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<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Interkulturellen Fremdsprachenunterricht</journal-title>
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<publisher-name>Universit&#228;ts- und Landesbibliothek Darmstadt</publisher-name>
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<subject>Article</subject>
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<article-title>GDR goes Instagram. Zum Einsatz sozialer Netzwerke im Sprachunterricht</article-title>
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<surname>Louis</surname>
<given-names>Tatjana</given-names>
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<email>tlouis@uniandes.edu.co</email>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Departamento de Lenguas y Cultura, Universidad de los Andes, Cra. 1 No. 18A-12, Bogot&#225; D.C., Kolumbien</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2023-09-15">
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<year>2023</year>
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<abstract>
<p>F&#252;r den DaF-Unterricht stellt es eine Herausforderung dar, M&#246;glichkeiten f&#252;r die Lernenden zu schaffen, in denen sie die Sprache unter authentischen Bedingungen verwenden k&#246;nnen. Bei inhaltsbezogenen Kursen kann es au&#223;erdem eine Schwierigkeit darstellen, die Themen so mit der Erfahrungswelt der Lernenden zu verkn&#252;pfen, dass sie zur Entwicklung eines kritischen kulturellen Bewusstseins beitragen. In diesem Beitrag geht es um ein Projekt mit kolumbianischen Deutschstudierenden, bei dem das soziale Netzwerk Instagram dazu genutzt wurde, eine m&#246;glichst authentische Sprachverwendung mit einer sinnerzeugenden Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte zu verbinden und so Konzepte f&#252;r historisches Denken und eine kritische Urteilsf&#228;higkeit einzu&#252;ben.</p>
</abstract>
<trans-abstract xml:lang="en">
<p><bold>GDR goes Instagram. On the Use of Social Networks in Language Teaching</bold></p>
<p>A fundamental challenge when teaching German as a foreign language is to create opportunities for learners to use the language in authentic conditions. Even in content-based courses, it is difficult to connect topics to students&#8217; lives in ways that contribute to a critical cultural awareness. This paper presents a project with Colombian students in which the social network Instagram was used to combine language use in a real situation with a sense-generating engagement with the history of GDR. Also, students gained experience with historical thinking and critical judgment.</p>
</trans-abstract>
<trans-abstract xml:lang="es">
<p><bold>GDR goes Instagram. El uso de redes sociales en la ense&#241;anza de lenguas</bold></p>
<p>Uno de los retos de la ense&#241;anza del alem&#225;n como lengua extranjera es crear oportunidades para que las y los estudiantes utilicen la lengua en condiciones aut&#233;nticas. En cursos basados en contenidos, tambi&#233;n puede resultar dif&#237;cil conectar los temas con la experiencia de las y los estudiantes de forma que el aprendizaje contribuya a una conciencia cultural cr&#237;tica. Este art&#237;culo presenta un proyecto con estudiantes colombianos en el que se utiliz&#243; la red social Instagram para combinar el uso de la lengua con una exploraci&#243;n generadora de sentido de la historia de la RDA, practicando as&#237; aspectos del pensamiento hist&#243;rico y el juicio cr&#237;tico.</p>
</trans-abstract>
<kwd-group>
<kwd>DDR</kwd>
<kwd>soziale Netzwerke</kwd>
<kwd>historisches Denken</kwd>
<kwd>critical cultural awareness</kwd>
<kwd>Ged&#228;chtnismedien</kwd>
</kwd-group>
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<kwd>GDR</kwd>
<kwd>social networks</kwd>
<kwd>historical thinking</kwd>
<kwd>critical cultural awareness</kwd>
<kwd>memory media</kwd>
</kwd-group>
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<kwd>RDA</kwd>
<kwd>redes sociales</kwd>
<kwd>pensamiento hist&#243;rico</kwd>
<kwd>conciencia cr&#237;tica cultural</kwd>
<kwd>medios de la memoria</kwd>
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<title>1 Einleitung</title>
<p>Das erfolgreiche Erlernen einer Sprache bedeutet, dass sie kompetent unter realen Gegebenheiten verwendet werden kann und dass ein Verst&#228;ndnis des kulturellen Kontextes existiert, in den sie eingebettet ist. Gerade in Lernsituationen, die geografisch weit entfernt vom Sprachraum der Zielsprache sind, fehlt es Lernenden allerdings oft an Gelegenheiten, die Sprache in authentischen Situationen einzu&#252;ben. In inhaltsbezogenen Kursen ergibt sich dar&#252;ber hinaus die Schwierigkeit, dass die Themen den Lernenden m&#246;glicherweise fremd sind und es ihnen nicht gelingt, diese sinnstiftend mit ihrer eigenen Erfahrungswelt zu verkn&#252;pfen. Gerade letzterer Aspekt ist jedoch zentral f&#252;r das kulturelle Lernen im Fremdsprachenunterricht. Damit Lernende eine interkulturelle Kompetenz, insbesondere eine <italic>critical cultural awareness</italic> (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B5">Byram 1997: 53</xref>) entwickeln k&#246;nnen, ist es f&#252;r sie wichtig, die &#8218;andere&#8216; Kultur in eine Beziehung zu der eigenen zu bringen und die jeweiligen kulturellen Deutungsmuster, Praktiken und Manifestationen zu erfassen und kritisch zu bewerten, mit dem Ziel, sich auch innerhalb der eigenen Kultur verorten zu k&#246;nnen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B18">Hallet 2016</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B6">Byram 2012</xref>).</p>
<p>Diese Herausforderungen, die fehlenden M&#246;glichkeiten der authentischen Sprachverwendung einerseits und die sinnstiftende Verkn&#252;pfung von Erfahrungswelten andererseits, stellen sich auch Deutschlernenden und -lehrenden an der kolumbianischen Universidad de los Andes. In diesem Beitrag wird ein Projekt mit Studierenden des Seminars &#8218;Ged&#228;chtnis und Popul&#228;rkultur&#8216; vorgestellt, das zum Ziel hatte, beiden Herausforderungen gerecht zu werden. Hierbei wurde das soziale Netzwerk Instagram als reale Kommunikationsplattform genutzt, die Studierenden dazu zu motivieren, sich intensiv auf Deutsch mit dem Thema DDR auseinanderzusetzen. Im Folgenden wird das Projekt zun&#228;chst in seinem theoretischen Rahmen innerhalb des Studienganges <italic>Lenguas y Cultura</italic> (Sprachen und Kultur) sowie der kulturellen Ged&#228;chtnisstudien verortet. Dann wird seine Durchf&#252;hrung beschrieben und abschlie&#223;end ausgewertet.</p>
</sec>
<sec>
<title>2 Der institutionelle und theoretische Rahmen</title>
<sec>
<title>2.1 Der Deutschunterricht an der Universidad de los Andes</title>
<p>Deutsch wird an der Universidad de los Andes neben Englisch und Franz&#246;sisch als Schwerpunktsprache im Rahmen des Studienganges <italic>Lenguas y Cultura</italic> angeboten. Dieses Programm verbindet das Sprachenlernen mit einem kulturwissenschaftlichen Schwerpunkt. Der Sprachunterricht sieht eine Folge von sieben Sprachkursen und parallel dazu f&#252;nf sogenannten <italic>profundizaciones</italic> vor, bei denen es sich um vertiefende Kurse zu bestimmten Fertigkeiten (Grammatik, Phonetik, Sprechen und Schreiben) handelt. Diese Kurse f&#252;hren von der Niveaustufe A1 bis B2+. Darauf folgen zwei inhaltlich orientierte Seminare, deren Themen literaturwissenschaftlich bzw. historisch-gesellschaftlich orientiert sind und die die Studierenden bis auf ein Niveau C1 bringen.<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref></p>
<p>Dem Kulturbegriff im Fremdsprachenbereich wird ein kultursemiotisches Modell zugrunde gelegt, bei dem Kultur als Dreiklang mit einer sozialen, materialen und mentalen Dimension verstanden wird (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B18">Hallet 2016: 39</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B26">Posner 2003</xref>). Dabei ist das in der Tradition der britischen und us-amerikanischen <italic>Cultural Studies</italic> stehende Verst&#228;ndnis von Sprache als Bedeutung zuweisendes und somit Realit&#228;t konstituierendes Werkzeug eine zentrale S&#228;ule des Studiengangs.<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref> Die Analyse der Repr&#228;sentation sozialer Konstellationen und unterschiedlicher Realit&#228;ten in der Sprache, der sprachlich verhandelten Identit&#228;tskonstruktionen oder weiterer kultureller und symbolischer Handlungen tragen zu der genannten <italic>critical cultural awareness</italic> bei. Diese geht &#252;ber eine operative, vornehmlich auf die soziale Dimension der Kultur beschr&#228;nkte interkulturelle Kompetenz hinaus und f&#252;hrt zu einem Bewusstsein f&#252;r die Bedeutung der Sprache in der Konstruktion sozialer und individueller Identit&#228;ten wie auch zu der Bereitschaft, als kulturell und politisch bewusst Handelnde*r gegenw&#228;rtige Situationen und Probleme zu beurteilen und zu einer pers&#246;nlichen Position zu finden. Damit besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem Lernen von Sprachen und einer letztlich politischen Bildung (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B18">Hallet 2016: 40&#8211;41</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B6">Byram 2012: 9&#8211;10</xref>).</p>
</sec>
<sec>
<title>2.2 Das Seminar &#8218;Ged&#228;chtnis und Popul&#228;rkultur&#8216;. Konzeptueller Rahmen und Lernziele</title>
<p>In diesem Spannungsfeld zwischen Sprache, Kultur und kritischem kulturellen Bewusstsein befinden sich die Sprachseminare des Studiengangs <italic>Lenguas y Cultura</italic>. Im Hinblick auf die sprachlichen Lernziele, die in allen Seminaren gleich sind, sollen die Studierenden ihre Kompetenzen sowohl in den produktiven als auch in den rezeptiven Fertigkeiten vertiefen. Daher geh&#246;ren der Umgang mit authentischem Textmaterial, die Produktion akademischer Textformen und das Halten von Referaten zu den zu erbringenden Leistungen, die auch sprachlich bewertet werden. Als inhaltliches Angebot sind die Seminare Teil der kulturwissenschaftlichen Ausbildung und stellen einen zentralen Beitrag zur mentalen Dimension kulturellen Verstehens dar.</p>
<p>Das Thema des Seminars &#8218;Ged&#228;chtnis und Popul&#228;rkultur&#8217;<xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref> war der geschichtskulturelle Umgang mit der DDR-Vergangenheit im wiedervereinigten Deutschland, insbesondere wie er sich in Unterhaltungsmedien (Fernsehserien, Spielfilme, Graphic Novels) darstellt. Konzeptuell war der Kurs in den kulturellen Ged&#228;chtnisstudien sowie in der Geschichtsdidaktik verortet.</p>
<p>Kollektives Erinnern ist sozial verfasst und in hohem Ma&#223;e kulturell gepr&#228;gt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B17">Halbwachs 1985</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B1">Assmann 1988</xref>). Deshalb tr&#228;gt eine Analyse des gesellschaftlichen Umgangs mit der Vergangenheit zum Verst&#228;ndnis kollektiver und individueller Identit&#228;tskonstruktionen bei. Fragen, die f&#252;r eine kulturelle Analyse relevant sind, stellen sich auch f&#252;r Erinnerungskulturen; etwa danach, wie die Vergangenheit gedeutet wird, wer an den daf&#252;r notwendigen Aushandlungsprozessen beteiligt ist oder welche konkreten Erinnerungspraktiken es gibt. Auch eine Erinnerungskultur kann als kultursemiotisches Modell mit einer sozialen, einer materialen und einer mentalen Dimension dargestellt werden. Dabei beziehen sich die Medien des kollektiven Ged&#228;chtnisses auf die materiale Dimension und die Tr&#228;ger des Ged&#228;chtnisses auf die soziale Dimension. Jene gesellschaftsspezifischen Vorstellungen und Denkmuster, die das gemeinsame Erinnern pr&#228;gen, stellen die mentale Dimension dar (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B14">Erll 2017: 99&#8211;100</xref>). Filme, Serien und Graphic Novels, die historische Situationen oder Ereignisse zeigen, sind geschichtskulturelle Manifestationen, die der materialen Dimension der Erinnerungskultur zugeordnet werden k&#246;nnen.</p>
<p>Im Folgenden werden weitere Lernziele des Kurses in ihren konzeptuellen Kontext eingeordnet und begr&#252;ndet.</p>
<p><bold>Die Studierenden lernen ein f&#252;r die deutsche Gesellschaft und f&#252;r das Verst&#228;ndnis aktueller Debatten relevantes Thema kennen und verstehen. Sie k&#246;nnen es mit ihren eigenen Erfahrungen kontextualisieren.</bold></p>
<p>Mit dem Thema DDR wurde ein zentrales Thema der deutschen Vergangenheit ausgew&#228;hlt, dessen Nachwirkungen bis heute kollektiv und individuell sichtbar sind und das eine kontinuierliche gesellschaftliche Debatte in Bezug auf den Umgang mit konfliktiven Vergangenheiten in Gang gesetzt hat (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B23">Louis 2019</xref>)<xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref>. Eine Kenntnis dieses Teils der Geschichte hilft, aktuelle Diskussionen zu verstehen und daran teilzunehmen.</p>
<p>Gerade das Thema Ged&#228;chtnis und der Umgang mit konfliktiven Vergangenheiten eignet sich gut, um der eingangs postulierten Notwendigkeit gerecht zu werden, dass sinnstiftendes Lernen die Verkn&#252;pfung des Neuen mit dem Erfahrungshorizont der Lernenden braucht. Der Umgang mit der Vergangenheit ist auch in Kolumbien seit bald 20 Jahren ein pr&#228;sentes Thema. Das Land durchl&#228;uft einen Friedens- und Transitionsprozess, der einen jahrzehntealten bewaffneten Binnenkonflikt zwischen linksgerichteten Guerillas, paramilit&#228;rischen Gruppierungen, Drogenkartellen und der Regierung &#252;berwinden soll. Die gesellschaftlichen Verhandlungen um die angemessene Darstellung der Geschichte des Konflikts, die Anerkennung der Opfer und die Bestrafung der T&#228;ter sind Themen, die immer wieder engagierte bis erbitterte gesellschaftliche Debatten hervorrufen<xref ref-type="fn" rid="n5">5</xref>.</p>
<p><bold>Die Studierenden lernen grundlegende Konzepte der kulturellen Ged&#228;chtnisstudien kennen.</bold></p>
<p>Spielfilme, Serien und Graphic Novels, die historische Situationen zeigen, sind <italic>Ged&#228;chtnismedien</italic>, d.h. Medien, die Informationen &#252;ber die Vergangenheit vermitteln und konkrete Deutungsangebote machen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B14">Erll 2017: 143&#8211;144</xref>). Damit sind sie sichtbarer Teil einer <italic>Geschichtskultur</italic>, sind also Ausdrucksformen, die es m&#246;glich machen, die in einer Gesellschaft zirkulierenden Vorstellungen &#252;ber die Vergangenheit und das damit verbundene <italic>Geschichtsbewusstsein</italic> zu erkunden. Das Geschichtsbewusstsein wird dabei sowohl als individuelles wie auch kollektives Verst&#228;ndnis der Vergangenheit verstanden. Es erm&#246;glicht den Menschen, ihre Erfahrungen in der Zeit sinnstiftend einzuordnen und sich an ihnen in Gegenwart und Zukunft zu orientieren (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B27">R&#252;sen 1994: 7</xref>, <xref ref-type="bibr" rid="B28">2004: 66&#8211;68</xref>).</p>
<p>Die im Seminar ber&#252;cksichtigten Ged&#228;chtnismedien bieten eine <italic>mediatisierte Erinnerung</italic> an, also medientechnologisch produzierte und reproduzierte Vergangenheitsdeutungen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B51">Erll 2017: 153</xref>), die durch ihre massenhafte Verbreitung Erinnerungskulturen nachhaltig pr&#228;gen k&#246;nnen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B21">Landsberg 2003</xref>). Dabei hat sich gerade das Fernsehen zu einem zentralen Kanal entwickelt, durch den Geschichtsbilder verbreitet werden, unabh&#228;ngig davon, ob es sich um Dokumentarfilme, historische Spielfilme oder um Produktionen handelt, die nur zuf&#228;llig die Vergangenheit als Kulisse nutzen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B51">Erll 2017: 158</xref>). Alle tragen zu einem &#8218;Wissen&#8216; &#252;ber die Vergangenheit bei, sowohl zu dem, was man explizit zu wissen glaubt, als auch zu einem <italic>impliziten kollektiven Ged&#228;chtnis</italic>, d.h. zu geteilten &#220;berzeugungen &#252;ber die Vergangenheit, die durch die st&#228;ndige Wiederholung von Inhalten und Bildern Teil eines allgemeinen, aber unbewussten Wissens werden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B13">Erll 2022</xref>).</p>
<p>Dieser immer wieder erfolgende R&#252;ckgriff auf bereits existierende Bilder und Interpretationen wird als <italic>Remediation</italic> bezeichnet. Astrid Erll (<xref ref-type="bibr" rid="B51">2017: 160&#8211;161</xref>) weist in dem Zusammenhang auf die &#8222;doppelte Logik der Remediation&#8220; (160) hin, jene besonders bei neueren Formen der Geschichtsvermittlung bestehenden Spannung zwischen Unmittelbarkeit und Hypermedialit&#228;t. Gerade Internetplattformen bieten M&#246;glichkeiten der Vermittlung, bei denen das Medium selbst so sehr in den Hintergrund tritt, dass der Eindruck einer authentischen, nicht-mediatisierten Erinnerung entsteht.</p>
<p><bold>Die Studierenden lernen Konzepte der Geschichtsdidaktik kennen und entwickeln die Kompetenz der historischen Urteilsbildung.</bold></p>
<p><italic>Historisch denken</italic> bedeutet, die verschiedenen zeitlichen Ebenen, die f&#252;r das Verst&#228;ndnis der Vergangenheit notwendig sind, zu ber&#252;cksichtigen. Einerseits muss die Geschichte als Konstruktion erkannt werden, deren Inhalte und Sinnzuweisungen aus gegenw&#228;rtigen Bed&#252;rfnissen heraus verhandelt werden. Welche Ereignisse, Personen und Entwicklungen als <italic>relevant</italic> erkannt werden, welche <italic>historische Bedeutung</italic> (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B31">Seixas/Morton 2013: 12&#8211;24</xref>) man ihnen zuweist, sind Entscheidungen, die in der Gegenwart des Urteilenden getroffen werden. Um sich den einmal als relevant begriffenen Situationen angemessen ann&#228;hern zu k&#246;nnen, m&#252;ssen sie andererseits unter Ber&#252;cksichtigung der historischen Bedingungen betrachtet werden. Die Vergangenheit muss als vergangene Realit&#228;t begriffen werden, die sich von der Gegenwart unterscheidet und in der historische Akteur*innen aus ihrer Perspektive und ihrem Wertesystem heraus handelten. Zum historischen Denken geh&#246;rt daher ein Verst&#228;ndnis der <italic>historischen Perspektive</italic> und der Handlungsoptionen sowie -motivationen, die eine Person in der Vergangenheit hatte und wahrnehmen konnte (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B31">Seixas/Morton 2013: 136&#8211;148</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B19">Koselleck 1989: 204&#8211;205</xref>). Des Weiteren m&#252;ssen bei der Bewertung von Handlungen in der Vergangenheit ethische &#220;berlegungen ber&#252;cksichtigt werden, damit nicht auf der Grundlage gegenw&#228;rtiger Werte und Normen beurteilt wird. Die <italic>ethische Dimension</italic> spielt auch eine Rolle, wenn es darum geht zu verstehen, welche Auswirkungen etwa historische Ungerechtigkeiten in der Gegenwart haben und welche Verantwortungen daraus entstehen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B31">Seixas/Morton 2013: 168&#8211;184</xref>).</p>
<p>Letzteres spielt eine zentrale Rolle bei der <italic>historischen Urteilsbildung</italic>. Historische Urteile sind &#8222;Sinnbildungen des Geschichtsbewusstseins in Form individueller Vergangenheitsdeutungen und -wertungen, die auf Basis von Gegenwartserfahrungen und Zukunftserwartungen gebildet und (&#8230;) argumentativ begr&#252;ndet und vertreten werden&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B36">Winklh&#246;fer 2021: 8&#8211;9</xref>). Dabei besteht die besondere Herausforderung darin, dass die zu beurteilende Situation oder Person aufgrund der zeitlichen Differenz nur indirekt zu erfassen ist, also nur &#252;ber das Medium, das Informationen &#252;ber besagte Situation bereitstellt (ebd.: 9). Zu dieser <italic>Zeitdifferenz-</italic> oder <italic>Kontingenzerfahrung</italic> (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B29">R&#252;sen 2008: 65&#8211;66</xref>) kommt im Falle des Themas DDR bei den kolumbianischen Studierenden auch noch eine Raumdifferenzerfahrung, die bei der Behandlung des Themas ber&#252;cksichtigt werden muss. Ein erinnerungskultureller Zugang zur DDR ist wie oben gezeigt, ein Ansatz, die Kontingenzerfahrung, die zeitlich und r&#228;umlich entfernte Themen bei den Studierenden ausl&#246;sen, zu &#252;berwinden.</p>
<p>Das Thema DDR eignet sich des Weiteren daf&#252;r, die historische Urteilsbildung einzu&#252;ben. Die Erinnerung an diesen Teil deutscher Geschichte steht im Spannungsfeld zwischen Diktaturerfahrungen einerseits und den Alltagserfahrungen der Menschen in der DDR andererseits, die keineswegs nur aus Repressionen bestanden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B58">Sabrow 2007c: 20</xref>). Dieses widerspr&#252;chliche Bild stellt eine Herausforderung dar, wenn Positionen in Bezug auf die DDR gefunden werden sollen.</p>
<p><bold>Die Studierenden verstehen Unterhaltungsmedien als Ged&#228;chtnismedien und geschichtskulturelle Manifestationen und k&#246;nnen sie unter Einbeziehung erinnerungskultureller und geschichtsdidaktischer Konzepte analysieren.</bold></p>
<p>Unterhaltungsmedien wie Filme, Serien oder Graphic Novels sind als authentische kulturelle &#196;u&#223;erungen ein wichtiger Ansatzpunkt, sich mit kulturellen Deutungsangeboten, Sinnstiftungen und Identit&#228;tskonstruktionen auseinanderzusetzen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B18">Hallet 2016: 40&#8211;41</xref>). Sie sind vornehmlich der &#228;sthetischen Dimension der Geschichtskultur zuzuordnen und sprechen daher eine emotionale Ebene ihres Publikums an (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B27">R&#252;sen 1994: 13&#8211;14</xref>). Ein Sich Hineinversetzen in eine historische Perspektive f&#228;llt so leichter als es beispielsweise bei der Lekt&#252;re des Autorentextes eines Schulbuches oder auch eines Zeitzeugenberichtes der Fall w&#228;re: Ein Film oder eine Graphic Novel stellen ein visuelles Gesamtpaket dar, das nicht nur eine spezifische Sichtweise, sondern auch den Kontext erlebbar macht. (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B31">Seixas/Morton 2013: 136</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B4">von Borries 2008: 81&#8211;101</xref>). Als popul&#228;rkulturelle und damit au&#223;erwissenschaftliche Produkte k&#246;nnen sie au&#223;erdem die Vielf&#228;ltigkeit der Perspektiven und Meinungen dar&#252;ber zeigen, was Vergangenheit ist und was sie bedeutet. Damit unterst&#252;tzen sie m&#246;glicherweise ein Verst&#228;ndnis der historischen Situation besser als etwa ein Quellentext, der noch einer Deutung bedarf. Sie sind daher ein wichtiger Beitrag zu den geschichtskulturellen Verhandlungen um historische Sinnbildung und gleichzeitig Ausdruck besagter Aushandlungen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B12">Englert 2022: 144&#8211;146</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B36">Winklh&#246;fer 2021: 16&#8211;18</xref>).</p>
<p>Auf Grundlage dieses konzeptuellen Rahmens wurde mit den Teilnehmenden des Seminars ein Gemeinschaftsprojekt entwickelt, das im Folgenden vorgestellt wird.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>3 Das Projekt und seine Durchf&#252;hrung</title>
<p>Um den Studierenden &#252;ber eine vorrangig rezeptive Besch&#228;ftigung mit der DDR hinaus einen weiteren, aktiveren Zugang zu dieser vergangenen, f&#252;r sie fremden Lebenswelt zu erm&#246;glichen, bestand das Semesterprojekt in der Konzeption und Pflege eines Instagram-Accounts. In diesem Account sollte aus Sicht einer fiktiven Person, die in den Jahren 1988/89 in der DDR lebte, der Alltag in diesem Staat gezeigt werden.</p>
<p>Vorbild f&#252;r dieses Projekt war der Instagram-Account ichbinsophiescholl<xref ref-type="fn" rid="n6">6</xref>, den der S&#252;dwestrundfunk und der Bayerische Rundfunk gemeinsam anl&#228;sslich des 100. Geburtstags von Sophie Scholl angelegt haben. Zwischen Mai 2021 und Februar 2022 wurden dort die letzten zehn Monate von Sophie Scholls Leben in Echtzeit nachempfunden. Ziel war es, Sophie Scholl &#8222;aus den Geschichtsb&#252;chern ins Hier und Jetzt&#8220; zu holen und diese zeitlich immer weiter entfernte und damit immer fremdere Vergangenheit &#8222;nahbar, pers&#246;nlich und authentisch&#8220; zu machen (<xref ref-type="bibr" rid="B33">SWR o.D.</xref>). Den Rahmen f&#252;r die auf Instagram erz&#228;hlte Geschichte bildeten historisch nachweisbare Ereignisse, die aus Sophie Scholls Sicht in einer Ich-Perspektive kommentiert wurden.</p>
<p>Dieses Projekt richtete sich vor allem an Jugendliche und junge Erwachsene. Mit dem Format eines Instagram-Accounts wurde, abgesehen von der Vergegenw&#228;rtigung der Vergangenheit durch das Reenactment &#8211; Sophie Scholl und ihre Freunde wurden von Schauspieler*innen dargestellt &#8211; auch der Informationskanal in die Gegenwart geholt und heutigen medialen Gewohnheiten angepasst: Die historische Sophie Scholl schrieb Briefe, um ihrer Familie und ihren Freunden &#252;ber ihr Leben zu berichten; eine moderne Sophie Scholl w&#252;rde dies sicherlich wie heutige Jugendliche auch auf Instagram machen. Im Februar 2022 hatte der Account &#252;ber 700.000 Follower. Damit darf das Projekt in seiner Reichweite und dem Interesse, das es erweckte, durchaus als erfolgreich bezeichnet werden. In seinem Zugang zur Vergangenheit und als Beitrag zur Geschichtskultur war es jedoch umstritten.<xref ref-type="fn" rid="n7">7</xref></p>
<p>Der Sophie-Scholl-Account gab dem hier vorgestellten Projekt die Idee. Es war jedoch nicht das Ziel, mit den Studierenden das Vorbild mit einem anderen Thema zu reproduzieren. Ebenso wenig bestand die Absicht, einen geschichtskulturellen Beitrag zur DDR-Erinnerung zu leisten. Das Instagram-Projekt sollte vielmehr zu den o.g. Kurszielen beitragen, was &#252;ber verschiedene Weisen beabsichtigt war: Neben der theoretischen Auseinandersetzung mit mediatisierten Erinnerungen wurde ein Ged&#228;chtnismedium produziert, das, als scheinbar authentische Erinnerung, sich im genannten Spannungsfeld zwischen Unmittelbarkeit und Hypermedialit&#228;t befand. Um den Eindruck von Authentizit&#228;t zu erzeugen, war es notwendig, sich intensiv mit der Geschichte und der historischen Perspektive auseinanderzusetzen und zu &#252;berlegen, wie man selbst unter den historischen Bedingungen entschieden h&#228;tte. Letzterer Aspekt war ein Beitrag zum Nachdenken &#252;ber die ethischen Implikationen sowie die angemessene Beurteilung individueller Entscheidungen in der Vergangenheit.</p>
<p>Schlie&#223;lich bot die Plattform auch die M&#246;glichkeit, Sprache in einem authentischen Raum zu nutzen. Das soziale Netzwerk Instagram erm&#246;glicht zwar keine direkte, aber doch eine reale Form der Kommunikation, die die Studierenden in ihrem Alltag anwenden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B16">Gr&#252;newald 2016: 456</xref>): Die Posts des f&#252;r den Kurs angelegten Accounts sind &#246;ffentlich und k&#246;nnen von anderen gelesen und kommentiert werden. Sie unterstehen daher einer sozialen Kontrolle.</p>
<sec>
<title>3.1 Aufgabenstellung und Materialien</title>
<p>Die Aufgabenstellung war offen. Vorgegeben war lediglich, dass eine fiktive Person, die 1988/89 in der DDR lebte, zwei Mal w&#246;chentlich &#252;ber ihr Leben posten sollte. Die Inhalte sollten die im Unterricht besprochenen Themen widerspiegeln.</p>
<p>Das Projekt war als Gemeinschaftsarbeit angelegt und wurde auch als solche bewertet. Die Studierenden sollten in der Gruppe verhandeln, welche Ereignisse sie in ihren Posts darstellen wollten, was also Relevanz f&#252;r ihre Geschichte hatte, welche Kausalit&#228;ten sie hervorheben, kurz, welchen Sinn sie ihrer Geschichte verleihen wollten. Mit sieben Studierenden<xref ref-type="fn" rid="n8">8</xref> war die Gruppe klein genug, dass diese Entscheidungen tats&#228;chlich gemeinschaftlich verhandelt wurden.</p>
<p>Die Sprachkenntnisse in der Gruppe k&#246;nnen auf einem Niveau von B1.2+ bis C1<xref ref-type="fn" rid="n9">9</xref> eingeordnet werden. Zwei Studierende verf&#252;gten &#252;ber Austauscherfahrungen in Deutschland, eine Studierende war Absolventin des Colegio Andino &#8211; Deutsche Schule Bogot&#225;; die anderen hatten Deutsch ausschlie&#223;lich an der Universidad de los Andes gelernt und waren noch nie in Deutschland gewesen.</p>
<p>Die notwendigen Informationen und Kontextualisierungen wurden &#252;ber die Kursbibliographie<xref ref-type="fn" rid="n10">10</xref> zur Verf&#252;gung gestellt. F&#252;r die theoretische Konzeptualisierung setzten sich die Studierenden mit Texten von Erll (<xref ref-type="bibr" rid="B14">2017</xref>), Landsberg (<xref ref-type="bibr" rid="B21">2003</xref>) sowie Gudehus, Eichenberg und Welzer (<xref ref-type="bibr" rid="B52">2010</xref>) auseinander. Die Konzepte Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur sowie historisches Denken wurden durch mich eingef&#252;hrt. Eine Ann&#228;herung an das Thema DDR erfolgte sowohl durch Prim&#228;r- als auch durch Sekund&#228;rquellen: Durch sach- und erinnerungskulturelle Texte, museale Konzepte<xref ref-type="fn" rid="n11">11</xref>, durch Besuche von Zeitzeugen<xref ref-type="fn" rid="n12">12</xref> im Unterricht sowie durch eine einw&#246;chige Studienfahrt nach Gie&#223;en und Leipzig<xref ref-type="fn" rid="n13">13</xref>.</p>
<p>Die Auswahl der im Kurs analysierten Filme und Graphic Novels orientierte sich an vier Themen: Alltag, &#220;berwachung, die Situation von Jugendlichen, Opposition und Flucht. Diese Aspekte pr&#228;gen das Ged&#228;chtnis der DDR in Deutschland weithin, nicht nur, weil sie medial vermittelt werden, sondern auch weil sie im Geschichtsunterricht in der Schule im Zusammenhang mit diesem Teil der deutschen Geschichte eine Rolle spielen.<xref ref-type="fn" rid="n14">14</xref> Diese Themen spiegelten sich in den Posts wider.</p>
</sec>
<sec>
<title>3.2 <italic>ichbinmaritameier</italic></title>
<p>Auf dem Instagram-Account <italic>ichbinsophiescholl</italic> informierten sich die Studierenden zun&#228;chst &#252;ber das Vorbild. Ihre erste Entscheidung betraf die Person, um die es gehen sollte. Die Studierenden beschlossen, dass sie ihnen in Bezug auf Alter, Interessen und Lebenswelt m&#246;glichst &#228;hnlich sein sollte. So entstand <italic>Marita Meier</italic>, Studierende der Germanistik an der Berliner Humboldt-Universit&#228;t mit Berufswunsch Journalistin, Aktivistin f&#252;r Frauen- und Genderrechte.</p>
<fig id="F1">
<caption>
<p>Abb. 1: <italic>Marita Meier</italic>, <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://www.instagram.com/ichbinmaritameier/?hl=en">https://www.instagram.com/ichbinmaritameier/?hl=en</ext-link></p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="zif-3637_louis-g1.png"/>
</fig>
<p>An dieser ersten Entscheidung ist zu sehen, dass eine Ann&#228;herung an die Geschichte vor allem erst einmal aus dem eigenen Erfahrungshorizont geschieht.<xref ref-type="fn" rid="n15">15</xref> Gleichzeitig wird deutlich, welche Herausforderung es ist, sich in andere und diesem Fall vergangene Realit&#228;ten hineinzudenken (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B36">Winklh&#246;fer 2021: 31&#8211;32</xref>). Dass Genderthemen vor nicht allzu langer Zeit kaum eine Rolle spielten, war den Studierenden nicht in den Sinn gekommen. Auch der Umstand, dass Frauenrechte nach DDR-Lesart ja realisiert waren und deshalb keine Vork&#228;mpfer*innen mehr brauchten, war ihnen nicht bewusst, ebenso wenig wie der Umstand, dass man in der DDR, um einen Studienplatz f&#252;r Germanistik zu bekommen, linientreu gewesen sein musste.</p>
<p>Dieser erste Personenentwurf ver&#228;nderte sich, nachdem wir uns mit Frauenrollen einerseits &#8211; z.B. mit der Figur der Kati Klee in dem Film <italic>Spur der Steine</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B38">R.: Frank Beyer 1966</xref>) &#8211; und den Ausbildungs- und Studienbedingungen in der DDR andererseits, auch durch die Zeitzeugengespr&#228;che, auseinandergesetzt hatten. <italic>Marita Meier</italic> kam daraufhin aus einer angepassten Familie, mit einer Lehrerin als Mutter und einem Volkspolizisten als Vater. In den ersten Posts geht es um allt&#228;gliche Beobachtungen, <italic>Maritas</italic> Familie und ihre Interessen. <italic>Marita</italic> ist zwar angepasst, aber nicht unkritisch: &#8222;Es gibt zwei Arten von Menschen, die[jenigen], die in unserer DDR ein Potenzial f&#252;r Verbesserungen sehen, und solche, die glauben, dass es nicht funktionieren kann und die den einzigen Weg darin sehen zu fliehen.&#8220;, wird ihr im Post vom 9. September 2022 in den Mund gelegt.</p>
<p>Auch das Frauenthema nahm eine andere Richtung an als die urspr&#252;nglich beabsichtigte: Einige Studierende setzten sich mit der gesellschaftlichen Rolle der Frau auseinander, etwa mit dem Text &#8222;Guten Morgen, du Sch&#246;ne&#8220; von <xref ref-type="bibr" rid="B61">Maxie Wander</xref>. &#8222;Das Lesen &#252;ber die Geschichte verschiedener Frauen in der DDR hat mich zum Nachdenken &#252;ber neue Perspektiven gebracht (&#8230;). Ich kann nur fragen, was es bedeutet, in der DDR eine Frau zu sein. (&#8230;) Warum sprechen wir nicht mehr &#252;ber die Sorgen, von denen die Frauen von &#8222;Guten Morgen du Sch&#246;ne&#8220; in unserem Alltag sprechen?&#8220; fragt <italic>Marita</italic> im Post vom 30. Oktober 2022.</p>
<fig id="F2">
<caption>
<p>Abb. 2: Post vom 30.10.2022</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="zif-3637_louis-g2.png"/>
</fig>
<p>Eine Ann&#228;herung an das Thema Opposition fand &#252;ber die Fernsehserie <italic>Weissensee</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B39">R.: Friedemann Fromm, 2010&#8211;2018</xref>) und die Figur der Dunja Hausmann statt. Weitere Informationen erhielten die Studierenden in Manfred Krugs autobiografischem Text <italic>Abgehauen</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B54">2018</xref>), der Graphic Novel <italic>Hinter Mauern. Eine Jugend in der DDR</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B44">Die Zeitreisenden 2018</xref>) und die Berichte des Zeitzeugen Alexander G&#252;mbel &#252;ber die Rolle der Kirche. Vor allem letztere gaben <italic>Maritas</italic> Geschichte eine drastische Wendung: Die Studierenden lie&#223;en sie auf ein Konzert in der Kirche gehen.</p>
<disp-quote>
<p>Heute habe ich etwas sehr Tolles zu erz&#228;hlen. Gestern bin ich mit einer guten Freundin von mir auf ein Konzert gegangen. Dort hatten wir die M&#246;glichkeit, neue Leute kennenzulernen und neue lokale Bands zu h&#246;ren. F&#252;r mich das beste Teil von diesen Erfahrungen ist der Ort: die Kirche. Ich erinnere mich an das erste Mal, das ich auf ein Konzert in einer Kirche gegangen bin. &#8222;&#196;h? Was hat die Kirche mit einem Konzert zu tun?&#8220; Das habe ich zu meiner Freundin gefragt, als sie mich zu dem Konzert eingeladen hat (Post vom 14.9.2022).<xref ref-type="fn" rid="n16">16</xref></p>
</disp-quote>
<fig id="F3">
<caption>
<p>Abb. 3: Post vom 14.9.2022.</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="zif-3637_louis-g3.png"/>
</fig>
<p>Damit fand ein weiteres Unterrichtsthema Eingang in <italic>Maritas</italic> Geschichte: Die &#220;berwachung durch die Staatssicherheit. Filme wie <italic>Das Leben der Anderen</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B37">R.: Florian Henckel von Donnersmark 2007</xref>) und <italic>Das schweigende Klassenzimmer</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B41">R.: Lars Kraume 2018</xref>) ebenso wie die bereits genannte Graphic Novel <italic>Hinter Mauern</italic> halfen den Studierenden, sich in den Druck und die Angst der Betroffenen hineinzuf&#252;hlen.</p>
<p>Als Konsequenz des Konzertbesuchs bekommt <italic>Marita</italic> Besuch von der Staatssicherheit und wird unter Druck gesetzt, als informelle Mitarbeiterin ihre Freunde zu bespitzeln (Posts vom 16. und 22. September 2022). Sehr gut gelang es den Studierenden, den ethischen Konflikt herauszuarbeiten, in dem Marita sich befindet, als sie eine Entscheidung treffen muss:</p>
<disp-quote>
<p>Die Stasi war vor kurzem bei mir und will, dass ich in den Konzerten, die in der Kirche stattfinden, eine Spitzel f&#252;r sie werde. (&#8230;) Sowieso will ich das eigentlich nicht machen. Die Leute, die zu diesen Konzerten gehen, sind meine Freunde, f&#252;r mich w&#252;rde es sehr unangenehm sein, wenn ich Berichte &#252;ber sie schreiben muss. Aber ich will auch kein &#196;rger mit den Autorit&#228;ten haben (Post vom 16.9.2022).</p>
</disp-quote>
<p><italic>Marita</italic> stimmt schlie&#223;lich zu, Berichte zu schreiben, wird aber dem System gegen&#252;ber zunehmend kritischer: &#8222;Trotz dieser Entscheidung bin ich mir voll sicher, dass es eine Ver&#228;nderung in dem System geben soll&#8220; (Post vom 23.9.2022). Ihre Gewissenskonflikte nehmen zu:</p>
<disp-quote>
<p>Ich habe einen Brief von meiner Freundin bekommen, es waren keine guten Nachrichten&#8230; Sie hatte mir erz&#228;hlt, dass sie zu einem Konzert einer der Bands gehen w&#252;rde (&#8230;) Aber als ich den Brief las, war ich sprachlos. Das Konzert verlief normal, die Musik und die Stimmung waren wie immer gut, schrieb sie. Sie bemerkten jedoch die verd&#228;chtige Haltung einiger Teilnehmer, kurze Blicke untereinander und verworrene Signale, und dann passierte es. Unter den Anwesenden befanden sich eingeschleuste Spione, die die gesamte Veranstaltung sabotieren sollten, (&#8230;) mehrere [Jugendliche] wurden verhaftet, darunter ein guter Freund von ihr und der Bassist einer der Bands, die an diesem Abend spielten, es ist ein bitterer Beigeschmack, auch wenn ich nicht involviert war, f&#252;hle ich mich schuldig f&#252;r das, was ich getan habe&#8230; (Post vom 27.10.2022).</p>
</disp-quote>
<p><italic>Marita</italic> beginnt, &#252;ber Flucht nachzudenken: &#8222;In der letzten Zeit war mein Leben so anstrengend und verwirrend, dass die Idee, die DDR zu verlassen, nicht so verr&#252;ckt klingt&#8220; (Post vom 2.11.2022). Ausreise und Flucht und die damit verbundenen Gefahren und Gef&#252;hle wurden im Unterricht neben dem o.g. Text von Krug mit den Graphic Novels &#8222;dr&#252;ben!&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B43">Schwartz 2008</xref>) und &#8222;Tunnel 57&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B42">Henseler/Buddenberg 2018</xref>) sowie dem Film &#8222;Ballon&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B40">R.: Michael Bully Herbig 2018</xref>) kontextualisiert.</p>
<p>Letztlich entscheidet sich <italic>Marita</italic> jedoch gegen eine Flucht, weil sie ihre Familie und ihr Studium nicht aufgeben m&#246;chte, und arrangiert sich mit den Lebensbedingungen in der DDR:</p>
<disp-quote>
<p>In den letzten Tagen habe ich so viel &#252;ber Flucht gedacht. Einige von meinen Freunden, Kommilitonen und andere Leute k&#246;nnen sich ihr Leben nur au&#223;erhalb der DDR vorstellen, und ich kann verstehen, warum sie so denken. Ich habe das Gef&#252;hl, dass ich hier ein gutes Leben habe, ein ganz normales Leben, wie es sich alle w&#252;nschen, wenn sie an Flucht denken. Ich verstehe, dass das Leben in der DDR nicht perfekt ist, es gibt eine Ideologie, die &#220;berwachung die Regeln, aber ich denke, dass man trotzdem ein gutes Leben f&#252;hren kann (Post vom 10.11.2023).</p>
</disp-quote>
<fig id="F4">
<caption>
<p>Abb. 4: Post vom 10.11.2023. Da der Account &#246;ffentlich ist, kam es zu Interaktionen in der Kommentar-Spalte.</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="zif-3637_louis-g4.png"/>
</fig>
<p>Nachdem diese Entscheidung gefallen war, bezogen sich die Studierenden in ihren Posts st&#228;rker auf historisch verb&#252;rgte Ereignisse wie etwa die manipulierten Wahlergebnisse der Kommunalwahlen im Mai 1989 oder die Friedensgebete und Montagsdemonstrationen in Leipzig, an denen <italic>Marita</italic> teilnimmt (Posts vom 18., 23. und 25.11.2022).</p>
<disp-quote>
<p>Vor zwei Tagen war ich bei der Montagsdemonstration am 9. Oktober in Leipzig. Es war ein Tag, der sicher in die Geschichte eingehen wird. 70.000 Menschen kamen zusammen!!!</p>
<p>An diesem Tag hatte ich gro&#223;e Angst, aber ich war auch mutig. Diese Gef&#252;hle wurden von allen Teilnehmern geteilt. Die Menschen riefen an diesem Tag &quot;Wir sind das Volk&quot; und &quot;keine Gewalt&quot;, wir marschierten friedlich, die St. Nikolai-Kirche und der Karl-Marx-Platz waren einige der Treffpunkte. Die Pr&#228;senz der Stasi war kein Hindernis, im Gegenteil, nach einer Zeit haben sie sich zur&#252;ckgezogen und wir blieben auf der Stra&#223;e.</p>
<p>Ich denke, wir haben eine sehr klare Botschaft hinterlassen: Es gibt eine gro&#223;e Unzufriedenheit der Menschen in der DDR mit dem Regierungssystem. Wir sind bereit, unsere Stimme zu h&#246;ren. (Post vom 25.11.2022)</p>
</disp-quote>
<p>In diese letzten Posts flossen die Erfahrungen der Studienreise ein, in deren Rahmen es m&#246;glich war, Originalschaupl&#228;tze der Montagsdemonstrationen zu besuchen.</p>
<p><italic>Maritas</italic> Geschichte endet am 30.11.2022 mit einem Post zum Mauerfall.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>4 Auswertung und Ausblick</title>
<p>Im Folgenden wird das Projekt im Hinblick auf seinen Beitrag zum Erreichen der Lernziele bewertet und seine M&#246;glichkeiten und Grenzen erl&#228;utert. Daf&#252;r werden auch Daten aus der Studierendenumfrage (E-22) ber&#252;cksichtigt, die die Universit&#228;t am Semesterende durchf&#252;hrt, sowie Daten aus einer eigenen Erhebung (E-23).<xref ref-type="fn" rid="n17">17</xref></p>
<p>Das Ziel, eine Gelegenheit zur Sprachverwendung au&#223;erhalb des Unterrichts zu er&#246;ffnen, wurde mit dem Instagram-Account erreicht. Zwar handelte es sich nicht um eine direkte Kommunikation, aber doch um die M&#246;glichkeit zur sprachlichen &#196;u&#223;erung auf einer realen Plattform, die von anderen Studierenden und Lehrenden gelesen wurde. Damit erhielt der Sprachgebrauch ein Ziel, das &#252;ber die im Unterrichtsraum h&#228;ufig vorherrschende &#220;bungssituation hinaus ging. Au&#223;erdem konnten die Studierenden regelm&#228;&#223;ig &#252;ber das Semester verteilt kurze Texte schreiben, denn <italic>Marita</italic> sollte zwei Mal w&#246;chentlich posten. Diese verschiedenen M&#246;glichkeiten und Anreize zur Sprachverwendung hoben einige Studierende in der Kursbewertung positiv hervor (E-22).</p>
<p>Das sprachliche Niveau der Posts war unterschiedlich, insgesamt aber fast immer verst&#228;ndlich. Die Posts sollten in einer Alltagssprache verfasst werden, was je nach Thema erforderte, sich auch zwischen verschiedenen Sprachregistern zu bewegen. Nicht einbinden lie&#223; sich das Thema DDR-Sprache, also die Verwendung DDR-spezifischer Begriffe in den Posts. Dies war zwar zun&#228;chst geplant, trat dann aber zugunsten anderer Themen in den Hintergrund.</p>
<p>Zu dem Ziel, dass sich die Studierenden mit einem f&#252;r die deutsche Gesellschaft relevanten Thema auseinandersetzen sollten, trug das Projekt ma&#223;geblich bei. Um <italic>Maritas</italic> Geschichte zu entwickeln, war Kontextwissen n&#246;tig, f&#252;r das die Studierenden &#252;ber die f&#252;r das Seminar bereit gestellten Texte hinaus selbst&#228;ndig Informationen suchten. Je nach Interesse vertieften die Studierenden bestimmte Themen wie etwa zur oben bereits angesprochenen Rolle der Frau in der Gesellschaft (z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B45">auf der Webseite der Bundeszentrale f&#252;r politische Bildung</xref>) oder zur DDR-Literatur (<xref ref-type="bibr" rid="B62">&#8222;Der geteilte Himmel&#8220; von Christa Wolf und &#8222;Franziska Linkerhand&#8220;</xref> <xref ref-type="bibr" rid="B56">von Brigitte Reimann</xref> in den Posts vom 9.9. bzw. 21.10.2022). In der Evaluierung best&#228;tigten die Studierenden &#252;bereinstimmend, dass gerade die f&#252;r die Posts notwendige Recherche-Arbeit zu einem Wissenszuwachs &#252;ber diesen Teil der deutschen Geschichte gef&#252;hrt habe (E-23).</p>
<p>Die Entwicklung des historischen Denkens f&#246;rderte das Projekt insofern, als die Studierenden begriffen, welche Herausforderung es darstellen kann, eine historische Perspektive einzunehmen. Dieser Lernzuwachs ist an <italic>Maritas</italic> Entwicklung nachzuvollziehen. Aus der zun&#228;chst eher k&#228;mpferisch angelegten Figur einer jungen, frauen- und genderbewegten Studentin wurde in dem Ma&#223;e, in dem sich die Studierenden Wissen &#252;ber den historischen Kontext aneigneten, ein durchschnittlicherer, an die Lebenssituation angepasster Charakter. Die Studierenden empfanden es als gro&#223;e Herausforderung, eine plausible Geschichte zu konstruieren und &#228;u&#223;erten dies auch so in der Evaluierung (E-23). F&#252;r ein Sich Hineindenken in <italic>Marita</italic> war es sicherlich hilfreich, dass das Kontextwissen &#252;ber verschiedene Kan&#228;le und Erfahrungen, auch eigene Erlebnisse, vermittelt werden konnte. Zentral war, dass die Person der <italic>Marita</italic>, trotz aller Fremdheit und anf&#228;nglicher Unkenntnis ihrer Lebensbedingungen, den Studierenden zumindest in Alter und Lebenssituation &#228;hnlich war und daher einen realen ersten Ankn&#252;pfungspunkt bot.</p>
<p>Des Weiteren bot das Projekt die M&#246;glichkeit, eine ethische Perspektive auf die Vergangenheit zu entwickeln. Die Studierenden entwarfen <italic>Marita</italic> als eine Frau, die aus ihren Lebensbedingungen das Beste macht und daf&#252;r Kompromisse eingehen muss. <italic>Marita</italic> ist keine Heldin und entscheidet sich nach Abw&#228;gung der Konsequenzen letztlich daf&#252;r, f&#252;r die Stasi zu spitzeln. Die Studierenden konnten die Handlungsoptionen aus der historischen Perspektive heraus aufzeigen und die ethisch fragw&#252;rdige Entscheidung verst&#228;ndlich machen. <italic>Marita</italic> wurde so zu einem konkreten Bindeglied zwischen der Gegenwart der Studierenden und einer abstrakten Vergangenheit und machte es ihnen m&#246;glich, zu einer differenzierteren Beurteilung von <italic>Maritas</italic> Verhalten zu gelangen: Zwar lie&#223;en sie <italic>Marita</italic> sich f&#252;r die Informantent&#228;tigkeit entscheiden, sie ihre eigene Handlungsweise dann aber kritisch hinterfragen und letztlich f&#252;r sich als falsch bewerten.</p>
<p>Auch zum Verst&#228;ndnis der erinnerungskulturellen Konzepte und zur Entwicklung der historischen Urteilsbildung leistete das Projekt einen Beitrag. Dieser l&#228;sst sich zwar nicht direkt den Posts entnehmen, h&#228;ngt aber mit der Entwicklung des Instagram-Accounts zusammen. Mit den Posts konstruierten die Studierenden eine Geschichte, f&#252;r die sie Entscheidungen treffen mussten, welche historisch verb&#252;rgten Ereignisse sie daf&#252;r ber&#252;cksichtigen wollten. Mit dieser praktischen Erfahrung wurde ihnen deutlich, dass Geschichte konstruiert ist und dass diese Konstruktion m&#246;glicherweise von au&#223;ergeschichtlichen Faktoren abh&#228;ngt. Au&#223;erdem erstellten die Studierenden ein Ged&#228;chtnismedium, f&#252;r das sie eine scheinbar authentische Stimme entwickelten, die von ihren Erfahrungen, Gedanken und Gef&#252;hlen berichtet. <italic>Marita</italic> war daher Gelegenheit, &#252;ber die Medialit&#228;t von Ged&#228;chtnis nachzudenken.</p>
<p>F&#252;r die Entwicklung der historischen Urteilsf&#228;higkeit war das Projekt eine Vorarbeit, etwa &#252;ber die Entwicklung des ethischen Konflikts um <italic>Maritas</italic> Spitzelt&#228;tigkeit. Historisch urteilen zu k&#246;nnen, erfordert eine Ber&#252;cksichtigung des vergangenen Kontextes, an den sich die Studierenden durch das Einnehmen der historischen Perspektive ann&#228;hern konnten.</p>
<p>Auch die beabsichtigte Verkn&#252;pfung des Themas mit dem Kontext der Studierenden war erfolgreich. Es gelang ihnen, im Unterrichtsgespr&#228;ch einen konzeptuellen Bezug zu Kolumbien herzustellen und damit eine Relevanz der Themen f&#252;r ihren eigenen Kontext zu erkennen &#8211; eine zentrale Voraussetzung f&#252;r nachhaltiges und sinnerzeugendes Lernen.<xref ref-type="fn" rid="n18">18</xref></p>
<p>Limitierend waren f&#252;r das Projekt vor allem die geringen Vorgaben zu Beginn. Sie lie&#223;en die Aufgabe, eine Geschichte aus einer historischen Perspektive heraus zu entwickeln, sehr komplex werden. Die Studierenden hatten zu Beginn wenig Kontextwissen, sollten aber schon in der zweiten Semesterwoche Inhalte posten. Dies empfanden sie als Herausforderung. In der Evaluierung &#228;u&#223;erten sie, dass es hilfreich gewesen w&#228;re, wenn sie die zentrale Linie ihrer Erz&#228;hlung von Anfang an h&#228;tten entwerfen k&#246;nnen (E-23). So kam es v.a. zu Beginn zu den oben genannten sachlichen Fehlern. Allerdings zeigen gerade diese Fehler den Lernprozess, der auch Anlass zu Reflexionen im Unterricht bot. F&#252;r eine abschlie&#223;ende detaillierte &#220;berpr&#252;fung hinsichtlich der Plausibilit&#228;t der gesamten Geschichte blieb allerdings am Semesterende sehr wenig Zeit. Bei einer Wiederholung des Projektes sollte die Aufgabenstellung daher pr&#228;ziser sein, etwa indem die Figur oder bestimmte zu ber&#252;cksichtigende Ereignisse vorgegeben werden.</p>
<p>Trotz dieser Einschr&#228;nkung war die Erstellung des Instagram-Accounts sowohl f&#252;r die Studierenden als auch f&#252;r ihre Lehrkraft ein erfolgreiches und bereicherndes Projekt, das durch seine &#214;ffentlichkeit eine Wirkung &#252;ber das Seminar hinaus hatte. Der Account hatte w&#228;hrend des Semesters 48 Follower, unter ihnen Studierende und Lehrende des Studienganges <italic>Lenguas y Cultura</italic>. Die Studierenden konnten ihre Sprachkenntnisse in einem realen Kontext anwenden. Sie befassten sich intensiv mit einem f&#252;r das Verst&#228;ndnis der deutschen Gesellschaft und ihrer Debatten zentralen Thema, erarbeiteten sich eine historische Perspektive und setzten sich mit der ethischen Dimension vergangener Konflikte auseinander. Die anhaltende Bereitschaft der Studierenden, Themen selbstst&#228;ndig &#252;ber den Rahmen des Seminars hinaus zu vertiefen und der sichtliche Spa&#223;, den sie bei der Entwicklung der Geschichte hatten, zeigen, dass das Projekt zum Lernen motivierte.</p>
</sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Am Ende ihres Studiums m&#252;ssen die Studierenden das Niveau C1 durch eine internationale Pr&#252;fung nachweisen. F&#252;r Deutsch kann der Sprachnachweis z.B. durch das Ablegen des TestDaF erfolgen.</p></fn>
<fn id="n2"><p>Die lateinamerikanischen Kulturwissenschaften stehen in der Tradition der britischen und us-amerikanischen <italic>Cultural Studies</italic>. Als &#220;berblick s. <xref ref-type="bibr" rid="B35">Walsh 2003: 11&#8211;28</xref>.</p></fn>
<fn id="n3"><p>Das Seminar wurde im zweiten Semester 2022 (August bis Dezember) angeboten.</p></fn>
<fn id="n4"><p>Zu nennen w&#228;ren hier etwa die Debatten &#252;ber die &#214;ffnung der Stasi-Akten (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B10">D&#246;nhoff/Dieckmann/Michnik/Schorlemmer/Schr&#246;der/Wesel 1993</xref>) und &#252;ber eine angemessene W&#252;rdigung der Alltagserfahrungen der Menschen in der DDR (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B30">Sabrow 2007a</xref>), sowie Fragen nach ostdeutschen Identit&#228;tskonstruktionen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B11">Engler/Hensel 2018</xref>), dem Nachleben der DDR im generationen&#252;bergreifenden Ged&#228;chtnis (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B24">Nichelmann 2019</xref>) oder zuletzt der Konstruktion des Ostens durch den Westens (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B25">Oschmann 2023</xref>).</p></fn>
<fn id="n5"><p>Als &#220;berblick s. z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B20">Kraus/Schuster 2017</xref>. Zuletzt hat die Publikation des Abschlussberichtes der Wahrheitskommission (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B8">Comisi&#243;n de la Verdad 2022</xref>) das Thema wieder stark in den Mittelpunkt der &#246;ffentlichen Auseinandersetzung ger&#252;ckt, s.a. <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://www.instituto-capaz.org/en/catedra-interuniversitaria-el-camino-hacia-la-paz-desafios-tras-la-entrega-del-informe-de-la-comision-de-la-verdad/">https://www.instituto-capaz.org/en/catedra-interuniversitaria-el-camino-hacia-la-paz-desafios-tras-la-entrega-del-informe-de-la-comision-de-la-verdad/</ext-link> (23.3.2023).</p></fn>
<fn id="n6"><p><ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://www.instagram.com/ichbinsophiescholl/?hl=en">https://www.instagram.com/ichbinsophiescholl/?hl=en</ext-link> (3.3.2023).</p></fn>
<fn id="n7"><p>Der Hauptvorwurf bestand darin, dass Fiktion und Wahrheit in den Posts vermischt wurden und es aufgrund fehlender Quellenangaben f&#252;r die User nicht m&#246;glich war, historisch Verb&#252;rgtes von der Dramatisierung zu unterscheiden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B32">Stelmach 2022</xref>). Zur Debatte s. <xref ref-type="bibr" rid="B34">Wagner/Ebbrecht-Hartmann/Groschek 2022</xref>. Allgemein zu einer kritischen Auseinandersetzung geschichtskultureller Aneignungen s. <xref ref-type="bibr" rid="B4">von Borries 2008: 157&#8211;161</xref>.</p></fn>
<fn id="n8"><p>Camilo Abello, Tania &#193;lvarez, Mariana Friedrich, Margarita G&#243;mez, Sof&#237;a G&#243;mez, Mariana Vargas und Paula Vargas.</p></fn>
<fn id="n9"><p>Das Niveau C1 war nachgewiesen durch den TestDaF bzw. das Deutsche Sprachdiplom Stufe II.</p></fn>
<fn id="n10"><p>Zus&#228;tzlich zu den genannten Referenzen wurden folgende Texte verwendet: Abel/Klein (<xref ref-type="bibr" rid="B49">2016</xref>), Engelhardt (<xref ref-type="bibr" rid="B50">2019</xref>), Hensel (<xref ref-type="bibr" rid="B53">2007</xref>), Packard/Rauscher/Sina/Thon/Wilde/Wildfeuer (<xref ref-type="bibr" rid="B55">2019</xref>), Sabrow (<xref ref-type="bibr" rid="B57">2007b</xref>), Sabrow (<xref ref-type="bibr" rid="B58">2007c</xref>), Schnurr (<xref ref-type="bibr" rid="B59">2015</xref>) und Schroeder (<xref ref-type="bibr" rid="B60">2009</xref>).</p></fn>
<fn id="n11"><p>Konkret das virtuelle Museum des Deutschen Historischen Museums, Lebendiges Museum Online (<ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="http://www.dhm.de/lemo">www.dhm.de/lemo</ext-link>) und das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig.</p></fn>
<fn id="n12"><p>An dieser Stelle m&#246;chte ich mich bei Katarina Steinwachs und Alexander G&#252;mbel f&#252;r ihre Bereitschaft bedanken, den Studierenden von ihren Erfahrungen zu berichten.</p></fn>
<fn id="n13"><p>Diese Reise im Oktober 2022 war m&#246;glich im Rahmen der DAAD-finanzierten Hochschulpartnerschaft &#8222;Transitional Societies: Higher Education for a Peaceful and Sustainable Future&#8220; zwischen der Universidad de los Andes, der Justus-Liebig-Universit&#228;t Gie&#223;en und der Northwest University in S&#252;dafrika. Wir m&#246;chten Stefan Peters sehr f&#252;r seine Unterst&#252;tzung dabei danken.</p></fn>
<fn id="n14"><p>Vor allem in Geschichtsschulb&#252;chern seit der Jahrtausendwende sind dies die vorherrschenden Themen, vgl. z.B. <italic>Geschichte und Geschehen</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Bender/Berlochner/Br&#252;tting/Epkenhans/Hass/Ilg/Lamparter/Santelmann/Schr&#246;der/Spreemann/Thunich 2010</xref>), <italic>Zeiten und Menschen</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B22">Lendzian 2015</xref>), <italic>Anno</italic> 6 (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Baumg&#228;rtner/Weigand 2007</xref>) oder <italic>Europa &#8211; Unsere Geschichte 4</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B15">Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission 2020</xref>).</p></fn>
<fn id="n15"><p>Gerade Frauenrechte sind in den letzten eineinhalb Jahren in Kolumbien im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Debatte um das Abtreibungsrecht kontrovers diskutiert worden. Seit Februar 2022 sind Abtreibungen in Kolumbien legal. Vgl. <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://www.dw.com/de/kolumbien-legalisiert-abtreibungen/a-60869076">https://www.dw.com/de/kolumbien-legalisiert-abtreibungen/a-60869076</ext-link> (3.3.2023).</p></fn>
<fn id="n16"><p>Sprachliche Fehler sind in den w&#246;rtlichen Zitaten nicht korrigiert (Anm. der Autorin).</p></fn>
<fn id="n17"><p>Encuesta de percepci&#243;n sobre cursos y profesores, 2022, segundo semestre. <xref ref-type="bibr" rid="B7">Centro de Evaluaci&#243;n, Universidad de los Andes, im Folgenden E-22</xref>. Au&#223;erdem f&#252;hrte ich im Februar 2023 eine eigene Evaluierung (im Folgenden E-23) des Projekts mit den Studierenden durch.</p></fn>
<fn id="n18"><p>Auch die Kommentare in E-22 zeigen dies.</p></fn>
</fn-group>
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<title>Literaturverzeichnis</title>
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<title>Texte</title>
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<title>Kurzbio</title>
<p><bold>Tatjana Louis</bold> ist Historikerin und Professorin am Departamento de Lenguas y Cultura der Universidad de los Andes in Kolumbien. Dort unterrichtet sie das Seminar f&#252;r Studierende mit der Schwerpunktsprache Deutsch. Ihre Forschungsinteressen liegen auf dem Lehren und Lernen von Geschichte, der sozialen Konstruktion von Ged&#228;chtnis und dem Umgang mit konfliktiven Vergangenheiten.</p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2"><bold>Anschrift:</bold></styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Departamento de Lenguas y Cultura</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Universidad de los Andes</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Cra. 1 No. 18A-12</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Bogot&#225; D.C., Kolumbien</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2"><ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="mailto:tlouis@uniandes.edu.co">tlouis@uniandes.edu.co</ext-link></styled-content></p>
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