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<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Interkulturellen Fremdsprachenunterricht</journal-title>
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<subject>Rezensionen</subject>
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<article-title>K&#305;rg&#305;z, Ya&#351;ar (2022): <italic>Mehrsprachigkeit im Kontext des Kurmanc&#238;-Kurdischen und des Deutschen. Eine Fallstudie aus einer kurdisch-deutschen Kindertagesst&#228;tte</italic>. Language Development Bd. 42. T&#252;bingen: Narr. ISBN: 978-3-8233-8552-3. 256 Seiten. 68,00 &#8364;.</article-title>
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<p>Das Kurdische ist eine schon immer durch Migration stark gepr&#228;gte Sprache und kann mit ihren verschiedenen Dialekten und Variet&#228;ten<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref> als in sich mehrsprachig betrachtet werden. Gleiches gilt f&#252;r ihre Sprecher*innen; sie sind meist mehrsprachig, sie sprechen unterschiedliche Dialekte und Variet&#228;ten des Kurdischen (beispielsweise Kurmanc&#238;) und oft (eine) weitere Sprache(n). Dieser Vielf&#228;ltigkeit steht kontr&#228;rer Weise oft eine geopolitische und auf die Sprachbiografie eines Teils der Sprecher*innen des Kurdischen Einfluss nehmende Entwicklung gegen&#252;ber: das Verschweigen und nicht Weitergeben des Kurdischen als einer in der Familie (meistens gesprochenen) pr&#228;senten Sprache (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B2">Brizi&#263; 2007: 39</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref> Es stehen sich somit beim Kurdischen interessanterweise h&#228;ufig zwei einflussreiche Dynamiken gegen&#252;ber: &#8218;sprachliche Vielfalt&#8216; vs. &#8218;sprachliches Schweigen&#8216;. Mindestens dieser Gegensatz macht das Kurdische zu einem spannenden wissenschaftlichen Untersuchungsgegenstand f&#252;r viele wissenschaftliche Disziplinen. Jedoch geh&#246;rt das Kurdische beispielsweise in der deutschsprachigen Mehrsprachigkeitsforschung oder Spracherwerbsforschung (trotz der in den letzten Jahren stetig steigenden Sprecher*innenzahlen in Deutschland) zu den Sprachen, die im Vergleich zu anderen Migrationssprachen weniger erforscht ist. Innerhalb der Mehrsprachigkeitsforschung versucht Ya&#351;ar K&#305;rg&#305;z mit seiner longitudinal angelegten empirischen Fallstudie &#8222;Mehrsprachigkeit im Kontext des Kurmanc&#238;-Kurdisch und des Deutschen&#8220; diesem Desiderat f&#252;r den elementaren (Bildungs-)Spracherwerb gerecht zu werden.</p>
<p>Die Monografie von K&#305;rg&#305;z geht der Frage nach, &#8222;wie sich [in acht Monaten] die Sprachkompetenz der sechs ausgew&#228;hlten Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren in Kurmanc&#238;-Kurdisch und in Deutsch [der Berliner Kindertagest&#228;tte P&#238;ya] entwickelt&#8220; (S. 19). Nach einer Einleitung (Kapitel 1) werden Forschungsziel, -fragen und -hypothesen generiert. Der Untersuchung liegen vier Forschungsfragen und acht daraus abgeleitete Hypothesen zugrunde. Die Forschungsfragen gehen der erz&#228;hlgenerierten Sprachkompetenz der Studienkinder und ihrer Entwicklung im Erhebungszeitraum (1), den grammatischen Merkmalen in den sprachlichen Daten (2), der Sprachkompetenz in weiteren Sprachen (3) und der Rolle der Kindertagest&#228;tte (Kita) P&#238;ya beim Erwerb des Kurdischen und des Deutschen (4) nach. Mit den aus den Forschungsfragen generierten Hypothesen geht K&#305;rg&#305;z in zwei zentralen Bereichen verschiedenen Desiderata nach:</p>
<list list-type="simple">
<list-item><p>I.&#160;&#160;&#160;Dokumentation des Spracherwerbs und Ermittlung der Sprachkompetenzen der Studienkinder (Schwerpunkt der Studie) und</p></list-item>
<list-item><p>II.&#160;&#160;&#160;Einflussfaktoren (Kita P&#238;ya und Familien der Studienkinder) auf diese.</p></list-item>
</list>
<p>Der theoretische Teil der Arbeit umfasst zun&#228;chst eine kontrastiv angelegte linguistische Analyse der Sprachen Kurmanc&#238;-Kurdisch und Deutsch der Reihe nach auf phonologischer, morphologischer und syntaktischer Ebene. Diese Analyse bildet die theoretische Grundlage f&#252;r den Bereich I. Der Analyse des Kurmanc&#238;-Kurdisch werden geografische und soziolinguistische Besonderheiten vorgeschaltet. Dass die Sprachen der Reihe nach kontrastiv analysiert werden, f&#252;hrt zu Redundanzen, die der Autor durch eine andere Systematisierung h&#228;tte vermeiden k&#246;nnen. So wird beispielsweise die Komplexit&#228;t der Silbenstruktur von W&#246;rtern analysiert; erst f&#252;r das Kurmanc&#238;-Kurdische (Kapitel 4.1.4.1), anschlie&#223;end f&#252;r das Deutsche (Kapitel 4.2.1). Beide Kapitel stellen unter R&#252;ckbezug zur anderen Sprache die Besonderheiten dar, sodass ebendann Redundanzen entstehen.</p>
<p>Nach der Sprachanalyse widmet sich K&#305;rg&#305;z dem Diskurs um Mehrsprachigkeit und Spracherwerb und bezieht sich dabei insbesondere auf den Spracherwerb im fr&#252;hkindlichen Alter und damit der Erz&#228;hlkompetenz und der mehrsprachigen Sprachkompetenz. Auch wird, zwar sehr kurz, auf die Bedeutung des mehrsprachigen fr&#252;hkindlichen Spracherwerbs in der Kita eingegangen (Bereich II). Dass dies sehr knapp behandelt wird und eher den Charakter einer Bestandsaufnahme hat, ist dem Umstand geschuldet, dass es sich bei diesem Bereich um einen eher neuen Diskurs handelt, der noch viele Desiderata aufweist (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B9">Montanari/Panagiotopoulou 2019</xref>). F&#252;r seine Untersuchung prognostiziert K&#305;rg&#305;z im Theorieteil auch f&#252;r das im Rahmen dieser Studie untersuchte Forschungsfeld &#8211; Kita P&#238;ya &#8211; m&#246;gliche Herausforderung f&#252;r die Erwerbskonstellation Kurmanc&#238;-Deutsch, die er durch die Ergebnisse best&#228;tigt. Dabei zeigt sich, dass das Angebot der Kita zum Kurdischen von den Studienkindern weniger als das Angebot zum Deutschen (unabh&#228;ngig vom famili&#228;ren sprachlichen Umfeld) angenommen wurde.</p>
<p>Der methodische Teil der Arbeit umfasst die Beschreibung des Forschungsfelds, das konkrete Vorgehen und die Beschreibung sowie die Wahl der Instrumente und die biografische Beschreibung der Studienkinder. Die Auswahl der Instrumente orientiert sich an der Sprachenvielfalt der Studienkinder. Das Instrument MAIN (Multilingual Assessment Instrument for Narratives) nach Gagarina/Klop/Kunnari/Tantele/V&#228;liaa/Bal&#269;i&#363;nien&#279;/Bohnacker/Walters (<xref ref-type="bibr" rid="B5">2012</xref>) wird f&#252;r die Ermittlung der Sprachkompetenzen in Kurmanc&#238; und Deutsch zu drei Erhebungszeitpunkten (EZP) und das Instrument LiSe-DaZ (Linguistische Sprachstandserhebung &#8211; Deutsch als Zweitsprache) nach Schulz und Tracy (<xref ref-type="bibr" rid="B11">2011</xref>) f&#252;r die Ermittlung der Sprachkompetenzen in Deutsch zu zwei EZP eingesetzt. Weiterhin nutzt K&#305;rg&#305;z das Instrument HAVAS 5 (Hamburger Verfahren zur Analyse des Sprachstandes bei F&#252;nfj&#228;hrigen) nach Reich/Roth (<xref ref-type="bibr" rid="B10">2004</xref>) in Kombination mit einer Lexikonabfrage f&#252;r die Erhebung der Sprachkompetenzen in weiteren Sprachen. F&#252;r den Bereich II f&#252;hrt der Autor Leitfadeninterviews (Entwicklung in Anlehnung an <xref ref-type="bibr" rid="B3">Brizi&#263; 2022</xref>) und teilnehmende Beobachtungen mit dem Personal der Kita und den Eltern der Studienkinder durch.</p>
<p>Mit dem Instrument MAIN zeigt K&#305;rg&#305;z Hinweise zur Makro- und Mikrostruktur des Sprachgebrauchs der Studienkinder im Kurdischen und Deutschen im Vergleich zu Befunden in der Spracherwerbsforschung auf. So zeigt sich f&#252;r die Makrostruktur, dass sich die Elaboration der Erz&#228;hlkompetenz der Studienkinder im Laufe der MZP erh&#246;ht (S. 198), aber immer auch ein sprachliches Niveau f&#252;r das Erz&#228;hlen einer Geschichte in einer Sprache erreicht sein muss, selbst wenn in einer anderen Sprache das sprachliche Niveau h&#246;her ist (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B1">Bohnacker 2016</xref>). Damit schlie&#223;t K&#305;rg&#305;z seine Ergebnisse an Befunde von u.a. Bohnacker (<xref ref-type="bibr" rid="B1">2016</xref>) und Mavi&#351;/Tun&#231;er/Gagarina (<xref ref-type="bibr" rid="B8">2016</xref>) an, die den Sprachgebrauch von Kindern mit anderen (Erst-)Sprachen erforscht haben. F&#252;r die Mikrostruktur konstatiert K&#305;rg&#305;z, dass die Studienkinder im Deutschen &#8222;mehr kommunikative Einheiten bilden&#8220; (S. 201) und f&#252;hrt dies auf die sprachsystematischen Unterschiede zwischen dem Kurdischen und Deutsch hinsichtlich der Typen-Token-Relation zur&#252;ck. Zum anderen leitet K&#305;rg&#305;z die m&#246;gliche Dominanz des Deutschen im Sprachgebrauch daraus ab, dass durch die &#220;bernahme deutscher W&#246;rter ins Kurdische die Erz&#228;hlung im Kurdischen unterst&#252;tzt wird. Weiterf&#252;hrend geht er in einem Unterkapitel (7.3.3) vertiefend auf &#8222;Ad-hoc-Entlehnungen und Codeswitching&#8220; ein, die die Dominanz des Deutschen in den Erz&#228;hlungen best&#228;tigen.</p>
<p>Die Ergebnisse aus LiSe-DaZ zum Sprachverst&#228;ndnis und zur Sprachproduktion im Deutschen verdeutlicht die Dynamik im Spracherwerb des Deutschen mehrsprachiger Kinder und der Spracherhebung im Deutschen anhand normorientierter Instrumente. Auch wenn zum ersten MZP die Studienkinder morphosyntaktische Diskrepanzen im Vergleich zu Vergleichsgruppen aufweisen, entwickeln sich die meisten Kinder im Laufe der Erhebung auf das Niveau der Vergleichsgruppe; auch wenn die Studienkinder bez&#252;glich der Kategorien Erwerbsbeginn, -alter und -bedingungen Unterschiede zu Vergleichsgruppen aufweisen.</p>
<p>Die Ergebnisse mittels HAVAS 5 und einer Lexikonabfrage verdeutlichen, dass Studienkinder ihre weiteren Sprachen kaum produktiv nutzen und diese somit kaum bis keinen Einfluss auf die Sprachen Kurmanc&#238; und Deutsch haben.</p>
<p>In der Arbeit f&#228;llt immer wieder die Verwendung von Kategorien wie &#8218;Kurd*innen&#8216; oder &#8218;kurdische Kinder&#8216; auf. Auch wenn der Autor an vielen Stellen seiner Arbeit auf die sprachpolitische Besonderheit des Kurdischen eingeht, w&#228;re ein kritischer Umgang mit Zuschreibungen w&#252;nschenswert gewesen, um die Bedeutung von Mehrsprachigkeit unter den Bedingungen der Migrationsgesellschaft f&#252;r den Spracherwerb von Sprachen hervorzuheben (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B4">Dirim/Knappik/Thoma 2018: 51&#8211;62</xref>). Weiterhin f&#228;llt die Aussage auf, dass &#8222;die meisten Kurd*innen die Migration zweisprachig antreten&#8220; (S. 208). Besonders die soziolinguistisch angelegte Studie von Brizi&#263; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">2007</xref>) zeigt, dass insbesondere in aus der T&#252;rkei nach &#214;sterreich migrierten Familien die Weitergabe der Erstsprache der Eltern (hier Kurdisch) nicht immer stattfindet, eher eine durch Zwangsassimilation rudiment&#228;re Variet&#228;t des T&#252;rkischen als Zweitsprache weitergegeben wird.</p>
<p>Bei der Auswahl der Instrumente f&#228;llt auf, dass das monolingual normorientierte Eruieren von Sprachkompetenzen und somit ein f&#252;r die entsprechende Sprache festgelegter Standard fokussiert wird. Es stellt sich allerdings angesichts der migrationsbedingten Mehrsprachigkeit der Studienkinder die Frage, ob diese Form von Studien nicht Instrumente ben&#246;tigen, die auch das Erheben von durch Migration gepr&#228;gten sprachlichen Variet&#228;ten erm&#246;glichen. Besonders f&#252;r das Kurdische, das in sich eine hohe Dynamik aufzeigt, w&#228;re die Entwicklung eines Analyseinstrumentes geeignet gewesen, das ebendiese dynamische Struktur des Kurdischen wie auch migrationsbedingte sprachliche Dynamiken mitdenkt. LiSe-DaZ erm&#246;glicht zwar separate Normwerte f&#252;r sog. Deutsch als Zweitsprachensprecher*innen und erweitert somit die Spracherhebung hinsichtlich der migrationsbedingten Mehrsprachigkeit (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B6">Lemmer/Voet Cornelli/Schulz 2021: 206</xref>). Jedoch wird mit diesem Instrument die Sprachkompetenz ausschlie&#223;lich in der deutschen Sprache erhoben. Der Mehrsprachigkeitsdiskurs braucht Instrumente, die die Sprachkompetenzen von mehrsprachigen Sprecher*innen als &#8222;variationsreiches Gebilde&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Lengyel 2022: 8</xref>) erheben. F&#252;r fr&#252;hkindliche sprachliche Aktivit&#228;ten haben die Forscherinnen Dirim, Lengyel, Sava&#231; und Demir (2022) das Instrument ELA (Erfassung fr&#252;her literaler Aktivit&#228;ten) f&#252;r das Sprachenpaar Deutsch-T&#252;rkisch entwickelt. Es ber&#252;cksichtigt die Erhebung von Sprachkompetenzen in beiden Sprachen unter den Bedingungen migrationsbedingter Mehrsprachigkeit und stellt damit fest, dass der sprachdiagnostische Mehrsprachigkeitsdiskurs u.a. eine variationslinguistische Ausrichtung braucht.</p>
<p>F&#252;r die Erforschung des Kurdischen im Kontext der mehrsprachigen Sprach(en)erwerbsforschung im elementaren Bildungskontext stellt K&#305;rg&#305;z Arbeit einen Meilenstein dar. Mit seinen Ergebnissen erweitert K&#305;rg&#305;z die Erkenntnisse der Spracherwerbs- und Mehrsprachigkeitsforschung (vor allem f&#252;r den Sprachenerwerb des Kurdischen). Besonders interessant sind die Deutungen der Ergebnisse, da hier insbesondere die Dynamik von Spracherwerbsprozessen und der Erwerbskonstellationen der Sprecher*innen deutlich werden, die sich durch Migration ergeben. Auf Grundlage der Ergebnisse dieser Arbeit kann auch die relevante Frage abgeleitet werden, dass es Sprachdiagnoseinstrumente braucht, die deutlich st&#228;rker Spracherwerbskonstellationen unter den Bedingungen der Migrationsgesellschaft forcieren.</p>
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<fn id="n1"><p>Zur Diskussion um den Versuch der Kategorisierung mit den Begriffen Dialekt, Variet&#228;t und Sprache siehe u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B12">Skubsch 2002: 265&#8211;266</xref>.</p></fn>
<fn id="n2"><p>Auch wenn aktuell nicht von einem Kurdisch-Verbot offiziell gesprochen werden kann, ist die Wirkmacht des &#252;ber Jahre hinweg existierenden Sprachverbots auch heute noch in den Sprachbiografien von Menschen zu beobachten.</p></fn>
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<title>Literatur</title>
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<ref id="B3"><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Brizi&#263;</surname>, <given-names>Katharina</given-names></string-name> (<year>2022</year>): <source>Der Klang der Ungleichheit. Biografie, Bildung und Zusammenhalt in der vielsprachigen Gesellschaft</source>. <publisher-loc>M&#252;nster</publisher-loc>: <publisher-name>Waxmann</publisher-name>.</mixed-citation></ref>
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