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<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Interkulturellen Fremdsprachenunterricht</journal-title>
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<publisher-name>Universit&#228;ts- und Landesbibliothek Darmstadt</publisher-name>
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<subject>Artikel au&#223;erhalb des themenschwerpunkts</subject>
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<article-title>Macht&#8217;s klick? Eine Analyse von Grammatik-Erkl&#228;rvideos im Internet</article-title>
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<surname>Drumm</surname>
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<email>drumm@uni-kassel.de</email>
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<aff id="aff-1">Sandra Drumm, Universit&#228;t Kassel, Kurt-Wolters-Stra&#223;e 5, 34125 Kassel</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2022-09-28">
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<abstract>
<p>Zahlreiche Grammatikerkl&#228;rvideos sind frei online zug&#228;nglich, doch deren Qualit&#228;t hinsichtlich didaktischer und technischer Gestaltung variiert stark. Im Rahmen der Entwicklung von Flipped Classroom-Konzepten f&#252;r den studienvorbereitenden Deutschunterricht werden Grammatikerkl&#228;rvideos analysiert und von einer Studierenden-Fokusgruppe bewertet, um Kriterien f&#252;r die Erstellung eigener Videos zu erarbeiten. Vorhandene Grammatikerkl&#228;rvideos zeichnen sich durch deduktive Vermittlung und stellenweise fragw&#252;rdige Qualit&#228;t aus. Die Befragung der Studierenden zeigt jedoch, dass diese andere Gesichtspunkte relevant finden, wie beispielsweise reduzierte Erkl&#228;rung und Lehrpers&#246;nlichkeit.</p>
</abstract>
<trans-abstract xml:lang="en">
<p><bold>Does it click? An Analysis of Online Grammar Explanation Videos</bold></p>
<p>Numerous grammar explanation videos are available online for free, but their quality in terms of didactic and technical design varies greatly. In the context of the development of Flipped Classroom concepts for preparatory German lessons, we analyzed grammar explanation videos and evaluated them with a student focus group in order to develop criteria for the production of videos. Existing grammar explanation videos can be characterized by deductive teaching and questionable quality in some places. However, the students survey shows that learners might find other aspects relevant, such as reduced explanation and teachers&#8217; personality.</p>
</trans-abstract>
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<kwd>Grammatik</kwd>
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<title>1 Einleitung</title>
<p>Videos k&#246;nnen zahlreiche Vorteile in der Lehre bieten, da Studierende eigenst&#228;ndig damit arbeiten k&#246;nnen und die konservierte Form Mobilit&#228;t und Wiederholbarkeit mit sich bringen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B21">Merlo/Gruba 2015: 53</xref>). Dies wird besonders f&#252;r Flipped Classroom-Konzepte relevant, in denen Erkl&#228;rvideos eingesetzt werden, um mehr Raum f&#252;r (sprach)praktische Arbeit im Kurs selbst zu schaffen. Flipped Classroom-Szenarios sind dadurch charakterisiert, dass Lernende sich den grundlegenden Inhalt vor dem Pr&#228;senzunterricht erarbeiten, in der Regel gest&#252;tzt durch Videos (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B31">van Alten/Phielix/Janssen/Kester 2020</xref>). Dies erfordert Selbststeuerung und Motivation seitens der Lernenden sowie didaktisch sinnvoll aufbereitete und gut nutzbare Lernmaterialien (<xref ref-type="bibr" rid="B17">Lee/Choi 2019</xref>). Zentral ist die Annahme, dass Videos &#8222;are used to support traditional real-time, in-class classroom activities. They are not the primary instruction [&#8230;] but supplemental to it&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B13">Herreid/Schiller 2013: 64</xref>). Gerade die Aufgaben, die traditionell im Pr&#228;senzunterricht eingesetzt werden, also Vermittlung von Wissen durch Vortrag oder Lesen, werden nach diesem Konzept zu Hause, beispielsweise mit Hilfe von Videos durchgef&#252;hrt und dann sp&#228;ter im Plenarunterricht vertieft. Das schafft Freir&#228;ume f&#252;r die T&#228;tigkeiten, die traditionell als Hausaufgabe bearbeitet werden, die aber in der Regel tiefergehende Verarbeitungs- und Probleml&#246;seaufgaben umfassen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B13">Herreid/Schiller 2013: 62</xref>). Durch die Anwesenheit der Lehrkr&#228;fte bei diesen Aufgaben werden ihnen Einblicke in die Denkstrukturen und Lernprozesse der Lernenden erm&#246;glicht, welche zu den Produkten gef&#252;hrt haben. Lehrende, die mit dem Flipped Classroom-Konzept arbeiten, berichten von h&#246;herem Engagement, Interesse und h&#246;herer Leistung der Lernenden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B9">Fulton 2012: 14</xref>).</p>
<p>Dies bildet den Hintergrund zu &#220;berlegungen zur Nutzung von Grammatikerkl&#228;rvideos (GEV) in studienvorbereitenden Deutschkursen f&#252;r internationale Studierende (DSH). Die Vermittlung bzw. Wiederholung grammatischer Ph&#228;nomene soll videogest&#252;tzt zu Hause ablaufen, w&#228;hrend im Kurs mehr Raum f&#252;r das Benutzen der Sprache geschaffen wird. Bei der Recherche zeigte sich, dass das Feld der Analyse von GEV in Deutsch als Fremdsprache (DaF) noch weitestgehend unbestellt ist. Aus diesem Grund wurde eine deskriptive Studie im Vorfeld durchgef&#252;hrt, um zu erarbeiten, wie GEV gestaltet sind, welche Rolle sie f&#252;r die Lernenden spielen und welche Aspekte der Grammatikerkl&#228;rung aus der Sicht der Lernenden als bedeutsam eingesch&#228;tzt werden. Dazu wurden vorhandene Videos auf der Plattform <italic>YouTube</italic> ausgew&#228;hlt und im Hinblick auf Gestaltung und Erkl&#228;rung analysiert, an Grammatikerkl&#228;rungen in Lernergrammatiken r&#252;ckgebunden, sowie mit Ergebnissen eines Gruppeninterviews mit der Zielgruppe verglichen. Es handelt sich hier um ein in erster Linie praxisorientiertes, durch unterrichtsnahe Forschung gest&#252;tztes Projekt.</p>
<p>Im Folgenden werden zun&#228;chst grundlegende &#220;berlegungen f&#252;r den Einsatz von Erkl&#228;rvideos im Allgemeinen und im DaF-Unterricht im Besonderen dargestellt. Dem folgt der Forschungsstand zu Videos und Grammatikerkl&#228;rung, bevor auf die darauf basierenden Fragestellungen der Studie eingegangen wird. Die unterschiedlichen methodischen Zug&#228;nge werden kurz erl&#228;utert, bevor daraus resultierende Ergebnisse pr&#228;sentiert werden.</p>
</sec>
<sec>
<title>2 Definition Erkl&#228;rvideos f&#252;r Grammatikph&#228;nomene</title>
<p>Der Begriff Lernvideo ist definiert als ein multimodales, wissensvermittelndes Lernmaterial, das in unterschiedlichen Videoformaten (z.B. Legetechnik, Stop-Motion, Video-Blog, Screencast, Animationsfilm etc.) realisiert werden kann (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B23">M&#252;nch-Mankov&#225;/M&#252;ller de Acevedo 2021: 158</xref>). Unter <italic>Erkl&#228;rvideos</italic> verstehen wir &#8222;eigenproduzierte Filme, in denen erl&#228;utert wird, wie man etwas macht oder wie etwas funktioniert bzw. in denen abstrakte Konzepte und Zusammenh&#228;nge erkl&#228;rt werden.&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B33">Wolf 2015: 30</xref>). Zu unterscheiden sind hier <italic>Performanzvideos, Erkl&#228;rvideos</italic> und <italic>Lehrfilme</italic>, wobei erstere und letztere als Endpunkte einer Skala verstanden werden k&#246;nnen. Performanzvideos zeigen eine Handlung, ohne dass diese erkl&#228;rt wird. Lehrfilme hingehen sind sehr komplexe Darstellungen, die umfangreich Gebrauch von Animationen, Moderation, Musik usw. machen, deutlich l&#228;nger sind und in der Regel professionell produziert werden. Erkl&#228;rvideos rangieren zwischen diesen beiden Endpunkten, indem in ihnen etwas explizit dargestellt und erkl&#228;rt wird, unterschiedliche Darstellungsformen genutzt werden (k&#246;nnen) und trotzdem die Videos in der Regel kurz und eher simpel gestaltet sind.</p>
<p>Nach Wolf (<xref ref-type="bibr" rid="B33">2015</xref>) und Kr&#228;mer &amp; B&#246;hrs (<xref ref-type="bibr" rid="B15">2017</xref>) sind f&#252;r Erkl&#228;rvideos h&#228;ufig die folgenden Charakteristika zu verzeichnen, aufgrund der Vielfalt der Prosument*innen gibt es jedoch auch Abweichungen, besonders in der L&#228;nge:</p>
<list list-type="bullet">
<list-item><p>Skript: Erkl&#228;rvideos sind nicht einfach abgefilmte Handlung, sondern ein geplanter Vermittlungsakt, mit vorher festgelegter Abfolge.</p></list-item>
<list-item><p>Emotionales Storytelling: Es gibt einen Lebensweltbezug bzw. die Darstellung des Gegenstandes erfolgt aus der Perspektive der Zielgruppe.</p></list-item>
<list-item><p>Sie weisen einen klaren Fokus auf, der auch benannt wird.</p></list-item>
<list-item><p>Im Vergleich zu Lehrfilmen haben die Erkl&#228;rvideos eine reduzierte L&#228;nge, i.d.R. 1&#8211;3 Min., besonderer Wert wird auf eine klare und verst&#228;ndliche Sprache gelegt.</p></list-item>
<list-item><p>Visualisierungen kommen in Form von Illustrationen, Graphiken und Fotos zum Einsatz, um die Erkl&#228;rung zu unterst&#252;tzen.</p></list-item>
<list-item><p>Der Kommunikationsstil ist i.d.R. informell, d.h. Duzen herrscht vor, Humor wird verwendet.</p></list-item>
<list-item><p>Erkl&#228;rvideos zeichnen sich durch eine hohe Diversit&#228;t der Autorenschaft aus. Dabei wird ein Teil der Videos zur Selbstinszenierung als Lehrer*in bzw. Autorit&#228;t verwendet. Dies geschieht teils verbal, teils &#252;ber Intros, Videobeschreibungen usw.</p></list-item>
</list>
<p>Tats&#228;chlich</p>
<disp-quote>
<p>setzen sich die Erkl&#228;renden humorvoll mit dem eigenen Nicht-K&#246;nnen am Anfang oder Probleme [sic] beim Lernprozess auseinander. Das Gelingen des zu Erlernenden und zu Verstehenden wird dem <italic>&#220;ben</italic> bzw. dem Ausprobieren und Dar&#252;ber-Nachdenken zugeschrieben und nicht der individuellen Begabung. So wird die Schwierigkeit h&#228;ufig zun&#228;chst anerkannt (&#8218;das schaut zun&#228;chst schwierig aus&#8216;, [&#8230;]), aber gleichzeitig f&#252;r alle Nutzenden offene Wege zum K&#246;nnen und Verstehen aufgezeigt (&#8218;mit dieser &#220;bung wird es leichter&#8216;, [&#8230;]). Insgesamt entsteht so eine nicht-bedrohliche, fehlertolerante, positive Lernatmosph&#228;re in den Videos. (<xref ref-type="bibr" rid="B33">Wolf 2015: 32; Kursivierung i.O.</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Bezogen auf die Grammatikvermittlung, hier im engeren Sinne Grammatikpr&#228;sentation, sind jedoch auch Aspekte bedeutsam, die spezifischer sind (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B10">Gehring 2018</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B8">Fandrych/Thurmair 2018</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B22">Michalak/Ulrich 2018</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B25">Petersen/Kilian 2017</xref>) und f&#252;r GEV &#252;bertragen werden m&#252;ssen: Grammatische Ph&#228;nomene sollten kommunikativ eingebettet pr&#228;sentiert und funktional betrachtet werden. Im Zuge der Lernerorientierung ist selbstentdeckendes, ggf. auch kooperatives, induktives Lernen (sammeln &#8211; ordnen &#8211; systematisieren; forschender Habitus) einer deduktiven Herangehensweise vorzuziehen. Bez&#252;glich der Zielorientierung der Videos ist es bedeutsam, wie stark auf den Grad der Bewusstmachung abgehoben wird, also ob eine implizite Habitualisierung oder explizite Kognitivierung im Vordergrund steht. Dies gilt auch f&#252;r den Einsatz von Kontrastivit&#228;t und Sprachenvergleichen und die Wahl der Unterrichtssprache. Diese Kriterien k&#246;nnen zumindest teilweise an Videos angelegt werden.</p>
</sec>
<sec>
<title>3 Potentiale von GEV</title>
<p>Die Anzahl von wissensvermittelnden Videos steigt stetig an und GEV f&#252;r das Deutsche erreichen teilweise recht hohe (d.i. f&#252;nfstellige) Klick-Zahlen und werden in den Kommentaren der Nutzer*innen positiv bewertet. Dies mag darauf zur&#252;ckzuf&#252;hren sein, dass die Videos von <italic>Prosument*innen</italic> (Produzierende Konsument*innen, vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B28">Rummler/Wolf 2012: 254</xref>) erstellt werden, das Video selbst ist also <italic>user-generated content</italic>. F&#252;r die Zuschauenden ist dies mit einer gr&#246;&#223;eren N&#228;he zu den Prosument*innen verbunden, da diese zwar &#252;ber Kenntnisse und Erfahrung in dem Bereich verf&#252;gen, den sie erkl&#228;ren, die Videos jedoch mit h&#228;ufig einfachen Mitteln gemacht sind. Die Qualit&#228;t rangiert hier von sehr simplen, stellenweise als unprofessionell zu betrachtenden Formaten (schlechte Bild- oder Tonqualit&#228;t, einfallslos gestaltet usw.) zu sehr professionell animiert und durchdachten Beitr&#228;gen. Trotz der bisweilen hohen Qualit&#228;t haftet den Videos eine Nahbarkeit an. Die Person, die man sieht oder h&#246;rt, steht nicht stellvertretend f&#252;r gesichtslose Macher*innen, sondern ist selbst verantwortlich f&#252;r den Inhalt.</p>
<p>Erkl&#228;rvideos auf Onlinevideoplattformen weisen eine gro&#223;e Bandbreite von Gestaltungsmerkmalen auf und erscheinen dabei zumindest auf den ersten Blick aus Sicht der Fremdsprachenforschung teilweise wenig ansprechend, wenn z.B. in einem schlecht ausgeleuchteten Vordergrund eine Lehrperson an der Tafel spricht und dabei mit einem Stift auf die grammatischen Merkmale deutet, wobei es aufgrund von schlechter Tonregie jedesmal laut klackt. Weiterhin kann festgehalten werden, dass &#8222;content and explaining quality remain to this day mostly unmonitored, as well is their educational impact in formal contexts such as schools or universities&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B16">Kulgemeyer/Peters 2016: 1</xref>). Dies mag darauf zur&#252;ckzuf&#252;hren sein, dass sie eben nicht von ausgebildeten Didaktiker*innen erstellt werden und die Prosument*innen sich an subjektiven Didaktiktheorien orientieren (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B28">Rummler/Wolf 2012: 256</xref>).</p>
<p>Dennoch besitzen solche Videos auch in universit&#228;ren Lernzusammenh&#228;ngen gro&#223;es Potential. Es zeigt sich, dass das videogest&#252;tzte Training sowohl das Lehren als auch das sinnvolle Lernen erleichtert und den Erwerb von bereichsspezifischem Wissen, methodischen F&#228;higkeiten und der F&#228;higkeit, allt&#228;gliche soziale Probleme zu l&#246;sen, f&#246;rdert (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B29">Smith et al. 2019: 48</xref>). Studien, die Videolernmaterialien mit gedruckten Lesematerialien vergleichen, deuten darauf hin, dass Videomaterialien die kognitive Belastung reduzieren, die Kapazit&#228;t des Arbeitsged&#228;chtnisses optimieren und somit die Lernleistung verbessern k&#246;nnen (<xref ref-type="bibr" rid="B19">Mayer 2014</xref>).</p>
<p>Der Rahmen f&#252;r Lernen mit Video basiert auf drei Annahmen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B27">Rudolph 2017: 3</xref>):</p>
<list list-type="bullet">
<list-item><p>Zweikanalige Verarbeitung: Lernende verarbeiten visuelles und verbales Material getrennt auf verschiedenen Kan&#228;len im Gehirn (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B20">Mayer/Moreno 2003</xref>). Relevante W&#246;rter werden im verbalen Arbeitsged&#228;chtnis und relevante Bilder im visuellen Arbeitsged&#228;chtnis verarbeitet (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B30">Toh/Munassar/Yahaya 2010</xref>).</p></list-item>
<list-item><p>Begrenzte Kapazit&#228;t: Es gibt eine Grenze f&#252;r die Menge an Informationen (verbal und visuell), die jeder Kanal verarbeiten kann.</p></list-item>
<list-item><p>Aktive Verarbeitung: Damit sinnvolles und vertieftes Lernen stattfinden kann, m&#252;ssen die dargebotenen Informationen (verbal und visuell) von den Lernenden aktiv ausgew&#228;hlt, organisiert und mit dem Vorwissen integriert werden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B18">Mayer 2008</xref>).</p></list-item>
</list>
<p>Es wurde nachgewiesen, dass die Medienpr&#228;ferenzen und die Lern-/Kognitionsstile der Lernenden die Medienwirksamkeit und die Lernleistung beeinflussen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B4">Chen/Wu 2015</xref>). Die <italic>Attribute-Treatment-Interaction</italic>-Hypothese (ATI) besagt, dass einige Lernende am effektivsten mit verbalem Material lernen, w&#228;hrend andere am effektivsten mit visuellen Darstellungen lernen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B19">Mayer 2014</xref>). Je nach Lernstil der Lernenden kann die Effektivit&#228;t verschiedener Lernmedien (z.B. nur statischer Text, bildbasiert, videobasiert oder interaktive Multimedia) variieren, ebenso wie die Pr&#228;ferenzen der Lernenden f&#252;r verbale gegen&#252;ber visuellen Medien und f&#252;r Sprechen gegen&#252;ber Schreiben (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B17">Lee/Choi 2019: 937</xref>). Zusammenh&#228;ngende Erkl&#228;rungen und (visuelle) Grafiken in Videos sind jedoch besonders effektiv f&#252;r Anf&#228;nger*innen, visuelle Lerntypen und f&#252;r die Einf&#252;hrung in komplexe Themen (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Berk 2009</xref>). Die Lernenden erzielen einen h&#246;heren Lernerfolg, wenn der Text m&#252;ndlich pr&#228;sentiert wird und nicht auf dem Bildschirm erscheint (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B14">Kalyuga/Chandler/Sweller 2000</xref>). Menschen erbringen bessere Ged&#228;chtnisleistungen, wenn Informationen sowohl visuell als auch verbal enkodiert werden (vgl. u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B1">Anderson/Funke 2007</xref>). Park, Flowerday &amp; Br&#252;nken (<xref ref-type="bibr" rid="B24">2015</xref>) fanden heraus, dass Lernende effektiver lernen, wenn sie eine Erz&#228;hlung h&#246;ren, anstatt das gedruckte Wort neben einem komplexen Bild zu sehen. Verbale und nonverbale Codes agieren funktional unabh&#228;ngig, haben aber additiven Effekt auf die Erinnerungsleistung (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B32">Weidenmann 2002: 50</xref>). Daher lassen sich Erkl&#228;rungen abstrakter Sachverhalte im <italic>dual coding</italic> besser speichern, besonders, wenn bildhafte und verbale Informationen einander erg&#228;nzen. Grafiken und Text sollten dabei nahe beieinander platziert werden. Dar&#252;ber hinaus sollten Grafiken, die dekorativ sind oder nicht zu den Hauptzielen der Vermittlung beitragen, nicht verwendet werden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B27">Rudolph 2017: 6</xref>). Zu viele (verbale und visuelle) Informationen k&#246;nnen die F&#228;higkeit der Lernenden beeintr&#228;chtigen, sich auf die Hauptidee zu konzentrieren. Das Hinzuf&#252;gen von &#220;berschriften, das Hervorheben von Schl&#252;sselbegriffen und die Verwendung von Symbolen hingegen k&#246;nnen den Lernenden helfen. Wenn ein Lehrmedium zu detailliert oder zu lang ist, kann dies zu einer kognitiven &#220;berlastung des Lernenden f&#252;hren und ist abh&#228;ngig vom Vorwissen des Lernenden. Je mehr Vorwissen ein Lernender &#252;ber eine Lektion oder ein Thema verf&#252;gt, desto weniger geistige Anstrengung muss der Lernende aufbringen. Dies f&#252;hrt dazu, dass den Lernenden mehr kognitive Kapazit&#228;t f&#252;r die Auswahl und Organisation neuer Informationen zur Verf&#252;gung steht (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B27">Rudolph 2017: 5&#8211;6</xref>). F&#252;r Videos gilt zudem, dass sie pausiert, und erneut und in verschiedenen Geschwindigkeiten abgespielt werden k&#246;nnen, was das Arbeitsged&#228;chtnis ebenfalls entlasten kann.</p>
</sec>
<sec>
<title>4 Forschungsstand Erkl&#228;rvideos</title>
<p>Um Videos im universit&#228;ren Kontext zu nutzen, m&#252;ssen sie in ihrer Qualit&#228;t eingesch&#228;tzt werden. F&#252;r GEV liegen dazu leider kaum Untersuchungen vor (vgl. auch <xref ref-type="bibr" rid="B34">Zeyer 2017: 683&#8211;684</xref>). Wie Grammatik erkl&#228;rt werden soll, bleibt den Lehrenden &#252;berlassen und ist nicht abschlie&#223;end wissenschaftlich gekl&#228;rt, besonders wenn es um die Wirksamkeit der Erkl&#228;rung geht. Demnach gibt es auch auf die Frage, wie sich dies bezogen auf Videos bewerten l&#228;sst, keine zufriedenstellende Antwort. Welche Grammatikerkl&#228;rung in Form von Videos sinnvoll und ertragreich ist, bleibt ein Desiderat. Im Folgenden werden Arbeiten dargestellt, die zumindest in Teilen Antworten auf die relevanten Fragen geben, um einen Ausgangspunkt f&#252;r die Forschungsfragen zu bieten.</p>
<p>Roche &amp; Scheller (<xref ref-type="bibr" rid="B26">2004</xref>) untersuchen den Lernmehrwert von Grammatikanimationen im Vergleich zu traditionellem Pr&#228;senzunterricht. Sie pr&#252;fen die Hypothesen, dass die Behaltensleistungen bez&#252;glich des grammatischen Ph&#228;nomens bei der Experimentalgruppe kurzfristig deutlich zunehmen, sich langfristig stabilisieren und dabei die der Kontrollgruppe &#252;bertreffen. Das Kontrollgruppendesign umfasst <italic>pre-, post-</italic> und <italic>delayed posttest</italic>, es wurden 47 Grammatikanimationen zu verschiedenen Grammatikaspekten (Syntax, Wechselpr&#228;positionen, Pronomen <italic>es</italic>, Wortbildung) aufbereitet. Die Stichprobe umfasst n = 6 in der Experimentalgruppe, n = 5 in der Kontrollgruppe, wobei alle DSH-Kurs-Teilnehmer*innen einer M&#252;nchner Sprachschule auf Mittelstufenniveau waren. Die Zielgruppe war zwischen 21&#8211;28 Jahre alt, 9 davon stammen aus China.</p>
<p>Leider erweisen sich die Ergebnisse angesichts der kleinen Stichprobe als wenig repr&#228;sentativ. Zumindest zeigt sich kein schlechteres Abschneiden der Experimentalgruppe. Interessant ist, dass die Lerner*innen die Animationen positiv bewerten und ihren Einsatz begr&#252;&#223;en, der motivationale Aspekt des Einsatzes von Videos scheint sich also zu best&#228;tigen. Neuere Studien zum Zusammenhang zwischen Erkl&#228;rvideos und Sprachenlernen sind ausschlie&#223;lich im Rahmen von Studienabschlussarbeiten zu finden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B7">Efimova 2019</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B11">Gila 2017</xref>).</p>
<p>Merlo &amp; Gruba (<xref ref-type="bibr" rid="B21">2015</xref>) f&#252;hren eine Untersuchung zur Wirkung eines 12-min&#252;tigen <italic>purpose-built video</italic> zur Grammatikerkl&#228;rung von Verben in der Vergangenheit durch. Sie versuchen zu beantworten, welche Effekte der Einsatz von <italic>purpose-built videos</italic> auf die grammatische Kompetenz der Lernenden hat. Dabei ermitteln sie Daten aus einem unmittelbaren Posttest und einem Test mit gr&#246;&#223;erem Abstand zur Vermittlungseinheit, um zu untersuchen, wie sich die Effekte ver&#228;ndern. Die Stichprobe umfasst 62 Englischlernende einer Englischklasse in S&#252;dkorea (53 s&#252;dkoreanischer, 9 chinesischer Nationalit&#228;t) in kompetenztestendem Pretest (Woche 1) und Posttest (Woche 3) sowie n = 27 im <italic>Delayed Posttest</italic> (Woche 16; jedoch ohne Kontrollgruppe).</p>
<p>Kurzgefasst zeigt der direkt folgende Posttest eine Verbesserungsrate von 14.9 %, w&#228;hrend der zweite einen weiteren Zuwachs von 3.3 % verzeichnet. Die Autoren schlie&#223;en daraus, dass <italic>purpose-built videos</italic> &#8220;successfully tutors second language grammar competence and its effects are long-lasting and building&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B21">Merlo/Gruba 2015: 63</xref>).</p>
<p>Kulgemeyer &amp; Peters (<xref ref-type="bibr" rid="B16">2016</xref>) arbeiten nicht im Kontext von Grammatik in Deutsch als Fremdsprache, sondern analysieren 36 YouTube-Videos zu den Keplerschen Gesetzen und 15 zu Newtons drittem Gesetz. Sie suchen dabei nach Hinweisen, &#8222;as to whether or not the measures provided by YouTube such as &#8216;likes&#8217; and &#8216;comments&#8217; are an appropriate measure for explaining quality. Can students and teachers rely on them?&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B16">Kulgemeyer/Peters 2016: 2</xref>). Die Autoren erstellen im Vorfeld aus der Physikdidaktik 31 Analysekriterien zu Erkl&#228;rungstechniken, analysieren die Videos damit auf ihre Qualit&#228;t hin und korrelieren die Ergebnisse mit der Anzahl von <italic>views, likes/dislikes</italic>, durchschnittliche Nutzungszeit und Kommentare (bez&#252;glich Inhalt, Erkl&#228;rstil, Erkl&#228;rungsqualit&#228;t, Brauchbarkeit; ermittelt durch die Qualitative Inhaltsanalyse) zu den Videos. Die Ergebnisse zeigen, dass nur die Anzahl der inhaltsbezogenen Kommentare mit den Analysekriterien korreliert (<italic>r</italic> = 0.40**, <italic>p</italic> = 0.004).</p>
<disp-quote>
<p>Concluding, this research shows that dislikes, views and average view duration are likely to be a lot less linked to the explaining quality found in online explanatory videos, however tempting their usage seems due to easy access, when being compared to the number of relevant comments found underneath a video. (&#8230;) [I]f students are looking for an online explanatory video, they should not simply trust the likes or dislikes. Likes or dislikes might appear to be a measure of quality, but most likely they are not. (<xref ref-type="bibr" rid="B16">Kulgemeyer/Peters 2016: 12</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Dennoch lassen sich anhand der Beliebtheit Indizien daf&#252;r finden, was Studierende an Videos anzieht und woran Videos f&#252;r den Unterricht anschlie&#223;en k&#246;nnen. Dies soll im Folgenden zum Ausgangspunkt werden.</p>
</sec>
<sec sec-type="methods">
<title>5 Fragestellung und Methode</title>
<p>Aufgrund der geringen Forschungsergebnisse zu GEV wurde ein offenes, deskriptives Vorgehen gew&#228;hlt, um vorhandene GEV zu beschreiben. Folgende Fragen sollten im Rahmen dessen gekl&#228;rt werden:</p>
<list list-type="order">
<list-item><p>Wie lassen sich vorhandene, frei zug&#228;ngliche GEV f&#252;r das Deutsche in Bezug auf deren filmische Gestaltung und das Vorgehen bei der Erkl&#228;rung charakterisieren?</p></list-item>
<list-item><p>Wie wird Grammatik in diesen Erkl&#228;rvideos pr&#228;sentiert und wie unterscheidet sich die Herangehensweise von der in verbreiteten Lernergrammatiken?</p></list-item>
<list-item><p>Wie nehmen Teilnehmer*innen eines DSH-Kurses (Oberstufe) vorhandene GEV wahr? Was spricht sie an und worauf legen sie Wert?</p></list-item>
</list>
<p>Dies dient weitergehend dazu, um herauszufinden, wie GEV f&#252;r DSH-Studierende im Rahmen eines Flipped Classroom-Szenarios gestaltet werden k&#246;nnen. Im Folgenden werden zun&#228;chst die methodischen &#220;berlegungen der beiden Teilstudien dargestellt, ehe auf die Ergebnisse eingegangen wird.</p>
<sec>
<title>5.1 Schritt 1: Analyse der Videos</title>
<p>Um die Fragen zu beantworten, wurde im ersten Schritt eine Auswahl der Grammatikthemen der unterschiedlichen Stufen der DSH getroffen. In Absprache mit den Lehrenden der Kurse wurden folgende Themen festgelegt:</p>
<list list-type="simpel">
<list-item><p>&#8211; Kausals&#228;tze mit <italic>denn</italic> und <italic>weil</italic></p></list-item>
<list-item><p>&#8211; Lokale und temporale Angaben</p></list-item>
<list-item><p>&#8211; Partizip II</p></list-item>
<list-item><p>&#8211; Reflexive Verben</p></list-item>
<list-item><p>&#8211; Relativs&#228;tze</p></list-item>
<list-item><p>&#8211; Zustandspassiv</p></list-item>
</list>
<p>Daraufhin wurde ein Video-Korpus von frei zug&#228;nglichen Erkl&#228;rvideos auf YouTube zusammengestellt, wobei nach Beliebtheit, also gemessen an den h&#246;chsten Klick-Zahlen die ersten f&#252;nf ausgew&#228;hlt wurden. Dabei wurden auch die Kommentare unter den Videos einer Inhaltsanalyse unterzogen, um die Beliebtheit abzusichern. Die Kommentare der ausgew&#228;hlten Videos zeichnen sich durchweg durch positive R&#252;ckmeldungen aus (&#8222;Danke&#8220;, &#8222;Dieses Video hat mich gerettet&#8220; u.&#228;.). Weitere Pr&#228;misse war, dass eine Erkl&#228;rung des grammatischen Ph&#228;nomens vorhanden sein muss (also kein Perfomanzvideo o.&#228;.) und dass die Erkl&#228;rung in der Zielsprache Deutsch erfolgen muss. So entstand das zu analysierende Korpus (n = 6x5 = 30), wobei davon zwei Videos aus der Analyse ausgeschlossen werden mussten, da diese nur das Ph&#228;nomen nennen und schriftlich Beispiele pr&#228;sentieren, das Ph&#228;nomen aber nicht erkl&#228;ren. In Anlehnung an Kulgemeyer &amp; Peters (<xref ref-type="bibr" rid="B16">2016</xref>) wurden im Vorfeld Kriterien definiert, um die Videos auf der Ebene der allgemeinen Gestaltung und der Grammatikerkl&#228;rung zu beschreiben. Dies diente als Ausgangspukt f&#252;r die Abgleiche mit weiteren Datenquellen.</p>
</sec>
<sec>
<title>5.2 Schritt 2: Abgleich mit Fokusgruppeninterview</title>
<p>Aus den analysierten Videos wurde f&#252;r die Fokusgruppeninterviews anhand der Ergebnisse der Voruntersuchung (s. 6.1) eine Auswahl von maximal unterschiedlichen Gestaltungstypen (N = 6) getroffen und davon jeweils die ersten 5 Minuten einer Fokusgruppe gezeigt. Die Gruppe bestand aus Proband*innen der Oberstufe DSH aus den Herkunftsl&#228;ndern China, Russland, Syrien, Nigeria und Marokko, die selbst alle schon mit GEV gearbeitet haben. Die Studierenden bewerteten die Videos nach Verst&#228;ndlichkeit und Video-Gestaltung auf einem offenen Bewertungsbogen. Im Gruppeninterview wurde anschlie&#223;end &#252;ber positive oder negative Aspekte diskutiert. Anhand von Leitfragen sollte erhoben werden, welche Gestaltungskriterien f&#252;r die Zielgruppe als w&#252;nschenswert erachtet werden und welche Gr&#252;nde daf&#252;r angegeben werden.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>6 Ergebnisse</title>
<sec>
<title>6.1 Video-Analyse</title>
<p>Die Analyse der Videos zeigt, dass diese im Durchschnitt deutlich l&#228;nger (8,8 Minuten) sind als es f&#252;r Lern- und Erkl&#228;rvideos empfohlen wird (2&#8211;3 Minuten). Dies spiegelt sich jedoch nicht in den Klicks und Likes (s. <xref ref-type="table" rid="T1">Tab. 1</xref>).</p>
<table-wrap id="T1">
<caption>
<p>Tab.: 1: Deskriptive Merkmale der Videos</p>
</caption>
<table>
<tr>
<td align="left" valign="top">Merkmale</td>
<td align="left" valign="top">&#216;</td>
<td align="left" valign="top">Standardabweichung</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">L&#228;nge</td>
<td align="left" valign="top">528,25 Sek.</td>
<td align="left" valign="top">SD = 382,307</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Klicks</td>
<td align="left" valign="top">57.280,43</td>
<td align="left" valign="top">SD = 66.004,412</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Likes</td>
<td align="left" valign="top">1010,21</td>
<td align="left" valign="top">SD = 1180,462</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Dislikes</td>
<td align="left" valign="top">36,93</td>
<td align="left" valign="top">SD = 53,599</td>
</tr>
</table>
</table-wrap>
<p>Wie <xref ref-type="fig" rid="F1">Abbildung 1</xref> zeigt, sind erstaunlicherweise die l&#228;ngeren Videos (bis zu 11 Minuten) zum Teil diejenigen mit hohen Klickzahlen (nahezu 250.000) w&#228;hrend die k&#252;rzeren sich eher im niedrigen Beliebtheitsbereich verteilen.</p>
<fig id="F1">
<caption>
<p>Abb.: 1: Beliebtheit und L&#228;nge der Videos</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="zif-3447_drumm-g1.png"/>
</fig>
<p>Es kann davon ausgegangen werden, dass GEV in der Fremdsprache diesbez&#252;glich einen Sonderfall der Lernvideos darstellen: Die Sprechgeschwindigkeit ist niedriger, was die Videos l&#228;nger macht und Grammatikph&#228;nomene beinhalten oft Ausnahmen und Sonderf&#228;lle. Zudem kann es sein, dass die Themen aus dem Unterricht schon bekannt sind und der Einsatz des Videos zur Vertiefung und Wiederholung dient, weshalb die gr&#246;&#223;ere L&#228;nge nicht negativ ins Gewicht f&#228;llt. Dies w&#228;re aber in weiteren Studien zu pr&#252;fen.</p>
<p>Die Videos verf&#252;gen immer &#252;ber ein Intro (h&#228;ufig mit Musikeinspielung), auf das die Begr&#252;&#223;ung mit der Nennung des Themas folgt, ggf. mit Bezug zu weiteren Videos. H&#228;ufig wird im Rahmen der Begr&#252;&#223;ung Autorit&#228;t oder Expertise kommuniziert, damit Zuschauende wissen, dass Prosument*innen glaubw&#252;rdig sind. So wird hier beispielsweise eine Sprachschule erw&#228;hnt, oder dass man gerade aus dem Unterricht kommt. Diesem Einf&#252;hrungsteil folgt entweder direkt die Erkl&#228;rung oder Sprachmaterial, welches das zu erkl&#228;rende Ph&#228;nomen enth&#228;lt mit anschlie&#223;ender Erkl&#228;rung. Abgeschlossen werden die Videos, wenn sie aufw&#228;ndiger produziert sind, mit Ausblick auf weitere Videos, Frageaufforderungen sowie Dank und/oder Bitte um positive Bewertung/Abo o. &#196;., ggf. folgt eine Verabschiedung und ein Impressum. Seltenere, weitere m&#246;gliche Elemente sind in das Video integrierte Fragestellungen, Niveaudifferenzierung, Zusammenfassung, Lerntipps, &#220;bungen, pers&#246;nliche Ansprache/Erz&#228;hlung sowie w&#228;hrend der Erkl&#228;rung musikalische Untermalung.</p>
<sec>
<title>Gestaltungsmerkmale</title>
<p>Die analysierten Videos lassen sich in zwei Grundtypen mit unterschiedlichen Ausformungen unterscheiden (vgl. <xref ref-type="fig" rid="F2">Abb. 2</xref>):</p>
<fig id="F2">
<caption>
<p>Abb.: 2: Gestaltungstypen</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="zif-3447_drumm-g2.png"/>
</fig>
<p>Zum einen gibt es Videos, in denen eine Lehrperson zu sehen ist, die erkl&#228;rt (36 %), zum anderen Videos, in denen das nicht der Fall ist (64 %). Videos mit Lehrpersonen werden entweder als <italic>talking-head</italic> realisiert oder als Oberk&#246;rper-Ansicht und nutzen Einblendungen, Moderationsk&#228;rtchen und Whiteboards, wobei die letzteren z.T. w&#228;hrend der Erkl&#228;rung beschriftet werden. Videos ohne Lehrperson sind in der &#252;berwiegenden Mehrheit als Screencast von Folienpr&#228;sentationen realisiert, davon 11 % sogar ohne Stimme aus dem Off. Die &#252;brigen zeichnen sich durch den sog. Sketch-Stil aus, in dem eine Hand das, was gesagt wird, aufschreibt und zeichnet, erscheint.</p>
<p>Die Videos zeigen in der Mehrheit (82,14 %) einen informellen Kommunikationsstil, d.h. wenn Zuschauende angesprochen werden, dann werden sie in der Regel geduzt oder das <italic>wir</italic> wird verwendet. Keine Anrede herrscht bei Videos ohne sichtbare Lehrperson vor, wo das Ph&#228;nomen z.B. &#252;ber Folien erkl&#228;rt wird. Dies betrifft auch Aspekte wie Humor: Videos mit sichtbarer Lehrperson neigen eher zum Einsatz von Witz und Storytelling als solche ohne Lehrperson.</p>
</sec>
<sec>
<title>Grammatikerkl&#228;rung</title>
<p>In Bezug darauf, wie die Grammatik im Rahmen der untersuchten Videos erkl&#228;rt wird, wurden im Vorfeld Kategorien zur Analyse definiert. Diese speisen sich aus &#220;berlegungen zu zeitgem&#228;&#223;em Grammatikunterricht und betreffen die Aspekte induktive/deduktive Vermittlung, Einsatz von &#220;bungen usw. Wie <xref ref-type="table" rid="T2">Tabelle 2</xref> zeigt, sind die Grammatikerkl&#228;rungen eher konservativ gestaltet.</p>
<table-wrap id="T2">
<caption>
<p>Tab.: 2: Merkmale der Grammatikerkl&#228;rung</p>
</caption>
<table>
<tr>
<td align="left" valign="top">Merkmale</td>
<td align="left" valign="top"></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">deduktiv</td>
<td align="left" valign="top">21 (75 %) gehen eher deduktiv vor, wobei sie durchschnittlich 12,86 (SD = 9,710) Beispiele zur Erl&#228;uterung heranziehen</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">&#220;bungen pr&#228;sentiert</td>
<td align="left" valign="top">3 (11 %), ein Video verweist auf Blog mit &#220;bungen</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">mehrsprachige Vergleiche</td>
<td align="left" valign="top">25 % (7) unter Einbezug von Englisch und/oder Russisch</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">nicht-sprachliche Visualisierungen</td>
<td align="left" valign="top">64,3 % (18), davon besonders 28,6 % Pfeile (8)</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Animationen</td>
<td align="left" valign="top">Keine (Ausnahme Sketch-Stil in zwei Videos)</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Sonstiges</td>
<td align="left" valign="top">Erkl&#228;rungen enthalten auff&#228;llig viele Fehler (z.B. Perfekt falsch betont; Adverb, adverbiale Angabe/Erg&#228;nzung durcheinander; Partizip I und II als &#8222;Wortarten&#8220; &#8230;)</td>
</tr>
</table>
</table-wrap>
<p>Sie entsprechen damit weitestgehend dem Vorgehen in einschl&#228;gigen Lernergrammatiken, z.B. von Hall &amp; Scheiner (<xref ref-type="bibr" rid="B12">2001</xref>); Dreyer &amp; Schmitt (<xref ref-type="bibr" rid="B6">2009</xref>); Clamer &amp; Heilmann (<xref ref-type="bibr" rid="B5">2007</xref>) sowie Buscha &amp; Szita (<xref ref-type="bibr" rid="B3">2010</xref>).</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>6.2 Gruppeninterview mit DSH-Lernenden</title>
<p>Die Ergebnisse des Fokusgruppeninterviews waren &#252;berraschend. Im Vorfeld wurde angenommen, dass modern gestaltete Videos (Einblendungen) und gute Videoqualit&#228;t besonders positiv bewertet werden. Eines der Videos, die f&#252;r die Fokusgruppe ausgew&#228;hlt worden waren, zeigt eine Lehrperson, die vor einem dicht beschriebenen Whiteboard steht und Relativs&#228;tze benennt. Die Erkl&#228;rung ist sehr stark verk&#252;rzt und die Bild- und Tonqualit&#228;t eher schlecht. Die Studierenden haben die mangelnde Qualit&#228;t zwar zur Kenntnis genommen, jedoch als nicht so gravierend erlebt, da die Erkl&#228;rung f&#252;r sie gut verst&#228;ndlich war. Anders als in einem Video, in dem die filmische Qualit&#228;t deutlich besser, aber die Erkl&#228;rung anhand einer Tabelle sehr umfassend war. Die nachfolgende &#196;u&#223;erung aus dem Gruppeninterview best&#228;tigt dies:</p>
<disp-quote>
<p>S4: das letzte video war &#228;hm am besten &#228;hm ein nachteil [war S.D.] die qualit&#228;t des videos war ein bisschen schlecht es ist ein bisschen dunkel [&#8230;] aber DIEser lehrer hat zuerst gesagt wir haben ZWEI s&#228;tze wir m&#252;ssen ZUSAMmen weil es ist BESSER weil &#228;h deutsche das jeden Tag sprechen &#228;h aber im ERSTEN video [ein aufw&#228;ndig animiertes Video, Anmerk. S.D.] sie fangt mit diese [tabelle, S.D] ja und das macht mich zum beispiel ich habe ANgst vor dieser tabelle. was warum warUM muss ich das lernen (.) SIE konnte das nicht erkl&#228;ren #00:35:11-6#</p>
</disp-quote>
<p>Tats&#228;chlich scheinen die Videoqualit&#228;t und Gestaltung nicht so wichtig zu sein wie die Transparenz der Erkl&#228;rung, wobei kurze Erkl&#228;rungen bevorzugt werden. Gerade Tabellen und umfassende Informationen zu Beginn sch&#252;chtern eher ein. Au&#223;erdem erwies sich der Faktor Lehrperson als zentral:</p>
<disp-quote>
<p>S5: es ist f&#252;r mich wichtig dass irgendein lehrer oder lehrerin da sein das ich &#228;h denken dass ich mit ihr oder ihm kommunizieren kann und die vi- die video ohne lehrer oder lehrerinnen denke ich dass ich nur ein video schaue und ich kann nicht so ich kann mich nicht so gut darauf konzentrieren #00:16:51-3#</p>
</disp-quote>
<p>Insgesamt zeigt das Gruppeninterview, dass alles, was Verst&#228;ndlichkeit unterst&#252;tzt, begr&#252;&#223;t wird, also beispielsweise digitale Schrift statt Handschrift, Untertitel der gesprochenen Sprache, verk&#252;rzte und auf den zentralen Aspekt des Grammatikph&#228;nomens fokussierte Erkl&#228;rung sowie ausreichend Pausen im Redefluss. Wichtig ist, dass eine Lehrpers&#246;nlichkeit erfahrbar ist. Dies muss nicht durch Talking-Head oder Half-Body-Ansichten geschehen, die Studierenden bewerten auch die Sketch-Stil-Animation als gut, weil die Stimme des Off-Sprechers sehr ausdrucksstark ist und durch die Zeichnung w&#228;hrend des Sprechens Dynamik entsteht. Wichtig ist, dass zwischen den Konsumierenden und den Prosumierenden eine Beziehung entsteht, gerne durch auf den ersten Blick irrelevanten Small Talk und Humor. Neutrale Pr&#228;sentationen werden als langweilig eingestuft und verleiten die Befragten eher zum Abschalten. Die Grammatikerkl&#228;rung sollte besonders zu Beginn des Videos nicht zu komplex sein, weshalb Aspekte zur Funktion des Ph&#228;nomens besser kleinschrittig aufgebaut werden sollen. Interessanterweise sind Videos, die dem selbst erlebten, realen Unterricht am n&#228;chsten kommen, die beliebtesten, selbst wenn diese objektiv eine schlechtere Video-Qualit&#228;t (dunkel, schlechter Ton, unprofessionell wirkend usw.) aufweisen.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>7 Zusammenfassende Ergebnisse und Ausblick</title>
<p>Es zeigt sich, dass GEV eine spezifische Kategorie von Online-Erkl&#228;rvideos darstellen, und dass sie weniger an video- oder grammatik-didaktische Konzepte r&#252;ckgebunden werden, sondern mehr der Lehrwerksgrammatik entsprechen. Dies mag darauf zur&#252;ckzuf&#252;hren sein, dass sie Lernende an traditionellen Unterricht erinnern und daher beliebt sind. Generell sind GEV ca. dreimal so lang wie f&#252;r Erkl&#228;rvideos empfohlen und zeigen unterschiedliche Stile. Dabei sind Folien am h&#228;ufigsten vertreten, gefolgt von Lehrperson-Videos. Das Gros der untersuchten Folien enth&#228;lt im Allgemeinen insbesondere Beispiels&#228;tze, die Erkl&#228;rungen dazu erfolgen tendenziell m&#252;ndlich. &#196;hnlich wie Lernergrammatiken gehen die Videos in der Regel deduktiv vor, wobei sie jedoch h&#228;ufig nicht mit einem Gesamt&#252;berblick einsteigen, sondern sukzessive mit ausgew&#228;hlten Beispielen. Au&#223;erdem enthalten die Videos, im Unterschied zu Lernergrammatiken, in der Regel keinen &#220;bungsteil. Die Videos nutzen, wie die Grammatiken auch, Visualisierungen, jedoch wider Erwarten keine echten Animationen (lediglich Sketch-Stil). Daf&#252;r nutzen sie im Vergleich zu Lernergrammatiken mehr typografische (insbesondere farbliche) Hervorhebungen. Die Rezipienten der GEV werden pers&#246;nlich angesprochen, indem sie zumeist geduzt werden, ermutigt werden, Fragen stellen sollen, ihnen Tipps zur Weiterarbeit gegeben werden usw. Es erfolgt jedoch kein emotionales Storytelling im engeren Sinne. Zusammenfassend scheinen die affektiven Vorteile des Mediums Video (Beziehungsaufbau, Motivation) gut genutzt, die kognitiven hingegen (noch) kaum.</p>
<p>Lernende bewerten die Videos durchgehend auffallend positiv, obschon diese oft auch Fehler enthalten. Sie sch&#228;tzen dabei besonders eine unterrichts&#228;hnliche Pr&#228;sentationsform, viele Beispiele und keine &#252;berkomplexen Erkl&#228;rungen. Au&#223;erdem ist ihnen die Lehrerpers&#246;nlichkeit wichtig. Auf technischer Ebene sprechen sie sich f&#252;r eine digitale, gut lesbare Schrift sowie f&#252;r Untertitel aus, stellen aber dar&#252;ber hinaus keine besonderen Anspr&#252;che. Besonders Videos, in denen eine Lehrperson auftritt, die dem klassischen Bild von Unterricht Rechnung tr&#228;gt (Person &#228;lter als durchschnittliche Studierende, Vortrag an Tafel oder Whiteboard), werden begr&#252;&#223;t. Inwiefern dies von bestimmten Lerntraditionen und Vorstellungen von (Lehr-)Autorit&#228;t abh&#228;ngig ist, w&#228;re in weiteren, vertiefenden Studien zu pr&#252;fen.</p>
<p>Die vorliegende Studie stellt nur einen ersten Einblick in das weite Feld der GEV im Fremdsprachenbereich dar. Weitere Forschungen sind notwendig, um zu bestimmen, was gute Grammatikvermittlung im Medium Video eigentlich ausmacht. Hier ist besonders Wirkungsforschung notwendig, um zu erheben, was hilft, was angenommen wird und welche Medien flankierend eingesetzt werden k&#246;nnen. In Bezug auf aktuell in deutschsprachigen L&#228;ndern favorisierte Grammatikvermittlung w&#228;re zu pr&#252;fen, wie Videos authentische Sprache st&#228;rker integrieren l&#228;sst. Der Fokus f&#252;r weitere Forschungen sollte Grammatikph&#228;nomene einbeziehen, die von einem dynamischen Medium stark profitieren k&#246;nnten, wie zum Beispiel die Wechselpr&#228;positionen. In Bezug auf die Gestaltung von Videos sind Interviews mit Prosument*innen sinnvoll, um Licht auf die Frage zu werfen, woran es liegt, dass moderne Aspekte von Grammatikvermittlung (Einbeziehung von Mehrsprachigkeit, Grammatikanimation, induktives Vorgehen) in Videos kaum eine Rolle spielen. M&#246;gliche Gr&#252;nde m&#246;gen hier Unkenntnis der Produzierenden sein oder zu viel Zeit- und technischer Aufwand neben dem eigentlichen Berufsleben, aber auch andere Gr&#252;nde.</p>
</sec>
</body>
<back>
<ref-list>
<title>Literatur</title>
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<title>Kurzbio</title>
<p><bold>Sandra Drumm</bold> ist Professorin f&#252;r Deutsch als Zweitsprache an der Universit&#228;t Kassel und befasst sich mit Spracherwerb im Fachunterricht, Mehrsprachigkeit und E-Learning in DaZ und DaF sowie in der Lehrerbildung.</p>
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<p><bold>Anschrift:</bold>&#160;</p>
<p>Prof. Dr. Sandra Drumm</p>
<p>Universit&#228;t Kassel</p>
<p>Kurt-Wolters-Stra&#223;e 5</p>
<p>34125 Kassel</p>
<p><ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="mailto:drumm@uni-kassel.de">drumm@uni-kassel.de</ext-link></p>
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