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<journal-id journal-id-type="issn">1205-6545</journal-id>
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<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Interkulturellen Fremdsprachenunterricht</journal-title>
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<issn pub-type="epub">1205-6545</issn>
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<publisher-name>Universit&#228;ts- und Landesbibliothek Darmstadt</publisher-name>
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<article-id pub-id-type="doi">10.48694/zif.3544</article-id>
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<subject>Aufsatz au&#223;erhalb des Themenschwerpunkts</subject>
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<article-title>Perspektiven migrationsbedingt mehrsprachiger Lehramtsstudierender auf Ans&#228;tze der Mehrsprachigkeitsorientierung in ihrer eigenen Schulzeit, im Studium und im eigenen Unterricht</article-title>
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<surname>Maahs</surname>
<given-names>Ina-Maria</given-names>
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<email>inamaria.maahs@mercator.uni-koeln.de</email>
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<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2023-09-15">
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<month>09</month>
<year>2023</year>
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<year>2023</year>
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<volume>28</volume>
<issue>2</issue>
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<abstract>
<p>An Lehrkr&#228;fte mit Migrationshintergrund werden in der aktuellen Bildungsdebatte oft Erwartungen gestellt, die sie unabh&#228;ngig von der Qualifikation nur aufgrund bestimmter (zugeschriebener) (sprach-)&#8203;biografischer Erfahrungen erf&#252;llen sollen. Dazu geh&#246;rt die Idee, dass mehrsprachig sozialisierte Lehrkr&#228;fte automatisch einen mehrsprachigkeitsorientierten Unterricht gestalten. Dieser Beitrag hinterfragt solche Pr&#228;missen kritisch und pr&#228;sentiert die Ergebnisse einer qualitativen Befragung migrationsbedingt mehrsprachiger Lehramtsstudierender zu ihren Erfahrungen mit Mehrsprachigkeit im deutschen Bildungssystem sowie ihrer Haltung zu Mehrsprachigkeitsorientierung im eigenen Unterricht. Dabei werden (neo-)linguizistische Diskriminierungsprozesse offengelegt, die die angehenden Lehrkr&#228;fte im eigenen Unterricht vermeiden wollen. Gleichzeitig zeigen sich die Studierenden skeptisch gegen&#252;ber einer mehrsprachigkeitsdidaktischen Gestaltung des eigenen Unterrichts.</p>
</abstract>
<trans-abstract xml:lang="en">
<p><bold>Perspectives of migrant multilingual student teachers on approaches to multilingualism orientation in their own school years, in their university studies and in their own teaching</bold></p>
<p>In the current education debate, teachers with a migration background are often expected to fulfil specific functions only on basis of certain (ascribed) (language) biographical experiences, regardless of their qualifications. This includes the idea that teachers with a multilingual background automatically create multilingual oriented lessons. This article critically questions such premises and presents the results of a qualitative survey of migrant multilingual student teachers on their experiences with multilingualism in the German education system and their attitudes towards multilingual orientation in their own teaching. In the process, (neo-)&#8203;linguistic discrimination processes are revealed, which the prospective teachers want to avoid in their own teaching. At the same time, the students show scepticism towards a multilingual didactic design of their own lessons.</p>
</trans-abstract>
<kwd-group>
<kwd>Lehrkr&#228;ftebildung</kwd>
<kwd>Lehrkr&#228;fte mit Migrationshintergrund</kwd>
<kwd>Mehrsprachigkeitsorientierung</kwd>
<kwd>Sprachprestige</kwd>
<kwd>(Neo-)Linguizismus</kwd>
</kwd-group>
<kwd-group xml:lang="en">
<kwd>teacher education</kwd>
<kwd>teachers with a migration background</kwd>
<kwd>multilingual orientation</kwd>
<kwd>language prestige</kwd>
<kwd>(neo-)linguicism</kwd>
</kwd-group>
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<sec>
<title>1 Einf&#252;hrung</title>
<p>Um die sprachlich-kulturelle Vielfalt im Klassenzimmer besser zu ber&#252;cksichtigen, wird immer wieder gefordert, dass mehr Lehrkr&#228;fte mit sogenanntem <italic>Migrationshintergrund</italic><xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref> eingestellt werden sollen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B40">Ova/&#8203;Stein/&#8203;Zimmer 2020: 112&#8211;113</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B43">Rotter 2012: 205&#8211;207</xref>). W&#228;hrend diese Idee im Sinne einer besseren Repr&#228;sentanz der sprachlichen Vielfalt der Gesellschaft im Lehrer:innenzimmer grunds&#228;tzlich begr&#252;&#223;enswert ist, kann sie kaum als zentrale L&#246;sung f&#252;r ein strukturelles Problem des Bildungssystems dienen. Zudem kann an dem Ansatz problematisiert werden, dass durch externe Zuweisungen von Rollenbildern Othering-Prozesse entlang der Differenzlinie Migration und Mehrsprachigkeit zum Tragen kommen. Ebenso ist fraglich, inwiefern die an deutschen Schulen und Universit&#228;ten sozialisierten Lehrkr&#228;fte f&#252;r Mehrsprachigkeitsorientierung im Unterricht eintreten, nur weil sie selbst mehrsprachig sind.</p>
<p>In diesem Beitrag wird daher die Perspektive von migrationsbedingt mehrsprachig aufgewachsenen Lehramtsstudierenden auf didaktische Mehrsprachigkeitsorientierung feink&#246;rnig erfasst, um dahinterstehende Erfahrungen und &#220;berzeugungen aufzudecken. Leitende Intention dabei ist, nicht pauschal &#252;ber diese Zielgruppe und ihre m&#246;glichen Potenziale f&#252;r das Bildungssystem zu diskutieren, sondern sie selbst zu Wort kommen zu lassen und ihre eigenen Gedankeng&#228;nge und Perspektiven zu analysieren. Die &#252;bergeordnete Forschungsfrage lautet: Wie mehrsprachigkeitsorientiert stellen angehende migrationsbedingt mehrsprachige Lehrkr&#228;fte ihr eigenes Denken und Handeln dar? Um darauf Antworten zu finden, wurden Lehramtsstudierende der Universit&#228;t zu K&#246;ln in leitfadengest&#252;tzten Interviews befragt, die mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet wurden. Im Folgenden wird f&#252;r eine theoretische Fundierung der Ergebnisse zun&#228;chst das didaktische Prinzip der Mehrsprachigkeitsorientierung vorgestellt (Kap. 2) und dann basierend auf dem aktuellen Forschungsstand kritisch die Idee der migrationsbedingt mehrsprachigen Lehrkr&#228;fte als Innovator:innen des Schulsystems diskutiert (Kap. 3). Anschlie&#223;end wird das Forschungsdesign und die Methodik der vorliegenden Studie genauer erl&#228;utert (Kap. 4), um schlie&#223;lich die Ergebnisse vorzustellen (Kap. 5) und in einer kritischen Diskussion in den aktuellen Diskurs einzuordnen (Kap. 6). Der Beitrag schlie&#223;t mit einem zusammenfassenden Fazit.</p>
</sec>
<sec>
<title>2 Theoretische Hintergr&#252;nde: Mehrsprachigkeitsorientierung und Lehrkr&#228;fte mit <italic>Migrationshintergrund</italic> im deutschen Bildungssystem</title>
<sec>
<title>2.1 Mehrsprachigkeitsorientierung als didaktisches Prinzip</title>
<p>Die Intention der meisten monolingualen Sprachf&#246;rderangebote ist der schnelle Aufbau von Kompetenzen in der deutschen Sprache, der eine barrierefreie Teilhabe an der Gesellschaft erm&#246;glichen soll. Dahinter steht in der Regel ein relativ einseitiges Integrationsverst&#228;ndnis. Mehrsprachigkeitsorientierte Ans&#228;tze wie der des <italic>pedagogical translanguaging</italic> (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B12">Cenoz/Gorter 2022</xref>) er&#246;ffnen diesbez&#252;glich eine neue Perspektive, die die Erm&#246;glichung einer Kommunikation unter Einbezug aller zur Verf&#252;gung stehenden sprachlichen Mittel fordert. Auch hier werden zwar standardsprachliche Kompetenzen in der Umgebungssprache als Zielperspektive formuliert, um den mehrsprachigen Lernenden gute Teilhabechancen an Bildung und Gesellschaft zu er&#246;ffnen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B20">Gantefort/&#8203;Maahs 2020: 3</xref>). Es wird jedoch auch ber&#252;cksichtigt, dass sprachliche Bildung v.a. dann zur St&#228;rkung des pers&#246;nlichen Selbstkonzepts von Mehrsprachigen beitragen kann, wenn alle Facetten des gesamtsprachlichen Repertoires im Unterricht wertsch&#228;tzende Beachtung finden. Damit verbunden ist ein machtkritischer Diskurs, der sprachliche Hierarchien infrage stellt. So soll dadurch, dass allen Sprachen ein legitimer Raum in Schule und Unterricht zugebilligt wird, langfristig ein Sprachprestigedenken abgebaut und zur &#8222;sprachlichen Erm&#228;chtigung&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B39">Niedrig 2015: 85</xref>) unterprivilegierter und somit h&#228;ufig migrantischer Sprecher:innengruppen beigetragen werden.</p>
<p>Forschungen zu Mehrsprachigkeit belegen zudem allgemeine kognitive Bereicherungen durch Mehrsprachigkeit, wie z.B. eine Kapazit&#228;tserweiterung des Arbeitsged&#228;chtnisses (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B30">Kersten 2020: 92</xref>), sowie Vorteile beim Sprachenlernen selbst (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B41">Riehl 2006: 19</xref>). Entsprechend wird der Einbezug von Mehrsprachigkeit zunehmend als zentrales Element in der Fremdsprachendidaktik (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B23">Goethe-Institut 2013</xref>) wie auch des sprachsensiblen Fachunterrichts verstanden und z.B. in Form von Sprachvergleichen als eine M&#246;glichkeit des Scaffoldings eingesetzt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B5">Bredthauer 2019</xref>). Dennoch ist davon auszugehen, dass die Umsetzung mehrsprachigkeitsorientierter Ans&#228;tze in der Praxis immer noch eher selten geschieht. Lehrkr&#228;ften scheinen konkrete Ans&#228;tze zu fehlen, sie f&#252;hlen sich f&#252;r die Aufgabe nicht ausgebildet oder von der Vielfalt der Sprachen &#252;berfordert (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B6">Bredthauer/&#8203;Engfer 2018</xref>). Zudem bieten auch Lehrwerke nach wie vor wenig Mehrsprachigkeitsbezug (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B36">Marx 2014</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B34">Maahs/Triulzi 2020</xref>).</p>
<p>Zu erwarten ist au&#223;erdem, dass entsprechend eines Sprachprestigedenkens (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B51">Wamhoff/&#8203;Maahs/&#8203;von Dewitz 2022: 347&#8211;352</xref>) Mehrsprachigkeit in einigen F&#228;llen von Lehrkr&#228;ften unterschiedlich bewertet wird, je nachdem um welche Sprachkompetenzen es sich dabei handelt. So werden F&#228;higkeiten in den klassischen Schulfremdsprachen h&#228;ufig positiv bewertet, w&#228;hrend die in typischen Migrationssprachen eher negativ bzw. hinderlich f&#252;r den Spracherwerbsprozess im Deutschen eingesch&#228;tzt werden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B48">Tajmel/H&#228;gi-Mead 2017: 12</xref>), was demnach zu einem hierarchischen Verh&#228;ltnis von Sprachen f&#252;hrt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B9">Busch 2013: 107&#8211;112</xref>). Solche Denkstrukturen k&#246;nnen zu (didaktischen) Handlungen f&#252;hren, die einem (Neo-)Linguizismus zuzuordnen sind, also einer &#8222;speziellen Form des Rassismus [&#8230;], die in Vorurteilen und Sanktionen gegen&#252;ber Menschen, die eine bestimmte Sprache [&#8230;] verwenden&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B14">Dirim 2010: 91</xref>), auszumachen ist. Dabei scheint zunehmend eine eher subtil wirksame Form des Neo-Linguizismus zu dominieren, der sich weniger in offenen Diskriminierungen, sondern eher in implizit ausgedr&#252;ckten Assimilationserwartungen an die deutschsprachige Norm zeigt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B51">Wamhoff et al. 2022: 351&#8211;352</xref>).</p>
</sec>
<sec>
<title>2.2 Migrationsbedingt mehrsprachige Lehrkr&#228;fte als Innovator:innen des Schulsystems?</title>
<p>Zum Anteil migrationsbedingt mehrsprachiger Lehrkr&#228;fte im deutschen Schulsystem gibt es bislang keine systematischen Erhebungen. Der Anteil des Bildungspersonals mit <italic>Migrationshintergrund</italic><xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref> an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland betr&#228;gt laut Bildungsbericht 2022 jedoch 10,2 %, &#252;ber eine ausl&#228;ndische Staatsb&#252;rgerschaft verf&#252;gten 2,8 % der Lehrkr&#228;fte (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B1">Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung 2022: 264</xref>; Tab.H1-19web). Das ist im Verh&#228;ltnis deutlich weniger als der Anteil von Sch&#252;ler:innen mit <italic>Migrationshintergrund</italic> an deutschen Schulen, der 2021 38,9 % ausmachte, sowie der Anteil ausl&#228;ndischer Sch&#252;ler:innen, der 12,6 % betrug (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B46">Destatis 2022: 49</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref></p>
<p>Es ist anzunehmen, dass dieser Lehrkr&#228;fteanteil u.a. aufgrund bildungspolitischer Bem&#252;hungen, Personen mit <italic>Migrationshintergrund</italic> f&#252;r das Lehramt zu gewinnen, sowie Projekten zur z&#252;gigen Integration von gefl&#252;chteten Lehrkr&#228;ften in das deutsche Schulsystem (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B40">Ova et al. 2020: 112&#8211;113</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B43">Rotter 2012: 205&#8211;207</xref>) in den n&#228;chsten Jahren weiter steigen wird. Allerdings ist ebenso zu konstatieren, dass a) Personen mit <italic>Migrationshintergrund</italic> in Deutschland deutlich seltener die Hochschulreife erlangen als Personen ohne <italic>Migrationshintergrund</italic> (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B46">Destatis 2022: 49</xref>) und daher gar kein Studium aufnehmen k&#246;nnen, b) die Personen mit <italic>Migrationshintergrund</italic>, die ein Hochschulstudium beginnen, dieses h&#228;ufiger abbrechen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B18">Ebert/&#8203;Heublein 2017</xref>) sowie sich c) unterproportional h&#228;ufig f&#252;r das Lehramt entscheiden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B8">BAMF 2010: 91</xref>), und d) Initiativen, die ausl&#228;ndische Lehrkr&#228;fte ins Schulsystem integrieren m&#246;chten, mit vielen strukturell-b&#252;rokratischen H&#252;rden (z.B. Anerkennung von Abschl&#252;ssen) zu k&#228;mpfen haben (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B21">George 2021: 52&#8211;61</xref>).</p>
<p>Im Kontext der Debatte zu Sprachprestige und Sprachhierarchien (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B51">Wamhoff et al. 2022: 347&#8211;352</xref>) k&#246;nnte die bessere Abbildung der sprachlich-kulturellen Vielfalt der Gesellschaft im Schulsystem auf Ebene der Lehrkr&#228;fte zu einem Empowerment sonst unterprivilegierter Sprecher:innen beitragen. Schlie&#223;lich w&#252;rden sie mehr Schl&#252;sselpositionen im Bildungsprozess besetzen und k&#246;nnten Vorbildfunktionen aus&#252;ben. Allerdings setzt das implizit etwas voraus, das so nicht vorausgesetzt werden kann: Dass die Lehrkr&#228;fte sich selbst mit dieser Rolle identifizieren, sich gerne als Zugeh&#246;rige der Sprecher:innengruppe zu erkennen geben und Mehrsprachigkeit in ihren Unterricht einbringen m&#246;chten. Bildungspolitische Argumentationslinien, die Lehrkr&#228;fte mit <italic>Migrationshintergrund</italic> in diesem Kontext als &#8222;Hoffnungstr&#228;ger:innen&#8220;, &#8222;Br&#252;ckenbauer:innen&#8220; oder &#8222;change agents&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B40">Ova et al. 2020: 112</xref>) feiern, ber&#252;cksichtigen dies nicht und scheinen diesen Personen zudem allein aufgrund ihrer (zugeschriebenen) Biografie interkulturelle und sprachdidaktische Kompetenzen zuzuschreiben (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B3">Br&#228;u/&#8203;Georgi/&#8203;Karaka&#351;o&#287;lu/&#8203;Rotter 2013a: 7</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B43">Rotter 2012: 205&#8211;207</xref>). So hei&#223;t es z.B. in einem Handlungskonzept des Schulministerium NRWs:</p>
<disp-quote>
<p>Lehrkr&#228;fte mit Zuwanderungsgeschichte k&#246;nnen durch ihre &#8216;Gatekeeper-Rolle&#8216; systematisch zum Abbau institutioneller Diskriminierung beitragen und symbolisch eine Kultur des Willkommen-Seins und der Anerkennung repr&#228;sentieren. Fachdidaktisch und fachmethodisch k&#246;nnen sie neue interkulturelle Perspektiven in Fachunterricht und Schulkultur einf&#252;hren. (<xref ref-type="bibr" rid="B38">MSW NRW 2010: 4</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>An diese Lehrkr&#228;fte werden demnach Erwartungen gestellt, die an andere Lehrkr&#228;fte nicht gestellt werden. Sie werden zu Repr&#228;sentant:innen f&#252;r etwas gemacht, ohne sich selbst daf&#252;r zu entscheiden. Es werden didaktische Kompetenten erwartet, f&#252;r die sie ggf. gar nicht ausgebildet wurden.</p>
<p>Diese Annahmen sind in mehrfacher Hinsicht kritisch zu hinterfragen. Zum einen haben migrationsbedingt mehrsprachige Lehrkr&#228;fte, die in Deutschland zur Schule gegangen sind und an einer deutschen Hochschule studiert haben, ein &#228;hnliches Bildungsangebot und die gleiche monolinguale Bildungssozialisation erlebt wie Lehrkr&#228;fte, die nicht migrationsbedingt mehrsprachig aufgewachsen sind. Es ist also nicht zu erwarten, dass sie per se ein anderes Wertesystem vertreten (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B40">Ova et al. 2020: 120</xref>) oder v&#246;llig andere didaktische Kompetenzen erwerben konnten. Es ist au&#223;erdem davon auszugehen, dass sie selbst in einem gegen&#252;ber Mehrsprachigkeit wenig aufgeschlossenen Schulsystem (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B24">Gogolin 2008</xref>) verst&#228;rkt auf Assimilationsstrategien (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B51">Wamhoff et al. 2022: 360</xref>) zur&#252;ckgriffen, um bildungserfolgreich zu sein. Das bedeutet, dass sie mit einem verst&#228;rkten didaktischen Einbezug von Mehrsprachigkeit ihrer eigenen Erfolgsstrategie entgegen handeln m&#252;ssten, was in jedem Fall erhebliche Reflexionsprozesse voraussetzt. Dazu passend verweisen aktuelle Studien darauf, dass Mehrsprachigkeit auch von mehrsprachigen Lehrkr&#228;ften eher in Randgespr&#228;chen des Unterrichts genutzt wird und sie sich tendenziell skeptisch gegen&#252;ber einem mehrsprachigen Agieren im Fachunterricht zeigen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B7">Budke/&#8203;Maier 2019: 36&#8211;37</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B22">Georgi/&#8203;Ackermann/&#8203;Karaka&#351; 2011: 205&#8211;206</xref>).</p>
<p>Zum anderen liegt hier eine problematische Denkstruktur zugrunde, die das Potenzial hat, bestehende Stereotypisierungen zu vertiefen. So ist die Grundannahme der Argumentation, dass migrationsbedingt mehrsprachige Sch&#252;ler:innen migrationsbedingt mehrsprachige Lehrkr&#228;fte ben&#246;tigen, die als Repr&#228;sentant:innen ihrer interkulturellen Lebensform fungieren. Dies verlagert die Herausforderung eines interkulturellen Zusammenlebens allein in die migrantischen Communitys und kennzeichnet diese zugleich als Abweichung von der monolingualen nicht-migrantischen Norm. Sowohl Sch&#252;ler:innen als auch Lehrkr&#228;fte werden somit zu &#8222;Migrationsanderen&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B37">Mecheril 2016: 15</xref>) stilisiert und die vermutlich progressiv intendierten bildungspolitischen Forderungen m&#252;ssen demnach als versteckte <italic>Othering</italic>-Prozesse (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B44">Rotter/Schlickum 2013: 59</xref>) entlarvt werden. Es w&#228;re daher nachvollziehbar, wenn die Betroffenen die ihnen zugewiesene Rolle nicht annehmen, sondern ohne Verbesonderung (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B27">H&#246;hne/&#8203;Kunz/&#8203;Radtke 2005: 601</xref>) als Mitglied der Mehrheitsgesellschaft akzeptiert werden m&#246;chten. Als Teil dieser ist ein:e Fachlehrer:in schlie&#223;lich nur f&#252;r ihren bzw. seinen eigenen Fachunterricht zust&#228;ndig und wird f&#252;r ihre bzw. seine Fachexpertise gesch&#228;tzt, statt Aufgaben der interkulturellen Bildung &#252;bernehmen zu m&#252;ssen und prim&#228;r &#8222;auf eine Experten- und Botschafterrolle f&#252;r Integration und Verst&#228;ndigung reduziert&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Bandorski/&#8203;Karaka&#351;o&#287;lu 2013: 134</xref>) zu werden. Gleichzeitig ist es ebenfalls m&#246;glich, dass bestimmte Personen diese repr&#228;sentative Vorbildungsfunktion sehr gerne annehmen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B43">Rotter 2012: 213</xref>). Problematisiert werden soll hier nur eine generalisierende Rollen- und Aufgabenzuweisung von au&#223;en, die auf biografischen Gruppenmerkmalen fu&#223;t.</p>
<p>Zwar ist grunds&#228;tzlich gut belegt, dass die Einstellungen von Lehrkr&#228;ften ihr didaktisches Handeln beeinflussen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B42">Reusser/Pauli 2014: 642</xref>). Aktuelle Forschungen zu Einstellungen und Perspektiven von (angehenden) Lehrkr&#228;ften mit <italic>Migrationshintergrund</italic> liegen jedoch noch nicht in gro&#223;er Zahl vor und sind &#252;berwiegend qualitativ ausgerichtet (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B40">Ova et al. 2020: 114</xref>). Sie thematisieren vorrangig ihr eigenes Selbstverst&#228;ndnis als (Fach-)&#8203;Lehrkraft (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B22">Georgi et al. 2011</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B45">Schlickum 2013</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B47">Stein/Ceylan/Zimmer 2017</xref>), pers&#246;nliche Wert- und Erziehungsvorstellungen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B40">Ova et al. 2020</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B29">Karaka&#351;o&#287;lu-Ayd&#305;n 2000</xref>) sowie den Umgang mit an sie gestellten Erwartungen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B43">Rotter 2012</xref>) und wahrgenommenen Rassismen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B19">Fereidooni 2016</xref>). Dabei wird das Thema Mehrsprachigkeit als Pers&#246;nlichkeitsmerkmal, das sich auch auf das Selbstverst&#228;ndnis als Lehrkraft auswirkt und von au&#223;en mit bestimmten Erwartungen verkn&#252;pft wird, teils angesprochen, steht aber nicht im Fokus. Explizite Forschung zur Haltung von angehenden Lehrkr&#228;ften gegen&#252;ber didaktischer Mehrsprachigkeitsorientierung stellen nur die Erhebungen von Schlickum dar, die Gruppendiskussionen mit Lehramtsstudierenden zum Umgang mit sprachlicher Vielfalt im Unterricht f&#252;hrte. Auch sie best&#228;tigt einen monolingualen Habitus bei den befragten Studierenden &#8211; unabh&#228;ngig vom <italic>Migrationshintergrund</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B45">Schlickum 2013: 116</xref>). Thoma (<xref ref-type="bibr" rid="B49">2018</xref>) untersucht au&#223;erdem die Sprachbiografien von Germanistikstudierenden, die teils auch in den Lehrberuf gehen, und kann aufzeigen, dass die sprachbezogenen Erfahrungen aus der Kindergarten- und Schulzeit f&#252;r die Studierenden bis heute pr&#228;gend sind.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>3 Forschungsdesign und Methodik</title>
<p>Anliegen der vorliegenden Studie<xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref> ist es, pauschale Zuweisungen von Perspektiven sowie didaktischen Handlungsweisen zu hinterfragen und die Position migrationsbedingt mehrsprachiger Lehramtsstudierender gegen&#252;ber Mehrsprachigkeitsorientierung im Unterricht in ihrer Komplexit&#228;t aufzuzeigen. Daf&#252;r wird ein qualitativer Zugang gew&#228;hlt, der es erm&#246;glicht, einen detaillierten Einblick in die Erfahrungswelt und Denkweise der Befragten zu erhalten. Die &#252;bergeordnete Fragestellung lautet: Wie mehrsprachigkeitsorientiert stellen angehende migrationsbedingt mehrsprachige Lehrkr&#228;fte ihr eigenes Denken und Handeln dar? Um diese besser operationalisieren zu k&#246;nnen, wird sie hinsichtlich drei verschiedener Aspekte konkretisiert:</p>
<list list-type="order">
<list-item><p>Welche Erfahrungen aus der Kindergarten- v.a. aber der Schulzeit haben die Perspektive der Lehramtsstudierenden auf das Thema Mehrsprachigkeitsorientierung gepr&#228;gt?</p></list-item>
<list-item><p>Inwiefern wurde das Thema Mehrsprachigkeitsorientierung in ihrem Studium thematisiert und hat ggf. ihre Einstellung dazu beeinflusst?</p></list-item>
<list-item><p>Welche Schlussfolgerungen ziehen die Studierenden aus ihren eigenen Erfahrungen in Kindergarten, Schule und Studium in Bezug auf Mehrsprachigkeitsorientierung im eigenen Unterricht?</p></list-item>
</list>
<p>Das Sample setzt sich zusammen aus acht Lehramtsstudierenden der Universit&#228;t zu K&#246;ln, die alle migrationsbedingt mehrsprachig aufgewachsen sind. Die jeweiligen Sprachen sowie das Kompetenzniveau waren bei der Auswahl nicht entscheidend, wohl aber, dass die Befragten (1) in Deutschland geboren und hier in den Kindergarten und zur Schule gegangen sind, (2) das Praxissemester bereits absolviert haben, also bereits eigene Lehrerfahrungen sammeln konnten, (3) das sogenannte &#8222;DaZ-Modul&#8220; abgeschlossen haben, somit mind. zwei Veranstaltungen zum Thema Deutsch als Zweitsprache und sprachliche Bildung absolviert haben m&#252;ssen. Die angehenden Lehrkr&#228;fte befinden sich entsprechend alle am Ende ihres Masterstudiums. Da es sich um eine qualitative Studie f&#252;r eine Theorie begrenzter Reichweite (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B11">B&#252;ttner 2021: 18</xref>) handelt, wurde keine repr&#228;sentative Besetzung des Samples angestrebt. Die Generierung erfolgte aus pers&#246;nlichen Ansprachen und einem Schneeball-System, sodass die Zusammensetzung auf Zufall, aber auch dem Interesse der Angesprochenen fu&#223;t. Die Familiensprachen der Befragten sind Russisch (D1)<xref ref-type="fn" rid="n5">5</xref>, T&#252;rkisch (N2; A3; G5), Punjabi (S4), Farsi (M6), Spanisch (D7) und Portugiesisch (J8).</p>
<p>Die Erhebung erfolgte mittels leitfadengest&#252;tzter Interviews im Sommer/Herbst 2020. Der Interviewleitfaden gliedert sich entsprechend der Fragestellung in vier thematische Bl&#246;cke: (1) das individuelle Sprachrepertoire der Person, (2) ihre Erfahrungen zum Umgang mit Mehrsprachigkeit aus der Kindergarten- und Schulzeit, (3) ihre Erfahrungen zum Umgang mit Mehrsprachigkeit im Studium, (4) der Einfluss der Erfahrungen auf das eigene Handeln und die pers&#246;nliche Haltung als Lehrkraft. Alle Interviews wurden als Videokonferenz per Zoom durchgef&#252;hrt, als Audiodatei aufgezeichnet und anschlie&#223;end mit der Software f4 transkribiert. Alle Daten wurden pseudonymisiert und jedem Studierenden ein Code zugeordnet. Anschlie&#223;end wurden die Transkripte mittels qualitativer Inhaltsanalyse mithilfe der Analysesoftware MAXQDA ausgewertet. Dabei wurde ein inhaltlich-strukturierender Zugang (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B32">Kuckartz 2016: 100</xref>) gew&#228;hlt, der ein &#8222;datenreduzierendes, (&#8230;) systematisiertes und regelgeleitetes Vorgehen&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B26">Heins 2016: 305</xref>) erm&#246;glicht. In mehrfachen Analysezirkeln wurden zun&#228;chst deduktiv auf dem theoretisch begr&#252;ndeten Leitfaden aufbauende Oberkategorien analysiert, die anschlie&#223;end durch weitere induktiv aus dem Material entwickelte Ober- und Unterkategorien erg&#228;nzt bzw. spezifiziert wurden. So entstand ein mehrgliedriges Kategoriensystem (siehe Abb. 1), das zur kommunikativen Validierung mit einem dreik&#246;pfigen Kreis an Wissenschaftler:innen diskutiert wurde (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B31">Kruse: 2021</xref>).</p>
<fig id="F1">
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<p>Abb. 1: Kategoriensystem der Inhaltsanalyse</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="zif-3544_maahs-g1.png"/>
</fig>
<p>Aufgrund des explorativen qualitativen Studienansatzes sind verallgemeinernde Schl&#252;sse aus den Ergebnissen nur eingeschr&#228;nkt m&#246;glich. Gerade durch den Detaileinblick in die pers&#246;nliche Perspektive der Zielgruppe liefern sie jedoch einen wertvollen Debattenbeitrag, der die Wirkmacht bestimmter bildungspolitischer Ma&#223;nahmen sowie didaktischer Prinzipien im Kontext von Migration und Mehrsprachigkeit im deutschen Schulsystem auf individueller Ebene aufzeigt. Gleichzeitig geht mit der Erhebung sowie Ergebnisdarstellung die Gefahr einher, dass die befragten Personen durch die Hervorhebung ihres sprachbiografischen Hintergrunds erneut als &#8222;Migrationsandere&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B37">Mecheril 2016: 15</xref>) attribuiert werden. Damit bewegt sich auch dieser Beitrag im Rahmen eines Differenzdilemmas (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B33">Kuhn 2014</xref>) im Kontext von Migration und Zweitsprache, das sich nicht einfach aufl&#246;sen l&#228;sst, hier aber zumindest klar benannt werden soll, um entsprechende Machtstrukturen sichtbar zu machen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B35">Maahs/&#8203;Winter/&#8203;Maier 2022: 49</xref>).</p>
</sec>
<sec>
<title>4 Ergebnisse</title>
<sec>
<title>4.1 Erfahrungen zum Umgang mit Mehrsprachigkeit in Kindergarten und Schule</title>
<p>Bis auf eine Befragte, die einen bilingualen Spracherwerb erlebte, gaben alle Interviewten an, dass sie als Kleinkinder zun&#228;chst nur mit einer anderen Familiensprache als Deutsch aufgewachsen sind. Deutsch haben sie gelernt als sie in den Kindergarten kamen: &#8222;Also meine Eltern haben mit mir zu Hause immer Portugiesisch gesprochen und (&#8230;) von der Au&#223;enwelt habe ich dann auch nicht wirklich viel Deutsch mitbekommen, dann erst im Kindergarten&#8220;(J8). Allerdings fand dort keine gezielte Deutschf&#246;rderung statt, sondern die Kinder wurden mit der Herausforderung des deutschen Spracherwerbs zumeist alleingelassen, was teils zu Scham und Verunsicherungen f&#252;hrte. Einige Befragte haben so schon im Kindergarten erfahren, wie sprachliche Barrieren zu mangelnden Teilhabem&#246;glichkeiten f&#252;hren k&#246;nnen: &#8222;Ich wei&#223;, dass ich oft das Gef&#252;hl hatte, gewisse Sachen nicht richtig zu verstehen (&#8230;) da habe ich mich irgendwie &#252;bergangen gef&#252;hlt, weil ich die Situation nicht richtig einsch&#228;tzen konnte&#8220; (M6). Zum Teil f&#252;hrten diese Verst&#228;ndigungsschwierigkeiten sogar zu aktiven Ausgrenzungsprozessen: &#8222;Ich kam in den Kindergarten und habe dann mit (&#8230;) den Kindern dort eben versucht, Russisch zu sprechen. Aber keiner konnte mich verstehen, dann haben die so komisch geguckt und gelacht und ich war dann (&#8230;) Au&#223;enseiter sofort&#8220; (D1).</p>
<p>Keine:r der Befragten wei&#223; von einem aktiven Einbezug der mehrsprachigen Kompetenzen in den Kindergartenalltag zu berichten, einige erz&#228;hlen jedoch von Ma&#223;nahmen zur Unterbindung der Kommunikation in anderen Sprachen als Deutsch. Dies bef&#246;rderte bei den Befragten jedoch nicht die deutsche Sprachkompetenz, sondern bewirkte ein &#8222;Silencing&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B50">Thomauske 2015: 103</xref>), f&#252;hrten also zu einer Sprachlosigkeit auf Seiten der Kinder, die sich in einem Verstummen &#228;u&#223;erte: &#8222;Meine Schwester und ich wurden getrennt, weil wir (&#8230;) uns dann nur auf T&#252;rkisch unterhalten haben. Deshalb haben sie uns (&#8230;) in verschiedene Gruppen gesteckt, damit wir besser Deutsch lernen. (&#8230;) Ich wei&#223; (&#8230;), dass meine Mutter meinte, dass ich drei Monate lang nichts gesagt habe&#8220; (N2). Erfahrungen dieser Art f&#252;hrten dazu, dass einige der Befragten ihre Kompetenzen in der Familiensprache vom Kindergarten an versuchten zu verstecken, &#8222;weil es ja dann oft auch fiese Spr&#252;che gab. Sowas wie &#8218;trinken deine Eltern viel Wodka?&#8216; (&#8230;). Deshalb habe ich das oft auch verborgen, ich habe das oft nicht zugegeben&#8220; (D1).</p>
<p>Auch in der Schule erlebten die meisten Befragten ihre mehrsprachigen Kompetenzen eher als etwas Unerw&#252;nschtes denn als Ressource: &#8222;Beim Russischen als Muttersprache hatte ich nie den Eindruck, dass das gew&#252;nscht ist und mir wurde (&#8230;) nie das Gef&#252;hl gegeben, dass meine Muttersprache f&#252;r mich irgendwie von Vorteil sein kann&#8220; (D1). H&#228;ufig wurden mehrsprachige Kompetenzen einfach ignoriert, zum Teil erlebten die Befragten aber auch explizite Deutsch-Gebote: &#8222;Ganz oft hat die Lehrerin (&#8230;) gesagt, dass man bitte leise sein soll, wenn man nicht was Gutes auf Deutsch beitragen kann&#8220; (J8). Unterschiede in solchen Handhabungen schreiben die befragten Studierenden weniger verschiedenen Lehrkr&#228;ften als viel mehr den einzelnen Sprachen und ihrem jeweiligen Prestige in der deutschen Gesellschaft zu. F&#252;r diese These spricht, dass nur die Person, deren Familiensprache einer schulischen Fremdsprache entspricht, von einem didaktischen Einbezug ihrer Sprachkompetenzen zu berichten wei&#223;: &#8222;Es wurde einfach gern gesehen, wenn ich mich im Spanischunterricht gemeldet habe. (&#8230;) Die Lehrerin hat versucht, mir dann eine Sonderrolle zu geben, sodass ich auch mal rumgehen (&#8230;) und helfen konnte&#8220; (J8). Eine Befragte mit weniger prestigetr&#228;chtigen Familiensprache berichtet dagegen von einer schmerzhaft empfundenen Nichtbeachtung der eigenen Sprache, die ebenso auf Sprachhierarchisierungen im Schulalltag verweist und der befragten Person nachhaltig in Erinnerung geblieben ist:</p>
<disp-quote>
<p>Ich erinnere mich z.B. daran, dass wir uns morgens in der Grundschule immer auf unterschiedlichen Sprachen begr&#252;&#223;t haben. Da waren wirklich ganz viele verschiedene Sprachen dabei, also Italienisch, Griechisch, T&#252;rkisch, Franz&#246;sisch, Spanisch, Englisch und alles M&#246;gliche. Aber Farsi war da nie dabei. Und ich wurde auch nie gefragt, (&#8230;) was &#8222;Hallo&#8220; (&#8230;) auf Farsi hei&#223;t. (M6)</p>
</disp-quote>
<p>&#196;hnlich pr&#228;gend f&#252;r die heutigen Studierenden waren schulische Situationen, in denen ihnen allein aufgrund der Familiengeschichte mangelnde Deutschkompetenzen zugeschrieben wurden. Mehrere Befragte mussten verpflichtend an Deutsch-F&#246;rderangeboten teilnehmen, deren Zuweisung nicht anhand einer Sprachdiagnostik, sondern biografischer Merkmale erfolgte. Von den Befragten und ihren Eltern wurde das als Teil standardisierter schulischer Prozesse hingenommen: &#8222;Ich habe ja damals in Bayern gewohnt und da war das so &#252;blich&#8220; (N2). Trotzdem wurde die Behandlung auf pers&#246;nlicher Ebene als sehr erniedrigend empfunden:</p>
<disp-quote>
<p>Da hat man schon das Gef&#252;hl gehabt, man wird irgendwie in eine Schublade gesteckt. (&#8230;) Ich konnte richtig gut Deutsch, (&#8230;) war aber eben trotzdem mit den Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;lern in einer F&#246;rderklasse, die 4 oder 5 in Deutsch standen. Das hat mich damals (&#8230;) echt verletzt. (G5)</p>
</disp-quote>
</sec>
<sec>
<title>4.2 Pr&#228;gung durch das Studium und pers&#246;nliche didaktische Haltung</title>
<p>Auch im Lehramtstudiums der Befragten wurde Mehrsprachigkeit selten thematisiert. Erst im &#8222;DaZ-Modul&#8220; erfuhren sie eine Wertsch&#228;tzung ihrer familiensprachlichen Kompetenzen: &#8222;Da ging es viel um Mehrsprachigkeit und ich hatte schon das Gef&#252;hl, dass man da wertgesch&#228;tzt wird, wenn man mehrere Sprachen sprechen kann&#8220; (D1). Au&#223;erdem regte das Modul bei einigen der Befragten Reflexionsprozesse an, die sie ihre mehrsprachigen Kompetenzen (erstmals) als positive Ressource erkennen lie&#223;en. Das war zum Teil allerdings auch eine schmerzhafte Erfahrung: &#8222;Das hat mir im Nachhinein echt wehgetan, dass ich mir als Jugendliche nicht im Klaren dar&#252;ber war, was ich eigentlich f&#252;r St&#228;rken und Vorteile habe, weil ich eben immer dachte, T&#252;rkisch sei minderwertig&#8220; (G5). Eine Befragte betont in dem Kontext auch, dass sich solche Reflexionsprozesse nicht automatisch einstellen, sondern gezielt angeregt und angenommen werden m&#252;ssen:</p>
<disp-quote>
<p>Damit meine ich, dass es (&#8230;) nicht nur auf Deine eigene Kindheit ankommt als Lehrkraft, sondern auch, wie sehr Du Dich mit Dingen im Studium wirklich aktiv auseinandersetzt. (&#8230;) Also man muss sich wirklich selbst reflektieren, (&#8230;) das funktioniert nicht automatisch in nur einem Seminar. (M6)</p>
</disp-quote>
<p>Trotz dieser Reflexionen und einer positiven Einstellung zur eigenen Mehrsprachigkeit schreiben die meisten Befragten dieser wenig Bedeutung f&#252;r den eigenen Unterricht zu. Didaktische Potenziale werden am ehesten im Fremdsprachenunterricht gesehen, aber auch das in zur&#252;ckhaltender Weise:</p>
<disp-quote>
<p>Es kann sein, dass ich in meinem sp&#228;teren Spanischunterricht auch fragen werde, ob schon jemand Spanisch kann, mit der Person w&#252;rde ich es dann &#228;hnlich handhaben wie meine Lehrerin bei mir fr&#252;her. Insgesamt w&#252;rde ich aber sagen, dass meine eigene Mehrsprachigkeit keinen gro&#223;en Einfluss auf meinen Beruf haben wird. (D7)</p>
</disp-quote>
<p>Eine Person kann die Vorteile sprachvergleichender Arbeit sehr genau benennen, weist entsprechende Potenziale aber ebenso nur den Schul-Fremdsprachen zu: &#8222;Viele W&#246;rter, gerade beim Vokabelnlernen, kann man ganz gut ableiten. Ich glaube, dass ich dann eher auf Franz&#246;sisch oder Englisch zur&#252;ckgreifen werde, (&#8230;) auf die g&#228;ngigen Sprachen, (&#8230;) also Russisch eher weniger&#8220; (D1). Zu so einer Perspektive kann beitragen, dass viele der Befragten stark internalisiert haben, dass die Familiensprache einzig im privaten Bereich genutzt werden sollte: &#8222;Formale Kontexte (&#8230;) (sind) f&#252;r mich strikt vom Portugiesischen getrennt, irgendwie habe ich das so gelernt, dass man da Portugiesisch vermeiden sollte&#8220; (J8).</p>
<p>Eine Person berichtet jedoch, dass sie durch das DaZ-Modul angeregt wurde, einzelne Aspekte des Translanguaging im eigenen Unterricht im Praxissemester zu erproben: &#8222;Deswegen habe ich dann versucht, so ein paar kleine Sachen auszuprobieren. Das war didaktisch nicht so super ausgefeilt wahrscheinlich, aber ich habe z.B. (&#8230;) mal in die Runde gefragt, wer denn noch eine andere Sprache (&#8230;) kann&#8220; (M6). Drei Studierende geben au&#223;erdem an, w&#228;hrend des Praxissemesters Mehrsprachigkeit in Beratungskontexten mit Eltern genutzt zu haben, was sie als sehr positiv erlebten und auch in Zukunft umsetzen m&#246;chten:</p>
<disp-quote>
<p>Manchmal habe ich auch meine wenigen T&#252;rkischworte ausgepackt (&#8230;). Und die Eltern haben dadurch direkt viel lockerer mit mir gesprochen (&#8230;) und hatten einfach viel weniger Angst (&#8230;). Das war richtig sch&#246;n mitanzusehen, (&#8230;) dass man mit so kleinen Dingen so viel ver&#228;ndern kann. Das will ich mir unbedingt beibehalten (&#8230;). (A3)</p>
</disp-quote>
<p>Etwa die H&#228;lfte der Befragten thematisiert eine Identifikation mit der Rolle eine:r Kulturvermittler:in. Sie schreiben sich selbst aufgrund der eigenen biografischen Erfahrungen mehr Offenheit in Bezug auf verschiedene Sprachen und Kulturen zu: &#8222;Man kennt sich in mehreren Kulturen (&#8230;) aus und kann dann auch andere Kulturen besser verstehen, weil man halt offener ist&#8220; (J8). Eine Person formuliert dabei auch explizit eine Vorbildrolle f&#252;r Sch&#252;ler:innen mit <italic>Migrationshintergrund</italic>:</p>
<disp-quote>
<p>Man schleppt als Kind mit <italic>Migrationshintergrund</italic> einfach so ein Paket mit sich und das ist (&#8230;) schon schwer genug, einen Stempel quasi auf der Stirn zu tragen. Also zum einen bringe ich eben die sprachliche und sozio&#246;konomische Perspektive mit, zum anderen habe ich es ja aber trotzdem geschafft einen akademischen Abschluss zu machen. (&#8230;) Das ist eine gute Grundlage, um Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;lern sp&#228;ter auch so viel Chancengleichheit wie m&#246;glich erm&#246;glichen zu wollen. (M6)</p>
</disp-quote>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>5 Diskussion</title>
<p>In den Interviews zeigt sich, dass mehrsprachige Individuen bereits im Kindergarten &#228;u&#223;erst pr&#228;gende Erfahrungen mit Sprachbewertungen machen, was wiederum starke Effekte auf ihr Selbstkonzept haben kann. So unterst&#252;tzten diese negativen Erfahrungen in Bezug auf die eigene Mehrsprachigkeit bei den Befragten die Intention, ihre Familiensprache &#246;ffentlich zu verstecken (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B49">Thoma 2018: 162</xref>), was sich als Leitlinie bis ins Erwachsenenalter fortsetzte. Die Bedeutung, die dem Elementarbereich im Kontext einer durchg&#228;ngigen Sprachbildung (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B25">Gogolin/&#8203;Klinger/&#8203;Lange/&#8203;Lengyel/&#8203;Michel/&#8203;Neumann/&#8203;Reich/&#8203;Roth/&#8203;Schwippert 2011</xref>) zukommt, ist demnach nicht zu untersch&#228;tzen. Er muss als erste Etappe des Bildungssystems ernstgenommen werden, um eine sprach(en)f&#246;rdernde Wirkung entfalten zu k&#246;nnen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B52">Wendland, 2022</xref>), die unabh&#228;ngig von den jeweiligen Familiensprachen das Selbstkonzept aller Kinder st&#228;rkt. Andererseits wird ein (neo-)&#8203;linguizistisches System (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B14">Dirim 2010</xref>) unterst&#252;tzt, das sich selbst immer wieder reproduziert, da auch die n&#228;chsten Generationen von klein auf entsprechend sozialisiert werden.</p>
<p>Eine rein monolingual ausgerichtete KiTa scheint zwar im Sinne eines Sprachbades bei einigen Lernenden zu einem schnellen Deutscherwerb beitragen zu k&#246;nnen, kann jedoch auch Momente des Silencing (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B50">Thomauske 2015</xref>) provozieren, wie hier von den Befragten dargestellt. Befinden sich die Kinder pl&#246;tzlich unvorbereitet in einem Setting, in dem ihrer bis dahin einzig vertrauten Sprache pl&#246;tzlich keine Bedeutung mehr zukommt oder diese ggf. sogar l&#228;cherlich gemacht wird, verlieren sie ad hoc nicht nur einen erheblichen Teil ihrer Ausdrucks- und Kommunikationsm&#246;glichkeiten, sondern es wird auch ein Teil ihrer Identit&#228;t sowie ihr bisheriges Weltbild infrage gestellt. Dieser Effekt verst&#228;rkt sich, wenn der Erwerb der deutschen Sprache nicht gezielt unterst&#252;tzt wird, sondern erwartet wird, dass die Kinder diese Aufgabe allein dadurch bew&#228;ltigen, dass jede:r mit ihnen Deutsch spricht. So wird erschreckenderweise gerade die Bildungsinstitution f&#252;r die Kinder zu einem Ort der Sprachlosigkeit (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B17">Dirim/&#8203;Mecheril 2010</xref>).</p>
<p>Die Erfahrungen der befragten Studierenden stehen zudem im Einklang mit bisherigen Forschungsergebnissen zu Sprachprestige und sprachlichen Hierarchisierungsprozessen: Ein hohes Prestige genie&#223;en Sprachen, die als Weltsprachen gelten und als Schul-Fremdsprachen unterrichtet werden, w&#228;hrend typischen Migrationssprachen ein eher niedriges Prestige zugesprochen wird (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B17">Dirim/&#8203;Mecheril, 2010</xref>). Das schl&#228;gt sich im Unterricht z.B. darin nieder, dass Kompetenzen im Spanischen wertsch&#228;tzend mit in den Unterricht einbezogenen werden und den entsprechenden Sch&#252;ler:innen in dem Fall eine privilegierte &#8222;Sonderrolle&#8220; (J8) zukommt, w&#228;hrend z.B. Kompetenzen in Farsi im Unterricht gar nicht thematisiert werden. Gerade im Schulkontext erlebten einige der Befragten jedoch nicht nur eine Nicht-Anerkennung ihrer familiensprachlichen Kompetenzen, sondern auch eine pauschale Nicht-Anerkennung ihrer Deutsch-Kenntnisse, die durch die Zuwanderungsgeschichte ihrer Eltern begr&#252;ndet wird (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B49">Thoma 2018: 211&#8211;218</xref>). Hier zeigt sich eine Parallele zur Hoffnungstr&#228;ger:innen-Rhetorik in Bezug auf Lehrkr&#228;fte mit <italic>Migrationshintergrund</italic>: In beiden F&#228;llen wird Personen aufgrund eines biografischen Merkmals pauschal eine Kompetenz zu- oder abgesprochen.</p>
<p>Dazu ist au&#223;erdem kritisch anzumerken, dass in diesem Kontext zus&#228;tzlich oft eine unreflektierte Verkn&#252;pfung oder sogar Gleichsetzung von Kultur und Sprache erfolgt. Zwar besteht grunds&#228;tzlich eine gro&#223;e N&#228;he zwischen Sprache und Kultur, aber nicht im Sinne eines simplen Dreisatzes, der einem Land genau eine Sprache und eine Kultur zuordnet (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B13">Cramer 2019</xref>). Stattdessen k&#246;nnen gerade im Alltagsleben von Individuen sehr pers&#246;nliche Auspr&#228;gungen, Bedeutungszuordnungen und Identifikationen vorliegen. Besonders problematisch einzuordnen sind stereotype Zuweisungen, die Vorurteile gegen&#252;ber Individuen mit bestimmten natio-ethno-sozio-kulturellen Gruppenzugeh&#246;rigkeiten reproduzieren und zu Differenzkonstruktionen beitragen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B28">Ivanova/&#8203;Aytekin/&#8203;Epp 2021</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B37">Mecheril 2016</xref>). Das zeigt sich in den Interviews z.B. in der von einer Befragten (D1) berichteten Idee, alle russischsprachigen Personen w&#252;rden viel Wodka trinken. Es w&#228;re &#228;u&#223;erst w&#252;nschenswert, diese Diskussion zu diversifizieren und auch migrantisch gepr&#228;gte Lernende wie Lehrkr&#228;fte als Individuen zu betrachten, statt sie auf ein Gruppenmerkmal zu reduzieren. Alles andere bedeutet Zuweisungs- und Generalisierungsprozesse, die als &#252;bergriffig und verletzend empfunden werden k&#246;nnen. In der vorliegenden Befragung wird diesbez&#252;glich z.B. deutlich, dass sich einige der Studierenden sehr wohl mit einer Rolle als Vermittler:in zwischen den Kulturen f&#252;hlen, andere jedoch weniger.</p>
<p>&#220;berlegungen der Studierenden zum Einbezug von Mehrsprachigkeit finden sich fast nur f&#252;r den Fremdsprachenunterricht sowie &#8211; entsprechend fr&#252;heren Studien (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B7">Budke/Maier 2019: 36&#8211;37</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B22">Georgi et al. 2011: 205&#8211;206</xref>) &#8211; f&#252;r Beratungssituationen mit Eltern. Die Befunde sprechen somit deutlich gegen die These, Lehrkr&#228;fte mit <italic>Migrationshintergrund</italic> agierten im Unterricht selbstverst&#228;ndlich mehrsprachigkeitsorientiert. Gleichzeitig sind sich alle Befragten darin einig, Degradierungserfahrungen von Sch&#252;ler:innen aufgrund sprachlich-kultureller Zugeh&#246;rigkeiten verhindern zu wollen. Teils scheinen die Studierenden einen inneren Widerspruch zwischen dem monolingualen Habitus der eigenen Schulzeit und den im Studium vermittelten Potenzialen von Mehrsprachigkeitsdidaktik zu erleben. Insbesondere Sprecher:innen von prestigearmen Sprachen wurde jahrelang gespiegelt, dass die eigene Mehrsprachigkeit etwas Negatives sei, sodass sie sie &#246;ffentlich verbargen. Ihre eigene Bildungsbiografie best&#228;tigt ihnen, dass man als migrationsbedingt mehrsprachige Person im deutschen Bildungssystem erfolgreich sein kann, wenn man sich gut assimiliert. W&#228;hrend der Schulzeit erlebte Othering-Prozesse beeinflussen so bis heute das Denken und Handeln der angehenden Lehrkr&#228;fte (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B49">Thoma 2018: 214&#8211;215</xref>). Daher ist Forderungen zuzustimmen, die diesbez&#252;glich eine Umgestaltung der Konzepte in Schule und Hochschule und mehrsprachigkeitsorientierte &#214;ffnung (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B15">Dirim 2015</xref>) sowie Linguizismuskritik (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B16">Dirim 2017: 15&#8211;17</xref>) anstreben. Das w&#252;rde bedeuten, sich noch st&#228;rker damit zu besch&#228;ftigen, inwiefern heute noch an Bildungsinstitutionen koloniale Denkstrukturen etabliert sind, die &#8222;unter Bezugnahme auf Unterschiede zwischen Sprachen, Dialekten, Soziolekten, Akzenten und anderen sprachlichen Merkmalen Menschen kategorisiert, voneinander hierarchisierend unterschieden, inferiorisiert und an der Teilhabe an gesellschaftlichen Ressourcen&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B16">Dirim 2017: 15</xref>) hindern.</p>
<p>Insgesamt sprechen die Befunde erneut gegen die These, dass Lehrkr&#228;fte mit <italic>Migrationshintergrund</italic> selbstverst&#228;ndlich mehrsprachigkeitsorientiert im Unterricht agieren. Gleichzeitig muss konstatiert werden, dass das Lehramtsstudium bei den Befragten zwar Reflexionsprozesse in Bezug auf die eigene Mehrsprachigkeit anregen, aber offensichtlich wenig konkrete didaktische Ideen zum Einbezug dieser Ressource in den Unterricht vermitteln konnte. Hier w&#228;re zu diskutieren, ob ein Modul von 6 LP ausreichend ist, um sowohl Reflexionsprozesse zur eigenen Sprach(lern)biografie und didaktischen Haltung als auch fachdidaktisches Handlungswissen in Bezug auf sprachsensibles und damit auch mehrsprachigkeitsorientiertes Unterrichten zu vermitteln (<xref ref-type="bibr" rid="B35">Maahs et al. 2022: 48</xref>).</p>
</sec>
<sec>
<title>6 Fazit</title>
<p>Die Ergebnisse bieten einen detaillierten Einblick in die Gef&#252;hle, Gedanken sowie didaktischen Handlungsvorhaben acht angehender migrationsbedingt mehrsprachiger Lehrkr&#228;fte aus K&#246;ln in Bezug auf Mehrsprachigkeitsorientierung in Bildungsinstitutionen. Diese Befunde sind nicht grunds&#228;tzlich generalisierbar, aber sie legen (neo-)linguizistische Prozesse im deutschen Bildungssystem offen, die den Bedarf nach einer gr&#246;&#223;eren Offenheit in Bezug auf eine sprachliche Diversit&#228;t nahelegen. Zudem verdeutlichen sie, dass eine solche &#214;ffnung nicht allein dadurch zu erwarten ist, dass mehr Lehrkr&#228;fte mit <italic>Migrationshintergrund</italic> im deutschen Schuldienst eingesetzt werden. Eine zentrale Rolle in dem Prozess k&#246;nnte hingegen die Lehrkr&#228;fte- und auch Erzieher:innenbildung spielen, wenn sie Reflexionsprozesse der eigenen Haltungen anregt und didaktische Kompetenzen in der mehrsprachigkeitsorientierten und sprachsensiblen Lerner:innenf&#246;rderung sowie interkulturellen Bildung vermittelt.</p>
<p>Die Universit&#228;t wird von den Studierenden als offener gegen&#252;ber Mehrsprachigkeit beschrieben als Kindergarten und Schule. Monolinguale Strukturen werden jedoch auch hier reproduziert. So berichten die Studierenden zwar von der Wertsch&#228;tzung ihrer Sprachkompetenzen, aber nicht von einem aktiven Einbezug dieser in die Seminare. Das ist ein Zustand, wie er aktuell auch verst&#228;rkt f&#252;r die Schule beobachtet werden kann: Viele Lehrkr&#228;fte vertreten eine offene Haltung gegen&#252;ber der Sprachvielfalt im Klassenzimmer, aber es mangelt an konkreten Ideen, diese didaktisch zu nutzen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B6">Bredthauer/&#8203;Engfer 2018</xref>). Trotz positiver Entwicklungen bleiben f&#252;r das Ziel einer durchg&#228;ngigen Sprachbildung und aktiv gelebten Mehrsprachigkeit (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B25">Gogolin et al. 2011</xref>) in allen deutschen Bildungsinstitutionen daher noch einige Optimierungspotenziale in der Unterrichtspraxis, der Bildungsadministration sowie der Ausbildung von p&#228;dagogischen Fachkr&#228;ften und Lehrkr&#228;ften. Gruppenspezifische Kompetenzzuweisungen aufgrund sprachbiografischer Merkmale sollten dabei sowohl auf Ebene der Lehrkr&#228;fte als auch der Lernenden vermieden werden, um individuellen Bedarfen wie Potenzialen besser gerecht zu werden und stereotypisierende Strukturen aufzubrechen.</p>
</sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Der Autorin ist die Problematik des Begriffs bewusst, gleichzeitig scheint eine Analyse und Argumentation unter v&#246;lliger Vermeidung der Terminologie auch nicht sinnvoll, da sich zum einen auf Beitr&#228;ge bezogen wird, die diesen verwenden, und zum anderen alternative Begriffe ebenfalls Beschr&#228;nkungen und Konnotationen unterliegen. Als Markierung einer Distanzierung wird der Begriff daher im gesamten Artikel kursiviert.</p></fn>
<fn id="n2"><p>Die Definition von Migrationshintergrund folgt in der Studie dem Staatsangeh&#246;rigkeitskonzept (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B1">Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung 2022, S. VIII</xref>).</p></fn>
<fn id="n3"><p>Die Bedeutung statistischer Erfassungen von Faktoren wie Migrationshintergrund und Sprachigkeit, um einen &#220;berblick &#252;ber Bedarfe, Verteilungsprozessen etc. zu erhalten, sind offenkundig. Gleichzeitig sind statistische Repr&#228;sentationen entsprechender Konzepte auch kritisch zu hinterfragen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B10">Busch 2015</xref>). Insbesondere gilt zu beobachten, welche bildungspolitischen Schl&#252;sse aus diesen Daten gezogen werden.</p></fn>
<fn id="n4"><p>Vielen Dank an Isabel Catharina Pilger f&#252;r die sorgf&#228;ltige Durchf&#252;hrung der Datenerhebung.</p></fn>
<fn id="n5"><p>In Klammern sind die Codes angegeben, die zur Pseudonymisierung an die Befragten vergeben wurden.</p></fn>
</fn-group>
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<title>Kurzbio</title>
<p><bold>Ina-Maria Maahs</bold> ist schwerpunktm&#228;&#223;ig in der Lehrkr&#228;fteprofessionalisierung im Kontext sprachlicher Bildung t&#228;tig und besch&#228;ftigt sich mit Fragen bedarfsorientierter Lehr-Lern-Gelegenheiten f&#252;r eine langfristige Steigerung der Bildungschancen aller Lernenden. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen derzeit im Bereich mehrsprachigkeitsorientierter Didaktik, sprachsensibler Unterrichtsgestaltung, Potenzialen und Herausforderungen digitaler Medien sowie diversit&#228;tssensibler Bezeichnungspraktiken im Kontext von Migration und Zweitsprache.</p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2"><bold>Anschrift:</bold></styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Mercator-Institut f&#252;r Sprachf&#246;rderung und Deutsch als Zweitsprache</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Universit&#228;t zu K&#246;ln</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2"><ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="mailto:inamaria.maahs@mercator.uni-koeln.de">inamaria.maahs@mercator.uni-koeln.de</ext-link></styled-content></p>
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