiden und f&#252;r die deutsche Einwanderergemeinschaft in Brasilien typisch sind. Im Falle von Rio Grande do Sul, Santa Catarina und Paran&#225; &#252;berwiegen je nach Gemeinde die Varianten Hunsr&#252;ckisch und Pommersch, w&#228;hrend in Esp&#237;rito Santo und S&#227;o Paulo das Pommersche vorherrscht.</p>
<p>In diesem Zusammenhang waren die politischen Initiativen, die die Bildungsf&#246;rderung und -beratung in der ersten Phase des Deutschunterrichts in Brasilien beeinflussten, meist das Ergebnis einzelner Aktionen von Migrantengemeinschaften. Die &#8222;Gemeinschaftsschulen&#8220; und &#8222;Gemeindeschulen&#8221;<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref> (<xref ref-type="bibr" rid="B31">Uphoff 2011: 15</xref>) wurden beispielsweise vollst&#228;ndig aus eigenen Mitteln der Siedler initiiert und unterhalten. Oft wurden sie in prek&#228;ren R&#228;umen in l&#228;ndlichen Gebieten eingerichtet. In den Anfangsjahren des Deutschunterrichts in Brasilien war die Beschr&#228;nkung auf Migrantengemeinschaften charakteristisch f&#252;r den Unterricht in der Muttersprache und als Muttersprache, wobei die Anerkennung als Fremdsprache zun&#228;chst auf das Jahr 1841 zur&#252;ckging. (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B3">Brasil 1841</xref>, ein Dekret, das sich allerdings auf das <italic>Collegio de Pedro Segundo</italic> in Rio de Janeiro bezog, die seinerzeit einzige Institution f&#252;r h&#246;here Bildung in Brasilien).</p>
<p>Zus&#228;tzlich zu den Gemeinschaftsschulen in den l&#228;ndlichen Gebieten gr&#252;ndeten deutsche Einwanderer ab der zweiten H&#228;lfte des 19. Jahrhunderts Schulen in den st&#228;dtischen Zentren. Diese Schulen waren aufgrund der unterschiedlichen Zusammensetzung der st&#228;dtischen Schulgemeinschaft auf eine vielf&#228;ltige Sch&#252;lerschaft ausgerichtet, wobei auch portugiesischsprachige Sch&#252;ler diese Schulen besuchten.</p>
<p>Uphoff (<xref ref-type="bibr" rid="B31">2011</xref>) beschreibt, dass sich die ersten Lehrmaterialien auf den Unterricht in Deutsch als Muttersprache konzentrierten und den Unterricht an die lokalen Gegebenheiten anpassten. Im Laufe der Zeit wurden diese Materialien jedoch dahingehend ge&#228;ndert, dass sie st&#228;rker auf die Vielfalt der Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler ber&#252;cksichtigen und auch Ans&#228;tze von Deutsch als Fremdsprache miteinbeziehen. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts kombinierten die Lehrmaterialien direkte und indirekte Methoden und lehrten die deutsche Grammatik zusammen mit Techniken zur Entwicklung des Sprachgebrauchs bei brasilianischen Sprechern.</p>
<p>Die sprachpolitischen Ma&#223;nahmen zur Einf&#252;hrung und F&#246;rderung des Deutschunterrichts in Brasilien gehen in der ersten Phase auf die Initiative der eingewanderten Bev&#246;lkerung zur&#252;ck, als Strategie zur Erhaltung der Sitten, Traditionen und Werte der deutschsprachigen Immigranten. Deutsch als Einwanderersprache (DaE) begann allm&#228;hlich, sich den Raum mit Deutsch als Fremdsprache (DaF) zu teilen, und zwar zur gleichen Zeit, als deutsche Migranten in die st&#228;dtischen Zentren zogen und neue Schulen gr&#252;ndeten, die sich nicht nur an die deutsch-brasilianische Gemeinschaft richteten.</p>
<p>Der brasilianische Staat spielte bei der Einf&#252;hrung des Deutschunterrichts in Brasilien eine untergeordnete Rolle. Sp&#228;ter &#252;bernahm er eine regulierende Funktion, indem er die deutsche Sprache im Jahr 1855 neben Englisch, Franz&#246;sisch und Italienisch als Pflichtfach in den nationalen Lehrplan aufnahm (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B32">Vidotti/Dornelas 2007</xref>). Dies markierte eine Phase der Aufwertung der deutschen Sprache. Sp&#228;ter wurde im Jahr 1931 Deutsch zu einer fakultativen Fremdsprache. Dadurch verlangsamte sich die Verbreitung von Deutsch als Fremdsprache, da der fakultative Charakter darauf hindeutete, dass das Erlernen der deutschen Sprache in der nationalen Sprachenpolitik eine untergeordnete Rolle spielte.</p>
<p>Am Ende dieser ersten Phase h&#228;ngt der R&#252;ckgang in der Aufwertung des Deutschen in der brasilianischen Sprachenpolitik zum einen mit den Ver&#228;nderungen und Auseinandersetzungen in der weltweiten Geopolitik und zum anderen mit einer nationalistischen Stimmung zusammen, die sich beispielsweise in der Sprachenpolitik ab Ende der 30er Jahre zeigte.</p>
<p>In Phase I dominierte zun&#228;chst eindeutig Deutsch als Einwanderungssprache (DaE), das &#8211; in seiner urspr&#252;nglichen Form &#8211; prim&#228;r noch als Muttersprache (DaM) gelehrt wurde. Innerhalb geschlossener, oft l&#228;ndlicher Gemeinschaften fungierte es als Alltagssprache und als Medium der kulturellen Reproduktion. Diese Sprachpraxis war stark von Dialekten gepr&#228;gt (z.B. Hunsr&#252;ckisch, Pommersch) und beruhte auf autonomen, nichtstaatlichen Initiativen &#8211; ein typisches Beispiel f&#252;r eine nichtinstitutionelle Glottopolitik von unten (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B30">Savedra/Mazzelli 2020</xref>).</p>
<p>Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte in urbanen Kontexten eine kontextuelle Verschiebung ein, in der auch Deutsch als Fremdsprache (DaF) an Bedeutung gewann. In privaten und konfessionellen Schulen der St&#228;dte, die zunehmend auch von portugiesischsprachigen Sch&#252;lern besucht wurden, trat Deutsch in einem institutionell geregelteren Rahmen auf. Die sprachlichen und p&#228;dagogischen Praktiken begannen sich zu diversifizieren, und es entstanden erste Ans&#228;tze einer Didaktik f&#252;r DaF.</p>
<p>Insgesamt ist diese Phase durch die Koexistenz und gegenseitige Einflussnahme von DaE und DaF gepr&#228;gt. Beide Perspektiven standen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern entwickelten sich entlang unterschiedlicher sozialer, geographischer und funktionaler Linien, was f&#252;r den brasilianischen Kontext eine besondere Mehrdeutigkeit im Status und in der Funktion der deutschen Sprache bedeutete.</p>
</sec>
<sec>
<title>2.2 Phase II &#8211; Deutschunterricht w&#228;hrend des Zweiten Weltkriegs und der brasilianischen Zivil-Milit&#228;rdiktatur</title>
<p>Mit der Versch&#228;rfung der weltweiten Konflikte und des brasilianischen Nationalismus in den 1940er Jahren wurde der Deutschunterricht an den Schulen verboten. W&#228;hrend die Gr&#252;ndung eigener Schulen durch deutsche Einwanderer zun&#228;chst von den brasilianischen Beh&#246;rden geduldet und teilweise sogar positiv bewertet worden war, wandelte sich diese Haltung schrittweise. Zunehmend wuchs die Sorge des Staates angesichts jener Teile der Kolonialbev&#246;lkerung, die zwar in Brasilien geboren waren, jedoch weder die Landessprache beherrschten noch Lebensweisen &#252;bernommen hatten, die den luso-brasilianischen Traditionen entsprachen.</p>
<p>In diesem Zusammenhang stellte sich die Frage nach der &#8222;Loyalit&#228;t&#8220; einer ethnischen Gruppe, die in starkem Ma&#223;e an ihrer Herkunftssprache und -kultur festhielt und dadurch kaum in die nationale Gemeinschaft integriert erschien. Diese Spannungen wurden zus&#228;tzlich durch die Verbreitung pangermanistischer und sp&#228;ter nationalsozialistischer Ideologien in Teilen der deutschsprachigen Einwandererpresse versch&#228;rft, was das Verh&#228;ltnis zwischen den brasilianischen Beh&#246;rden und der deutsch-brasilianischen Gemeinschaft weiter belastete (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B31">Uphoff 2011: 17&#8211;18</xref>).</p>
<p>Eine nationalistische Sprachenpolitik begann im Bildungsbereich mit einer Reform im Jahr 1938, die es zur Pflicht machte, in allen Schulen des Landes ausschlie&#223;lich Portugiesisch zu unterrichten. Au&#223;erdem wurden die Schulen verpflichtet, brasilianische historische Pers&#246;nlichkeiten in ihren Namen aufzunehmen, und die Lehrer mussten Brasilianer sein und im Land ausgebildet werden. Da solche Lehrkr&#228;fte nicht in ausreichendem Ma&#223;e zur Verf&#252;gung standen, konnte in manchen Orten ein solcher Unterricht f&#252;r eine gewisse Zeit lang gar nicht erteilt werden.</p>
<p>Fremdsprachenkurse wurden f&#252;r Kinder unter 14 Jahren verboten, und der Unterricht in moralischer und staatsb&#252;rgerlicher Erziehung wurde als Strategie eingef&#252;hrt, um das einzud&#228;mmen, was als Indoktrination durch die Ideale und Traditionen anderer Kulturen in der brasilianischen Gesellschaft angesehen wurde. Diese Ma&#223;nahmen f&#252;hrten im folgenden Jahr zu einem Verbot der &#246;ffentlichen Verwendung von Fremdsprachen, wobei die Armee f&#252;r die &#220;berwachung und Unterdr&#252;ckung des Gebrauchs dieser Sprachen zust&#228;ndig war.</p>
<p>W&#228;hrend der Zeit des <italic>Estado Novo</italic><xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref> in Brasilien unter Pr&#228;sident Get&#250;lio Vargas wurde der Nationalismus im Rahmen der Bem&#252;hungen um die Konsolidierung des Zentralismus im Land und die F&#246;rderung eines &#8222;starken&#8220; Nationalstaats verst&#228;rkt. In diesem Zusammenhang wurde der Begriff der &#8222;<italic>crime idiom&#225;tico</italic>&#8220; (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B24">Orlandi 2009: 113</xref>)<xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref> von der Vargas-Regierung gef&#246;rdert, die sich insbesondere auf die deutsche, italienische und japanische Sprache konzentrierte.</p>
<p>Ab 1942, als Brasilien in den Krieg gegen die Achsenm&#228;chte eintrat, wurden Italiener, Deutsche und Japaner zu den Hauptzielen der staatlichen Verfolgung. Die Rechte dieser Nationalit&#228;ten wurden eingeschr&#228;nkt und f&#252;r Reisen durch das Land wurden von ihnen Dokumente verlangt. Materialien, die an die Einwanderung erinnerten, wurden beschlagnahmt und Verhaftungen von Personen, die kein Portugiesisch sprachen, wurde immer h&#228;ufiger. Die Beziehungen zwischen den brasilianischen Beh&#246;rden und den Deutsch-Brasilianern wurden noch schwieriger, als Mitglieder der deutsch-brasilianischen Gemeinschaft eindeutig nationalsozialistische Ideale unterst&#252;tzten, wie Del Priore (<xref ref-type="bibr" rid="B15">2017</xref>) feststellt<xref ref-type="fn" rid="n5">5</xref>.</p>
<p>Die brasilianische Regierung f&#246;rderte auch die Gewalt gegen Deutsch-Brasilianer und Einwanderer aus Deutschland, Italien und Japan. Viele wurden in Konzentrationslagern inhaftiert (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B33">Zanelato/Gon&#231;alves 2013: 4</xref>). Traditionelle italienische Gemeinschaften mussten ihre Identit&#228;t verheimlichen, und die Erinnerung an japanische Viertel wurde ausgel&#246;scht.</p>
<p>Die Sprachenpolitik von Get&#250;lio Vargas, insbesondere in Bezug auf diese drei Nationalit&#228;ten, lie&#223; nach dem Zweiten Weltkrieg nach, aber die Marginalisierung und Repression generell gegen&#252;ber diese Einwandererminderheiten wurden erst nach dem Ende der zivil-milit&#228;rischen Diktatur abgebaut.</p>
<p>Ende 1961, noch vor dem zivil-milit&#228;rischen Regime, verk&#252;ndete der damalige Pr&#228;sident Jo&#227;o Goulart das erste Gesetz &#252;ber Bildungsrichtlinien und -grundlagen (<italic>Lei de Diretrizes e Bases da Educa&#231;&#227;o</italic> - Ldb). Es nannte Pflicht- und Wahlf&#228;cher in den Lehrpl&#228;nen, wobei Fremdsprachen nicht obligatorisch waren (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B5">Brasil 1961</xref>). W&#228;hrend der Diktatur verk&#252;ndete Pr&#228;sident Em&#237;lio Garrastazu M&#233;dici 1971 ein neues Ldb, das die Einrichtung von Klassen f&#252;r den Fremdsprachenunterricht erlaubte (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B6">Brasil 1971</xref>). Erst 1976 wurde der Fremdsprachenunterricht in den weiterf&#252;hrenden Schulen wieder zur Pflicht gemacht.</p>
<p>Der DaF-Unterricht erlebte in der zweiten Phase erhebliche Ver&#228;nderungen, insbesondere im Vergleich zu seiner Ausweitung und Aufwertung in der ersten Phase vor 1938. Zwischen dieser Phase der sprachlichen und kulturellen Anerkennung und der fremdsprachenfeindlichen Politik, die w&#228;hrend des Estado Novo in den 1940er Jahren bis zur Redemokratisierung Brasiliens in den 1980er Jahren vorherrschte, besteht ein deutlicher Kontrast.</p>
<p>Die Politik der Regierung Get&#250;lio Vargas f&#252;hrte zu einer abrupten Unterbrechung der Aktivit&#228;ten der Schulen in den Einwanderergemeinden. Insbesondere die staatlich verordnete Nationalisierungspolitik, die ein Verbot des Gebrauchs und Unterrichts von Fremdsprachen wie Deutsch beinhaltete, hatte direkte Auswirkungen auf den Sprachunterricht in diesen Gemeinschaften. Bis 1938 konnten die Schulen in den deutschen Kolonien relativ ungest&#246;rt arbeiten und Deutsch als Unterrichtssprache pflegen. Mit dem Beginn des Estado Novo wurde jedoch ein striktes Verbot der deutschen Sprache sowohl in Bildungseinrichtungen als auch im &#246;ffentlichen Leben durchgesetzt, was die kulturelle und sprachliche Identit&#228;t dieser Gemeinden nachhaltig beeinflusste.</p>
<p>Parallel zu diesen repressiven Ma&#223;nahmen ver&#228;nderten sich mit der schrittweisen Integration der deutschst&#228;mmigen Einwanderer in die brasilianische Gesellschaft auch die Bedingungen f&#252;r die Verwendung und den Unterricht der deutschen Sprache. Die weitgehend l&#228;ndlich gepr&#228;gten, ethnisch homogenen Gemeinschaften, die zuvor den Erhalt der Sprache gew&#228;hrleisteten, passten sich zunehmend an die brasilianische Mehrheitsgesellschaft an, was zu einer Verdr&#228;ngung des Deutschen zugunsten des Portugiesischen f&#252;hrte.</p>
<p>In den Jahrzehnten nach dem Estado Novo begann sich das strikte Sprachverbot allm&#228;hlich zu lockern. Die fortschreitende Modernisierung und die zunehmende Anerkennung von DaF schufen neue M&#246;glichkeiten f&#252;r den Sprachunterricht. Trotz der Herausforderungen, die durch den Verlust des urspr&#252;nglichen Sprachnetzwerks entstanden waren, erlebte der DaF-Unterricht insbesondere in den 1970er und 1980er Jahren eine Renaissance. In dieser Phase wurde Deutsch vor allem als Fremdsprache in einem formalisierten und methodisch strukturierten Kontext unterrichtet, der sich von den vorherigen informellen und famili&#228;ren Traditionen unterschied.</p>
<p>In der Vergangenheit waren lokal produzierte Materialien manchmal auf den Unterricht von Deutsch als Muttersprache ausgerichtet. In dieser neuen Phase begannen die Lehrmaterialien jedoch, diejenigen in der Einwanderergemeinschaft zu ber&#252;cksichtigen, deren Muttersprache Portugiesisch war. Das Lehrbuch von Kleine (<xref ref-type="bibr" rid="B21">1959</xref>), <italic>Aprenda a ler o alem&#227;o</italic> [Deutsch lesen lernen], das sich an deutsche Kinder richtet, f&#252;hrt in Aspekte des Aufbaus der deutschen Sprache ein, indem es direkte Vergleiche mit dem Portugiesischen anstellt: &#8222;ei - &#233; pronunciado <italic>ai</italic>, como em <italic>papai</italic>; por exemplo: eine (<italic>aine</italic>), kleine (<italic>claine</italic>), Reise (<italic>raize</italic>)&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B21">Kleine 1959: 11</xref>).</p>
<p>Der formale DaF-Unterricht war in einigen wenigen &#246;ffentlichen Schulen fortgesetzt worden, gewann jedoch ab den 1960er Jahren mit der Ankunft deutscher Unternehmen in Brasilien in den Sprachschulen an Boden. Die Verbreitung des Deutschunterrichts in Brasilien wurde durch die Gr&#252;ndung von Goethe-Instituten<xref ref-type="fn" rid="n6">6</xref> in den 1960er und 1970er Jahren vorangetrieben, die eine Schl&#252;sselrolle bei der F&#246;rderung der deutschen Sprache spielten. Diese Initiative war Teil der Au&#223;enpolitik der deutschen Regierung, die ihre Bem&#252;hungen um die Verbreitung der deutschen Sprache und Kultur in verschiedenen L&#228;ndern, darunter auch Brasilien, verst&#228;rkte.</p>
<p>W&#228;hrend der Deutschunterricht in den Schulen der deutschen Einwanderergemeinschaften nicht weitergef&#252;hrt wurde, boten die deutschen Schulen in den st&#228;dtischen Zentren weiterhin Deutsch als kostenlosen Unterricht und sp&#228;ter als obligatorischen Teil des Schullehrplans an. Ab den 1950er Jahren erlaubte man den Unterricht von Deutsch in bestimmten Kontexten, insbesondere in privaten Schulen und kulturellen Institutionen. Auf diese Weise entstand in Brasilien die sogenannte Begegnungsschule, eine &#246;ffentliche Schule, deren Lehrplan den Richtlinien der brasilianischen Regierung und der deutschen Regierung entsprach. Seit 1976 entsendet die Zentralstelle f&#252;r das Auslandsschulwesen (ZfA), eine Einrichtung des deutschen Au&#223;enministeriums, Koordinatoren zur Unterst&#252;tzung der brasilianischen Begegnungsschulen.</p>
<p>Die zweite Phase ist durch eine gewaltsame Unterbrechung der Kontinuit&#228;t von DaE gepr&#228;gt. Was zuvor als Alltagssprache in l&#228;ndlichen Gemeinschaften lebendig war, wurde durch staatliche Repression praktisch zum Verstummen gebracht. DaE verschwand nicht nur aus den Schulen, sondern auch aus dem &#246;ffentlichen Raum, und wurde als &#8222;fremd&#8220; innerhalb der eigenen Nation problematisiert.</p>
<p>Gleichzeitig &#246;ffneten sich &#8211; ab den 1950er Jahren &#8211; neue R&#228;ume f&#252;r DaF. In st&#228;dtischen Schulen, Sprachinstituten und durch die gezielte F&#246;rderung von au&#223;en (vor allem durch deutsche Kulturpolitik) etablierte sich DaF als formalisierter Unterrichtsansatz, der sich an neue Zielgruppen richtete: nicht mehr prim&#228;r Nachkommen von Einwanderern, sondern Brasilianer:innen auf der Suche nach Bildung, Internationalisierung und beruflicher Qualifikation. Die brasilianische Regierung startete in Kooperation mit der deutschen Regierung und privaten Initiativen Bem&#252;hungen zur F&#246;rderung des Fremdsprachenunterrichts in Brasilien. Seither zeigt die brasilianische Sprachenpolitik im Bereich Deutschunterricht (DaF) den Trend, eine inklusive und partnerschaftliche Rolle einzunehmen.</p>
<p>Diese Phase ist daher durch eine ungleiche Koexistenz von DaE und DaF gekennzeichnet: W&#228;hrend DaF zunehmend professionalisiert und &#246;ffentlich sichtbar wurde, blieb DaE im Schatten &#8211; marginalisiert, stigmatisiert und erst allm&#228;hlich Gegenstand sprachpolitischer R&#252;ckgewinnung. Die Verschiebung von DaE zu DaF reflektiert nicht nur eine didaktische, sondern auch eine politisch-ideologische Neuausrichtung des Status der deutschen Sprache in Brasilien.</p>
</sec>
<sec>
<title>2.3 Phase III &#8211; Deutschunterricht w&#228;hrend der Demokratisierung und in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts</title>
<p>In den 1980er Jahren kam es aufgrund der verst&#228;rkten Pr&#228;senz deutscher Unternehmen in Brasilien und der Ermutigung durch die deutsche Regierung zu einer deutlichen Zunahme des DaF-Unterrichts. Die Sprachinstitute in den st&#228;dtischen Gebieten verzeichneten eine steigende Nachfrage nach Deutschkursen, und der Arbeitsmarkt f&#252;r Sprachlehrer florierte. Wie Uphoff (<xref ref-type="bibr" rid="B31">2011</xref>) feststellt, st&#252;tzte sich die Sprachenpolitik f&#252;r den Deutschunterricht zunehmend auf Landesinitiativen, besonders in der s&#252;dlichen Region, wo die deutsche Sprache und Kultur aufgrund der Einwanderung und des kulturellen Erbes st&#228;rker pr&#228;sent waren. Gleichzeitig entstanden die ersten regionalen Lehrerverb&#228;nde, die durch den 1989 gegr&#252;ndeten brasilianischen Verband der Deutschlehrerverb&#228;nde (<italic>Associa&#231;&#227;o Brasileira de Professores de Alem&#227;o</italic> - Abrapa) verbunden wurden, um die Interessen des Sektors zu vertreten und den Austausch zwischen Lehrern auf nationaler und internationaler Ebene zu f&#246;rdern.</p>
<p>Wie Franco (<xref ref-type="bibr" rid="B17">2003</xref>) hervorhebt, begann die nationale Sprachenpolitik in Bezug auf das Lehren und Lernen von Fremdsprachen in Brasilien aufgrund wirtschaftlicher und geopolitischer Fragen, die durch die Position Brasiliens im Mercosul (<italic>Mercado Comum do Sul</italic>) und in der amerikanischen Freihandelszone (portugiesisch Alca - <italic>&#193;rea de Livre Com&#233;rcio das Am&#233;ricas</italic>) gepr&#228;gt waren, dem Unterricht von Englisch und Spanisch Vorrang zu geben. Im Jahr 1996 legte das Ldb fest, dass mindestens eine moderne Fremdsprache ab der 5. Klasse in den allgemeinen Teil des Lehrplans aufgenommen werden muss, die von der Schulgemeinschaft entsprechend den M&#246;glichkeiten der Einrichtung ausgew&#228;hlt wird (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B7">Brasil 1996</xref>).</p>
<p>Da die nationale Sprachenpolitik den Unterricht in einer Fremdsprache zur Pflicht macht, ohne jedoch eine bestimmte Sprache festzulegen, konkurrieren die Fremdsprachen miteinander. Lehrplanleitf&#228;den wie die Nationalen Lehrplanparameter (<italic>Par&#226;metros Curriculares Nacionais</italic> &#8211; Pcn; <xref ref-type="bibr" rid="B8">Brasil 1997</xref>) legen allgemeine Richtlinien f&#252;r den Fremdsprachenunterricht in Brasilien fest und betonen einen sozio-interaktionellen Ansatz, der den kulturellen und historischen Kontext mit einbezieht. Die sp&#228;ter ver&#246;ffentlichten Lehrplanrichtlinien f&#252;r die Sekundarstufe (<italic>Orienta&#231;&#245;es Curriculares para o Ensino M&#233;dio</italic> &#8211; Ocem; <xref ref-type="bibr" rid="B9">Brasil 2006</xref>) enthalten nicht nur allgemeine Richtlinien f&#252;r den Unterricht moderner Fremdsprachen, sondern auch spezifische Richtlinien f&#252;r den Spanischunterricht.</p>
<p>Zu Beginn der 2000er Jahre spiegelte das Interesse am Erlernen der deutschen Sprache die Anerkennung der Position Deutschlands als wirtschaftlich bedeutendes Land wider, und die Nachfrage begann zu steigen, insbesondere f&#252;r akademische und berufliche Ausbildungszwecke. Eine wichtige Initiative zur F&#246;rderung und Verbesserung des Deutschunterrichts in Brasilien ist das 2008 eingerichtete Programm &#8222;Schulen: eine Partnerschaft f&#252;r die Zukunft&#8220; (Pasch), das Partnerschaften zwischen brasilianischen und deutschen Schulen einrichtet und vom Ausw&#228;rtigen Amt koordiniert und direkt finanziert wird. Diese Initiative steht in Verbindung mit Institutionen, die der Entwicklung und F&#246;rderung der deutschen Sprache und Kultur gewidmet sind, wie die bereits erw&#228;hnten Goethe-Institute, die Zentralstelle f&#252;r das Auslandsschulwesen (ZfA), der P&#228;dagogische Austauschdienst der St&#228;ndigen Konferenz der Kultusminister der L&#228;nder der Bundesrepublik Deutschland (PAD) und der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD).</p>
<p>W&#228;hrend die brasilianische Regierung selbst nur begrenzt aktiv als F&#246;rderinstanz auftrat, zeigte sie sich dennoch kooperationsbereit. Die Sprachenpolitik im Bereich DaF nahm eine partnerschaftlich offene Haltung ein, wobei Programme durch Abkommen mit der deutschen Regierung erm&#246;glicht wurden und gleichzeitig die Eigenverantwortung der Schulgemeinschaften betont wurde. Insbesondere in Regionen ohne unmittelbaren Bezug zu deutschsprachigen Einwanderung wurde Deutsch nicht prim&#228;r als identit&#228;tsstiftende Sprache wahrgenommen, sondern vielmehr als strategische Ressource &#8211; als Mittel zum sozialen Aufstieg, zum Zugang zu Universit&#228;ten sowie zum internationalen Arbeitsmarkt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B26">Pupp Spinass&#233; 2009: 62</xref>).</p>
<p>Parallel zu dieser funktional-pragmatischen Dimension des DaF kam es jedoch ab Ende der 1980er Jahre auch zu einer politischen Wiederaufwertung sprachlicher Vielfalt, insbesondere von Minderheiten- und Einwanderungssprachen. Die Verfassung von 1988 stellte einen Wendepunkt dar, indem sie erstmals die kulturelle Pluralit&#228;t der brasilianischen Gesellschaft institutionell anerkannte. In den 2000er Jahren folgten unter der Pr&#228;sidentschaft von Luiz In&#225;cio Lula da Silva entscheidende glottopolitische Ma&#223;nahmen: Das Dekret 6.040 (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B10">Brasil 2007</xref>) &#252;ber die <italic>povos e comunidades tradicionais</italic>, das Dekret 7.387 (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B11">Brasil 2010</xref>) &#252;ber die Inventarisierung von Sprachen als immaterielles Kulturerbe sowie die zunehmende Kooffizialisierung auf kommunaler Ebene. Damit wurde das Deutsche nicht mehr nur als Fremdsprache, sondern auch wieder als Einwanderungssprache sichtbar &#8211; diesmal unter der Perspektive des Spracherbes und der sprachlichen Rechte von Minderheiten (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B29">Rosenberg 2023</xref>).</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>3 Sprachenpolitik f&#252;r den Deutschunterricht im aktuellen Kontext</title>
<p>Die Sprachenpolitik f&#252;r den Deutschunterricht in Brasilien umfasst heute zwei bedeutende Perspektiven. Die erste ist mit der Verbreitung des Deutschen als Fremdsprache verbunden, die auf dem wirtschaftlichen und geopolitischen Einfluss Deutschlands in der globalisierten Welt basiert und die internationalen Interessen Brasiliens ber&#252;hren. Die zweite Perspektive greift einen Trend aus der politisch-linguistischen Wende auf und l&#228;sst eine Politik erkennen, die auf die Erhaltung und Verbreitung des Deutschen als Einwanderersprache abzielt. Dies beinhaltet nicht nur die Standardvariante, sondern auch verschiedene dialektale Varianten wie Hunsr&#252;ckisch und Pommersch.</p>
<p>Die erste Perspektive f&#252;r die Sprachenpolitik im Deutschunterricht ist, wie bereits erw&#228;hnt, durch Ma&#223;nahmen gepr&#228;gt, die von der deutschen Regierung in Partnerschaft mit der brasilianischen Bundesregierung initiiert wurden. Zus&#228;tzlich zu dem, was ich bereits &#252;ber die zunehmende Wertsch&#228;tzung des Deutschen als Fremdsprache und seines politischen und wirtschaftlichen Potenzials am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts erl&#228;utert habe, &#246;ffnete sich die deutsche Regierung im Jahr 2023 f&#252;r die Einwanderung von Personen aus L&#228;ndern au&#223;erhalb der Europ&#228;ischen Union<xref ref-type="fn" rid="n7">7</xref>.</p>
<p>Ein Beispiel hierf&#252;r ist der Dialog zwischen dem deutschen und dem brasilianischen Arbeits- und Au&#223;enministerium zur F&#246;rderung einer sogenannten &#8222;fairen Einwanderung&#8220;<xref ref-type="fn" rid="n8">8</xref>. Der Vorschlag konzentriert sich haupts&#228;chlich auf Sektoren, in denen Deutschland einen Mangel an qualifizierten Arbeitskr&#228;ften verzeichnet, wie zum Beispiel im Bereich der medizinischen und palliativen Pflege. Diese und andere Ma&#223;nahmen, die f&#252;r die Ver&#228;nderungen in der globalisierten und postpandemischen Welt charakteristisch sind, haben die soziale Wertsch&#228;tzung des DaF-Lernens im heutigen Brasilien gepr&#228;gt.</p>
<p>Was die Initiativen des brasilianischen Staates betrifft, so ist eine erneute Ver&#228;nderung der brasilianischen Bildungsgesetzgebung erw&#228;hnenswert. Seit 2018 wurde mit dem neuen Gemeinsamen Nationalen Lehrplan (<italic>Base Nacional Comum Curricular</italic> - BNCC) Englisch ab dem zweiten Zyklus der Grundschule (ab 11 Jahren) offiziell in den nationalen Lehrplan aufgenommen. Eine weitere Ma&#223;nahme des brasilianischen Staates, die den Deutschunterricht sowohl in der ersten Perspektive, des Deutschen als Fremdsprache, als auch in der zweiten, die eher mit dem Deutschen als Einwanderungssprache zusammenh&#228;ngt, bedingt, ist die Ver&#246;ffentlichung von Referenzen f&#252;r zwei- und mehrsprachige Programme (<italic>Diretrizes Curriculares Nacionais para a Educa&#231;&#227;o Pluril&#237;ngue</italic> &#8211; CNE/CEB, 2020). Wie Grigoletto und Fortes (<xref ref-type="bibr" rid="B19">2022</xref>) vorschlagen, bekr&#228;ftigt dieser Rahmen die Rolle der englischen Sprache als dominante Fremdsprache, die als &#8222;Einsprachigkeit des Englischen&#8220; in der brasilianischen Politik bezeichnet wird, und vernachl&#228;ssigt dabei die politischen K&#228;mpfe um den Erhalt der Sprachen und Kulturen.</p>
<p>Die zweite Richtung, die die Sprachenpolitik f&#252;r den DaE-Unterricht darstellt, ist durch kommunale und landesweite Initiativen gekennzeichnet, wobei die Bundesregierung &#252;ber die Bildungseinrichtungen, die die Lehrpl&#228;ne festlegen, eine regulierende Rolle spielt. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die Ma&#223;nahmen hervorzuheben, die den Erhalt und die Verbreitung der dialektalen Varianten des Deutschen gew&#228;hrleisten, insbesondere im S&#252;den und S&#252;dosten Brasiliens.</p>
<p>Im Bundesstaat Esp&#237;rito Santo<xref ref-type="fn" rid="n9">9</xref>, wo die Pr&#228;senz des Pommerschen vorherrscht, wurden verschiedene kommunale Ma&#223;nahmen im Rahmen der Kooffizialisierung von Minderheitensprachen durchgef&#252;hrt. In den Bundesstaaten Rio Grande do Sul und Santa Catarina existieren kommunale<xref ref-type="fn" rid="n10">10</xref> Sprachenpolitiken, die auch die Aufwertung und Verbreitung von Hunsr&#252;ckisch bzw. des Standarddeutschen betreffen. Diese kommunalen Ma&#223;nahmen und Projekte zielen darauf ab, das historische und kulturelle Erbe der deutschen Einwanderung anzuerkennen. Sie beruhen auf dem gemeinsamen Anliegen, die Traditionen und Werte zu bewahren, die die deutschen Einwanderergemeinschaften f&#252;r die lokalen Kulturen darstellen.</p>
<p>Forschungen zeigen, dass Deutsch und die deutsch-brasilianischen Dialekte in den Familienkontexten und im Alltag der Gemeinden in den Regionen der ehemaligen Einwanderergemeinden nach wie vor pr&#228;sent sind. Die Bedeutung ihrer Einbindung nicht nur in den Unterricht, sondern auch in andere formale Bildungskontexte kann dazu beitragen, die Pr&#228;senz des Deutschen und der deutsch-brasilianischen Dialekte in den zuk&#252;nftigen Generationen der Regionen, in denen es DaE-Unterricht gibt, zu festigen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B18">Fritzen/Nazaro/Sieves 2014</xref>).</p>
<p>Ich m&#246;chte den bedeutenden Beitrag der akademischen Gemeinschaft zur Sichtbarkeit von sprachlich-p&#228;dagogischen Aspekten aus der Perspektive von DaE betonen. Als kurze Beispiele k&#246;nnen Arbeiten wie die von Altenhofen (<xref ref-type="bibr" rid="B1">2017</xref>), aus einer soziolinguistischen Perspektive genannt werden. Die akademischen Debatten &#252;ber die Realit&#228;t des DaE-Unterrichts haben Aktionen au&#223;erhalb des universit&#228;ren Umfelds angeregt, die konkrete Interventionen zur sprachlichen Erhaltung der brasilianischen deutschen Dialekte und des historischen sowie kulturellen Erbes, das sie repr&#228;sentieren, erm&#246;glichen.</p>
</sec>
<sec>
<title>3 Schlussbemerkungen</title>
<p>In der heutigen brasilianischen Sprachenpolitik l&#228;sst sich eine doppelte Dynamik hinsichtlich der Rolle des Deutschunterrichts erkennen. Einerseits wird Deutsch als Fremdsprache (DaF) als strategische Ressource verstanden &#8211; ein Mittel zur beruflichen Qualifikation, internationalen Mobilit&#228;t und sozialen Aufstieg, insbesondere f&#252;r Brasilianer:innen, die in deutschsprachigen L&#228;ndern bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen suchen. Diese Perspektive ist eng mit wirtschaftlichen und politischen Kooperationen, Migrationsvereinbarungen und der Au&#223;enkulturpolitik Deutschlands verbunden.</p>
<p>Andererseits erf&#228;hrt Deutsch als Einwanderungssprache (DaE) neue Sichtbarkeit im Rahmen einer politisch-kulturellen Wende, die sich auf Anerkennung, Bewahrung und schulische Integration von sprachlichem Erbe konzentriert. Diese Perspektive betont die Rolle der historischen deutschen Einwanderung in der Gestaltung regionaler Identit&#228;ten und kultureller Vielfalt in Brasilien. Variet&#228;ten wie Hunsr&#252;ckisch und Pomerano sind dabei nicht nur Erinnerungen an die Vergangenheit, sondern Tr&#228;ger lebendiger kultureller Praktiken, die durch Kooffizialisierung und kommunale Sprachenpolitik neue R&#228;ume in der &#246;ffentlichen Bildung erhalten.</p>
<p>Beide Perspektiven spiegeln sich in der aktuellen Sprachenpolitik wider: Die erste ist vor allem durch die Kooperation zwischen dem brasilianischen Staat, deutschen Institutionen und zivilgesellschaftlichen Akteuren gepr&#228;gt; die zweite durch Initiativen auf kommunaler und bundesstaatlicher Ebene, gest&#252;tzt durch Forschungen und gesellschaftlichen Aktivismus zur sprachlichen Diversit&#228;t. Die wissenschaftliche Gemeinschaft &#8211; insbesondere im Bereich der Soziolinguistik und Sprachplanung &#8211; hat hierbei eine zentrale Rolle eingenommen, indem sie nicht nur die sprachliche Realit&#228;t der Einwanderungsgebiete dokumentiert, sondern auch zur Legitimation von Spracherhaltungsma&#223;nahmen beitr&#228;gt.</p>
<p>Die vorliegenden Analysen zeigen, dass sich der gesellschaftliche Wert der deutschen Sprache in Brasilien pluralisiert hat: Neben ihrer &#246;konomisch-strategischen Bedeutung in einem globalisierten Kontext wird auch ihr kulturell-symbolisches Potenzial zunehmend anerkannt. Deutsch ist heute zugleich eine Sprache der Migration, der Mobilit&#228;t und der Erinnerung &#8211; ein Ausdruck der komplexen Beziehungen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einer vielsprachigen brasilianischen Gesellschaft.</p>
</sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Wie von Haarmann (<xref ref-type="bibr" rid="B20">1988</xref>) vorgeschlagen betonen wir den Unterschied zwischen den Begriffen Sprachenpolitik und Sprachpolitik. Bei ersterem geht es um die Verwaltung und Regulierung des Status und der Verwendung mehrerer Sprachen in einem bestimmten Gebiet oder einer Gemeinschaft. Beispiele hierf&#252;r sind Ma&#223;nahmen, die festlegen, welche Sprachen offiziell sind und welche im Bildungssystem oder in Regierungsdokumenten verwendet werden. Der zweite Begriff konzentriert sich auf die direkte Intervention in einer bestimmten Sprache. Dazu k&#246;nnen Standardisierungsbem&#252;hungen, die Entwicklung neuer Begriffe, orthografische Reformen oder die F&#246;rderung einer Sprache gegen&#252;ber anderen geh&#246;ren.</p></fn>
<fn id="n2"><p>Die Gemeindeschulen spiegeln vor allem den Einfluss der Religion, insbesondere der protestantischen Bewegung, auf den Aufbau und die Organisation der ersten Schulen in den Einwanderergemeinschaften wider (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B23">Oltmer 2010</xref>).</p></fn>
<fn id="n3"><p>Der <italic>Estado Novo</italic> war die Diktatur von Get&#250;lio Vargas, die 1937 begann und 1945 endete. Diese Zeit war gepr&#228;gt von Autoritarismus, Machtkonzentration, starkem Nationalismus und Widerstand gegen den Kommunismus.</p></fn>
<fn id="n4"><p>Aufgrund der Politik des <italic>Estado Novo</italic>, die eine intensive Verfolgung und Unterdr&#252;ckung fremder Werte f&#246;rderte, wurde der juristische Begriff &#8222;<italic>crime idiom&#225;tico</italic>&#8220; [sprachliches Verbrechen] geschaffen. Dies sollte die Bestrafung derjenigen rechtfertigen, die laut Orlandi gegen das nationale Dekret verstie&#223;en, das institutionalisierte, welche Sprache wann und wo gesprochen werden sollte (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B24">Orlandi 2009: 113</xref>).</p></fn>
<fn id="n5"><p>Es ist wichtig hervorzuheben, dass laut Bergmann (<xref ref-type="bibr" rid="B2">1994</xref>) nur 3,3 % der deutsch-brasilianischen Gemeinschaft Mitglieder der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) waren. Diese Statistik verdeutlicht, dass die &#252;berw&#228;ltigende Mehrheit der deutschst&#228;mmigen Bev&#246;lkerung in Brasilien nicht direkt mit dem Nationalsozialismus in Verbindung stand und ihre politische Orientierung und Aktivit&#228;ten von unterschiedlichen Faktoren gepr&#228;gt waren, die oft au&#223;erhalb der Ideologie des Nationalsozialismus lagen.</p></fn>
<fn id="n6"><p>&#8220;Linha do tempo 1957-2017- Rio de Janeiro&#8221; &#8211; Goethe-Institut Rio de Janeiro. Verf&#252;gbar unter: <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://www.goethe.de/ins/br/pt/sta/rio/ueb/60j/chr.html">https://www.goethe.de/ins/br/pt/sta/rio/ueb/60j/chr.html</ext-link> (24.08.2023.</p></fn>
<fn id="n7"><p>&#8222;Kabinett beschlie&#223;t neues Fachkr&#228;fteeinwanderungsgesetz&#8220; &#8211; Bundesministerium des Innern und f&#252;r Heimat. (<ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2023/03/fachkraefte-kabinett.html">https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2023/03/fachkraefte-kabinett.html</ext-link>. 20.11.2023)</p></fn>
<fn id="n8"><p>&#8222;Baerbock und Heil werben in Brasilien um Pflegekr&#228;fte&#8220; &#8211; Spiegel Wirtschaft. (<ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://www.spiegel.de/wirtschaft/annalena-baerbock-und-hubertus-heil-werben-in-brasilien-um-pflegekraefte-a-7b81aae3-3588-424b-815d-553dbb1a3e7a">https://www.spiegel.de/wirtschaft/annalena-baerbock-und-hubertus-heil-werben-in-brasilien-um-pflegekraefte-a-7b81aae3-3588-424b-815d-553dbb1a3e7a</ext-link>. 20.11.2023)</p></fn>
<fn id="n9"><p>&#8220;L&#237;ngua Pomerana ser&#225; ensinada em escolas estaduais localizadas nas comunidades&#8221; &#8211; Folha Vit&#243;ria. (<ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://www.folhavitoria.com.br/geral/noticia/12/2021/lingua-pomerana-sera-ensinada-em-escolas-estaduais-localizadas-nas-comunidades">https://www.folhavitoria.com.br/geral/noticia/12/2021/lingua-pomerana-sera-ensinada-em-escolas-estaduais-localizadas-nas-comunidades</ext-link>. 20.11.2023)</p></fn>
<fn id="n10"><p>&#8220;Lei n&#186; 2251, de 1&#186; de setembro de 2010&#8221; &#8211; Leis municipais de Pomerode/SC. (<ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://leismunicipais.com.br/a/sc/p/pomerode/lei-ordinaria/2010/225/2251/lei-ordinaria-n-2251-2010-institui-a-lingua-alema-como-idioma-complementar-e-secundario-no-municipio-2010-09-01">https://leismunicipais.com.br/a/sc/p/pomerode/lei-ordinaria/2010/225/2251/lei-ordinaria-n-2251-2010-institui-a-lingua-alema-como-idioma-complementar-e-secundario-no-municipio-2010-09-01</ext-link>. 20.11.2023)</p></fn>
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<title>Kurzbio</title>
<p><bold>Yuri Andrei Batista Santos</bold> ist Sprachwissenschaftler mit Schwerpunkt auf Sprachpolitik, Mehrsprachigkeit und Diskursanalyse. Seine Arbeiten verorten sich an der Schnittstelle zwischen Sprach- und Kulturwissenschaften und untersuchen insbesondere die Beziehungen zwischen Sprache, Erinnerung, Migration und Identit&#228;t. Derzeit ist er als ATER im Studiengang <italic>Langues &#201;trang&#232;res Appliqu&#233;es</italic> (LEA) an der Universit&#233; Paris-Est Cr&#233;teil (UPEC, Frankreich) t&#228;tig und Mitglied der Forschungsgruppe CAECE am Labor IMAGER (<italic>Institut des Mondes Anglophone, Germanique et Roman</italic>).</p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2"><bold>Anschrift:</bold></styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Maison des Langues et Relations Internationales</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Campus du Mail des M&#232;ches</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Rue Po&#235;te et Sellier</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">94000 Cr&#233;teil Cedex</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Frankreich</styled-content></p>
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