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<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Interkulturellen Fremdsprachenunterricht</journal-title>
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<publisher-name>Universit&#228;ts- und Landesbibliothek Darmstadt</publisher-name>
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<article-id pub-id-type="doi">10.48694/zif.3667</article-id>
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<subject>Aufsatz zum themenschwerpunkt</subject>
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<article-title>&#8222;Das hatte ich mir schon in der Grundschule abgew&#246;hnt&#8220; &#8211; Wie (fr&#252;he) Sprechverbote den Gebrauch nicht-deutscher Sprachen pr&#228;gen</article-title>
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<surname>R&#252;hlmann</surname>
<given-names>Liesa</given-names>
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<email>liesa.ruehlmann@uni-bielefeld.de</email>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Erziehungswissenschaft, Universit&#228;t Bielefeld</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2023-08-30">
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<abstract>
<p>Der Beitrag fokussiert, wie Sprechverbote in der Schule Sprechpraxen mehrsprachiger Personen pr&#228;gen. Unter Einnahme einer raciolinguistic perspective wird durch episodisch-narrative Interviews aufgezeigt, welche Rolle Sprechverbote in Subjektivierungsprozessen einnehmen. Dabei wird betrachtet, inwiefern Sprechverbote sich als rassistische Praxis ausmachen lassen und adressierte Sprecher*innen als raciolinguistic Others &#8211; rassialisiert-sprachliche Andere &#8211; markieren. Der Versuch eines Entzugs dieser Markierung durch Interviewte zeigt sich insbesondere durch ein Betonen der Nutzung (nur) der deutschen Sprache, wobei Sprechverbote zeitgleich eine Legitimierung erfahren und als angemessen eingeordnet werden.</p>
</abstract>
<trans-abstract xml:lang="en">
<p><bold>&#8220;I had already gotten out of the habit of that in elementary school&#8221; &#8211; How (early) language bans shape the use of non-German languages</bold></p>
<p>This article focuses on how language bans in school shape the language practices of plurilinguals. Adopting a raciolinguistic perspective, episodic narrative interviews are utilized to demonstrate the role that language bans play in processes of subjectivation. It will be discussed how far language bans can be identified as a racist practice and mark addressed speakers as raciolinguistic Others, that is racial and linguistic Others. The attempt of interviewees to withdraw from this positioning is particularly evident along an emphasis on the (exclusive) use of the German language, whereby language bans are legitimized and evaluated as appropriate.</p>
</trans-abstract>
<kwd-group>
<kwd>Sprechverbote</kwd>
<kwd>Sprechgebote</kwd>
<kwd>Mehrsprachigkeit</kwd>
<kwd>Raciolinguistics</kwd>
<kwd>Subjektivierung</kwd>
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<kwd>language bans</kwd>
<kwd>multilingualism</kwd>
<kwd>plurilingualism</kwd>
<kwd>raciolinguistics</kwd>
<kwd>subjectivation</kwd>
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<title>1 Einleitung</title>
<p>In der im Titel genannten Aussage blickt Feraye, eine mehrsprachige Frau Ende 20, auf ihre Schulzeit zur&#252;ck und res&#252;miert die Nutzung der t&#252;rkischen Sprache im schulischen Raum. Ferayes Erz&#228;hlungen verweisen auf ein Ungleichverh&#228;ltnis, das in Schulen wirksam ist: Sprachen, denen gesellschaftlich wenig Prestige zugesprochen wird, gilt es sich abzugew&#246;hnen, w&#228;hrend als prestigetr&#228;chtig verstandene Sprachen, wie beispielsweise Englisch, in der Schule erworben werden sollen. &#196;hnlich wie Feraye<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref> erleben viele Sch&#252;ler*innen Sprechverbote<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref> oder -gebote in der Schule, wie sowohl retrospektive Einordnungen als auch Forschungen zu gegenw&#228;rtigen Erfahrungen in der Schule verdeutlichen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B9">Dirim/&#8203;Mecheril 2010</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B26">Pl&#246;ger/&#8203;R&#252;hlmann 2022</xref>).</p>
<p>Sprechverbote werden an Schulen m&#252;ndlich und/&#8203;oder schriftlich zum Ausdruck gebracht. Sch&#252;ler*innen werden auf diese Weise informiert, wie und ob sie sich (nicht) gem&#228;&#223; der schulischen (Sprachen-)Ordnung verhalten (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B16">Heinemann/&#8203;Dirim 2016</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B26">Pl&#246;ger/&#8203;R&#252;hlmann 2022</xref>). Hierbei greifen Lehrpersonen mitunter auch auf Strafarbeiten zur&#252;ck: So musste bspw. 2020 eine Sch&#252;lerin in Baden-W&#252;rttemberg eine Strafarbeit schreiben, da sie an ihrer Grundschule in der Pause T&#252;rkisch gesprochen hatte. Sie wurde von ihrer Lehrerin aufgefordert, schriftlich auszuarbeiten &#8222;Warum wir in der Schule Deutsch sprechen!&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B34">Unterberg 2020: o.S.</xref>). Die Familie war daraufhin anwaltlich gegen die Strafarbeit vorgegangen und 2022 entschied das Verwaltungsgericht Freiburg, dass die Strafarbeit die Pers&#246;nlichkeitsrechte des Kindes verletzt hat, somit also rechtswidrig war (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B35">Unterberg 2022</xref>). Diese rechtliche Einordnung unterstreicht eine von Sch&#252;ler*innen erlebte Ungleichbehandlung und Ungerechtigkeit, die sich in Strafarbeiten auf Basis von Sprechverboten findet (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B26">Pl&#246;ger/&#8203;R&#252;hlmann 2022</xref>). Dass Sch&#252;ler*innen von Sprechverboten und in diesem Kontext auch von Strafarbeiten betroffen sein k&#246;nnen, wirft die Frage auf, wie Sch&#252;ler*innen eben diese erleben und inwiefern dadurch Sprechpraxen gepr&#228;gt werden.</p>
<p>In diesem Beitrag diskutiere ich auf der Grundlage einer Interviewstudie, wie mehrsprachige Personen auf erfahrene Sprechverbote in der Schule zur&#252;ckblicken und sich als Sprecher*innen positionieren (vgl. R&#252;hlmann im Druck). Zentral dabei ist auch, inwiefern Sprechverbote als Ungerechtigkeit wahrgenommen werden, Sprechpraxen gepr&#228;gt haben und weiterhin pr&#228;gen. Der Fokus liegt darauf, welche Rolle die Grundschule einnimmt, deren Einflussnahme sich bereits in Ferayes Aussage im Titel erkennen l&#228;sst. Es wird auf diese Weise deutlich, dass Sch&#252;ler*innen schon in der Grundschule diskursives Wissen zu gesellschaftlichen Ordnungen erhalten, das auch ihre Sprechpraxen pr&#228;gt. Sch&#252;ler*innen erfahren somit unter anderem, welche Sprachen &#8218;wertvoll&#8216; und zu sprechen sind, und welche nicht. Dies vermittelt ihnen gleicherma&#223;en Informationen zu ihren Sprecher*innenpositionierungen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B1">Bjega&#269;/Pokitsch 2019</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B9">Dirim/&#8203;Mecheril 2010</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B24">Mecheril/&#8203;Shure 2018</xref>).</p>
<p>Einf&#252;hrend beschreibe ich in diesem Beitrag die Perspektive der Raciolinguistics (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B10">Flores/&#8203;Rosa 2015</xref>) und die Subjektivierungstheorie (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B3">Butler 1993</xref>), die den Artikel theoretisch rahmen. Im Anschluss werde ich mein methodisches Vorgehen ausf&#252;hren. Es wird nachfolgend vor allem fokussiert, wie Sprechverbote von Befragten verhandelt werden. Dazu stelle ich dar, wie sie auf erfahrene Sprechverbote in der Schule zur&#252;ckblicken und sich als Sprecher*innen positionieren. Dabei wird herausgestellt, inwiefern Sprechverbote Konstruktionen von &#8218;der Norm&#8216; und &#8218;den Anderen&#8216; re-produzieren, demnach also (auch) eine rassistische und rassialisierende Praxis ausmachen. Abschlie&#223;end zeige ich auf, dass es notwendig ist, dominante Machtstrukturen im Kontext von Sprachigkeit zu fokussieren, damit Sprecher*innen mehr Macht &#252;ber ihre Sprechpraxen erlangen k&#246;nnen. Hier betrachte ich die zentrale Rolle individueller sowie struktureller und institutioneller Auseinandersetzungen mit Sprachenhierarchien und insbesondere Sprechverboten.</p>
</sec>
<sec>
<title>2 Raciolinguistics &amp; Subjektivierung: Wie Sprecher*innen entlang von Sprache und race positioniert werden und sich re-positionieren</title>
<p>Die von Flores und Rosa (<xref ref-type="bibr" rid="B10">2015</xref>) gepr&#228;gte Perspektive der Raciolinguistics betrachtet die intersektionale Verbindung von Sprache und Rassekonstruktionen. Ausgehend von Ausarbeitungen zu &#8222;raciolinguistic ideologies&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B10">Flores/&#8203;Rosa 2015: 149</xref>) f&#252;hren die Soziolinguisten in ihren Zugang der &#8222;raciolinguistic perspective&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B28">Rosa/&#8203;Flores 2017: 621</xref>) ein. Dabei liegt der Fokus der Konzeption nicht (nur) auf Ideologien, sondern vor allem darauf, diese historisch einzubetten und aus postkolonialer Perspektive einzuordnen. Auf diese Weise werden Machtverh&#228;ltnisse betrachtet, die raciolinguistic ideologies hervorbringen und historisch gepr&#228;gt haben. Zentral ist der Ausgangspunkt, dass im Kolonialismus nicht nur entlang von K&#246;rperlichkeit Auf- und Abwertung konstruiert und legitimiert wurde, sondern auch auf Sprache zur&#252;ckgegriffen wurde, um &#220;berlegenheitsstrukturen zu pr&#228;gen, durch die Sprecher*innen als weniger wertvoll, weniger menschlich konstruiert wurden. Wirksame Sprachideologien und -hierarchien m&#252;ssen demnach mit Blick auf ihre historischen, kolonialen Urspr&#252;nge verstanden werden.</p>
<p>Rosa und Flores (<xref ref-type="bibr" rid="B28">2017: 621</xref>) verweisen mit ihrer Konzeptualisierung der Raciolinguistics also auf die historische und heutige &#8222;co-naturalization of language and race&#8220;. Diese Verwobenheit wird u.a. auch von Cyffer (<xref ref-type="bibr" rid="B5">2011</xref>) diskutiert. Er verweist auf inh&#228;rente Abwertungen von afrikanischen Sprachen und Sprecher*innen in sprachwissenschaftlichen Studien von deutschen Wissenschaftlern Ende des 19. Jahrhunderts sowie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Unter anderem Westermann argumentiert im Jahr 1941: &#8222;[Es gibt] tiefgreifende Unterschiede, die eben aus der primitiven geistigen Haltung der Menschen stammen, denen diese Sprachen als Ausdrucksmittel ihres F&#252;hlens, Denkens und Wollens dienen&#8220; (Westermann 1941 nach <xref ref-type="bibr" rid="B5">Cyffer 2011: 64</xref>). Westermann ging von &#8222;armen Eingeborenen&#8220; (ebd.: 70) aus, deren Sprachen &#8222;nicht an das Niveau europ&#228;ischer Sprachen heranreichen k&#246;nnen&#8220; (ebd.). Demnach wurden &#8222;afrikanische Sprachen [als] zwangsweise primitiv [verstanden]&#8220; (ebd.). Ma&#223;geblich in solchen Zuschreibungen ist die Position, von der heraus diese get&#228;tigt wurden und werden, wobei mit Flores und Rosa (<xref ref-type="bibr" rid="B10">2015: 149</xref>) vom &#8222;white listening subject&#8220;, dem <italic>wei&#223;en</italic> h&#246;renden Subjekt, gesprochen werden kann. Garc&#237;a, Flores, Seltzer, Wei, Otheguy und Rosa (<xref ref-type="bibr" rid="B12">2021: 210</xref>) erkl&#228;ren das Begriffsverst&#228;ndnis wie folgt:</p>
<disp-quote>
<p>Of course, a white listening subject is not always just listening, nor is it only white. The term refers to those who inhabit positions of institutionalized power that are produced and maintained, on the one hand, through structures of white supremacy, and on the other hand, through modes of perceiving and apprehending language, including but not limited to listening. Through the conceptualization of the white listening subject, Flores and Rosa make explicit the effect that the construction of a subjectivity based on claimed, ascribed, and socialized racial superiority has had in deeming the language practices of racialized bilinguals as inferior and non-academic.</p>
</disp-quote>
<p>Die Wahrnehmung und Bewertung von Sprachigkeit ist somit eng gekoppelt an die H&#246;rendenposition, welche in rassistischen Verh&#228;ltnissen durch <italic>wei&#223;e</italic> h&#246;rende Positionierungen gepr&#228;gt ist. Raciolinguistics legt demzufolge den Schwerpunkt nicht auf sprechende Subjekte, sondern darauf, wie h&#246;rende Subjekte entlang hegemonialer Strukturen als <italic>wei&#223;e</italic> h&#246;rende Subjekte agieren und Sprechen bewerten und damit erm&#246;glichen oder auch verunm&#246;glichen. Dabei ist es zentral, zu ber&#252;cksichtigen, dass historische Bewertungen von Sprachen auch heute noch wirkungsm&#228;chtig sind und kolonialen Sprachen wie etwa Deutsch, Englisch und Franz&#246;sisch eine gesellschaftlich privilegierte Position zugesprochen wird (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B21">Makoni/&#8203;Pennycook 2007</xref>). Auch in Schulen in Deutschland gelten diese Sprachen als prestigereich und erstrebenswert (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B18">Knappik/&#8203;Ayten 2020</xref>).</p>
<p>In einer in Chicago durchgef&#252;hrten Studie verweist Rosa (<xref ref-type="bibr" rid="B27">2019: 3</xref>) auf Zuschreibungen eines &#8222;looking like a language and sounding like a race&#8220;, welche er bei als spanischsprechenden und/oder Latinx positionierten Personen an einer Schule erkennt. Die Zuschreibung des &#8222;sounding like a race&#8220; l&#228;sst sich als ein Ph&#228;nomen ausmachen, welches im deutschsprachigen Diskurs um Sprachnutzung und Diskriminierung auch durch Linguizismuskritik betrachtet wird (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B11">F&#252;llekruss/&#8203;R&#252;hlmann im Erscheinen</xref>). Diese ma&#223;geblich von Skutnabb-Kangas (<xref ref-type="bibr" rid="B32">1988</xref>) gepr&#228;gte und von Dirim (<xref ref-type="bibr" rid="B7">2010</xref>) in den deutschsprachigen Diskurs eingef&#252;hrte theoretische Brille besch&#228;ftigt sich mit Abwertung im Kontext von Sprachigkeit. Dirim (<xref ref-type="bibr" rid="B7">2010</xref>) beschreibt Linguizismus hierbei als Form des Rassismus, welche u.a. insofern wirksam sein kann, als Sprechende durch Sprechpraxen rassialisiert werden. Dar&#252;ber hinaus betrachtet Raciolinguistics vertieft auch ein &#8222;looking like a language&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Rosa 2019: 2</xref>), d.h. Zuschreibungen von Sprachigkeit entlang von Rassekonstruktionen. W&#228;hrend Linguizismuskritik bislang v.a. Anwendung findet, um diskriminierte Positionierungen zu betrachten, erm&#246;glicht die Raciolinguistics auch eine Fokussierung auf Privilegierung. Die Analyseperspektive kann sich demnach auch auf das Sprechen <italic>wei&#223;er</italic> Personen anwenden lassen und aufzeigen, inwiefern Sprache und race zusammenwirken (vgl. R&#252;hlmann im Druck).</p>
<p>F&#252;r die theoretische Rahmung der Fragestellung, wie Sprechverbote von Befragten verhandelt werden, f&#252;hre ich die dargestellte raciolinguistic perspective und den subjektivierungstheoretischen Zugang zusammen. Subjektivierung beschreibt den &#8222;diskursiv vermittelten [&#8230;] Vorgang, in dem das &#8218;Subjekt&#8216; hervorgebracht und in dieser Hervorbringung bereits den normativen Vorgaben des Sozialen unterworfen wird&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B23">Mecheril 2014: 16</xref>). Die Subjektivierungstheorie fokussiert Fremd- und Selbstpositionierungen innerhalb diskursiver Ordnungen. Der Begriff der Anrufung beschreibt hierbei die Adressierung oder Ansprache als Subjekt. Innerhalb der Subjektwerdung kommt es zu einer Auseinandersetzung mit Subjektivierungs- und Anrufungsweisen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B3">Butler 1993</xref>). Subjekte k&#246;nnen sich Anrufungen somit widersetzen und sie kritisieren, umdeuten usw. (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B17">Knappik 2016</xref>). Subjekte unterwerfen sich also nicht ohnm&#228;chtig, sondern gehen vielmehr mit Positionierungen um, reflektieren sie und re-agieren darauf entlang von Re-Positionierungen. Es ist innerhalb diskursiver Ordnungen allerdings nicht m&#246;glich, sich Adressierungen zu entziehen. Auch die Ablehnung einer Anrufung erfolgt somit innerhalb einer Reflexion ebendieser, womit auch in diesem Fall von Unterwerfung gesprochen werden kann (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B3">Butler 1993</xref>). Die Subjektivierungstheorie erm&#246;glicht ein Verst&#228;ndnis daf&#252;r, wie Subjekte durch Sprechverbote diskursiv positioniert werden und sich entlang dieser re-positionieren (m&#252;ssen). Welchen Einfluss Sprechverbote auf Subjektvierungsprozesse nehmen k&#246;nnen wird im folgenden Kapitel betrachtet.</p>
</sec>
<sec>
<title>3 Empirische Einblicke: Raciolinguistic Othering durch Sprechverbote</title>
<p>Die Rekonstruktion von Sprechverboten und ihrem Einfluss auf Subjektivierungsprozesse ist im Rahmen meiner Dissertationsstudie (vgl. R&#252;hlmann im Druck) entstanden. In diesem Beitrag wird auf Teilergebnisse dieser Studie Bezug genommen. Zwischen 2018 und 2021 habe ich episodisch-narrative Interviews (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B25">Mueller 2019</xref>) mit zw&#246;lf mehrsprachigen Personen zwischen 21 und 35 Jahren gef&#252;hrt. Muellers (<xref ref-type="bibr" rid="B25">2019: 1</xref>) Ansatz des episodischen narrativen Interviews kombiniert narrative Befragung, halbstrukturiertes Interview und episodisches Interview, sodass spezifische Ph&#228;nomene und Zeitfenster in Lebensphasen untersucht werden konnten &#8211; hier die Schulzeit. Die Erhebung und Auswertung der Daten orientierte sich an der Grounded Theory (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B4">Corbin/&#8203;Strauss 1990</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B13">Glaser/&#8203;Strauss 1967</xref>). Es lagen zwischen einzelnen Interviews mehrere Wochen oder Monate, um zu gew&#228;hrleisten, dass zentral herausstechende Codes in Tiefe betrachtet und bei weiteren Interviews bedacht werden konnten. So entwickelte sich die Erkenntnis, dass race eine ma&#223;gebliche Rolle in sprachbezogenen Erfahrungen der Befragten spielte. Zentral wurde somit f&#252;r die Auswahl der Befragten neben der Kategorie Sprache die Kategorie race. Dies bedeutete, dass Befragte im famili&#228;ren Umfeld verschiedene Sprachen neben der deutschen Sprache sprechen (bspw. T&#252;rkisch, Twi, Vietnamesisch und Franz&#246;sisch) und einige der Interviewpartner*innen negativ von Rassismus betroffen sind, w&#228;hrend andere Interviewte im rassistischen System privilegiert werden.</p>
<p>Es handelt sich bei den Befragten um Lehramtsstudierende, die ich im universit&#228;ren Kontext angesprochen habe, sowie private Kontakte und solche, die per Schneeballsystem durch bereits Befragte entstanden sind. Die genannten Kontaktwege f&#252;hrten dazu, dass vor allem studentische Bildungslaufbahnen ber&#252;cksichtigt wurden. Es wurden acht Personen befragt, die das Gymnasium besucht haben und die studieren oder studiert haben. Ein Interviewter hat die Schule mit einem Hauptschulabschluss verlassen, drei mit einem Realschulabschluss. Auf Basis forschungsethischer &#220;berlegungen mein <italic>Wei&#223;</italic>sein und (diskursiv zugeschriebenes monolingual) Deutschsprechen betreffend im Verst&#228;ndnis einer reflexiven Grounded Theory (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B2">Breuer/&#8203;Muckel/&#8203;Dieris 2019</xref>) entschied ich mich f&#252;r dieses Vorgehen, um ein Kennen(-lernen) meiner Person zu erm&#246;glichen (vgl. R&#252;hlmann im Druck). Interviewte konnten auf diesem Wege &#252;ber meine Positionierung und (Forschungs-)Perspektiven informiert werden. Die Gespr&#228;che fanden sowohl in meinem universit&#228;ren B&#252;ro als auch bei mir zuhause statt, wobei es Interviewten offenstand, einen dieser oder einen anderen Ort zu w&#228;hlen. Coronabedingt wurden die letzten drei Interviews digital per Zoom gef&#252;hrt. Jedes der Interviews wurde zu Beginn von einem visuellen Zugang begleitet. Den Interviewten wurde eine Netzwerkkarte (<xref ref-type="bibr" rid="B20">von der Lippe/&#8203;Gamper 2017</xref>) vorgelegt und sie wurden aufgefordert, etwa f&#252;nf Lehrpersonen aufzuschreiben, an die sie sich besonders erinnerten. Das Ziel dieser Methode war es, sowohl den Befragten als auch mir eine Orientierungs- und Strukturierungsm&#246;glichkeit zu schaffen. Im Anschluss wurden die Befragten gebeten, zu erkl&#228;ren, warum welche Lehrperson an welchem Ort platziert wurde. Dieser Ansatz erm&#246;glichte Phasen der Erz&#228;hlung. W&#228;hrend dieser Zeit h&#246;rte ich zu, machte mir Notizen und stellte anschlie&#223;end R&#252;ckfragen. Danach wurde auf einen halbstrukturierten Leitfaden zur&#252;ckgegriffen.</p>
<p>Im Anschluss an die jeweiligen Interviews wurden sie transkribiert und mithilfe von MAXQDA kodiert (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B19">Kuckartz/&#8203;Ra&#776;diker 2019</xref>). In der Auswertung wurde eine positionierungsanalytische Perspektive eingenommen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B6">Davies/&#8203;Harre&#769; 1990</xref>), sodass ich insbesondere untersucht habe, wie sich die Interviewten in den Erz&#228;hlungen und in der Interviewsituation selbst re-positioniert haben. Die zun&#228;chst durch offenes Kodieren induktiv gebildeten Kategorien wurden in Bezug auf die Auswahl der weiteren Teilnehmer*innen und der theoretischen Konkretisierungen genutzt. Der Prozess der Auswertung sch&#228;rfte sich durch axiales und selektives Kodieren, wodurch die Kernkategorie &#8222;Raciolinguistic positionality&#8220; (R&#252;hlmann im Druck) herausgearbeitet wurde. Wurden im axialen Kodierprozess zun&#228;chst vorherig entstandene Kategorien zusammenfassend auf 13 Kategorien reduziert, wurden diese anschlie&#223;end weiter kombiniert und gesch&#228;rft, sodass abschlie&#223;end neben der Kernkategorie drei weitere Kategorien entstanden sind (Racial positioning, Language use, Power relationships (ebd.)).</p>
<p>In diesem Beitrag wird auf die ausgewertete Kernkategorie zur&#252;ckgegriffen, wenn ich aufzeige, wie Sprechverbote wirken und Sprecher*innen als Raciolinguistic Others &#8211; rassialisiert-sprachliche &#8218;Andere&#8216; &#8211; ausweisen. Dabei werden ausgew&#228;hlte Interviews und Interviewausschnitte betrachtet, aus denen (wie auch aus weiteren, hier nicht ber&#252;cksichtigten Segmenten) hervorgeht, welche Rolle insbesondere die Grundschule spielt, um Sprecher*innen &#252;ber Sprechverbote zu informieren. Dies ergibt sich in der Auswertung aus in acht Interviews kodierten Segmenten innerhalb der Kategorie &#8218;Sprechverbote&#8216;. Drei der Interviewten gehen dabei (erkennbar) auf die Grundschule ein, dar&#252;ber hinaus ein Interviewter auf den Kindergarten. Mit Blick auf die Grundschule werden von den Befragten explizit formulierte Sprechverbote benannt. Es findet sich in den drei zugeh&#246;rigen Interviews eine Vielzahl von Kodierungen innerhalb dieser Kategorie, w&#228;hrend Aussagen innerhalb der weiteren f&#252;nf Interviews weniger h&#228;ufig auf implizitere Sprechverbote, Sprechgebote oder Sprechregeln an verschiedenen Schulformen verweisen.</p>
<p>Im Sinne des qualitativen Vorgehens wird davon ausgegangen, dass weniger die Anzahl der Interviews und Interviewten als die empirische Dichte und Repr&#228;sentation des Ph&#228;nomens in seinen Strukturbedingungen im Mittelpunkt stehen. Im Gegensatz zu &#252;ber die Grundschule hinausgehend besuchte Schulen wird so deutlich, dass dort wahrgenommene und erlebte Sprechverbote eher normalisiert positioniert werden, w&#228;hrend mit Blick auf die Grundschule von explizit artikulierten Verboten berichtet wird. Diese verschiedenen Erz&#228;hlweisen implizieren, dass Grundschulen einen Ort der Artikulation von Sprechverboten ausmachen (k&#246;nnen), durch welchen Sch&#252;ler*innen Wissen &#252;ber ein Deutschgebot der Schule erkennen, weshalb wiederum an weiterf&#252;hrenden Schulen eine weniger explizite Nennung von Sprechverboten stattfindet oder gar notwendig ist. Dieses erlangte Wissen k&#246;nnte auch insofern gewirkt haben, dass Sprechverbote auch in der Interviewsituation als normalisiert wahrgenommen und deshalb nicht oder weniger (explizit) benannt wurden.</p>
<p>In den Retrospektiven der Befragten wird insgesamt deutlich, dass sie der deutschen Sprache in der Schule eine zentrale Bedeutung zuschreiben. Innerhalb dieser Best&#228;tigung des &#8222;monolingualen Habitus&#8220; (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B14">Gogolin 1994: 30</xref>) finden sich bemerkenswerte Unterschiede im Erleben von Sprachigkeiten in der Schule. Interviewte of Color und Schwarze Interviewte hatten in der Regel kaum M&#246;glichkeiten, nicht-deutsche Sprachen zu nutzen, da es zumeist weder eine curriculare Ber&#252;cksichtigung noch weitere M&#246;glichkeiten einer anerkannten Nutzung gab. Zudem wurden sie nicht als Expert*innen f&#252;r die von ihnen gesprochenen Sprachen positioniert, was neben der deutschen Sprache bspw. Franz&#246;sisch oder T&#252;rkisch betraf. <italic>Wei&#223;e</italic> Sprecher*innen hingegen wurden im jeweiligen Sprachenunterricht f&#252;r ihre Englisch- und/oder Franz&#246;sischkenntnisse gelobt, als Expert*innen ausgewiesen und besonders unterst&#252;tzt. W&#228;hrend <italic>wei&#223;e</italic> Sprecher*innen sich in der sprachlichen Norm der Schule erleben konnten und ihr Deutschsprechen weder infrage gestellt noch besonders hervorgehoben wurde, erlebten Befragte of Color und Schwarze Interviewte eine Positionierung als raciolinguistic Others. Dies zeigt sich unter anderem in der Zuschreibung geringer Deutschkenntnisse oder in &#8218;Komplimenten&#8216; f&#252;r ihr Deutschsprechen (siehe ausf&#252;hrlicher <xref ref-type="bibr" rid="B31">R&#252;hlmann in Vorbereitung</xref>). Auch von erlebten Sprechverboten mit Blick auf von ihnen gesprochene Sprachen berichten nur rassialisierte Subjekte (vgl. R&#252;hlmann im Druck). Im Folgenden diskutiere ich anhand ausgew&#228;hlter Ergebnisse, wie Befragte Sprechverbote reflektieren und welchen Einfluss auf ihre Sprechpraxen sie darin ausmachen.</p>
<sec>
<title>3.1 &#8222;[D]a war das auch verboten&#8220; &#8211; Sprechverbote in der Grundschule</title>
<p>Sprechverbote werden vor allem in der retrospektiven Betrachtung der Grundschule ausf&#252;hrlich thematisiert. Die zentrale Rolle der Grundschule l&#228;sst darauf schlie&#223;en, dass bereits und insbesondere dieser Zeitabschnitt in Lebensphasen einen starken Einfluss auf Normalit&#228;tsvorstellungen von Sprachnutzung hat. Feraye, eine Schwarze Person, geht auf die Nutzung der t&#252;rkischen Sprache in der Schule ein:</p>
<disp-quote>
<p>Und es war so schon so, dass (.) ich involviert war in Gespr&#228;che, die auf T&#252;rkisch gef&#252;hrt wurden. Nicht als jemand, der angefangen hat. Aber als jemand, der (.) angesprochen war. Und das dann auch gemacht hat. (.) Aber nie aktiv. (..) Ja, das (.) hatte ich mir schon in der Grundschule abgew&#246;hnt. Weil da war das auch verboten.<xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref></p>
</disp-quote>
<p>Durch Ferayes Reflexion findet eine aktive Auseinandersetzung ihres Subjektivierungsprozesses und dem darin wirksamen Einfluss von Sprechverboten auf ihre Sprachnutzung statt. Feraye erkl&#228;rt, dass sie in h&#246;heren Klassenstufen die t&#252;rkische Sprache zwar genutzt, nicht aber Mitsch&#252;ler*innen selbst zu Gespr&#228;chsbeginn auf T&#252;rkisch adressiert hat. Sie verweist in ihren Erkl&#228;rungen auf die Grundschule, in der sie ein Verbot der Nutzung der t&#252;rkischen Sprache erlebt hat. Sie hat so erkannt, dass sie in der Schule kein T&#252;rkisch sprechen sollte, und hat diese Regel in ihrer weiteren schulischen Laufbahn ber&#252;cksichtigt. Verbote, die sie erlebt hat, ordnet Feraye demnach als Ursache f&#252;r ihr Handeln &#8211; die wenige und durch Mitsch&#252;ler*innen initiierte Nutzung der t&#252;rkischen Sprache &#8211; ein. In Ferayes weiteren Argumentationen wird deutlich, dass ihr Sprechverbote zum Zeitpunkt des Schulbesuchs nicht negativ auffielen:</p>
<disp-quote>
<p>Ja. (.) Ich fand das nicht schlimm. Ich fand das logisch irgendwie. Ich wei&#223; noch, dass es mich irritiert hat, T&#252;rkisch zu h&#246;ren eine Zeit lang (.) und angesprochen zu werden. Ich kann mich richtig an dieses Gef&#252;hl erinnern, auch auf der Stra&#223;e. Ich wei&#223; nicht, womit das zusammenh&#228;ngt. Das war nachdem ich mit der Schule angefangen habe.</p>
</disp-quote>
<p>Feraye erkl&#228;rt, dass sie das Sprechverbot nicht als problematisch empfunden habe. Nachdem sie eingeschult wurde, habe sie anders auf den Gebrauch der t&#252;rkischen Sprache reagiert als zuvor. Diese Reflexion verweist auf sprachliche Normdiskurse, die Feraye in der Schule kennengelernt hat. Folglich wurde Deutsch als die zu sprechende Sprache markiert und verstanden. Das Sprechen der t&#252;rkischen Sprache, die Nicht-Nutzung der deutschen Sprache, habe Feraye in diesem Zusammenhang &#8222;irritiert&#8220;. Die Verortung der Schule als deutschsprachigen Raum, in dem der Gebrauch nicht-deutscher Sprachen verboten war, f&#252;hrte dazu, dass Feraye die t&#252;rkische Sprache in der Schule weniger genutzt hat. Auch dar&#252;ber hinaus &#8222;auf der Stra&#223;e&#8220; wirkte diese diskursive Einordung der t&#252;rkischen Sprache. Der von ihr wahrgenommene Einfluss durch Verbote auf ihre Sprechpraxen wird im Interview von Feraye weiter reflektiert:</p>
<disp-quote>
<p>Also ich habe nie oder ganz, ganz, ganz selten mal T&#252;rkisch gesprochen in der Schule. Die anderen t&#252;rkischen (..) Sch&#252;ler in meiner Klasse haben manchmal (.) versucht mit mir zu sprechen, aber ich war da eigentlich ziemlich (.) hart. Ich habe eigentlich nie geantwortet, ganz selten auf T&#252;rkisch. Immer auf Deutsch. Obwohl ich es damals noch konnte. Da war mein T&#252;rkisch noch ziemlich gut. Aber ich wollte nicht. Und ich wollte eigentlich auch nicht mehr zuhause T&#252;rkisch sprechen. Ich wollte eigentlich nichts mehr mit der Sprache zu tun haben. Aber ich habe das damals nicht zusammen gebracht irgendwie. Ich habe irgendwie/(..) Keine Ahnung, warum mir das damals nicht auffiel, (..) aber nat&#252;rlich habe ich mich trotzdem aufgeregt, dass dieses Verbot im Raum stand. Ich habe das aber selbst durchgef&#252;hrt, weil ich irgendwie das Gef&#252;hl hatte, dass (.) man das in der Schule nicht spricht.</p>
</disp-quote>
<p>Das T&#252;rkisch-Verbot hatte nach Feraye eine normativierende Wirkung, &#8222;man&#8220; sollte &#8222;das&#8220; im schulischen Raum &#8222;nicht [sprechen]&#8220;. Das Verbot wirkte sich dabei nicht nur auf ihre Sprachnutzung in der Schule und &#8222;auf der Stra&#223;e&#8220; aus, es betraf auch weitere Bereiche, wie auch den Sprachgebrauch mit ihrer Mutter:</p>
<disp-quote>
<p>Und meine Mutter hat auch immer darauf bestanden, dass ich (.) das mache, was die Lehrer sagen. Und sch&#246;n, dass ich angepasst bin. Und wenn die Lehrer wollen, (.) dass ich Deutsch spreche, spreche ich Deutsch. Und (.) meine Grundschullehrerin Frau Blau hat meiner Mutter mal beim Elternabend gesagt, dass sie auch zuhause nicht mit mir T&#252;rkisch sprechen soll. Und dann hat meine Mutter das auch gemacht. Also wir haben aufgeh&#246;rt, T&#252;rkisch zu sprechen.</p>
</disp-quote>
<p>Das schulische Sprechverbot, so wird deutlich, wurde von Ferayes Deutschlehrerin erweitert, indem sie es durch ihre Forderung in den Familienkontext Ferayes &#252;bertrug. Die Lehrerin befand sich somit in einer machtvollen Position, in der sie sich als Expertin f&#252;r Sprachgebrauch verstand. Den Anweisungen der Lehrerin war hierbei nicht nur aus Sch&#252;ler*innen-, sondern auch aus Elternperspektive Folge zu leisten. Sich als &#8222;angepasst&#8220; zu positionieren, bedeutete f&#252;r Feraye (und ihre Mutter) folglich, dass Feraye und ihre Mutter aufh&#246;rten, T&#252;rkisch mit einander zu sprechen. Hierin erkennt Feraye einen starken Einfluss auf die Nutzung und ihre Kenntnisse der t&#252;rkischen Sprache, in dem sie im Interview erkl&#228;rt, dass sie ihre t&#252;rkischen Sprachkenntnisse verloren habe und dahingehend &#8222;ein bisschen traurig dran [sei]&#8220;.</p>
<p>Ferayes Argumentationen zeigen, dass die Macht &#252;ber Sprechpraxen nicht bei ihr lag, sondern bei <italic>wei&#223;en</italic> h&#246;renden Subjekten, den Akteur*innen der Institution der Schule. Wirksam in Form eines Verbots hat sich Feraye dieser Sprechregel in der Grundschule unterworfen, um ihre Subjektposition als den Regeln entsprechend agierendes Subjekt nicht zu gef&#228;hrden.</p>
<p>Sandy, eine <italic>wei&#223;e</italic> Frau, die im Elternhaus Deutsch und Englisch gesprochen hat, geht in ihrem Interview ebenfalls auf Sprechverbote ein, wobei sich Unterschiede im Vergleich zu Ferayes Erleben zeigen. Sandy gibt an, dass es Sprechverbote an ihrer Schule gab, diese jedoch nicht ihr Englischsprechen betrafen. Im Interview erkl&#228;rt sie, welche Funktion bestimmten Sprachen in der Schule zugesprochen wurde:</p>
<disp-quote>
<p>Es war sogar so, dass/also an der Grundschule <underline>hatten</underline> wir sogar zwei Lehrer, die selber T&#252;rkisch sprechen konnten und die durften zum Beispiel auch nicht mit den Kindern T&#252;rkisch sprechen. Die wurden glaube ich oft bei so Elterngespr&#228;chen und so eingeladen, damit die &#252;bersetzen k&#246;nnen. Wenn jetzt (.) ein Lehrer mit den Eltern Gespr&#228;che f&#252;hren musste, (.) aber auf der ganzen Schule war es <underline>untersagt</underline> T&#252;rkisch oder Arabisch zu sprechen. (.) Also, das hie&#223; &#8222;Man darf keine andere Sprache sprechen au&#223;er Deutsch.&#8220; Aber wenn ich jetzt auf Englisch was gesagt habe, dann wurde ich <underline>nie</underline> irgendwie darauf angesprochen, dass ich ja in der Pause (.) was auf Englisch gesagt habe.</p>
</disp-quote>
<p>In Sandys Erleben betraf das Verbot nicht nur Sch&#252;ler*innen, sondern auch Lehrkr&#228;fte. Gleichzeitig wurde diesen Lehrkr&#228;ften eine funktionale Aufgabe zugewiesen: Sie wurden als &#220;bersetzer*innen f&#252;r Gespr&#228;che mit Eltern hinzugezogen. Somit wurde signalisiert, wann und in welchen Kontexten der Gebrauch der t&#252;rkischen Sprache (nicht) erlaubt und n&#252;tzlich war. Die T&#252;rkischkenntnisse der Lehrkr&#228;fte wurden dabei als Notwendigkeit, jedoch in einer defizitorientierten Zuschreibung, markiert, da ihr T&#252;rkischsprechen alleinig als notwendiges Hilfsmittel zur L&#246;sung von &#8218;Problemen&#8216; dienen sollte. Eltern wurden als nicht-deutschsprechend wahrgenommen und darin defizit&#228;r positioniert. Durch ihre zugewiesene Rolle als &#220;bersetzer*innen wurden Lehrkr&#228;fte in einem solchen Gebrauch und einer solchen Markierung vielmehr durch ihr T&#252;rkischsprechen und weniger durch ihre p&#228;dagogischen F&#228;higkeiten definiert, was auch sie in einer solchen Positionierungspraxis zu raciolinguistic Others machte.</p>
<p>Eine solche Problematisierung zeigt sich in Sandys Erz&#228;hlungen mit Blick auf den Gebrauch der englischen Sprache nicht. Auch von einem Sprechverbot war sie als Sprecherin der englischen Sprache nicht betroffen, wodurch deutlich wird, dass Sprechverbote in ihrem Erleben ein <italic>bestimmtes</italic> Nicht-Deutschsprechen unterbinden sollten. Auf diese Weise wurden Sprachen, die gesellschaftlich als wenig(er) prestigereich gelten in ebendieser Bewertung aufgerufen und als wenig n&#252;tzlich und erstrebenswert in deren Nutzung markiert. Sandy wurde dar&#252;ber informiert, dass ihr Sprechen der englischen Sprache nicht problembehaftet sei. Dass der Gebrauch der englischen Sprache vielmehr zu verfolgen war, wird an anderen Stellen im Interview deutlich, wenn Sandy davon berichtet, im Englischunterricht Lob f&#252;r ihren Englischgebrauch erfahren zu haben. In der Auswertung wurde dahingehend eine Vielzahl an Segmenten des Interviews unter den Kategorien &#8218;Lob&#8216; und &#8218;Expert*in&#8216; gefasst, w&#228;hrend sich darin benannte Erfahrungen in den Interviews mit rassismuserfahrenen Sprecher*innen nicht finden. Dies betrifft dabei sowohl den Gebrauch von Sprachen, die gesellschaftlich abgewertet werden, wie auch mit Prestige versehene Sprachen wie Englisch und Franz&#246;sisch.</p>
<p>Dass Sandy und Feraye die Grundschule in besonderer Weise betrachteten, wenn sie &#252;ber Sprechverbote sprechen, verweist darauf, dass solche im schulischen Erleben fr&#252;hen Erlebnisse Sch&#252;ler*innen in Erinnerung bleiben und nachhaltig ihre Subjektivierungsprozesse und in diesem Zusammenhang ihren Sprachgebrauch pr&#228;gen k&#246;nnen. Folgend zeige ich auf, wie Sprechverbote hierbei eine Produktion von Gruppen und eine Spaltung schaffen k&#246;nnen.</p>
</sec>
<sec>
<title>3.2 &#8222;Dann waren sie halt so die Gegner&#8220; &#8211; Ordnungsh&#252;ter*innen und Regelbrecher*innen</title>
<p>Insbesondere das Interview mit Sandy, deren Aussage den Titel dieses Unterkapitels bildet, verweist auf Grenzziehungen, die durch Sprechverbote hervorgebracht werden. Hierbei findet sich in der Auswertung eine Binarit&#228;t, die ich mit den Unterkategorien &#8218;Ordnungsh&#252;ter*innen&#8216; und &#8218;Regelbrecher*innen&#8216; in der Thematisierung von Sprechverboten gefasst habe (vgl. R&#252;hlmann im Druck) und im Folgenden an Beispielen ausf&#252;hren werde. Es ergibt sich, so zeigt die Einordnung Sandys, nicht nur die Erfahrung derjenigen Sch&#252;ler*innen, die sich an das Verbot halten mussten, sondern auch derjenigen, die sich verpflichtet f&#252;hlten, Lehrkr&#228;ften davon zu berichten, wenn Sch&#252;ler*innen sich nicht entsprechend verhielten. Sandy f&#252;hrt aus:</p>
<disp-quote>
<p>Wenn sie dann auf ihrer Sprache was gesagt haben, dann war das ein Verbot, dann konnten andere Kinder das petzen oder so und (.) dann waren sie halt so die Gegner (.). Und das hat sich halt irgendwie auch widergespiegelt in dem Klima. [&#8230;] Also ich glaube, dass (.) dieses Verbot eigentlich nicht so viel @gebracht@ hat, au&#223;er, dass es halt irgendwie kriminalisierend gewirkt hat und ausgrenzend gewirkt hat und dass manche bl&#246;den Kinder das vielleicht genutzt haben, um zu petzen oder so, (.) was dann wiederum fu&#776;r das Klima in der Schule auch total unf&#246;rderlich ist.</p>
</disp-quote>
<p>W&#228;hrend einige Sch&#252;ler*innen durch Sprechverbote kriminalisiert wurden, wurden andere Sch&#252;ler*innen in Sandys Erleben zu &#8218;Ordnungsh&#252;ter*innen&#8216;. Sprechverbote erzeugten auf diese Weise dominante bin&#228;re Konstruktionen von regelkonformen, deutschsprachigen Sch&#252;ler*innen einerseits und nicht regelkonformen, nicht-(immer-)deutschsprachigen Sch&#252;ler*innen andererseits. Konstruierte Bilder von regelwidrigem Handeln werden dann nicht nur der gesprochenen Sprache, sondern vor allem auch den Sprecher*innen selbst als Handelnde zugeordnet und beeinflussen so Subjektivierungsprozesse und Re-Positionierungen von Subjekten. Pl&#246;ger und R&#252;hlmann (<xref ref-type="bibr" rid="B26">2022: 66</xref>) formulieren diesbez&#252;glich:</p>
<disp-quote>
<p>Auf der einen Seite gibt es dann die den Regeln angepassten, deutschsprechenden Schu&#776;ler*innen, die petzen k&#246;nnen. Auf der anderen Seite gibt es die Schu&#776;ler*innen, die auch nicht-deutsche Sprachen nutzen, sich damit nicht gem&#228;&#223; der Regeln verhalten und auf Handlungsstrategien wie bspw. leises Sprechen, zuru&#776;ckgreifen mu&#776;ssen, um vor den Schu&#776;ler*innen, die sie verpetzen k&#246;nnten, sicher zu sein. Sprachverbote verst&#228;rken auf diese Weise Bilder von &#8222;uns&#8220;, der Norm, und den &#8222;Anderen&#8220;, die nicht dieser Norm angeh&#246;ren. Es finden also bin&#228;re Grenzziehungen statt: Die der Personen, die als gute Deutschsprecher*innen positioniert werden und die Gruppe der &#8222;Anderen&#8220;, die (nicht nur sprachlich) als defizit&#228;r positioniert wird. [&#8230;] Es entstehen Bilder derer, die u&#776;ber die &#8222;Anderen&#8220; wachen und die der &#8222;Anderen&#8220;, die als kriminell Handelnde konstruiert werden. Fu&#776;r einen gemeinschaftlichen Raum sind Sprachverbote demnach hinderlich und grenzen aus, da Machtverh&#228;ltnisse (re-)produziert werden, die Gefahr laufen, zu weiteren Stereotypisierungen beizutragen.</p>
</disp-quote>
<p>Wie in Kap. 3.1 herausgehoben wurde, hat Feraye weitestgehend aufgeh&#246;rt T&#252;rkisch zu sprechen, um sich &#8222;an[zu]passen&#8220;. Dies k&#246;nnte sie davor bewahrt haben, als abweichend und nicht den Regeln entsprechend eingestuft worden zu sein. Auch Sandy positioniert im Kontext von Sprechverboten Sch&#252;ler*innen als machtvolle Akteur*innen, und fokussiert dabei Sch&#252;ler*innen, die als Ordnungsh&#252;ter*innen in Erscheinung getreten sind. Innerhalb der hervorgebrachten Binarit&#228;t findet sich somit ein durch die Befragten wahrgenommener Handlungsspielraum. So geht Sandy auf M&#246;glichkeiten eines Nicht-Einnehmens der Rolle als Ordnungsh&#252;ter*in ein. Auch scheint es m&#246;glich, sich der Zuschreibung als Regelbrecher*in zu entziehen, in dem Einverst&#228;ndnis mit dem Verbot signalisiert wird. Die Funktion von Ordnungsh&#252;ter*innen zeigt allerdings auch dann ihre Wirksamkeit, wenn seitens als raciolinguistic Other positionierter Subjekte Einverst&#228;ndnis mit Verboten ge&#228;u&#223;ert wird durch eben dieses &#8218;regelkonforme&#8216; Handeln selbst. Demnach kann davon ausgegangen werden, dass auch seitens Feraye ein Wissen dar&#252;ber vorlag, dass ein Nicht-Verfolgen eines Verbots mit Ablehnung von Ordnungsh&#252;ter*innen und der Gefahr des Verpetzens h&#228;tte einhergehen k&#246;nnen. Dies verweist darauf, dass die Schule ein Ort ist, an dem Sch&#252;ler*innen erlernen, was und wer als Norm gilt und was und wer nicht. Es wurde an diesem Ort in Ferayes und Sandys Erleben allen Sch&#252;ler*innen vermittelt, dass bestimmte nicht-deutsche Sprachen nicht verwendet und deren Gebrauch gemeldet werden sollte. Sandy und Feraye zeigen hierbei Unverst&#228;ndnis mit Sprechverboten und deren Durchsetzung, worauf ich im folgenden Abschnitt n&#228;her eingehe.</p>
</sec>
<sec>
<title>3.3 &#8222;Das war dann nichts Dramatisches&#8220; &#8211; (Un-)Verst&#228;ndnis f&#252;r Sprechverbote und Einflussnahme auf Sprechpraxen</title>
<p>Acht der zw&#246;lf Befragten meiner Studie wurden in der Schule mit Sprechverboten oder -&#8205;geboten konfrontiert. Eine Person, Sandy, war dabei allerdings nicht pers&#246;nlich betroffen und hat keine Verbote des Gebrauchs der englischen Sprache erlebt. Sie benennt Sprechverbote jedoch mit Blick auf ihre ehemaligen Mitsch&#252;ler*innen. Es unterscheiden sich nicht nur ihre Erfahrungen mit Verboten, sondern die Befragten reflektieren Verbote auch unterschiedlich. Im Folgenden gehe ich auf Beispiele meiner Studie ein (vgl. R&#252;hlmann im Druck), welche unterschiedliche Formen der Bewertung von Sprechverboten besonders pr&#228;gnant hervorbringen. Dabei beziehe ich mich auch auf Aussagen, die nicht (explizit) der Grundschule zugeordnet werden k&#246;nnen, sondern auch in der Benennung weiterer Schulformen auftauchen.</p>
<p>W&#228;hrend sie sich in der Schule an die Regeln gehalten hat, kritisiert Feraye diese aus der Retrospektive im Interview mehrfach. Dies deutet daraufhin, dass Sch&#252;ler*innen nicht vollst&#228;ndig &#252;ber die Bedeutung von Sprechregeln aufgekl&#228;rt werden und diese sp&#228;ter bereuen k&#246;nnen. Feraye formuliert aus der Retrospektive den Wunsch &#8222;die Zeit zur&#252;ck[zu]drehen&#8220;. Weitere Befragte hingegen zeigen auch gegenw&#228;rtig Verst&#228;ndnis f&#252;r Sprechverbote. So erkl&#228;rt Elias:</p>
<disp-quote>
<p>Aber ich kann, nat&#252;rlich kann ich die Lehrer da irgendwo auch verstehen so, das ist ja auch nachvollziehbar, weil (.) man kann sich halt einen Vorteil dadurch verschaffen. [&#8230;] Ich meine wenn es in der Pause sage ich &#8222;okay.&#8220; [&#8230;] Aber im Unterricht so, wenn die Lehrerin mit einem Deutsch redet, m&#246;chte sie ja auch nicht, dass vielleicht irgendwas (.) &#252;ber sie gesagt wird oder so. Das hei&#223;t da kann ich das nachvollziehen und sie kann sie ja auch nicht &#252;berpr&#252;fen was gesagt wird halt. Selbst wenn die Sch&#252;ler sagen &#8222;Ja, ich habe versucht es meinem Kollegen besser zu erkl&#228;ren, weil es so besser versteht&#8220; kann man/es ist halt schwer nachvollziehbar.</p>
</disp-quote>
<p>Diese Argumentation von Elias l&#228;sst sich der Unterkategorie &#8218;Kontrolle&#8216; zuordnen, die sich als In-vivo Code bildete, da eine Interviewte, Aylin, im Kontext von Sprechverboten &#228;u&#223;erte: &#8222;Lehrer [&#8230;] wollten halt immer Kontrolle haben&#8221;. In diesem Code finden sich weitere Segmente von insgesamt vier Interviews, die darauf verweisen, dass ein Nicht-Verstehen von Sprachen durch Lehrkr&#228;fte als Kontrollverlust interpretiert wird, wobei ein Sprechverbot mit der Funktion versehen wurde, als Lehrkraft Kontrolle &#252;ber Gesprochenes zu erlangen. Ein weiteres Begr&#252;ndungsmotiv, das ebenfalls von vier Befragten genannt wird, um Verst&#228;ndnis f&#252;r Sprechverbote aufzubringen, ist die Exklusion von Sch&#252;ler*innen. So &#228;u&#223;ert Sandy:</p>
<disp-quote>
<p>Also ja, vielleicht auch okay, (.) weil wenn die so in der Mehrzahl sind, dann haben vielleicht ein paar deutsche Kinder sich auch quasi/oder die, die dann nicht Arabisch oder (.) T&#252;rkisch sprechen k&#246;nnen, sich ausgeschlossen gef&#252;hlt [&#8230;].</p>
</disp-quote>
<p>W&#228;hrend Sandy in ihrem Interview zuvor davon spricht, dass Verbote eine ausgrenzende Wirkung haben und zu einer Kriminalisierung bestimmter Sprecher*innen f&#252;hren w&#252;rden (s. Kap. 3.2), zeigt sie direkt im Anschluss Verst&#228;ndnis f&#252;r Sch&#252;ler*innen, die als Ordnungsh&#252;ter*innen in Erscheinung traten, weil sie sich ausgeschlossen gef&#252;hlt haben k&#246;nnten. Auf diese Weise bewertet sie Sprechverbote hier als angemessen und relativiert ihre zuvor ge&#228;u&#223;erte Kritik ein St&#252;ck weit. Dies kann mit der Wirksamkeit dominanter Diskurse zusammenh&#228;ngen. So werden bestimmte Ausschl&#252;sse legitimiert, insbesondere wenn sie der Sicherung der Machtposition der Normgesellschaft dienen. Diesem Verst&#228;ndnis folgend wird ein m&#246;glicher Kontrollverlust durch <italic>wei&#223;e</italic> h&#246;rende Subjekte ausgeschlossen. Es zeigt sich hier eine gewisse Widerspr&#252;chlichkeit, die auf Verwobenheiten Sandys in diese normativen Diskurse verweist, die sie innerhalb ihrer diskursiven Positionierung als Norm kennengelernt hat und gleichzeitigt auch kritisiert. In ihrer Argumentation wird dabei ein Ausschluss als verst&#228;ndlicher positioniert als der andere: Demnach sollte vor allem auf diejenigen R&#252;cksicht genommen werden, die nicht alles Gesprochene verstehen k&#246;nnen. Hierbei spricht Sandy zun&#228;chst von &#8222;deutschen Kindern&#8220;, wodurch sie eine raciolinguistisch relevante Zuschreibung vornimmt und die mit der Aussage gemeinten Sch&#252;ler*innen als monolingual deutschsprachig positioniert. Kinder, die &#8222;nicht Arabisch oder (.) T&#252;rkisch sprechen&#8220;, werden als Erg&#228;nzung benannt, sodass Sandy auch den Ausschluss benennt, den mehrsprachige Kinder ihrer Argumentation folgend erfahren k&#246;nnten.</p>
<p>Es zeigt sich in den Interviews, dass Sprechverbote nicht explizit als solche formuliert sein m&#252;ssen, um dennoch in Form von Deutschgeboten wirksam zu sein. Dies wird an Sohals Argumentation deutlich, auf die ich im Folgenden eingehe. Sie positioniert Sch&#252;ler*innen als verantwortlich f&#252;r ihre schulischen Leistungen und legt dabei einen starken Fokus auf den Aspekt der Sprachnutzung:</p>
<disp-quote>
<p>Ich meine, ich habe auch einen Migrationshintergrund, ne, so und ich kann sagen, ich bin nicht so, ne? (.) Und man hat so das Gef&#252;hl, dass man das verstehen muss, wei&#223;t du? (.) Aber <underline>sorry</underline>, wir leben hier in Deutschland. Einen Schei&#223; muss man verstehen, man muss Deutsch verstehen, ja? Aber und das waren dann auch die, die alle schlecht waren im Deutschunterricht.</p>
</disp-quote>
<p>Sohal stellt heraus, dass Sch&#252;ler*innen (die einen &#8222;Migrationshintergrund&#8220; &#8222;habe[n]&#8220;) daf&#252;r verantwortlich seien, sich an Deutschgebote zu halten und begr&#252;ndet dies damit, dass &#8222;wir [&#8230;] in Deutschland [leben]&#8220;. Ein &#8222;Migrationshintergrund&#8220; wird hierbei von Sohal mit einem von ihr als deviantes Handeln markiertem m&#246;glichem Nicht-Deutschsprechen in Verbindung gebracht. Dieser hergestellten Devianz entzieht sie sich sprachlich: &#8222;ich bin nicht so&#8220;. Es ist nach Sohal in dieser Selbstpositionierung durchaus m&#246;glich, &#8218;regelkonform&#8216; zu agieren. Das Sprechen nicht-deutscher Sprachen, das hervorgebrachte deviante Handeln, wird von Sohal als Grund f&#252;r die ihren Mitsch&#252;ler*innen zugewiesenen schlechten Leistungen im Deutschunterricht ausgemacht. Sohal gibt hierbei an, nicht verstehen zu k&#246;nnen, warum Sch&#252;ler*innen ihre Deutschnoten gef&#228;hrdeten, indem sie in der Schule nicht ausschlie&#223;lich die deutsche Sprache nutzten. Auch wenn Sohal hier nicht direkt auf ein Verbot verweist, l&#228;sst es sich dennoch als insofern wirksam erkennen, dass sie ihre Sprechpraxen nicht frei w&#228;hlen konnte (und wollte) und vielmehr einem Deutschgebot zu folgen war. Sohal bringt in diesem Zusammenhang Verst&#228;ndnis f&#252;r &#8222;Deutsche&#8220; auf, die darum bitten, (nur) Deutsch zu sprechen:</p>
<disp-quote>
<p>Ach so, das waren immer Mitsch&#252;ler, die sich beschwert haben, <underline>deutsche</underline> Mitsch&#252;ler, die dann gesagt haben, &#8222;ja bitte auf Deutsch&#8220; oder &#8222;k&#246;nnt ihr mal deutsch sprechen&#8221; und so, wei&#223;t du? Nat&#252;rlich, das ist ja auch so, das tut mir ja auch leid, wei&#223;t du? Also sorry, ich will jetzt nicht zu sehr auf diese Schiene jetzt hier eingehen, aber es ist ja schon hart, wenn du in deinem Land Leute hast, die ihre Sprache sprechen, wo du <underline>nichts</underline> verstehst und wo du dann h&#246;flich bittest und bittest deutsch zu sprechen, dass die dann noch so richtig stolz sagen, &#8222;hey nein, Nazi&#8221; und so ne, das geht gar nicht, ja.</p>
</disp-quote>
<p>Sohal erkennt eine m&#246;glicherweise hervorrufende Kontroverse in ihren Ausf&#252;hrungen, indem sie diese entschuldigend (&#8222;sorry&#8220;) als &#8222;diese Schiene&#8220; bezeichnet, f&#252;hrt sie aber dennoch aus und spricht ihnen damit Legitimit&#228;t zu. Sie verweist darauf, dass es Menschen g&#228;be, die &#8222;Deutsche&#8220; im Kontext von artikulierten Sprechgeboten als &#8222;Nazis&#8220; betiteln, was sie wiederum verurteilt. Sie erkl&#228;rt dabei mit Nachdruck, dass &#8222;Deutsche&#8220; f&#252;r sie keine &#8222;Nazis&#8220; seien, wenn sie den Gebrauch (nur) der deutschen Sprache einfordern. Ihre Argumentation l&#228;sst sich mit Vorstellungen von &#8218;Integration&#8216; verkn&#252;pfen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B15">Ha 2007</xref>). Demnach sollten Forderungen und Regeln von &#8222;Deutschen&#8220; befolgt werden und nicht in Frage gestellt oder kritisiert werden (vgl. ebd.). Sohals Nutzung der Begriffe &#8222;Migrationshintergrund&#8220; und &#8222;Deutsche&#8220; kann in diesem Kontext entlang rassialisierter Markierungen gedeutet werden, wonach Deutschsein mit <italic>Wei&#223;</italic>sein gleichgesetzt wird. Sohals Aussagen zu ihrem Handeln in der Schule verweisen auf ihr Bestreben, <italic>wei&#223;e</italic> h&#246;rende Subjekte in deren Anforderungen zu best&#228;tigen. Sie re-positioniert sich als &#8218;integriert&#8216;, indem sie angibt, sich an als vorherrschend wahrgenommene Regeln des Deutschsprechens gehalten zu haben und auch weiterhin zu halten, die nicht nur im schulischen Umfeld, sondern der gesamten Gesellschaft, &#8222;deinem Land&#8220;, wirksam sind. Auf diese Weise wird eine Abgrenzung zu einem Kontrastort &#8211; &#8218;deren Land&#8216; &#8211; aufgerufen, von dem sich Sohal durch eine betonte Fokussierung eines Deutschgebots distanziert.</p>
<p>Insgesamt zeigen sechs der acht Befragten, die auf Sprechverbote eingehen, Verst&#228;ndnis f&#252;r Sprechverbote und begr&#252;nden dies u.a. mit der Relevanz von guten Noten oder Exklusionsmechanismen. Die genutzten Argumentationsmuster schaffen dabei eine Nachvollziehbarkeit und verweisen auf ein diskursives Normverst&#228;ndnis der Bedeutung von schulischen Sprechverboten und -geboten. Hierbei l&#228;sst sich v.a. erkennen, dass Sprechverbote als relevant f&#252;r die F&#246;rderung des Deutschsprechens verstanden werden, welche wiederrum als ma&#223;geblich f&#252;r schulischen Erfolg gekennzeichnet wird. Durch diese Begr&#252;ndungsmotive sind Sprechverbote von und an Schulen durchsetz- und legitimierbar, denn sie werden vielmehr als n&#252;tzlich denn als ausschlie&#223;end oder diskriminierend wahrgenommen. Die r&#252;ckblickenden Einordnungen der Befragten weisen auf das Fortwirken dominanter Diskurse hin, von denen sie in der Schule umgeben waren, indem sie Sprechverbote und Deutschregeln als notwendige Instrumente in Schulen normalisieren. Da dies f&#252;r viele der Befragten ihr eigenes Sprechen betraf, wurde ihr eigener Sprachgebrauch somit inh&#228;rent abgewertet, was f&#252;r ihre Subjektivierungsprozesse als relevant eingeordnet werden kann. Es zeigt sich in diesem Zusammenhang, dass die meisten Interviewten sich als deutschsprechend positionieren und als ehemalige Sch&#252;ler*innen, denen es wichtig war, in der Schule (fast) nur Deutsch zu sprechen.</p>
<p>Insbesondere Ferayes Reflexionen deuten darauf hin, inwieweit Verbote ihre Sprechpraxen gepr&#228;gt haben. Sie geht davon aus, dass Sprechverbote einen Einfluss auf ihre heutigen T&#252;rkischkenntnisse haben, die sie als nicht ausreichend benennt. Auch wenn andere Interviewte weniger explizit auf den Einfluss von Sprechverboten auf ihre Sprechpraxen eingehen, so ist erkennbar, dass auch sie sich an diesen orientiert oder diese eingehalten haben, sodass zumindest f&#252;r den schulischen Kontext festgehalten werden kann, dass sie nicht-deutsche Sprachen weniger oder gar nicht genutzt haben. Dies deutet auf die subjektivierende Funktion von Sprechverboten hin, da die Befragten durch diese als (il-)legitime Sprecher*innen positioniert wurden und erfahren haben, ob ihnen in der Schule eine erstrebenswerte oder weniger erstrebenswerte Sprecher*innenposition zugesprochen wurde. Dazu haben sich die Interviewten in ihren Reflexionen ihres schulischen Agierens wie auch den retrospektiven Einordnungen im Interview selbst re-positioniert. Sie haben dargelegt, inwiefern sie sich zu Sprechverboten und damit normativen Vorstellungen verhalten (haben), ob sie etwa Einverst&#228;ndnis oder Widerst&#228;ndigkeit aufrufen. Insbesondere, dass sie die Interviews mit mir, einer <italic>wei&#223;en</italic> Person, gef&#252;hrt haben, k&#246;nnte dabei beeinflusst haben, dass es vor allem von Rassismus betroffenen Befragten zentral erschien, mir gegen&#252;ber ihre Investition in ihr Deutschsprechen zu benennen. Auf diese Weise konnten sie gegen&#252;ber einem <italic>wei&#223;en</italic> h&#246;renden Subjekt gesellschaftliche Anforderungen, die an sie gestellt werden, best&#228;tigen.</p>
<p>Im Vergleich zu der eingangs beschrieben Strafarbeit zeigt sich zusammenfassend, dass Sprechverbote auch auf andere Weise artikuliert werden. Auch dann sind sie sehr wirksam: Sie k&#246;nnen Sprechen verhindern und Ausschl&#252;sse hervorbringen, selbst wenn sie nicht explizit als Sprechverbote formuliert werden.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>4 Fazit und Ausblick</title>
<p>In diesem Beitrag habe ich diskutiert, wie schulische Machtstrukturen insbesondere mit Blick auf Sprechverbote wirksam sind. Im Folgenden werde ich die diskutierten Ergebnisse zun&#228;chst zusammenfassen und anschlie&#223;end auf strukturelle und institutionelle Entwicklungsbedarfe und notwendige Reflexionsprozesse eingehen.</p>
<p>Mit Hilfe der Raciolinguistics und der Subjektivierungstheorie konnte ich aufzeigen, wie raciolinguistic ideologies Sprechpraxen pr&#228;gen. Durch die Einnahme einer raciolinguistic perspective konnte ich anhand der betrachteten Interviews herausstellen, welche entscheidende Rolle <italic>wei&#223;e</italic> h&#246;rende Subjekte in der Institution Schule einnehmen und dabei pr&#228;gen, welche Sprachen Sch&#252;ler*innen in der Schule nutzen k&#246;nnen oder aber verboten sind. Wie ich im Artikel aufgezeigt habe, sind Sprachbewertungen und der Umgang mit Sprachen &#8211; und damit auch Verbote &#8211; als historisch gewachsen zu betrachten. Sprechverbote sind somit als rassistisch-linguizistische Praxis wirksam, indem Adressat*innen von Verboten als raciolinguistic Others positioniert werden.</p>
<p>Zu Beginn des Beitrags bin ich auf eine Strafarbeit eingegangen, die einer Sch&#252;lerin auferlegt wurde, da sie in der Pause T&#252;rkisch gesprochen hatte (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B35">Unterberg 2022</xref>). Der Anwalt Tekino&#287;lu stellte der Schulaufsichtsbeh&#246;rde 2020 in diesem Zusammenhang folgende Frage: &#8222;W&#252;rde bei Gebrauch der beispielsweise englischen Sprache oder lateinischen Sprache durch Sch&#252;ler au&#223;erhalb des Unterrichts auf dem Schulgel&#228;nde w&#228;hrend der Unterrichtspause eine [&#8230;] Strafarbeit verf&#252;gt werden?&#8220; (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B34">Unterberg 2020</xref>). Die in diesem Beitrag fokussierten Ergebnisse einer Interviewstudie lassen darauf schlie&#223;en, dass die Frage Tekino&#287;lus mit &#8222;Nein&#8220; beantwortet werden kann. So waren nur Sprecher*innen von Sprachen, denen wenig Prestige zugesprochen wird, von Sprechverboten betroffen. Die Ergebnisse zeigen dar&#252;ber hinaus, dass nicht nur Sprachen selbst, sondern vor allem auch Sprecher*innenpositionierungen unterschiedlicher Bewertung und Hierarchisierungen ausgesetzt sind und somit unter anderem pr&#228;gen, wer von Sprechverboten unmittelbar betroffen ist und wer nicht.</p>
<p>Obwohl &#8211; oder insbesondere, weil &#8211; die hier dargestellten Interviewten retrospektiv auf ihre Schulzeit blicken, sind ihre &#196;u&#223;erungen relevant f&#252;r den heutigen Diskurs um die (Nicht-)Ber&#252;cksichtigung mehrsprachiger Praxen in der Schule. Auch heute werden Sch&#252;ler*innen mit Sprechverboten konfrontiert (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B26">Pl&#246;ger/&#8203;R&#252;hlmann 2022</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B29">R&#252;hlmann 2021</xref>), wobei machtvolle Strukturen bestimmen, welche Sprachen und Sprecher*innen von eben solchen Sprechverboten oder -geboten betroffen sind (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B8">Dirim 2016</xref>). Die Daten zeigen auf, dass in der Bildungslaufbahn (fr&#252;h) erlebte Sprechverbote Einfluss darauf nehmen, inwieweit Sprachen auch au&#223;erhalb der Schule (nicht) genutzt werden und welchen Blick Sch&#252;ler*innen auf verschiedene Sprachen und Sprecher*innen &#8211; und so auch sich selbst &#8211; entwickeln (vgl. R&#252;hlmann im Druck).</p>
<p>Dass in den Interviews vor allem Grundschulen im Zusammenhang mit Sprechverboten ausf&#252;hrlich genannt wurden, legt die Vermutung nahe, dass Schulen in h&#246;heren Klassenstufen Verbote nicht mehr aktiv formuliert haben. Befragte haben demnach zu diesem Zeitpunkt bereits diskursives Wissen dazu erlangt, dass (bestimmte) nicht-deutsche Sprachen im Kontext der Schule nicht gesprochen werden sollten. Auf diese Weise haben die Befragten eine Re-Produktion von Norm- und Anderspositionen kennengelernt, in denen Sch&#252;ler*innen als regelkonform oder nicht regelkonform agierend konstruiert wurden &#8211; je nachdem welche Sprache(n) (nicht) genutzt wurde(n). Dies f&#252;hrte zu einer Kriminalisierung der in diesem Prozess als &#8218;Andere&#8216; positionierten Sch&#252;ler*innen. Diese lernten, dass die Nutzung der deutschen Sprache verfolgt werden sollte, um ihren Status als regelkonforme Subjekte nicht zu gef&#228;hrden. Ein solches notwendiges Agieren verweist auf die inh&#228;rent m&#228;chtige Position der Schule in der Gestaltung gesellschaftlicher Beziehungen und der Produktion von Subjekten, die urteilen d&#252;rfen, k&#246;nnen und sollen, und von Subjekten, die be- und verurteilt werden. Auf diese Weise werden Bilder von normativem deutschsprachigen <italic>Wei&#223;</italic>sein und eine Andersmachung entlang nicht-deutschsprachigem Nicht-<italic>Wei&#223;</italic>sein re-produziert.</p>
<p>Dass insbesondere Schwarze Befragte und Interviewte of Color von Verboten betroffen waren, verweist auf die inh&#228;rente rassistische Logik entlang von Sprachigkeit: W&#228;hrend die Mehrsprachigkeit von Sandy, einer <italic>wei&#223;en</italic> Person, entlang der englischen Sprache in der Schule als gewinnbringend verstanden wurde, wurde die Nutzung nicht-deutscher Sprachen von Schwarzen Interviewten und Interviewten of Color als gef&#228;hrdend f&#252;r ein Deutschsprechen wahrgenommen, was in ihren Begr&#252;ndungslinien zur Befolgung von Sprechverboten auftritt. Dass Befragte diesen Begr&#252;ndungslinien folgten, verweist dabei auf gesellschaftliche Normstrukturen, in denen eine Ungleichbehandlung in diesen Zuschreibungspraxen zwar nicht immer unentdeckt bleibt, aber nicht als ungerecht, sondern vielmehr als angemessen verstanden wird. Weil es sich um diskursiv wirksame Strukturen handelt, die solche Normvorstellungen re-produzieren, ist es zentral, an dieser Stelle anzukn&#252;pfen: Es liegt in der Verantwortung von Schulen, Ungerechtigkeiten im Kontext von Sprachigkeiten (an-)zuerkennen und abzubauen. Wenn die Institution Schule als &#8222;racial school&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B33">Steinbach/&#8203;Shure/&#8203;Mecheril 2020: 24</xref>) begriffen und fokussiert wird, kann damit ein Weg geschaffen werden, die &#8222;Normalit&#228;t des Rassismus&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B22">Mecheril 2007: 3</xref>) in seinen Auswirkungen zu analysieren und schlussendlich auch zu konfrontieren. Auf diese Weise k&#246;nnten Sprechverbote abgebaut werden und mehrsprachige Subjekte w&#252;rden mehr Handlungsmacht &#252;ber ihre Sprechpraxen erlangen k&#246;nnen. Es liegt hierbei nicht in der Verantwortung der Sprechenden, ihr Sprechen anzupassen, sondern in der Verantwortung derjenigen, die Sprechpraxen beurteilen, ihr H&#246;ren anzupassen. Nur so kann ein Sprechen ohne Abwertung m&#246;glich werden (vgl. R&#252;hlmann im Druck).</p>
<p>Sprechverbote haben eine normativierende Funktion, indem sie (Il-)Legitimit&#228;ten von Sprachgebrauch in der Schule, aber auch in der Gesellschaft, betonen und pr&#228;gen. Um mehrsprachigen Sch&#252;ler*innen mehr Handlungsmacht &#252;ber ihre Sprechpraxen zu erm&#246;glichen, ist es notwendig, dass (zuk&#252;nftige) Lehrkr&#228;fte Einblicke in diskursive Machtverh&#228;ltnisse erhalten. Auf diese Weise k&#246;nnen normative Ideologien kritisch eingeordnet werden und Lehrkr&#228;fte als reflexive <italic>wei&#223;e</italic> h&#246;rende Subjekte agieren (vgl. R&#252;hlmann im Druck). Es braucht hierbei u.a. Lernr&#228;ume, die sich damit auseinandersetzen, inwiefern rassistische Strukturen beeinflussen, wie Sprecher*innen wahrgenommen und bewertet werden. So kann ein Verst&#228;ndnis und eine wachsende Sensibilit&#228;t f&#252;r raciolinguistic Othering, das Sch&#252;ler*innen erfahren, erm&#246;glicht werden. Dies wiederum stellt die Basis einer Solidarisierung mit diskriminierten Sch&#252;ler*innen dar. Ein Ziel rassismuskritischer Reflexionen sollte eine Normalisierung verschiedener Sprachen in ihrem Gebrauch sein. Eine Positionierung von Schwarzen Sch&#252;ler*innen und Sch&#252;ler*innen of Color als raciolinguistic Others muss dabei vermieden werden. Dies k&#246;nnte u.a. passieren, wenn sie als Sprecher*innen (bestimmter) nicht-deutscher Sprachen adressiert werden.</p>
</sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Es handelt sich bei diesem und den weiteren im Artikel genannten Namen von Interviewpartner*innen um Pseudonyme.</p></fn>
<fn id="n2"><p>In diesem Artikel nutze ich den Begriff der &#8218;Sprechverbote&#8216;, nicht den der &#8218;Sprachverbote&#8216;. Der Terminus &#8218;Sprechverbote&#8216; soll hierbei vor allem auf den Einfluss von Verboten auf Sprechpraxen verweisen. Es handelt sich demnach um &#8222;Sprachverbote als Sprechverbote&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B16">Heinemann/&#8203;Dirim 2016: 200</xref>). Das Verbot von Sprachen ist also vor allem ein Verbot der Nutzung, der Verwendung, des Sprechens von (bestimmten nicht-deutschen) Sprachen; das Sprechen einer oder mehrerer Sprachen soll durch das Verbot verunm&#246;glicht werden. Der Begriff des &#8218;Sprechverbots&#8216; markiert die Auswirkungen auf Sprechpraxen entlang einer solchen Vorschrift. Es handelt sich um einen Eingriff in allt&#228;gliche Kommunikationsweisen, welcher subjektivierende Macht hat, in dem Sprecher*innen erfahren, dass sie (auch) Sprecher*innen illegitimer Sprachen sind, deren Gebrauch abzulegen ist. Dar&#252;ber hinaus verweist die Begrifflichkeit des &#8218;Sprechverbots&#8216; darauf, dass entlang eines Verbots artikulierte Restriktionen h&#228;ufig auf gesprochene Sprachen angewandt werden, insofern, dass zumeist das Sprechen von Sprachen gemeint ist, denen im schulischen Raum in der Regel kein legitimer Ort der schriftlichen Nutzung zugesprochen wird. (Potentiell) &#8218;Verbotene&#8216; Sprachen werden aufgrund des curricularen Ausschlusses vielmehr vor allem m&#252;ndlich, zum Beispiel in privaten Gespr&#228;chen in der Pause, verwendet.</p></fn>
<fn id="n3"><p>Transkriptionsregeln &amp; Paraverbales</p>
<p><disp-quote>
<p>Transkriptionsregeln</p>
<p>(.) Pause von einer Sekunde</p>
<p>(..) Pause von zwei Sekunden</p>
<p>(&#8230;) Pause l&#228;nger als zwei Sekunden</p>
<p>. A&#776;u&#223;erungsende-Intonation</p>
<p>! Ausruf-Intonation</p>
<p>? Frage-Intonation</p>
<p>/ Abbruch oder Korrektur</p>
</disp-quote></p>
<p><disp-quote>
<p>Paraverbales</p>
<p><underline>Nein</underline> besonders betont gesprochen</p>
<p>@ja@ lachend gesprochen</p>
<p>(lacht) paraverbale A&#776;u&#223;erung</p>
</disp-quote></p></fn>
</fn-group>
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<title>Literatur</title>
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<title>Kurzbio</title>
<p><bold>Liesa R&#252;hlmann</bold> ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe Migrationsp&#228;dagogik und Rassismuskritik an der Universit&#228;t Bielefeld im Projekt &#8218;Wissen &#252;ber Rassismus. Zeitgeschichte im Spiegel biographischen (Erfahrungs-)Wissens rassistisch diskreditierbarer Menschen in Ost- und Westdeutschland&#8216; (WueRD). Ihre Arbeits- und Interessenschwerpunkte sind Mehrsprachigkeit und Bildung, Subjektivierung, Rassismuskritik, Raciolinguistics sowie forschungsethische Fragen.</p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2"><bold>Anschrift:</bold></styled-content></p>
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