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<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Interkulturellen Fremdsprachenunterricht</journal-title>
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<publisher-name>Universit&#228;ts- und Landesbibliothek Darmstadt</publisher-name>
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<subject>Stellungnahmen</subject>
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<article-title>Fremdsprachenlernen in/und Europa &#8211; Eine europ&#228;isch-fremdsprachendidaktische Kritik an Philippe Van Parijs&#8217; <italic>Linguistic Justice</italic></article-title>
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<surname>Inal</surname>
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<email>benjamin.inal@uni-paderborn.de</email>
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<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2022-09-23">
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<abstract>
<p>In diesem Beitrag werden die Hauptthesen des Buches <italic>Linguistic Justice</italic> von Philippe Van Parijs einerseits hinsichtlich einer europ&#228;ischen Identit&#228;t und andererseits in Hinblick auf das Fremdsprachenlernen in Europa diskutiert. Es wird argumentiert, dass die Forderung nach einer dominanten Durchsetzung des Englischen als <italic>lingua franca</italic> nicht mit dem Erhalt und der Pflege der sprachlich-kulturellen Vielfalt in Einklang gebracht werden kann. Dahingegen wird gerade das Fremdsprachenlernen &#252;ber das Englische hinaus als origin&#228;r europ&#228;isches Identifikationsmoment bestimmt.</p>
</abstract>
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<p><bold>Foreign Language Learning in/and Europe &#8211; A critique on Philippe Van Parijs&#8217;s <italic>Linguistic Justice</italic></bold></p>
<p>The article presents the main theses of <italic>Linguistic Justice</italic> from the Belgian philosopher and economist Philippe Van Parijs. The critique on Philippe Van Parijs&#8217;s position is centered on European identity and the learning of foreign languages. From the point of view of this article the idea of English as a European <italic>lingua franca</italic> is in contradiction with the importance of linguistic and cultural diversity in Europe. In addition to English as a foreign language, from a European perspective learning other languages than English can be considered as a constitutive moment of European identification.</p>
</trans-abstract>
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<kwd>Europa</kwd>
<kwd>Sprachen</kwd>
<kwd>Fremdsprachenlernen</kwd>
<kwd>Philippe Van Parijs</kwd>
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<kwd>Europe</kwd>
<kwd>languages</kwd>
<kwd>foreign language learning</kwd>
<kwd>Philippe Van Parijs</kwd>
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<disp-quote>Ich, der keine Sprache mehr hat, aber den mehrere qu&#228;len oder der mitunter aus mehreren Gewinn zieht, ich habe Gef&#252;hle, die je nach den von mir verwendeten Worten variieren.<attrib>(H&#233;ctor Bianciotti: Das extreme Leben einer unscheinbaren Frau)</attrib></disp-quote>
<p>Europa und der Fremdsprachenunterricht stecken in der Krise. Die beiden Teile dieser Aussage scheinen zun&#228;chst keinen wesentlichen und unmittelbaren Bezug zueinander zu haben. Die europ&#228;ische Krise kann beispielsweise mit dem &#8218;Brexit&#8216; in Verbindung gebracht werden oder mit den Wahlerfolgen von europaskeptischen bzw. -feindlichen Parteien (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B10">Castells et al. 2018</xref>). Auch dass Europa nicht &#8218;mit einer Stimme&#8217; spricht, etwa in au&#223;enpolitischen, zum Beispiel migrationsbezogenen Fragen, verweist auf eine Krisenhaftigkeit wie auch auf die Vielfalt an Sprachen und Sichtweisen, die in Europa existieren. Auf einem g&#228;nzlich anderen Feld ist die Krise des Fremdsprachenunterrichts angesiedelt, die etwa mit dem Kompetenzniveau der Lernenden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B6">B&#252;rgel 2020</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B7">B&#252;rgel/Siepmann 2010</xref>) oder mit dem generellen Bedeutungsverlust der Fremdsprachen (au&#223;er Englisch) im Kanon der F&#228;cher in Verbindung gebracht werden kann (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B9">Caspari 2021</xref>).</p>
<p>Der vorliegende Beitrag verfolgt das Ziel, einen Zusammenhang zwischen diesen beiden &#8218;Krisen&#8216;, die zun&#228;chst gar keinen wesentlichen und unmittelbaren Bezug zueinander zu haben scheinen, herzustellen.<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref> Am Ende dieser Auseinandersetzung &#8211; so viel kann hier schon gesagt werden &#8211; steht das Pl&#228;doyer, dass das Fremdsprachenlernen als ein elementarer Teil Europas und des Seins der Europ&#228;erinnen und Europ&#228;er in Europa betrachtet werden muss. Die Argumentation geht dabei von einer Auseinandersetzung mit der Monographie <italic>Linguistic Justice for Europe and for the World</italic> (nachfolgend <italic>LJ</italic>) des Belgiers Philippe Van Parijs (<xref ref-type="bibr" rid="B40">2011</xref>) aus. Diese Referenzpublikation hat einen vieldiskutierten Vorschlag unterbreitet, wie Sprachenlernen und Europa zusammen zu denken sind. Dabei wurde sie als &#8222;landmark publication for linguistic justice theory&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B11">De Schutter/Robichaud 2015: 87</xref>) und als das &#8222;derzeit wichtigste Buch &#252;ber die Zukunft der Sprachen Europas und der Welt&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B39">Trabant 2014: 205</xref>) hervorgehoben. Gleichzeitig wurde im Zuge der Auseinandersetzung mit dem Buch Kritik aus verschiedenen Richtungen und mit verschiedenen Akzentuierungen laut. Auf diese Diskussion verweist der Zusatz &#8218;Kritik an Philippe Van Parijs&#8216; im Titel, denn in der Vergangenheit wurden bereits mehrere Beitr&#228;ge so oder &#228;hnlich tituliert (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B22">Ferguson 2018</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B29">Kruse 2016</xref> sowie die Beitr&#228;ge in dem von <xref ref-type="bibr" rid="B11">De Schutter und Robichaud herausgegebenen Themenschwerpunkt &#8222;Linguistic Justice. Van Parijs and His Critics&#8220;</xref>, der 2015 in der Zeitschrift <italic>Critical Review of International Social and Political Philosophy</italic> ver&#246;ffentlicht wurde). Was die Diskussion um die Thesen von Van Parijs betrifft, erstaunt es, dass in vielen Beitr&#228;gen die Bedeutung des Fremdsprachenlernens f&#252;r Europa &#8211; insbesondere des schulischen Fremdsprachenunterrichts jenseits des Englischen &#8211; bisher wenig in Augenschein genommen wurde. Das Ziel des vorliegenden Beitrags ist es folglich, diese Aspekte im Rahmen einer weiteren &#8218;Kritik an Philippe Van Parijs&#8216; st&#228;rker in die Diskussion einzubringen. Daf&#252;r werde ich nachfolgend zun&#228;chst die zentralen Argumente aus <italic>Linguistic Justice for Europe and for the World</italic> (<italic>LJ</italic>) rekapitulieren, daraufhin relevante Kritikpunkte im &#220;berblick darstellen und schlie&#223;lich das fremdsprachliche Lehren und Lernen und die Frage nach europ&#228;ischer Identit&#228;t in den Fokus r&#252;cken.</p>
<sec>
<title>1 Philippe Van Parijs&#8217; &#8218;Sprachengerechtigkeit f&#252;r Europa und die Welt&#8216;: Englisch als <italic>lingua franca</italic></title>
<p>Die grundlegenden Aussagen des Buches konzentrieren sich auf zwei Punkte. Zum einen prognostiziert der Autor, dass sich Englisch sowohl in Europa als auch in der Welt weiter durchsetzen wird. Dabei relationiert er Gerechtigkeit mit der kompetenten Teilhabe an dieser immer umfassenderen <italic>lingua franca</italic>.<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref> Zum anderen geht es um das Problem, dass das zunehmende Erlernen und der zunehmende Gebrauch des Englischen mit dem Beharren auf Existenz und Status der anderen Sprachen in Konflikt geraten kann. Van Parijs erkennt hier die identifikatorische Bedeutung und das soziale Koh&#228;sionsverm&#246;gen von Sprachen an und schl&#228;gt vor, dass in entsprechenden Gebieten, in denen eine andere Sprache als das Englische eine entsprechende identifikatorische Stellung besitzt, diese Sprache als offizielle Sprache des jeweiligen Gebiets festgesetzt wird und in der Verwaltung, dem Bildungssystem, den Medien usw. Verwendung findet. F&#252;hrt man beide Aspekte unter dem Aspekt der Gerechtigkeit zusammen, dann l&#228;sst sich Van Parijs&#8217; Vorschlag so verstehen, dass Gerechtigkeit dann in maximaler Weise hergestellt wird, wenn einerseits das Englische massiv ausgebaut wird, sodass irgendwann potenziell alle Menschen &#8218;barrierefrei&#8216; (in der Logik von Van Parijs gesprochen) miteinander kommunizieren k&#246;nnen, und wenn andererseits <italic>eine</italic> andere Sprache aktiv gef&#246;rdert wird, sofern sich die Menschen in einer entsprechenden politisch-territorialen Einheit darauf einigen k&#246;nnen, dass diese Sprache zu f&#246;rdern und zu bewahren sei. Dieses Spannungsverh&#228;ltnis zwischen dem Englischen als <italic>lingua franca</italic> und der Bedeutung anderer Sprachen ist &#8211; so wird in Kap. 3 ausf&#252;hrlich dargelegt &#8211; f&#252;r die europ&#228;ische Frage nach Sprachenpolitik und sprachlich-kultureller Vielfalt von eminenter Relevanz. Nachfolgend soll die Argumentation von Van Parijs genauer beleuchtet werden, sodass die daran anschlie&#223;ende Kritik besser nachvollziehbar wird.</p>
<p>Im ersten Kapitel zeichnet der Autor den historisch singul&#228;ren Aufstieg des Englischen zu einer weltweiten <italic>lingua franca</italic> nach und sagt eine Fortsetzung dieses Trends voraus, wobei er sich auf zwei Annahmen st&#252;tzt: <italic>probability-driven language learning</italic> und <italic>maxi-min use</italic> (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B40">Van Parijs 2011: 11&#8211;17</xref>). Ersteres besagt, dass Menschen diejenige Fremdsprache lernen bzw. zum Erlernen derjenigen Fremdsprache am meisten motiviert sind, die sie am wahrscheinlichsten sp&#228;ter einmal gebrauchen und einsetzen werden k&#246;nnen, f&#252;r die also der &#8222;expected communicative benefit&#8220; (12) am gr&#246;&#223;ten ist. <italic>Maxi-min use</italic> bedeutet, dass in einer Kommunikationssituation mit mehreren Teilnehmenden, die unterschiedliche Sprachen sprechen, mit gro&#223;er Wahrscheinlichkeit diejenige Sprache zur Verst&#228;ndigung genutzt wird, in der die Gespr&#228;chsteilnehmenden im Durchschnitt am kompetentesten sind, &#8222;the language of maximal minimal competence&#8220; (14). Van Parijs gr&#252;ndet seine Annahme, allein Englisch k&#246;nne sich als globale <italic>lingua franca</italic> durchsetzen, darauf, dass die Dominanz des Englischen vor dem Hintergrund der beiden genannten Mechanismen zu einer Selbstbeschleunigung, zu einem &#8222;explosive process&#8220; (15) f&#252;hre: Je h&#228;ufiger Englisch Verwendung findet, desto gr&#246;&#223;er die Bereitschaft Englisch zu erlernen; je gr&#246;&#223;er die Bereitschaft Englisch zu erlernen, desto h&#228;ufiger wird die Sprache Verwendung finden.</p>
<p>Der zweiten gro&#223;en Frage, wie es um die anderen Sprachen bestellt ist, widmet Van Parijs in <italic>LJ</italic> ein Kapitel, in dem er f&#252;r das Prinzip des &#8222;<italic>territorially differentiated coercive linguistic regime</italic>&#8220; (136) pl&#228;diert. Der Vorschlag besagt, dass in einem bestimmten Territorium eine Sprache, der eine wichtige identifikatorische Bedeutung f&#252;r ein entsprechendes Kollektiv zukommt, zur &#8222;queen&#8220; (146) gek&#252;rt und solcherma&#223;en institutionalisiert werden kann, dass ihr Gebrauch in den verschiedenen Bereichen des &#246;ffentlichen Lebens bindend ist. &#8222;[O]ne should allow all language communities to &#8216;grab a territory&#8217;, that is to impose their language in public education and public communication within some territorial boundaries.&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B41">Van Parijs 2015: 224</xref>) Als Beispiele daf&#252;r k&#246;nnen in der Gegenwart etwa das D&#228;nische als sprachliche &#8218;K&#246;nigin&#8216; in D&#228;nemark gelten oder auch die vier Landessprachen in der Schweiz mit ihren jeweiligen Sprachgebieten. Van Parijs sieht dieses Modell als gerecht an, da jede Sprache potenziell in einem bestimmten Gebiet K&#246;nigin sein k&#246;nne (<italic>parity of esteem</italic>). Dieser Vorschlag stellt die entscheidende Reaktion in <italic>LJ</italic> darauf dar, dass die Sprachenvielfalt f&#252;r gew&#246;hnlich nicht unabh&#228;ngig von individuellen und kollektiven Identifikationsprozessen zu sehen ist. Oder in anderen Worten: dass das Sprechen einer bestimmten Sprache oder mehrerer bestimmter Sprachen f&#252;r Menschen wichtig ist und als Teil ihres individuellen/sozialen Seins empfunden wird. Aus diesem Grund sch&#228;tzt Van Parijs das Aufzw&#228;ngen einer Sprache entgegen dem Identit&#228;tsempfinden der Menschen als &#8222;counterproductive&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B40">Van Parijs 2011: 196</xref>) ein, sodass eine &#8222;preservation of some degree of linguistic diversity&#8220; (185) aus identit&#228;tsbezogenen Gerechtigkeitsgr&#252;nden &#8211; und eben nicht, da sprachliche Vielfalt f&#252;r Van Parijs einen Mehrwert an sich darstellen w&#252;rde (vgl. 206) &#8211; notwendig sei.</p>
<p>Anschlie&#223;end an diesen &#220;berblick &#252;ber die zentralen Aussagen in <italic>LJ</italic> seien nachfolgend einige der Kritikpunkte aufgegriffen, die in der Auseinandersetzung mit dem Buch vorgebracht worden sind.</p>
</sec>
<sec>
<title>2 Sozial- und sprachwissenschaftliche Kritikpunkte an Philippe Van Parijs&#8217; Position</title>
<p>Als Sozialphilosoph und &#214;konom hat Van Parijs zweifelsohne eine spezifische, disziplin&#228;r gepr&#228;gte Sicht auf die Sprachenfrage &#8211; wobei diese Feststellung hier nicht als Vorwurf zu verstehen ist. In <italic>LJ</italic> antizipiert er den Widerspruch beispielsweise von sprachwissenschaftlicher Seite und wendet sich gegen die sprachwissenschaftliche Wertsch&#228;tzung f&#252;r sprachliche Vielfalt, von der er ausgeht, in erstaunlicher Weise ganz unwissenschaftlich, indem er den Vorwurf vorbringt, es gehe den Verteidigern sprachlicher Vielfalt weniger um die Sprachen als vielmehr um ihre Forschungs- und Arbeitsfelder und somit um ihre eigenen Felle, die sie am Horizont der Einsprachigkeit davonschwimmen s&#228;hen<xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref>. Doch nicht nur positioniert er sich gegen etwaige sprachwissenschaftliche Perspektiven, auch bezieht er in seiner Studie die sprachwissenschaftliche, insbesondere die soziolinguistische Forschung kaum mit ein (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B32">May 2015: 133</xref>). Es &#252;berrascht somit nicht, dass die bisher umf&#228;nglichste Erwiderung auf <italic>LJ</italic> der Feder des romanistischen Sprachwissenschaftlers J&#252;rgen Trabant entstammt, worauf nachfolgend einzugehen sein wird. Zun&#228;chst seien jedoch die k&#252;rzeren Zeitschriften- bzw. Buchbeitr&#228;ge pr&#228;sentiert, die mit gr&#246;&#223;tenteils sozialwissenschaftlicher Pr&#228;gung insbesondere den Aspekt der Gerechtigkeit diskutiert haben.</p>
<p>Ein Teil der Kritik besch&#228;ftigt sich mit dem zentralen Punkt des Englischen als <italic>lingua franca</italic>. Der Grundmechanismus des <italic>maxi-min use</italic>, der Van Parijs zufolge der Durchsetzung des Englischen unterliegt, wird von Kruse angezweifelt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B29">Kruse 2016: 65&#8211;67</xref>). Dieser weist darauf hin, dass die Annahme nicht empirisch begr&#252;ndet werden k&#246;nne und somit weniger deskriptiv als vielmehr normativ zu verstehen sei. Kruse stellt eine Vielzahl anderer Aspekte heraus, die bei der Sprachenwahl in einer sprachlich heterogenen Gruppe entscheidend seien, wie zum Beispiel Machtaspekte, H&#246;flichkeit, Identifikation oder die Erstsprache des prim&#228;ren Adressaten. Dass nichtsdestotrotz Englisch h&#228;ufig die Wahl der gemeinsamen Kommunikation ist, f&#252;hrt der Autor weniger auf das Prinzip <italic>maxi-min use</italic> zur&#252;ck, als vielmehr auf eine kosmopolitische Identifikation, die sich durch das Englische ausdr&#252;cke, wobei er hierbei lediglich auf Grundlage seiner eigenen Erfahrungen argumentiert (vgl. 67). Geht man von einer weiteren Dominanz des Englischen als globale <italic>lingua franca</italic> aus, dann l&#228;sst sich mit Ferguson und May die Frage stellen, wie sich diese in den verschiedenen Erdteilen gesprochenen Varianten des Englischen mit Blick auf Gerechtigkeit ins Verh&#228;ltnis mit dem muttersprachlichen Englischen britischer oder US-amerikanischer Pr&#228;gung stellen. Ferguson (<xref ref-type="bibr" rid="B22">2018: 37</xref>) postuliert, die Sprachvariante(n) <italic>English as a lingua franca</italic> sei in diesem Zusammenhang &#8222;a lesser kind of English than the standard variety&#8220;. Und May (2015: 142; Hervorhebung im Original) attestiert <italic>LJ</italic> diesbez&#252;glich eine &#8222;<italic>na&#239;vet&#233;</italic> about the relationship between language varieties and access to power und opportunity&#8220;. Diese Kritik schlie&#223;t an die Diskussion um Englisch als <italic>lingua franca</italic> an. Darunter seien Varianten des Englischen zu verstehen, die nicht einheitlich seien, sondern sich durch eine &#8222;multiplicity of voices&#8220; auszeichneten, so House (<xref ref-type="bibr" rid="B27">2008: 67</xref>). Speziell f&#252;r Europa wird in diesem Zusammenhang auch ein &#8218;Euro-Englisch&#8216; (<xref ref-type="bibr" rid="B25">Gnutzmann/Jakisch/Rabe 2014</xref>) diskutiert, also eine europ&#228;ische Auspr&#228;gung des Englischen als gelernte Fremdsprache. Auch Van Parijs konstatiert, dass Englisch als <italic>lingua franca</italic> nicht gleichzusetzen ist mit erstsprachlichem Englisch. Seiner Meinung nach solle jede/r diejenige Variante des Englischen sprechen, wie er/sie sie gelernt hat (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B40">Van Parijs 2011: 33</xref>). Was das Verh&#228;ltnis zum Standard-Englischen anbelangt, sieht er kein Problem der &#220;berlegenheit, sondern eher einen Nachteil f&#252;r diejenigen, die Englisch als Erstsprache gelernt haben. Sein Argument lautet, dass diese Menschen gr&#246;&#223;ere Schwierigkeiten damit haben k&#246;nnten, sich Gespr&#228;chspartnerInnen gegen&#252;ber ad&#228;quat verst&#228;ndlich zu machen. &#8222;The bulk of a worldwide audience consists of people who are not Anglophones. When addressing such an audience, it can be a serious handicap to use clever puns, sophisticated syntax, and wonderfully chosen idiomatic expressions.&#8220; (34)</p>
<p>Noch st&#228;rker jedoch zielt die vorgebrachte Kritik auf Van Parijs&#8217; Vorschlag zum Erhalt einer (eingeschr&#228;nkten) sprachlichen Vielfalt aus Gr&#252;nden der Gerechtigkeit. Als gewichtiges Argument wurde Van Parijs in diesem Zusammenhang vorgeworfen, er untersch&#228;tze grunds&#228;tzlich die identifikatorische Bedeutung von Sprachen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B32">May 2015: 137</xref>). Mit Blick auf den identifikatorischen Stellenwert von (Minderheiten-)Sprachen sei es angesichts der sprachlichen Heterogenit&#228;t in vielen L&#228;ndern und Regionen problematisch und auch nicht gerecht, eine Sprache zu oktroyieren (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Baub&#246;ck 2015: 219</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B22">Ferguson 2018: 44</xref>). Aus dieser Sicht k&#246;nne nur eine Sprachenpolitik gerecht genannt werden, die einem vielsprachigen Ansatz folgt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B37">Stilz 2015: 189</xref>) bzw. die Minderheitensprachen in anderer Weise einbezieht, als dies in Van Parijs&#8217; Modell vorgesehen ist (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B2">Baub&#246;ck 2015: 219&#8211;220</xref>).</p>
<p>Bezogen auf den Umgang mit sprachlicher Vielfalt erstaunt es, dass in den behandelten Publikationen kaum in den Blick genommen wurde, was Sprachen und Mehrsprachigkeit <italic>f&#252;r Europa</italic> bedeuten.<xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref> Trabant (<xref ref-type="bibr" rid="B39">2014</xref>) hat sich dieser Frage unter anderem in seinem Buch <italic>Globalesisch, oder was? Ein Pl&#228;doyer f&#252;r Europas Sprachen</italic> gestellt. Die Publikation hebt sich durch ihre sprachwissenschaftliche Fundierung von den vorstehend behandelten Beitr&#228;gen ab. &#220;berblickt man zun&#228;chst, worin sich Van Parijs und Trabant einig sind, dann ist hier die gegenw&#228;rtige Dominanz des Englischen und die Annahme, dass diese in Zukunft weiter zunehmen wird, zu nennen. &#8222;Es wird genau so kommen, wie dieses Buch [gemeint ist <italic>LJ</italic>; BI] es vorhersagt&#8220;, schreibt Trabant (<xref ref-type="bibr" rid="B39">2014: 205</xref>) am Ende seiner Studie mit einem h&#246;rbar desillusionierten Unterton. Der Unterschied liegt jedoch darin, dass Van Parijs daf&#252;r wirbt, diesen Prozess zu beschleunigen &#8211; auch auf Kosten anderer Sprachen &#8211;, um kommunikative Hindernisse zu &#252;berwinden und Gerechtigkeit herzustellen. Dahingegen pl&#228;diert Trabant f&#252;r eine Verlangsamung und f&#252;r eine Eingrenzung dieses Prozesses. Van Parijs (<xref ref-type="bibr" rid="B40">2011: 192</xref>) schwebt letztendlich eine &#8222;linguistically homogeneous world&#8220; vor. Trabant hingegen will das Englische neben &#8222;gleichzeitiger Pflege der alten Nationalsprachen&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B39">Trabant 2014: 64</xref>) f&#252;r bestimmte Belange der internationalen Kommunikation &#8218;funktional eingeschr&#228;nkt&#8216; (vgl. ebd.) wissen. Van Parijs ist bereit, auf dem Weg zur englischen Einsprachigkeit Gebiete der Zweisprachigkeit zu akzeptieren, w&#228;hrend Trabant dieser transitorischen Logik des &#8218;aus mehr mach zwei mach eins&#8216; die gezielte F&#246;rderung und Aufrechterhaltung von Mehrsprachigkeit entgegensetzt.</p>
<p>Beide Autoren unterscheiden sich durch eine optimistische bzw. pessimistische Sicht auf den zuk&#252;nftigen Status der unterschiedlichen Sprachen, die nicht Englisch sind. Van Parijs l&#228;sst wiederholt anklingen, mit Englisch als dominanter <italic>lingua franca</italic> seien auch die sprachlich-identit&#228;ren Partikularinteressen vereinbar. &#8222;Europe&#8217;s many official languages will be safe.&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B40">Van Parijs 2011: 174</xref>) Demnach lasse seine Position &#8222;space for the equal (pro tanto) recognition of all native languages present in a territory while asserting the legitimacy of constraints favoring the locally dominant language.&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B41">Van Parijs 2015: 236</xref>) An anderer Stelle hei&#223;t es sogar, die Menschen, die sich ihre Zwei- oder Mehrprachigkeit bewahrten, seien den einsprachig Englischsprechenden gegen&#252;ber im Vorteil (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B40">Van Parijs 2011: 115</xref>). Dieser optimistischen Version widersprechen verschiedene Autoren, die davon ausgehen, dass mit der sich ausbauenden Dominanz des Englischen ein fortschreitender Bedeutungsverlust der anderen Sprachen einhergehen wird (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B32">May 2015: 139</xref>). Insbesondere Trabant (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B39">2014: 58; 63&#8211;64; 92</xref>) stellt Van Parijs eine pessimistische Prognose entgegen, indem er von einer &#8218;Re-Vernakularisierung&#8216; der Nationalsprachen ausgeht, d.h. dass sich diese Sprachen immer weiter auf bestimmte Bereiche zum Beispiel des privaten Lebens zur&#252;ckziehen und ihren Status als &#8218;ausgebaute Sprachen&#8216; (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B28">Kloss 1978: 28&#8211;30</xref>) St&#252;ck f&#252;r St&#252;ck verlieren w&#252;rden. K&#228;me es dann im Zuge dieses Abbauprozesses zu einer vollst&#228;ndigen Aufgabe der Sprache durch die Sprechenden, w&#228;re das aus Sicht von Van Parijs keine Ungerechtigkeit, denn niemand h&#228;tte sie ja direkt dazu gezwungen.</p>
<p>Da die Frage nach dem zuk&#252;nftigen Status der verschiedenen Sprachen hochgradig spekulativ ist, soll sie hier nicht weiter verfolgt werden. Welche Positionen vertreten hingegen Van Parijs und Trabant in Bezug auf die gegenw&#228;rtige sprachliche Vielfalt? Van Parijs erkennt der sprachlichen Vielfalt keinen besonderen Wert zu und ist gewisserma&#223;en &#8218;z&#228;hneknirschend&#8216; bereit, sie f&#252;r den Moment zu akzeptieren. Der Verlust von sprachlicher Vielfalt stellt f&#252;r ihn prinzipiell nichts Negatives dar (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B40">Van Parijs 2011: 168</xref>; 172). In diesem entscheidenden Punkt widerspricht Trabant energisch. Der Autor betont die irreduzibel sprachliche Gebundenheit von Kultur (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B39">Trabant 2014: 28&#8211;29</xref>). Unter R&#252;ckgriff auf Reflexionen &#252;ber Sprache unter anderem von Wilhelm von Humboldt macht er deutlich, dass an jede Sprache eine &#8222;Weltansicht&#8220; (27) gekoppelt sei, eine spezifische Weise des Denkens, des Seins in der Welt und des Zugriffs auf Welt. Und folglich habe der Verlust an sprachlicher Vielfalt hohe Kosten, denn: &#8222;Wenn eine Sprache verschwindet, so verschwindet nicht die M&#246;glichkeit, &#252;ber die Welt alles sagen zu k&#246;nnen, das kann jede Sprache. Es verschwindet aber die M&#246;glichkeit, es <italic>auf diese je besondere Weise</italic> zu denken und zu sagen. Und darin liegt ihr Reichtum.&#8220; (203; Hervorhebung im Original)</p>
<p>Mit dieser &#220;berzeugung vom Reichtum, den eine jede Sprache in sich birgt, ist das entscheidende Argument von Trabant vorgebracht. Dieses Argument gilt f&#252;r Sprachen im Allgemeinen. Nichtsdestotrotz wendet Trabant diese Frage auf den spezifischen Kontext Europas, wie ja bereits der Titel <italic>Ein Pl&#228;doyer f&#252;r Europas Sprachen</italic> verdeutlicht. Im folgenden Kapitel wird die Bedeutung der Mehrsprachigkeit f&#252;r Europa vertieft und die Frage gestellt, was die behandelten unterschiedlichen Positionen f&#252;r das Fremdsprachenlernen in Europa bedeuten und was das Fremdsprachenlernen f&#252;r Europa bedeutet.</p>
</sec>
<sec>
<title>3 Fremdsprachenlehren und -lernen und die Bedeutung der Mehrsprachigkeit f&#252;r Europa</title>
<p>Wie bereits dargelegt erstaunt es, dass die behandelten Beitr&#228;ge zwar das Sprechen von Sprachen und damit zusammenh&#228;ngende Konzepte wie zum Beispiel &#8218;Gerechtigkeit&#8216; fokussieren, kaum aber auf das Erlernen von (Fremd-)Sprachen jenseits des Englischen konkret eingehen. Lediglich Trabant hat sich hierzu ge&#228;u&#223;ert, wobei das Thema keine zentrale Stellung in seinem Buch einnimmt<xref ref-type="fn" rid="n5">5</xref>. Zun&#228;chst soll jedoch in Bezug auf <italic>LJ</italic> die Frage gestellt werden, welche Vorstellungen von zuk&#252;nftigem Fremdsprachenunterricht im Buch entwickelt werden. Zur Verbreitung des Englischen propagiert Van Parijs die Immersion der Lernenden in ein englisches &#8218;Sprachbad&#8216; von Kindesbeinen an, u.a. durch das Erteilen von Sachfachunterricht auf Englisch sowie durch englischsprachige Medienangebote im Internet. Zum anderen fordert der Autor die Abschaffung der Synchronisation englischsprachiger Filmproduktionen zugunsten der Untertitelung (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B40">Van Parijs 2011: 103</xref>). &#8222;Distributive justice will (&#8230;) be best served (&#8230;) by democratizing proficiency in the lingua franca throughout the world as quickly and thoroughly as possible, using for this purpose the modern media&#8217;s powerful and cheap learning tools at least as much as formal schooling.&#8220; (208) Zum Lehren und Lernen von anderen Fremdsprachen, sofern in einem bestimmten Territorium keine gr&#246;&#223;ere Sprachgemeinschaft die sprachlichen Interessen einer betreffenden Sprache vertritt, macht <italic>LJ</italic> schlichtweg keine Aussage. Es muss somit davon ausgegangen werden, dass in der Vision von Van Parijs Englisch als Fremdsprache gelernt wird, dar&#252;ber hinaus ggf. eine lokale Sprache als offizielle Sprache vor Ort Verwendung findet und daneben keine weiteren Fremdsprachen gelehrt und gelernt werden. F&#252;r Europa w&#252;rde das bedeuten: Wenn alle Englisch lernen, dann gibt es dem nicht zuletzt &#246;konomisch begr&#252;ndeten Kalk&#252;l Van Parijs&#8217; nach keinen vern&#252;nftigen Grund mehr, warum sich in Deutschland jemand die M&#252;he machen sollte Tschechisch zu lernen, oder in Schweden Spanisch zu lernen, oder in Belgien Italienisch zu lernen usw. Dieser Perspektive entsprechend w&#252;rden bestimmte Menschen allenfalls zufallsbedingt (zum Beispiel durch Migration, durch famili&#228;re Konstellationen, durch ein besonderes Interesse f&#252;r Fremdsprachen etc.) noch mehr als zwei Sprachen beherrschen, normativ ist dies in der Van Parijs&#8217;schen Planung jedoch nicht mehr vorgesehen. Ob solch eine Sprachenpolitik politisch umsetzbar w&#228;re und ob dadurch zum Beispiel einer weiteren nationalistischen &#8218;Einkapselung&#8216; Vorschub geleistet (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B33">Mei&#223;ner 2013: 203</xref>) und das Narrativ &#8218;Br&#252;ssel diktiert&#8216; (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B2">Baub&#246;ck 2015: 217</xref>) bedient w&#252;rde, soll an dieser Stelle dahingestellt bleiben.</p>
<p>Auch an dieser Stelle werden fundamentale Unterschiede zwischen dem Vorschlag deutlich, wie er in <italic>LJ</italic> vorgebracht wird, und beispielsweise der Position Trabants. In Hinblick auf das Fremdsprachenlernen muss deutlich gesagt werden: Van Parijs spricht an keiner Stelle seines Buches von fremdsprachlichem Unterricht, der eine andere Sprache als das Englische zum Ziel und Gegenstand hat. Betrachtet man diese Nicht-Thematisierung zusammen mit der konstanten Argumentation zugunsten des Englischen, dann erscheint es folgerichtig davon zu sprechen, dass Van Parijs&#8217; Vorschlag die Abschaffung des Fremdsprachenunterrichts, abgesehen vom Englischunterricht, beinhaltet. Trabant hingegen ist der &#220;berzeugung, dass die &#8222;Frage der dritten Sprache (&#8230;) das Zentrum des Problems der Europ&#228;it&#228;t der Sprachenkonstellation Europas aus[macht]&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B39">Trabant 2014: 33</xref>). Dieser entscheidende Punkt, der dem Unterrichten mehrerer Sprachen &#252;ber das Englische hinaus in Europa eine wichtige identifikatorische Bedeutung auf europ&#228;ischer Ebene zuerkennt, soll nun erl&#228;utert und vertieft werden.</p>
<p>Als Ausgang dient die Unterscheidung zwischen einer kommunikativen und einer identit&#228;ren Funktion von Sprache. Im einf&#252;hrenden Beitrag in das bereits genannte Themenheft &#8222;Linguistic Justice. Van Parijs and His Critics&#8221; differenzieren die Autor/innen in eben dieser Hinsicht: &#8222;[L]anguages are not only bearers of identity, they can also serve interests not related to identity. For example, sharing a language helps people to understand each other better. Language is then an instrument of communication rather than of identity.&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B11">De Schutter/Robichaud 2015: 93</xref>) Daran anschlie&#223;end wird <italic>LJ</italic> von De Schutter und Robichaud als &#8218;hybrider&#8216; Ansatz bestimmt, der kommunikative und identit&#228;re Funktionen von Sprache ber&#252;cksichtige (vgl. 95; 97). Diese Grenzziehung kritisiert May grunds&#228;tzlich (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B32">May 2015: 138</xref>) und in Auseinandersetzung mit <italic>LJ</italic> macht Trabant deutlich, dass Van Parijs&#8217; &#220;berlegungen allein von der Frage nach Kommunikation geleitet werden und der Belgier gerade <italic>nicht</italic> die identifikatorische Bedeutung von Sprachen ausreichend ber&#252;cksichtige (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B39">Trabant 2014: 205&#8211;206</xref>).</p>
<p>Ich greife an dieser Stelle die Unterscheidung einer kommunikativen von einer identit&#228;ren Sprachfunktion deshalb auf, weil sich mit ihr verdeutlichen l&#228;sst, was &#8218;Fremdsprachenunterricht in/und Europa&#8216; bedeutet. Aus fremdsprachendidaktischer Sicht ist es nicht m&#246;glich, die identifikatorische und die kommunikative Ebene beim &#8218;<italic>Fremd</italic>sprachenlernen&#8216; (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B38">T&#246;dter 2019</xref>) unabh&#228;ngig voneinander zu sehen.<xref ref-type="fn" rid="n6">6</xref> Nicht nur impliziert Sprachenlernen notwendig eine Identifikation bzw. eine Auseinandersetzung mit dem &#8218;Anderen&#8216;, sondern auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst. &#8222;Fremd- und Selbstverstehen geh&#246;ren zusammen als ein- und derselbe Prozess, in dem sich beides dynamisch aus der Erfahrung der Entfremdung entwickelt.&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Bonnet/Breidbach 2007: 260</xref>) Auch die Sprachkontakte &#252;ber Sprach- und Landesgrenzen hinweg, die durch das Fremdsprachenlernen erm&#246;glicht werden, k&#246;nnen nicht rein kommunikativ und unabh&#228;ngig von identifikatorischen Aspekten betrachtet werden. Denn in einer Fremdsprache kommunizierend begibt man sich auf schwankenden Grund, da man Bedeutung in sprachlicher Interaktion mit einem Gegen&#252;ber aushandeln und hierbei unterschiedliche kulturell gepr&#228;gte Hintergr&#252;nde in Einklang bringen muss. Dieser Prozess impliziert das Involviertsein der Sprechenden als ganze Person, als kulturelle Akteure. Sprachkontakt in diesem Sinne kann nicht auf die Logik reiner Kommunikation und Informations&#252;bertragung reduziert werden.</p>
<p>Diese Feststellung und diese Kritik an einer scharfen Trennlinie zwischen kommunikativer und identifikatorischer sprachlicher Dimension in Bezug auf das Fremdsprachenlernen ist wichtig, und sie ist wichtig f&#252;r Europa. Warum? Gehen wir daf&#252;r zun&#228;chst von Philippe Van Parijs&#8217; Werben f&#252;r Englisch als europ&#228;ische <italic>lingua franca</italic> aus. F&#252;r den Autor geht es an vorderster Stelle um die Erm&#246;glichung von Kommunikation, was insbesondere wirtschaftliche, administrative und andere Vorteile mit sich bringt, wie Van Parijs an vielen Stellen betont. Daneben hat seine Vision eine identifikatorische Dimension, denn wenn Menschen miteinander kommunizieren k&#246;nnen, sich miteinander ins Verh&#228;ltnis setzen k&#246;nnen, dann erm&#246;glicht das auch Identifikation &#8211; in welcher Form und in welcher Hinsicht auch immer. Die europabezogene Frage an Van Parijs aber lautet: Welche Vorstellung von Europa impliziert sein Pl&#228;doyer? Schlie&#223;lich geht es dem Autor entsprechend dem Titel des Buches zuallererst um Europa (und dann auch um die Welt): &#8222;[T]he European Union (&#8230;) is <italic>LJ</italic>&#8217;s primary focus.&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B41">Van Parijs 2015: 229</xref>) Das Englische dominant zu setzen &#8211; die Landessprache Gro&#223;britanniens, das heute nicht mehr Teil der EU ist, die Landessprache der USA, die Sprache der globalen Verst&#228;ndigung etc. &#8211; liefert jedoch keine genuin europ&#228;ische Antwort. Das Werben um funktionale Perfektionierung von Kommunikation auf der Basis des Englischen erscheint weniger als ein spezifisch europ&#228;isches denn vielmehr als ein globales Modell.</p>
<p>W&#228;hrend Van Parijs demnach f&#252;r Europa eine &#8218;fl&#252;ssigere Kommunikation&#8216; anzubieten hat, wird von offizieller europ&#228;ischer Seite die identifikatorische Bedeutung von Sprache bzw. von sprachlicher Vielfalt betont, getreu dem europ&#228;ischen Motto &#8218;In Vielfalt geeint&#8216;. Das hei&#223;t, die EU nimmt ausgehend von der &#220;berzeugung, dass die Sprachen Europas mehr sind als nur Erm&#246;glichung von Kommunikation, bewusst eine Erschwerung von Kommunikation in Kauf, indem sie je nach Kontext verschiedene europ&#228;ische Sprachen als Gebrauchssprachen akzeptiert bzw. aktiv f&#246;rdert. Auch die EU geht somit von einer Untrennbarkeit von kommunikativen und identifikatorischen Dimensionen von Sprachen aus:</p>
<disp-quote>
<p>Die harmonische Koexistenz vieler Sprachen in Europa ist ein kraftvolles Symbol f&#252;r das Streben der Europ&#228;ischen Union nach Einheit in der Vielfalt, einem der Eckpfeiler des europ&#228;ischen Aufbauwerks. Sprachen sind Merkmal der pers&#246;nlichen Identit&#228;t, aber auch Teil des gemeinsamen Erbes. Sie k&#246;nnen als Br&#252;cke zu anderen Menschen dienen und &#246;ffnen den Zugang zu anderen L&#228;ndern und Kulturen, f&#246;rdern also das gegenseitige Verst&#228;ndnis. (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Europ&#228;ische Kommission 2008: o.S.</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Im Folgenden soll aus einer fremdsprachendidaktischen Perspektive vertieft werden, inwiefern das Lernen von Fremdsprachen jenseits des Englischen f&#252;r Europa wichtig ist.</p>
<p>Zun&#228;chst ist festzuhalten, dass Sprachen und Kollektividentit&#228;ten eng miteinander verbunden sind.<xref ref-type="fn" rid="n7">7</xref> F&#252;r Europa gilt in dieser Hinsicht, dass es keine gemeinsame, identit&#228;tsstiftende Sprache besitzt wie etwa ein Land wie Frankreich das Franz&#246;sische oder eine Region wie Katalonien das Katalanische. Deshalb muss man jedoch noch lange nicht zu dem Schluss kommen, es g&#228;be auf europ&#228;ischer Ebene keine Identifikationsprozesse. Europa erinnert gemeinsam an die (Schrecken der) Vergangenheit; der Holocaust kann diesbez&#252;glich als &#8222;negativer Gr&#252;ndungsmythos&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B31">Leggewie 2010: 31</xref>) Europas gefasst werden. Vor allem jedoch basiert Europa nicht nur auf der Vergewisserung seiner Herkunft. Das ber&#252;hmte Diktum <italic>Invention of Tradition</italic> hat die Bedeutung der Erfindung einer &#8218;nationalen Herkunft&#8216; als wichtiges Element nationalstaatlicher Identit&#228;tskonstitution popul&#228;r gemacht (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B26">Hobsbawm/Ranger 1988</xref>). Neben dieser retrospektiven Frage nach der (gemeinsamen) Vergangenheit ist f&#252;r Kollektividentit&#228;ten jedoch auch die prospektive Frage &#8218;Wo geht es f&#252;r uns gemeinsam hin?&#8216; von zentraler Relevanz. Ein &#8218;Projekt&#8216;, das der Zukunft einen Weg zeichnet, ist beispielsweise von Bottici/Challand (<xref ref-type="bibr" rid="B5">2013: 37</xref>) als wichtige Dimension einer europ&#228;ischen Identifikation hervorgehoben worden. Und Beck/Grande heben hervor, dass dieser zukunftsoffene Konstruktionsprozess, der in permanenter Aushandlung begriffen ist und solcherma&#223;en kontr&#228;r zur monolithischen Vorstellung einer unver&#228;nderlichen &#8218;Tradition&#8216; steht, nicht als Defizit Europas zu werten ist, sondern gerade &#8222;die Wirklichkeit der Europ&#228;isierung ausmacht.&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Beck/Grande 2007: 17</xref>) Die Erz&#228;hlung, auf der das europ&#228;ische Projekt gr&#252;ndet, l&#228;sst sich unter anderem so fassen, dass in Europa die verschiedenen Perspektiven, L&#228;nder, Regionen, Geschichten und Erfahrungen in einem gemeinsamen, friedlichen Rahmen zusammengebracht werden, ohne dass einzelne Perspektiven unterdr&#252;ckt werden. Dies spiegelt sich im zitierten europ&#228;ischen Motto wider und bedeutet &#8211; gem&#228;&#223; dem sogenannten Vertrag von Lissabon aus dem Jahre 2007 &#8211; f&#252;r Sprachen und Kulturen: &#8222;Sie [die EU; BI] wahrt den Reichtum ihrer kulturellen und sprachlichen Vielfalt und sorgt f&#252;r den Schutz und die Entwicklung des kulturellen Erbes Europas.&#8220; (EU 2007, Artikel 2 (<xref ref-type="bibr" rid="B17">3</xref>))</p>
<p>Den offiziellen europ&#228;ischen Verlautbarungen nach sind die kulturelle und sprachliche Vielfalt Teil der DNA der Europ&#228;ischen Union und folglich ist die Bewahrung dieser Vielfalt &#8211; und gerade nicht ihre &#220;berwindung &#8211; identit&#228;tskonstitutiv f&#252;r Europa. Die &#8222;Vielsprachigkeit europ&#228;isiert Europa&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Beck/Grande 2007: 158</xref>). Der fundamentale Unterschied zur Vision von Van Parijs in Bezug auf das Fremdsprachenlernen ist, dass sprachliche Vielfalt nicht nur in den entsprechenden L&#228;ndern bzw. Regionen erhalten bleibt, wo diese Sprachen gesprochen werden und verwurzelt sind, sondern dass die Europ&#228;erinnen und Europ&#228;er Fremdsprachen lernen, Englisch, aber eben auch andere (europ&#228;ische) Sprachen. Der Idee nach r&#252;ckt Europa &#252;ber das Sprachenlernen zusammen, wird Interesse und Respekt f&#252;r die jeweiligen Kulturen ausgedr&#252;ckt und werden Begegnungssituationen wahrscheinlich gemacht, in denen die Kenntnisse in der Landessprache des Gegen&#252;bers Akzeptanz und Anerkennung bedeuten. Dar&#252;ber hinaus gehen mit den sprachlichen Zielsetzungen auch &#246;konomische Aspekte einher, insofern als &#8222;Fremdsprachenkenntnisse nicht nur dazu beitragen, das gegenseitige Verst&#228;ndnis der V&#246;lker zu f&#246;rdern, sondern auch eine Voraussetzung f&#252;r mobile Arbeitskr&#228;fte darstellen und der Wettbewerbsf&#228;higkeit der Wirtschaft der Europ&#228;ischen Union zugute kommen&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B16">EU 2006: 2</xref>). In diesem Zusammenhang spielen Sprachen wie Englisch, Franz&#246;sisch oder Deutsch eine gewichtigere Rolle als andere europ&#228;ische Sprachen wie beispielsweise Slowenisch oder Finnisch, etwa was die Anzahl der SprecherInnen, die Verwendung der Sprachen in den unterschiedlichen europ&#228;ischen Institutionen oder die Stellung der jeweiligen Sprachen als Schulfremdsprachen betrifft &#8211; worauf nachfolgend noch eingegangen wird. Unabh&#228;ngig jedoch von der jeweiligen Stellung einer einzelnen Landes- oder Regionalsprache wertet die EU-Sprachenpolitik, die in der 2002 beschlossenen Formel &#8218;Erstsprache(n) plus 2&#8216; festgehalten ist, das Erlernen von Fremdsprachen fundamental auf. Ausgang des &#8218;plus 2&#8216; ist, dass Europ&#228;erinnen und Europ&#228;er &#252;ber Sprachkenntnisse im Zuge des Erstsprachenerwerbs verf&#252;gen. Es handelt sich hierbei um diejenigen Sprachen, die &#8218;von Haus aus&#8216; erlernt werden, was beispielsweise in mehrsprachigen Gebieten oder im Falle migrationsbedingter Mehrsprachigkeit auch zwei oder mehr Sprachen sein k&#246;nnen. Daran anschlie&#223;end wird mit &#8218;plus 2&#8216; das Ziel ausgegeben, m&#246;glichst fr&#252;hzeitig mindestens zwei weitere Sprachen aktiv zu erlernen. Im schulischen Fremdsprachenerwerb ist unter diesen Sprachen zumeist Englisch vertreten, um an die transnationale Kommunikation in der <italic>lingua franca</italic> innerhalb wie au&#223;erhalb Europas anzuschlie&#223;en. Dar&#252;ber hinaus sollen der Zielsetzung der &#8218;plus 2&#8216;-Logik nach Europ&#228;erinnen und Europ&#228;er eine oder mehrere weitere europ&#228;ische Fremdsprachen erlernen und dadurch spezifische Verbindungen zu bestimmten (Sprach-)Kulturen herstellen. Das eminent Europ&#228;ische an diesem Modell ist das Erlernen weiterer Fremdsprachen, das &#252;ber das Erlernen des Englischen hinausgeht. Die europ&#228;ische Vision als Gegenmodell zu Van Parijs&#8217; Entwurf ist, dass weiterhin und m&#246;glichst noch intensiver als bisher neben dem Englischen Menschen in Deutschland auch Russisch lernen, Menschen in Schweden auch Finnisch lernen, Menschen in Finnland auch Franz&#246;sisch lernen, Menschen in Ungarn auch Polnisch lernen usw. Diese Sprachenpolitik begr&#252;ndet sich eben <italic>nicht</italic> ausschlie&#223;lich kommunikativ, sondern fu&#223;t eminent auf der &#220;berzeugung, dass Sprache, Sprachverwendung und Identifikationsprozesse untrennbar miteinander verbunden sind. Demnach ist es im Sinne der Anerkennung und im Sinne des Erlebens sprachlich-kultureller Vielfalt f&#252;r Europa wichtig, dass zum Beispiel Menschen in Europa auch Niederl&#228;ndisch lernen, selbst wenn mit den meisten Niederl&#228;ndischsprechenden die Kommunikation auch auf Englisch m&#246;glich w&#228;re. Neben der <italic>per se</italic> existierenden Mehrsprachigkeit in bestimmten Regionen und L&#228;ndern Europas ist es somit gerade das gezielte Erlernen weiterer europ&#228;ischer Sprachen, das als ein aktiver Identifikationsprozess auf europ&#228;ischer Ebene anzusehen ist.</p>
<p>Dieses Modell spiegelt sich im europ&#228;ischen Motto oder im &#8218;Europ&#228;ischen Tag der Sprachen&#8216; (26. September) wider. Doch wie gestaltet sich der Gebrauch und das Erlernen von Fremdsprachen in Europa in der Realit&#228;t? Grundlegend kann gesagt werden, dass die Stellung des Englischen in allen Bereichen an Dominanz gewinnt und dass zwischen den sprachenpolitischen Zielsetzungen der EU und den tats&#228;chlichen Fremdsprachenkenntnissen wie auch dem Gebrauch der verschiedenen Sprachen eine Kluft zu konstatieren ist. Blickt man auf die konkrete Sprachverwendung in der EU, so werden offiziell alle aktuell 24 Amtssprachen in der EU &#8222;gleicherma&#223;en [als] Arbeitssprachen der Institutionen&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B15">Europ&#228;ische Kommission o.J.</xref>) ausgewiesen, jedoch ist beispielsweise die Arbeitssprache in der Europ&#228;ischen Zentralbank lediglich Englisch; die Sprachen der Europ&#228;ischen Kommission in Br&#252;ssel sind Englisch, Franz&#246;sisch und Deutsch (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B30">Kruse/Ammon 2018: 45</xref>). Was die Europ&#228;ische Kommission anbelangt, so weisen Kruse/Ammon ferner darauf hin, dass immer mehr Dokumente auf Englisch verfasst werden, um am Ende ihres Beitrags zu bilanzieren: &#8222;[T]he development towards a monolingual structure of the EU institutions is continuing.&#8220; (54)</p>
<p>Neben der Sprachverwendung auf der Ebene der EU-Institutionen kann das Fremdsprachenlernen innerhalb der EU vermittels des europ&#228;ischen Netzwerks &#8218;Eurydice&#8216; &#252;berblickt werden, das seit 2005 regelm&#228;&#223;ig die sogenannten &#8218;Schl&#252;sselzahlen zum Sprachenlernen an den Schulen in Europa&#8216; vorstellt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B18">Eurydice 2005</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B19">2008</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B20">2012</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B21">2017</xref>). Die Zahlen f&#252;r das Jahr 2017 (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B21">Eurydice 2017: 71&#8211;81</xref>) zeigen, dass Englisch an den Schulen in der EU die mit Abstand meistgelernte Sprache ist (85 % in der Sek II), die auch als erste Fremdsprache zumeist fr&#252;her und somit auch l&#228;nger als andere Fremdsprachen gelernt wird. Als weitere Fremdsprachen neben dem Englischen wird prim&#228;r Franz&#246;sisch (23 % in der Sek II), Deutsch (19 % in der Sek II) und Spanisch (19 % in der Sek II) unterrichtet. In vielen L&#228;ndern hat allein Englisch unter den Fremdsprachen den Status eines Pflichtfaches. Dar&#252;ber hinaus zeigt sich diachron, dass im 10-Jahresvergleich die Zahl der Englischlernenden weiter gestiegen ist, w&#228;hrend beispielsweise die Zahl der Franz&#246;sischlernenden kleiner und die der Spanischlernenden insbesondere in der Sekundarstufe II gr&#246;&#223;er geworden ist. Anschlie&#223;end daran l&#228;sst sich mit dem &#8218;First European Survey on Language Competences&#8216;, im Zuge dessen die fremdsprachlichen Lese-, Schreib- und H&#246;rverstehenskompetenzen von Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;lern am Ende der Sekundarstufe I bzw. am Anfang der Sekundarstufe II in 14 europ&#228;ischen L&#228;ndern getestet wurden, zu dem Ergebnis eines &#8222;overall low level of competences in both first and second foreign languages tested&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B14">Europ&#228;ische Kommission 2012b: 5</xref>) kommen. Dabei sind die Kompetenzen in der ersten Fremdsprache, die zumeist Englisch ist, deutlich h&#246;her als in der zweiten Fremdsprache (vgl. ebd.). Und was den Fortschritt in den sprachlichen Kompetenzen anbelangt, kommt das Eurobarometer 386 &#8218;Europeans and their Languages&#8216; zu dem Schluss: &#8222;[T]here are no signs that multilingualism is on the increase.&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B13">Europ&#228;ische Kommission 2012a: 142</xref>)</p>
<p>Es besteht somit eine gewisse Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Betrachtet man die genannten Punkte unter dem Aspekt der Mehrsprachigkeit, dann zeigen sowohl die unterschiedliche Sprachverwendung in den verschiedenen Institutionen der EU als auch die Zahlen zum Fremdsprachenlernen in der EU, dass die F&#246;rderung von Mehrsprachigkeit im EU-Kontext nie bedeutet hat, dass alle Sprachen die gleiche F&#246;rderung oder das gleiche Ma&#223; an Nutzung genie&#223;en.<xref ref-type="fn" rid="n8">8</xref> Auch f&#252;r den vorliegenden Beitrag wird Mehrsprachigkeit bzw. das Erlernen weiterer Fremdsprachen neben dem Englischen nicht so verstanden, dass alle Sprachen in gleicher Weise zu f&#246;rdern w&#228;ren, beispielsweise Estnisch oder Friesisch in gleicher Weise wie Franz&#246;sisch. Pragmatismus und Relevanz k&#246;nnen auch f&#252;r eine Sprachenpolitik, die nicht der Van Parijs&#8217;schen &#214;konomie folgt, insofern als leitend gelten, als es zum Beispiel f&#252;r kaum eine normalgro&#223;e weiterf&#252;hrende Schule sinnvoll und zu bewerkstelligen w&#228;re, Fremdsprachenunterricht in mehr als zwei, drei oder vier Fremdsprachen anzubieten. Und was die Relevanz betrifft, so ist das Erlernen des Tschechischen f&#252;r Menschen in Portugal m&#246;glicherweise weniger relevant als f&#252;r Menschen, die an der deutsch-tschechischen Grenze leben. Gleichwohl bleibt das Argument bestehen, dass es aus Sicht der europ&#228;ischen Sprachenpolitik nicht gen&#252;gen kann, wenn in Portugal aus Pragmatismus- und Relevanzgr&#252;nden niemand andere Sprachen erlernen w&#252;rde als Englisch (und ggf. noch die Nachbarsprache Spanisch).</p>
<p>Neben den Aspekten des Fremdsprachenunterrichts und der Bildungspolitik kann sich in Hinblick auf eine europ&#228;ische Identit&#228;t jede/r Einzelne in Europa die Frage zu stellen: Wie stellen wir uns das europ&#228;ische Projekt vor? Welche Schritte wollen wir in welche europ&#228;ische Zukunft gehen? Wie bewerten wir sprachlich-kulturelle Vielfalt? Welche Rolle sollen Sprachen spielen? Es ist davon auszugehen, dass die Bedeutung des Englischen als Schulfremdsprache und als globale <italic>lingua franca</italic> dominant bleiben wird. Und es ist evident, dass Fremdsprachenlernen eine zuweilen lebenslange Anstrengung bedeutet, die viel M&#252;he und auch Geld kostet. Ob wir uns schneller in eine Zukunft im Sinne von Van Parijs oder im Sinne von Trabant entwickeln, wird unter anderem von individuellen Entscheidungen wie auch von bildungspolitischen Entscheidungen abh&#228;ngen. Wird der Gebrauch des Englischen in immer mehr Sprachkontaktsituationen zur Norm? Verliert der Fremdsprachenunterricht au&#223;er Englisch weiter an Bedeutung, zum Beispiel weil er nicht abiturrelevant ist und (obgleich sp&#228;ter begonnen) fr&#252;her abgew&#228;hlt wird? Werden aus vier Schulstunden Spanisch- oder Russischunterricht drei Schulstunden und dann irgendwann zwei Schulstunden? Es deutet vieles darauf hin, dass dies der Weg ist, der eingeschlagen wird. Nimmt man jedoch die Bedeutung des Fremdsprachenlernens jenseits des Englischen f&#252;r Europa ernst, dann ist die von Caspari (<xref ref-type="bibr" rid="B9">2021</xref>) konstatierte &#8218;Krise der Schulfremdsprachen au&#223;er Englisch&#8216; besorgniserregend. Dann w&#228;re zu &#252;berlegen, nicht nur wie man den keinesfalls zufriedenstellenden <italic>status quo</italic> der Schulfremdsprachen au&#223;er Englisch halten kann, sondern wie deren Bedeutung aufgewertet werden kann. Im Sinne der Argumentation dieses Beitrags w&#228;re ein Mehr an Fremdsprache<italic>n</italic> die notwendige europ&#228;ische Antwort, nicht ein Weniger.</p>
<p>Setzen sich jedoch die beobachtbaren Tendenzen fort bzw. setzen sich Modelle durch wie dasjenige, das Van Parijs propagiert, dann lautet die Frage: Was wird Europa verloren gegangen sein, wenn sich die Kulturen Europas f&#252;r die Europ&#228;erinnen und Europ&#228;er nur noch auf Englisch und in englischer &#220;bersetzung erschlie&#223;en lassen? Der vorliegende Beitrag hat sich in dieser Hinsicht kritisch mit der Position von Van Parijs auseinandergesetzt, die sowohl akademisch als auch im Feuilleton in den vergangenen Jahren intensiv diskutiert worden ist. In Hinblick auf das &#8218;Fremdsprachenlernen in/und Europa&#8216; lautet die Replik an <italic>LJ</italic> und die Antwort auf die Frage, warum man eigentlich noch andere Fremdsprachen au&#223;er Englisch lernen sollte: Wenn Europa mehr als ein gemeinsamer Wirtschaftsraum sein m&#246;chte, dann m&#252;ssen sich die Menschen &#8222;in ihrem sprachlichen Verhalten ernsthaft aufeinander einlassen und sich aufrichtig umeinander bem&#252;hen&#8220;, wie Weinrich (<xref ref-type="bibr" rid="B42">1988: 312</xref>) es vor Jahrzehnten ausgedr&#252;ckt hat. Dann geh&#246;ren die Perspektiven&#252;bernahme &#252;ber Grenzen hinweg und das sprachliche Eintauchen in die Sichtweisen und das kulturelle Erbe der &#8218;Anderen&#8216; fundamental zu Europa. Dies ist aus europ&#228;ischer Sicht nicht allein &#252;ber Kompetenzen im Englischen zu bewerkstelligen, sondern nur durch ein Bem&#252;hen um und Erlernen von mehreren Sprachen im Sinne der sprachenpolitischen &#8218;plus 2&#8216;-Formel. Dazu z&#228;hlt nat&#252;rlich an prominenter Stelle das Englische, mit oder ohne Gro&#223;britannien als EU-Mitglied.<xref ref-type="fn" rid="n9">9</xref></p>
<p>Es l&#228;sst sich somit mit Bezug auf die Position von Van Parijs res&#252;mieren, dass f&#252;r das Erlernen von Fremdsprachen eine zweifache identifikatorische Bedeutung f&#252;r Europa postuliert werden kann: Englisch als die im schulischen Fremdsprachenunterricht am h&#228;ufigsten und am l&#228;ngsten gelernte Fremdsprache f&#246;rdert die Kommunikation &#252;ber sprachliche Grenzen hinweg, ganz im Sinne von Van Parijs. In vielen Sprachkontaktsituationen auf europ&#228;ischer Ebene ist dieser kommunikativ-funktionale Gebrauch des Englischen m&#246;glicherweise nicht angebunden an einen die Kommunikationssituation umgebenden Sprachkulturraum, sondern das Englisch fungiert hier als Ersatzsprache, um Kommunikation sicherzustellen, die sonst m&#246;glicherweise nicht oder nur schwerlich stattfinden k&#246;nnte. Daneben gew&#228;hrt das Erlernen zahlreicher anderer europ&#228;ischer Sprachen Menschen in Europa die M&#246;glichkeit, sich &#252;ber Englisch hinausgehend mit anderen Sprachen und Kulturen zu besch&#228;ftigen, Interesse zu entwickeln und Identifikationspotenziale zu er&#246;ffnen. Dieser eminent europ&#228;ische Aspekt, der den sprachpolitischen Zielsetzungen der EU entspricht und der in fundamentalem Gegensatz zu Van Parijs steht, geht &#252;ber rein sprachliche Funktionalit&#228;t weit hinaus. Angesichts der &#8218;Krise des Fremdsprachenunterrichts&#8216; ist diese europ&#228;isch-identifikatorische Bedeutung des Fremdsprachenunterrichts hervorzuheben. Und gleichwohl kann das Fremdsprachenlernen als eine Antwort gegeben werden, wenn es um die Krise Europas im Sinne eines Mangels an innereurop&#228;ischem Zusammenhalt geht.</p>
<p>Trabant richtet am Ende seines Buches den Blick von der Gegenwart aus zur&#252;ck und beklagt das letzte Ert&#246;nen des Bretonischen in Liedern als letzte Artikulation vor einem endg&#252;ltigen Verklingen:</p>
<disp-quote>
<p>Diese Sprache ist in ihrem Land verklungen. Die neue Sprache des Paradieses &#8211; in diesem Fall Franz&#246;sisch &#8211; hat die alte Babelsprache verdr&#228;ngt. Aber wenn beim Hochzeitsmahl, in der Nacht, alle betrunken sind, erschallen pl&#246;tzlich noch die alten Lieder in der verklungenen Sprache. Das Gespenst der alten Sprache rumpelt also noch im Keller des kollektiven Unbewussten der Sprecher der Sprache des Neuen Paradieses, es k&#252;ndet vom Verlust, von der gro&#223;en Ungerechtigkeit des Verstummens der Sprachen. (<xref ref-type="bibr" rid="B39">Trabant 2014: 208</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Auch ich m&#246;chte abschlie&#223;end ein Beispiel aus der Musik anf&#252;hren, jedoch den Blick vom hier aus nicht zur&#252;ck, sondern nach vorne richten. Anders als Trabant blicke ich hier nicht auf das Verschwinden von Sprachen. Ich prophezeie nicht den bevorstehenden Niedergang des Spanischen, sodass niemand mehr das Lied &#8222;Letras&#8220; der spanischen Band <italic>elbicho</italic> sprachlich zu verstehen vermochte. Aus der Sicht von Van Parijs haben gen&#252;gend Kollektive das Spanische zu ihrer &#8218;K&#246;nigin&#8216; erhoben, sodass ihr Fortbestehen gesichert scheint. Es stellt sich jedoch die Frage, ob es ein Verlust f&#252;r die europ&#228;ischen Kulturen w&#228;re, wenn aufgrund mangelnder sprachlich-kultureller Kenntnisse kaum mehr jemand au&#223;erhalb Spaniens dieses Lied verstehen w&#252;rde. Was ginge verloren, wenn sich dieses Lied und seine kulturelle Bedeutung lediglich in englischer &#220;bersetzung erschlie&#223;en lie&#223;e? Und was ist mit den Bereichen des kulturellen Lebens, die sich nicht sprachlich &#252;bersetzen lassen, etwa das spontane kollektive &#8218;Geschehen&#8216; einer Gitarre, einiger Singender und vieler klatschender H&#228;nde auf irgendeinem Platz, in irgendeiner Nacht im Albaic&#237;n? W&#228;ren die nunmehr nur noch Englisch sprechenden Europ&#228;er nicht allesamt als sprachlich und kulturell unverbundene <italic>innocent bystander</italic> zu begreifen? Die europ&#228;ische Vision ist meines Erachtens nicht so zu verstehen, dass jede/r Europ&#228;er/in auf diesem Platz im Albaic&#237;n alles verstehen k&#246;nnen und sprachlich-kulturell mit dem Geschehen verbunden sein soll. Sie bedeutet vielmehr, dass es f&#252;r m&#246;glichst viele Europ&#228;er/innen mindestens einen solchen Platz des sprachlich-kulturellen Verbundenseins irgendwo in Europa geben sollte.</p>
</sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Angesichts der inflation&#228;ren Verwendung des Krisenbegriffs, die als solche zum Symptom f&#252;r die Komplexit&#228;t (post-)moderner Lebenswelten geworden ist (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B34">Nassehi 2017: 122</xref>), wird auf den Begriff im weiteren Verlauf des Beitrags weitestgehend verzichtet.</p></fn>
<fn id="n2"><p>Van Parijs konzipiert in seinem Buch den Begriff der Sprachengerechtigkeit in verschiedener Hinsicht, vgl. hierzu die entsprechenden Kapitel &#8222;Linguistic justice as fair cooperation&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B40">Van Parijs 2011: 50&#8211;86</xref>), &#8222;Linguistic justice as equal opportunity&#8220; (87&#8211;116) und &#8222;Linguistic justice as parity of esteem&#8220; (117&#8211;132).</p></fn>
<fn id="n3"><p>Vgl. hierzu ausf&#252;hrlicher Van Parijs (<xref ref-type="bibr" rid="B40">2011: 189</xref>): &#8222;[M]ost professional linguists are understandably not keen to see the bulk of the world&#8217;s languages wither away [&#8230;]. But most of them are probably also reasonable enough to admit, when pressed, that it would be unfair to attempt to induce some people to keep learning, talking, and teaching a language they would otherwise abandon, for the sole purpose of enabling a small bunch of inquisitive scholars to indulge their intellectual curiosity or to advance their careers by writing erudite pieces in academic journals.&#8220;</p></fn>
<fn id="n4"><p>Da es hier um die vor allem sprachenpolitische Frage um Mehrsprachigkeit in Europa geht, wird der fremdsprachendidaktische Diskurs zu Mehrsprachigkeit und Mehrsprachigkeitsdidaktik hier nicht einbezogen.</p></fn>
<fn id="n5"><p>Es sei hier angemerkt, dass die Frage, <italic>wie</italic> Fremdsprachen zu vermitteln seien, von Trabant in einer Weise behandelt wird, die sich fremdsprachendidaktisch in die Diskussion um ein &#8218;Bildungs- vs. N&#252;tzlichkeitsprinzip&#8216; (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B36">R&#246;ssler 2007: 9</xref>) einordnen l&#228;sst. In groben Z&#252;gen l&#228;sst sich sagen, dass Trabant die kommunikative Ausrichtung des modernen Fremdsprachenunterrichts insofern kritisch sieht, als sich seiner Meinung nach der &#8222;Bildungsgedanke zunehmend (&#8230;) verfl&#252;chtigt [und] die geforderte Sprachkompetenz immer anspruchsvoller&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B39">Trabant 2014: 102</xref>) wird. Da es jedoch nicht um die konzeptionelle Ausrichtung des Fremdsprachenunterrichts in diesem Beitrag geht, bleibt dieser Aspekt im Folgenden unber&#252;cksichtigt.</p></fn>
<fn id="n6"><p>Vgl. hierzu exemplarisch die vielen Beitr&#228;ge zu &#8218;Identit&#228;t und Fremdsprachenlernen&#8216; in Burwitz-Melzer/K&#246;nigs/Riemer (<xref ref-type="bibr" rid="B8">2013</xref>). Identit&#228;t ist ein sozial- und kulturwissenschaftlich hochgradig aufgeladener und vielschichtiger Begriff (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B35">Niethammer 2000</xref>). Die terminologische Fachdiskussion kann hier aus Platzgr&#252;nden nicht aufgegriffen werden, sodass von einem alltagssprachlichen Verst&#228;ndnis von Identit&#228;t bzw. Identifikation ausgegangen wird.</p></fn>
<fn id="n7"><p>Beispielsweise hebt die einflussreiche konstruktivistische Identit&#228;tstheorie von Benedict Anderson f&#252;r das Aufkommen nationalstaatlicher Kollektividentit&#228;ten die Vorstellungst&#228;tigkeit in Bezug auf eine Gemeinschaft hervor (,<italic>imagined communities</italic>&#8216;), die Anderson zufolge eminent auf die Rezeption etwa von Presse und Rundfunk zur&#252;ckzuf&#252;hren ist, also auf sprachliche Prozesse (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B1">Anderson 1991</xref>).</p></fn>
<fn id="n8"><p>Bei Van Parijs wird stellenweise der entgegengesetzte Eindruck vermittelt, beispielsweise wenn der Autor in Bezug auf das &#220;bersetzen und Dolmetschen von &#8222;massive ways in which the daily operation of the EU institutions expresses the equality of all official EU languages&#8220; schreibt. Mit &#228;hnlicher Argumentation, aber diesbez&#252;glich deutlich expliziter als Van Parijs spricht der Soziologe J&#252;rgen Gerhards davon, dass die EU zur F&#246;rderung der fremdsprachlichen Kompetenzen &#8222;alle Sprachen der Mitgliedsl&#228;nder und auch die Minderheitensprachen gleichbehandelt&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B23">Gerhards 2010: 148</xref>), &#8222;ungeachtet ihrer Verbreitung&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B24">Gerhards 2015: 159</xref>). Wenn sich jedoch &#8218;ein Deutscher und ein Pole begegnen&#8216;, um ein Beispiel von Gerhards aufzugreifen, dann ist es am wahrscheinlichsten, dass sie &#252;ber Englisch und/oder Deutsch miteinander kommunizieren k&#246;nnen. Dahingegen schreibt Gerhards: &#8222;Ein Deutscher, der Fl&#228;misch gelernt hat, und ein Pole, der jetzt des Lettischen m&#228;chtig ist, haben jeweils ihre Fremdsprachenkompetenz erh&#246;ht, sie k&#246;nnen sich deswegen aber zu zweit nicht miteinander verst&#228;ndigen.&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B24">Gerhards 2015: 161</xref>) Gerhards Beispiel insinuiert, die Wahrung sprachlicher Vielfalt laufe darauf hinaus, dass vor allem sogenannte &#8218;kleine Sprachen&#8216; wie Friesisch und Lettisch gelernt w&#252;rden. Diese Vision steht im Gegensatz sowohl zur Realit&#228;t des Fremdsprachenlernens in Europa als auch zu den Vorschl&#228;gen und Pl&#228;doyers zum Erhalt sprachlicher Vielfalt, die allesamt von einer (auch zuk&#252;nftig) dominanten Stellung des Englischen ausgehen.</p></fn>
<fn id="n9"><p>W&#228;hrend dieser Text entsteht, schaut Europa und die Welt gebannt an die ukrainisch-russische Grenze. Zum jetzigen Zeitpunkt scheinen Panzer und schweres milit&#228;risches Ger&#228;t den Ausschlag &#252;ber die Frage nach Krieg oder Frieden zu geben. Was aber wird morgen und &#252;bermorgen &#252;ber Ann&#228;herung oder Eskalation entscheiden? Sollte Europa politisch weiter auseinanderbrechen und die Identifikation auf europ&#228;ischer Ebene eine weitere Zerst&#252;ckelung und Marginalisierung erfahren, dann ist das kein Argument gegen die Zielsetzung der Mehrsprachigkeit. Denn auch dann w&#228;re ein vielsprachiges Europa, in dem viele Menschen europ&#228;ische Sprachen sprechen, die nationalen und regionalen Besonderheiten ihrer Nachbarn kennen, sich f&#252;r sie interessieren und sich mit ihnen identifizieren, die <italic>bessere</italic> Grundlage f&#252;r Verst&#228;ndigung und Frieden.</p></fn>
</fn-group>
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<title>Literatur</title>
<ref id="B1"><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Anderson</surname>, <given-names>Benedict R.</given-names></string-name> (<year>1991</year>): <source>Imagined communities. Reflections on the origins and spread of nationalism</source>. <publisher-loc>London</publisher-loc>: <publisher-name>Verso</publisher-name>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B2"><mixed-citation publication-type="journal"><string-name><surname>Baub&#246;ck</surname>, <given-names>Rainer</given-names></string-name> (<year>2015</year>): <article-title>The political value of languages</article-title>. <source>Critical Review of International Social and Political Philosophy</source> <volume>18</volume>: <issue>2</issue>, <fpage>212</fpage>&#8211;<lpage>223</lpage>.</mixed-citation></ref>
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<title>Kurzbio</title>
<p><bold>Benjamin Inal</bold> arbeitet nach abgeschlossener Promotion in hispanistischer Literaturwissenschaft sowie mehrj&#228;hriger T&#228;tigkeit als gymnasialer Spanischlehrer als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich der Fachdidaktik des Franz&#246;sischen und Spanischen an der Universit&#228;t Paderborn.</p>
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<bold>Anschrift:</bold>
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