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<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Interkulturellen Fremdsprachenunterricht</journal-title>
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<publisher-name>Universit&#228;ts- und Landesbibliothek Darmstadt</publisher-name>
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<subject>Aufsatz zum Themenschwerpunkt</subject>
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<article-title>Spracheinstellungen der kurdischen Diaspora in Deutschland</article-title>
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<surname>M&#246;ller</surname>
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<email>franziska.moeller@tu-dortmund.de</email>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>TestDaF-Institut, Ruhr-Universit&#228;t Bochum, DE</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2023-09-15">
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<abstract>
<p>Als eine der gr&#246;&#223;ten Minderheitensprachengemeinschaften in Deutschland wird auch die kurdischsprachige Diaspora von gesellschaftlichen Machtstrukturen wie der Diskriminierung in den Herkunftsl&#228;ndern beeinflusst. In der vorliegenden Studie wurden Spracheinstellungen von Kurdischsprecher*innen der ersten und zweiten Migrationsgeneration mithilfe eines Online-Fragebogens anhand von 296 Teilnehmer*innen aus der T&#252;rkei, Syrien und dem Irak erhoben. Die Ergebnisse zeigen insgesamt positive Einstellungen und eine starke emotionale Verbundenheit zum Kurmanc&#238;-Kurdisch. In der ersten Generation sind die Spracheinstellungen der Kurdischsprecher*innen aus der T&#252;rkei negativer ausgepr&#228;gt. In der zweiten Generation gleichen sich die Unterschiede zwischen den Herkunftsl&#228;ndern an. Einfl&#252;sse soziopolitischer Unterschiede in den Herkunftsl&#228;ndern scheinen mit der Aufenthaltsdauer in Deutschland abzunehmen.</p>
</abstract>
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<p><bold>Language Attitudes of the Kurdish Diaspora in Germany</bold></p>
<p>As one of the largest minority language communities in Germany, the Kurdish-speaking diaspora is influenced by societal power relations such as discrimination in their countries of origin. In the present study, language attitudes of Kurdish speakers of the first and second migration generation were surveyed. Results of 296 participants from Turkey, Syria and Iraq show overall positive attitudes and a strong emotional attachment to Kurmanji-Kurdish. In the first generation, Turkish Kurdish speakers&#8217; attitudes are more negative. In the second generation, the differences between home countries converge. The influence of socio-political differences in the countries of origin decreases with the length of stay in Germany.</p>
</trans-abstract>
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<kwd>Kurdisch</kwd>
<kwd>Minderheitensprachen</kwd>
<kwd>Spracheinstellungen</kwd>
<kwd>Sprachprestige</kwd>
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<kwd>Kurdish</kwd>
<kwd>minority languages</kwd>
<kwd>language attitudes</kwd>
<kwd>language prestige</kwd>
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<title>1 Einleitung</title>
<p>Sprachliche Rechte, die f&#252;r viele weitere Menschenrechte eine Grundbedingung darstellen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B72">Phillipson/&#8203;Skutnabb-Kangas 1995</xref>), sind weltweit von gesellschaftlichen Machtverh&#228;ltnissen abh&#228;ngig. Insbesondere Minderheitensprachen, die nicht als National- oder Amtssprache anerkannt sind, werden stark von soziopolitischen Faktoren gepr&#228;gt. Diese wirken sich auf den allgemeinen Sprachgebrauch und den Erhalt der Sprache aus (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B14">Brehmer/&#8203;Mehlhorn 2018: 34&#8211;35</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B29">Ghosh 2017: 91</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B68">&#214;pengin 2012: 152</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B73">Polinsky/Scontras 2020: 5</xref>), indem das gesellschaftlich zugeschriebene Sprachprestige Einfluss auf die individuellen Spracheinstellungen nimmt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B20">De Swaan 2001: 6</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B60">Montrul 2016: 123</xref>).</p>
<p>Statistisch bleiben sprachliche Minderheiten oft unsichtbar: Auch in Deutschland wird in offiziellen Statistiken (z.B. des Bundesamtes f&#252;r Migration und Fl&#252;chtlinge) nicht nach Ethnie oder Erstsprache, sondern meist nach Nationalit&#228;t gefragt. Sprachliche Minderheiten wie Kurd*innen werden unter den Nationalit&#228;ten verschiedener Staaten subsummiert (z.B. t&#252;rkisch, syrisch, irakisch) und dadurch politisch und gesellschaftlich meist nicht ber&#252;cksichtigt.</p>
<p>Welchen Einfluss soziopolitische Bedingungen und Ver&#228;nderungen im Herkunftsland auf eine Diaspora haben, ist in Art und Umfang noch weitgehend unbekannt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B50">Kroon/Kurvers 2020: 445</xref>). Vermutet wird, dass unterschiedliche Grade der Toleranz und Diskriminierung in der Auspr&#228;gung der individuellen Spracheinstellung auch in der Diaspora sichtbar sind. Daher untersucht der vorliegenden Artikel den Einfluss verschiedener soziopolitischer Gegebenheiten in den Herkunftsl&#228;ndern auf die individuellen Spracheinstellungen der kurdischen Sprachgemeinschaft in Deutschland. Daf&#252;r wurden Kurd*innen der ersten und zweiten Migrationsgeneration zu ihren Spracheinstellungen gegen&#252;ber ihrer Erstsprache Kurmanci&#770;-Kurdisch befragt. Um herauszufinden, ob Unterschiede in Abh&#228;ngigkeit vom Herkunftsland erkennbar sind, wurden die Teilnehmer*innen in drei unabh&#228;ngige Gruppen (Herkunftsl&#228;nder T&#252;rkei, Syrien und Irak) eingeteilt. Au&#223;erdem wurde analysiert, ob sich die soziopolitischen Voraussetzungen in den Herkunftsl&#228;ndern auf die Spracheinstellungen der ersten und zweiten Migrationsgeneration unterschiedlich auswirken.</p>
</sec>
<sec>
<title>2 Theoretischer Hintergrund</title>
<p>Kurdisch wird als nordwest-iranische Sprache (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B81">Sheyholislami 2015: 31</xref>) im westlichen Iran, Nord-Irak, der &#246;stlichen T&#252;rkei sowie Nord-Syrien von mindestens 25 bis 30 Millionen Menschen gesprochen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B70">&#214;pengin 2020: 460</xref>). Auch als Makro-Sprache bezeichnet, werden unter dem Begriff Kurdisch verschiedene Variet&#228;ten zusammengefasst. Einen eindeutigen Konsens &#252;ber die Abgrenzung der Variet&#228;ten und deren Status als eigenst&#228;ndige Sprachen oder Dialekte gibt es bisher nicht (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B9">Barry 2019: 40</xref>), weshalb im vorliegenden Artikel der Begriff der Variet&#228;t bevorzugt wird.</p>
<p>Eine g&#228;ngige Einteilung der Variet&#228;ten des Kurdischen identifiziert f&#252;nf Hauptvariet&#228;ten: Kurmanci&#770;, Sorani&#770;, S&#252;dkurdisch, Zazaki&#770; und Gorani&#770; (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B81">Sheyholislami 2015: 30</xref>). Von diesen ist Kurmanci&#770; gemessen an der Anzahl der Sprecher*innen die gr&#246;&#223;te Variet&#228;t (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B70">&#214;pengin 2020: 460</xref>) und wird in allen kurdischen Gebieten von ungef&#228;hr 65 % aller kurdischsprachigen Personen gesprochen (<xref ref-type="bibr" rid="B81">Sheyholislami 2015: 31</xref>). Der Fokus der vorliegenden Studie liegt daher auf dieser Variet&#228;t des Kurdischen.</p>
<sec>
<title>2.1 Sprachprestige und Spracheinstellungen</title>
<p>Sprachen befinden sich weltweit in sozialen und politischen Machtgef&#252;gen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B68">&#214;pengin 2012: 152</xref>). Gesellschaftliche Strukturen sowie historische Entwicklungen bedingen entscheidend das wahrgenommene Prestige einer Sprache (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B20">De Swaan 2001: 6</xref>). Zus&#228;tzlich pr&#228;gt eine utilitaristische Sicht den wahrgenommenen Wert einer Sprache anhand der Verwertbarkeit auf dem &#8222;sprachlichen Markt&#8220;. De Swaan (<xref ref-type="bibr" rid="B20">2001: 4</xref>) stellt diese Dynamiken in einem Modell dar: Dazu teilt er die Sprachen in einen Kern und eine Peripherie ein, abh&#228;ngig vom kommunikativen Wert und Prestige der Sprachen. Nach Sch&#228;tzungen De Swaans (<xref ref-type="bibr" rid="B20">2001: 5</xref>) befinden sich 98 % aller heute gesprochenen Sprachen in der Peripherie und stellen somit Minderheitensprachen dar. Ihnen gegen&#252;ber stehen Mehrheitssprachen, die als aufgrund von zahlenm&#228;&#223;iger &#220;berlegenheit und/oder politischer Machtposition als gesellschaftliche Norm angesehen werden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B53">Limberger/&#8203;K&#252;rschner/&#8203;Altenhofen/&#8203;Mozzillo 2020: 894</xref>). Die marginalisierte Position der Minderheitensprachen kann sowohl historisch gegeben (autochthon) als auch durch Migration (allochthon) entstanden sein (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B71">O&#8217;Rourke 2020: 1</xref>). F&#252;r Sprecher*innen dieser Sprachen besteht meist die Notwendigkeit der Verwendung einer Mehrheitssprache zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, wodurch sie selten monolingual bleiben (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B53">Limberger et al. 2020: 895</xref>).</p>
<p>Das Sprachprestige beeinflusst viele weitere Faktoren des Erwerbs und Erhalts von Minderheitensprachen. Da schon ab dem fr&#252;hen Kindesalter die Minderheitensprache in Konkurrenz mit der Mehrheitssprache steht (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B58">Montrul 2008: 101</xref>), k&#246;nnen bei Minderheitensprachensprecher*innen h&#228;ufiger Attritionserscheinungen beobachtet werden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B77">Schmid 2011: 73</xref>). Je h&#246;her das Prestige einer Sprache, desto leichter f&#228;llt die Weitergabe dieser &#252;ber die Generationenfolge hinweg (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B2">Adegbija 2000: 82&#8211;83</xref>). Zus&#228;tzlich weist Brizi&#263; (<xref ref-type="bibr" rid="B15">2007: 335</xref>) nach, dass Minderheitensprachen im deutschsprachigen Kontext, die wie das Kurdische schon im Herkunftsland prestigearm sind, eher aufgegeben werden als im Herkunftsland anerkannte Nationalsprachen.</p>
<p>Montrul (<xref ref-type="bibr" rid="B60">2016: 119&#8211;123</xref>) identifiziert theoriegeleitet die durch das Sprachprestige beeinflussten individuellen Spracheinstellungen als entscheidenden Faktor f&#252;r die Entwicklung der Minderheitensprache. Aus der sozialpsychologischen Einstellungsforschung in die Linguistik &#252;bertragen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B52">Lee 2018: 124</xref>), werden Spracheinstellungen als erlernte bzw. erworbene positive und negative Vorurteile gegen&#252;ber einer Sprache und ihren Sprecher*innen definiert (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B28">Garrett 2010: 20</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B29">Ghosh 2017: 88</xref>). Der Grundannahme folgend, dass Einstellungen eine dauerhafte und relativ stabile Pr&#228;disposition gegen&#252;ber einem Gegenstand darstellen, k&#246;nnen sie modelliert und messbar gemacht werden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B88">Tucker 2020: 10</xref>). Dabei ist das Multikomponentenmodell, welches die Spracheinstellungen in drei Komponenten einteilt, besonders weit verbreitet (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B86">Soukup 2019: 90</xref>). Es besteht aus der affektiven Komponente, der kognitiven Komponente und der Verhaltenskomponente (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B28">Garrett 2010: 23</xref>). Gef&#252;hle und Emotionen wie Stolz oder Loyalit&#228;t, die mit einer Sprache assoziiert werden, sind in der affektiven Komponente zusammengefasst. &#220;berzeugungen und Wahrnehmungen der Sprecher*innen, die eher als objektive Informationen gelten k&#246;nnen, fallen unter die kognitive Komponente. Diese zeigen sich z.B. in den wahrgenommenen Vor- oder Nachteilen der Sprache. Die Verhaltenskomponente fasst die tats&#228;chliche Verwendung der Sprache (z.B. die Sprachwahl in Situationen, in denen eine freie Wahl mo&#776;glich ist) zusammen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B28">Garrett 2010: 23</xref>). Obwohl eine Abgrenzung der Komponenten in der Realit&#228;t nicht aufrechtzuerhalten ist (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B47">K&#246;nig 2014: 26</xref>), bietet sich die o.g. Modellierung an, um der Komplexit&#228;t des Ph&#228;nomens Rechnung zu tragen.</p>
<p>Die Wichtigkeit der Spracheinstellungen f&#252;r (allochthone) Minderheitensprachen und deren Erhalt und Weitergabe betonte Fishman bereits 1980 (zitiert nach <xref ref-type="bibr" rid="B52">Lee 2018: 126</xref>). Positive Einstellungen der Sprecher*innen einer Minderheitensprache tragen dazu bei, dass Ma&#223;nahmen zum Erhalt der Sprache ergriffen werden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B29">Ghosh 2017: 91&#8211;92</xref>). Auf der anderen Seite f&#252;hren negative Einstellungen gegen&#252;ber der Minderheitensprache dazu, dass die Sprachgemeinschaft aufgrund des fehlenden Zusammengeh&#246;rigkeitsgef&#252;hls auseinanderbricht und die Sprache eher aufgegeben wird (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B29">Ghosh 2017: 92</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B78">Schmid/&#8203;Y&#305;lmaz 2018</xref>).</p>
<p>Die oben beschriebenen haupts&#228;chlich affektiven Faktoren sind v.a. f&#252;r Herkunftssprachen entscheidend. Diese stellen einen besonderen Fall von Minderheitensprachen dar (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B65">Olfert 2019: 59</xref>). Definiert wird die Herkunftssprache als eine f&#252;r Sprecher*innen besonders wichtige und mit dem kulturellen Hintergrund verbundene Sprache, die haupts&#228;chlich zu Hause ungesteuert erworben wird und von der Mehrheitssprache abweicht (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B75">Rothman 2009: 156</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B88">Tucker 2020: 8</xref>). Herkunftssprachensprecher*innen bilden eine heterogene Gruppe bi- oder multilingualer Personen, die eine Minderheitensprache in einem mehrheitssprachlichen Kontext erwerben und im Erwachsenenalter meist in der Nationalsprache ihres Wohnortes dominant sind (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B55">Lohndal/&#8203;Rothman/&#8203;Kupisch/&#8203;Westergaard 2019: 4</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B59">Montrul 2011: 159</xref>). Staatliche oder institutionelle Unterst&#252;tzung ist dabei oft nicht vorhanden. Der Erwerb findet vornehmlich m&#252;ndlich und in intimem Register statt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B60">Montrul 2016: 122</xref>). Meist umfasst diese Definition die zweite oder sp&#228;tere Migrationsgenerationen<sup><xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref></sup>. Gr&#246;&#223;tenteils treffen die Bedingungen der Herkunftssprachen ebenfalls auf Sprecher*innen des Kurdischen als Minderheitensprache zu. Auch au&#223;erhalb des Migrationskontextes wird das Kurdische v.a. in den st&#228;dtischen Gebieten der Herkunftsl&#228;nder (mit Ausnahme von der Autonomen Region Kurdistan im Nord-Irak) unter den oben beschriebenen Bedingungen erworben. Deshalb lassen sich wichtige Erkenntnisse &#252;ber die Bedingungen der Herkunftssprachen auch auf die Situation der kurdischen Sprachgemeinschaft &#252;bertragen.</p>
<p>Es zeigt sich, dass der Erhalt der Minderheitensprache zwar nicht auf dem Arbeitsmarkt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B31">Grin 2016: 37</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B89">Ubalde/&#8203;Heyman 2021: 34</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B93">Wickstr&#246;m/&#8203;Templin/&#8203;Gazzola 2018: 20&#8211;21</xref>), aber dennoch f&#252;r das Selbstbewusstsein und die mentale Entwicklung der Sprecher*innen eine gro&#223;e Rolle spielen kann (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B82">Sheyholislami/&#8203;Sharifi 2016: 95</xref>). Ebenso kann der Erhalt der Herkunftssprache kognitive Ressourcen wie Probleml&#246;sekompetenz und Aufmerksamkeitssteuerung st&#228;rken (vgl. u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B12">Bialystok 2009</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B13">Bialystok/&#8203;Craik/&#8203;Luk 2012</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B25">Emmorey/&#8203;Luk/&#8203;Pyers/&#8203;Bialystok 2008</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B61">Moreno/&#8203;Bialystok/&#8203;Wodniecka/&#8203;Alain 2010</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B67">Oomen-Welke 2006</xref>). Zus&#228;tzlich steht fest, dass eine aktive Unterst&#252;tzung der Sprache durch den Staat wichtig ist, da die Sprachverwendung innerhalb der Familie oft allein nicht ausreicht, um den Erhalt der Sprache zu sichern (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B30">Grenoble/&#8203;Singerman 2014: 6</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B92">Wee 2010: 48</xref>).</p>
</sec>
<sec>
<title>2.2 Kurdisch als Minderheitensprache</title>
<p>Das kurdische Volk ist eine in dem als Kurdistan bekannten Gebiet ethnische und linguistische Minderheit (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B3">Ahmed 2010: 76&#8211;77</xref>). Nach dem Ersten Weltkrieg wurde ihr Siedlungsgebiet aufgeteilt, sodass die Kurd*innen heute v.a. in der T&#252;rkei, im Iran und Irak sowie in Syrien leben (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B45">Keskin 2017: 44</xref>). Diese kurdischen Gebiete werden auch nach den vier Himmelsrichtungen als <italic>Bakur</italic> (t&#252;rkische Region, kurdisch &#8222;Norden&#8220;), <italic>Rojhilat</italic> (iranische Region, kurdisch &#8222;Osten&#8220;), <italic>Ba&#351;u&#770;r</italic> (irakische Region, kurdisch &#8222;S&#252;den&#8220;) und <italic>Rojava</italic> (syrische Region, &#8222;Westen&#8220;) bezeichnet. Zus&#228;tzlich leben kleinere Gruppen im Libanon, in Armenien, Aserbaidschan und Gebieten der ehemaligen Sowjetunion (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B26">Engin 2019: 5</xref>).</p>
<p>Obwohl die Kurd*innen im Mittleren Osten die viertgr&#246;&#223;te Sprachgemeinschaft darstellen, mangelt es an offizieller Anerkennung und staatlicher Unterst&#252;tzung (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B34">Haig/&#8203;Mustafa 2019: 145</xref>). Als autochthone Minderheitensprache befindet sich Kurdisch nach De Swaans (<xref ref-type="bibr" rid="B20">2001</xref>) Modell in der Peripherie. Allein in der Autonomen Region Kurdistan im Norden Iraks ist Kurdisch Amts- und Mehrheitssprache. Im deutschen Kontext ist Kurdisch eine allochthone Minderheitensprache, die gesetzlich kein Recht auf staatliche Unterst&#252;tzung besitzt.</p>
<p>In den verschiedenen Nationalstaaten haben die unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen gro&#223;en Einfluss darauf, wie sich die kurdische Sprache im jeweiligen nationalen Kontext entwickelt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B69">&#214;pengin 2015: 2</xref>). Nachfolgend werden neben der Diaspora die verschiedenen politischen Entwicklungen in der T&#252;rkei, in Syrien und im Irak betrachtet, da diese die drei Staaten sind, aus denen die Teilnehmer*innen der untersuchten Stichprobe stammen.</p>
<sec>
<title>2.2.1 T&#252;rkei</title>
<p>Innerhalb der Grenzen der heutigen Republik T&#252;rkei leben ca. 20 Millionen Kurd*innen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B41">Institut Kurde de Paris 2017</xref>), die mit ca. 25 % der Gesamtbev&#246;lkerung die gr&#246;&#223;te autochthone Minderheit im Land bilden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B63">Nergiz 2019: 25</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B66">&#214;ney 2015: 16</xref>). Von diesen sprechen ca. 8 bis 15 Millionen Menschen die Kurmanc&#238;-Variet&#228;t (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B36">Haig/&#214;pengin 2018: 157</xref>).</p>
<p>Die Behandlung der Kurd*innen in der T&#252;rkei geht u.a. auf die Gr&#252;ndungsideologie von 1923 zur&#252;ck, deren Ziel die Etablierung eines neuen, rein t&#252;rkischen Staates war (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B3">Ahmed 2010: 60</xref>). Dabei sollte die t&#252;rkische Ethnie mit allen Mitteln gesch&#252;tzt und durch Homogenisierung und &#8222;T&#252;rkifizierung&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B44">Kaya 2011: 17</xref>) der Zusammenhalt im Land gesichert werden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B36">Haig/&#214;pengin 2018: 224</xref>). Alle nicht-t&#252;rkischen Ethnien wurden als Bedrohung dessen wahrgenommen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B42">Jongerden 2017: 2</xref>). Fast &#252;ber das gesamte 20. Jahrhundert hinweg bestand f&#252;r die Kurd*innen in der T&#252;rkei ein Kontext der kulturellen und sprachlichen Unterdr&#252;ckung (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B87">Strohmeier/Yal&#231;&#305;n-Heckmann 2016: 265</xref>). Zus&#228;tzlich wurde den Kurd*innen ihre ethnische Identit&#228;t mehrfach abgesprochen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B18">Ci&#287;erli 2000: 81</xref>). Skutnabb-Kangas und Phillipson charakterisieren die gesellschaftlichen und politischen Strukturen in der T&#252;rkei des 20. Jahrhunderts als Linguizid (<xref ref-type="bibr" rid="B84">2008: 677</xref>) und werden durch Arbeiten von Bay&#305;r (<xref ref-type="bibr" rid="B10">2013</xref>), Hassanpour (<xref ref-type="bibr" rid="B38">2012</xref>), O&#8217;Driscoll (<xref ref-type="bibr" rid="B64">2014</xref>) und Zeydanl&#305;o&#287;lu (<xref ref-type="bibr" rid="B95">2012</xref>) unterst&#252;tzt.</p>
<p>Nach fast 70 Jahren des offiziellen Verbots fand seit den 1990ern bis heute auch aufgrund internationalen Drucks eine schrittweise Legalisierung der kurdischen Sprache statt (<xref ref-type="bibr" rid="B32">G&#252;ne&#351;/&#8203;Zeydanl&#305;o&#287;lu 2014: 9</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B36">Haig/&#8203;&#214;pengin 2018: 223</xref>): Seit 2014 ist Unterricht auf Kurdisch in Privatschulen und vereinzelt als Fremdsprache im Schulsystem wieder m&#246;glich (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B81">Sheyholislami 2015</xref>). Auch Fernseh- und Radiosender d&#252;rfen auf Kurdisch senden. Die Sichtbarkeit des Kurdischen im &#246;ffentlichen Leben in der T&#252;rkei hat wieder zugenommen.</p>
<p>Dennoch bestehen weiterhin eher negative Einstellungen gegen&#252;ber der Sprache innerhalb der t&#252;rkischen Bev&#246;lkerung (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B68">&#214;pengin 2012: 160</xref>). Co&#351;kun, Derince und Uc&#807;arlar (<xref ref-type="bibr" rid="B19">2011</xref>) beobachten eine Stigmatisierung und Ablehnung gegen&#252;ber der kurdischen Sprache unter Sch&#252;ler*innen und Lehrkr&#228;ften. Zeynelo&#287;lu, Sirkeci und Civelek stellen au&#223;erdem einen Sprachwechsel vom Kurdischen zum T&#252;rkischen v.a. unter gebildeten, j&#252;ngeren Kurd*innen in t&#252;rkischen Gro&#223;st&#228;dten fest (<xref ref-type="bibr" rid="B96">2016: 44</xref>). Eine Interviewstudie von &#199;a&#287;layan (<xref ref-type="bibr" rid="B17">2014</xref>) dokumentiert, dass viele der Eltern, die selbst kurdisch-t&#252;rkisch bilingual aufgewachsen sind, Kurmanci&#770; nicht an ihre Kinder weitergeben. Im Gegensatz dazu berichtet &#199;a&#287;layan (<xref ref-type="bibr" rid="B17">2014: 105</xref>) aber auch von einem wachsenden Bewusstsein &#252;ber die sprachliche Situation und die Zunahme der Ma&#223;nahmen, die zum Erhalt der Sprache ergriffen werden.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>2.2.2 Syrien</title>
<p>In Syrien leben ca. 2 Millionen Kurd*innen, die die Kurmanc&#238;-Variet&#228;t des Kurdischen sprechen und ungef&#228;hr 10 % der Gesamtbev&#246;lkerung ausmachen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B70">&#214;pengin 2020: 460</xref>).</p>
<p>Unter dem franz&#246;sischen Kolonialismus zwischen 1920 und 1941 wurden den Kurd*innen in Syrien zun&#228;chst einzelne sprachliche Freiheiten wie Radiosendungen und Ver&#246;ffentlichungen auf Kurmanci&#770; gew&#228;hrt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B87">Strohmeier/&#8203;Yalc&#807;&#305;n-Heckmann 2016: 171</xref>). Das Sprechen des Kurdischen wurde geduldet, Beschulung in dieser Sprache aber nicht erm&#246;glicht (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B38">Hassanpour 2012: 56</xref>). Ab 1958 wurde unter einer dem Panarabismus folgenden Baath-Regierung ein Verbot der kurdischen Sprache erlassen, welches bis 2011 offiziell galt. Zus&#228;tzlich wurde die Staatsb&#252;rgerschaft vieler Kurd*innen in den 1960er Jahren mit neuer Gesetzgebung als unrechtm&#228;&#223;ig erkl&#228;rt, womit auch der Zugang zu medizinischer Versorgung und Bildung f&#252;r die kurdische Bev&#246;lkerung erschwert wurde (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B3">Ahmed 2010: 192</xref>).</p>
<p>Im Zuge des Arabischen Fr&#252;hlings ab 2011 &#252;bernahm die Kurdische Partei der Demokratischen Union (<italic>Partiya Yeki&#770;tiya Demokrat</italic>) die Macht in den kurdischen Gebieten im Norden des Landes (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B87">Strohmeier/Yalc&#807;&#305;n-Heckmann 2016: 178</xref>). 2012 konnte dort Kurmanci&#770; als Amtssprache, Unterrichtssprache und in den Medien eingesetzt werden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B82">Sheyholislami/&#8203;Sharifi 2016: 80</xref>). Nach der Verteidigung der Stadt Koban&#234; 2014 durch kurdische Truppen gegen K&#228;mpfer des Islamischen Staates wurde eine Selbstverwaltung in der Region <italic>Rojava</italic> in Nord-Syrien ausgerufen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B45">Keskin 2017: 57</xref>).</p>
<p>Die Situation der kurdischsprachigen Bev&#246;lkerung in Syrien hat sich v.a. nach 2011 im Hinblick auf Rechte und sprachliche Freiheiten verbessert. Die zuk&#252;nftigen Entwicklungen sind jedoch noch unsicher. W&#228;hrend die syrische Regierung ihren Herrschaftsanspruch &#252;ber die nordsyrischen Gebiete noch nicht aufgegeben hat, wird die autonome Region <italic>Rojava</italic> besonders seit 2016 immer wieder von der t&#252;rkischen Armee angegriffen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B6">Allsopp/&#8203;Van Wilgenburg 2019</xref>). Linguistische Erkenntnisse &#252;ber die Vitalit&#228;t des Kurmanc&#238; in den kurdischen Gebieten Syriens fehlen bisher.</p>
<sec>
<title>2.2.3 Irak</title>
<p>Im Irak gibt es ca. 7 Millionen Kurd*innen, die 20 % der Gesamtbev&#246;lkerung ausmachen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B42">Jongerden 2017: 3</xref>). Sie sind in Sprecher*innen der beiden Variet&#228;ten Kurmanci&#770; und Sorani&#770; aufgespalten (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B3">Ahmed 2010: 80</xref>), von denen Erstere mit ca. 1 Millionen Sprecher*innen zahlenm&#228;&#223;ig unterlegen sind (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B34">Haig/Mustafa 2019: 147</xref>). Zus&#228;tzlich sind die Sorani&#770;-Sprecher*innen &#252;ber das letzte Jahrhundert hinweg st&#228;rker in der nationalen Politik aktiv gewesen als die Kurmanci&#770;-Sprecher*innen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B38">Hassanpour 2012: 56</xref>).</p>
<p>In den 1920er Jahren wurde Sorani&#770; unter britischem Kolonialismus zun&#228;chst regional als offizielle Sprache zugelassen und Zeitungen sowie Grammatiken und Schulb&#252;cher konnten ver&#246;ffentlicht werden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B87">Strohmeier/Yalc&#807;&#305;n-Heckmann 2016: 126</xref>). Trotzdem kam es immer wieder zu Konflikten zwischen der arabischen und kurdischen Bev&#246;lkerung im Land. In den 1960er Jahren wurde den Kurd*innen das Recht auf die Verwendung der Muttersprache im Unterricht gew&#228;hrt und eine kurdische Universit&#228;t in Sulaimaniya gegr&#252;ndet (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B69">&#214;pengin 2015: 4</xref>). Allerdings blieb die offizielle Anerkennung der Sprache aus und die gesetzlich geltenden Rechte wurden nicht konsequent durchgesetzt. Der H&#246;hepunkt andauernder brutaler Auseinandersetzungen zwischen der arabischen Regierung und der kurdischen Bev&#246;lkerung wurde 1988 mit dem Giftgasangriff auf die kurdische Stadt Halabdscha erreicht, welcher von <italic>Human Rights Watch</italic> als Genozid eingestuft wird (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B87">Strohmeier/&#8203;Yalc&#807;&#305;n-Heckmann 2016: 140</xref>).</p>
<p>Nach Ende des dritten Golf-Krieges wurde schlie&#223;lich eine regionale kurdische Regierung in der irakischen Autonomen Region Kurdistan eingesetzt (<xref ref-type="bibr" rid="B69">&#214;pengin 2015: 5</xref>), die 2005 in einer neuen nationalen Verfassung gest&#228;rkt wurde. Zus&#228;tzlich erhielt Kurdisch den Status als zweite Amtssprache. Da allerdings bis heute keine der beiden Variet&#228;ten offiziell als Standard festgelegt ist, konkurrieren Soran&#238; und Kurmanc&#238; regional miteinander (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B85">Skutnabb-Kangas/&#8203;Sheyholislami/&#8203;Hassanpour 2012: 182</xref>). Innerhalb der Autonomen Region Kurdistan ist dabei die Kurmanci&#770;-Variet&#228;t, die dort eher als m&#252;ndliche Variet&#228;t gilt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B34">Haig/Mustafa 2019: 147</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B38">Hassanpour 2012: 66</xref>), benachteiligt.</p>
<p>Linguistische Erkenntnisse gibt es trotz der sprachlichen Freiheiten f&#252;r Kurd*innen im Land wenige. Vermutet werden kann, dass die Vitalit&#228;t des Kurdischen relativ hoch ist (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B69">&#214;pengin 2015: 5</xref>). Haig und Mustafa (<xref ref-type="bibr" rid="B34">2019: 163</xref>) weisen sprachliche Unterschiede zwischen den Generationen unter der kurdischen Bev&#246;lkerung in Duhok im Irak nach: Die &#228;ltere Bev&#246;lkerung verwendet weitaus weniger Kurdisch als die j&#252;ngere Generation. Bez&#252;glich der Spracheinstellungen der Kurd*innen im Irak zeigte sich, dass zwar gute Kurdischkenntnisse f&#252;r die kurdische Identit&#228;t von der jungen Generation als sehr wichtig eingesch&#228;tzt werden. Im Gegensatz dazu wird aber die Notwendigkeit des Schulunterrichts in kurdischer Sprache als gering wahrgenommen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B34">Haig/Mustafa 2019: 163</xref>).</p>
</sec>
<sec>
<title>2.2.4 Diaspora</title>
<p>Au&#223;erhalb der urspr&#252;nglich als Kurdistan bezeichneten Gebiete im Mittleren Osten bilden emigrierte Kurd*innen eine globale Diaspora (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B91">Wahlbeck 2019: 2</xref>). Entscheidend f&#252;r die Bev&#246;lkerung in der Diaspora ist dabei der Bezug zum Heimatland (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B50">Kroon/Kurvers 2020: 444&#8211;445</xref>), welches ein existierendes Land aber auch eine gemeinsame Idee sein kann, die Zusammenhalt gibt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B91">Wahlbeck 2019: 2</xref>). F&#252;r die kurdische Diaspora ist dies Kurdistan, welches kein offiziell anerkannter Staat ist, aber nach van Bruinessen (<xref ref-type="bibr" rid="B16">2000: 2</xref>) zu einem tats&#228;chlichen politischen Ideal gewachsen ist.</p>
<p>Soziopolitische Ver&#228;nderungen im Herkunftsland, im Aufnahmeland sowie in transnationalen Verbindungen k&#246;nnen die Dynamiken innerhalb der Diaspora ver&#228;ndern (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B5">Alinia/&#8203;Wahlbeck/&#8203;Eliassi/&#8203;Khayati 2014: 54</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B50">Kroon/&#8203;Kurvers 2020: 445</xref>). Daher ist davon auszugehen, dass die (historischen) politischen Entwicklungen im Iran, Irak, in der T&#252;rkei und in Syrien v.a. in Form von Kriegen, Genoziden und Vertreibung die Kurd*innen in der Diaspora beeinflussen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B91">Wahlbeck 2019: 21</xref>).</p>
<p>Die in Deutschland lebende kurdische Diaspora ist mit ungef&#228;hr 1,2 Millionen eine der gr&#246;&#223;ten kurdischen Gemeinschaften weltweit (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B90">&#220;nal/&#8203;Ulu&#287;/&#8203;Blaylock 2020: 2</xref>), die nach den T&#252;rk*innen die zweitgr&#246;&#223;te Migrationsgemeinschaft im Land darstellen (<xref ref-type="bibr" rid="B24">D&#252;zel 2014: 7</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B26">Engin 2019: 9</xref>). Vermutlich begann die Migration der Kurd*innen nach Deutschland haupts&#228;chlich mit dem Anwerbeabkommen 1962 mit aus der T&#252;rkei kommenden Menschen (<xref ref-type="bibr" rid="B26">Engin 2019: 10</xref>). Auch aus dem Iran und Irak kamen aufgrund von Kriegen v.a. in den 1980er Jahren vermehrt Kurd*innen nach Deutschland (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B26">Engin 2019: 10</xref>). Es wird angenommen, dass aus der T&#252;rkei die gr&#246;&#223;te Zahl an Kurd*innen nach Deutschland kam (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B91">Wahlbeck 2019: 11</xref>). Allerdings nahm nach 2015 auch die Zahl der aus Syrien und dem Irak stammenden Kurd*innen zu. Insgesamt mangelt es an offiziellen Daten &#252;ber diese Gemeinschaft (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B7">Ammann 2005: 1017</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B24">D&#252;zel 2014: 40</xref>).</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>2.3 Forschungsl&#252;cke und Forschungsfragen</title>
<p>International mangelt es an der systematischen Erforschung der kurdischen Sprache und deren Sprecher*innen. Die meisten Ver&#246;ffentlichungen besch&#228;ftigten sich besonders seit den 1990er Jahren mit den legalen Gegebenheiten in der T&#252;rkei (vgl. z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B33">Haig 2004</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B35">Haig/&#8203;&#214;pengin 2014</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B38">Hassanpour 2012</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B76">Scalbert-Y&#252;cel 2006</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B83">Skutnabb-Kangas/&#8203;Bucak 1995</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B94">Ye&#287;en 1999</xref>). Zu den Kurd*innen in Syrien und Irak gibt es bislang in der Linguistik nur vereinzelte Ver&#246;ffentlichungen (<xref ref-type="bibr" rid="B34">Haig/Mustafa 2019: 145</xref>). Ein systematischer Vergleich der Lage des Kurdischen in den verschiedenen L&#228;ndern wurde bisher nicht durchgef&#252;hrt. Erkenntnisse &#252;ber die Spracheinstellungen der kurdischsprachigen Diaspora in Deutschland fehlen.</p>
<p>Diese sollen daher in der vorliegenden Arbeit untersucht werden. Dabei werden ausschlie&#223;lich Sprecher*innen des Kurmanc&#238; fokussiert. Fest steht, dass sich die Ausgangslage in den drei Herkunftsl&#228;ndern T&#252;rkei, Syrien und Irak unterscheidet: &#220;ber das letzte Jahrhundert hinweg wurde die Sprachpolitik der T&#252;rkei als die repressivste eingestuft (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B38">Hassanpour 2012</xref>), w&#228;hrend die Kurd*innen im Irak offiziell und historisch die meisten sprachlichen Rechte genie&#223;en konnten (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B70">&#214;pengin 2020</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B81">Sheyholislami 2015</xref>). Unterschiede in Abh&#228;ngigkeit vom Herkunftsland k&#246;nnen daher vermutet werden. Die Forschungsfragen der vorliegenden Studie mit den dazugeh&#246;rigen Hypothesen lauten:</p>
<p>1. Wie sind die Spracheinstellungen der Kurdischsprecher*innen der ersten und zweiten Migrationsgeneration in Deutschland ausgepr&#228;gt?</p>
<p>Da davon auszugehen ist, dass der Verwendungsraum des Kurdischen haupts&#228;chlich famili&#228;r ist, kann eine hohe emotionale Bindung zur Sprache angenommen werden. So ist davon auszugehen, dass &#8211; trotz Mangels an gesellschaftlichem Prestige der kurdischen Sprache &#8211; die Kurdischsprecher*innen hohe Werte in der affektiven Komponente der Spracheinstellungen aufweisen, w&#228;hrend die kognitive und die Verhaltenskomponente signifikant niedrigerer ausgepr&#228;gt sind.</p>
<p>2. Unterscheiden sich die in Deutschland lebenden Kurdischsprecher*innen in Abh&#228;ngigkeit von ihrem Herkunftsland in den Spracheinstellungen gegen&#252;ber ihrer Erst- bzw. Herkunftssprache Kurmanc&#238;?</p>
<p>Es wird vermutet, dass die aus der T&#252;rkei stammenden Personen aufgrund der soziopolitischen Voraussetzungen im Herkunftsland signifikant niedrigere Spracheinstellungen gegen&#252;ber dem Kurdischen aufzeigen als die aus dem Irak und aus Syrien stammenden Personen.</p>
<p>3. Unterscheiden sich die in Deutschland lebenden Kurdischsprecher*innen in Abh&#228;ngigkeit von der Migrationsgeneration in den Spracheinstellungen gegen&#252;ber ihrer Erst- bzw. Herkunftssprache Kurmanc&#238;?</p>
<p>Vermutlich besteht &#252;ber die Generationenfolge hinweg ein starker affektiver Bezug zum Kurdischen. Anzunehmen ist, dass sich die erste Migrationsgeneration v.a. in der kognitiven und Verhaltenskomponente der Spracheinstellungen von der zweiten Migrationsgeneration unterscheidet: Erwartet wird eine Abnahme der Verwendungsh&#228;ufigkeit der Sprache in der zweiten Migrationsgeneration.</p>
<p>4. Bestehen die Unterschiede zwischen den Herkunftsl&#228;ndern sowohl in der ersten als auch in der zweiten Migrationsgeneration?</p>
<p>Es ist davon auszugehen, dass Unterschiede in der kognitiven und Verhaltenskomponente haupts&#228;chlich in der ersten Migrationsgeneration sichtbar sind und sich in der zweiten Migrationsgeneration eher angleichen. Vermutlich wirkt sich die sprachliche Diskriminierung aufgrund der politischen Gegebenheiten in den Herkunftsl&#228;ndern der Kurdischsprecher*innen v.a. Ende des 20. Jahrhunderts besonders auf die Sprecher*innen der ersten Migrationsgeneration aus, die selbst direkt davon betroffen waren. In der zweiten Migrationsgeneration wird aufgrund des geografischen Abstandes zu den Herkunftsl&#228;ndern sowie der gemeinsamen gesellschaftlichen Umgebung in Deutschland vermutet, dass sich die Unterschiede zwischen den Einfl&#252;ssen der Herkunftsl&#228;nder eher angleichen.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>3 Methodik</title>
<p>Anhand einer schriftlichen Befragung wurden die Spracheinstellungen zur Erst- bzw. Herkunftssprache Kurmanc&#238; von in Deutschland lebenden Kurd*innen aus verschiedenen Herkunftsl&#228;ndern erhoben. Dazu wurden zun&#228;chst in qualitativen Interviews Hintergrundinformationen f&#252;r die Entwicklung eines passenden Forschungsinstrumentes gesammelt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B23">D&#246;rnyei 2007: 171</xref>). Anhand eines Fragebogens wurden dann Daten erhoben, die im Kontext der Minderheitensprache Kurdisch neue Erkenntnisse &#252;ber Spracheinstellungen generieren sollten.</p>
<sec>
<title>3.1 Durchf&#252;hrung</title>
<p>Die Daten wurden im Rahmen eines Masterarbeitsprojektes erhoben, das teilweise &#228;hnliche Fragestellungen behandelte (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B57">M&#246;ller 2022</xref>). Allerdings wurden dazu nur die Daten der ersten Migrationsgeneration ausgewertet. Die Erkenntnisse zur zweiten Migrationsgeneration sowie generations&#252;bergreifende Fragestellungen im vorliegenden Artikel waren bisher unver&#246;ffentlicht.</p>
<p>Zun&#228;chst wurden drei halb-strukturierte Interviews mit jeweils einer Person aus der t&#252;rkischen, der syrischen und der irakischen Region Kurdistans durchgef&#252;hrt, um die Einstellungen explorativ zu untersuchen. Nachdem anhand der gesammelten Informationen eine Pilotversion des Online-Fragebogens von 33 Soran&#238;-Sprecher*innen ausgef&#252;llt wurde, konnte die finale Version von Juni bis August 2021 per URL an die Teilnehmer*innen der Hauptstudie verteilt werden.</p>
<p>&#220;ber bereits bestehende Kontakte zur kurdischen Sprachgemeinschaft im Ruhrgebiet und Gro&#223;st&#228;dten deutschlandweit wurde die Rekrutierung der Teilnehmer*innen initiiert. Zus&#228;tzlich wurden Internetforen und kurdische Organisationen kontaktiert. Trotz des gro&#223;en Interesses an der Umfrage gelang es bis zum Ende des Befragungszeitraumes nicht, Kurmanc&#238;-Sprecher*innen aus dem Iran zu erreichen. Wenngleich die Stichprobe ausreichend gro&#223; ist (<italic>N</italic> = 296), ist die externe Validit&#228;t der Studie aufgrund der Art der Akquise der Teilnehmer*innen, die keine zuf&#228;llige Stichprobe darstellen, sondern gezielt anhand des Interesses am Thema gefunden wurden, eingeschr&#228;nkt.</p>
</sec>
<sec>
<title>3.2 Erhebungsinstrument</title>
<p>Zur Erhebung der expliziten Spracheinstellungen der Teilnehmer*innen wurde eine schriftliche Befragung mithilfe eines mehrteiligen Fragebogens auf der Online-Plattform LimeSurvey durchgef&#252;hrt. Dieser enthielt 47 Multiple- und Single-Choice sowie Likert-Items, die an verschiedenen bereits bestehenden Messinstrumenten aus der Spracheinstellungs- und Minderheitensprachenforschung angelehnt wurden, die f&#252;r die vorliegenden Fragestellungen als besonders geeignet empfunden wurden. Die Bearbeitung dauerte ca. 10 Minuten.</p>
<p>Zun&#228;chst wurden (sprach-)biographische Daten wie die gesprochene Variet&#228;t des Kurdischen, der aktuelle Wohnort und die Herkunftsregion erhoben, um die gew&#252;nschte Zielgruppe zu identifizieren. Zus&#228;tzlich wurden die Teilnehmer*innen der Studie zu einer Selbsteinsch&#228;tzung ihrer Sprachkenntnisse im Kurdischen aufgefordert. Dies ist eine &#246;konomische Variante, die sowohl passive als auch gut ausgebaute Sprachkenntnisse gleicherma&#223;en abzubilden, deren Zusammenhang mit den tats&#228;chlichen Sprachkompetenzen nachgewiesen werden konnte (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B46">Kondo-Brown 2005: 567</xref>).</p>
<p>Die Fragen zur Erhebung der Spracheinstellungen sind teilweise an den von Achterberg (<xref ref-type="bibr" rid="B1">2005</xref>) entwickelten Fragen aus der Studie &#8222;Zur Vitalit&#228;t slavischer Idiome in Deutschland&#8220; angelehnt, die f&#252;r Sprecher*innen von Minderheitensprachen im Migrationskontext konzipiert und bereits in einer &#228;hnlichen Studie von Anstatt (<xref ref-type="bibr" rid="B8">2017</xref>) im Zusammenhang mit der Messung der Spracheinstellungen russischsprachiger Jugendlicher verwendet wurden. Alle Items wurden jeweils einer Komponente der Spracheinstellungen nach Garrett (<xref ref-type="bibr" rid="B28">2010</xref>) zugeordnet. Zus&#228;tzlich wurde die von Kasap (<xref ref-type="bibr" rid="B43">2020</xref>) entwickelte <italic>Mother Tongue Attitude Scale</italic> (kurz: MTAS) verwendet, die aufgrund der Aufteilung der Spracheinstellungen in drei Komponenten nach Garrett (<xref ref-type="bibr" rid="B28">2010</xref>) besonders geeignet schien. Kasap weist anhand einer konfirmatorischen Faktorenanalyse nach, dass mithilfe der MTAS die Spracheinstellungen von Individuen gegen&#252;ber ihrer Erstsprache bestimmt werden k&#246;nnen (<xref ref-type="bibr" rid="B43">2020: 117</xref>). Die Skala, aus der sich eine Gesamtskala sowie drei Subskalen<sup><xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref></sup> bilden lassen, wurde ins Deutsche &#252;bersetzt<sup><xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref></sup> und angepasst. Von den urspr&#252;nglichen f&#252;r allochthone Minderheitensprachen entwickelten Items<sup><xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref></sup> wurden 9 Items ausgew&#228;hlt, die sich auf autochthone Minderheitensprachen &#252;bertragen lie&#223;en. Die neue MTAS erreichte in der Gesamtskala ein Cronbachs Alpha von 0,85 sowie f&#252;r die Subskalen jeweils ein ausreichendes Cronbachs Alpha von &#252;ber 0,6<sup><xref ref-type="fn" rid="n5">5</xref></sup> (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B23">D&#246;rnyei 2007: 207</xref>). F&#252;r die untersuchte Stichprobe stellt die modifizierte MTAS also ein verl&#228;ssliches Erhebungsinstrument der Spracheinstellungen dar.</p>
</sec>
<sec>
<title>3.3 Stichprobe</title>
<p>Es nahmen 303 Kurmanc&#238;-Sprecher*innen an der Umfrage teil. Von diesen wurden sieben Personen aufgrund fehlender Angaben ausgeschlossen. Die hier untersuchte Stichprobe umfasst somit 296 kurdischsprachige Personen in Deutschland zwischen 18 und 35 Jahren (<italic>M</italic> = 28,41, <italic>SD</italic> = 5,05), von denen sich 52,4 % dem weiblichen und 47,0 % dem m&#228;nnlichen Geschlecht zuordnen. Eine Person befindet sich au&#223;erhalb der bin&#228;ren Geschlechterzuordnung. Die Stichprobe besteht aus Teilnehmer*innen der ersten und zweiten Migrationsgeneration, deren Herkunftsl&#228;nder die T&#252;rkei, Syrien und Irak sind.</p>
<p>Die wichtigsten Daten der in die drei nach Herkunftsland aufgeteilten Gruppen sind in <xref ref-type="table" rid="T1">Tab. 1</xref> zusammengefasst. Zur Unterscheidung der drei Gruppen werden dabei die kurdischen Regionsbezeichnung verwendet. Die Anzahl der Teilnehmer*innen in den Gruppen konnte nicht stabil gehalten werden. Ba&#351;u&#770;r ist mit Abstand die kleinste Gruppe.</p>
<table-wrap id="T1">
<caption>
<p>Tab. 1: &#220;bersicht &#252;ber die Aufteilung der Gruppen nach Herkunftsl&#228;ndern</p>
</caption>
<table>
<thead>
<tr>
<td align="left" valign="top"><bold>Gruppe</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold><italic>N</italic></bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>Migrationsgeneration</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>Alter (<italic>M</italic>)</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>Geschlechteraufteilung</bold></td>
</tr>
</thead>
<tbody>
<tr>
<td align="left" valign="top"><bold>Bakur</bold><break/>(T&#252;rkei)</td>
<td align="left" valign="top">160</td>
<td align="left" valign="top">1 = 31,88 %<break/>2 = 68,12 %</td>
<td align="left" valign="top">28,57<break/>(<italic>SD</italic> = 5,01)</td>
<td align="left" valign="top">w = 58,1 %<break/>m = 41,5 %</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><bold>Rojava</bold><break/>(Syrien)</td>
<td align="left" valign="top">117</td>
<td align="left" valign="top">1 = 79,49 %<break/>2 = 20,51 %</td>
<td align="left" valign="top">28,67<break/>(<italic>SD</italic> = 4,72)</td>
<td align="left" valign="top">w = 42,7 %<break/>m = 57,3 %</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><bold>Ba&#351;u&#770;r</bold><break/>(Irak)</td>
<td align="left" valign="top">19</td>
<td align="left" valign="top">1 = 63,16 %<break/>2 = 36,48 %</td>
<td align="left" valign="top">25,42<break/>(<italic>SD</italic> = 6,48)</td>
<td align="left" valign="top">w = 63,2 %<break/>m = 31,6 %<break/>* = 5,3 %</td>
</tr>
</tbody>
</table>
</table-wrap>
<p>Insgesamt geh&#246;ren 156 Teilnehmer*innen (52,7 %) der ersten Migrationsgeneration und 140 Teilnehmer*innen der zweiten Migrationsgeneration (47,3 %) an. Das durchschnittliche Alter ist mit 29,99 (<italic>SD</italic> 5,00) in der ersten und 26,64 (<italic>SD</italic> 4,49) in der zweiten Generation relativ &#228;hnlich.</p>
</sec>
<sec>
<title>3.4 Analysemethodik</title>
<p>Die Auswertung der Daten erfolgte in mehreren Schritten. Zur besseren Interpretation der Daten zur Selbsteinsch&#228;tzung der Sprachkompetenzen wurden trotz ihrer Ordinalskaliertheit Mittelwerte und Standardabweichung angegeben. Zudem wurden die Korrelationen zwischen dem erreichten MTAS-Mittelwert und den selbsteingesch&#228;tzten Sprachkompetenzen in den vier Modalit&#228;ten anhand des Spearman-Rho-Korrelationskoeffizienten ermittelt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B4">Albert/Marx 2016: 134</xref>).</p>
<p>Die Mittelwerte der MTAS wurden als metrische Daten behandelt, w&#228;hrend die einzelnen Likert-Items ordinalskaliert sind.<sup><xref ref-type="fn" rid="n6">6</xref></sup> Alle Items der MTAS wurden f&#252;r die Analyse so kodiert, dass ein hoher Wert auch einer positiven Einstellung gegen&#252;ber dem Kurmanc&#238; entspricht. Zur &#220;berpr&#252;fung eines signifikanten Unterschieds der Auspr&#228;gung der Mittelwerte in den drei Subskalen wurde eine zweifaktorielle Varianzanalyse f&#252;r R&#228;nge nach Friedman bei verbundenen Stichproben mit anschlie&#223;enden paarweisen Vergleichen durchgef&#252;hrt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B80">Sheldon/&#8203;Fillyaw/&#8203;Thompson 1996: 222</xref>). F&#252;r einen Vergleich der Ergebnisse zwischen den Gruppen wurden diese zun&#228;chst anhand des Levene-Tests auf Varianzhomogenit&#228;t &#252;berpr&#252;ft. Die Mittelwerte in der MTAS wurden dann anhand einer einfaktoriellen Varianzanalyse (ANOVA bei Varianzgleichheit und Welch-Test bei Varianzungleichheit) auf signifikante Unterschiede bei getestet (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B23">D&#246;rnyei 2007: 218</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B56">Mende&#351;/&#8203;Akkartal 2010: 715</xref>).</p>
<p>Zur deskriptiven Analyse der ordinalskalierten sowie nominalskalierten Items wurden H&#228;ufigkeiten und Prozentr&#228;nge ermittelt. Zur Pr&#252;fung der signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen wurden f&#252;r die ordinalskalierten Items Kruskal-Wallis-Tests mit anschlie&#223;enden Dunn-Bonferroni-Tests durchgef&#252;hrt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B21">Dinno 2015: 293</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B74">Reid 2013: 491</xref>). F&#252;r die nominalskalierten Items wurde anhand von Chi-Quadrat-Tests (Monte-Carlo-Simulationen bei erwarteten Zellh&#228;ufigkeiten kleiner als 5) mit anschlie&#223;enden Bonferroni-Holm-Tests (<xref ref-type="bibr" rid="B79">Shaffer 1995: 569</xref>) jeweils &#252;berpr&#252;ft, ob signifikante Zusammenh&#228;nge mit den Variablen Herkunftsregion oder Migrationsgeneration bestehen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B4">Albert/Marx 2016: 138</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B39">Hemmerich 2018</xref>).</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>4 Ergebnisse</title>
<sec>
<title>4.1 Selbsteingesch&#228;tzte Sprachkompetenzen im Kurmanc&#238;</title>
<p><xref ref-type="table" rid="T2">Tab. 2</xref> zeigt die mit Werten von 1 (&#8222;geringe Kenntnisse&#8220;) bis 5 (&#8222;sehr gute Kenntnisse&#8220;) selbsteingesch&#228;tzten Sprachkompetenzen in vier Modalit&#228;ten. Die Teilnehmer*innen sch&#228;tzen ihre Kompetenzen im H&#246;rverstehen mit 4,07 am h&#246;chsten ein. Am geringsten werden die Kompetenzen im Schreiben mit 3,16 eingesch&#228;tzt. Die Standardabweichung ist mit &#252;ber 1,00 in allen vier Modalit&#228;ten relativ hoch. In der ersten Migrationsgeneration sind die selbsteingesch&#228;tzten Kompetenzen in allen Modalit&#228;ten signifikant h&#246;her<sup><xref ref-type="fn" rid="n7">7</xref></sup> als in der zweiten Migrationsgeneration, jeweils mit kleiner (&lt; 0,3) oder mittlerer (0,3 &#8211; 0.5) Effektst&#228;rke.</p>
<table-wrap id="T2">
<caption>
<p>Tab. 2: Selbsteingesch&#228;tzte Sprachkompetenzen im Kurmanc&#238;</p>
</caption>
<table>
<thead>
<tr>
<td align="left" valign="top"><bold>Modalit&#228;t</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold><italic>N</italic></bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold><italic>M</italic></bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold><italic>SD</italic></bold></td>
</tr>
</thead>
<tbody>
<tr>
<td align="left" valign="top">H&#246;rverstehen</td>
<td align="left" valign="top">294</td>
<td align="left" valign="top">4,07</td>
<td align="left" valign="top">1,18</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Sprechen</td>
<td align="left" valign="top">295</td>
<td align="left" valign="top">3,71</td>
<td align="left" valign="top">1,15</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Lesen</td>
<td align="left" valign="top">293</td>
<td align="left" valign="top">3,51</td>
<td align="left" valign="top">1,23</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Schreiben</td>
<td align="left" valign="top">293</td>
<td align="left" valign="top">3,16</td>
<td align="left" valign="top">1,33</td>
</tr>
</tbody>
</table>
</table-wrap>
<p>Die Selbsteinsch&#228;tzungen in den vier Modalit&#228;ten der Sprachkompetenzen weisen jeweils eine positive Korrelation mit dem erreichten Mittelwert der MTAS auf: Dabei ist der h&#246;chste Korrelationskoeffizient in der Modalit&#228;t Sprechen mit einer starken positiven Korrelation zu finden (<italic>Spearmans &#961;</italic> = 0,584, <italic>p</italic> &lt; 0,001). Die anderen drei Modalit&#228;ten weisen jeweils eine moderate positive Korrelation mit den Mittelwerten in der MTAS-Gesamtskala auf.<sup><xref ref-type="fn" rid="n8">8</xref></sup></p>
<p>In den nach Herkunftsland aufgeteilten Gruppen weist die Gruppe Ba&#351;u&#770;r durchg&#228;ngig die h&#246;chsten Werte auf, w&#228;hrend die Gruppe Bakur die Sprachkompetenzen in den Modalit&#228;ten H&#246;rverstehen, Sprechen und Lesen am niedrigsten bewertet (siehe <xref ref-type="table" rid="T3">Tab. 3</xref>). Kruskal-Wallis-Tests zeigen, dass die Variable Herkunftsland in der Gesamtstichprobe einen signifikanten Einfluss auf die Modalit&#228;ten H&#246;rverstehen (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic>(2) = 8,990, <italic>p</italic> = 0,011) und Sprechen (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic>(2) = 12,312, <italic>p</italic> = 0,002) nimmt. Anschlie&#223;end durchgef&#252;hrte Post-hoc-Tests (Dunn-Bonferroni-Tests) zeigen, dass sich in beiden Modalit&#228;ten die Gruppen Bakur und Rojava voneinander signifikant mit schwachen Effektst&#228;rken unterscheiden.<sup><xref ref-type="fn" rid="n9">9</xref></sup> Dabei sind die Mittelwerte in der Gruppe Rojava signifikant h&#246;her als die der Gruppe Bakur.</p>
<table-wrap id="T3">
<caption>
<p>Tab. 3: Selbsteinsch&#228;tzung der Sprachkompetenzen der Gesamtstichprobe im Vergleich</p>
</caption>
<table>
<thead>
<tr>
<td align="left" valign="top" rowspan="2"></td>
<td align="center" valign="top" colspan="2"><bold>Bakur (<italic>n</italic> = 160)</bold></td>
<td align="center" valign="top" colspan="2"><bold>Rojava (<italic>n</italic> = 116)</bold></td>
<td align="center" valign="top" colspan="2"><bold>Ba&#351;&#251;r (<italic>n</italic> = 19)</bold></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><bold><italic>M</italic></bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold><italic>SD</italic></bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold><italic>M</italic></bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold><italic>SD</italic></bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold><italic>M</italic></bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold><italic>SD</italic></bold></td>
</tr>
</thead>
<tbody>
<tr>
<td align="left" valign="top">H&#246;rverstehen</td>
<td align="left" valign="top">3,90</td>
<td align="left" valign="top">1,22</td>
<td align="left" valign="top">4,25</td>
<td align="left" valign="top">1,13</td>
<td align="left" valign="top">4,42</td>
<td align="left" valign="top">0,84</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Sprechen</td>
<td align="left" valign="top">3,81</td>
<td align="left" valign="top">1,20</td>
<td align="left" valign="top">3,96</td>
<td align="left" valign="top">1,07</td>
<td align="left" valign="top">4,05</td>
<td align="left" valign="top">0,85</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Lesen</td>
<td align="left" valign="top">3,39</td>
<td align="left" valign="top">1,26</td>
<td align="left" valign="top">3,60</td>
<td align="left" valign="top">1,18</td>
<td align="left" valign="top">4,00</td>
<td align="left" valign="top">1,16</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Schreiben</td>
<td align="left" valign="top">3,13</td>
<td align="left" valign="top">1,34</td>
<td align="left" valign="top">3,11</td>
<td align="left" valign="top">1,30</td>
<td align="left" valign="top">3,78</td>
<td align="left" valign="top">1,35</td>
</tr>
</tbody>
</table>
</table-wrap>
<p>Zus&#228;tzlich geben 43,9 % der Gesamtstichprobe an, mit ihren eigenen Sprachkenntnissen im Kurmanc&#238; zufrieden zu sein. In der ersten Migrationsgeneration ist die Zufriedenheit dabei mit 52,3 % h&#246;her als in der zweiten Migrationsgeneration mit 36,5 %. Ein Chi-Quadrat-Test zeigt, dass ein signifikanter Zusammenhang zwischen der Variable Migrationsgeneration und der Zufriedenheit mit den eigenen Sprachkenntnissen mit einem kleinen Effekt vorliegt (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic>(1) = 7,288, <italic>p</italic> = 0,007, <italic>Cramer-V</italic> = 0,159).</p>
</sec>
<sec>
<title>4.2 Spracheinstellungen der kurdischen Diaspora</title>
<p>Einen Gesamt&#252;berblick &#252;ber die Spracheinstellungen der Stichprobe (<italic>N</italic> = 296) geben die in der MTAS erreichten Mittelwerte. Der Mittelwert der Gesamtstichprobe liegt bei 4,16 (<italic>SD</italic> = 0,78). In den drei Subskalen der einzelnen Komponenten liegen die Mittelwerte bei 4,67 (<italic>SD</italic> = 0,77) in der affektiven Komponente, 4,06 (<italic>SD</italic> = 0,97) in der kognitiven Komponente und 3,78 (<italic>SD</italic> = 1,12) in der Verhaltenskomponente (siehe <xref ref-type="fig" rid="F1">Abb. 1</xref>). Ein Friedman-Test zeigt signifikante Unterschiede zwischen den Komponenten an (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic>(2) = 190,794, <italic>p</italic> &lt; 0,001, <italic>N</italic> = 296), die in den darauffolgenden Dunn-Bonferroni-Tests allerdings nicht durch bedeutsame Effektst&#228;rken best&#228;tigt werden k&#246;nnen. Innerhalb der ersten und der zweiten Migrationsgeneration gilt ebenfalls: In der affektiven Komponente werden die h&#246;chsten Werte erreicht, aber die Unterschiede, die in einem Friedman-Test angezeigt werden, k&#246;nnen nicht durch bedeutsame Effektst&#228;rken in den Post-hoc-Tests nachgewiesen werden.</p>
<fig id="F1">
<caption>
<p>Abb. 1: Mittelwerte der MTAS-Subskalen der Gesamtstichprobe</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="zif-3666_moller-g1.png"/>
</fig>
<p>Wird der Mittelwert der Gesamtskala zwischen den nach Herkunftsland eingeteilten Gruppen verglichen, erreicht die Gruppe Rojava (<italic>n</italic> = 117) mit 4,43 (<italic>SD</italic> = 0,97) den h&#246;chsten Mittelwert, w&#228;hrend der Mittelwert der Gruppe Ba&#351;&#251;r (<italic>n</italic> = 19) bei 4,20 (<italic>SD</italic> = 1,12) und der Mittelwert der Gruppe Bakur (<italic>n</italic> = 160) bei 3,97 (<italic>SD</italic> = 0,77) liegt. Aufgrund fehlender Varianzhomogenit&#228;t (<italic>p</italic> = 0,012), ist eine Welch-ANOVA durchgef&#252;hrt worden, die anzeigt, dass es signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen gibt (<italic>F</italic>(2) = 12,706, <italic>p</italic> &lt; 0,001). Im Games-Howell-Test ist zu sehen, dass der Mittelwert der Gruppe Rojava signifikant h&#246;her ist als der Mittelwert der Gruppe Bakur (<italic>z</italic> = &#8211;0,461, <italic>p</italic> &lt; 0,001). Da auch signifikante Unterschiede zwischen den Geschlechtern<sup><xref ref-type="fn" rid="n10">10</xref></sup> sowie zwischen den Migrationsgenerationen<sup><xref ref-type="fn" rid="n11">11</xref></sup> zu finden sind, ist das oben berichtete Ergebnis mit einer Quade nonparametric ANCOVA kontrolliert worden (<italic>F</italic>(2) = 3,180, <italic>p</italic> = 0,043). Nach Bereinigung um die Variablen Geschlecht und Migrationsgeneration unterscheiden sich die Gruppen Rojava und Bakur weiterhin signifikant (<italic>t</italic>(292) = &#8211;2,348, <italic>p</italic> = 0,020) mit einer mittleren Effektst&#228;rke (<italic>d</italic> = 0,66).</p>
<fig id="F2">
<caption>
<p>Abb. 2. Mittelwerte der MTAS-Gesamtskala im Vergleich zwischen den Herkunftsl&#228;ndern</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="zif-3666_moller-g2.png"/>
</fig>
<p>Auch innerhalb der ersten<sup><xref ref-type="fn" rid="n12">12</xref></sup> und innerhalb der zweiten<sup><xref ref-type="fn" rid="n13">13</xref></sup> Migrationsgeneration ist der von der Gruppe Rojava erreichte Mittelwert der MTAS-Gesamtskala am h&#246;chsten, w&#228;hrend die Gruppe Bakur den niedrigsten Wert erreicht. In beiden F&#228;llen lassen sich allerdings anhand einer Welch-ANOVA keine signifikanten Unterschiede feststellen.<sup><xref ref-type="fn" rid="n14">14</xref></sup></p>
<sec>
<title>4.2.1 Vergleich der affektiven Komponente</title>
<p>In der affektiven Komponente liegt der Mittelwert der MTAS-Subskala in der Gruppe Rojava (<italic>n</italic> = 117) bei 4,78 (<italic>SD</italic> = 0,65) und in den Gruppen Bakur (<italic>n</italic> = 160) und Ba&#351;&#251;r (<italic>n</italic> = 19) bei 4,60 (<italic>SD</italic> = 0,85; <italic>SD</italic> = 0,71). Da nach einem Levene-Test keine Varianzhomogenit&#228;t der Gruppen angenommen werden darf (<italic>p</italic> = 0,002), ist eine Welch-ANOVA durchgef&#252;hrt worden. Diese zeigt an, dass es keine signifikanten Unterschiede in den Mittelwerten der MTAS-Subskala zur affektiven Komponente zwischen den drei Gruppen gibt (<italic>F</italic>(2) = 2,274, <italic>p</italic> = 0,113). Auch zwischen den Mittelwerten 4,66 (<italic>SD</italic> = 0,81) in der ersten und 4,68 (<italic>SD</italic> = 0,74) in der zweiten Migrationsgeneration sind keine signifikanten Unterschiede festgestellt worden (<italic>t</italic>(294) = &#8211;0,206, <italic>p</italic> = 0,837).</p>
<p>Fast der gesamten Stichprobe (91,3 %) ist es wichtig, gut Kurmanc&#238; sprechen zu k&#246;nnen. Es sind dabei keine signifikanten Unterschiede zwischen den nach Herkunftsland eingeteilten Gruppen (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic>(2) = 3,463, <italic>p</italic> = 0,177) oder den Migrationsgenerationen (<italic>U</italic> = 9985,5, <italic>Z</italic> = &#8211;0,844, <italic>p</italic> = 0,399) erkennbar.</p>
<p>Es geben 96,3 % der Gesamtstichprobe<sup><xref ref-type="fn" rid="n15">15</xref></sup> Kurmanc&#238; (allein oder in Kombination mit weiteren Sprachen) als ihre &#8222;Muttersprache&#8220;<sup><xref ref-type="fn" rid="n16">16</xref></sup> an. Zwischen den Herkunftsl&#228;ndern gibt es weder in der Gesamtstichprobe noch in den beiden Migrationsgenerationen signifikante Unterschiede.</p>
<table-wrap id="T4">
<caption>
<p>Tab. 4: &#8218;Muttersprachen&#8216; der Gesamtstichprobe (N = 296)</p>
</caption>
<table>
<thead>
<tr>
<td align="left" valign="top"></td>
<td align="left" valign="top"><bold>H&#228;ufigkeit</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>Prozent</bold></td>
</tr>
</thead>
<tbody>
<tr>
<td align="left" valign="top">Kurmanc&#238;</td>
<td align="left" valign="top">170</td>
<td align="left" valign="top">57,4</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Kurmanc&#238; + weitere Sprache(n)</td>
<td align="left" valign="top">115</td>
<td align="left" valign="top">38,9</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Offizielle Sprache des Herkunftslandes</td>
<td align="left" valign="top">7</td>
<td align="left" valign="top">2,4</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Deutsch</td>
<td align="left" valign="top">4</td>
<td align="left" valign="top">1,4</td>
</tr>
</tbody>
</table>
</table-wrap>
<p>In der ersten Migrationsgeneration wird Kurmanc&#238; mit 66,0 % h&#228;ufiger als alleinige &#8222;Muttersprache&#8220; bezeichnet als in der zweiten Migrationsgeneration mit 47,9 %. Dagegen wird in der zweiten Migrationsgeneration h&#228;ufiger Kurmanc&#238; noch mit einer oder mehreren weiteren Sprache(n) genannt. Der Zusammenhang zwischen der Migrationsgeneration und der Angabe der &#8222;Muttersprache&#8220; ist anhand eines Chi-Quadrat-Tests (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic>(3) = 13,454, <italic>p</italic> = 0,002) mit einem schwachen Effekt (<italic>Cramer-V</italic> = 0,213) best&#228;tigt worden.</p>
<p>Kurmanc&#238; wird von 54,4 % der Gesamtstichprobe als wichtigste Sprache bezeichnet. Darauf folgt Deutsch mit 36,2 %. Zwischen den Herkunftsl&#228;ndern gibt es keine signifikanten Unterschiede. In der ersten Migrationsgeneration geben 67,3 % Kurmanc&#238; als ihre wichtigste Sprache an und 20,7 Prozent nennen Deutsch. In der zweiten Migrationsgeneration verschiebt sich die Gewichtung: 40,1 % sehen Kurmanc&#238; als ihre wichtigste Sprache an, w&#228;hrend 53,3 % Deutsch angeben. Der Zusammenhang zwischen der Migrationsgeneration und der Wahl der wichtigsten Sprache ist in einem Chi-Quadrat-Test (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic>(1) = 21,332, <italic>p</italic> &lt; 0,001) mit einem schwachen Effekt (<italic>Cramer-V</italic> = 0.273) best&#228;tigt worden.</p>
<p>96,3 % der Gesamtstichprobe geben an, dass sie m&#246;chten, dass ihre Kinder auch einmal Kurmanc&#238; sprechen k&#246;nnen. Nur eine Person (Gruppe Bakur der ersten Migrationsgeneration) verneint dies. Zwischen den Herkunftsl&#228;ndern und Migrationsgenerationen bestehen keine signifikanten Unterschiede.</p>
<p>23,4 % der Teilnehmer*innen geben an, dass es ihnen schon einmal unangenehm war, in der &#214;ffentlichkeit Kurmanc&#238; zu sprechen. Der niedrigste Wert ist hier in der Gruppe Ba&#351;u&#770;r zu finden (5,9 %), w&#228;hrend die Gruppen Bakur mit 22,8 % und Rojava mit 27,1 % dies etwas h&#228;ufiger angeben. Ein Chi-Quadrat-Test zeigt jedoch, dass es keinen signifikanten Zusammenhang zwischen der Variable Herkunftsland und dem Unwohlsein, in der &#214;ffentlichkeit Kurmanc&#238; zu sprechen, gibt (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic>(4) = 4,496, <italic>p</italic> = 3,19). Trotzdem ist festzuhalten, dass die Gruppe Ba&#351;u&#770;r in der ersten Migrationsgeneration als einzige Gruppe zu 100 % mit &#8222;nein&#8220; antwortet.</p>
</sec>
<sec>
<title>4.2.2 Vergleich der kognitiven Komponente</title>
<p>Wird die MTAS-Subskala zur kognitiven Komponente zwischen den nach Herkunftsland eingeteilten Gruppen verglichen, erreicht die Gruppe Rojava (<italic>n</italic> = 117) mit 4,30 (<italic>SD</italic> = 0,88) den h&#246;chsten Mittelwert, w&#228;hrend der Mittelwert der Gruppe Ba&#351;&#251;r (<italic>n</italic> = 19) bei 4,19 (<italic>SD</italic> = 0,76) und der Mittelwert der Gruppe Bakur (<italic>n</italic> = 160) bei 3,87 (<italic>SD</italic> = 1,02) liegt. Eine Welch-ANOVA zeigt an, dass es signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen gibt (<italic>F</italic>(2) = 7,422, <italic>p</italic> = 0,001). Im Games-Howell-Test ist der Mittelwert der Gruppe Rojava signifikant h&#246;her als der Mittelwert der Gruppe Bakur (<italic>z</italic> = &#8211;0,438, <italic>p</italic> &lt; 0,001). Da auch signifikante Unterschiede zwischen den Migrationsgenerationen<sup><xref ref-type="fn" rid="n17">17</xref></sup> zu finden sind, ist das oben berichtete Ergebnis mit einer Quade nonparametric ANCOVA kontrolliert worden (<italic>F</italic>(2) = 1,373, <italic>p</italic> = 0,255), die keine Signifikanzen angezeigt hat. Die Unterschiede zwischen den Migrationsgenerationen sind anhand eines t-Tests &#252;berpr&#252;ft worden (<italic>t</italic>(294) = 4,698, <italic>p</italic> &lt; 0,001). Dieser zeigt an, dass der Mittelwert der MTAS-Subskala zur kognitiven Komponente in der ersten Migrationsgeneration mit 4,30 (<italic>SD</italic> = 0,93) signifikant h&#246;her ist als in der zweiten Migrationsgeneration mit 3,79 (<italic>SD</italic> = 0,95). Hierbei handelt es sich mit einem Cohens <italic>d</italic> von 0,94 um einen starken Effekt.</p>
<p>Ein signifikanter Unterschied zwischen den nach Herkunftsland eingeteilten Gruppen liegt in der Beurteilung vor, ob es den Eltern wichtig ist/war, dass die Teilnehmer*innen gut Kurmanc&#238; sprechen (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic>(2) = 13,897, <italic>p</italic> &lt; 0,001). Die Gruppe Rojava bewertet dabei die Wichtigkeit der Kurmanc&#238;-Kenntnisse f&#252;r die Eltern signifikant h&#246;her als dies in der Gruppe Bakur der Fall ist (<italic>z</italic> = &#8211;3,696, <italic>p</italic> = 0,001, <italic>r</italic> = 0,22).</p>
<fig id="F3">
<caption>
<p>Abb. 3: Wichtigkeit der Kurmanc&#238;-Kenntnisse f&#252;r Eltern (Gesamtstichprobe im Vergleich nach Herkunftsland)</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="zif-3666_moller-g3.png"/>
</fig>
<p>In den Ergebnissen der ersten Migrationsgeneration best&#228;tigen in der Gruppe Rojava (<italic>n</italic> = 93) 76,3 % und in der Gruppe Ba&#351;u&#770;r (<italic>n</italic> = 12) 91,7 %, dass den Eltern die Sprachkompetenzen im Kurmanci&#770; sehr wichtig sind bzw. waren. Ein Drittel der Gruppe Bakur (<italic>n</italic> = 51) gibt an, &#8222;eher nicht&#8220; oder &#8222;gar nicht&#8220; zuzustimmen. Ein Kruskal-Wallis-Test zeigt, dass die Wichtigkeit gut Kurmanc&#238; zu sprechen f&#252;r die Eltern durch die Zugeh&#246;rigkeit zum Herkunftsland beeinflusst wird (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic>(2) = 24,63, <italic>p</italic> &lt; 0,001, <italic>&#951;<sup>2</sup></italic> = 0,148). Anschlie&#223;end durchgef&#252;hrte Dunn-Bonferroni-Tests zeigen, dass sich die Gruppe Bakur signifikant von der Gruppe Rojava (<italic>z</italic> = &#8211;4,52, <italic>p</italic> &lt; 0,001, <italic>d</italic> = 0,78) und von der Gruppe Ba&#351;&#251;r (<italic>z</italic> = &#8211;3,51, <italic>p</italic> &lt; 0,001, <italic>d</italic> = 0,59) mit einem jeweils mittleren Effekt unterscheidet. Diese Unterschiede sind in der zweiten Migrationsgeneration nicht vorhanden: Jeweils &#252;ber die H&#228;lfte der Teilnehmer*innen in allen drei nach Herkunftsland eingeteilten Gruppen stimmt hier zu oder voll zu (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic>(2) = 3,461, <italic>p</italic> = 0,177).</p>
<p>Das Ansehen im Herkunftsland (siehe <xref ref-type="fig" rid="F4">Abb. 4</xref>) unterscheidet sich in der Gesamtstichprobe zwischen den nach Herkunftsl&#228;ndern eingeteilten Gruppen signifikant (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic>(2) = 46,49, <italic>p</italic> &lt; 0,001). Dabei gibt die Gruppe Ba&#351;&#251;r das h&#246;chste Ansehen im Herkunftsland an und unterscheidet sich mit einem mittleren Effekt (<italic>r</italic> = 0,41) von der Gruppe Bakur (<italic>z</italic> = 5,215, <italic>p</italic> = 0,000) und mit einem kleinen Effekt (<italic>r</italic> = 0,22) von der Gruppe Rojava (<italic>z</italic> = 2,473, <italic>p</italic> = 0,04). Zus&#228;tzlich unterscheidet sich die Gruppe Bakur, die das Ansehen im Herkunftsland am niedrigsten einsch&#228;tzt, mit einem mittleren Effekt (<italic>r</italic> = 0,34) signifikant von der Gruppe Rojava (<italic>z</italic> = &#8211;5,389, <italic>p</italic> = 0,000).</p>
<fig id="F4">
<caption>
<p>Abb. 4: Ansehen des Kurdischen in den Herkunftsl&#228;ndern im Vergleich, Ergebnisse der Gesamtstichprobe, Angaben in Prozent</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="zif-3666_moller-g4.png"/>
</fig>
<p>Innerhalb der ersten Generation schreiben 70 % der Gruppe Ba&#351;&#251;r (<italic>n</italic> = 10) dem Kurmanc&#238; in ihrem Herkunftsland ein hohes oder eher hohes Ansehen zu, w&#228;hrend dies nur knapp ein Drittel (32,9 %) der Teilnehmer*innen aus Rojava (<italic>n</italic> = 82) tut. Zwei Drittel (65,9 %) der Gruppe Bakur (<italic>n</italic> = 44) gibt ein eher geringes oder geringes Ansehen des Kurmanc&#238; in ihrem Herkunftsland an. Ein Kruskal-Wallis-Test zeigt, dass das wahrgenommene Ansehen des Kurmanc&#238; im Herkunftsland sich zwischen den drei Gruppen signifikant unterscheidet (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic>(2) = 17,54, <italic>p</italic> &lt; 0,001, <italic>&#951;<sup>2</sup></italic> = 0,10). Anschlie&#223;end durchgef&#252;hrte Post-hoc-Tests (Dunn-Bonferroni-Tests) zeigen, dass sich die Gruppe Bakur jeweils signifikant von der Gruppe Rojava (<italic>z</italic> = &#8211;3,35, <italic>p</italic> &lt; 0,001, <italic>d</italic> = 0,58) und von der Gruppe Ba&#351;&#251;r (<italic>z</italic> = &#8211;3,52, <italic>p</italic> &lt; 0,001, <italic>d</italic> = 0,59) unterscheidet. Diese Unterschiede zeigen sich anhand eines Kruskal-Wallis-Tests weiter in der zweiten Migrationsgeneration (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic>(2) = 11,746, <italic>p</italic> = 0,003). Zwischen der Gruppe Bakur und Ba&#351;u&#770;r (<italic>z</italic> = &#8211;3,059, <italic>p</italic> = 0,007) liegt mit <italic>r</italic> = &#8211;0,77 ein starker Effekt vor. Dabei bewertet die Gruppe Bakur das Ansehen im Herkunftsland am geringsten, w&#228;hrend die Gruppe Ba&#351;u&#770;r es weiter als am h&#246;chsten einsch&#228;tzt.</p>
<p>Ein Unterschied, der nur in der ersten Migrationsgeneration signifikant ist, sind die wahrgenommenen Vorteile durch Kurmanc&#238;-Kenntnisse. W&#228;hrend in den Gruppen Bakur (<italic>n</italic> = 47) und Rojava (<italic>n</italic> = 88) jeweils knapp &#252;ber die H&#228;lfte zustimmen, tun dies in der Gruppe Ba&#351;u&#770;r (<italic>n</italic> = 11) 90,9 %. Das Ergebnis der Monte-Carlo Simulation der p-Werte mit 10.000 Wiederholungen, um den Zusammenhang zwischen der Herkunftsregion und der Wahrnehmung der Vorteile im Herkunftsland zu &#252;berpr&#252;fen, ist signifikant (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic> = 15,62, <italic>p</italic> &lt; 0,001). Anschlie&#223;ende Post-hoc-Tests (Bonferroni-Holm-Korrektur) ergeben, dass sich die Gruppe Ba&#351;u&#770;r signifikant von der Gruppe Bakur (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic> = 15,62, <italic>p<sub>1</sub></italic> &lt; 0,001) und der Gruppe Rojava (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic> = 22,66, <italic>p</italic> &lt; 0,001) unterscheidet. In beiden F&#228;llen handelt es sich mit <italic>V</italic> = 0,37 und <italic>V</italic> = 0,34 um einen mittleren Effekt.</p>
<p>Situationen, in denen besser nicht Kurmanc&#238; gesprochen werden sollte, werden in der Gesamtstichprobe von den nach Herkunftsland eingeteilten Gruppen signifikant unterschiedlich wahrgenommen (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic>(4) = 14,924, <italic>p</italic> = 0,006). Dabei handelt es sich mit <italic>Cramer-V</italic> = 0,163 um einen schwachen Effekt, bei dem die Gruppe Bakur diese Situationen mit 51,0 % am h&#228;ufigsten und die Gruppe Ba&#351;u&#770;r mit 22,2 % am geringsten wahrnimmt.</p>
<p>Innerhalb der ersten Generation k&#246;nnen sich die Teilnehmer*innen der Gruppen Bakur und Rojava zu 38,3 und 28,4 % Situationen vorstellen, in denen sie kein Kurmanc&#238; sprechen sollten, w&#228;hrend dies in der Gruppe Ba&#351;&#251;r nur von 9,1 % bejaht wird. Eine Monte-Carlo Simulation der p-Werte mit 10.000 Wiederholungen best&#228;tigt mit einen p-Wert von 0,035 (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic> = 10,04) den Zusammenhang zwischen der Herkunftsregion und der Wahrnehmung von Situationen, in denen es besser ist, nicht Kurmanc&#238; zu sprechen. Die Post-hoc-Tests (Bonferroni-Holm- Korrektur) zeigen dabei aber keine signifikanten Werte an. Diese Unterschiede l&#246;sen sich innerhalb der zweiten Migrationsgeneration auf <italic>(&#967;<sup>2</sup></italic>(6) = 4,039, <italic>p</italic> = 0,671), da dort auch 42,9 % der Gruppe Ba&#351;u&#770;r das Auftreten solcher Situationen angeben.</p>
</sec>
<sec>
<title>4.2.3 Vergleich der Verhaltenskomponente</title>
<p>In der Verhaltenskomponente liegt der Mittelwert der MTAS-Subskala in der Gruppe Bakur (<italic>n</italic> = 160) bei 3,43 (<italic>SD</italic> = 1,17), in der Gruppe Rojava (<italic>n</italic> = 117) bei 4,19 (<italic>SD</italic> = 0,93) und in der Gruppe Ba&#351;&#251;r (<italic>n</italic> = 19) bei 3,82 (<italic>SD</italic> = 0,78). Ein Levene-Test zeigt, dass f&#252;r die drei Gruppen keine Varianzhomogenit&#228;t angenommen werden darf (<italic>p</italic> = 0,002). Daher ist eine Welch-ANOVA durchgef&#252;hrt worden, die zeigt, dass es signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen gibt (<italic>F</italic>(2) = 17,812, <italic>p</italic> &lt; 0,001). Der Games-Howell-Test zeigt, dass der Mittelwert der Gruppe Rojava signifikant h&#246;her ist als der Mittelwert der Gruppe Bakur (<italic>z</italic> = &#8211;0,76, <italic>p</italic> &lt; 0,001). Allerdings gab es f&#252;r die Mittelwerte in der MTAS-Subskala zur Verhaltenskomponente auch Unterschiede zwischen den Geschlechtern sowie zwischen den Migrationsgenerationen. Daher ist das oben berichtete Ergebnis mit einer Quade nonparametric ANCOVA kontrolliert worden (<italic>F</italic>(2) = 2,52, <italic>p</italic> = 0,082), die keine Signifikanzen angezeigt hat. Auch innerhalb der ersten (<italic>F</italic>(2) = 1,97, <italic>p</italic> = 0,142) und der zweiten Migrationsgeneration (<italic>F</italic>(2) = 1,935, <italic>p</italic> = 0,173) sind keine signifikanten Unterschiede zwischen den nach Herkunftsland aufgeteilten Gruppen aufgedeckt worden.</p>
<p>Anschlie&#223;end sind die Unterschiede im Mittelwert der MTAS-Subskala zur Verhaltenskomponente zwischen den Geschlechtern sowie zwischen den Migrationsgenerationen anhand von t-Tests &#252;berpr&#252;ft worden. Der Mittelwert ist mit 3,55 (<italic>SD</italic> = 1,13) bei den weiblichen Teilnehmerinnen mit einem starken Effekt (<italic>d</italic> = 1,1) signifikant niedriger als bei den m&#228;nnlichen Teilnehmern mit 3,97 (<italic>SD</italic> = 1,07) (<italic>t</italic>(292) = &#8211;3,269, <italic>p</italic> &lt; 0,001). Zus&#228;tzlich ist der Mittelwert der MTAS-Subskala zur Verhaltenskomponente mit 4,25 (<italic>SD</italic> = 0,92) in der ersten Migrationsgeneration signifikant gr&#246;&#223;er als in der zweiten Migrationsgeneration mit 3,21 (<italic>SD</italic> = 1,07) (<italic>t</italic>(294) = 8,983, <italic>p</italic> &lt; 0,001). Auch hier liegt mit <italic>d</italic> = 0,99 ein starker Effekt vor.</p>
<p>Im Alltag wird Kurmanc&#238; von 79,5 % der Gesamtstichprobe verwendet. Von den nach Herkunftsland aufgeteilten Gruppen gibt Bakur die t&#228;gliche Verwendung des Kurmanc&#238; am seltensten an, w&#228;hrend die Gruppe Rojava dies am h&#228;ufigsten tut.</p>
<fig id="F5">
<caption>
<p>Abb. 5: Verwendungsh&#228;ufigkeit des Kurmanc&#238; im Vergleich nach Herkunftsland, Ergebnisse der Gesamtstichprobe</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="zif-3666_moller-g5.png"/>
</fig>
<p>Dieser Unterschied ist anhand eines Kruskal-Wallis-Tests (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic>(2) = 29,794, <italic>p</italic> &lt; 0,001) und anschlie&#223;enden Post-hoc-Tests (Dunn-Bonferroni-Tests) mit einem mittleren Effekt (<italic>r</italic> = 0,32) als signifikant einzustufen (<italic>z</italic> = &#8211;5,352, <italic>p</italic> = 0,000). Zus&#228;tzlich unterscheidet sich die Verwendungsh&#228;ufigkeit auch mit einem kleinen Effekt (<italic>r</italic> = 0,19) nach Migrationsgeneration signifikant (<italic>z</italic> = &#8211;3,191, <italic>p</italic> = 0,001).</p>
<p>Zur Verwendungsh&#228;ufigkeit des Kurmanc&#238; innerhalb der ersten Migrationsgeneration gibt die Gruppe Rojava (<italic>n</italic> = 91) mit 94,6 % am h&#228;ufigsten die t&#228;gliche Verwendung des Kurmanc&#238; an. In der Gruppe Ba&#351;&#251;r (<italic>n</italic> = 12) verwenden 83,3 % t&#228;glich das Kurmanc&#238; und der Gruppe Bakur (<italic>n</italic> = 47) 72 %. Ein Kruskal-Wallis-Test zeigt, dass die Verwendungsh&#228;ufigkeit des Kurmanc&#238; durch die Zugeh&#246;rigkeit zum Herkunftsland beeinflusst wird (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic>(2) = 14,01, <italic>p</italic> &lt; 0,001, <italic>&#951;<sup>2</sup></italic> = 0,08). Anschlie&#223;end durchgef&#252;hrte Dunn-Bonferroni-Tests zeigen, dass sich die Gruppe Bakur signifikant von der Gruppe Rojava (<italic>z</italic> = &#8211;3,72, <italic>p</italic> &lt; 0,001; <italic>d</italic> = 0,64) unterscheidet. Auch in der zweiten Migrationsgeneration ist dieser signifikante Unterschied der Verwendungsh&#228;ufigkeit des Kurmanc&#238; zwischen den Gruppen Bakur und Rojava vorhanden (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic>(2) = 9,498, <italic>p</italic> = 0,009; <italic>z</italic> = &#8211;2,595, <italic>p</italic> = 0,028, <italic>r</italic> = 0,23).</p>
<p>Die Verwendung weiterer Sprachen in der Familie ist innerhalb der ersten Migrationsgeneration signifikant unterschiedlich. Dort gibt die Gruppe Bakur (<italic>n</italic> = 51) mit dem gr&#246;&#223;ten Anteil der drei Gruppen an, dass in der Familie weitere Sprachen au&#223;er des Kurmanci&#770; verwendet werden, w&#228;hrend Rojava (<italic>n</italic> = 93) dies mit 53,8 % am st&#228;rksten verneint. Ein Chi-Quadrat-Test zeigt die Korrelation zwischen der Variable Herkunftsland und der Verwendung weiterer Sprachen innerhalb der Familie an (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic>(2) = 18,05, <italic>p</italic> &lt; 0,001, <italic>Cramer-V</italic> = 0,34). Post-Hoc-Tests (Bonferroni-Holm-Korrektur) zeigen an, dass es signifikante Unterschiede zwischen der Gruppe Bakur und der Gruppe Rojava gibt (<italic>p</italic> &lt; 0,008). In der zweiten Generation wird kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen angezeigt (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic>(10) = 11,682, <italic>p</italic> = 0,307).</p>
<p>Ein weiterer Unterschied, der nur innerhalb der ersten Migrationsgeneration sichtbar ist, ist die Sprache, in der die Alphabetisierung stattfand. Dies h&#228;ngt in der ersten Migrationsgeneration signifikant mit der Herkunftsregion zusammen (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic>(8) = 204,79, <italic>p</italic> &lt; 0,001). Die Gruppe Bakur ist die einzige Gruppe, in der niemand auf Kurmanc&#238; alphabetisiert wurde. Die Teilnehmer*innen der Gruppe Ba&#351;&#251;r (<italic>n</italic> = 12) geben zu 91,7 % an, an einer Form von Kurdischunterricht teilgenommen zu haben, w&#228;hrend dies die Gruppen Bakur (<italic>n</italic> = 51) und Rojava (<italic>n</italic> = 93) jeweils nur zur H&#228;lfte angeben. Ein Chi-Quadrat-Test zeigt die Korrelation zwischen der Variable Herkunftsland und der Teilnahme an einem Kurdischunterricht an (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic>(2) = 7,49, <italic>p</italic> = 0,024). Post-hoc-Tests (Bonferroni-Holm-Korrektur) ergeben, dass sich die Gruppe Ba&#351;&#251;r signifikant von der Gruppe Bakur (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic> = 5,06, <italic>p</italic> = 0,048) und der Gruppe Rojava (<italic>&#967;<sup>2</sup></italic> = 7,27, <italic>p</italic> = 0,021) unterscheidet. In beiden F&#228;llen handelt es sich mit <italic>V</italic> = 0,28 und <italic>V</italic> = 0,26 um einen schwachen Effekt.</p>
</sec>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>5 Diskussion und Fazit</title>
<p>Das Ziel der Studie war die Untersuchung der Spracheinstellungen von Kurdischsprecher*innen der ersten und zweiten Migrationsgeneration in Deutschland. Nach den Herkunftsl&#228;ndern T&#252;rkei, Syrien und Irak aufgeteilt, wurden zus&#228;tzlich die Unterschiede zwischen den Spracheinstellungen der Teilnehmer*innen betrachtet. Zur Beantwortung der Forschungsfragen wurden anhand eines Online-Fragebogens erhobene Daten von 296 Kurdischsprecher*innen aus Deutschland ausgewertet.</p>
<p>Zusammenfassend l&#228;sst sich in Bezug auf die Forschungsfragen Folgendes festhalten:</p>
<p>1. Die Spracheinstellungen der Kurdischsprecher*innen der ersten und zweiten Migrationsgeneration in Deutschland sind &#252;berwiegend positiv ausgepr&#228;gt. Dies wird in den hohen Mittelwerten der MTAS-Skalen sichtbar. Tendenziell konnte die Hypothese best&#228;tigt werden, dass die affektive Komponente positiver ausgepr&#228;gt ist als die kognitive und die Verhaltenskomponente. Allerdings fehlen hier signifikante Nachweise, Insgesamt ist eine starke emotionale Verbindung zum Kurmanc&#238; in der Gesamtstichprobe zu erkennen. Kurmanc&#238; wird von fast allen Teilnehmer*innen als &#8222;Muttersprache&#8220; bezeichnet und wird &#252;berwiegend als wichtig empfunden. Die emotionale Bedeutung der Sprache zeigt sich &#252;ber die Herkunftsl&#228;nder und Migrationsgenerationen hinweg konstant.</p>
<p>2. Obwohl die Spracheinstellungen der Gesamtstichprobe &#252;berwiegend positiv sind, zeigte sich, dass die Spracheinstellungen in den drei nach Herkunftsland aufgeteilten Gruppen nicht identisch sind. Die Mittelwerte der MTAS-Gesamtskala geben einen ersten &#220;berblick &#252;ber die Unterschiede: Die Spracheinstellungen in der Gruppe Rojava sind signifikant positiver ausgepr&#228;gt als die der Gruppe Bakur. Dieser Zusammenhang l&#228;sst sich nach Kontrolle der Variablen Geschlecht und Migrationsgeneration signifikant auf die Variable Herkunftsland zur&#252;ckf&#252;hren. Mit diesem Ergebnis wird die zuvor aufgestellte Hypothese, dass die aus der T&#252;rkei stammenden Kurdischsprecher*innen negativere Spracheinstellungen aufweisen als die syrisch- und irakischst&#228;mmigen Personen teilweise best&#228;tigt. In fast allen Gruppenvergleichen sind die Werte in der Gruppe Bakur tendenziell am niedrigsten. In der kognitiven Komponente zeigt sich, dass die Gruppe Bakur das Ansehen im Herkunftsland am geringsten einsch&#228;tzt, w&#228;hrend in der Gruppe Ba&#351;u&#770;r die h&#246;chsten Werte angegeben werden. Dieser Unterschied best&#228;tigt sich auch signifikant &#252;ber beide Migrationsgenerationen hinweg. Weitere signifikante Unterschiede zeigen an, dass teilweise die Spracheinstellungen der Gruppe Rojava, teilweise die der Gruppe Ba&#351;&#251;r in einzelnen Items in den verschiedenen Komponenten die am deutlichsten positiv ausgepr&#228;gten sind. Die Einstellungen der Gruppe Bakur sind in keinem der Items signifikant positiver ausgepr&#228;gt als die der anderen beiden Gruppen.</p>
<p>3. Die Spracheinstellungen der Kurdischsprecher*innen unterscheiden sich auch im Hinblick auf die Migrationsgeneration. Es kann best&#228;tigt werden, dass sowohl in der ersten als auch in der zweiten Migrationsgeneration die affektive Komponente der Spracheinstellungen &#252;berwiegend positiv ausgepr&#228;gt ist. Auff&#228;llig ist, dass in der zweiten Migrationsgeneration signifikant h&#228;ufiger eine weitere Sprache (haupts&#228;chlich Deutsch) zus&#228;tzlich zum Kurmanc&#238; als &#8222;Muttersprache&#8220; bezeichnet wird. Weiter kann best&#228;tigt werden, dass v.a. die kognitive Komponente und die Verhaltenskomponente in den beiden Migrationsgenerationen unterschiedlich ausgepr&#228;gt sind. Die Mittelwerte der entsprechenden MTAS-Subskalen sind jeweils in der ersten Migrationsgeneration positiver ausgepr&#228;gt als in der zweiten Migrationsgeneration. Besonders im Sprachverhalten lassen sich dabei starke Effekte nachweisen. Die erste Migrationsgeneration verwendet Kurmanc&#238; wie vermutet signifikant h&#228;ufiger als die zweite.</p>
<p>4. Ebenfalls sind die Unterschiede, die in der kognitiven und Verhaltenskomponente der Spracheinstellungen vorkommen, haupts&#228;chlich in der ersten Migrationsgeneration sichtbar und n&#228;hern sich in der zweiten Migrationsgeneration eher an. Insgesamt sind innerhalb der zweiten Migrationsgeneration weniger signifikante Unterschiede aufzufinden als in der ersten. Zus&#228;tzlich ist nicht durchg&#228;ngig Bakur die Gruppe mit den tendenziell niedrigsten Werten wie dies innerhalb der ersten Migrationsgeneration der Fall ist. Dies best&#228;tigt teilweise die Vermutungen in der Forschungsliteratur, dass sich die unterschiedlichen Bedingungen der Herkunftsl&#228;nder in den j&#252;ngeren Generationen in der Diaspora mit der Aufenthaltsdauer in Deutschland angleichen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B7">Ammann 2005: 1016</xref>). Allerdings bleiben die Unterschiede der Mittelwerte in der MTAS-Gesamtskala bestehen. In beiden Migrationsgenerationen zeigt die Gruppe Rojava das positivste Gesamtergebnis, w&#228;hrend in der Gruppe Bakur der niedrigste Wert zu finden ist.</p>
<p>Zus&#228;tzlich entsprechen die selbsteingesch&#228;tzten Sprachkompetenzen im Kurmanc&#238; der vorliegenden Stichprobe den Erwartungen an Sprecher*innen einer Minderheitensprache, deren Erstspracherwerb zum Gro&#223;teil ohne schulische Bildung abl&#228;uft (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B60">Montrul 2016: 180</xref>). Die Modalit&#228;ten H&#246;rverstehen und Sprechen werden signifikant h&#246;her eingesch&#228;tzt als die Modalit&#228;ten Lesen und Schreiben. Die hohen Standardabweichungen in allen vier Modalit&#228;ten zeigen zudem die gro&#223;e Varianz innerhalb der Stichprobe. Weniger als die H&#228;lfte der Teilnehmer*innen sind mit ihren Sprachkompetenzen im Kurmanc&#238; zufrieden. Der Erhalt der Minderheitensprache als individuelle Anstrengung entgegen dem gesellschaftlichen Druck wird hier deutlich (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B54">Little 2020: 200</xref>).</p>
<p>Die Ergebnisse unterst&#252;tzen das Bild der mehrsprachigen Realit&#228;t f&#252;r die Sprecher*innen einer Minderheitensprache: Die affektive Komponente ist stark ausgepr&#228;gt und zeigt eine hohe emotionale Bedeutung der kurdischen Sprache. Aber Kurmanc&#238; konkurriert in der Diaspora nicht nur mit der Umgebungssprache Deutsch, sondern auch mit den famili&#228;r aus den Herkunftsl&#228;ndern mitgebrachten Mehrheitssprachen (hier Arabisch und T&#252;rkisch). So l&#228;sst sich die Abnahme der Verwendungsh&#228;ufigkeit des Kurmanc&#238; in der zweiten Migrationsgeneration erkl&#228;ren. Hier werden Effekte der Zugeh&#246;rigkeit zu verschiedenen Migrationsgenerationen sichtbar, die in soziolinguistischen Untersuchungen zum Spracherhalt bereits nachgewiesen wurden (vgl. u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B11">Benmamoun/&#8203;Montrul/&#8203;Polinsky 2013</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B37">Hansia 2014</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B49">Kristen/&#8203;Seuring/&#8203;Stanat 2019</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B62">Nagy/&#8203;Kochetov 2013</xref>). Es zeigt sich insgesamt, dass &#8211; trotz hohen emotionalen Stellenwerts &#8211; den Teilnehmer*innen das niedrige Prestige des Kurmanc&#238; bewusst ist.</p>
<p>In der vorliegenden Studie ist eine erste Ann&#228;herung an die Spracheinstellungen der Kurdischsprecher*innen in Deutschland gelungen, &#252;ber die es bisher wenig soziolinguistische Erkenntnisse gibt. Die Ergebnisse bereichern die Minderheitensprachenforschung nicht nur um eine weitere, bisher wenig untersuchte Perspektive, sondern geben auch Hinweise auf Einfl&#252;sse des gesellschaftlich zugeschriebenen Sprachprestiges auf die individuellen Spracheinstellungen.</p>
<p>Bei der Interpretation der Ergebnisse ist zu ber&#252;cksichtigen, dass die Gruppengr&#246;&#223;en in der Studie ungleich verteilt waren. Besonders Personen aus dem Irak sind selten vertreten, weshalb die Vergleiche zu den beiden anderen Gruppen weniger aussagekr&#228;ftig sind. Insgesamt kann das Verh&#228;ltnis der Gewichtung des Einflusses der Variablen Herkunftsland und Migrationsgeneration nicht endg&#252;ltig ausgemacht werden, da in den vorliegenden Daten nicht anhand parametrischer Methoden auf Kovariaten hin analysiert werden kann. Dazu w&#228;re eine &#220;berpr&#252;fung der hier gewonnenen Erkenntnisse anhand einer ausgeglicheneren Stichprobe notwendig. Zus&#228;tzlich sollten Variablen wie der sozio-&#246;konomische Status und der Wohnort in der Herkunftsregion (l&#228;ndlich vs. st&#228;dtisch) kontrolliert werden, die durchaus Einfluss auf die Spracheinstellungen nehmen k&#246;nnen (vgl. z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B68">&#214;pengin 2012</xref>). Hier st&#246;&#223;t die Interpretation der Ergebnisse in der vorliegenden Untersuchung an ihre Grenzen.</p>
<p>Des Weiteren zeigen die Ergebnisse an, dass die in der MTAS verwendeten Items im Migrationskontext nicht sensibel genug sind, um genaue Nuancen v.a. in der kognitiven und Verhaltenskomponente erkennen zu k&#246;nnen. W&#252;nschenswert w&#228;re die Entwicklung eines auf allochthone Minderheitensprachen abgestimmten Fragebogens mit kritischen Items zum Prestige der Sprachen im Herkunfts- und Aufnahmeland.</p>
</sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Entscheidend f&#252;r die Zugeh&#246;rigkeit zur Migrationsgeneration ist das Alter, in dem eine Person in das Aufnahmeland eingereist ist: Personen, die nach dem Erreichen des 12. Lebensjahres in das Aufnahmeland eingewandert sind, geh&#246;ren nach Krefeld (<xref ref-type="bibr" rid="B48">2004</xref>) der ersten Migrationsgeneration an. Insgesamt weisen Studien zu verschiedenen Minderheitensprachen nach, dass innerhalb der ersten Migrationsgeneration der Minderheitensprache eine h&#246;here Bedeutung zukommt und h&#228;ufig positivere Einstellungen der Sprache gegen&#252;ber vorliegen und die Bedeutung der Minderheitensprache in der Generationenfolge abnimmt (vgl. u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B11">Benmamoun/&#8203;Montrul/&#8203;Polinsky 2013</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B37">Hansia 2014</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B40">Hoffman/&#8203;Walker 2010</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B49">Kristen/&#8203;Seuring/&#8203;Stanat 2019</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B62">Nagy/&#8203;Kochetov 2013</xref>).</p></fn>
<fn id="n2"><p>Jeweils 4 Items, die die affektive, kognitive und Verhaltenskomponente abbilden.</p></fn>
<fn id="n3"><p>Entscheidende Signalw&#246;rter wie <italic>believe, think, feel</italic> wurden in die deutschen Entsprechungen &#8222;glauben&#8220;, &#8222;denken&#8220;, &#8222;f&#252;hlen&#8220; &#252;bertragen, um den Satzinhalt m&#246;glichst unver&#228;ndert beizubehalten (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B43">Kasap 2020: 113</xref>).</p></fn>
<fn id="n4"><p>F&#252;r die gesamte MTAS mit 12 Likert-Items gibt Kasap (<xref ref-type="bibr" rid="B43">2020: 111</xref>) einen Cronbachs Alpha von 0,87 an. Der Cronbachs Alpha der drei Subskalen liegt jeweils &#252;ber 0,7.</p></fn>
<fn id="n5"><p>Die Subskala der affektiven Komponente erreicht einen Cronbachs Alpha von 0,75, die Subskala der kognitiven Komponente 0,63 und die Subskala der Verhaltenskomponente 0,67.</p></fn>
<fn id="n6"><p>Da innerhalb einer Likert-Skala die einzelnen ordinalskalierten Rating-Items zu einer Gesamtskala zusammengefasst werden, um ein Ph&#228;nomen wie im vorliegenden Fall die Spracheinstellungen zu messen, pl&#228;dieren Forscher*innen wie Fittkau (<xref ref-type="bibr" rid="B27">2021</xref>) f&#252;r die Behandlung der Likert-Skala als intervallskaliert (13). Auch D&#246;ring und Bortz beschreiben die Likert-Skalen als psychometrische Skalen und ordnen diese aufgrund der Aufsummierung der Rating-Items als intervallskaliert ein (<xref ref-type="bibr" rid="B22">2016: 269</xref>).</p></fn>
<fn id="n7"><p>H&#246;rverstehen: <italic>U</italic> = 7743,50, <italic>Z</italic> = &#8211;4,48, <italic>p</italic> &lt; 0,001, <italic>r</italic> = &#8211;0,26.</p>
<p>Sprechen: <italic>U</italic> = 6338,50, <italic>Z</italic> = &#8211;6,39, <italic>p</italic> &lt; 0,001, <italic>r</italic> = &#8211;0,37.</p>
<p>Lesen: <italic>U</italic> = 7758,00, <italic>Z</italic> = &#8211;4,19, <italic>p</italic> &lt; 0,001, <italic>r</italic> = &#8211;0,25.</p>
<p>Schreiben: <italic>U</italic> = 8397,00, <italic>Z</italic> = &#8211;3,26, <italic>p</italic> = 0,001, <italic>r</italic> = &#8211;0,19.</p></fn>
<fn id="n8"><p>H&#246;rverstehen: <italic>Spearmans &#961;</italic> = 0,476, <italic>p</italic> &lt; 0,001.</p>
<p>Lesen: <italic>Spearmans &#961;</italic> = 0,45, <italic>p</italic> &lt; 0,001.</p>
<p>Schreiben: <italic>Spearmans &#961;</italic> = 0,34, <italic>p</italic> &lt; 0,001.</p></fn>
<fn id="n9"><p>H&#246;rverstehen: <italic>z</italic> = &#8211;2,737, <italic>p</italic> = 0,019; <italic>r</italic> = 0,165.</p>
<p>Sprechen: <italic>z</italic> = &#8211;3,310, <italic>p</italic> = 0,003; <italic>r</italic> = 0,199.</p></fn>
<fn id="n10"><p><italic>t</italic>(292) = &#8211;2,03, <italic>p</italic> = 0,04; <italic>d</italic> = 0,78.</p></fn>
<fn id="n11"><p><italic>t</italic>(294) = 5,92, <italic>p</italic> &lt; 0,001; <italic>d</italic> = 0,74.</p></fn>
<fn id="n12"><p>Rojava (<italic>n</italic> = 93): <italic>M</italic> = 4,53 (<italic>SD</italic> = 0,67); Ba&#351;&#251;r (<italic>n</italic> = 12): <italic>M</italic> = 4,38 (<italic>SD</italic> = 0,53); Bakur (<italic>n</italic> = 51): <italic>M</italic> = 4,18 (<italic>SD</italic> = 0,92).</p></fn>
<fn id="n13"><p>Rojava (<italic>n</italic> = 24): <italic>M</italic> = 4,03 (<italic>SD</italic> = 0,62); Ba&#351;&#251;r (<italic>n</italic> = 7): <italic>M</italic> = 3,90 (<italic>SD</italic> = 0,49); Bakur (<italic>n</italic> = 109): 3,86 (<italic>SD</italic> = 0,74).</p></fn>
<fn id="n14"><p>Erste Migrationsgeneration: <italic>F</italic>(2, 33,04) = 2,82, <italic>p</italic> = 0,07; zweite Migrationsgeneration: <italic>F</italic>(2) = 0,531, <italic>p</italic> = 0,589.</p></fn>
<fn id="n15"><p>97,4 % der ersten und 95,0 % der zweiten Migrationsgeneration.</p></fn>
<fn id="n16"><p>Die Teilnehmenden wurden explizit nach der Muttersprache gefragt, da dieser Begriff emotional aufgeladen ist und Fachbegriffe wie Erst- und Herkunftssprache vermutlich unbekannt sind.</p></fn>
<fn id="n17"><p><italic>t</italic>(294) = 4,698, <italic>p</italic> &lt; 0,001; <italic>d</italic> = 0,94.</p></fn>
</fn-group>
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<title>Kurzbio</title>
<p><bold>Franziska M&#246;ller</bold> ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei g.a.s.t. / TestDaF-Institut der Ruhr-Universit&#228;t Bochum. Im Masterstudium zur Empirischen Mehrsprachigkeitsforschung in Dortmund und Bochum lag ihr Forschungsschwerpunkt auf soziolinguistischen Fragestellungen zu Minderheitensprachen im Migrationskontext. Zurzeit betreibt sie Grundlagenforschung zum Konstrukt des C-Tests im Zweitsprachenerwerb.</p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2"><bold>Anschrift:</bold></styled-content></p>
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