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<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Interkulturellen Fremdsprachenunterricht</journal-title>
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<publisher-name>Universit&#228;ts- und Landesbibliothek Darmstadt</publisher-name>
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<subject>Praxisbericht</subject>
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<article-title>Das j&#252;dische Wien im 20. Jahrhundert. Ein interdisziplin&#228;res und interkulturelles Projekt</article-title>
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<surname>Kuri</surname>
<given-names>Sonja</given-names>
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<email>sonja.kuri@uniud.it</email>
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<aff id="aff-1">Universit&#224; deli Studi di Udine, Dipartimento di Lingue e letterature, comunicazione, formazione e societ&#224;, Via Petracco, 8, 33100 Udine</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2022-09-23">
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<year>2022</year>
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<issue>2</issue>
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<copyright-year>2022</copyright-year>
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<license-p>CC BY 4.0 International - Creative Commons, Namensnennung. See <uri xlink:href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</uri>.</license-p>
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<abstract>
<p>Der vorliegende Beitrag berichtet &#252;ber das interdisziplin&#228;re Projekt &#8218;Das j&#252;dische Wien im 20. Jahrhundert&#8216; an der Universit&#224; degli Studi di Udine/Italien, dessen zentrales Element eine einw&#246;chige Studienreise nach Wien war. Dargestellt werden die inhaltlichen und didaktischen Dimensionen der verschiedenen Projektkomponenten unter besonderer Ber&#252;cksichtigung aller mit der Studienreise direkt in Zusammenhang stehenden Aspekte sowie der Ergebnisse hinsichtlich Verarbeitungstiefe und Nachhaltigkeit des Erfahrenen bei den Teilnehmenden.</p>
</abstract>
<trans-abstract xml:lang="en">
<p><bold>Jewish Vienna in the 20th Century. An intercultural and interdisciplinary Project</bold></p>
<p>This article deals with the interdisciplinary project &#8220;Jewish Vienna in the 20th Century&#8221; at the University of Udine/Italy, in which a central element was a one-week study trip to Vienna. The focus is on the one hand on the content-related and didactic dimensions of the two courses in German Linguistics and Austrian Literature well as the specific preparatory meetings for the study trip, and on the other hand on the results of the project activities concerning the depth of processing and sustainability of what was experienced by the participants.</p>
</trans-abstract>
<kwd-group>
<kwd>J&#252;disches Wien</kwd>
<kwd>Erinnerung und heutiges Leben</kwd>
<kwd>&#214;sterreichische Literatur</kwd>
<kwd>Studienreise</kwd>
<kwd>Nachhaltigkeit</kwd>
</kwd-group>
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<kwd>Jewish Vienna</kwd>
<kwd>Remembrance</kwd>
<kwd>Study Trip</kwd>
<kwd>Austrian Literature</kwd>
<kwd>Sustainability</kwd>
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<title>1 Einleitung</title>
<p>Vom 22. bis 29. April 2018 unternahmen Lehrende und Deutsch-Studierende des Master-Studiengangs <italic>Lingue e letterature europee ed extraeuropee</italic> der Universit&#228;t Udine/Italien eine Studienreise zum Thema <italic>Das j&#252;dische Wien im 20. Jahrhundert</italic>. Insgesamt waren es 17 Frauen, die sich auf diese Herausforderung eingelassen hatten: dreizehn Studentinnen, zwei Sprachlektorinnen und zwei Dozentinnen. Um eine Herausforderung handelte es sich insofern, als dass die Lehrenden nicht davon ausgehen konnten, dass es den Studierenden von vorneherein ein Anliegen ist, das Thema der Shoah einmal von einer ganz anderen Seite anzugehen und dar&#252;ber hinaus Einblick zu bekommen in heutige Lebensbedingungen j&#252;dischen Lebens, denn &#8222;[w]ir sind mehr als die Shoah&#8220; reklamieren Sashi Turkof und Mark Napadenski in einer Reportage der Kleinen Zeitung anl&#228;sslich des Holocaust-Gedenktages 2022 (<xref ref-type="bibr" rid="B20">Melichar 2022: 6&#8211;7</xref>), in der sie auch &#252;ber ihre Zugeh&#246;rigkeit und ihr Lebensgef&#252;hl in der Stadt sprechen. Es ging uns also darum, unsere Studierenden mit einem Thema zu konfrontieren, das uns alle betrifft, wie es die j&#252;ngsten Ereignisse &#8211; so u.a. das Attentat im j&#252;dischen Viertel Wiens am 2. November 2020 und die Strategie der T&#228;ter-Opfer-Umkehr im Russland-Ukraine-Krieg &#8211; wieder &#252;berdeutlich und schmerzlich zeigen. Dar&#252;ber hinaus kann der Antisemitismus, wie Benz (<xref ref-type="bibr" rid="B4">2016: 247</xref>) schreibt, &#8222;aufgrund seiner langen Existenz und seiner vielf&#228;ltigen Erscheinungsweisen als das exemplarische Ph&#228;nomen f&#252;r die Erforschung von Gruppenkonflikten und sozialen Vorurteilen genutzt werden&#8220;, also k&#246;nnen Erkenntnisse auch auf die derzeitigen Migrationsprozesse mit der einhergehenden Neuformierung von Gesellschaften sowie den gesellschaftspolitischen Folgen der Covid-19-Pandemie angewandt werden.</p>
<p>Diese Studienreise war Teil eines interdisziplin&#228;ren Projekts der Fachbereiche Germanistische Linguistik und Literaturwissenschaft der Studienjahre 2017/18 und 2018/19, die Lehrinhalte der beiden Lehrveranstaltungen in &#8222;Germanistischer Linguistik&#8221; und &#8222;&#214;sterreichischer Literatur&#8221; sowie weitere au&#223;ercurriculare Veranstaltungen waren auf das Rahmenthema abgestimmt.</p>
<p>Der vorliegende Bericht m&#246;chte in die inhaltlichen und didaktischen Ans&#228;tze und Dimensionen sowie den konkreten Ablauf und die Ergebnisse des Projekts Einblick geben. Daf&#252;r werden in Abschnitt 2 die wesentlichen vorbereitenden Projektkomponenten beleuchtet, Abschnitt 3 legt den Fokus auf die Studienreise selbst. Unter 4 wird das Thema der Nachhaltigkeit eines solchen Unternehmens behandelt und ein Res&#252;mee gezogen.</p>
</sec>
<sec>
<title>2 Die Projektkomponenten</title>
<p>Zentrale Projektkomponenten waren die oben bereits erw&#228;hnten curricularen Lehrveranstaltungen sowie die au&#223;ercurricular notwendigen Vorbereitungstreffen zur Studienreise selbst. Zwei Konferenzzyklen mit je drei Abendveranstaltungen bereicherten das Angebot, diese finden in Folge bei bestimmten Aspekten Erw&#228;hnung, es wird aber nicht genauer auf sie eingegangen.</p>
<sec sec-type="methods">
<title>2.1 Die inhaltlichen und methodischen Ans&#228;tze in der curricularen Lehrveranstaltung der Germanistischen Linguistik</title>
<p>In den Lehrveranstaltungen zur Germanistischen Linguistik des Masterstudiengangs <italic>Lingue e Letterature Europee ed Extraeuropee</italic> an der Universit&#228;t Udine sollen sich die Studierenden u.a. mit Ph&#228;nomenen der sprachlich-kommunikativen Wirklichkeitsgestaltung in den L&#228;ndern mit Deutsch als Erst- und Zweitsprache und damit mit gesellschaftspolitisch relevanten und auch brisanten Themen auseinandersetzen sowie wissenschaftliche Analyseinstrumente kennen und anwenden lernen, um sprachliche und multimodal konfigurierte Kommunikate in ihrer Tiefenstruktur und in ihrer Einbettung in gr&#246;&#223;ere Diskurse erschlie&#223;en zu k&#246;nnen. Im Herbstsemester 2017/18 wurde das Rahmenthema anhand von <xref ref-type="bibr" rid="B8">Axel Cortis Film <italic>Eine blassblaue Frauenschrift</italic></xref> eingeleitet. Cortis gleichnamige Verfilmung von <xref ref-type="bibr" rid="B26">Werfels Novelle <italic>Eine bla&#223;blaue Frauenschrift</italic></xref> aus dem Jahre 1941 ist gleichsam eine Parabel f&#252;r die Geschichte &#214;sterreichs und ein literarisches Portr&#228;t der sozialpsychologischen Gemengelage &#214;sterreichs im Jahr 1936 (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B21">Pape 2004</xref>) und ist ein g&#252;ltiger Beitrag zur Debatte &#252;ber die herrschenden Narrative und die bislang nicht erfolgte Vergangenheitsaufarbeitung im Zuge des &#246;sterreichischen Bundespr&#228;sidentenwahlkampfs von 1986. Der Film bietet sich als Analyseobjekt zum Aufsp&#252;ren und Dekonstruieren antisemitischer und damit rassistischer und fremdenfeindlicher Einstellungen in sprachlichen &#196;u&#223;erungen geradezu an.<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref> Anhand der Sprache des Protagonisten, der Repr&#228;sentanten des &#246;sterreichischen &#8218;St&#228;ndestaates&#8216; und der gehobenen Gesellschaft werden die &#220;berholtheit und Hohlheit der reproduzierten sprachlichen Formen und die in stereotype Formulierungen und zu Floskeln geronnenen antisemitischen Haltungen und opportunistischen Verhaltensweisen als potentielle Dispositionen f&#252;r die folgende Katastrophe offensichtlich gemacht (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B18">Kuri 2019</xref>).</p>
<p>Das didaktische Vorgehen im Seminar war gleicherma&#223;en theorie- wie materialgeleitet. Durch die Analyse der Dialoge und im Off gesprochenen Monologe und Kommentare des Erz&#228;hlers mittels Instrumenten der Gespr&#228;chsanalyse (vgl. u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B5">Brinker/Sager 2001</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B9">Deppermann 2008</xref>) wurden die verbalen Identit&#228;tsinszenierungen des Protagonisten erfasst und herausgearbeitet. Dabei sollte erkannt werden, in welchen Situationen und bei welchen Themen der Antisemitismus des Protagonisten in welchen sprachlichen Formationen und Argumentationsschemata zutage tritt. Daran anschlie&#223;end erfolgte eine Inhaltsanalyse mittels Instrumenten der Diskursanalyse (vgl. u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B16">J&#228;ger 2009</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B24">Spitzm&#252;ller/Warnke 2011</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B25">Warnke 2007</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B28">Wodak/Nowak/Pelikan/Gruber/de Cillia/Mitten 1990</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B27">Wodak 2016</xref>) &#8211; nat&#252;rlich immer unter Ber&#252;cksichtigung des <italic>fiktionalen Pakts</italic>. Anhand dieses konkreten Diskursbeitrags sollten sich die Lernenden auch mit den eigenen Realit&#228;tsvorstellungen und Wissens- und Stereotypenrepertoires auseinandersetzen und ihre Bewusstseins- und Wissensbasis erweitern, um die verschiedenen Artikulationen des Themas und die Deutungsmechanismen zu durchschauen. Gleichzeitig sollten sie Analyseinstrumente handhaben lernen, um Gespr&#228;che weiterer vergesellschafteter Themen in deren diskursiver Struktur erfassen zu k&#246;nnen, was in anschlie&#223;enden <italic>Case-studies</italic> zu selbstgew&#228;hlten Themen ausprobiert wurde.</p>
</sec>
<sec sec-type="methods">
<title>2.2 Die inhaltlichen und methodischen Ans&#228;tze in der curricularen Lehrveranstaltung der Germanistischen Literaturwissenschaft</title>
<p>Neben einem Hauptseminar in &#8222;Deutscher Literatur&#8220; wird an der Universit&#228;t Udine im Rahmen des Masterstudiengangs <italic>Lingue e Letterature Europee ed Extraeuropee</italic> und des Curriculums <italic>Double-Degree Udine-Klagenfurt in letteratura e cultura austriaca/Germanistik im interkulturellen Kontext</italic> auch eines in &#8222;&#214;sterreichischer Literatur&#8220; angeboten. Thema des Kurses im Studienjahr 2017/2018 war <italic>Die Lyrik nach 1945 in &#214;sterreich und Mitteleuropa als Zwischenraum und Polyphonie</italic>. Nach einem historischen &#220;berblick vom Anschluss &#214;sterreichs 1938 bis zum Kriegsende 1945, so berichtet die Lehrveranstaltungsleiterin Elena Polledri (<xref ref-type="bibr" rid="B22">2019</xref>)<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref>, wurde als Ausgangspunkt des Seminars die bekannte Aussage Adornos gew&#228;hlt: &#8222;Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegen&#252;ber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unm&#246;glich ward, heute Gedichte zu schreiben.&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B1">Adorno 1951/1998: 30</xref>). Dem provokativen Diktum des Philosophen, das als Verbot einer Dichtung nach und &#252;ber Ausschwitz und gleichzeitig als Ausdruck der unheilbaren Z&#228;sur in der deutschen Sprache und Kultur nach der Shoah gilt, wurde die reiche und vielf&#228;ltige lyrische Produktion der Nachkriegsjahre entgegengesetzt &#8211; als eine Negation der These Adornos und vor allem als Beweis daf&#252;r, dass es immer noch m&#246;glich und sogar notwendig war und ist, nicht nur &#8222;nach Auschwitz&#8220;, sondern auch &#8218;<underline>&#252;ber</underline> Auschwitz&#8216;&#8218; Gedichte zu schreiben, um dadurch jener Vergangenheitsbew&#228;ltigung Widerstand zu leisten, die das Hauptkennzeichen der Nachkriegsjahre darstellte. Der erste Teil des Seminars wurde unter dieser Voraussetzung Celans Lyrik gewidmet, jenes Dichters, der durch seine Dichtung den Verstorbenen eine Stimme zu geben versuchte und es (als Dichter und Mensch) als seine Hauptaufgabe betrachtete, seine Lyrik zum Zeugnis, zur Anklage und zugleich zum &#8222;Andenken&#8220; an das Schicksal des j&#252;dischen Volkes zu machen. Gelesen wurden auch Gedichte aus den sp&#228;teren Sammlungen, in denen sich eine immer st&#228;rkere &#8222;Neigung zum Verstummen&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B6">Celan 1983: 197</xref>) und zur Dunkelheit zeigen. Der zweite Teil des Kurses war Ingeborg Bachmann und weiteren &#246;sterreichischen Dichterinnen und Dichtern der Nachkriegszeit gewidmet. Bachmann lernte im Jahre 1947 Celan in Wien kennen; das Liebesverh&#228;ltnis zwischen der &#8222;Fremden&#8220;, der Nichtj&#252;din, der aus Hitlers Heimat stammenden Klagenfurterin, und dem j&#252;dischen Dichter aus Czernowitz, deren Liebe zum Scheitern verurteilt war, spiegelt sich in dem Ingeborg gewidmeten Gedicht <italic>Corona</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Celan 2003: 39</xref>). Von Bachmann wurden auch Erz&#228;hlungen aus <italic>Das drei&#223;igste Jahr</italic> gelesen, darunter <italic>Jugend in einer &#246;sterreichischen Stadt</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B2">1991a: 7&#8211;16</xref>), ein Manifest gegen die Heimatideologie und zugleich gegen den Krieg, sowie <italic>Unter M&#246;rdern und Irren</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B3">1991b: 82&#8211;109</xref>), in der die Restauration der Wiener Gesellschaft und das heuchlerische Zusammenleben von Opfern und T&#228;tern in der Nachkriegszeit geschildert wird. Im letzten Teil des Kurses kamen weitere bedeutende &#246;sterreichische Stimmen des &#8222;Widerstands&#8220; gegen das Schweigen, die Hypokrise und die Vergangenheitsbew&#228;ltigung zu Wort, darunter Friederike Mayr&#246;cker und schlie&#223;lich Ernst Jandl mit seinem ber&#252;hmten Gedicht <italic>Wien: Heldenplatz</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B15">1985: 290</xref>).</p>
<p>In einer unter aktiver Beteiligung der Kursteilnehmer/innen organisierten &#246;ffentlichen Lesung in der &#214;sterreich-Bibliothek der Universit&#228;t wurden die im Kurs behandelten Gedichte auf Deutsch und auf Italienisch pr&#228;sentiert und kommentiert, um das &#8222;Andenken&#8220; der Dichter als &#8222;was bleibet&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B14">H&#246;lderlin 1992: 475</xref>) zu stiften.<xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref></p>
</sec>
<sec>
<title>2.3 Die Studienreise: Rahmenbedingungen, Organisation, Programm</title>
<p>Die konkreten Reisevorbereitungen begannen ca. ein Jahr im Voraus mit der Kontaktaufnahme zu verschiedenen Institutionen in Wien. Unerwartet positiv war das unserem Projekt entgegengebrachte Interesse und das Engagement, aktiv daran mitzuwirken; so wurden uns viele Vorschl&#228;ge und Angebote gemacht, die &#252;ber unsere ersten Ideen und Ans&#228;tze weit hinausgingen. Um schlie&#223;lich all die angebotenen Facetten in ein koh&#228;rentes Programm zu gie&#223;en, ben&#246;tigte es eine umfassende Koordination und Ablaufplanung. Ans&#228;tze und Dimensionen der Besuche an den einzelnen Lernorten wurden mit den jeweiligen Ansprechpartnerinnen und -partnern im Detail abgesprochen, um jeweils eine angemessene inhaltliche und p&#228;dagogische Inszenierung zu gew&#228;hrleisten. Zwischen den einzelnen Programmpunkten sollte zudem nicht nur Raum sein f&#252;r die Ortswechsel, sondern auch f&#252;r die Verarbeitung des Geh&#246;rten, Gesehenen, Erlebten und auch die M&#246;glichkeit, Abstand von der Gruppe zu bekommen sowie sich die Stadt auch nach eigenem Gutd&#252;nken anzueignen. Ein Vorab-Wienbesuch durch eine unserer Lektorinnen diente u.a. auch der &#220;berpr&#252;fung, ob all diese Aspekte im zur Verf&#252;gung stehenden Zeitrahmen im gebotenen Ma&#223;e &#252;berhaupt realisierbar sein w&#252;rden. Bei der Durchf&#252;hrung zeigte es sich, dass kein einziger Vorbereitungsschritt &#252;berfl&#252;ssig gewesen war.</p>
<p>Das Programm sah unterschiedliche Lernorte vor, die es erlaubten, uns auf unterschiedliche Art und Weise mit den Themen Vergangenheit und Erinnerung/Erinnerungskulturen, mit heutigem j&#252;dischen Leben in Wien sowie auch mit den damit verbundenen Themen wie Umgang mit Anderssein, Toleranz und Integration auseinanderzusetzen, diese werden in Abschnitt 3 vorgestellt.</p>
<p>Daran gemessen war trotz unseres ambitionierten Anspruchs, niemanden aus finanziellen Gr&#252;nden von der Reise ausschlie&#223;en zu m&#252;ssen, die Finanzierung aller mit dem Programm verbundenen Ausgaben keine allzu gro&#223;e Herausforderung: Unser <italic>Dipartimento</italic> &#252;bernahm die &#220;bernachtungskosten, der Zukunftsfonds der Republik &#214;sterreich die Reisekosten der Studierenden, weitere anfallende Kosten wie Theater- und Museumseintritte wurden durch einen Beitrag der <italic>Associazione Biblioteca Austriaca</italic> (ABA) gedeckt, die beiden gemeinsamen Abendessen aus einem Fonds f&#252;r didaktische Aktivit&#228;ten der beiden Dozentinnen, die Reise- und Unterkunftskosten der Lehrenden durch Stipendien des &#214;sterreichische Au&#223;enministeriums beglichen.</p>
<p>Wie in der einschl&#228;gigen Literatur zu Exkursionen und Studienreisen richtigerweise darauf hingewiesen wird (u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B10">Erhorn/Schwier 2016a</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B19">Maier 1999/2007</xref>), sind inhaltliche Vor- und Nachbereitungen der Teilnehmer/innen essentielle Vorrausetzungen f&#252;r nachhaltige Lernerfahrungen von Exkursionen und Studienreisen. Die vier spezifischen Vorbereitungstreffen auf die Reise und die zu besuchenden Orte und Institutionen fanden in der <italic>Biblioteca umanistica</italic> der Universit&#228;t statt, die auch Sitz einer der zwei &#214;sterreich-Bibliotheken Italiens ist; dort fand die Gruppe ausreichendes Studien- und Vorbereitungsmaterial, noch nicht Vorhandenes wurde &#252;ber das Budget der Bibliothek und der ABA angekauft. In Kleingruppen wurden die Grundinformationen zu den einzelnen Programmpunkten als notwendige Wissensvoraussetzungen in deutscher Sprache erarbeitet, die Themen waren: Grundwissen zur j&#252;dischen Geschichte Wiens, die wichtigsten Zentren j&#252;dischen Lebens in Wien und die Museen und Institutionen, die wir besuchen und wo wir uns vertieft und auf vielf&#228;ltige Art und Weise mit spezifischen Aspekten unseres Rahmenthemas auseinandersetzen wollten. Die erarbeiteten Inhalte wurden zuerst im Rahmen der Vorbereitungstreffen jeweils den anderen Teilnehmerinnen auf Deutsch vorgestellt, w&#228;hrend der Reise sollten diese vor Ort durch die jeweiligen &#8218;Expertinnen&#8216; nochmals in Erinnerung gerufen werden.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>3 Die Studienreise</title>
<p>Im Folgenden werden zuerst die Destinationen vorgestellt, danach werden die didaktischen Inszenierungen in den Blick genommen.</p>
<sec>
<title>3.1 Die Programmpunkte im &#220;berblick</title>
<p>Bei den besuchten Orten und Institutionen handelte es sich nat&#252;rlich nicht um &#8222;beliebige Eventst&#228;tten&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B11">Erhorn/Schwier 2016b: 8</xref>), sondern um spezifisch ausgew&#228;hlte, die sich in folgende f&#252;nf Kategorien einteilen lassen:</p>
<list list-type="order">
<list-item><p><bold>Orte des j&#252;dischen Lebens in der Vergangenheit und heute:</bold> Im Programm waren dies der 2. Bezirk, der 1. Bezirk sowie das j&#252;dische Restaurant &#8222;Alef Alef&#8220;. Hierzu darf auf den beispielhaften Auszug aus dem Bericht einer Teilnehmerin unter 4.1 dieses Beitrags vorverwiesen werden.</p></list-item>
<list-item><p><bold>Orte der Erinnerung und der Vermittlung:</bold> Hierzu z&#228;hlen aus unserem Programm das Wiener Wiesenthal-Institut f&#252;r Holocaust-Studien (VWI), wo die Teilnehmerinnen Einblick bekamen in die Arbeit des Gr&#252;nders und die heutige Ausrichtung als Forschungsinstitut, das Dokumentationsarchiv des &#214;sterreichischen Widerstandes (D&#214;W), das neben den Aufgaben &#8222;Erforschen&#8220; und &#8222;Erinnern&#8220; auch explizit die Vermittlungsarbeit zeitgeschichtlicher Inhalte insbesondere f&#252;r junge Menschen in seinem Programm f&#252;hrt, die Gedenkst&#228;tte &#8222;Am Steinhof&#8220; als ein schreckliches Beispiel f&#252;r die NS-Medizinverbrechen, das J&#252;dische Institut f&#252;r Erwachsenenbildung, wo wir ein Seminar zur Sprache, Kultur und Literatur des Jiddischen besuchten, und der j&#252;dische Teil des Zentralfriedhofs, die einzige Destination, deren Relevanz im Vorfeld von einigen Teilnehmerinnen in Frage gestellt wurde.</p></list-item>
<list-item><p><bold>Literatur und Wissenschaft:</bold> Dazu geh&#246;ren die Destinationen Literaturmuseum der &#214;sterreichischen Nationalbibliothek, wo die Teilnehmerinnen ihr literarisches Wissen zu &#246;sterreichischen Autorinnen und Autoren auffrischen und erweitern konnten, das Sigmund-Freud-Museum, wo sie sich nicht nur mit Freud und der Psychoanalyse auseinandersetzen konnten, sondern es sie auch erkennen lie&#223;, dass die j&#252;dischen Intellektuellen in der 1. H&#228;lfte des 20. Jahrhunderts durchaus keine homogene Gruppe bildeten. Dar&#252;ber hinaus bekamen sie durch die Kuratorin der gerade stattfindenden Sonderausstellung zu <italic>Freud und die Literaten des jungen Wien</italic> Einblick in das Ausstellungmachen. In diese Kategorie geh&#246;rt nat&#252;rlich auch die Universit&#228;t Wien. Dieser Besuch konfrontierte sie einerseits mit der problematischen Rolle und Haltung der Universit&#228;t im Vorfeld und w&#228;hrend des &#246;sterreichischen Anschlusses gegen&#252;ber ihrem j&#252;dischen Personal; eine Vorlesung selbst zeigte ihnen anhand der Konzeptualisierung der deutschen Sprache in &#214;sterreich als &#8218;&#246;sterreichisches Deutsch&#8216; in den Nachkriegsjahren den Zusammenhang von Wissenschaft und politischer Vereinnahmung.</p></list-item>
<list-item><p><bold>Bez&#252;ge zum Heute:</bold> Der Besuch des J&#252;dischen Museums z&#228;hlt in diese Kategorie, das Museum in seiner Ausrichtung dokumentiert vergangenes und heutiges j&#252;disches Leben mittels teils permanenter und teils wechselnder Ausstellungen. Die Aspekte Umgang mit dem Anderen, Toleranz und Integration wurden u.a. auch durch die Wahl unserer Unterkunft, das Hotel &#8222;Magdas&#8220; im 2. Bezirk, einem Caritas-Projekt, in dem vorwiegend Gefl&#252;chtete als Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen angestellt sind, und dem Besuch von Peter Turrinis Theaterst&#252;ck &#8222;Fremdenzimmer&#8220; im Theater in der Josefstadt abgedeckt.</p></list-item>
<list-item><p><bold>Staatliche Institutionen und ihre Aufgaben:</bold> Die Besuche im Referat f&#252;r &#214;sterreich-Bibliotheken des &#214;sterreichische Bundesministeriums f&#252;r europ&#228;ische und internationale Angelegenheiten und im Italienischen Kulturinstitut, die sich jeweils mit Kulturarbeit und Kulturverbreitung im Ausland besch&#228;ftigen, sollten die studentischen Teilnehmerinnen Einblick in die vielf&#228;ltigen Aufgaben und T&#228;tigkeiten von staatlichen Institutionen bekommen, zumal wir ja an der Universit&#228;t Udine durch die &#214;sterreich-Bibliothek am Netzwerk einer solchen Auslandskulturvermittlung teilhaben.</p></list-item>
</list>
</sec>
<sec>
<title>3.2 Die didaktischen Inszenierungen vor Ort</title>
<p>Wie bereits unter Punkt 2.2 erw&#228;hnt, wurden mit den Vertreterinnen und Vertretern der einzelnen Institutionen im Vorhinein die wesentlichen Inhalte und m&#246;gliche methodische Umsetzungen besprochen, um den Teilnehmerinnen einen ad&#228;quaten vertieften Zugang zu den Inhalten zu erm&#246;glichen. Die Herangehensweisen reichten von einer klassischen F&#252;hrung (z.B. am ersten Tag durch den 2. Bezirk und durch das Literaturmuseum), &#252;ber museumsp&#228;dagogische Ans&#228;tze (z.B. im J&#252;dischen Museum), bis zur Selbsterkundung (wie z.B. des 1. Bezirkes in Form einer Schnitzeljagd mittels einer App). Der Nachmittag am J&#252;dischen Institut f&#252;r Erwachsenenbildung war durchgehend seminarartig gestaltet und beinhaltete einen Einf&#252;hrungskurs in das Jiddische und die jiddische Kultur und Literatur anhand verschiedener Materialien, darunter Cohens <italic>Hallelujah</italic> in der jiddischen Fassung von Daniel Kahn, das zu einem Fixpunkt in den beiden nachbereitenden Veranstaltungen (auf die weiter unten noch eingegangen wird) wurde, die Veranstaltung an der Universit&#228;t Wien als klassische Vorlesung mit anschlie&#223;ender Diskussion.</p>
<p>Die meisten Teilnehmerinnen f&#252;hlten sich an den Orten ganz besonders involviert, an denen sie die dortigen j&#252;dischen und nicht-j&#252;dischen Bezugspersonen und ihre Arbeit auch n&#228;her kennenlernen durften und sich sogar mit ihnen identifizieren konnten, wie im J&#252;dischen Institut f&#252;r Erwachsenenbildung, im Dokumentationsarchiv des &#214;sterreichischen Widerstands, aber auch im Wiener Wiesenthal-Institut f&#252;r Holocaust-Studien (VWI), wo junge Leute ihres Alters oder nur wenig &#228;lter als Peer einen besonderen Zugang zu ihnen fanden. Dies war auch im Italienischen Kulturinstitut der Fall, wo gerade eine ihrer Mitstudentinnen ein Praktikum absolvierte; diese nahm an einigen ausgew&#228;hlten Programmpunkten teil, und zeigte dann auch jenen, die es wollten, &#8218;ihr&#8216; Wien.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>4 Nachhaltigkeit und Res&#252;mee</title>
<p>Wie oben bereits angesprochen sind hinsichtlich der Nachhaltigkeit solcher Unternehmungen Nachbereitungen, die das Erlebte und Erfahrene reflektiv in den Blick nehmen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B19">Maier 1999/2007</xref>) und in Sprache als wirklichkeitskonstituierende Kraft (vgl. u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B12">Felder/Gardt 2018</xref>), aber auch in andere beispielsweise k&#252;nstlerische-kreative Formen fassen &#8211; f&#252;r einen selbst, aber auch f&#252;r andere &#8211;, von vorneherein konkret einzuplanen. Die Teilnehmerinnen wussten, dass sie ihre Erlebnisse und Erfahrungen einerseits in pers&#246;nlichen, reflektierten Reiseberichten in deutscher Sprache nacharbeiten werden sowie gemeinsam mit den Lektorinnen und Dozentinnen einen Vortragsabend im Rahmen des kulturellen Programms der <italic>Associazione Biblioteca Austriaca</italic> (ABA) an der Universit&#228;t Udine f&#252;r die eigenen Kommilitoninnen und Kommilitonen sowie f&#252;r ein breites, an &#246;sterreichischer Kultur, Literatur und Geschichte interessiertes Publikum in italienischer Sprache gestalten werden. Daf&#252;r sammelte jede w&#228;hrend der Reise Material unterschiedlichster Art, machte Notizen zu Bemerkenswertem, Erfahrenem, Erlebnissen, aber auch Gef&#252;hlen und offenen Fragen, fing Orte und Situationen auch mit dem Fotoapparat ein.</p>
<sec>
<title>4.1 Nachhaltigkeit 1: Reiseberichte verfassen</title>
<p>Berichte sind R&#252;ckschauen auf Vergangenes, diese k&#246;nnen sachlich, kritisch, erlebnisorientiert oder auch humoristisch oder eine Mischung dieser Ans&#228;tze sein. Exkursions- und Reiseberichte z&#228;hlen zu den nichtkonventionalisierten Textsorten, jede Institution hat dazu ihre eigenen Vorgaben (vgl. u.a. dazu <xref ref-type="bibr" rid="B17">Knorr 2021</xref>). Unsererseits waren die Vorgaben folgende: Der Besuch der Programmpunkte sollten in ihrer Substanz beschrieben und ihrem Wert f&#252;r das Ich reflektiert werden, dabei sollten die Aspekte durchaus kritisch in den Blick genommen werden. Zur Hilfestellung, wie man so ein Schreibprojekt angeht, konnten die Studierenden auf das <italic>Modul 02: Reise-/Exkursionsbericht</italic> auf der Plattform <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="http://www.wrilab2.eu/moodle">www.wrilab2.eu/moodle</ext-link>, einem Tool der Angewandten Sprachwissenschaft, zugreifen; f&#252;r Fragen und R&#252;ckversicherungen standen ihnen nat&#252;rlich auch die beiden Lektorinnen zur Verf&#252;gung.</p>
<p>Der folgende recht lange Auszug zu unserem 1. Programmpunkt zeigt exemplarisch, wie die Autorin die Vorgaben zur Berichtserstellung umgesetzt hat; der Text wird hier im Original wiedergegeben, wurde also auch sprachlich nicht korrigiert:</p>
<disp-quote>
<p>Am ersten Tag wurde uns &#252;ber j&#252;disches Leben vor (und auch nach) dem Krieg erz&#228;hlt, besonders anhand der Orte des 2. Bezirks, in dem viele Juden in Wien wohnten.</p>
<p>Nach einem reichlichen Fr&#252;hst&#252;ck begann unsere Erfahrung. Die Guide wartete auf uns in der Tempelgasse, vor der w&#228;hrend der Novemberpogrome zerst&#246;rten Synagoge, wo sie ihre Erkl&#228;rung &#252;ber den zweiten Bezirk von Wien begann. Jede Ecke der Leopoldstadt erinnerte an die j&#252;dischen Opfer, die hier lebten und die von hier aus deportiert wurden.</p>
<p>Die Anzahl der Juden, die hier eine Wohnung hatten, war so hoch, dass dieser Bezirk auch &#8222;Mazzesinsel&#8220; genannt wurde. Die Geschichte der j&#252;dischen Bev&#246;lkerung in der Stadt wurde mehrmals auch vor der Studienreise vertieft, wie z.B. in einem in Udine abgehaltenen Vortrag von Flavia Foradini und durch die Lekt&#252;re eines Abschnitts aus Brigitte Hamanns Buch, in dem die Aspekte der Hauptstadt &#214;sterreichs dargestellt werden, die f&#252;r Adolf Hitler als Voraussetzung seines Hasses gegen die Juden angesehen werden. Au&#223;erdem wurde im Vortrag ein Unterschied gemacht zwischen den wohlhabenden Juden, denen es seit der Mitte des 19. Jahrhunderts erlaubt war im Stadtzentrum zu wohnen, und jener j&#252;discher Bev&#246;lkerung, die aus Osteuropa kam und sich deswegen im Osten der Stadt ansiedelten. (&#8230;)</p>
<p>Man konnte die Anwesenheit der j&#252;dischen Kultur auch in den zentralen Orten des j&#252;dischen Lebens in Wien, die wir am ersten Tag besuchten, bemerken. Wir machten eine F&#252;hrung durch die Tempelgasse, Zirkusgasse, Taborstra&#946;e, den Karmeliterplatz, die Malzgasse mit dem Standort des j&#252;dischen Museums bis 1938, was uns erlaubte, die Stadt als ein Museum der j&#252;dischen Kultur unter freiem Himmel zu erleben.</p>
<p>Es l&#228;sst sich beobachten, dass in vielen dieser Gassen die j&#252;dische Kultur noch lebendig ist: z.B. roch man den Duft der j&#252;dischen Gerichte. In Bezug auf die j&#252;dische K&#252;che hatten wir die Chance verschiedene Speisen sowohl von j&#252;discher als auch &#246;sterreichischer K&#252;che im j&#252;dischen Restaurant &#8222;Alef Alef&#8220; zu essen. Es war das erste Mal, dass ich j&#252;disches Essen wie z.B. Hummus probiert hatte und ich fand es sehr lecker.</p>
<p>In der Nacht zwischen dem 10. und 11. November 1938, der sogenannten &#8222;Kristallnacht&#8220;, wurde dieser Bezirk von den Nazis gr&#246;&#223;tenteils zerst&#246;rt, die Synagogen wurden abgerissen und alles wurde abgebrannt. W&#228;hrend der Stadtf&#252;hrung zeigte die Guide uns die Gedenktafeln, die erst in j&#252;ngerer Zeit an die Mauer der Sammelwohnungen angeschlagen wurden. Die Geschichte der j&#252;dischen Bev&#246;lkerung Wiens wurde sp&#228;ter, am Montagnachmittag durch die Guide des J&#252;dischen Museums erg&#228;nzt. (&#8230;) F&#252;r mich pers&#246;nlich war dieser erste Tag sehr aufregend und hilfreich, um einen allgemeinen &#220;berblick zu haben und die n&#228;chsten Tage bewusster und besser zu erleben.</p>
</disp-quote>
<p>Die Teilnehmerin verbindet ihre Schilderung des Erlebten und Geh&#246;rten vor Ort mit Sachinformationen, die sie aus verschiedenen Quellen sch&#246;pft: so aus den vorbereitenden Lekt&#252;ren wie jene des Textes von Hamann (<xref ref-type="bibr" rid="B13">2015: 7&#8211;10</xref>) und dem Vortrag <italic>La Vienna della Jahrhundertwende: L&#8217;et&#224; d&#8217;oro della sicurezza?</italic> der italienischen Journalistin und Schriftstellerin Flavia Forandini am 9. April 2018 im Rahmen der Vortragsreihe der ABA an der Universit&#228;t, um dann diese vermittelten Informationen vor Ort aufzusp&#252;ren. Hier zeigt sich, dass ad&#228;quate inhaltliche Vorbereitungen die Aufnahmef&#228;higkeit und Sensibilit&#228;t und die Einbeziehung aller Wahrnehmungskan&#228;le in der didaktischen Umsetzung von essentieller Bedeutung sind. So verbindet die Teilnehmerin die sachlichen Beschreibungen mit der Schilderung des mit allen Sinnen Erlebten. Mit &#8222;nach einem reichlichen Fr&#252;hst&#252;ck&#8220; wird auch scheinbar Banales vermerkt. Tats&#228;chlich handelt es sich hier um den ersten Teil einer interkulturellen Erfahrung in Bezug auf die unterschiedlich gestalteten Mahlzeiten, die sie sp&#228;ter mit dem Genusserlebnis im j&#252;dischen Restaurant wieder aufnimmt. Die Schilderungen des Gesehenen werden durch qualitativ positive Attribute verst&#228;rkt, wobei diese verschiedenen Ursprungs sind: In den ersten beiden Abs&#228;tzen sind es mehr oder weniger wiedergegebene Zitate, im 3. Absatz hingegen stammen sie von ihr selbst, sind also pers&#246;nliche Bewertungen.</p>
<p>Die meisten Berichte folgen diesem Verfahren: Ausgehend von den sachlichen Detailinformationen zum jeweiligen Ort werden Spezifika hervorgehoben, so u.a. die Passung zum Projektthema, die Art der Erarbeitung und Herangehensweise und das pers&#246;nliche Erleben, das in teilweise eindr&#252;cklichen bildlichen Vergleichen versprachlicht wurde. Man sp&#252;rt das Bem&#252;hen, den besuchten Orten und den damit verbundenen Themen sowie den dort getroffenen Personen mit gro&#223;er Genauigkeit in Inhalt und sprachlichem Ausdruck gerecht zu werden. In den Berichten werden eigenkulturelle und vermeintliche fremdkulturelle Ph&#228;nomene explizit miteinander in Beziehung gesetzt, nicht nur zu den Essgewohnheiten, sondern u.a. auch beispielsweise zu den Friedhofskulturen. In allen Berichten findet man am Schluss ein pers&#246;nliches Fazit dessen, was am meisten beeindruckt hat, was mitgenommen wird, &#252;ber welche Erkenntnisse man nun verf&#252;gt. Keinem Bericht ist anzumerken, dass es sich hierbei um eine reine Pflicht&#252;bung gehandelt haben k&#246;nnte.</p>
</sec>
<sec>
<title>4.2 Nachhaltigkeit 2: Das Erlebte und Erfahrene mit Nichtbeteiligten teilen</title>
<p>Wie in der Einleitung auch bereits erw&#228;hnt, war von Beginn an vorgesehen, die Reiseerfahrungen im darauffolgenden Semester mit einem kulturell und historisch interessierten italienischen Publikum im Rahmen einer Abendveranstaltung zu teilen. Daf&#252;r mussten die Materialien, das Wissen und die Erfahrungen in mehreren Arbeitstreffen nochmals gemeinsam reflektiert, selektiert und multimedial in italienischer Sprache aufbereitet werden. Dieser Abend fand am 14. November 2018 als erster von insgesamt dreien unseres Wien-Zyklus<xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref> mit &#228;u&#223;erst positiver Resonanz an der Universit&#228;t Udine statt. Auf Einladung des Goethe Zentrums Triest bekam die Gruppe zudem die M&#246;glichkeit, am 13. Februar 2019 im legend&#228;ren j&#252;dischen Caff&#233; <italic>San Marco</italic> in Triest eine weitere, diesmal zweisprachige Abendveranstaltung italienisch-deutsch durchzuf&#252;hren<xref ref-type="fn" rid="n5">5</xref>, aus terminlichen Gr&#252;nden ohne Beteiligung der beiden Dozentinnen; diese ver&#228;nderten Rahmenbedingungen erforderten eine Adaption des Programms und der Pr&#228;sentationsmodalit&#228;ten und damit eine neuerliche Reflexion der Inhalte sowie neuerliche intensive Spracharbeit. Die beiden Veranstaltungen bedeuteten f&#252;r die meisten der Studentinnen die erstmalige Erfahrung, in der und f&#252;r eine &#214;ffentlichkeit gesellschaftspolitisch wichtige Inhalte aufzubereiten und zu pr&#228;sentieren und konkret zu erfahren, dass sie etwas zu sagen haben.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>5 Res&#252;mee</title>
<p>F&#252;r uns Lehrende dokumentieren die Reiseberichte, die gelungenen Veranstaltungen (und nat&#252;rlich auch die ausnahmslos &#228;u&#223;erst positiven Ergebnisse der Lehrveranstaltungspr&#252;fungen in Germanistischer Linguistik und &#214;sterreichischer Literatur), dass die Ziele des Projekts vollumf&#228;nglich erreicht wurden, dabei spielte auch die zeitliche Ausdehnung des Projekts und die Wiederaufnahme von Aspekten in verschiedenen Kontexten eine mitentscheidende Rolle: n&#228;mlich eine Erweiterung und Integration verschiedener Wissensbereiche, Ver&#228;nderung der Haltungen, und vor allem der Wille und die F&#228;higkeit hinzuschauen, Unangenehmes nicht auszuklammern und Ph&#228;nomene nicht nur als museale Konstrukte historisch zu betrachten &#8211; und nicht zuletzt die Erkenntnis, dass es uns alle angeht, was durch folgendes Fazit aus einem der Berichte wunderbar zusammenfasst wird:</p>
<disp-quote>
<p>Die Reise bot uns die M&#246;glichkeit, eine sowohl informative als auch bereichernde Woche zu verbringen, sowie unsere Sensibilisierung f&#252;r das Thema zu erh&#246;hen: Weil, wie auf dem Plakat im Raum in der Salztorgasse steht &#8222;Die sich des Vergangenen nicht erinnern sind dazu verurteilt, es noch einmal zu erleben&#8220;.</p>
</disp-quote>
<p>Zum Abschluss ein herzliches Dankesch&#246;n an alle Menschen und Institutionen, die dazu beigetragen haben, dass wir diese Erfahrungen machen durften.</p>
</sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Zur Diskussion um die Rolle des Films in der Geschichtsdarstellung, als Geschichtsdokument und Vergangenheits- und Erinnerungsaufarbeitung vgl. den &#220;berblick in Schroth (<xref ref-type="bibr" rid="B23">2016: 11&#8211;101</xref>).</p></fn>
<fn id="n2"><p>Die folgenden Ausf&#252;hrungen basieren auf dieser von der Lehrveranstaltungsleiterin Elena Polledri dankenswerterweise zur Verf&#252;gung gestellten umfassenden Darstellung, die von der Autorin dieses Beitrags auf ca. ein Viertel gek&#252;rzt und f&#252;r diesen Beitrag adaptiert wurde, Wortlaut und Stil wurden weitestgehend beibehalten.</p></fn>
<fn id="n3"><p>Vgl. dazu <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://www.uniud.it/it/didattica/info-didattiche/avvisi-didattica/Archivio2/giovedi-3-maggio-2018-ore-18-30-poesia-austriaca-dopo-il-1945-con-una-lettura-guidata-di-poesie-in-italiano-e-tedesco">https://www.uniud.it/it/didattica/info-didattiche/avvisi-didattica/Archivio2/giovedi-3-maggio-2018-ore-18-30-poesia-austriaca-dopo-il-1945-con-una-lettura-guidata-di-poesie-in-italiano-e-tedesco</ext-link> (1. Februar 2022).</p></fn>
<fn id="n4"><p>Vgl. dazu <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://www.uniud.it/it/didattica/info-didattiche/avvisi-didattica/ciclo-di-conferenze-letteratura-austriaca-14-28-11-e-05-12-2048">https://www.uniud.it/it/didattica/info-didattiche/avvisi-didattica/ciclo-di-conferenze-letteratura-austriaca-14-28-11-e-05-12-2048</ext-link> (1. Februar 2022).</p></fn>
<fn id="n5"><p>Vgl. dazu <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://qui.uniud.it/notizieEventi/citta/la-vienna-ebraica-del-xx-secolo-un-racconto-di-viaggio-a-cura-del-goethe-zentrum-triest">https://qui.uniud.it/notizieEventi/citta/la-vienna-ebraica-del-xx-secolo-un-racconto-di-viaggio-a-cura-del-goethe-zentrum-triest</ext-link> (1. Februar 2022).</p></fn>
</fn-group>
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<title>Literatur</title>
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<title>Links</title>
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<title>Kurzbio</title>
<p><bold>Sonja Kuri</bold> ist assoziierte Professorin f&#252;r Germanistische Linguistik an der Universit&#228;t Udine/Italien. Ihre Forschungsinteressen gelten Text- und Diskurslinguistik, der Anwendung text-, gespr&#228;chs- und diskurslinguistischer Fragestellungen auf die Analyse pragmatischer und literarischer Texte, Filme und multimodaler Kommunikate sowie dem Sprachenlehren und -lernen in mehrsprachigen und multimedialen Kontexten. Sie ist Co-Autorin des EU-Projekts WRILAB2 und des PRID-Projekts TransLab sowie Mitglied der Projektgruppe PRAGER &#8222;Pragmatica del discorso sociale sulle energie rinnovabili&#8220;.</p>
<disp-quote>
<p><bold>Anschrift:</bold>&#160;</p>
<p>Universit&#224; deli Studi di Udine</p>
<p>Dipartimento di Lingue e letterature, comunicazione, formazione e societ&#224;</p>
<p>Via Petracco, 8</p>
<p>33100 Udine</p>
<p><ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="mailto:sonja.kuri@uniud.it">sonja.kuri@uniud.it</ext-link></p>
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